Yu-Gi-Oh! The Last Asylum

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      Wie immer an dieser Stelle danke an alle Leser. :)

      @Evil Bakura
      Naja zu Gute halten muss man GX wenigstens, dass es da noch kein Limit fürs damalige Fusionsdeck gab. xD
      Und sehe ich genauso, selbst wenn die Keycards nicht so gut allgemein sind, sollte man trotzdem versuchen, sie entsprechend in Szene zu setzen. 'Damals' war sie ja sogar noch okay, da es wenig Rang 4-Xyz gab, aber heutzutage wird sie halt von zu vielem überschattet.

      Ansonsten danke. Bei Anya kann man noch froh sein, dass es 'nur' ein Korb war. Hätte er stattdessen mit ihr Schluss gemacht, ich glaub Livington wäre nur noch ein Krater. xD
      Aber wenn es um die liebe Liebe geht, ist eben selbst eine Anya verletzlich, auch wenn sie es nie zugeben würde.
      Was Nick betrifft, wie heißt es so schön? Was du nicht im Kopf hast, hast du in den Beinen. xD


      Turn 09 – Abby



      Anya langweilte sich. Sie war sogar schon dazu geneigt, eines der Bücherregale umzuwerfen, nur um zu sehen, was dann geschah. Aber sie riss sich zusammen, was die Blondine mehr Mühe kostete, als sich eine Art auszudenken, wie sie Valerie Redfield um die Ecke bringen konnte, welche sie nicht schon tausendmal in ihrem Kopf abgespielt hatte.
      Nun saß sie hier in dieser antiken Grabkammer – den meisten eher als Bibliothek bekannt – und klopfte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch.
      Am Wochenende hatten sie, Abby und Nick sich hier verabredet, um zu versuchen, doch noch mehr über Levrier und Eden herauszufinden, nachdem sie festgestellt hatten, dass zwei Monate eine verdammt kurze Zeitspanne waren. Und die Uhr tickte gnadenlos Richtung 11. November, war doch bereits die erste Hälfte des derzeit anhaltenden, milden Septembers wie im Flug vergangen.

      Aber wer war nicht aufgetaucht? Richtig: Abigail Masters! Anya würde ihr dafür die Hölle heiß machen, wenn sie erstmal hier auftauchen würde!
      Und wen hatte sie achtkantig rausschmeißen müssen? Nick!
      Im Moment war sie noch nicht in der Stimmung, dieselbe Luft zu atmen wie er, was gerade im Unterricht lästig sein konnte. Das Mädchen wusste, dass sie ihm früher oder später verzeihen würde. Eher später, denn Anya war sehr, sehr nachtragend. Doch bis es soweit war, wollte sie ihn so weit wie möglich auf Abstand halten – auch um seiner Gesundheit willen. Und da konnte er sich noch so oft bei ihr entschuldigen!

      Die Sache mit dem ruinierten Campusgelände hatte man ihr nicht ankreiden können, dachte Anya zufrieden. Levrier hatte ihr erklärt, dass diese Kräfte tatsächlich Teil ihres gemeinsamen Paktes waren. Doch Anya konnte sie nicht beherrschen und Levrier weigerte sich strikt, sie in die Geheimnisse zum Kontrollieren dieser Kräfte einzuweihen. Was für ein Langweiler! Aber sie würde es schon selbst herausfinden, irgendwann. Und dann war Partytime angesagt.

      Was Marc und seine Worte anging, machte Anya sich darum keine Gedanken mehr. Die Hälfte hatte sie ohnehin längst vergessen und den Rest dank ihres natürlichen Selbsterhaltungstriebes so abgeändert, dass sein Korb nunmehr wie eine verschlüsselte Interessensbekundung klang. Einzig ihr Versprechen ihm gegenüber, dieser dummen Schnepfe Valerie – ihr Name sei auf ewig verflucht – kein Haar zu krümmen, war davon nicht betroffen. Das war unfair! Wie sollte sie sich jetzt an all den bunten Bildern in ihrem Kopf erfreuen, wenn sie wusste, dass sie die nie in die Tat umsetzen konnte?
      Aber ein Versprechen, das Anya Bauer gab, wurde nicht gebrochen. Schon gar nicht, wenn Marc involviert war!

      „Man, Masters, wo bleibst du denn?“, murmelte sie genervt.
      Verstohlen schielte sie das Regal direkt vor ihrem Tisch an. Sollte sie es wagen? Ob die alte Schrulle Mrs. Wilson die Polizei rufen würde? Anya war schon lange nicht mehr auf dem örtlichen Polizeirevier gewesen. Das letzte Mal, als sie Jonathan – oder was noch von ihm übrig war – gefunden hat. Wenn Anya nur daran dachte, fühlte sie sich unwohl. Jetzt wusste sie, wie eine echte Leiche aussah. Fast konnte man da Mitleid mit den Menschen aus ihren Fantasien haben – aber nur fast!

      Vielleicht solltest du sie suchen gehen? Täusche ich mich, oder war sie heute auch nicht in der Schule? Womöglich ist sie krank.

      Anya brummte leise. Und warum hatte sich Abby dann nicht bei ihr gemeldet? Normalerweise war in solchen Fällen immer Verlass auf sie. Aber jetzt, wo Levrier es sagte, erkannte Anya, dass sie ihre Freundin seit vorgestern Nachmittag nicht mehr gesehen hatte.
      „Hast gewonnen“, meinte sie in nörgelndem Tonfall und erhob sich.
      Anya entschloss sich, zuerst Abbys Zuhause aufzusuchen, da man sie dort am ehesten in ihrer Freizeit antraf. Und weil Anya keine Alternative wusste.

      ~-~-~


      Mit skeptischem Blick musterte die Blondine das Haus vor ihr. Obwohl sie es schon so oft gesehen hatte, passte es immer noch nicht wirklich zusammen.
      Ursprünglich war es relativ klein gewesen, ohne Obergeschoss. Das war vor vielen Jahren dazugekommen, nachdem Abbys Stiefmutter zum siebenten Mal schwanger geworden war. Seine moderne Bauart passte nicht zu dem kleinen Holzhäuschen und Anya überlegte schon, Wetten abzuschließen, wann das ganze Gebilde wohl zusammenbrechen würde. An der rechten Seite war ebenfalls angebaut worden und auch hier passte nichts zum ursprünglichen Haus, denn dieser Teil sah aus wie ein Gewächshaus mit Vorhängen – ihre Version eines Wintergartens.

      Anya betrat das Grundstück, dessen Rasen ihr schon zu den Knien reichte und schritt über einen kleinen Steinweg zur Haustür. Ungeduldig drückte sie den Klingelknopf mindestens eine halbe Minute und wartete ab. Nichts. War niemand zuhause?
      Nun, die meisten Kinder der Familie Masters waren schon alt genug, um etwas in der Stadt zu unternehmen, während ihre Eltern arbeiten gingen. Einzig Michael, der jüngste Spross der Familie, brauchte noch einen Babysitter. Meistens waren das Abby oder ihre Nachbarin, Mrs. Rapatolli.

      Verärgert runzelte Anya die Stirn. Wenigstens Michael müsste doch zuhause sein. Sie klopfte gegen die Tür – und blinzelte verdutzt, als diese nachgab und einen Spalt zur Seite schwang.
      „Oh shit!“, donnerte Anya, als sie bemerkte, dass das Schloss aufgebrochen war. „Einbrecher!“
      Ohne nur einen Moment nachzudenken, schlich Anya sich auf Zehenspitzen in den Flur des Hauses.
      Mit zusammengekniffenen Augen suchte das Mädchen aufmerksam nach dem Übeltäter, der seines Lebens nicht mehr froh werden sollte.
      Als sie im großen Gemeinschaftssaal – so nannten Abbys Eltern das Wohnzimmer – ankam, gab sie einen überraschten Laut von sich. Die Sitzkissen lagen willkürlich verstreut im Zimmer, einer der orangefarbenen Vorhänge war abgerissen und lag auf dem Boden, während der andere das Fenster bedeckte und so einen Teil des Zimmers in warmes, oranges Licht tauchte. Selbst der kreisrunde, kniehohe Gemeinschaftstisch war umgeworfen worden. Man musste dazu wissen, dass es hier keine Stühle gab, nur Kissen.
      „Alter Falter“, murmelte Anya fassungslos und wünschte sich, dass „Barbie“ jetzt hier wäre.
      Was war denn mit diesem durchgeknallten Exemplar von Einbrecher los?

      Anya eilte zurück zum Flur und trampelte die Treppen hoch, damit der Kerl wusste, was ihm blühen würde. In Abbys Zimmer angekommen, das von Tierpostern und Bildern von Che Guevara zugedeckt war, musste Anya feststellen, dass alles in bester Ordnung war. Das Bett gemacht, der Schreibtisch eingeräumt, jedes ihrer Bücher in den Regalen reihte sich perfekt in alphabetischer Reihenfolge an das nächste. Davon bekam man ja Ausschlag, dachte sich das Mädchen dabei, welches von solcher Ordnung nichts hielt.

      Nachdem sie auch die anderen Zimmer abgesucht und vollkommen unberührt vorgefunden hatte, kehrte sie schließlich frustriert wieder zum Gemeinschaftssaal zurück. War diese miese Made ihr entkommen? Und wo waren Abby und Michael?
      Nun blieb ihr nur noch der Wintergarten – das Unterhaltungszimmer, oder auch Sonnenschrein, der Familie Masters. Anya folgte dem kurzen Gang vom Wohnzimmer aus dorthin und runzelte die Stirn. Rechts von ihr waren die Vorhänge zugezogen, damit man von der Straße aus nicht in das Zimmer hineinschauen konnte. Auf der anderen Seite kam Sonnenlicht durch die endlos vielen Fenster, aus denen sogar das Dach bestand. Daher der Name dieses Raums.
      Anya trat eine Barbiepuppe beiseite, denn Michael spielte gerne mit Barbies. Schon lange plante das Mädchen, ihm mal ihre „Barbie“ vorzustellen. Das war wenigstens Spielzeug nach ihrem Geschmack.
      Ansonsten lagen noch Modellautos, ein Zeichenblock und Stifte herum. In der Ecke stand ein Fernseher samt Konsolen und anderem Technikschnickschnack, denn im Gemeinschaftssaal wurde so etwas nicht geduldet. Anya fragte sich bis heute, wie man einrichtungstechnisch nur so versagen konnte.
      Aber auch hier fand sie niemanden. Merkwürdig.

      Anya Bauer! Ich spüre die Reste eines Zaubers in diesem Raum.

      „Und ich spüre meinen Magen knurren! Was soll das heißen?“

      Nicht weit von dir. Auf dem Boden.

      Anya runzelte die Stirn und suchte. Neben dem Zeichenblock entdeckte sie eine weiße Karte, deren Bildmitte ausgebrannt war. Sie hob das Stück Pappe auf und drehte es zwischen ihren Fingern. Die Rückseite war auch weiß.
      „Das kenne ich doch irgendwoher“, brummte sie.

      Der Dämonenjäger. Das ist ein Teleportationszauber derselben Machart, wie Alastair ihn genutzt hat, um zu entkommen.

      „Der!?“
      Wütend zerknüllte Anya die Karte. Also war er der Einbrecher! Dem würde sie sämtliche Knochen brechen!
      „Hast du 'ne Idee, wo der jetzt ist?“, zischte sie.

      Nein. Aber es sieht so aus, als wäre er für das Verschwinden von Abby verantwortlich. Den Resten der Magie nach zu schließen, ist er schon gestern hier gewesen.

      Anya ballte ihre Fäuste und wünschte sich, die narbige Hackfresse dieses Mistkerls ordentlich bearbeiten zu können.
      Aber erst musste sie Abby und Michael finden! Die würden vielleicht wissen, wo Alastair sich aufhielt.
      „Okay, wir gehen!“

      Man könnte sagen, ich bin direkt hinter dir.

      „Fass mich an und du bist tot!“

      Ich würde nie auf den Gedanken kommen.

      ~-~-~


      Anya hätte vor Wut schreien können. Sie hatte jetzt fast die halbe Stadt abgesucht. Ob Kinos, die Gegend um das Campusgelände, die Lagerhäuser am Stadtrand, aber egal wo sie gesucht und dabei gegen mindestens drei Gesetze verstoßen hatte, Abby und das Narbengesicht waren nicht zu finden.
      Der Himmel stand schon in warmem Orange, als Anya sich frustriert auf einer Bank inmitten des schönen Parks fallen ließ.
      „Ich habe jetzt fast alles abgesucht“, sprach sie schlecht gelaunt und stemmte ihre Faust gegen die Wange. „Wo sind die bloß?“

      Wenn Alastair deiner Freundin wirklich ein Leid zufügen möchte, glaube ich nicht, dass wir ihn finden werden. Womöglich hat er seine Arbeit längst getan.

      „Denk nicht mal dran“, donnerte Anya und sprang auf. „Abby geht es gut, verstanden!?“

      Ich wünschte, ich könnte dir Gewissheit schenken. Aber- Anya Bauer!

      Die Blondine runzelte die Stirn. „Was ist denn?“

      Ich spüre etwas, nicht weit von hier. Ein Zauber, welcher dem gleicht, den Alastair genutzt hat, um uns in seinem Bannkreis einzuschließen. Es ist schwach, aber vorhanden, da bin ich mir sicher!

      „Wo genau!? Dem werd' ich ein Gratisticket in die Hölle schenken!“

      Der Schrottplatz. Aber ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, um in den Bannkreis einzudringen!

      Anya erstarrte. Der Schrottplatz … dort hatte sie vor lauter Aufregung nicht nach Abby gesucht! Wie hatte sie den vergessen können!?
      „Das werden wir gleich herausfinden!“, meinte sie wütend zu Levrier. „Von hier sind es nur zehn Minuten! Ich schwöre dir, wenn der Abby ein Haar gekrümmt hat, wird er-“

      Hör auf zu reden und beeile dich lieber!

      Schnaufend nickte Anya und begann durch den grünen Park zu rennen, als wäre der Leibhaftige hinter ihr her.
      Wenn Abby etwas geschah, dann würde sie sich das nie verzeihen können! Seit sie sich kannten, beschützte Anya ihre Freundin und wenn sie jetzt ihr Versprechen von damals brach, wäre sie nicht besser als-
      Sie musste sich beeilen!

      ~-~-~


      Derweil, wenige Minuten zuvor auf dem Schrottplatz, lief Abby aufgeregt zwischen den Bergen aus Müll umher und suchte -ihn-.

      Wie hatte das nur geschehen können? Und warum ausgerechnet ihre Familie? Warum verlangte der Dämonenjäger etwas so Schreckliches von ihr? Sie konnte das nicht! Auch wenn sie einen Tag Bedenkzeit bekommen hatte, war das etwas, was er unmöglich von ihr erwarten konnte!

      Obwohl es eben noch gedämmert hatte, war, als sie den Schrottplatz betreten hatte, binnen eines Herzschlags tiefste Nacht über sie hinein gebrochen. Abby wusste von Anyas Schilderungen über Alastair, dass sie vermutlich in eine Art abgeschnittene Dimension eingetreten war. So hatte Levrier es Anya erklärt gehabt.
      Der Bannkreiserzeuger bestimmte, wie weit das Gebiet der Barriere sich erstreckt und wer es betreten darf. Je größer das Areal, desto mehr Kraft verbrauchte so ein Bannkreis. Wieder verlassen konnte ihn aber nur sein Erzeuger und wenn er dies tat oder ums Leben kam, brach der Zauber in sich zusammen und verschwand. Fremde konnten nur dann einen Ausweg finden, wenn der Erschaffer es ihnen gestattete oder aber der Bannkreis zusammenbrach.
      Sie saß also in der Falle! Aber damit hatte sie ohnehin gerechnet gehabt.

      Abby fühlte sich unwohl zwischen all den Hügeln aus kaputten Elektrogeräten, Metallplatten und anderen weggeworfenen Dingen. Ab und zu kam sie an ein paar Autowracks vorbei, die teilweise von Unfallstellen hierher gebracht worden waren. Abby konnte nicht verstehen, was Anya so toll an diesem Ort fand. Gerade im Dunklen mutete er ziemlich unheimlich an.

      „Du bist gekommen“, hörte sie plötzlich eine vertraute Stimme und wirbelte um. „Gut!“
      Auf einem niedrigen Hügel stand eine hochgewachsene Gestalt, die sich durch das wenige falsche Mondlicht wie ein Schatten abzeichnete. Einen schwarzen Umhang trug sie, welcher nicht recht zu der Maske passen wollte, die der Fremde trug. Sie war aus weißem Porzellan und zeigte eine grinsende Fratze. Aus den Augenhöhlen starrten sie zwei graue Pupillen an, die jedoch nur schwer zu erkennen waren.

      Abby faltete ängstlich die Hände zusammen und hielt sie vor ihrem Schoß. „Wo ist Michael?“
      „Auch hier. Es geht dem Knirps gut, genau wie ich es versprochen hatte. Und? Hast du über mein Angebot nachgedacht?“
      Ruckartig sah das Mädchen zur Seite und schnaufte leise.
      „Ich weiß, wie schwer das ist, was ich von dir verlange. Aber es muss sein!“
      „Ich kann das aber nicht“, begehrte Abby plötzlich verzweifelt auf und trat einen Schritt näher. „Ich kann sie nicht verraten!“
      „Obwohl du weißt, was dann geschieht?“
      „Geschehen könnte!“, widersprach das Mädchen. „Du hast gesagt, du wüsstest es nicht genau! Was, wenn du dich irrst?“
      Der junge, maskierte Mann stöhnte mitfühlend. „Ich wünschte, ich würde mich irren. Aber wenn auch nur die winzigste Chance besteht, dass das eintreten könnte, was ich dir vor Augen gehalten habe … dann muss es sein!“
      „Aber Anya ist meine Freundin!“
      „Glaub mir, ich weiß, wie du dich fühlst. Ich hatte selbst eine Freundin, die ich nie im Stich lassen wollte. Aber es musste sein, andernfalls … vergiss es.“
      Abby breitete verzweifelt die Arme aus. „Aber von dir hat bestimmt niemand verlangt, dass du dabei hilfst, sie umzubringen!“
      „Verdammt, verstehst du es immer noch nicht!?“, donnerte der Dämonenjäger aufgebracht. „Wenn deine Freundin zu Eden wird, dann- Du weißt was dann ist! Retten kannst du sie so oder so nicht! Und ich werde dich und deinen Bruder erst gehen lassen, wenn du dich uns angeschlossen hast!“
      „Aber es gibt keine Gewissheit!“
      „Nichts im Leben ist gewiss! Warum sonst ist es so schwer, Entscheidungen zu treffen!?“

      Abby schüttelte den Kopf. Nein, sagte sie sich, das war zu viel von ihr verlangt. Sie wollte nicht glauben, dass der einzige Weg, Anya zu retten, der war, sie umzubringen. Es musste eine Möglichkeit geben, sie aus dem Vertrag mit Levrier zu lösen. Denn wenn die Zeit abgelaufen war und sie nicht zu Eden wurden, dann- Abby wollte sich das nicht vorstellen. Es war zu schrecklich.

      „Wenn du selbst keine Entscheidung treffen kannst“, sagte der Mann plötzlich resignierend. „Lass das Schicksal unsere Zukunft bestimmen. Es bringt nichts, dich zwingen zu wollen, denn wie ich dir schon erklärt habe, wärst du unter Zwang nutzlos. Du musst es wollen.“
      Abby schreckte auf. „Was willst du damit sagen?“
      „Kämpfe gegen mich! Und kämpfe um deinen Bruder! Solltest du nämlich an mir scheitern, wird er derjenige sein, der darunter leidet! Es liegt in deiner Hand.“
      „Was!?“ Abbys Herz trommelte wild in ihrer Brust. Das konnte er doch unmöglich ernst meinen! Michael war ein kleiner Junge, er konnte doch nicht-
      „Gewinnst du aber, lasse ich Michael gehen. Ich verspreche, mein Wort nicht zu brechen.“
      Das brünette Mädchen fühlte sich unsagbar hilflos. Wieso ihr kleiner Bruder? Was hatte er überhaupt mit den Plänen der Dämonenjäger zu tun? Das war nicht fair! „Warum tust du das? Was bezweckst du damit?“
      „Das wirst du womöglich verstehen, wenn wir uns duellieren. Was es bedeutet, Verantwortung zu tragen.“
      „Ich bin fast mein halbes Leben für Michael verantwortlich gewesen!“
      „Aber musstest du ihn jemals vor etwas beschützen, was du selbst nicht zu begreifen vermochtest? Musstest du, um ihn zu beschützen, jemals Opfer bringen?“ Der Fremde wurde schlagartig wieder laut. „Wie kannst du glauben, das alles gut wird, wenn du uns und der Welt den Rücken zukehrst!? Könntest du dann nachts noch schlafen? Ich werde dir beweisen, dass man manchmal nicht die Wahl hat, alle zu beschützen! Und deswegen wird, wenn du gewinnst, dein Freund Nick sterben!“
      „Was?“, hauchte Abby. Wie konnte … wie konnte Nick hier sein?

      Plötzlich schwebten hinter dem Schrotthügel, auf dem der Fremde stand, zwei Lichtkreuze hervor. An einem von ihnen hing ein kleiner, schwarzhaariger Junge in kurzer Hose. Sein Kinn lag auf der Brust, er war bewusstlos. Neben ihm hing der lang gewachsene Nick und schien ebenfalls zu schlafen.
      Abby schlug erschrocken die Hände vor den Mund.

      „Wenn du dich weigerst, dich mit mir zu duellieren, werden beide sterben!“, erklärte der Dämonenjäger eiskalt. „Das wäre genauso, als würdest du uns deine Hilfe verweigern und so unbeschwert weiterleben, wie du es gekannt hast. Kämpfst du aber, wirst du einen von diesen beiden unwiderruflich verlieren müssen. Es liegt an dir zu entscheiden, wer das sein soll. Dein Stiefbruder oder dein bester Freund. Du triffst die Entscheidung!“
      „Ich kann das nicht!“, weigerte sich Abby unter Tränen. Das war einfach zu grausam, sie konnte doch nicht zwischen den beiden wählen!
      „Du wirst sehen, dass es etwas anderes ist, nicht für das eigene, sondern das Leben anderer zu kämpfen. Es ist schwerer, denn man weiß nie, ob die eigenen Entscheidungen nicht am Ende bewirken, was man ursprünglich verhindern wollte!“
      In ihrer Hilflosigkeit fiel Abby auf die Knie. „Aber-!“
      „Auch wenn ich dir jetzt grausam erscheine, verdammt, es muss sein! Je früher du mit Verlusten umzugehen lernst, desto leichter wird es dir fallen, wenn du Anya gegenüberstehst und dich entscheiden musst!“

      Der Dämonenjäger streckte seinen Arm unter seinem Mantel hervor und offenbarte eine Duel Disk. Abby betrachtete hin und her gerissen die ihre, denn etwas in ihr hatte bereits geahnt, dass ihr ein Duell bevorstehen würde. Doch unter diesen Bedingungen …
      Schluchzend wusste sie nicht, was sie tun sollte. Sie musste kämpfen, denn ansonsten würde dieser Mann beide töten! Aber wie nur konnte sie zwischen Nick und Michael wählen!?
      „Steh auf und kämpfe, verdammt!“, schrie ihr Gegenüber sie an.
      „Gibt es denn keinen Weg für mich, beide zu retten!?“, begehrte Abby auf.
      Der Fremde nickte. „Sicherlich. Hilf uns, dann sind beide frei.“
      „Aber das hieße, dass Anya-“
      „Exakt.“
      Es würde im Endeffekt wieder darauf hinauslaufen, dass sie einen ihrer Freunde verlieren würde, erkannte Abby. Und Anya unter Verrat … nein, diese Schuld wäre viel zu groß!

      Langsam erhob sich das Mädchen schluchzend und aktivierte ihre Duel Disk. Was für eine Wahl hatte sie schon? Sie konnte die beiden Jungs doch nicht im Stich lassen! Wenn sie gar nichts tat, würden beide sterben!
      „Glaub mir, ich hasse mich mehr dafür, als du es vermutlich tust“, sagte der Dämonenjäger mit traurigem Unterton. „Aber es muss sein! Duell!“
      Abby schwieg dazu nur.

      [Abby: 4000LP / ????: 4000LP]


      „Ich beginne!“, entschied der Fremde kurzerhand und starrte von seiner erhöhten Position auf Abby herab. Wenn er doch wenigstens die Maske abnehmen würde, dachte die sich. Sie wollte dem Menschen, der ihr etwas so Schreckliches anzutun gedachte, ins Gesicht sehen können!
      Nachdem beide ihr Startblatt gezogen hatten und der Dämonenjäger seine sechste Karte in der Hand hielt, legte er eine Monsterkarte auf seine Duel Disk. „Ich setzte dieses hier verdeckt. Zug beendet!“
      Vor ihm erschien in horizontaler Lage eine Karte, die mit dem Bild nach unten zeigte.

      Abby schluckte. Man kämpfte, um zu gewinnen, doch in ihrem Fall … würde sie etwas verlieren, wenn sie ihn besiegen konnte. Das war nicht fair!
      „Draw“, murmelte sie gebrochen vor sich hin. Was für einen Sinn ergab ein Kampf, von dem man nicht wusste, ob man ihn gewinnen wollte oder nicht? Aber … sie würde sich entscheiden müssen. Das wusste sie. Und das machte alles so unendlich schwer. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es vor Angst jeden Moment stehen bleiben. War es das, was dieser Kerl bezwecken wollte? Ihr wahre Furcht zu lehren?
      „Ich beschwöre [Naturia Cliff]“, sagte sie teilnahmslos und legte ihr Monster auf die Duel Disk.
      Vor ihr schoss aus dem Boden eine menschenhohe Felsplatte mit zwei großen Kulleraugen. Das rote Moos auf seinem Haupt wirkte wie Haar und gab ihm so noch menschlichere Züge.

      Naturia Cliff [ATK/1500 DEF/1000 (4)]

      „Ich aktiviere danach den Spielfeldzauber [Gaia Power]. Sie schenkt allen Erde-Monstern 500 Angriffspunkte, reduziert aber ihre Verteidigung um 400.“
      Ein riesiger Baum wuchs hinter Abby aus dem Boden und überragte sämtliche Schrottberge in seiner majestätischen Größe.

      Naturia Cliff [ATK/1500 → 2000 DEF/1000 → 600 (4)]

      „Greif sein verdecktes Monster an“, sagte Abby träge. Es war, als stünde sie neben sich und beobachtete alles aus der Ferne. Und doch wusste sie, dass alles von ihren Entscheidungen abhing. Keine Foltermethode könnte schlimmer sein.
      Derweil ließ ihr Monster sich einfach auf die Kreatur ihres Gegners fallen. Ein schriller, kehliger Schrei ertönte.
      „Das war's dann wohl mit [Steelswarm Scout]“, meinte ihr Gegenüber.

      Steelswarm Scout [ATK/200 DEF/0 (1)]

      „Ich beende meinen Zug“, sprach Abby tonlos.
      „Warum kämpfst du nicht mit vollem Einsatz!?“, herrschte der Dämonenjäger sie an. „Es geht um zwei Menschen, die dir sehr wichtig sind und du lässt es dir gefallen!?“
      Keine Antwort.
      „Wenn du nicht einmal für sie einstehen willst, bist du vielleicht die Falsche für den Job! Du willst dich nicht zwischen den beiden entscheiden? Fein! Dann tu ich es!“
      In seiner Wut riss der Maskierte seine Karte förmlich vom Deck. Dann streckte er den Arm aus. „Während meiner Main Phase 1, wenn [Steelswarm Scout] auf meinem Friedhof liegt und ich keine Karten in meiner Zauber- und Fallenkartenzone liegen habe, kann ich ihn von dort beschwören! Kehre zurück!“
      Hinter seinem Bein kam eine kleine Gestalt hervor gekrabbelt. Sie sah aus wie ein Insekt im Körper eines Kindes. Dunkel wie sie war, trug sie eine riesige Brille, die seine Insektenaugen überdimensional groß erschienen lassen.

      Steelswarm Scout [ATK/200 DEF/0 (1)]

      „Der Preis hierfür ist, dass ich keine Spezialbeschwörung diese Runde mehr durchführen kann. Hey, hörst du mir überhaupt zu!?“
      Abby nickte schwach. Sie wollte einfach nicht kämpfen, sie war anders als beispielsweise Anya. Die würde alles tun, um ihrem Gegner das Leben schwer zu machen. Aber wer war sie schon? Die langweilige Streberfreundin! Wo war die Harmonie, die sie so sehr liebte? Die konnte ihr auch nicht helfen!
      „Fein, du bist wohl völlig weggetreten. Das wird die Schuldgefühle später aber nur schlimmer machen, glaub mir!“ Der Fremde stöhnte, fasste sich an die Stirn seiner Maske und schüttelte den Kopf. „Aber ganz wie du willst, ich kann dich zu nichts zwingen! Ich biete jetzt meinen Scout als Tribut an und beschwöre [Steelswarm Girastag]! Und obwohl er der Stufe 7 angehört, braucht es nur ein Steelswarm-Monster, um ihn zu beschwören! Erscheine!“
      Das kleine Insekt löste sich auf und machte einem viel größeren, eindrucksvolleren Exemplar Platz. Obwohl es einen humanoiden Körperbau besaß, erinnerten gerade die Brust und sein Haupt an einen gehörnten Käfer. Ein wilder Schweif peitschte auf den Boden.

      Steelswarm Girastag [ATK/2600 DEF/0 (7)]

      „Wenn Girastag als Tributbeschwörung gerufen wird, kann ich eine beliebige Karte meines Gegners wählen und auf den Friedhof legen! Und damit deine Monster meine nicht an Stärke übertrumpfen, vernichte ich [Gaia Power]!“
      Aus der Kanone an seinem Arm schoss der Insektenmann einen Feuerball, der den riesigen Baum hinter Abby in Brand steckte und binnen Sekunden vernichtet hatte.

      Naturia Cliff [ATK/2000 → 1500 DEF/600 → 1000 (4)]

      „Außerdem erhalte ich noch 1000 Lebenspunkte dafür!“

      [Abby: 4000LP / ????: 4000LP → 5000LP]


      Abby sah weg. Selbst wenn sie sich Mühe geben würde, wäre dieser Kerl vermutlich trotzdem zu stark für sie. Als Duellantin mochte sie Anya oder Nick besiegen können, doch wer war sie schon im Vergleich mit einem Dämonenjäger?
      „Bist du immer noch nicht zum Kämpfen aufgelegt?“, herrschte der junge Mann sie an. „Vielleicht rüttelt dich ja das hier wach! Girastag, greife [Naturia Cliff] an!“
      Wieder erhob der Käferdämon seinen Kanonenarm und schoss eine Salve Feuerkugeln auf Abbys Felsmonster, welches unter dem Druck einfach auseinander brach.

      [Abby: 4000LP → 2900LP / ????: 5000LP]


      „Monstereffekt“, sagte Abby traurig. „Wenn [Naturia Cliff] auf den Friedhof gelegt wird, kann ich ein Naturia-Monster mit maximal 4 Stufensternen beschwören. Also erscheine, [Naturia Rosewhip]!“ Es war das erstbeste Monster, welches sie in ihrem Deck gefunden hatte.
      Vor ihren Füßen wuchs eine wunderschöne Rose mit einem grinsenden Gesicht auf den Kelchblättern aus dem Boden. Sie besaß dornige Peitschen, die sie in ihren Blatthänden durch die Gegend schwang.

      Naturia Rosewhip [ATK/400 DEF/1700 (3)]

      „Gut! Ich aktiviere jetzt meine Schnellzauberkarte [First Step Towards Infestation]! Damit erhalte ich ein als Tributbeschwörung gerufenes Steelswarm-Monster auf die Hand und darf eine Karte ziehen!“
      Er nahm seinen Girastag von der Duel Disk ins Blatt zurück, woraufhin das Hologramm des Käfermannes verschwand. Dann rief der Dämonenjäger: „Um meine Lebenspunkte zu schützen, aktiviere ich [Swords Of Revealing Light]!“
      „Solange Rosewhip auf dem Spielfeld liegt, kann mein Gegner pro Zug nur einen Zauber oder eine Falle aktivieren“, erklärte Abby kaum verständlich.
      „Was?“ Der Kerl lachte über sich. „Verdammt, das habe ich wohl übersehen. Egal! Ich setzte eine Karte verd-“

      „Hey, Maskenfresse, wenn du nicht augenblicklich aufhörst, meiner Freundin Angst zu machen, wirst du Zeit deines Lebens auf dieses hässliche Ding angewiesen sein, du Nulpe!“
      Abby wirbelte erschrocken um. Keine zehn Meter von ihr entfernt stand Anya, stützte sich an ihren Knien ab und keuchte erschöpft.
      „Was ist los, Masters? Seit wann lässt du dich von so'nem Schisser herumschubsen!?“
      Das Hippiemädchen ballte eine Faust. „Nein, Anya! Du verstehst das nicht! Er hat Nick und Michael! Bitte … geh!“

      Die Blondine richtete sich auf. „Na und!? Dann gewinn' eben und rette die beiden!“
      Nun schaltete sich auch der Maskenträger ein. „Wenn du durch meinen Bannkreis gekommen bist, musst du wohl Anya Bauer sein. Ich würde ja sagen, nett dich kennenzulernen, aber das wäre wohl gelogen. Verschwinde von hier, du hast hier nichts verloren!“
      „Nen Teufel werd' ich!“
      „Anya“, flehte Abby und trat einen Schritt auf sie zu. „Bitte tu, was er sagt. Du kannst hier nicht helfen!“
      Die Blondine hob stutzig eine Augenbraue. „Warum nicht?“
      „Weil er einen von beiden umbringen wird, je nachdem, ob ich gewinne oder verliere!“
      „Dann bringe ich ihn eben zuerst- HEY!“

      Der Fremde hatte ihr eine weiße Karte vor die Füße geworden, aus der plötzlich leuchtende Stangen erschienen. Anya saß kurz darauf in einem Käfig aus purem Licht gefangen und rüttelte wie eine Wahnsinnige an den Gitterstäben.
      „Damit ist die erstmal außer Gefecht gesetzt“, meinte der Dämonenjäger erleichtert. „Wie gut, dass man sie durch die Stäbe nicht hören kann. Alastair hat mir erzählt, dass sie sehr aufbrausend und beleidigend werden kann.“
      Verwirrt wirbelte Abby um. „Was? Du bist nicht Alastair? Aber ich dachte-“
      „Nein.“ Er nahm die Maske ab und ließ sie fallen. Das weiße Porzellan zersprang an einer ausrangierten Mikrowelle.
      Der junge Mann hatte graue Augen und harte Gesichtszüge, die aber gut zu seinem kantigen Gesicht passten. Seine Lippen waren schmal und das eine Handbreite lange, schwarze Haar nach hinten gekämmt. Leider machte es ein sehr widerspenstigen Eindruck und stand leicht ab. „Mein Name lautet Matt. Matt Summers.“
      „Aber ich dachte, du-“
      „Ich habe nie behauptet, Alastair zu sein. Aber wir sind befreundet, ja. Ich handle in seinem Sinne, wenn man so will. Aber ich bin mein eigener Herr, bevor du etwas anderes denkst.“ Er grinste verschlagen. „Sorry wegen der Maske, aber ich zeige mein Gesicht nur ungern der Öffentlichkeit, anders als Alastair.“ Seine Züge versteiften sich. „Man könnte sagen, dass einige mich gerne in einer Zelle sitzen sehen würden. Du verstehst?“
      Abby presste die Lippen so fest aufeinander, dass es wehtat. „Bei deinen Methoden kein Wunder!“
      Er stöhnte und zuckte mit den Schultern. „Eigentlich nicht deswegen … aber egal. Ich will dich ja nicht mit meiner tragischen Vergangenheit langweilen. Also, wo war ich? Ach ja, ich war dabei, eine Karte zu setzen. Damit gebe ich ab.“
      Vor seinen Füßen erschien die Karte. Er verschränkte die Arme und musterte erst Abby, dann die gefangene Anya. Jene schrie sich fast die Seele aus dem Leib und sah ganz danach aus, als würde sie jeden Moment versuchen, sich einen Tunnel in die Freiheit zu graben. Wieder grinste er.
      „Hoffentlich beschäftigt das den Dämon in ihr wenigstens so lange, bis wir hier fertig sind. Was wohl nicht mehr lange dauern wird, wenn du so weitermachst.“ Er deutete auf den am Kreuz hängenden Nick. „Ich habe ja anfangs auf ihn getippt, aber mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher.“

      Abby betrachtete ihre Hände, die wie Espenlaub zitterten. Was hatte sie getan, um sich so ein schlechtes Karma aufzubürden? Sie war den Menschen immer freundlich und friedfertig begegnet, selbst in ihren Hochzeiten als Punk. Warum quälte das Schicksal sie jetzt so?
      „Ich will nicht kämpfen“, presste sie weinend hervor.
      „Du musst aber“, sagte Matt mitfühlend. „Jeder muss kämpfen. So ist unsere Welt und wäre sie anders, nun, dann wäre sie wohl perfekt. Tch! Dass ausgerechnet ich mal so etwas sagen würde …“
      Doch das Mädchen sank auf die Knie. Sie hatte nicht die Kraft dazu. Sie liebte Michael so sehr, obwohl sie nicht blutsverwandt waren. Aber konnte sie deswegen Nick opfern? Nein! Er war vielleicht nicht der Klügste, doch viel zu gutmütig, um ihn einfach so über die Klinge springen zu lassen!
      „Was soll ich nur tun?“, wimmerte sie. Nicht einmal Anya konnte ihr helfen …


      Turn 10 – Hands Off My Prey
      Das Duell zwischen Abby und Matt dauert an. Abby, vollkommen verzweifelt, unternimmt nur halbherzige Versuche, ihren Gegner zu bezwingen. Derweil kann Anya nur zusehen, wie Matt Abby zunehmend in eine tiefe Gewissenskrise stürzt. Dieser erzählt aus seinem Leben und wie er zu einem Dämonenjäger geworden ist. Und plötzlich ist Abbys Kampfbereitschaft geweckt – und ein Sturm ungeahnten Ausmaßes entfacht …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Abby

      Naturia Cliff
      Naturia Rosewhip

      Gaia Power

      ????

      Steelswarm Scout
      Steelswarm Girastag

      First Step Towards Infestation
      Swords Of Revealing Light
      @-Aska-
      Ich weiß gar nicht mehr, wann das Limit eingeführt wurde, aber ich hab irgendwie immer im Hinterkopf gehabt, dass man schon zu Judais Zeiten (also iwann während GX lief) sich darüber amüsierte, dass er ständig neue Fusionen hat, obwohl er schon mit dem Standard-Kram das Fusionsdeck voll hatte. Aber vielleicht lieg ich da auch falsch, und das kam erst bei 5D's.

      Jep, Anya ist Livingtons ganz eigene, konventionelle Abschreckungswaffe für die Welt. Und lol @ dem Kommentar zu Nick, so treffend mag man meinen xD

      @ Folge:

      Nach dem für sie deprimierenden Ereignissen in der letzten Folge wird nun auch noch Anyas Freundin entführt. Schlimm für sie, wenn man sich mal überlegt, dass sie eigentlich gerade mal zwei richtige Freunde im Augenblick hat. Und gerade als man denkt, dass Nick nur für sein eigenes Wohl immer noch auf Abstand zu Anya ist, damit sie ihm nicht den Hals umdreht, erfährt man, dass er vom gleichen Übeltäter entführt wurde. Aber in dieser Folge sollte es schließlich weniger um Anya drehen. Darum passte nach der Einleitung mit Anya auch ihr Auftauchen erst wieder zum Ende (was man erwarten konnte) und dass sie mit dem EInsperren zur nutzlosen Statistenrolle für Abby verdammt wurde. Denn diese Folge sollte eben ihre Bühne sein.

      Und der Teil gefiel mir gänzlich gut. Ihre Zerrisenheit kam nämlich gut rüber. Sie ist eben eine Pazifistin und kann es nicht ertragen, wenn jemand (insbesondere wegen ihr) leiden muss. Gerade deshalb sitzt sie dann auch in dieser Zwickmühle, der sie scheinbar nicht mehr entrinnen kann.
      Auch interessant klingt das, was noch nicht ausgesprochen wurde. Ich meine das, was Abby und Matt bereits wissen, der Leser sowie Anya aber noch nicht. Denn anhand Abbys Reaktion auf Anyas Auftauchen merkt man deutlich, dass es etwas sehr Wichtiges ist. Besonders wenn man bedenkt, dass Anya sogesehen außer ihr selbst die einzige Person ist, die ihr überhaupt aus der Situation dort in dem Augenblick helfen könnte
      Unabhängig davon, wie es für Abby weitergeht, sagt mir die Tragik um ihren Charakter hier noch immer sehr zu. Bisher wirkte sie ja irgendwie ein wenig eindimensional und vielleicht auch ein bisschen nervig, aber jetzt erhält ihre Person viel mehr Handlung, die sie auch so dringend bekommen sollte.

      Der Titel der nächsten Folge ist einer meiner Favoriten. Der Spruch allein ist schon immer klasse, und vermittelt schon einiges in welches Richtung es geht.
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      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Wie jedes Mal sage ich "Danke" zu allen Lesern. (Hab ich überhaupt welche, außer Evil Bakura? xD)

      @Evil Bakura
      Mich interessiert bei Judai ja auch die Frage, wo der sein Extradeck versteckt hatte? Ich mein, wie viele Karten sind da insgesamt drin? Um die 30? Wo schleppt der die rum? XD
      Aber nein, das Limit kam imo mit Einführung der Synchros, also kurz vor 5D's. (Was ja theoretisch noch GX ist, aber naja, Erbenszählerei - ist eh wayne.)

      Tja, der Underbauer hat nur zwei Freunde. Das sind zwei zu viel, meint der Entführer. Und sicher nicht nur der. xD
      Ich finde auch, dass Abby erst ab diesem Zeitpunkt zu einer, sagen wir, individuellen Figur entwickelt. Vorher war sie das auch, aber wie soll ich es ausdrücken, auf als Klischee, denn als Abby. Von daher versteh ich auch, was du mit "leicht nervig" meinst. Und wie immer, wenn Gefahr besteht, ist Anya sofort zur Stelle ... und kann nix machen. xD

      Ich find den Spruch auch fetzig. Thx. ^^


      Turn 10 – Hands Off My Prey



      Abby war auf die Knie gefallen und wischte sich die Tränen aus den Augen.
      „Wie lange willst du noch heulen?“, fragte der Dämonenjäger Matt harsch und starrte verächtlich von dem Schrotthügel, auf dem er stand, auf seine Gegnerin herab.
      Die erhob sich und blickte zu Anya, die in ihren Käfig aus purem Licht im Schneidersitz saß und dabei etwas murmelte. Da jedoch kein Laut aus ihrem Gefängnis hervor drang, blieben den beiden Duellanten ihre unschönen Flüche erspart – auch wenn Abby sie, zum ersten Mal seit sie denken konnte, vermisste. Dann hätte sie wenigstens das Gefühl, nicht vollkommen allein zu sein.
      Neben Matt schwebten an großen Lichtkreuzen genagelt, ein kleiner Junge – Abbys Stiefbruder Michael – und Nick. Und sie musste sich zwischen ihnen entscheiden. Verlor sie, würde Michael sterben, gewann sie, traf es Nick. Eine Wahl, die sie einfach nicht treffen konnte. Und erst recht nicht wollte.

      [Abby: 2900LP / Matt: 5000LP]


      Abby kontrollierte nur [Naturia Rosewhip], die kleine Rose vor ihren Füßen.

      Naturia Rosewhip [ATK/400 DEF/1700 (3)]

      Matts Feld hingegen war, abgesehen von einer verdeckten Karte, sogar komplett leer. Und es war Abbys Zug. Zögerlich fügte sie ihrer Hand eine neue Karte hinzu und schluckte, während sie auf zittrigen Beinen aufstand.
      „Was ist? Wie lange willst du noch Maulaffen feil halten? In einem richtigen Kampf wirst du keine Zeit haben, um dich selbst zu bemitleiden!“
      Abby zuckte zusammen. „J-ja … ich beschwöre … [Naturia White Oak].“
      Neben ihrer Rose wuchs ein großer Baum mit einem lächelnden Gesicht aus dem Boden.

      Naturia White Oak [ATK/1800 DEF/1400 (4)]

      Ängstlich kaute Abby an ihren Fingernägeln. Sollte sie -es- tun?
      „Worauf wartest du!?“, brüllte Matt sie herzlos an.
      Das Mädchen schloss die Augen. „O-okay! I-Ich … ich … ich stimme meine Stufe 3 [Naturia Rosewhip] auf meine Stufe 4 [Naturia White Oak] ein.“ Sie stockte. „Oh great god of the north … Give us shelter within your soul … Synchro Summon … Be born … [Naturia Landoise] …“
      Ihre beiden Monster flogen in die Luft, wo Abbys Rose in drei grüne Ringe zersprang, in die ihre Eiche eintauchte. Dann gab es einen Lichtblitz.
      Gestein brach aus dem Boden vor Abby hervor. Es formte eine riesige Schildkröte mit moosüberzogenem Panzer, auf welchem sogar ein Baum thronte.

      Naturia Landoise [ATK/2350 DEF/1600 (7)]

      Abby streckte den Arm aus. „Und nun greife-“ Aber sie zog ihn wieder zurück. Nein, denn wenn sie jetzt angriff, würde sie Michaels Leben über dem von Nick stellen. Sie war nicht Gott, sie durfte nicht entscheiden, wer leben und sterben durfte! Schon gar nicht, wenn es dabei um die Menschen ging, die ihr wichtig waren.
      „Ich beende meine Battle Phase“, murmelte sie kaum verständlich, „und aktiviere [Naturia Forest]. Dazu setze ich noch eine Karte verdeckt und beende meinen Zug.“
      Überall um sie herum wuchsen Sträucher, Bäume und Gras. Die Müllhalde verwandelte sich in einen grünen Ort voller Leben, überall versteckten sich Naturia-Monster und sahen dem tragischen Schauspiel zu. Abby, die noch zwei weitere Handkarten besaß, fühlte sich anders als sonst nicht geborgen im Refugium ihrer Lieblingsmonster.
      Matt, der jetzt auf einem Erdhügel stand, donnerte: „Was soll das!? Du besitzt ein starkes Monster, während meine Lebenspunkte völlig ungeschützt sind, und greifst nicht an!?“
      Abby schwieg.
      „Wie selbstsüchtig bist du eigentlich!? Du willst wirklich, dass ich entscheide, welcher deiner geliebten Menschen stirbt? Du willst nichts tun, um wenigstens einen zu retten!?“
      „Nein!“, begehrte Abby auf. „Hör auf! Lass sie doch bitte gehen! Du weißt, dass ich dir nicht helfen kann!“
      „Vergiss es! Das sind die Regeln dieses Spiels! Du kannst doch nicht ernsthaft einen anderen darüber entscheiden lassen, wer es wert ist, gerettet zu werden!“

      Abby zuckte zusammen. Sie wusste, dass ihr Gegner recht hatte. Und doch! Sie konnte nicht wählen. … oder? Blieb ihr denn überhaupt eine andere Wahl? Was würde geschehen, wenn Matt sich entschied, dass das alles zu nichts führte? Er würde … beide töten! Und das wäre noch hundertmal schlimmer.
      Hilflos sah sie die beiden Gefangenen an, die an den Kreuzen hingen. Welcher von ihnen hatte es verdient, weiterzuleben? Beide! Aber … das stand nicht zur Debatte. Tränen liefen ihr über die Wangen. Michael … war ein kleiner Junge, der noch sein ganzes Leben vor sich hatte. Nick hatte zumindest das erste Viertel seines Lebens glücklich verbracht. Aber Michael? Er hatte eine Zukunft verdient.
      Das war nicht fair! Sie … musste ihren Bruder wählen. Eine emotionale Wahl konnte sie nicht treffen, also musste es eine rationale sein. Und ihr Verstand sagte ihr, dass die Argumente für ihren Stiefbruder besser waren.

      „Verzeih mir … Nick …“, murmelte sie, als sie sich entschieden hatte. „Bitte … verzeih … mir.“
      „Sieht so aus, als hättest du dich endlich mit dir geeinigt. Gut! Dann können wir ja jetzt weitermachen!“, sprach Matt, als würde ihn das alles gar nicht berühren. Er zog auf sechs Handkarten auf und rief: „Mein Zug! Ich beschwöre [Steelswarm Cell] von meiner Hand als Spezialbeschwörung, da ich keine Monster kontrolliere!“
      Vor ihm tauchte ein dicker, schwarzer Käfer auf. Aus seinem kreisrunden, von spitzen Zähnen besetzten Maul kamen unheimliche, schrille Laute hervor.

      Steelswarm Cell [ATK/0 DEF/0 (1)]

      Abby versuchte mit aller Macht, die Tränen zurückzuhalten. Sie musste sich jetzt konzentrieren und gewinnen, damit wenigstens Michael nichts geschah. Das schlechte Gewissen gegenüber Nick war jedoch so erdrückend, dass sie kaum atmen konnte.
      „Wie du weißt, habe ich letzte Runde meinen [Steelswarm Girastag] auf die Hand zurück gerufen! Nun biete ich Cell als Tribut an, wobei Girastag, wie du ebenfalls weißt, trotz seiner hohen Stufe nur ein Tribut erfordert, solange dieses eines seiner Artgenossen ist. Erscheine!“
      Der kleine, kugelrunde Käfer verschwand. Dann war es plötzlich wieder da. Dieser humanoide, schwarze Käferdämon mit dem Kanonenarm. Wütend peitschte sein bestialischer Schweif über das Gras.

      Steelswarm Girastag [ATK/2600 DEF/0 (7)]

      „Effekt aktivieren! Wenn Girastag beschworen wird, lege ich eine deiner Karten auf-“
      „Nein“, erwiderte Abby leise, aber bestimmend. „Ich kontere mit Landoises Fähigkeit! Indem ich eine Zauberkarte“, sie zeigte [Landoise's Luminous Moss] vor, „abwerfe, kann ich die Aktivierung eines Monstereffekts verhindern und besagtes Monster zerstören!“
      Matt schreckte zurück, als Landoise ein ohrenbetäubendes, tiefes Gebrüll von sich gab und sein Monster damit zum Explodieren brachte. Gleichzeitig stiegen hunderte kleiner Lichtfunken rund um den Wald auf.
      „Wenn ein Karteneffekt annulliert wird, kann ich dank [Naturia Forest] ein Naturia-Monster mit einer Höchststufe von 3 von meinem Deck meiner Hand hinzufügen“, erklärte Abby und zeigte die Stufe 3 [Naturia Marron] vor.
      Ihr Gegner lachte. „Verdammt, da habe ich mich wohl verschätzt! Aber hey, wenn du dir Mühe gibst, bist du gar nicht so übel!“
      „Das ist alles deine Schuld!“, klagte Abby ihn bitter an. „Wenn du nicht wärst-“
      „Ich bin aber! Und ich werde auch nicht so schnell wieder verschwinden! Und um dir das zu beweisen, aktiviere ich jetzt meine [Swords Of Revealing Light]! Mit ihnen-!“
      „Konterfalle, [Exterio's Fang]!“, donnerte Abby aufgewühlt. „Mit ihnen annulliert eines meiner Naturia-Monster jede beliebige Zauber- oder Fallenkarte! Nur muss ich dafür eine Karte abwerfen!“
      Sie nahm [Glow-Up Bulb], ein Monster, und legte es auf den Friedhof. Das Abbild der Zauberkarte vor Matt zersprang, bevor Abby von den Lichtschwertern eingekreist werden konnte.
      „Dazu erhalte ich aufgrund des Effekts von [Naturia Forest] wieder ein Naturia-Monster von meinem Deck! [Naturia Fruitfly], Stufe 3!“
      Matt zog die Stirn kraus und starrte aus funkelnden Augen auf seine Gegnerin herab. „Junge, du kannst ja richtig garstig werden! Aber wie heißt es so schön? Beurteile niemanden allein nach dem Aussehen. Nun denn, ich setze eine Karte verdeckt und beende den Zug.“
      Neben seiner ersten, verdeckten Zauber- oder Fallenkarte erschien nun noch eine zweite.

      „Macht dir das Spaß?“, klagte Abby bitter und sah ihm fassungslos in die Augen. „Macht es dir Spaß, mich so zu quälen? Nur weil du willst, dass ich-“
      Sie sah zu Anya herüber. Ihre Freundin war so ahnungslos und hockte frustriert in ihrem Lichtkäfig. Die Blondine bemerkte ihren Blick, fuhr sich mit dem Finger über die Kehle und deutete auf Matt.
      Dieser antwortete auf die Frage hin: „Nein, bestimmt nicht. Aber ich habe lernen müssen, dass man manchmal zum Mörder werden muss, um andere zu beschützen.“
      „Was soll das heißen?“, fragte seine Gegnerin aufgebracht. „Dass es okay ist, über Leben und Tod zu entscheiden, nur weil es einem gerade so in den Kram passt!?“
      Das war nicht die Welt, in der Abby leben wollte. Jedes Lebewesen war ihrer Ansicht nach gleichberechtigt und jemand wie Matt, der ganz offenherzig über andere richten wollte, war für sie die Verkörperung eines wahren Dämons. Obwohl er von sich behauptete, jene zu jagen. Er war viel schlimmer …
      „In den Kram passt!?“, donnerte der Schwarzhaarige ungläubig. „Denkst du, ich habe meinen Vater ermordet, weil mir gerade danach war!?“
      Abby erstarrte. „W-was … ?“
      „Du hörst schon richtig“, erwiderte Matt bitter und ließ den Kopf hängen. „Vor sechs Jahren. Er war … ein mieser Scheißkerl. Hat meine Schwester geschlagen. Jahrelang. Niemand hat davon gewusst, nicht mal unsere Mutter. Als sie es herausfand, hat sie … sich umgebracht. Von da an waren Sophie und ich diesem … Etwas ausgeliefert.“

      Dem Mädchen stockte der Atem. Dieser Mensch vor ihr, er hatte sein eigen Fleisch und Blut auf dem Gewissen. Egal, was die Hintergründe waren, er hatte einfach Selbstjustiz ausgeübt und seinen Vater ermordet. Wo sie doch alles dafür geben würde, um ihre leiblichen Eltern noch einmal sehen zu können …

      Matt starrte Abby hasserfüllt an, doch das Funkeln in seinen Augen galt nicht ihr, sondern seinen Erinnerungen. „Du kannst dir sicherlich denken, was dann passiert ist? Manche Dinge sind unvermeidlich, das habe ich dir schon neulich erklärt. Ich musste ihn umbringen, sonst hätte neben dem Grab unserer Mutter irgendwann noch Sophies Grab gestanden.“
      „Aber das gibt dir doch kein Recht-!“
      „Das Recht ist nicht immer auf der Seite der Schwachen!“, polterte er aufgewühlt und streckte weit die Arme aus. „Denkst du denn, die Polizei hätte irgendetwas unternommen? Wenn mein Vater doch alle Fäden in der Hand hatte!? Ja, ich habe ihn umgebracht! Aber ich hatte keine Wahl! Meiner Schwester geht es jetzt gut, weil ich mich für sie geopfert habe! Dafür musste ich meine Freundin Tara zurücklassen, bin jahrelang untergetaucht und jedes Mal erstarrt vor Angst, wenn ich Polizisten gesehen habe!“
      „Und jetzt willst du mich dazu zwingen, dasselbe durchzumachen?“, fragte Abby atemlos.
      „Ich habe dir schon gesagt, was ich dir verständlich machen möchte! Dass man manchmal keine andere Wahl hat!“
      „Man hat immer die Wahl!“
      Matt lachte höhnisch auf. „Das ist doch naiv …“

      Abby spürte, wie ihr Herz wild in ihrer Brust trommelte. Dieser Dämonenjäger, er war völlig durchgedreht! So selbstgerecht über sein Verbrechen zu reden, zu glauben, dass das der einzige Weg gewesen sei, seine Schwester zu beschützen. Natürlich musste man die Familie beschützen, doch nicht, indem man seinen Vater umbringt!
      Dem Mädchen standen die Tränen in den Augen. Dieser Dummkopf wusste gar nicht, wie kostbar die eigene Familie war. Warum hatte er nicht versucht, mit seinem Vater zu reden? Für dessen Verhalten musste es doch schließlich einen Grund gegeben haben!
      Sie wäre überglücklich, wenn ihre leiblichen Eltern noch leben würden. Aber die waren gestorben, als Abby noch ein kleines Kind gewesen war. Bei einem Autounfall, den sie als Einzige überlebt hatte. Ihr Bruder, ihre Mutter, ihr Vater … sie konnte sich kaum an sie erinnern. Nur Bilder waren ihr geblieben, als die befreundete Familie Masters sie bei sich aufgenommen hatte. Sie behandelten sie wie ihre eigene Tochter und doch war sie immer ein Außenseiter gewesen. Das adoptierte Kind, die durchgeknallte Abby, die dauernd ihren Lebensstil änderte, weil sie nicht wusste, wo sie hingehörte.
      Sie ballte eine Faust. Was wusste dieser Kerl vom Wert eines Leben!? Wie selbstgerecht konnte man sein, um nicht nur die eigene, sondern auch andere Familien ins Chaos zu stürzen!? Dachte er denn nicht an Nicks Eltern, wenn sie erfuhren, dass ihr Sohn ums Leben gekommen war? Nur wegen einer sinnlosen Lektion, die dieser Abschaum ihr erteilen wollte? Sie hasste ihn! Nie hatte sie gegenüber einem Menschen derart viel Abscheu empfunden, wie es bei Matt der Fall war.
      Sie wünschte sich, dass er … dass dieser … einfach …

      Ohne Vorwarnung stieß sie einen schrillen Schrei aus. Es brannte, ihr ganzer Körper brannte wie Feuer. Sie bekam keine Luft mehr, hielt sich den Hals und röchelte. Ihr wurde schwarz vor Augen, doch Abby bemühte sich um Halt, torkelte einen Schritt zurück.

      Derweil konnte Anya nicht glauben, was sie gerade mitansah. Man konnte sie selbst durch den Käfig aus Licht zwar nicht hören, aber sie hingegen verstand jedes Wort von außen. Und der Schrei ihrer Freundin bereitete selbst der Blondine eine Gänsehaut.
      Viel mehr aber noch, was mit ihr geschah. Eine leuchtend blassgelbe Aura breitete sich um Abby aus, ihr Haar begann zu wachsen. Wie Schlangen bewegten sich die einzelnen Strähnen in der Luft, peitschten und verloren immer mehr an Farbe.
      Dann kam die Druckwelle. Anya wurde aus ihrem Schneidersitz gerissen und hart gegen die Stäbe ihres Gefängnisses gepresst.
      „Alter, was geht'n hier ab“, ächzte sie unter dem starken Sturmwind.

      Deine Freundin! Sie ist eine Sirene!

      „Eine was!?“

      In ihren Adern fließt das Blut der Sirenen. Ich habe es nicht bemerkt, weil es bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht aktiv war, aber Abby ist zur Hälfte eine Sirene. Ihre Mutter muss ein Reinblut gewesen sein, sonst könnte das Kind seine Kräfte nicht erwecken.

      „Und was ist 'ne Sirene? Ist das was Gutes?“ Anya spürte dabei unter Schmerzen, wie sie mit dem Rücken gegen die Gitterstäbe gepresst wurde.
      Auch Matt musste mit dem Sturm kämpfen. Er hielt sich mit wehendem Mantel die Arme vor das Gesicht, sein schwarzes Haar war nicht zu bändigen.

      Sirenen sind unglaublich mächtige, gleichwohl aber seltene Geschöpfe. Schon seit Jahrhunderten hört man nichts mehr von ihnen, da sie von Dämonenjägern gejagt wurden und infolgedessen untertauchen mussten. Es dürfte heute nicht mehr als eine Handvoll von reinblütigen Sirenen existieren.

      „Warum hat Abby nie ein Wort gesagt!?“

      Weil sie selbst nicht um ihr Geheimnis gewusst zu haben schien. Hüte dich, Anya Bauer, denn Sirenen sind sehr gefährlich. Sie kennen in der Regel weder Freund, noch Feind und ziehen die Unachtsamen in ihren Bann. Meide direkten Blickkontakt, wenn du ihr nicht verfallen willst, denn es ist zu bezweifeln, dass dieses Mädchen ihre Kräfte zu beherrschen weiß!

      „Ich bin doch nicht lesbisch!“

      Eine Sirene macht keinen Unterschied zwischen Mann und Weib. Hüte dich vor ihr, denn ich kann dich nicht vor ihr schützen! Selbst als Halbblut ist sie unglaublich gefährlich!

      Der Sturm verebbte langsam. Doch noch immer tanzte ein Teil Abbys neuer, weißer Haarpracht durch die Luft. Einige Strähnen hatten sich um ihr hellbraunes Kleid gewickelt, andere um ihre Arme.
      Sie drehte sich zu Anya um, wobei ihre getönte Brille auf den Boden fiel. Ihrer Freundin hingegen fiel beim Anblick Abbys die Kinnlade herab. Deren runde Gesichtszüge waren noch immer dieselben, doch auf gewisse Weise viel feiner und schärfer als zuvor. Die Lippen hingegen hatten einen hauchzarten, blauen Teint bekommen, was aber nichts gegen die Augen war. Rosa waren sie, Schlitzaugen und voller Stolz. Anya spürte instinktiv, dass Levriers Warnung ernstzunehmen war und folgte ihr, indem sie sofort wegsah.
      Die Sirene schnippte mit den Fingern, deren Nägel um Einiges gewachsen waren. Neben Matt verschwanden die beiden Kreuze samt der Geiseln und tauchten je links und rechts neben Anyas Käfig wieder auf.
      „Alter Falter“, staunte die. „Das ist ja mal fett!“

      Derweil schreckte Matt zurück. „Auch das noch! Du bist eine Sirene!?“
      Süffisant grinste die neue Abby. „Die Spielregeln haben sich geändert“, hauchte sie mit widerhallender, verführerisch tiefer Stimme. „Jetzt werde ich -dir- eine Lektion erteilen.“
      Ihrem Gegner lief der Schweiß von der Stirn. Er wusste, dass er sie nicht zulange anstarren durfte, wenn er nicht ihrem Zauber erliegen wollte.
      „Warum machen wir nicht weiter?“, fragte die Sirene und deutete auf das Spielfeld mit ihren abnormalen, langen Fingern. „Nur bist du jetzt meine Beute.“
      „Dir ist klar, dass ich dich jetzt töten muss, oder?“, presste Matt in seiner Aufregung hervor.

      Er hatte ja mit vielem gerechnet, aber dass hier? Das war selbst für ihn eine Nummer zu groß! Selbst Alastair hatte noch nie gegen eine Sirene gekämpft! Aber an Flucht war gar nicht zu denken, denn wenn Anya sich mit ihr verbündete, würde das sein und Alastairs Vorhaben, Anya Bauer zu vernichten, um Einiges erschweren. Er hatte praktisch keine andere Wahl als sich ihr zu stellen.

      „Warum musst du mich denn töten? Weil ich kein Mensch bin? Ist alles Unnormale, Unbegreifliche schlecht? Verdient es den Tod, nur weil du es fürchtest?“
      „Du bist ein Monster! Solche wie du töten völlig grundlos Unschuldige!“
      „Und das weißt du mit solcher Sicherheit?“ Sie lächelte kalt. „Aber wenn du so sehr daran glauben möchtest, werde ich dich nicht enttäuschen.“
      „Wenn du meinst …“ Er musste sich ihren Worten verschließen, oder er wäre verloren! „Spiel weiter!“

      Die Sirene nickte. „Ganz wie du wünscht. Mein Zug beginnt.“
      Allein mit ihren Fingernägeln zog sie die nächste Karte und lächelte finster. Dann aktivierte sie sie. „Ich benutze [Monster Reborn], oh, welch ein ironischer Zufall, und belebe [Naturia Rosewhip] von meinem Friedhof wieder. Genau, wie ich wiedergeboren wurde.“
      Vor ihren Füßen wuchs die kleine Rose aus dem Boden und grinste fröhlich. Abby bückte sich zu ihr und streichelte mit verträumter Mimik über die roten Blätter.

      Naturia Rosewhip [ATK/400 DEF/1700 (3)]

      Matt stöhnte leise. „Verdammt, sie benutzt ihre Kräfte, um aus Illusionen Realität zu machen …“
      „Exakt“, antwortete seine Gegnerin mit ihrer widerhallenden, rauchigen Stimme. „Damit du den Schmerz spürst, den du mir zufügen wolltest.“
      „Du machst mir keine Angst!“, entgegnete er mutig.
      „Wart es nur ab“, hauchte sie ihm jedoch zwinkernd entgegen und nahm eines ihrer beiden Monster aus ihrer Hand hervor. „Erscheine, [Naturia Fruitfly]!“
      Eine kleine Fliege summte um Abby herum. Ganz ihrem Namen nach bestand ihr Körper aus Trauben und einer Erdbeere – eine wahre Fruchtfliege.

      Naturia Fruitfly [ATK/800 DEF/1500 (3)]

      „Dann lass uns sehen, was du hiervon hältst“, murmelte die Weißhaarige geheimnisvoll und streckte den Arm in die Höhe. „Ich stimme meine Stufe 3 [Naturia Rosewhip] auf meine Stufe 3 [Naturia Fruitfly] ab! Oh great god of the east! Scare my enemies with your mighty presence! Synchro Summon! Descent down, [Naturia Barkion]!“
      Ihre Rose zersprang in drei grüne Lichtringe, die die Fliege durchquerte. Ein Lichtstrahl ließ jene anwachsen und machte aus ihr einen eindrucksvollen, schlangenhaften Drachen. Dieser brüllte majestätisch, während sich der Kamm aus Holzrinde auf seiner grauen Haut bewegte.

      Naturia Barkion [ATK/2500 DEF/1800 (6)]

      Er gesellte sich zu [Naturia Landoise].
      Matt wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Na toll! Noch so eins …“
      Indes zeigte Abby ausdruckslos in ihrer neuen Schönheit auf ihren Gegner. „Los meine Monster, direkter Angriff auf seine Lebenspunkte! Lehrt ihn, Respekt vor Mutter Natur und all ihren Geschöpfen zu haben, ob Dämonen oder Menschen!“
      Doch der Schwarzhaarige grinste nur selbstsicher. Er schwang seinen Arm aus. „Dazu wird es nicht kommen! Ich aktiviere [Call Of The Haunted]! Damit kann ich ein x-beliebiges Monster von meinem Friedhof reanimieren, solange meine Falle wirkt! Und dieses Monster wird [Steelswarm Girastag] sein!“
      Die Sirene aber schüttelte den Kopf. „Ich habe andere Pläne. [Naturia Barkion], annulliere seine Falle! Ich entferne zwei Karten von meinem Friedhof, um deinen Effekt zu aktivieren!“
      Sie hielt die Zauber [Landoise's Luminous Moss] und [Gaia Power] zwischen ihren langen Fingernägeln und schob sie in einen Extraschlitz unter dem Friedhof ihrer schwarzen Duel Disk. Matts Falle zersprang nach einem eindrucksvollen Gebrüll des grauen Drachen.
      „Verdammt!“, schrie der und sah sich plötzlich zwei riesigen Monstern gegenüber.
      Die Schildkröte stampfte nur einmal mit dem Fuß auf, um die Erde erbeben zu lassen. Zeitgleich verpasste Abbys Drache Matt einen schmerzhaften Hieb mit dem Schweif, der ihn mehrere Meter weit über den Hügel schleuderte.
      Hart schlug er auf das Gras auf, welches nur ein Hologramm war und tatsächlich Schrott überdeckte und rollte den ganzen Hang hinab. Einen Schmerzensschrei von sich gebend, blieb er hinter dem getarnten Schrottberg liegen.

      [Abby: 2900LP / Matt: 5000LP → 150LP]


      Fassungslos zog er sich eine große Scherbe aus dem linken Oberschenkel. Blut sickerte unter seiner schwarzen Hose hervor. Er stöhnte vor Schmerz, denn der Fall hatte ihm gewiss einige Rippen gebrochen und schlimme Prellungen zugefügt. Seine rechte Wange war blutverschmiert.
      Trotzdem stand er auf und schleppte sich den Hügel hinauf, bis er wieder an der Spitze stand, vor seiner verdeckten Karte.
      „Netter Treffer“, lobte er die Sirene kühl. „Aber so leicht kippe ich nicht aus den Latschen.“
      Abby lächelte nur wissend. „Das will ich auch gar nicht.“ Sie zeigte zwischen ihren Fingern eine Monsterkarte hervor. „Da ich abermals die Aktivierung einer deiner Karten annulliert habe, schenkt mir [Naturia Forest] ein Monster. [Naturia Cosmobeet] wird es genannt. Damit beende ich meinen Zug, indem ich eine Karte setze.“
      „Auch besser so … für mich“, lachte Matt selbstironisch.

      Anya indes staunte wahre Bauklötze, während sie mitansah, wie Abby mit diesem Dreckskerl umging. Gut, sie sah jetzt zwar aus, als wäre sie der „Rocky Horror Picture Show“ entsprungen, aber solange sie diese fiese Kröte zu Gulasch verarbeitete, war Anya das nur recht.

      Die Kraft des Käfigs wird schwächer. Vermutlich, weil dieser Matt schwere Verletzungen erlitten hat. Gib mir noch ein wenig Zeit, dann befreie ich dich.

      „Beeil' dich 'n bisschen!“, schnauzte Anya Levrier an. „Ich will auch noch was von dem abhaben, 'kay?“

      Ich tue schon mein Bestes. Etwas mehr Dankbarkeit wäre angebracht.

      „Klappe!“ Das Mädchen verschränkte im Schneidersitz die Arme. „Wenn das so weitergeht, dreht Abby noch völlig durch …“

      Höre ich da Besorgnis in deiner Stimme?

      „Keine Ahnung, was du meinst! Und jetzt mach hinne, mir jucken schon die Finger!“
      Anya war sich nicht sicher, ob sie Abby überhaupt noch beruhigen konnte. Was, wenn sie jetzt für immer in dieser Form bleiben würde? Wäre sie dann überhaupt noch ihre Freundin? Sie war so verdammt anders als Sirene …

      Während die Blondine sich den Kopf über Abbys Situation zerbrach, hatte Matt ganz andere Sorgen. Er zog von seinem Deck und musterte nervös sein Blatt. Er musste diesen Albtraum beenden, schnell! Und er musste Abby töten, egal wie schwer es ihm fallen würde. Sie war nicht mehr die, die er gestern kennengelernt hatte. Alles hatte sich mit einem Schlag verändert! Das Mädchen war jetzt eine Kreatur der Finsternis, wie Alastair sagen würde. Und es war ihr Job als Dämonenjäger, die Menschen vor solchen wie diesen zu beschützen!
      „Okay“, murmelte er leise. „Ich aktiviere den Zauber [Recurring Nightmare]! Damit erhalte ich zwei Finsternis-Monster von meinem Friedhof. Die einzige Bedingung dabei ist, dass sie 0 Verteidigungspunkte haben dürfen. So wie [Steelswarm Cell] und [Steelswarm Girastag]!“
      Tief durchatmend fügte er sie seinem Blatt hinzu. „Du solltest wissen, dass Girastag nur eine meiner besseren Karten ist. Jetzt wirst du eine weitere kennenlernen! Doch zunächst beschwöre ich Cell, da ich keine Monster kontrolliere, von meiner Hand als Spezialbeschwörung! Danach reanimiere ich [Steelswarm Scout] durch den Zauber von [Monster Reborn], da ich noch eine Karte in meiner Backrow kontrolliere und ihn daher nicht durch seinen eigenen Effekt reanimieren kann!“
      Vor ihm tauchten der dicke, schwarze Käfer und das kleine Insektenkind mit den riesigen Facettenaugen wieder auf.

      Steelswarm Cell [ATK/0 DEF/0 (1)]
      Steelswarm Scout [ATK/200 DEF/0 (1)]

      „Nimm dich in Acht!“, rief Matt stolz und nahm die Monster von seiner Duel Disk, um für sie ein neues hinzulegen. „Ich biete diese Monster als Tribut an und beschwöre [Steelswarm Caucastag]! Reiß unsere Feinde mit deiner Macht entzwei!“
      Matts Kreaturen lösten sich auf. Um ihn herum begann das Gras welk zu werden, zerfiel zu Staub.
      Aus dem Nichts erhob sich eine gewaltige, humanoide Gestalt. Wie alle Steelswarm-Monster war sie pechschwarz und ein Insektoid, ähnelte in diesem Fall einem Hirschkäfer. Auch er besaß einen langen Schweif, der hinter seinen Flügeln hervorlugte. An seiner Spitze ruhte der Lauf einer Laserkanone.

      Steelswarm Caucastag [ATK/2800 DEF/0 (8)]

      Abby hingegen zuckte nicht einmal mit den Wimpern. „Du hast eine Normalbeschwörung durchgeführt. Deswegen werde ich [Naturia Cosmobeet] von meiner Hand als Spezialbeschwörung rufen.“
      Zwischen ihrer Schildkröte und dem Drachen zeigte eine vergleichsweise winzige Gestalt plötzlich ihr Antlitz. Auf dem Haupt des kugelrunden, schwebenden Erdklumpens mit Knopfaugen wuchsen drei Blumen.

      Naturia Cosmobeet [ATK/1000 DEF/700 (2)]

      Matt aber lachte nur bissig. „Pah! Das war ein Fehler, denn Caucastag wird es und all deine anderen Monster sowieso gleich vernichten! Denn wenn er beschworen wird, und dabei zwei Steelswarm-Monster als Tribut angeboten worden sind, kann er entweder alle anderen Monster oder alle Zauber- und Fallenkarten auf dem Feld vernichten!“
      Und der Schwarzhaarige wusste genau, dass [Naturia Landoise] ihm dabei nicht in die Quere kommen konnte, denn die einzige Karte auf der Hand seiner Gegnerin war ein Monster namens [Naturia Marron]!
      Sein Hirschkäferdämon hob seinen Schweif an und schoss einen roten Laserstrahl ab. Dieser brachte bei Kontakt nach und nach alle von Abbys Monstern zum Explodieren.
      „Sieh, wie du dich an den Lebewesen vergehst!“, beklagte die sich. „Ich werde dem ein Ende setzen!“
      „Komisch, so etwas Ähnliches wollte ich auch gerade sagen“, gab Matt sich trotz seiner Schmerzen selbstbewusst. „Caucastag, direkter Angriff!“
      Wieder hob sein Monster seinen Schweif und bombardierte sie mit einer Salve leuchtend roter Kugel, die überall um sie herum einschlugen. Die verdammte Sirene wich flink zurück und konnte tänzelnd jedem Angriff entkommen. Trotzdem hatte er ihren Lebenspunkten großen Schaden zugefügt!

      [Abby: 2900LP → 100LP / Matt: 150LP]


      Matt betrachtete seine letzte Handkarte, [Steelswarm Girastag], dann seine verdeckte Falle. Egal was sie ihm entgegenbringen würde, er hatte die Oberhand! Er würde sie vernichten, damit es eine niederträchtige Kreatur weniger auf dem Planeten gab!
      „Ich beende meinen Zug!“

      Ganz langsam zog Abby die nächste Karte und betrachtete sie aus ihren rosafarbenen Katzenaugen. Dann schmunzelte sie. „So ist das also. Gut.“
      „Was ist?“, fragte Matt.
      „Mein Karma ist stark wie nie zuvor“, hauchte sie verführerisch. „Deines hingegen … nicht so sehr. Ich beschwöre [Naturia Marron]. Durch ihren Effekt lege ich eine Naturia-Monsterkarte vom Deck auf den Friedhof. Das wäre [Naturia Guardian]!“
      Während Abby tat, was sie angekündigt hatte, tauchte vor ihr eine stachelige Kastanie auf.

      Naturia Maron [ATK/1200 DEF/700 (3)]

      „Nun mische ich [Naturia Barkion] und [Naturia Landoise] in mein Deck, in diesem Fall das Extradeck, zurück und ziehe eine Karte“, erklärte die Weißhaarige weiterhin seelenruhig. Mit ihren langen Fingernägeln zog sie eine Zauberkarte und lächelte böswillig.
      Matt indes hielt sich seine Wunde am Bein, die immer noch blutete.
      „Ich aktiviere [Barkion's Bark]“, erklärte Abby weiter und zeigte die gezogene Zauberkarte vor. „Mithilfe eines Naturia-Monsters auf meinem Spielfeld sind jetzt alle Fallenkarten nutzlos für diese Runde!“
      „Verdammt!“ Matt schreckte zurück. Jetzt konnte er [Infestation Wave] nicht mehr dazu benutzen, um einer drohenden Gefahr aus dem Weg zu gehen! Aber er hatte immer noch seinen Caucastag!
      „Nun, da ich den Effekt eines Naturia-Monsters aktiviert habe, kann ich [Naturia Hydrangea] von meiner Hand als Spezialbeschwörung beschwören.“
      Um Abby herum wuchs ein Beet aus wunderschönen Hortensien. Eine der Blumen besaß Augen und blinzelte neugierig.

      Naturia Hydrangea [ATK/1900 DEF/2000 (5)]

      Matt wusste nicht, was seine Gegnerin damit bezwecken wollte. Sie hatte jetzt keine Handkarten mehr und zwei schwache Monster auf dem Spielfeld. Was plante sie? Ihm behagte nicht bei dem Gedanken, dass sie vielleicht noch ein geheimes Ass im Ärmel haben könnte.
      „Ich aktiviere jetzt einen weiteren Effekt, jedoch von meinem Friedhof. Indem ich die oberste Karte meines Decks abwerfe, kann ich [Glow-Up Bulb] einmal während des Duells auferstehen lassen! Also erscheine!“
      Sie steckte die Karte in den Friedhofsschlitz ihrer Duel Disk und ließ eine Blumenzwiebel mit weißer Blüte vor sich erscheinen.

      Glow-Up Bulb [ATK/100 DEF/100 (1)]

      Er hatte es geahnt, dachte Matt sauer. Das hatte sie also vor: ein weiteres Synchromonster zu beschwören.
      Und genau das kündigte Abby nun an. „Ich stimme meine Stufe 1 [Glow-Up Bulb] auf meine Stufe 5 [Naturia Hydrangea] und Stufe 3 [Naturia Maron] ab!“
      Nun schon zum dritten Mal verwandelte sich eines ihrer Monster, die Blumenzwiebel, in einen grünen Kreis und ließ die anderen beiden ebenjenen durchqueren. „When the blood of the wild is spilled, earth-breaking power will awaken! Synchro Summon! Mother Nature's Power, [Naturia Leodrake]!"
      Aus dem Nichts kam ein Löwe mit Fell aus grünen Blättern hinter Abby hervorgesprungen. Seine Mähne war rot wie Herbstlaub, denn genau daraus bestand sie auch. Das anmutige Tier brüllte ohrenbetäubend laut und stellte sich schützend vor die Sirene.

      Naturia Leodrake [ATK/3000 DEF/1900 (9)]

      Matts Gesichtszüge entglitten ihm und wurden zu einer fassungslosen Fratze. „Unmöglich!“
      Doch Abbys kalte, blaue Lippen formten nur stumme Worte, welche das Ende des Duells besiegeln sollten. Denn ein Angriff genügte, um Matts restliche Lebenspunkte auszulöschen.
      Verzweifelt sah dieser sein Blatt an, als sein Caucastag mit einem Hieb der wuchtigen Pranke des Löwen einfach niedergerungen wurde. Dann stürmte das Ungeheuer auf ihn zu. Er schloss die Augen, denn weglaufen war zwecklos. So stellte er sich dem Schicksal und wurde hart zu Boden geworfen.

      [Abby: 100LP / Matt: 150LP → 0LP]


      Die Zähne des Tieres verkeilten sich tief in seinem rechten Unterarm, den er zum Schutz erhoben hatte, während der Löwe ihn mit seiner anderen Pranke auf den Schrotthaufen drückte.
      Anschließend verschwanden die Hologramme von Abbys verdeckter, ungenutzter Fallenkarte sowie Matts gesetzter [Infestation Wave]. Doch nicht so [Naturia Leodrake], der weiter mit Matt rang, während das falsche Mondlicht seines Bannkreises die Hügel voller Abfall in silbriges Licht tauchte. Matt kämpfte schreiend um sein Leben, während Abby ruhigen Gewissens zusah.
      „Zerfalle zu Asche und werde mit Mutter Erde wieder eins“, flüsterte sie nur boshaft und sah zu, wie ein Stofffetzen von Matts Mantel durch die Luft flog.

      Plötzlich wurde sie zu Boden geworfen und umgedreht.
      „Hör auf damit!“, brüllte Anya, die endlich aus ihrem Gefängnis entkommen war, sie zornig an.
      Die Sirene umfasste die Oberarme des Mädchens mit ihren langen Fingern und drückte sie mühelos von sich weg. „Womit? Willst du sagen, dass eine Bestie wie er es verdient hat zu leben?“
      Ein feines Rinnsal von Blut lief dank Abbys spitzer Fingernägel über Anyas aufgekratzten, rechten Arm, als sie diesen hob und mit voller Wucht eine Faust auf das feine Gesicht ihrer Freundin niedersausen ließ. Abbys Kopf wurde mit einem Ruck zur Seite geschlagen.
      „Nein! Am liebsten würde ich dieser Ratte sämtliche Knochen brechen!“, zischte Anya wütend und rang mit Abby. Kräftemäßig mochte sie einer Sirene zwar unterlegen sein, doch blieb die Blondine hartnäckig. „Aber du bist nicht diejenige, die so etwas zu entscheiden hat!“
      Mit einer gezielten Ohrfeige des Handrückens wurde Anya regelrecht von Abby heruntergerissen, die sich nun ihrerseits auf das Mädchen stürzte und sie zu würgen begann. Im Hintergrund drangen die Schreie von Matts Todeskampf zu ihnen. „Das war damals! Sieh mich an und erkenne, was ich bin!“
      Wieder traf sie eine Faust im Gesicht, dieses Mal Anyas Linke. „Idiot! Hast du mein Versprechen dir gegenüber etwa vergessen?“
      Abby hielt inne und wurde infolgedessen von einem saftigen Knietritt in die Nieren wieder umgeworfen, sodass Anya sich auf sie hockte und erneut zuschlug. „Ich habe versprochen, dich nie alleine zu lassen, als du deine Eltern verloren hast! Dich zu beschützen, egal vor wem! Wenn es jemandes Aufgabe ist, diesen Kerl ins Jenseits zu befördern, dann verdammt nochmal meine!“
      Noch eine Faust traf die Sirene ins Gesicht. „Und ich hasse es, wenn du einen auf egoistisch machst und mir meine Aufgaben abnehmen willst! Ich kann das sehr gut alleine!“
      Wieder wollte Anya zuschlagen, doch sie stoppte ihre Faust kurz vor Abbys Nase.
      „Es tut mir leid“, wimmerte die unter Tränen. Das Unglaubliche war geschehen, so schnell, dass Anya es gar nicht bemerkt hatte.
      Abby war wieder völlig sie selbst, das Haar kürzer und braun, die Gesichtszüge weniger scharf und die Augen die eines Menschen. „Ich weiß nicht, was in mich gefa-“
      Anyas nächster Schlag ins Gesicht ließ sie abrupt verstummen. „Mach das nie wieder, hörst du!? ICH bin hier die, die die Kommandos gibt, 'kay? Also sag ich, was mit dem Kerl passiert und wie es passiert!“

      Du bist eine schlechte Schauspielerin. In Wirklichkeit willst du doch nur nicht, dass Abby einen Mord begeht, denn das würde ihrer Seele auf ewig schaden.

      „Es tut mir leid.“ Abby vergrub ihr geschundenes Gesicht in die Hände und weinte bittere Tränen.
      Anya seufzte resignierend und tätschelte ihr unbeholfen die Schulter, ehe sie sich von ihr erhob. Dann drehte sie derart ruckartig den Kopf zur Seite, dass so mancher Exorzist bei ihrem Anblick die Beine in die Hand nehmen und davon rennen würde. „So, und jetzt zu dir, Kackbratze!“

      Zu spät. Er ist weg. Oder was noch von ihm übrig geblieben ist.

      „Was!?“

      Nachdem Abby sich zurückverwandelt hat, ist auch ihr Monster verschwunden. Mit letzter Kraft hat der Dämonenjäger einen Teleportationszauber benutzt, um zu entkommen. Aber ich schätze, er ist noch irgendwo in der Stadt, genau wie Alastair.

      In einer Welle von Flüchen fiel Anya aus allen Wolken. Wieder war ihr einer dieser Mistkerle entkommen! Wieso hatte immer sie so ein verdammtes Pech!?
      Abby erhob sich auf wackeligen Beinen neben ihr und hielt sich die geschwollene Wange. „Er ist weg, oder?“
      Nur ein unmenschlicher Grunzlaut kam als Antwort.
      „Das ist gut … oh! Nick, Michael …!“
      Abby eilte zu den beiden, die am Boden lagen und friedlich zu schlafen schien. Unter Tränen schloss sie ihren kleinen Bruder, welcher müde die Augen aufschlug, in die Arme. Dabei betrachtete sie überglücklich Nick, der schnarchte und gar nicht mitbekommen zu haben schien, was um ihn herum vor sich ging.

      Derweil warf Anya einen skeptischen Blick über ihre Schulter, während die Sonne am Horizont schon fast untergegangen war und den Schrottplatz in warmes, orangefarbenes Licht tauchte. Der Bannkreis war längst fort.
      „Wird sie sich wieder in eine Sirene verwandeln?“, fragte sie Levrier dabei ernst.

      Höchstwahrscheinlich, eines Tages. Wenn ich richtig liege, ist unbändiger Hass der Auslöser für ihre Transformation gewesen. Als ihr dieser durch deine Worte genommen wurde, hat sie wieder ihre ursprüngliche Form angenommen. Es ist aber zu bezweifeln, dass sie die Verwandlung bewusst zu kontrollieren vermag, schließlich ist sie nur ein Halbblut.

      „Dann sollte man sie wohl nicht ärgern, huh?“

      Mach dir keine Sorgen. Sie muss dich schon ihr ganzes Leben ertragen und hat sich nicht einmal verwandelt. Doch das Leben kann einem so manches Mal einen bösen Streich spielen. Gib gut auf sie Acht, wenn du verhindern willst, dass sich das heute Geschehene wiederholt.

      „Was soll das denn heißen!? Und wie soll ich das überhaupt machen, wenn ich erstmal zu Eden geworden bin!?“
      Doch Levrier enthielt sich einer Antwort und schwieg.
      Abby trat zusammen mit ihrem Bruder neben Anya, während sie ihrem Bruder dabei sanft über den Kopf streichelte, welcher sich eng an ihre Hüfte geschmiegt hatte. Die Blondine bückte sich und hob Abbys getönte Brille auf, welche sie ihrer Freundin in die Hände drückte. „Da!“
      „Danke“, sagte die leise und setzte sie auf. Nun sah sie endlich wieder wie die Abby aus, die Anya so sehr mocht- Die sie in ihrem Umfeld ertragen konnte!
      „Du musst zum Arzt … huch!?“ Abby deutete auf die zerkratzten Stellen, die ihre langen Sirenenfingernägel in Anyas Oberarm geritzt hatten. Bloß waren genau jene fort. Nur das Blut war noch an Anyas Arm.
      „Ach, Kinderkacke. Du müsstest viel eher zum Arzt“, meinte Anya brummend.
      Abby streichelte sich die Wange und verzog schmerzhaft das Gesicht. „Geht schon. Das hab ich verdient. Aua!“
      „Hast du auch!“
      Das Mädchen seufzte und sah Anya durch ihre Brille plötzlich ernst an. „Du darfst niemandem erzählen, was du heute hier gesehen hast! Wenn herauskommt, dass ich-“
      Anya zuckte mit den Schultern. „Was erzählen? Dass du den Kerl mühelos vom Platz gefegt hast?“
      „Nein, dass ich-“
      Wütend trat Anya ihrer Freundin gegen das Schienbein, ehe die ihren Wink verstanden hatte. „Oh! Na klar … danke. Du bist 'ne echte Freundin … so jemanden wie dich habe ich gar nicht verdient, nach allem, was passiert ist.“
      „Erspar' mir die Gefühlsduseleien und hilf mir lieber, Nick aufzuwecken.“
      Die beiden drehten sich zu ihrem Freund um, der immer noch wie ein Baby schlief.
      „Wie konnte sich der Trottel eigentlich fangen lassen?“, fragte Anya garstig. „Das ist jetzt schon das zweite Mal!“
      Abby zuckte mit den Schultern. „Glaubst du denn, dass das so schwer ist?“
      „Neeee.“
      Die Mädchen fingen laut an zu lachen, während Nick in seinem Schlaf grunzte. Zufrieden stellte Anya fest, dass Abby immer noch fröhlich sein konnte. Dass das auch so blieb, war schließlich ihre Aufgabe …


      Turn 11 – None For All, All For Fun
      An Anyas Schule findet ein Duel Monsters-Tag Turnier statt. Alle Schüler dürfen daran teilnehmen, solange sie einen Partner vorweisen können. Da Abby sich, nach den schrecklichen Ereignissen der letzten Zeit, noch nicht wieder duellieren möchte, muss Anya sich einen anderen Mitstreiter suchen. Doch gerade das stellt sich in ihrem Fall als unsagbar schwierig heraus. Als sie es letztlich dennoch schafft und wie durch ein Wunder sogar ins Finale vordringt, besteht das generische Team aus niemand Geringerem als …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Abby

      Naturia Rosewhip
      Naturia White Oak
      Naturia Marron
      Naturia Fruitfly
      Naturia Cosmobeet
      Naturia Hydrangea
      Naturia Guardian
      Glow-Up Bulb

      Naturia Forest
      Landoise's Luminous Moss
      Barkion's Bark
      Gaia Power
      Monster Reborn

      Exterio's Fang
      unbekannte Fallenkarte

      Naturia Landoise
      Naturia Barkion
      Naturia Leodrake

      Matt

      Steelswarm Scout
      Steelswarm Cell
      Steelswarm Girastag
      Steelswarm Caucastag

      Swords Of Revealing Light
      Recurring Nightmare
      Monster Reborn

      Infestation Wave
      Call Of The Haunted
      @-Aska-
      Joa, das war das was ich auch meinte. Im Endeffekt war sie bis dahin sowas wie ein Anhängsel, das immer um Anya herum war und ein wenig als 'Gegen-/Ruhepol' zu ihr fungierte, aber eben etwas stereotypisch. Mit der letzten Folge wurde dann verstärkt auf ihren Charakter und Hintergrund eingegangen, was sie dann von den Nebendarstellern abhebt und ihr einen stärkeren Teil in der Geschichte gab.

      Und ich glaube nicht, dass ich der einzige Leser bin. Aber die anderen sind alle so schüchtern :heul:

      @Folge

      Klasse wie immer. Auch wenn man in so einer Situation meist erwarten darf, was so passieren muss für den Ausgang, aber da hebt sich das eben immer ab, wenn es trotzdem spannend geschrieben ist und man mitfiebern kann, wie sich das entwickelt. Das Duell war hierfür natürlich auch ein stilistisches Mittel. Aber so richtig Glanz der Folge hat auch hier der ganze Fokus auf Abby und ihre Geschichte verliehen. Und ich muss ehrlich sagen, die Abbyrene gefällt mir nach wie vor als Chara, auch wenn sie nicht ganz an Val heranreicht. ;)
      Persönliches Highight der Folge war nach dem Abschluss des Duells, als Anya Abby zur 'Besinnung' haute. Da wurde richtig deutlich, dass die beiden Mädchen ein ganz besonderes Verhältnis zueinander haben. Aber auch in Hinsicht auf die menschlichen Züge, die die sonst so knallharte Anya dabei zeigte und die man bei ihr sonst eigentlich nicht wirklich erwarten würde, war es sehr schön mitzuverfolgen.

      Nächste Folge hat wieder etwas Val zu bieten, was ihr schon jetzt ein Pluspunkt bietet. Aber wenn ich mich an das erinne, was Anya da alles erleiden darf, dann muss ich jetzt schon schmunzeln. (Und ja, ich meine damit ihren Kampf ins Finale einzuziehen, nicht das, was dann passiert ^^)
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      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Wie immer danke an die, die hier mitlesen.

      @Evil Bakura
      Ich denke, niemand wird je Vals Platz bei dir streitig machen können. xD
      Ich kenne nur eine Figur aus der Fortsetzung, die das eventuell könnte, aber das ist doch eher unwahrscheinlich. xD
      Joa, ausnahmsweise hat Anya mal nicht zugeschlagen, weil ihr das so viel Spaß macht. Selbst sie hat eben doch die ein oder andere menschliche Seite an sich.
      Jedenfalls danke. ^^


      Turn 11 – None For All, All For Fun



      Keuchend hielt sie sich die Brust und rutschte an der glitschigen Mauer hinab in die Hocke. Wusste es, dass sie hier war? Hatte sie es abgehängt? Die Stimme in ihrem Kopf war schon seit Tagen verstummt. War sie seinem allgegenwärtigen Blick tatsächlich entkommen? Doch sie wusste, dass wenn sie zu lange hier blieb, jenes Ding sie wieder finden und verführen wollen würde! Genau wie es Benny verführt hatte!

      Der Frau mit dem nach hinten zu einer Welle verlaufenden, braunen Haar war übel, als sie sich ihren Pony aus der Stirn wischte. Hier unten, in der dunklen Kanalisation stank es nach Fäkalien und etwas anderem, was sie jedoch nicht zu beschreiben wusste. Es war so dunkel, dass man sehr vorsichtig sein musste, wenn man sich hier bewegte.
      Wie lange war sie schon hier unten? Sie wusste es nicht. Alles, was sie hatte, war die Taschenlampe und einen Rucksack mit den nötigsten Kleidungsstücken. So lebte man, wenn man auf der Flucht war. Den halben Kontinent hatte sie hinter sich zurückgelegt und noch immer war es ihr auf der Spur, spukte tagelang in ihrem Kopf und flüsterte ihr schreckliche Dinge ins Ohr. Dann war es manchmal eine ganze Woche verschwunden, doch es kehrte immer wieder zu ihr zurück.
      Aber was sollte man von einem Wesen wie diesem anderes erwarten? Es war ihr Blut, hinter dem es her war. Das hatte es sogar selbst behauptet.

      Mit traurigem Blick holte sie aus der Hintertasche ihrer Jeans einen Kartenstapel hervor. Wenigstens das hatte sie mit sich nehmen können, um Schlimmeres zu verhindern. Zögerlich nahm sie die oberste Karte des Stapels in die Hand – das Geschenk des Dämons! Besonders diese eine Karte durfte nicht zurück in den Besitz dieses Dings geraten, oder es würde seinen abscheulichen Plan in die Tat umsetzen können. Bereitwillig hatte -es- ihr alles geschildert, über den Turm, das Datum und alles Weitere. Vermutlich hatte es nicht mit Gegenwehr gerechnet. Doch wie konnte sie sicher sein, dass ihr Bruder wieder er selbst war? Gar nicht!

      Ein schabendes Geräusch ließ sie aufschrecken. Mit der Taschenlampe leuchtete sie in die Richtung, doch außer dem Fluss voller Fäkalien und ein paar Ratten war da nichts. Wie konnte dort auch etwas sein, das keinen Körper zu besitzen schien? Aber wenn es Benny doch noch kontrolliert? Sie musste hier weg. Das Risiko war einfach zu groß.

      Sie musste entkommen, irgendwie! Zumindest bis zu jenem Tag. Dem 11. November …
      Also rannte die Frau davon, in der Hoffnung, sich ihren Verfolger nur eingebildet zu haben.

      ~-~-~


      Skeptisch verschränkte Anya die Arme voreinander. Fast alle Schüler der Livington High hatten sich auf dem großen Footballfeld der Schule versammelt und lauschten den Worten des Direktors, Mr. Bitterfield, der auf einer kleinen Bühne inmitten der riesigen Schar an Schülern stand.

      „Werte Studenten“, sprach er in sein Mikrofon. Der kleine, rundliche Mann mit dem schütteren, schwarzen Haarkranz legte wie gewohnt einen freundlichen Tonfall an. „Wie bereits vor Monaten angekündigt, findet heute das erste Tag Duel-Tournament an unserer Schule an. Das Siegerteam wird die Möglichkeit erhalten, an den diesjährigen, nationalen Wettstreiten teilzunehmen, um sich vielleicht einen Platz in der Profiliga zu sichern.“

      Die Blondine spielte gelangweilt mit ihrem Pferdeschwanz und betrachtete Abby, die direkt neben ihr stand. Sie wirkte immer noch sehr mitgenommen, innerlich wie äußerlich. Die Schwellungen waren, anders als Anyas Verletzungen, nicht abgeklungen und entstellten ihr freundliches Gesicht deutlich. Ihr trauriger Blick jedoch sprach mehr als tausend Worte. Anya wusste, dass Abby ihre Wurzeln als Sirene zu schaffen machten.
      „Klingt lustig, oder?“, fragte Abby mit erzwungener Heiterkeit.
      „Klar. Das Ding gewinne ich locker“, erwiderte Anya selbstsicher. „Willst du meine Partnerin sein? Für Tag Duelle braucht man zwei Leute.“
      Abby lächelte, schüttelte gleichwohl aber den Kopf. „Danke, aber ich denke, es wäre besser, wenn ich eine Weile die Finger vom Duellieren lasse.“
      „Langweilerin“, brummte Anya enttäuscht. Auch wenn sie bereits mit dieser Antwort gerechnet hatte, war es dennoch ätzend.

      Derweil erklärte Mr. Bitterfield die Regeln. „Es wird nach dem KO-Prinzip verfahren. Jedes Team kann seinen Gegner frei wählen, doch wenn es verliert, ist es aus dem Rennen. Sobald nur noch zwei Teams übrig sind, wird hier das große Finale abgehalten werden. Damit ihr nicht auf die Idee kommt zu schummeln, werden wir euch über die Server der AFC, der ehrenwerten Abraham Ford Company, überwachen. Damit stellen wir fest, wer bereits verloren hat und wer nicht.“

      „Anya? Bist du mein Partner?“ Anya drehte sich nicht einmal zu Nick um, der hinter ihnen stand.
      „Keine Chance! Siehst du das da?“
      Sie deutete in die Richtung des Podests auf der Bühne. Auf ihm stand ein kleiner, goldener Pokal.
      „Was ist das?“, fragte er verwirrt.
      „Das, was ich haben will. Und das krieg' ich nur mit einem -guten- Tag-Partner. Ergo bist du schon mal disqualifiziert.“ Nun wirbelte sie sich zu ihm um und machte eine verscheuchende Geste mit den Händen. „Husch, such dir jemand anderes, mit dem du verlieren kannst!“
      „Anya, das ist aber nicht gerade nett“, protestierte Abby.
      Enttäuscht ließ Nick den Kopf hängen und sprach eine Schülergruppe an, die ihn augenblicklich mit noch böseren Worten als Anya davon jagte.
      „Abby“, meinte jene und sah ihre Freundin taxierend an, „nicht die vier Buchstaben in meiner Gegenwart!“

      Anya war vieles. Gemein, herzlos, temperamentvoll, brutal, kreativ, ignorant, oder auch neurotisch. Aber eines, eines war sie ganz bestimmt nicht. N-e-t-t. Vor vier Jahren hatte Cynthia Tores es gewagt, Anya nett zu nennen, weil die ihr ausnahmsweise nicht das Geld für die Kantine abgeknöpft hatte. Schnell hatte Cynthia feststellen dürfen, wie lange ein Mensch die Luft doch anhalten konnte, wenn man mit dem Kopf in der Kloschüssel steckte, während ununterbrochen gespült wurde. Seitdem hatte sie ein halbes Dutzend Phobien – einige davon waren sehr unpraktisch im Alltag – und unwiderruflich das Land verlassen.
      Nein, Anya war nicht nett. Das passte weder zu ihrem Image, noch zu ihrer Person als Ganzes. Wer nett war, kroch anderen automatisch in den Allerwertesten – so sah Anya das. Und Analspiele waren nie ihr Ding gewesen. Demnach war sie nicht nett, würde es auch nie werden und wenn doch, würde man sie eines schönen Tages, den sich hunderte Bewohner Livingtons sehnsüchtig herbeiwünschten, von der Decke baumeln sehen. Doch den Gefallen würde sie dem Spießbürgertum ihrer Heimatstadt nicht tun. Nein, sie war nicht nett.

      „Bis zehn Uhr habt ihr Zeit, ein Team aus zwei Spielern zu bilden“, erklärte Mr. Bitterfield und beendete so langsam seine Rede. „Ich hoffe, dieses Turnier wird ein Erfolg! Für euch, als auch für unsere Schule! Der Wettstreit ist eröffnet!“
      Viele Schüler klatschten begeistert in die Hände. Anya war keine von ihnen. Sie war sauer, denn soeben hatte sie den Mann an der Seite des Direktors erkannt. Mr. Redfield, der Sponsor des Turniers. An den Schläfen und Koteletten war das schwarze Haar schon ergraut, doch in seinem makellosen, weißen Anzug sah der stattliche Mann trotz seines Alters sehr jung aus.
      „Siehst du ihn!? Da steht er und grinst in sich hinein“, ereiferte Anya sich wütend. „Ja, hat er seinem Töchterchen auch schön einen Platz ins Finale gekauft!?“
      Abby schnalzte mit der Zunge. „Anya … du siehst Gespenster. Jemand wie Valerie würde sich nie auf so etwas einlassen. Als wenn sie das nötig hätte …“
      „Tch, klar hat die das nötig! Aber unsere kleine Schwanenprinzessin wird sich noch wundern, wenn ich ihr erst alle Federn gerupft habe! Dann wird sie sehen, dass Daddys Geld eben nicht alles kaufen kann! Vor allem nicht Gesundheit!“
      „Ich würde an deiner Stelle ja lieber einen Partner suchen, als in unnötigen Hasstiraden aufzugehen. Warum fragst du Valerie nicht, ob ihr euch zusammenschließen könnt?“
      Kaum war der Satz ausgesprochen, waren Anyas Hände dem Hals von Abby gefährlich nahe. Die hob in panischer Heiserkeit die Hände. „War nur'n Witz!“
      „Andere lägen jetzt längst auf dem Seziertisch“, zischte Anya ihre Freundin an.
      Abby nickte zustimmend und seufzte. „Ich meinte doch bloß, zusammen könntet ihr sicher gewinnen. Ihr seid beide gute Duellanten.“
      Eher wurde Anya nett!
      Nachdenklich verschränkte Abby die Arme. „Trotzdem, schau dich mal um. Alle, die teilnehmen wollen, sind schon damit beschäftigt, sich jemanden als Partner zu suchen. Wenn du dich nicht beeilst, sind die besten schon weg.“
      „Du hast recht“, sagte Anya widerwillig. „Mal sehen, wen ich zu meinem Glück zwingen könnte.“

      Die Blondine spähte mit zusammengekniffenen Augen über das weite Footballfeld. Überall standen Schüler in kleinen Gruppen, unterhielten sich oder rannten von A und B, um den passenden Partner für sich zu finden. Viele aber hatten den Sportplatz verlassen, denn nicht jeder interessierte sich für Duel Monster, schon gar nicht, wenn Nichtstun die Alternative war. Trotzdem tummelten sich bestimmt über hundert Schüler hier. Manche zog es auch zum Campusgelände, damit sie dort ungestört ihren „Geschäften“ nachgehen konnten.
      Wen sollte sie sich an Land ziehen, fragte Anya sich angestrengt. „Ach scheiß drauf!“ Sie wusste sowieso nicht, wie die anderen spielten, da 95% ihrer Duel Monsters-Erfahrung vom Spielen diverser Simulationsprogramme herrührte.
      Kurzerhand steuerte sie auf eine kleine Traube aus drei Personen zu. Es waren die blonde Willow Taub und zwei Jungs aus Anyas Eishockeymannschaft. Als Letztere bemerkten, dass Anya auf sie zusteuerte, verabschiedeten sie sich hastig von der verdutzten Willow und hauten ab.
      Anya, die das verärgert feststellte, baute sich vor ihrer Klassenkameradin auf wie ein Erwachsener, der sein kleines Kind ausschimpfen wollte.
      „Du, ich, Partner“, machte sie mit einer entsprechenden Bewegung ihres Fingers klar.
      „Ähähähä, hi Anya“, lachte Willow heiser und sah sich hektisch nach irgendjemandem um, der ihr helfen konnte.
      „Komm!“, befahl die Blauäugige schroff und packte den Lockenkopf am Arm, welcher sich aber zu ihrem Ärgernis ziemlich bockig anstellte und sich nicht mitschleifen lassen wollte.
      „Lass mich los“, bettelte Willow, „ich hab doch schon 'nen Partner.“
      „Korrekt, Taub! Mich! Und jetzt stell dich nicht so an“, brummte Anya und zerrte hartnäckig an Willow, die all ihre Kraft aufbringen musste, um nicht ins absolute Chaos gerissen zu werden.
      „Nein, Johnny ist mein Partner … lässt du mich jetzt bitte los?“
      Anya sah sie misstrauisch an und tat schließlich mürrisch, worum man sie gebeten hatte. Willow landete durch den Schwung auf dem Hosenboden. „Pff, dann nicht! Such ich mir eben jemand anderes. Wenn du nicht gewinnen willst, mir doch schnuppe!“
      Eine Anya Bauer hatte es schließlich nicht nötig, um Almosen zu betteln!

      „Willst du- Hey, warum rennst du weg!?“, rief sie wenige Minuten später Ernie Winter hinterher, als sie diesen angesprochen hatte.

      „Eher würde ich- Glubagrblug!“
      Anya hatte -es- schon für den rothaarigen, pummeligen Willy Patrics übernommen, als sie seinen Kopf in die Toilette hielt. Was für ein Zufall, wo sie doch vorhin erst darüber nachgedacht hatte. Aber gut, so kam sie wenigstens nicht aus der Übung. Zu schade nur, dass sie für solche Spiele gerade keine Zeit hatte …
      „Hast Glück, Patrics, ich bin heute gnädig gestimmt.“
      Und so ließ sie ihn ziehen, ohne auch nur einmal die Spülung betätigt zu haben. Dafür würde sie sich aber eine gute Ausrede einfallen lassen müssen, warum die Tür des Jungenklos neuerdings nicht mehr als ein Fußabtreter war.

      „I-i-ich kann nicht dein Partner werden, ehrlich nicht!“, stammelte der pickelige Adam auf dem Gang und stieß mit einem schreckhaften Aufschrei gegen seinen Spind.
      „Warum nicht?“, dröhnte Anya mit unmenschlicher Stimme und war seinem Gesicht mit dem ihren so nahe, dass sie seine Angst förmlich riechen konnte. Ahhhhh, Angst! Warum gab es das nicht auch als Deo?
      „I-i-ich muss zu einer Beerdigung. M-m-meine Großmutter ist vor fünf Minuten gestorben. Bye!“
      „Halt!“ Anya hielt dem flüchtenden Brillenträger am Kragen fest, doch der schlüpfte kurzerhand aus seinem babyblauen Poloshirt und rannte mit nacktem Oberkörper davon.
      Wütend starrte sie ihm hinterher, wie er von vorbeikommenden Mitschülern ausgelacht wurde, welche ihrerseits kurz darauf verstummten und auf dem Absatz Kehrt machten, als sie Anya bemerkten.
      „Wieso will keiner mein Partner sein!?“, schnaubte die und warf Adams Überbleibsel in den Papierkorb neben sich.

      Dir fehlen eben die vier Buchstaben.

      „Verdammt richtig! Und darauf bin ich stolz!“

      Dann sei eine stolze Zuschauerin und sieh zu, wie Valerie Redfield das Turnier gewinnt.

      Anya ballte ihre Fäuste so sehr, dass die Haut über ihren Knöcheln aussah, als würde sie jeden Moment reißen. Wütend schlug sie gegen Adams Spind, dessen Tür unter dem Druck aufsprang.
      „Das werde ich nicht zulassen! Irgendwen muss es doch geben, der mit mir ein Team bilden will!“

      Vollkommen richtig. Und er steht direkt hinter dir.

      Im selben Augenblick spürte Anya eine Hand auf ihrer Schulter, was sofort einen Faustschlag ins Gesicht und einen schmerzerfüllten Schrei nach sich zog.
      Als Anya sah, wer dort vor ihr am Boden lag, verloren ihre Züge an Härte. Stattdessen stand ihr das pure Selbstmitleid im Gesicht. „Das kann unmöglich dein Ernst sein, Levrier!“
      „Hi Anya! Willst du mit mir ein Team bilden?“, fragte Nick und hielt sich die blutende Oberlippe grinsend. „Bitte sag ja!“

      In Not darf man nicht wählerisch sein, Anya Bauer.

      „Hast du keinen anderen Dummen gefunden!?“, herrschte Anya ihren Freund an.
      Der erhob sich und zuckte mit den Schultern. „Nö. Ich hab gewartet, dass du es dir anders überlegst, hehe.“
      Anya schlug die Hand vor den Kopf. Ihr Blick fiel dabei auf die Uhr, welche über einem der Klassenzimmer nicht weit von ihnen hing. Es war bereits dreiviertel Zehn.

      Sieh es ein, die meisten haben ihren Partner schon gefunden. Die guten Spieler sind mit Gewissheit längst vergeben und die wenigen, die jetzt noch übrig sind, sind für deine Ansprüche entweder zu schlecht oder zu ängstlich.

      „Soll das heißen, ich hab die Arschkarte gezogen!?“

      Ja. Aber schon lange, bevor dieses Turnier überhaupt begonnen hat …

      Anya rümpfte die Nase, denn Levriers Spitze ignorierte sie natürlich gekonnt – weil sie sie gar nicht erst als solche erkannt hatte. Dann warf sie einen Blick auf Nick, der mit seinen Augenbrauen zwinkerte.
      War es -das- wert? Anya wollte den beknackten Pokal und Valerie aus dem Turnier schmeißen, aber mit einem Partner wie Nick stand es 1 gegen 3. Valerie zerstören … Nick nicht ertragen zu müssen … was war besser?
      „Ach scheiß drauf, diese Knalltüten feg' ich auch alleine vom Feld! Komm mit, wir müssen zum Footballfeld, bevor die Frist verstrichen ist!“
      „Hurra- Umpf!“ Nick war aufgesprungen und keinen Herzschlag später gegen die Tür von Adams Spind gelaufen, als er Anya folgen wollte.
      Sie würde ihn umbringen, sobald das Turnier gelaufen war, schwor die Blondine sich grimmig. Völlig unabhängig vom Ergebnis!

      ~-~-~


      „Insgesamt haben wir also 42 Teams!“, verlautete der Direktor auf seiner Tribüne, während besagte Paare in sechs Reihen, bestehend aus je sieben Mannschaften, vor ihm standen und sehnsüchtig den Pokal anstarrten, den Mr. Redfield stolz präsentierte.
      Giftig schielte Anya über die Schulter. Wo war Valerie? Die würde sie gleich zu Beginn vom Platz jagen. Aber in der hintersten Reihe fehlte ein Team und sie war nirgendwo zu sehen? Nahm sie überhaupt teil oder war es etwa unter ihrer Würde, sich hier zu zeigen?
      „Wo ist die dumme Kuh?“, zischte Anya Nick an.
      „Neben mir.“
      Anya kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Ich hoffe, du hast damit das Team neben dir gemeint, denn wenn nicht, wirst du dein Leben lang aus der Schnabeltasse trinken müssen, 'kay?“
      Nick grinste nur unbekümmert.

      „Der Kampf um den Pokal ist hiermit eröffnet!“, rief Mr. Bitterfield euphorisch in sein Mikrophon. Die Reihen der Teams lösten sich langsam auf, einige begannen sofort auf dem Footballfeld mit ihren Duellen, andere trotteten zurück zum Campusgelände, um dort zu kämpfen, ohne von allen dabei beobachtet zu werden.
      „Komm, wir gehen Valerie suchen!“, befahl Anya.
      Zusammen rannten sie über den großen Sportplatz, vorbei an den Hallen, hinüber zum Campusgelände. Als sie dieses erreicht und an der Kantine neben dem großem Backsteingebäude der Oberstufe vorbeikamen, stellten sich ihnen zwei hagere Jugendliche in den Weg.
      „Wir wollen ein Duell!“, verlangte einer von ihnen übermütig. Sommersprossen zierten sein blasses Gesicht, während sein Partner einen halben Kopf größer war und eine unansehnliche Zahnspange trug, während er heftig nickte. Beide stammten aus der Unterstufe.
      „Aus dem Weg, ihr Schlümpfe“, knurrte Anya.
      „Erst wenn wir uns duelliert haben!“

      Das Mädchen runzelte die Stirn. Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich vor dem Finale nur mit Valerie zu duellieren. So konnte sie das Miststück aus dem Turnier kicken und danach eine ruhige Kugel schieben, während die anderen Teams sich gegenseitig das Leben schwer machten. Anschließend, wenn nur noch eines übrig war, musste sie dieses nur noch besiegen und hatte den verdammten Pokal sicher.
      Andererseits, wer sich ihr so dummdreist in den Weg stellte, hatte nur eines verdient. Absolute Vernichtung!

      „Nick, die machen wir alle!“
      „Okay, Boss!“, gluckste der und salutierte.

      „NICK!“, schrie Anya, als ihr Freund zwei Züge später von dem Zweiergespann besiegt worden war. „Was habe ich dir über Zauber- und Fallenkarten beigebracht!?“
      „Nichts?“
      Anya schlug die Hand vor den Kopf. War der Idiot farbenblind? Dauernd setzte er die falschen Karten und aktivierte sie, ohne darüber nachzudenken!
      Und jetzt stand sie dem [Neo-Parshath, The Sky Paladin] und [Master Hyperion] ihrer Gegner alleine gegenüber. Doch sie hatte bereits einen Plan …

      „NICK!“, brüllte Anya förmlich, als Willow Taub und Johnny Bremer sie mitten auf dem Gang gestellt hatten, der heute bereits dem pickeligen Adam zum Verhängnis geworden war, nachdem er eine spontane Stripeinlage hingelegt hatte. „Wenn du schon defensiv spielen willst, dann spiele deine Karten richtig aus!“
      „Hehe, sorry!“
      Wieder hatten ihre Gegner es geschafft, diesen Volltrottel aus dem Spiel zu schlagen. Nun musste sie zusehen, wie sie [Machina Fortress] und [Vision HERO Trinity] aus dem Weg räumen konnte. Aber ihr würde schon etwas einfallen …

      „NICK!“ Noch ein wenig mehr, und Anyas Augäpfel sprangen aus ihren Höhlen.
      Sie befanden sich mitten auf dem Rasen, den Anya mit ihren von Levrier erhaltenen Kräften ruiniert hatte. Den Schaden hatte man größtenteils behoben, doch deutlich sah man die Stellen in der Erde, die durch den plötzlichen Ausbruch aufgerissen worden waren.
      Und nun wusste Anya auch wieder, warum sie Nick noch nicht verziehen hatte. Dieser hirnamputierte Schwachmat war doch tatsächlich in eine gegnerische [Mirror Force] gerannt! Jeden Augenblick würde sie wieder alleine gegen zwei Gegner antreten müssen! In diesem Fall waren das die schwarzhaarige Lily McDonald, die ihre Frisur hochgesteckt hatte, und Thomas Dermott, ein durchtrainierter, arroganter Glatzkopf und Anyas Eishockey-Kamerad.
      „Ich werde das schon schaukeln“, brummte Anya und wurde sich schmerzhaft bewusst, wie schwer ein Duell 1 gegen 3 doch sein konnte …

      ~-~-~


      „Tch!“ Anya verschränkte wütend die Arme. Ganze fünf Mannschaften hatten versucht, sich mit ihr zu messen, alle waren gescheitert!
      Nun wartete sie hier zusammen mit Nick auf dem Footballfeld. Fast alle Teams waren mittlerweile aus dem Turnier geflogen. Die Rasenfläche war wie ausgestorben, da sich die ausgeschiedenen Teilnehmer bereits bei der Zuschauertribüne am Rande des Spielfeldes eingefunden hatten.
      „Noch drei Teams“, verkündete der Direktor, während er auf dem Laptop starrte, welcher auf einem Tisch mit weißer Decke stand. An jenem saßen nun er, Mr. Redfield und eine rothaarige, Brille tragende Journalistin der lokalen Zeitung. Zusammen thronten sie auf der Bühne und warteten das Ergebnis des vorletzten Duells dieses Turniers ab.

      Schließlich rief Mr. Bitterfield euphorisch: „Und das sind sie, die zweiten Finalteilnehmer! Valerie Redfield und Marc Butcher!“
      Anya glaubte, sich verhört zu haben. „Valerie!? Marc!? In einem Team!?“
      Kein Wunder, dass sie dieses Miststück nirgendwo angetroffen hat! Während andere sich mühevoll, wirklich mühevoll, durch das Turnier gequält haben, hatte -die- sich einfach zurückgezogen und mit Marc vergnügt – ihrem Marc!
      „Mit einer sagenhaften Zahl von vierzehn Siegen!“, fügte der Direktor noch überschwänglich hinzu.
      In Anya war gleichzeitig etwas gestorben. Und zwar ihr Wille, das Versprechen gegenüber Marc zu halten.
      „Das wird schwer“, hörte sie jemanden hinter sich besorgt sagen.
      Nick und Anya drehten sich um und sahen, wie Abby nachdenklich den Finger aufs Kinn legte. „Vierzehn Siege? Das ist ja ein Drittel aller Teilnehmer.“
      „Und wo ist das andere Drittel?“, fragte Nick ahnungslos.
      Anya hingegen war zu geschockt, um etwas darauf zu erwidern. Hatte diese widerliche, hochnäsige, selbstverliebte, beschissene, hohle Nuss Valerie doch tatsächlich MEHR Siege einkassiert als sie!
      „Das ist alles deine Schuld!“, beklagte sie sich bei Nick.
      Aber was noch viel schlimmer war: Marc war Valeries Partner, sprich ihr Gegner. Sie konnte doch nicht gegen Marc kämpfen, ihren Marc!

      Hin und her gerissen überlegte Anya, was sie tun sollte.
      Derweil schritten ihre Gegner über das Footballfeld zu ihnen.
      „Hi, Valerie!“, begrüßte Abby sie fröhlich. Doch ganz zu ihrem Entsetzen erwiderte die sonst so freundliche Schwarzhaarige nichts, sondern ignorierte die Dreiergruppe einfach, als sie zusammen mit Marc an ihnen vorbeiging. Dabei hielt sie den Kopf gesenkt, wobei der traurige Ausdruck in ihren Augen nicht zu übersehen war.
      „Hi, Marc!“, strahlte Anya und stockte. Nicht nur, dass sie eiskalt ignoriert wurde … er war auch noch verletzt! Um seinen rechten Arm war ein Verband geschlungen, der von der Handfläche bis zum Ellbogen ging.
      „Oh mein Gott, er muss sich beim Training verletzt haben!“, kreischte Anya hysterisch und zeigte auf ihren Schwarm. Und erschrak, als er ihr einen wütenden Blick zuwarf, nur um dann weiterzugehen.
      „Was ist denn in den gefahren?“, fragte Abby verdutzt. „So unfreundlich war er ja noch nie. Und Valerie auch nicht.“
      „Nur ein Grund mehr, dieses Komsumpüppchen zum Mond zu schießen! Und glaub mir, Abby, genau das werde ich auch tun! Selbst wenn Marc dafür eine Niederlage kassieren muss!“
      Bestimmt war sie der Grund, warum er so übel gelaunt war!

      ~-~-~


      Nach dem Aufruf des Direktors hatten sich auch die restlichen Schüler wieder auf der Veranstaltungsfläche des Finales eingefunden. Es fand nahe der Tribünen statt, von denen man auch den Footballspielen zuschauen konnte.
      Abby saß auf einer der Holzbänke, die schrittweise immer höher angesiedelt waren und seufzte. Ihre beiden Freunde standen Valerie und Marc dort unten gegenüber, während Mr. Bitterfield ein paar letzte Worte von seiner aufgebauten Bühne aus sagte.

      „Nun stehen sich die vier besten Duellanten unserer Schule gegenüber“, sprach er feierlich. „Wie schon zuvor angekündigt, erhalten die Sieger diesen wunderschönen Pokal …“ Welcher von Mr. Redfield mit besorgter Miene präsentiert wurde. Auch ihm war aufgefallen, dass Valerie niedergeschlagen schien. „… und die Möglichkeit, an den diesjährigen Nationals unseres schönen Bundesstaats teilzunehmen. Wer sich dort als siegreich erweist, wird an der amerikanischen Meisterschaft der Beginner's League teilnehmen dürfen und auf einen Platz in der Profiliga hoffen!“
      Er zeigte nun mit ausgebreiteter Hand auf Marc und Valerie, wobei besonders Letztere sehr angespannt wirkte und ruckartig eine gerade Haltung annahm. Sie hielt die Arme hinter dem Rücken verschränkt und sah ihren Gegnern nicht in die Augen. „Mit einer unglaublichen Anzahl von vierzehn Siegen treten Valerie Redfield, die Tochter unseres geliebten Bürgermeisters, und unser Star-Quarterback Marc Butcher …“
      Nun deutete der Direkter mit einem abfälligen Nicken in Anyas Richtung „… gegen Anya Bauer und Rick Harbour an.“
      „Ich heiße doch Nick! Oder nicht … ?“, begehrte der langgewachsene junge Mann dort unten verwirrt auf.
      „Ja, ja, ja“, winkte der Direktor desinteressiert ab. „Wir hoffen, dass diese großartige Veranstaltung mit einem würdigen Duell beendet wird! Lasst das Finale beginnen!“
      Beide Parteien ließen ihre Duel Disks ausfahren. Auf den Rängen tönte dröhnender Jubel, aber auch Buhrufe auf das Feld. Letztere galten Anya und Nick, die teilweise unschöne Anschuldigungen und Schimpfwörter an den Kopf geworfen bekamen, während Valerie und Marc kräftig unterstützt wurden.
      Abby seufzte. Fair war das nicht, denn sie hatte Anya beobachtet und gesehen, wie gut sie trotz Nicks Fehler gespielt hatte. Aber so waren die Leute eben. Und irgendwo war Anya auch selbst schuld daran.

      Derweil knirschte jene wütend mit den Zähnen beim Anblick von Valerie. Dass sie ausgebuht wurde, machte Anya nichts aus. Ihr Ziel bestand einzig und allein darin, dieses Mädchen mit einer Glanzleistung vom Platz zu fegen, die diese Schule so noch nie erlebt hat.
      „Wir schaffen das, Nick! Und denk an das, was ich dir beigebracht habe!“
      „Aber du hast mir doch nichts beigebracht!“, widersprach Nick panisch.
      „Dann denk an die Schmerzen, die ich dir beigebracht habe! Und setz' das einfach als Duellstrategie um, 'kay!?“
      „Okay. Du bist der Boss …“, meinte er unbekümmert und zuckte mit den Schultern.
      Letztlich riefen beide Parteien: „Duell!“

      [Anya: 4000LP Nick: 4000LP //// Valerie: 4000LP Marc: 4000LP]


      „Ich beginne“, sprach Marc mit solcher Entschiedenheit, dass es einen Moment ganz still war. Dann jubelten die Leute lauthals, während Anya nur eifrig nickte.
      Nachdem er sein Blatt um eine sechste Karte bereichert hatte, sprach er mit seiner tiefen Stimme: „Ich setzte eine Karte verdeckt!“ Sie erschien vor seinen Füßen. „Dann aktiviere ich [Card Destruction]! Damit müssen ich und ein weiterer, von mir gewählter Spieler, alle Handkarten abwerfen, um dann dieselbe Anzahl neu aufzuziehen! Anya, ich wähle dich!“
      „Alles, was du willst“, hauchte die zärtlich mit verträumten Blick.
      Vor beiden erschienen die Abbilder ihrer Karten, die auf den Friedhof geschickt werden sollten. Wissbegierig sog Anya jede Information über Marcs Deck in sich auf. „[Laval Volcano Handmaiden], [Laval Miller], [Laval Forest Sprite] und [Laval Lancelord] … so cool …“
      Dabei weinte sie nicht einmal ihrer guten Starthand hinterher, sondern zog einfach fünf neue Karten, während es bei Marc nur vier waren. Dieser erklärte in strengem Tonfall: „Wenn [Laval Volcano Handmaiden] auf den Friedhof gelegt wird, während sich andere Laval-Monster dort befinden, kann ich ein Laval-Monster von meinem Deck auf den Friedhof lege. Das wird ein weitere Handmaiden sein.“
      Vor Marc erschien eine durchsichtige Gestalt, ein junges Mädchen mit Haar aus purer Lava. Sie kicherte hochnäsig und verwandelte sich dann in glühende Feuerfunken. „Da nun wieder eine Handmaiden auf den Friedhof gelegt wurde, kann ich noch eine Karte ablegen. Abermals eine Handmaiden.“
      Dasselbe Mädchen tauchte noch einmal vor ihm auf, nur wieder zu verschwinden. „Durch sie schicke ich nun [Laval Warrior] auf den Friedhof.“
      Und während er das tat, seufzte Anya theatralisch. Wie gut er doch spielte. In einem Zug so viele Monster auf den Ablagestapel geschickt zu haben, das war … was zur Hölle war das eigentlich? Anya stutzte. Aber Marc wusste schon, was er da tat.
      Jener sprach unterkühlt: „Ich setze eine weitere Karte verdeckt und beende. Hey du, Rick, oder wie du heißt, es ist dein Zug!“

      Nick winkte aber nur aufgeregt Abby zu, die ihrerseits beide Daumen nach oben hielt, um ihm Mut zu machen. Hätte sie ihm doch lieber ein Schmerzmittel gegeben, könnte so mancher gedacht haben, als Anya ihm ihren Ellbogen zielsicher in die Rippe gerammt hatte.
      „Schlaf nicht rum! Marc hat gesagt, dass du dran bist! Und wehe, du machst irgendeinen dummen Fehler! Ich will nicht, dass du mich vor ihm blamierst, 'kay!?“
      „Na logo, der Nickinator macht nie Fehler!“ Voller Elan zog Nick eine Karte. „Ich beschwöre [Wind-Up Juggler] und greife Valerie direkt an!“
      Mit ausgeschwenktem Arm zeigte er seinem vor ihm auftauchenden Spielzeugjongleur, der in seiner abstrakten Form einer humanoiden Katze mit Sprungfeder als Unterkörper ziemlich ähnlich sah, das Ziel der Attacke.

      Wind-Up Juggler [ATK/1700 DEF/1000 (4)]

      Doch statt Nicks Befehl zu folgen, verharrte das Wesen seelenruhig und begeisterte das Publikum mehr oder weniger – eher weniger – mit seinen Jonglierkünsten.
      Anya klatschte sich die Hand vor den Kopf. Es war ja löblich, dass Nick ihr helfen wollte, Valerie fertig zu machen, aber bei solcher Hilfe wäre er auf ihrer Spielfeldseite besser aufgehoben.
      „Nick“, presste sie, bemüht die Fassung zu wahren, sauer hervor, „man kann in einem Tag Duell nicht während seines ersten Zuges angreifen! Erst ab Marcs nächstem Zug dürfen wir das!“
      „Oh! Das war ja auch mein Plan!“
      Anya blinzelte verdutzt. „Huh?“
      „Na meine Gegner zu verwirren! Jetzt denken sie, dass ich gar keine Ahnung habe!“ Stolz wie Oscar plusterte sich Nick mit geschwollener Brust auf und erwartete Lob. Er bekam aber nur einen Tritt gegen sein Schienbein. „AU!“
      „Du hast doch auch gar keine Ahnung, du Volltrottel! Gott, wieso ich!?“, beschwerte sich Anya mit einem vielsagenden Blick gen Himmel. Der in seinem trübsten Grau aber schwieg, als wolle er sich über die Blondine lustig machen.
      „Och … na dann beende ich meinen Zug“, kündigte Nick an.
      „WAS!? Willst du nicht wenigstens 'ne Karte setzen!?“
      „Wieso? Die darf man doch dann auch erst später akti-“ Mit einem Schlag gegen den Hinterkopf hatte Anya Nick ins Gras gepfeffert und trat auf seinen Rücken. Sie war außer sich vor Wut und wenn Mr. Bitterfield sie nicht lauthals ermahnt hätte, wäre Nick wohl als Märtyrer aller Minderbemittelten in die Geschichte Livingtons eingegangen.
      So aber konnte er wacklig wieder aufstehen. „Sorry!“

      „Ich bin dann wohl am Zug?“, fragte Valerie unmotiviert und zog. „[Gishki Chain].“
      Aus einer Wasserlache schoss ein amphibischer Krieger, der seine Kette schwang und auf Valeries Duel Disk losließ. Sie versank in ihrem Deck und zog die Abbilder dreier Karten daraus hervor, die sich vor dem Mädchen ausbreiteten.

      Gishki Chain [ATK/1800 DEF/1000 (4)]

      „Wenn [Gishki Chain] beschworen wird, sehe ich meine obersten drei Deckkarten an und nehme daraus entweder ein Gishki-Ritualmonster oder eine Ritualzauberkarte auf meine Hand, sollte denn eine darunter sein.“
      Vor Valerie schwebten [Evigishki Tetrogre], [Monster Reborn] und [Salvage]. Sie nahm das Ritualmonster Tetrogre zwischen ihre Finger und fügte es ihrem Blatt hinzu.
      „Ich setze zwei Karten verdeckt und beende meinen Zug.“ Vor ihren Füßen erschienen sie, doch Anya achtete gar nicht darauf.
      Da stimmte doch irgendetwas nicht! Wieso war Valerie so teilnahmslos? Als würde sie gar nicht kämpfen wollen?

      Die Blondine runzelte die Stirn und betrachtete ihr Blatt. Jenes war nicht ganz so gut wie das verlorene, doch ausreichend. Schließlich rief sie ehrgeizig: „Draw!“
      Dieser verdammte Pokal würde ihr gehören, so viel war sicher! Und wenn diese dumme Pute nicht darum kämpfen wollte, umso besser!
      „Ich aktiviere aus meinem Friedhof heraus [Gem-Knight Fusion]! Die wurde durch“, ihre Stimme gewann etwas Schwärmerisches, „Marcs [Card Destruction]“, und wurde augenblicklich wieder fest, „auf den Friedhof geschickt! Ich entferne also [Gem-Knight Amber], um sie auf meine Hand zurück zu erhalten!“
      Mit zufriedenem, schadenfrohem Grinsen hielt sie die Zauberkarte in die Luft. „Und ich benutze sie, um [Gem-Knight Tourmaline] und [Gem-Knight Garnet] zu verschmelzen! [Gem-Knight Tourmaline], du bist das Element, [Gem-Knight Garnet], du der Ursprung! Vereinigt eure Kräfte und werdet zu [Gem-Knight Prismaura]!“
      In einem Wirbel voller Edelsteine verschwanden die Abbilder ihrer Karten und erzeugten einen Lichtblitz, aus dem ein anmutiger Krieger trat. Mit Lanze und Schild in den Händen stand er vor Anya, während aus seiner Rüstung durchsichtige Kristalle wuchsen.

      Gem-Knight Prismaura [ATK/2450 DEF/1400 (7)]

      Anya griff nach ihrem Friedhofsschlitz, aus dem ihre [Gem-Knight Fusion] hervortrat. „Ich entferne jetzt Tourmaline, um [Gem-Knight Fusion] auf meine Hand zu erhalten. Aber da bleibt sie ganze zwei Sekunden, denn ich werfe sie für Prismauras Effekt ab, damit ich [Gishki Chain] zerstören kann!“
      Ihr Krieger schoss aus seiner Lanze einen grellen Energiestrahl ab, der Valeries Fischmann in einer tosenden Explosion vernichtete.
      Anya nahm aus ihrem Blatt eine Karte und schob sie in ihre Duel Disk. „Diese hier verdeckt! Damit beende ich meinen Zug!“
      Das klappte doch prima! Nächste Runde würde sie angreifen können, und dann war Valerie fällig!

      Wortlos, aber mit finsterem Blick, zog Marc seine nächste Karte und steckte sie in sein Blatt.
      „Wir sollten Anyas Falle loswerden, oder?“
      Er antwortete nicht, reagierte gar nicht auf Valeries Worte. Deswegen schwang die ihren Arm aus: „Verdeckte Schnellzauberkarte! [Mystical Space Typhoon]! Damit-“
      Doch plötzlich brüllte Marc: „Misch dich gefälligst nicht ein! Ich brauche deine verdammte Hilfe nicht! Von meiner Hand der Schnellzauber [Mystical Space Typhoon]!“
      „Entschuldige …“, meinte Valerie wie ein geschlagener Hund mit schwacher Stimme und wich seinem vernichtenden Blick aus. Dabei hatte sie noch Glück, dass ihre Karte noch nicht aufgesprungen, ergo offiziell aktiviert worden war.
      Derweil trat aus Marcs Zauberkarte ein Wirbelsturm, der Anyas Falle [Negate Attack] mit sich riss und dann im Nirgendwo wieder verschwand. Doch die konnte gar nicht fassen, wie Marc soeben mit Valerie geredet hatte. Das war … das war … genial!
      „Ja, mach sie zur Schnecke!“, jubelte Anya außer sich vor Freude.
      „Halt den Mund, ich muss nachdenken!“, schnauzte Marc das Mädchen daraufhin derart abweisend an, dass jenes zusammenzuckte.
      „Was ist denn mit ihm los?“, flüsterte sie fassungslos Nick zu. Der schüttelte nur den Kopf. Verdutzt betrachtete Anya ihren Teamkollegen. Täuschte sie sich, oder hatte sich etwas in Nicks Blick verändert? Sah er tatsächlich … besorgt, gar verärgert aus? Nein … das musste Einbildung sein! Solche Gefühle kannte Nick doch gar nicht!

      „Da genug Laval-Monster mit verschiedenen Namen auf meinem Friedhof liegen“, sprach Marc nun wieder konzentriert, aber dennoch unterkühlt, „rufe ich diese zwei Monster von meiner Hand als Spezialbeschwörung. [Laval Coatl] und [Laval Burner]!“
      Um Marcs Kopf schwirrte plötzlich ein gelbroter Babyflugsaurier, während vor ihm ein Steintitan aus dem Boden wuchs. Wild lag ihm das rote Haar weit bis zur Hüfte, während seine steinernen Fäuste in Flammen aufgingen.

      Laval Coatl [ATK/1300 DEF/700 (2)]
      Laval Burner [ATK/2100 DEF/1000 (5)]

      Dann deutete Marc auf seine linke verdeckte Karte, die sofort aufsprang und sich als Schnellzauber entpuppte. „[Searing Fire Wall]! Damit entferne ich eine beliebige Anzahl an Laval-Monstern von meinem Friedhof, um dann dieselbe Anzahl an Spielmarken zu beschwören!“
      Er steckte sich [Laval Miller] und [Laval Forest Sprite] in die Hosentasche, während vor ihm zwei kleine Flammen mit Gesichtern emporschossen.

      Laval-Token x2 [ATK/0 DEF/0 (1)]

      Anya musste schlucken. Warum beschwor Marc so viele Monster? Das konnte doch nur bedeuten, dass er einen Großangriff plante! Skeptisch warf sie einen Blick zu Nick herüber, der jenen mit ausdrucksloser Miene erwiderte.
      Was war los mit dem Kerl? Die ganze Zeit war er bester Laune gewesen. Das Mädchen machte sich aber viel eher Sorgen um seinen Stand im Duell. Als schwächstes Glied würde Marc ihn sicherlich als Ersten besiegen wollen. Und Anya wusste, dass selbst sie gegen Marc UND Valerie kaum Land sehen würde.
      „Ich opfere nun diese beiden Spielmarken für eine Tributbeschwörung. Erscheine, [Laval Judgment Lord]!“
      Neben seinem Titanen erschien ein furchteinflößender Krieger, der eine Panzerung aus Stahl trug. Sein Waffenrock war von rotem, flatternden Stoff bedeckt, welcher ebenfalls von seiner Schulter in Form eines Umhangs flatterte. Die linke Hand des Kämpfers entflammte schließlich.

      Laval Judgment Lord [ATK/2700 DEF/1800 (7)]

      „Ich wusste es“, zischte Anya sauer. Nick würde unweigerlich fallen, nachdem sie ihn nicht mehr mit ihrer Falle beschützen konnte, da Marc jene zerstört hatte! Warum hatte immer sie so ein verdammtes Pech!?
      „Verdeckte Falle aktivieren!“, rief Marc und ließ sie aufsehen. „[Return From A Different Dimension]! Für die Hälfte meiner Lebenspunkte kehren für einen Zug alle meine aus dem Spiel verbannten Monster auf das Feld zurück!“

      [Anya: 4000LP Nick: 4000LP //// Valerie: 4000LP Marc: 4000LP → 2000LP]


      Ein Dimensionsspalt machte sich weit über ihm auf. Aus diesem sprangen ein kleiner Kobold, gekleidet in einem roten Cape und ein Ork aus Stein hervor, welcher ein abgebrochenes Mühlrad in den Händen hielt.

      Laval Forest Sprite [ATK/300 DEF/200 (2)]
      Laval Miller [ATK/300 DEF/400 (3)]

      Ungläubig runzelte Anya die Stirn. Nun hatte Marc seine gesamte Monsterkartenzone gefüllt. Zwar erfüllte sie das mit großer Ehrfurcht, doch verunsicherte es sie gleichermaßen. Sie hatte nicht gewusst, dass Marc so ein guter Spieler war.
      Und scheinbar war er immer noch nicht fertig mit seinem Zug. „Ich stimme jetzt meinen Stufe 2 [Laval Coatl] und meinen Stufe 5 [Laval Burner] aufeinander ab! Melting bodys form a path to damnation! The wicked soul lusts for even greater power! Synchro Summon! Burn, [Laval Stennon]!“
      Der Babyflugsaurier verwandelte sich in zwei grüne Ringe, durch welche [Laval Burner] flog und infolge dessen zu einem grünen Lichtstrahl wurde.
      Kurz darauf landete ein gewaltiger Titan aus blassem, blauem Gestein vor Marc. Um Arme, Hüften und Schultern lagen goldene Ringe, aus seinem Leib heraus traten Dreiecke aus Stahl. Eines von ihnen, welches direkt aus Stennons Brust wuchs, wies ein Paar leuchtender, gelber Augen auf.

      Laval Stennon [ATK/2700 DEF/1800 (7)]

      Anya indes schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Marcs Wille zum Sieg war selbst ihr unheimlich, obwohl sie selber um jeden Preis gewinnen wollte. Doch nun war sie sich nicht mehr so sicher, ob es ein alberner Pokal und die Aussicht, eventuell in die Proliga aufzusteigen, es wert waren, wenn man so verbissen darum kämpfte wie Marc.
      Sie revidierte den Gedanken jedoch schnell wieder – natürlich war es das wert!
      Derweil erklärte ihr Gegner gereizt: „Wenn Stennon beschworen wird, muss ich eine Karte abwerfen, doch ich besitze keine. Und nun stimme ich …“
      „Was!? Gleich nochmal!?“, erschrak Anya und beobachtete, wie Marcs Müller und der Waldkobold in die Höhe stiegen.
      „… meinen Stufe 2 [Laval Forest Sprite] auf meinen Stufe 3 [Laval Miller] ab! From the blazing shores to the roaring volcanos, the spirit of fire rules the rotten land! From the sparking flames of hatred, the divine dragon is born! Synchro Summon! Take flight, [Lavalval Dragon]!“
      Wie zuvor Coatl zersprang Marc brennender Kobold in zwei grüne Ringe, welche von dem Müller mit seinem Mühlrad in der Hand durchquert worden. Ein Lichtblitz blendete die Anwesenden, bevor unter lautem Gebrüll ein Drache um das gesamte Footballfeld flog, ehe er vor Marc in der Luft Halt machte und anmutig landete. Sein dunkler Körper bestand vollkommen aus gekühltem Magma, sodass einige Ritzen zwischen seinen steinernen Schwingen und dem langen Schweif noch immer rot aufglühten.

      Lavalval Dragon [ATK/2000 DEF/1100 (5)]

      „Monstereffekt! Wenn [Laval Forest Sprite] vom Spielfeld auf den Friedhof gelegt wird, erhalten alle Laval-Monster bis zum Ende des Zuges 200 ATK für jeden ihrer Artgenossen auf dem Ablagestapel.“ Marc lächelte finster und sprach mit gefährlicher Schärfe: „Und ich zähle dort neun Stück!“
      Anya stockte der Atem, als um Marcs drei ohnehin schon sehr starke Monster tosende Flammen schlugen. Es war, als stünde seine ganze Seite des Feldes in Brand.

      Laval Judgment Lord [ATK/2700 → 4500 DEF/1800 (7)]
      Laval Stennon [ATK/2700 → 4500 DEF/1800 (7)]
      Lavalval Dragon [ATK/2000 → 3800 DEF/1100 (5)]

      Fassungslos starrte Anya in das Inferno. Marc war durch die Flammen kaum mehr zu sehen, Valerie, die sich die ganze Zeit über nicht mehr eingemischt hatte, ebenso wenig.
      „Damit kann er nicht nur einen von uns vernichten … sondern dem anderen noch über die Hälfte seiner Lebenspunkte nehmen. Wir sind aufgeschmissen“, brachte sie wie in Trance hervor.
      Vielleicht lag es daran, dass es Marc war, der ihr so zusetzen wollte. Doch Anya hatte sich noch nie so hilflos in einem Duell gefühlt.
      Aber es sollte noch viel schlimmer kommen, als Marc rief: „Ich aktiviere den Effekt von [Lavalval Dragon]! Und das gleich zweimal hintereinander! Indem ich jedes Mal zwei, also insgesamt vier, Laval-Monster von meinem Friedhof in mein Deck mische, kann ich so pro Aktivierung eine Karte meines Gegners auf die Hand geben. Damit sind eure Monster fort und können euch nicht länger schützen!“ Er zeigte die drei [Laval Volcano Handmaidens] und [Laval Warrior] vor und mischte sie in sein Deck zurück.
      Während Anyas [Gem-Knight Prismaura] sich einfach auflöste und ins Extradeck zurückkehrte, nahm Nick wortlos [Wind-Up Juggler] zurück auf die Hand, welcher daraufhin ebenfalls verschwand. Die Felder der beiden Duellanten waren nun komplett geräumt, innerhalb eines Zuges.

      „Unfassbar! Das ist The Butcher!“, kommentierte Mr. Bitterfield das Ganze begeistert. „Wer hätte schon erwartet, dass er als Duellant genauso geschickt ist, wie als Sportler!?“
      Tosender Applaus von der Zuschauertribüne drang zu den Teams, während Anya realisierte, dass sie und Nick nun endgültig verloren hatten. Allein die Angriffe von Marcs Superkriegern reichten schon aus, um das Spiel für sich zu entscheiden.
      „[Lavalval Dragon], greife Valerie direkt an! [Laval Judgment Lord], du übernimmst Anya, während [Laval Stennon] Dicks Lebenspunkte auslöscht! LOS!“
      Marcs Monster schwärmten aus. Der brennende Magmadrache stieg in die Lüfte, drehte eine große Runde über den Sportplatz und stürzte dann mit furchteinflößendem Tempo auf Valerie hinab. Die konnte gar nicht fassen, dass sich ihr eigener Partner gegen sie gestellt hatte und hielt nur die Arme zum Schutz in die Höhe, als der Drache Feuer spie. Sie wusste, dass ihre verdeckten Karten [Mystical Space Typhoon] und [Poseidon Wave] sie nicht beschützen konnten und schloss die Augen.
      Gleichzeitig stampfte der große Krieger im roten Umhang auf Anya zu und verpasste ihr einen Fausthieb, während Stennon aus der Kanone an seinem Arm eine gewaltige Lavakugel auf Nick abschoss.
      Drei Schreie erfüllten das Spielfeld.

      [Anya: 4000LP → 0LP Nick: 4000LP → 0LP //// Valerie: 4000LP → 200LP Marc: 2000LP]


      Die Hologramme verschwanden. Während Valerie in die Knie sank, nicht begreifend, war dort eben geschehen war, atmete Anya tief durch. Nick war vor Schreck glatt aus den Latschen gekippt und blinzelte erstaunt.
      „Wir haben einen Gewinner! Unfassbar! The Butcher hat uns eindrucksvoll bewiesen, wie er es selbst mit drei Gegnern gleichzeitig aufnehmen könnte!“, donnerte der Direktor der Livington High aufgeregt in sein Mikrophon. Dabei schrieb sich die Journalistin neben ihm hektisch jedes Detail auf, während Mr. Redfield wohl noch nie so erbost ausgesehen hatte, wie es jetzt der Fall war. Er erhob sich von seinem Platz, nahm die kleine Treppe der Bühne hinab zum Spielfeld und lief eiligen Schrittes auf Marc zu.
      „Da hast du deinen Pokal“, zischte er hasserfüllt und drückte das goldene Prachtstück seinem rechtmäßigen Eigentümer kraftvoller in die Hände, als nötig gewesen wäre. Dann wandte er sich Valerie zu. „Komm Kleines, wir gehen!“
      Marc lachte hochnäsig auf. „Das hier brauche ich nicht!“ Damit warf er den Pokal vor Valeries Füße, die ihrerseits lautlos ihr Gesicht in die Hände vergraben hatte. „Behalt' das Teil und mach damit, was du willst!“
      Mit diesen Worten drehte er sich einfach um und schritt von dannen. Die Zuschauer, welche die ganze Zeit über sprachlos zugesehen hatten, bombardierten ihn regelrecht mit Buhrufen, doch es machte Marc nichts aus. Er ging einfach weiter, bis er schließlich außer Sichtweite war.

      Valerie spürte, wie ihr Arm gepackt und sie auf die Beine gerissen wurde.
      „Du kommst mit!“, befahl Anya streng und schleifte sie davon, während Mr. Redfield entsetzt mitansah, wie die Blondine mit seiner Tochter und Nick im Schlepptau ebenfalls im Begriff war, das Weite zu suchen.
      „Du auch, Masters!“, rief Anya hinauf zu den Tribünen, als sie jene erreicht hatte, wo Abby alles fassungslos mit angesehen hatte.
      „Sie bleiben schön hier, Miss Bauer!“, schaltete sich nun Mr. Bitterfield empört per Mikrophon ein. „Warten Sie!“
      „Das Turnier ist vorbei!“ Anya hatte sich umgedreht und zeigte dem Direktor den Stinkefinger. „Spenden Sie den beschissenen Pokal doch an Krebskranke oder so! Und jetzt halten Sie die Klappe, Sie gehen mir so was von auf die Eierstöcke mit ihren beknackten Kommentaren!“
      Dem Direktor verschlug es glatt die Sprache. Und während jener zusah, wie Abby eilig die Zuschauerreihen hinunter gelaufen kam und Anya zusammen mit Nick und Valerie folgte, hob der Vater Letzterer den Pokal auf und betrachtete ihn niedergeschlagen. „Das hast du nicht verdient, Valerie …“

      ~-~-~


      Ich habe keine logische Erklärung für das Verhalten deines Freundes. Warum würde er Valerie absichtlich weh tun wollen, wenn er dich zuvor darum gebeten hatte, genau das zu unterlassen? Ein solcher Wandel ist extrem verdächtig, denkst du nicht auch?

      „Deswegen sitzen wir ja hier“, brummte Anya und saß zusammen mit Valerie, die immer noch weinte, Nick, welcher unbeholfen Fratzen zog, um jene aufzuheitern, und Abby am kreisrunden Esstisch in Anyas Küche.
      „Was sagt Levrier?“, fragte Abby besorgt.
      „Nichts, was ich nicht auch so schon wusste!“
      Valerie sah mit stark geröteten Augen auf. Ihr Make-Up war verlaufen und die Haut so blass, dass man die Adern sehen konnte. Normalerweise hätte Anya eigentlich vor Schadenfreude in die Luft springen müssen, doch komischerweise konnte sie sich nicht an Valeries Anblick erfreuen. Es war fast, als-
      „Das ging den ganzen Tag so“, sagte die jetzt verschnupft. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, das war gar nicht Marc! Er war nie so gemein und herablassend zu anderen gewesen! Er war immer gutmütig, außer vielleicht, wenn es um Sport ging …“
      „Sag mir was Neues.“ Anya konnte es nicht leiden, wie Valerie über ihn sprach, als wären sie mehr als nur Freunde. Aber es war auch der Neid, tatsächlich nicht zu wissen, -wie- Marc privat überhaupt so war.
      „Am Anfang hat er sich noch halbwegs zusammengerissen“, erklärte Valerie aufgewühlt weiter. „Aber je mehr Gegner wir besiegt haben, desto schlimmer wurde er. Weder hat ihn meine Meinung interessiert, noch hat er meine Hilfe angenommen, wenn er sie dringend gebraucht hätte. Aber irgendwann hatte er sie auch gar nicht mehr nötig, so brutal und effektiv hat er gespielt …“
      Abby nickte. „Das bestärkt mich nur darin, mich nie wieder zu duellieren …“, sagte sie leise. Dabei strich sie über das Holz des Tisches und schien etwas auf dem Herzen zu haben, was sie nur ungern aussprechen wollte. Doch schließlich platzte es aus ihr heraus. „Ich glaube, das wird euch nicht gefallen, aber … was, wenn er einen Pakt geschlossen hat? Wie Anya? Oder besessen ist, so wie Caroline oder die anderen aus Victim's Sanctuary?“
      Entgeistert wurde Abby von ihrer Freundin angestarrt. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht!

      Ich konnte keine außergewöhnlichen Veränderungen an seiner Präsenz feststellen. Allerdings bin ich, was das angeht, seit unserem Pakt nicht besonders zuverlässig, nicht wahr?

      „Allerdings!“, zischte Anya und starrte die Decke an, wo sie irrsinnigerweise Levriers Geist vermutete. Dann wandte sie sich Valerie zu. „Levrier sagt, Marc war vollkommen normal. Aber das muss nichts heißen!“
      „Ich hatte den gleichen Gedanken bereits während des Turniers“, sagte Valerie und wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Also habe ich Joan um Hilfe angefleht. Sie hat mir sogar geantwortet, doch sagte sie nichts anderes als Levrier. Marc war nicht besessen und seine Verletzung hat er sich beim Training letzte Woche zugezogen, ich habe die Wunde selbst gesehen.“
      Erstaunt sah Abby ihre Sitznachbarin an. „Du hast mit Joan geredet!?“
      „Ja … das erste Mal seit Tagen. Sie meldet sich nur hin und wieder, um zu sehen, ob es mir gut geht.“ Valerie seufzte schwer. „Sie ist wirklich sehr nett … aber selbst als Gottes Dienerin konnte sie nichts für mich tun. Und es wäre vermessen, um noch mehr Beistand zu betteln …“
      Anya schnaufte wütend. Die und ihre heiligen Freunde! Jetzt tat sie ganz bescheiden, nur um noch mehr bemitleidet zu werden! Was für eine abgehobene, hohle Nuss Valerie doch war! Und doch …
      „Hat er sich irgendwie verraten?“, fragte Abby neugierig.
      Valerie sah sie verwirrt an. „Was meinst du?“
      „Na ja, vielleicht ist etwas Schlimmes passiert? Das verändert die Menschen, besonders, wenn es sehr plötzlich geschieht.“
      „Ich weiß es nicht …“

      Anya hatte genug! Dieses ganze Gelaber führte zu nichts! Warum auch immer Marc sich so daneben benommen hatte, sie würden es nicht durch wilde Spekulationen herausfinden. „Mein Gott, Redfield, warum fragst du ihn nicht einfach!?“
      Abby war es jedoch, die antwortete und dabei die Augen verdrehte. „Denkst du, das hat sie nicht getan?“
      „Ich habe gefragt … und natürlich keine Antwort erhalten. Ich solle mich nicht einmischen hieß es.“ Sie lachte bitter auf. „Den Spruch habe ich heute öfter gehört, als die restlichen 19 Jahre meines Lebens zuvor.“
      „Dann wird das hier deinem Spruch jetzt Konkurrenz machen, denn den hast du auch schon oft genug gehört: zieh Leine, Redfield!“
      „Anya!“ Empört sprang Abby auf. „Warum sagst du so was!? Du warst es doch, die sie hierher gebracht hat!?“
      Die Blondine winkte ab. „Na und? Nun will ich aber, dass sie geht! Mein Kopf brummt und ich habe verdammt schlechte Laune! Und da ich keine Lust habe, mich noch weiter über Dinge aufzuregen, die ich sowieso nicht ändern kann, lass ich es einfach!“
      „Du bist so-!“
      Valerie legte ihre Hand auf Abbys Schulter. „Anya hat schon recht, das bringt nichts. Ich sollte gehen und erst einmal eine Runde Schlaf finden. Vielleicht sieht die Welt morgen schon ganz anders aus.“
      „Wenn du willst, bringe ich dich nachhause? Dein Vater macht sich bestimmt Sorgen um dich“, meine Abby und warf Anya dabei einen vernichtenden Blick aus ihren Brillengläsern zu. Daraufhin nickte Valerie dankbar. „Gerne. Das ist sehr nett von dir.“
      „Ich komme mit!“, sprach Nick aufgeregt dazwischen und grinste derart anzüglich, dass man seine Gedanken nicht lesen können musste, um zu wissen, was in seinem Kopf vorging.
      „Keine Ursache!“, strahlte das Hippiemädchen, doch ihr Lächeln verlor sich schnell wieder.
      Die Situation von Valerie erinnerte sie gewissermaßen an ihre eigene. Ohne Anyas Unterstützung wäre sie wohl jetzt immer noch eine Sirene und obendrein eine Mörderin. In schweren Zeiten brauchte man einfach jemanden, auf den man sich verlassen konnte. Denn selbst wenn dieser jemand die Probleme nicht lösen konnte, war er zumindest dazu imstande, seinen Freunden das Ganze einfacher zu gestalten, ihnen einen Teil der Last abzunehmen. Und sei es, indem man sie nicht alleine ließ. Schade nur, dass Anya diese Erkenntnis hin und wieder vergaß …

      Und während sich Abby, Nick und Valerie von Anya verabschiedeten, blieb die am Tisch sitzen und wartete, bis die Haustür ins Schloss fiel.
      Dann schlug sie mit einem wütenden Aufschrei die Faust auf den Tisch.
      Warum hatte Marc das getan!? Dass er einmal der Grund sein würde, warum sie ausgerechnet für Valerie Mitleid empfand, ging weit über Anyas Verständnis hinaus. Er hatte mit seinem Verhalten nicht nur ihre Erzfeindin ins Chaos gestürzt, sondern auch sie selbst!

      Anya Bauer! Deine Augen …

      „Halt den Mund, Levrier!“
      Wie konnte sie Marc jetzt noch mögen!?


      Turn 12 – Scars
      Seit dem Turnier ist Marc nicht mehr in der Schule aufgekreuzt. Darüber hinaus hat Anya auch noch die sehr neugierige Journalistin an der Backe, die damals zugegen war und viele unangenehme Fragen stellt. Als sie durch Nicks loses Mundwerk schließlich erfährt, was Abby wirklich ist, will sie jene unbedingt ablichten. Die jedoch ist vollkommen verängstigt, sodass Anya die Sache mit einem Duell regeln will. Allerdings nicht ohne Hintergedanken, denn damit könnte man Abby vielleicht ihre Angst vor Duellen nehmen …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Garnet
      Gem-Knight Tourmaline
      Gem-Knight Amber

      Gem-Knight Fusion

      Negate Attack

      Gem-Knight Prismaura

      Nick

      Wind-Up Juggler

      Valerie

      Evigishki Tetrogre
      Gishki Chain

      Salvage
      Monster Reborn
      Mystical Space Typhoon

      Poseidon Waves

      Marc

      Laval Volcano Handmaiden x3
      Laval Forest Sprite
      Laval Miller
      Laval Warrior
      Laval Lancelord
      Laval Burner
      Laval Coatl

      Searing Fire Wall
      Card Destruction
      Mystical Space Typhoon

      Return From A Different Dimension

      Lavalval Dragon
      Laval Stennon
      @-Aska-
      Niemand aus deiner FF - nach aktuellen Stand - das stimmt höchstwahrscheinlich xD

      @ Folge

      Bei einem Turnier hätte man ja meinen können, dass es sich etwas länger erstreckt und man verschiedene Duelle über eine oder mehrere Folgen miterlebt, aber nachdem man ja schon wusste, dass Anya in dieser Folge in die Endrunde einzieht, hast du es sehr geschickt gelöst indem du Anyas 'Leidensweg' zum Finale trotzdem immer schön skizziert hast, wie sie in von einer Zwickmühle in die andere geriet (woran Nick absolut nicht unschuldig war xD) und es einfach dabei belassen, womit es der Phantasie des Lesers überlassen blieb, sich den Rest vorzustellen.
      Damit landete man dann wie in der Preview angekündigt schließlich im Finalduell, welches richtig 'heiß' war. Marcs Blitzsieg passte perfekt zu der Gnadenlosigkeit und eiskalten Härte, die er in dem Turnier zuvor an den Tag gelegt hatte und die hier den Gipfel erreichte. Man merkte auch deutlich, wie Valerie zunehmend darunter zu leiden hatte und spürte, dass etwas nicht stimmte, wusste aber noch nicht genau was jetzt eigentlich los war. Aber dann kommt mit dem Finale die traurige Gewisseheit und mit einem Knall geht alles den Bach runter. Da passte ihre Verunsicherung und wie eingeschüchtert sie war wirklich sehr gut dazu.

      Insgesamt lag der Fokus der Folge denke ich halt zum großen Teil einfach aufs Marc Wandel, der natürlich für den Moment viele Fragen aufwirft. So wie die Einleitungsszene dies auch bewusst tun wollte, nur fehlen da eben noch die ganzen Verbindungen, was es damit auf sich hat. Auch gab es bei Nick einen Moment, der aufhorchen ließ, als der kindische Trottel plötzlich ganz ernst, vielmehr sogar erbost war. Doch schnell trat der altbekannte Nick wieder in Aktion und war wieder ganz er selbst. Er ist halt ein Kasper ;)

      Auch der Abschluss der Folge kam überzeugend rüber, gerade dass Anya sogar Sympathie für ihre Erzfeindin aufbringen konnte. Oder sie eben auch gewisse Gefühle zeigte, die man bei ihr sonst nicht findet. In dem Bezug war auch gerade das Ende der Folge stimmig, als sie sich fragt, wie sie 'diesen Marc überhaupt noch mögen' könne. Dabei ist jener Marc wahrscheinlich in diesen Moment so sehr wie oder sogar schlimmer als Anya, dass sie fast etwas Erkenntnis über sich selbst darin hätte erlangen können, als ob ihr ein Spiegel vorgehalten worden wäre.

      Nächste Folge, jaja, da tritt dann der nervigste und unbeliebteste Charakter der FF auf. Und das heißt schon was xD
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      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Wie immer danke an meine Leser. ^^

      @Evil Bakura
      Nick absolut nicht unschuldig ist eine sehr schöne Umschreibung dafür, dass er die volle Verantwortung trägt. xD Auch wenn man das bei Anya abstreiten könnte, spielt die ja auch kaum in einer höheren Liga. Aber irgendwie ist sie ja doch etwas besser geworden, wenn sie so weit gekommen ist und das noch mit diesem Klotz am Bein.
      Bei Marcs Blitzsieg bereue ich eigentlich nur, nicht mehr hinterher gewesen zu sein, dass auch Val besiegt wird. Aber ich denke, sie so knapp davon kommen zu lassen hat auch was, oder?
      Auf jeden Fall hat Anya einmal mehr etwas Menschlichkeit gezeigt. Aber Mitleid mit Val? Ist die krank? xD

      Und jep, viel Spaß mit Nina! :D


      Turn 12 – Scars



      Es klingelte an der Tür. Wütend stampfte Anya die Treppe hinab und schwor sich, denjenigen zu erwürgen, der es wagte, sie bei ihrem allwöchentlichen Samstagsdauerzocken zu stören!
      Vor der massiven Holztür angekommen, spähte sie misstrauisch durch den Spion. Und schreckte überrascht zurück, als sie direkt in ein giftgrünes Auge starrte.
      Unwirsch riss sie die Tür auf und rief: „Hey, was soll der Scheiß? Wir haben heute geschlossen, danke!“
      Schon wollte sie die Tür wieder zuknallen, doch ein Fuß schob sich über die Schwelle und blockierte diese. Ein blasses Gesicht drückte sich durch den Spalt und starrte Anya aus dicken Brillengläsern neugierig an.
      „Du wirst entschuldigen, Kleine, aber ich habe ein paar Fragen an dich!“
      „Ich kaufe nichts von Pennern!“
      Die Dame räusperte sich entrüstet. „Ich bin keine sozial Bedürftige. Ich bin Journalistin. Mein Name ist Nina Placatelli und ich möchte dich gerne ein wenig aushor- interviewen, Anna.“ Sie reichte Anya durch den Spalt die Hand.
      Böser Fehler, dachte die mit fiesem Grinsen und griff den weißen Ärmel ihrer Bluse. Dann zog sie mit aller Kraft daran, während sie mit ihrem Körpergewicht die Tür weiterhin zudrückte. Die alte Schachtel schrie wütend, woraufhin plötzlich die Tür aufschwang und Anya zurückgeworfen wurde, anschließend auf dem Rücken landete. Hatte diese Reporterin doch tatsächlich die Haustür mit einem Tritt wieder geöffnet.

      Selbstgefällig trat jene über die Schwelle. „Du erlaubst doch sicher“, meinte sie dabei förmlich und schritt seelenruhig an Anya vorbei, direkt ins Wohnzimmer. Die starrte ungläubig der Journalistin hinterher und wusste nicht, ob sie sie für ihre Dreistigkeit bewundern oder töten sollte.
      „Alter, ist die stark“, staunte sie dabei leise. Dann sprang das Mädchen auf und folgte der Frau ins Wohnzimmer, ehe die noch auf die seltendämliche Idee kam, lange Finger zu machen.

      Doch die Reporterin hatte es sich bereits auf einem Sessel bequem gemacht und kramte aus ihrer überdimensionalen Handtasche einen uralten Fotoapparat, einen Notizblock und einen Kugelschreiber, ehe sie das rote Ungetüm auf den Glastisch schmiss.
      Anya stand beim häuslichen Plasmafernseher und wusste nicht, ob das alles nur ein schlechter Scherz war, oder diese Frau Selbstmordabsichten hegte. Die Dame besten Alters winkte sie zu sich. „Komm Anna, ich habe nicht viel Zeit.“

      Wütend musterte die Blondine die Frau. Um ihre Augen traten schon deutliche Falten hervor, ihre schmalen Lippen waren mit kirschrotem Lippenstift bemalt, welcher nicht recht zu ihrem feuerroten Haar passen wollte. Jenes war leicht gelockt und wurde von derart vielen Spangen gehalten, dass die Frisur einfach nur planlos und chaotisch wirkte. Zwei Strähnen hingen ihr im Gesicht. Am Leibe trug sie ein giftgrünes, weites Kleid, das zumindest hervorragend mit ihren Augen harmonisierte.

      „Ich heiße Anya“, brummte jene und schielte zurück in den Flur. Sollte sie vielleicht Barbie holen? Bisher hatte ihr mit Nägeln, abgebrochenen Messerklingen und anderen metallischen Spitzen besetzter Baseballschläger jeden Schmarotzer in die Flucht geschlagen. Zu ihrem Bedauern bisher nur im übertragenen Sinne.
      „Anna, Anya, unwichtige Details“, meinte diese Nina flapsig und winkte ab. „Komm schon, Kleine, mich interessiert deine Geschichte.“
      Sie klopfte auf das Sofa, neben dem ihr Sessel stand.
      Das Wohnzimmer der Familie Bauer war nicht sehr groß. Ein rechteckiger Glastisch stand in seiner Mitte, während an der Nordwand ein großes Sofa Staub fing. Daneben je links und rechts ein Sessel, wobei sie alle auf den Fernseher gerichtet waren, welcher in der südwestlichen Ecke des Zimmers stand. Ein großes Fenster gewährte den Blick auf den minimalistischen Garten und so unweigerlich auch auf die Nachbarschaft.

      Zögerlich stellte sich Anya der Journalistin gegenüber. Die starrte sie aus ihren großen, eckigen Brillengläsern erwartungsvoll an. „Setz' dich, Kindchen.“
      „Nein danke, ich kann auch stehen!“ Denn dann kann ich sofort eingreifen, wenn du erkennst, dass es an der Zeit ist wegzurennen, dachte sie grimmig.
      Niemand betrat IHR Haus ohne ausdrückliche Genehmigung!
      „Na, wie du meinst“, zeigte Nina sich gleichgültig und zückte Stift und Notizblock. „Anna Bauer war dein Name, oder?“
      „Anya!“ Hatte die Alte Alzheimer oder machte sie das mit Absicht!?
      „Gut, gut!“ Sie sah auf. „Also, Anya“, sie betonte den Namen des Mädchens jetzt besonders langsam, „du bist ja die traurige Verliererin des Wettstreites, der letzte Woche an eurer Schule stattgefunden hat. Wie fühlst du dich dabei?“
      Anya blinzelte irritiert. „Huh?“
      Die Reporterin kritzelte etwas auf ihren Block. Dabei murmelte sie: „Immer noch fassungslos über die schreckliche Niederlage.“ Danach blickte sie wieder auf. „Sicherlich war es schwer für dich und deinen Partner, so weit zu kommen. Wie hast du das angestellt?“
      „Wie meinen Sie das?“, fragte Anya ungläubig.
      Die Rothaarige zwinkerte vieldeutig. „Ach tu doch nicht so, Kindchen. Du weißt schon, Bestechung, Schummeln, zwielichtige Tauschgeschäfte?“
      „Ich habe ganz normal gekämpft!“
      Wieder zitierte die Frau, was sie sich notierte. „Möchte ihr Geheimnis nicht preisgeben, macht aber Andeutungen.“
      „Was reden Sie da!?“ Anya wollte auf den Notizblock sehen, doch die Alte hielt ihn sich an die Brust und schüttelte süffisant grinsend den Kopf. „Na na, wir sind noch nicht fertig!“
      „Was wollen Sie überhaupt von mir!?“
      Nina überging die Frage einfach. „Was hältst du von Marc Butcher, dem zweifelhaften Sieger des Turniers? Ich habe aus einschlägigen Quellen gehört, er wäre seit dem Turnier für den Rest der Woche nicht mehr in der Schule aufgetaucht?“

      Anya verstummte. Es stimmte, Marc war die letzten Tage nicht zum Unterricht erschienen. Offiziell lag zumindest eine Krankschreibung seiner Ärztin vor. Grund dafür war seine verletzte Hand, die dringend Ruhe benötige, da ihr Zustand sich verschlimmert habe. Natürlich glaubte niemand auch nur ein Wort von dieser fragwürdigen Entschuldigung. Die Stimmung gegenüber Marc war so extrem umgeschlagen, wie man es noch nie an der Livington High erlebt hatte. Einst von allen bewundert, war der Football- und Eishockeyspieler nun bei allen unten durch für sein schäbiges Verhalten gegenüber den anderen Turnierteilnehmern.
      Selbst Anya wusste nicht, wie sie nun über Marc denken sollte. Seine kalte, gar grausame Art hatte sie regelrecht abgeschreckt. Eine richtige Erklärung für sein Verhalten gab es immer noch nicht, auch wenn manche von Frust aufgrund seiner Verletzung sprachen.

      „Was ich von Marc halte, geht Sie überhaupt nichts an!“, fauchte Anya schließlich. Denn es war trotzdem ihre Pflicht als seine … was-auch-immer, Marc zu verteidigen. „Sind Sie nur hier, um über das Turnier zu reden!? Hätten Sie das nicht schon neulich machen können!? Sie waren doch selbst dabei, nicht!?“
      „Deckt den Schule schwänzenden, ehemaligen Footballhelden“, murmelte Nina und legte ihren Notizblock wieder auf den Schoß. Dann klimperte sie mit ihren langen, garantiert falschen Wimpern. „Um deine Frage zu beantworten: nein, ich bin nicht nur wegen des Turniers hier und Zeit hatte ich bisher keine für dich, Ann- Anya. Aber Schätzchen, sag mir mal eines … glaubst du an Geister?“
      „Ich kenne sozusagen einen … nicht!“ Gerade noch einmal gerettet, dachte Anya. Und dann noch so cool! Sie war eben echt gut!
      „Du wirst dich bestimmt fragen, warum ich das wissen will?“
      „Nein. Ich frage mich eher, wie viel Zeit Sie mir noch stehlen wollen? Sie sollten wissen, dass jede Sekunde mit einem Tropfen Blut aufgewogen wird.“ Anya sagte das in einer Trockenheit, die sie so noch nie angewendet hatte. Sozusagen hatte sie sich das bei Abby abgeschaut und wollte einfach mal sehen, ob ihr hochgelobter Sarkasmus wirklich funktionierte.
      Natürlich schenkte Nina den leeren Drohungen keine Beachtung. Sie lächelte nur und sah dabei aus, als würde sie dem Mädchen jeden Augenblick um den Hals fallen. „Wie putzig. Nein im Ernst, ich frage dich das, weil ich da einer großen Sache auf der Spur bin. Und irgendwie glaube ich, dass du auch darin verwickelt bist.“
      Anya zog die rechte Augenbraue an. „Was Sie nicht sagen?“
      „Nun, dein kleiner Fund von vor ein paar Wochen, der war ganz schön … beängstigend, nicht war? Besonders, weil die Leiche völlig ausgetrocknet und verschmort war, doch nicht ihre Kleidung. Außerdem sind da noch die Geschichten rund um Victim's Sanctuary und deren Insassen. Du warst dabei, als man das Personal aus dem Keller befreit hat. Kommt es dir denn nicht merkwürdig vor, was so alles in letzter Zeit passiert?“
      Anya schnaubte wütend. „Sie haben wohl zu oft ins Glas geschaut“, stellte sie immer noch mit Abbys Technik fest.
      Nina jedoch lachte nur spitz. „Ach Kindchen“, winkte sie ab, „sei doch nicht so naiv. Hier geht etwas Großes vor sich und du bist der Schlüssel. Ich habe auch von der Aula deiner Schule und dem Schulhof gehört, den du demoliert hast. Wie hast du das angestellt?“
      Neugierig beugte die Frau sich vor und ließ tiefer in ihr Dekolleté blicken, als gut für ihr Umfeld gewesen wäre. Verdutzt blieben Anya die Worte im Halse stecken. Was hatte die alte Schachtel da gerade behauptet? SIE wäre schuld an allem?
      Okay! Das war genug!

      „Tut ganz unschuldig, lächelt dabei aber vielsagend“, notierte sich Nina nebenbei. Plötzlich wurde sie am Arm gepackt und auf die Beine gezogen. „He-hey, lass das!“
      „Sie kommen jetzt schön mit!“
      Anya zerrte die Frau, die sich hastig ihre riesige Handtasche schnappte, mit aller Kraft aus dem Wohnzimmer zurück in den Flur. Dabei krallten sich ihre Fingernägel tief in die Haut der Reporterin, die sich energisch zur Wehr setzte, doch Anyas aus Wut resultierendem Kraftschub nicht gewachsen war.
      Jene öffnete die Haustür und schleuderte Nina mit einer Drehung aus dem Haus. Die rief aufgebracht, während sie torkelnd das Gleichgewicht wiederfand: „Warte doch, wir sind noch nicht-!“
      Wumms! Die Tür war zu, abgeschlossen und die alte Schreckschraube nur noch undeutlich zu hören. Anya schnaubte wie ein Stier. Diese hässliche Krähe hatte wohl noch nie von ihr gehört, sonst hätte sie einen großen Bogen um das Grundstück der Familie Bauer gemacht! Was wollte die blöde Ziege überhaupt hier? Bestimmt irgendeine bekloppte Story über das Turnier verfassen! Oder über Geister, Anya war es letztlich gleich. Wenn die ihr noch einmal unter die Augen kam, würde sie den Lake Livington kennenlernen – von unten!

      ~-~-~


      „Das hat sie dich gefragt?“, staunte Abby kurze Zeit später und biss in ihren Käsecracker. Sie hockte im Schneidersitz auf ihrem Bett und hatte sich Anyas Geschichte angehört. Schließlich musste sie kichern.
      „Was ist so witzig?“, fragte Anya missmutig vom Schreibtischstuhl aus.
      „Na ja, da du nie Zeitung liest, kannst du das nicht wissen“, stichelte das Hippiemädchen, „aber Nina Placatelli ist berüchtigt für ihre Artikel. Die werden schon lange nicht mehr in der Zeitung gedruckt, weil sie so gut recherchiert sind. Jeder weiß das, nur Nina selbst will es nicht wahrhaben.“
      „Und warum ist die Alte dann noch als Journalistin angestellt?“
      „Weil ihre Artikel so hanebüchen sind, dass die Leute sie allein aufgrund ihrer verrückten Theorien lesen. Das liegt daran, dass Nina praktisch jede Tatsache, die sie irgendwo aufgeschnappt hat, bis zur Unkenntlichkeit verdreht. Sie sieht sich aber im Recht.“ Abby schmunzelte. „Wobei … Ob ihr bei dir ein Glückstreffer gelungen ist?“
      Anya starrte sie finster an, während sie ihre Arme auf der Rückenlehne des Stuhls verschränkte, um den Kopf darauf zu legen. „Auf wessen Seite stehst du eigentlich?“
      „Ich bin Opportunistin.“
      „Du nimmst Drogen?“
      Abby brach in lautes Gelächter aus. Verdutzt blinzelte Anya und ahnte, dass sie etwas gesagt hatte, was sie besser hätte für sich behalten sollen. In diesem Augenblick fühlte sie sich wie Nick. Und erkannte im Zuge dessen, dass sie ihre Einstellung gegenüber dem Nachdenken vielleicht infrage stellen sollte. Von Abby ausgelacht zu werden war einfach nur nervig!

      Plötzlich klingelte die Tür.
      „Ich geh schnell runter“, meinte Abby prustend, da sie und Anya die Einzigen waren, die sich im Haus aufhielten. Der Rest der Familie, inklusive Hund, hatte einen Ausflug zum Lake Livington gemacht, um die letzten Spätsommertage noch einmal richtig auszunutzen.
      Anya erhob sich ebenfalls und begleitete Abby. Während sie die Treppen nacheinander hinunter stürmten, klingelte es abermals, aber fordernder.
      Kaum hatte Abby den Schlüssel herumgedreht, drängten sich zwei Personen an ihr vorbei. Anya, die vor jenen stand, machte Augen wie eine Kuh wenn es donnert. „SIE!?“
      „Hi Liebchen, hier steckst du also“, meinte Nina unbekümmert. Sie drehte sich um und sah Abby mit einer Faszination an, die ihresgleichen suchte. „Du … du musst Abigail sein, oder? Bist du es?“
      Abby nickte unsicher und wandte sich an Ninas Begleiter. „Nick? Wer ist das?“
      „Und wie kommt es, dass sie hier ist!?“, verlange Anya aufbrausend zu wissen. „Ausgerechnet mit dir!?“
      Die rothaarige Reporterin schmiegte sich an den hochgewachsenen jungen Mann und streichelte anzüglich schmunzelnd seinen Arm. „Ich musste doch auch das andere Teammitglied der Verlierer interviewen. Der kleine Nick hat es mir so einiges verraten. Er wird sehr gesprächig, wenn man nett zu ihm ist.“
      „Hehe.“
      „Was haben Sie mit ihm angestellt!?“, fauchte Anya und wollte ihr ans Leder, doch Nina schob den einen Kopf größeren Nick behände in den Weg der Blondine und lugte selbstverliebt grinsend hervor. „Ach Kindchen, doch nicht, was du jetzt denken magst. Nicht alle Menschen behandeln ihre Freunde wie Ungeziefer!“
      „Aber ihre Feinde! Und jetzt legen Sie sich auf den Boden, damit ich Sie treten kann!“ Anya griff an Nick vorbei, doch geschickt wich die Journalistin zur anderen Seite aus.
      „Anya, ist das etwa Nina Placatelli?“, fragte Abby verdutzt, während sie die Haustür schloss und ihre Freundin beobachtete, wie sie der flinken Reporterin an den Hals wollte.
      „Ich sehe, du hast schon vor mir gehört“, lachte Nina, während sie sich unter einem Fausthieb duckte und Anya die Hand aufs Gesicht legte, um sie von sich fern zu halten. Sie zwinkerte Abby verschwörerisch zu. „Aber das ist bestimmt nichts im Vergleich zu dem, was ich über dich erfahren habe, meine kleine Sirene.“

      Stille.
      Abby verlor sämtliche Farbe im Gesicht, ihr Mund stand offen. Dann murmelte sie so leise, dass man es kaum verstehen konnte: „Woher wissen Sie davon?“
      „Na von ihm hier“, meinte Nina gut gelaunt und klopfte mit ihrer freien Hand Nick auf die Schulter, der erwartungsvoll Abby anstarrte.
      Plötzlich schrie die Journalistin auf, nämlich, als Anya ihr in die Hand gebissen hatte. Sie wich zurück und stieß gegen die Wand des kleinen Flurs, der zum Gemeinschaftszimmer führte. „Du kleine Kröte, was soll das!?“
      „Oh, glauben Sie mir, das war erst der Anfang!“, versprach Anya und zeigte auf die Frau. „Wenn ich mit Ihnen fertig bin, passen Sie in einen Kochtopf! Dann tun Sie wenigstens einmal etwas Nützliches, indem Sie den Arbeitslosen als kostenlose Mahlzeit dienen, Sie falsche Schlange!“
      Ruckartig schwenkte Anya ihren Arm zur Seite und deutete nun auf Nick. „Und was dich angeht, wird dein Blut die Soße sein! Wie hirnverbrannt bist du überhaupt, dieser alten Schrulle etwas über Abby zu erzählen!?“ Sie wechselte wieder die Richtung zu Nina. „Und natürlich hat er gelogen, damit das klar ist!“
      „Aber sie hatte doch Kekse“, jammerte Nick reumütig. „Die guten Kekse!“
      Der Rotschopf derweil lachte auf. „Von wegen! Er hat mir alles über euch erzählt! Aber ein Dämonenkind interessiert mich nicht, ich will die Sirene!“ Mit diesen Worten wandte sie sich an Abby. „Na Kleine? Du magst mir doch sicher einmal zeigen, wie du so als Sirene aussiehst, oder? Ein kleines Foto, und ich bin auch ganz schnell wieder verschwunden.“
      „Verlassen Sie … unser Haus …“, murmelte Abby und in ihren Augen stand ein Hass geschrieben, den Anya so noch nie gesehen hatte. Was sie sofort an Levriers Worte erinnerte. Wenn er zu groß wurde, dann würde Abby wieder-
      „Kein Foto, Sie Miststück!“ Anya stürzte sich auf Nina und zerrte an ihrem grünen Kleid, während die Journalistin gebannt ihre Freundin anstarrte. Die öffnete nur die Tür, um Anya zu helfen, das alte Weib wieder loszuwerden.

      Ein gezielter Tritt in den Hintern, und Nina lag auf den Steinfliesen in Abbys Garten, umringt von kniehohem Gras.
      „Lassen Sie sich nie wieder hier blicken!“, fauchte Anya außer sich.
      Doch Nina sprang auf die Beine und runzelte ärgerlich die Stirn. „Bedaure, Herzchen, aber ich werde nicht eher gehen, bis ich die Sirene fotografiert habe! Ich weiß ja nicht, wie du dein Geld verdienst, aber ICH muss schwer dafür schuften! Ist ein bisschen Entgegenkommen denn zu viel verlangt!?“
      „Im Moment ist es schon sehr viel verlangt, Ihnen nicht den Hals umzudrehen!“ Anya starrte die Frau aus dem Spalt der Tür heraus schnaufend an.
      Ungerührt klopfte sich Nina das Kleid sauber. Arrogant erwiderte sie: „Du machst mir keine Angst, Kleine. Deine Sprüche sind doch sowieso nur heiße Luft. Ach Gottchen, du steckst einmal den Kopf eines Mitschülers – Wie hieß er doch gleich? Willy Patrics? – in die Toilette und glaubst aufeinm- AH!“
      Anya hatte sich auf die Frau gestürzt und schlug um sich wie eine Furie. Nina, die den Hieben nur mit Mühe ausweichen konnte, schrie lauthals, als Anya mit den Zähnen ihre Haare ausreißen wollte.
      Nick und Abby kamen nach draußen geeilt, doch besonders Letztere schien keine Anstalten machen zu wollen, der Frau in irgendeiner Form zu helfen.
      „Nehmt diese Irre weg von mir!“, schrie sie hysterisch.
      „Heiße Luft!?“, ereiferte Anya sich und versuchte dabei, Nina ihr Knie in eine sehr empfindliche Gegend zu rammen. „Dir zeig ich, wo heiße Luft ist! In deinem Kopf, du grenzdebile Sumpfkuh!“
      Nick stolperte schließlich ungeschickt zu den ringenden Furien und riss Anya von der Journalistin. Das Mädchen trampelte zwar um sich, konnte aber nichts tun, da der erstaunlich kräftige Nick sie unter den Armen gepackt hatte. „Dir beiß' ich die Kehle durch!“
      „Versuchs doch!“ Nina hatte sich aufgerichtet. Ihr Haar war zerzaust, die Spangen verrutscht und ihr Gesicht war ganz rot vor Wut und Erschöpfung. Sie keuchte und wischte sich über den blutigen Mund, was dazu führte, dass nun selbst der Lippenstift verschmiert wurde. „Ich gebe nicht so schnell klein bei!“

      Abby trat zwischen die beiden Parteien und hielt die Arme ausgestreckt. „Gehen Sie bitte! Wenn Sie es nicht tun, werden Sie es bereuen …“
      Sie wusste nicht, wie lange sie ihre Kräfte noch im Zaun halten konnte. Die Wut und Hass, die in ihr aufwallten wie brodelnde Lava, waren ein eindeutiger Warnhinweis. Abby durfte nicht die Kontrolle verlieren, sonst würde diese Frau vermutlich mit dem Leben dafür bezahlen!
      „Nur ein Foto! Ist das denn so schwer!?“
      „Es geht-“
      „Sie kriegen ihr Foto“, meinte Anya plötzlich ruhig. Nick ließ sie verdutzt los, als sie sich nicht länger zur Wehr setzte. Die Blondine trat neben Abby und verschränkte die Arme. „Aber es gibt da eine Bedingung. Sie müssen sich darum erst duellieren.“
      „Ein Handel?“, fragte Nina geschäftsmännisch und richtete die verrutschte Brille auf ihrer Nase. „Klingt ganz nach meinem Geschmack. Was schlägst du vor?“
      „Wie gesagt, ein Foto für Sie, wenn Sie gewinnen. Wenn das aber nicht der Fall ist, ziehen Sie Leine und kommen nie-wieder! Und sollten Sie sich nicht daran halten, werden Sie nachts nie-wieder ein Auge zu tun können, weil ich jede Sekunde kommen und Ihnen das Genick brechen könnte!“
      „Noch mehr leere Drohungen?“ Nina lachte hochnäsig auf. „Aber deine Idee ist gar nicht so schlecht, Kleines.“
      Abby starrte Anya verdutzt an. „Das würdest du für mich tun?“
      „Wer sagt, dass ich mich duellieren werde?“ Die Blondine warf ihrer Freundin einen strengen Blick zu. „Das wirst du schön selbst erledigen, immerhin geht es hier um dich.“
      „A-Aber!“ Abby legte ängstlich ihre Hände auf Anyas Schultern. „Ich kann mich nicht duellieren! Du weißt, was letztes Mal passiert ist! Auf gar keinen Fall!“
      „Ich weiß, dass du Schiss davor hast“, donnerte die Blondine aufgebracht, „aber deine Angst ist unbegründet. Wenn es danach ginge, könntest du dich jederzeit verwandeln! Nicht die Duelle sind Auslöser für deine Verwandlung, sondern deine Gefühle!“
      Abby wich ihrem Blick wortlos aus. „Denkst du, das weiß ich nicht längst?“
      Ihre Freundin blinzelte einen Moment verdutzt, dann schnaubte sie. „Wenn das so ist, warum weigerst du dich so beharrlich, dich zu duellieren!?“
      „Weil das … wie ein Sog ist! Ich kann als Sirene Fiktion zu Realität werden lassen! Stell dir vor, was passiert, wenn ich eine Armee echter Monster auf meinen Gegner loslasse!“ Abby trat einen Schritt von Anya zurück und nahm flehend ihre Hände. „Bitte, zwing mich nicht dazu! Ich habe Angst, dass … dasselbe passiert, wie neulich. Wenn … ich die Kontrolle verliere, dann …“

      „Dann?“ Nina beugte sich neugierig über Abbys Schulter und notierte sich jede Kleinigkeit des Gesprächs. Zumindest, bis Anya ihr den Notizblock aus der Hand riss und darauf herumkaute, ihn ausspuckte und in den Boden stampfte.
      Nina war wieder knallrot im Gesicht. „Was soll denn das!?“
      „Gehen Sie sterben, Sie altes Reptil!“, forderte Anya wütend und stampfte noch einmal auf. „Wie es aussieht, gibt es kein Duell! Also ziehen Sie Leine, ehe eine von uns beiden sich vergisst. Und das bin vorzugsweise ich!“
      „Nichts da, Herzchen!“, weigerte die Rothaarige sich jedoch beharrlich. „Ich gehe nicht eher, bis ich mein Foto habe! Niemand wird mir diese Story streitig machen, hörst du, niemand!“
      Anya kniff die Augen zusammen und strich sich die nicht existierenden Ärmel ihres schwarzen T-Shirts von den nackten Handgelenken. „Ach ja … ?“
      „Ja!“
      „Aufhören!“ Wieder stellte sich Abby zwischen die beiden Furien. „Ich … ich mache es. Ich … werde mich duellieren, zu Anyas Konditionen.“
      Völlig verwirrt starrten sich die Streitenden an, ehe sie ihr Augenmerk zurück auf Abby richteten. Die seufzte und hielt sich eine Hand an die Brust, wo ihr aufgeregtes Herz wild pulsierte.

      Sie musste es tun. Was für eine andere Wahl hatte sie schon? Die Vorstellung, Nina bis ans Ende aller Tage in ihrer Nähe zu haben, glich für Abby schon Folter. Es ging auch weniger darum, dass Nina ihren Artikel veröffentlichen konnte, denn glauben würde man ihr selbst mit Fotobeweis nicht. Aber wie ein Tier im Zoo behandelt zu werden, und sei es nur von einer Person, machte Abby wütend und traurig. Dieses Gefühl sollte enden und Anya hatte, was das Mädchen sehr überraschte, in gewisser Hinsicht recht. Sie musste die Angst vor sich selbst bekämpfen, sonst würde sie sie irgendwann verschlingen. Anya war da und würde ihr beistehen, selbst wenn sie aus Zorn tatsächlich zu einer Sirene werden sollte. Und solange sie da war, würde es Abby leichter fallen, sich zusammen zu reißen, schließlich wollte sie Anya nicht in Gefahr bringen.

      „Bist du dir da wirklich sicher?“, fragte jene skeptisch und verschränkte die Arme. Mit einer abfälligen Handbewegung deutete sie in Ninas Richtung. „Die rauchst du in der Pfeife, so viel ist sowieso klar. Aber hast du dir das gut überlegt?“
      „I-ich denke schon“, meinte Abby und nickte knapp. „Ich will es zumindest probieren. Du hast schon recht, diese Angst muss bekämpft werden.“
      „Ich habe immer recht“, konterte Anya trocken und grinste. „Aber gut, verarbeite die Alte zu Brei, 'kay?“
      „Oh ihr kleinen Dummerchen, täuscht euch nicht in mir“, mischte sich Nina ein und richtete zufrieden lächelnd ihre Brille. „Ich besitze eines der besten Decks, das die Welt je gesehen hat.“ Demonstrativ holte sie aus ihrer großen Tasche eine Duel Disk. „Aber wenn ihr wollt? Umso schneller bekomme ich mein Foto!“
      „Vergiss es, Schwester! Abby spielt in einer ganz anderen Liga!“, meinte Anya siegesgewiss und klopfte ihrer Freundin so hart auf den Rücken, dass die nach vorn stolperte.
      „J-ja …“

      ~-~-~


      Die beiden Duellantinnen standen sich auf dem Hinterhof vom Grundstück der Familie Masters gegenüber. Um zu verhindern, dass Unbeteiligte Abbys potentiellen Kräfte sahen, hatte man diesen Ort als Schauplatz des Duells gewählt. Und sollte jemand dumm genug sein, neugierig über den hohen Lattenzaun zu spähen, würde Anya ihn eigenhändig mit einem der Pfähle aufspießen, so schwor sie sich.
      Sie stand neben Nick an der Rückwand des Hauses und beobachtete alles mit Adleraugen. Dass Nick dabei gefesselt und geknebelt war und zu ihren Füßen lag, hatte er allein seiner großen Klappe zu verdanken. Die Blondine starrte ihn giftig an und freute sich bereits auf das, was nach dem Duell kam. Nick weniger, denn der zappelte unruhig und gab dumpfe Laute aus seinem Knebel preis.
      „Sieh zu!“, befahl Anya harsch. „Das ist sowieso alles nur deine Schuld! Bete zu Satan, dass Abby gewinnt, oder ihr erstes Opfer wirst du sein!“

      Derweil hatte sich Nina ihre Duel Disk angelegt und wirkte in ihrem grünen Kleid seltsam deplatziert auf dem Spielfeld. Abby ihrerseits wirkte eingeschüchtert und ängstlich, was sich an ihrer verklemmten Körperhaltung bemerkbar machte.
      „Bist du bereit, Kleine?“, fragte die Journalistin gut gelaunt.
      „Ich denke schon …“
      „Worauf warten wir dann noch? Duell!“
      Abby nickte bloß.

      [Abby: 4000LP / Nina: 4000LP]


      Beide zogen ihrer Starthand bestehend aus fünf Karten. Abby meinte schließlich: „Ich beginne“, und stockte ihr Blatt um noch eine Karte auf.
      „Ich setze ein Monster. Damit beende ich meinen Zug.“
      Vor den Füßen des brünetten, leicht zerzausten Mädchens tauchte eine Karte in horizontaler Lage auf, dabei mit dem Rücken nach oben zeigend. Abby atmete tief durch und zeigte ihrer Gegnerin mit einer Geste nachdrücklich, dass sie am Zuge war.

      „Okay Herzchen, dann lässt Tante Nina jetzt mal die Puppen tanzen!“ Die rothaarige, schon ein wenig ältere Frau zog schwungvoll. „Ich rufe [X-Saber Airbellum]!“
      Mit lautem Gebrüll sprang hinter ihr ein Löwenmensch in geduckter Haltung hervor. Obwohl seine Statur der eines Menschen glich, wirkte sein zur Hälfte blondes, zur Hälfte schwarzes Haar eher wie eine wilde Mähne. Zudem trug er krallenbesetzte Handschuhe, was ihn nur umso bestialischer wirken ließ.

      X-Saber Airbellum [ATK/1600 DEF/300 (3)]

      „Attacke!“, befahl Nina gebieterisch und zeigte mit einer entsprechend eingebildeten, angewinkelten Handbewegung auf Abbys Monsterkarte.
      Schnellen Schrittes stürmte Airbellum auf diese zu, sprang in die Luft und rammte seine Krallen in das geheimnisvolle Monster. Doch wurde er kurz darauf zurückgeworfen, als ein kleiner, brauner Käfer mit einem Horn aus Holz seinen Angriff einfach abwehrte.
      „[Naturia Beetles] Verteidigung ist höher als der Angriff Ihres Monsters“, meinte Abby und las den Käfer behutsam vom Boden auf, dessen Körper aus einer Eichel bestand.

      Naturia Beetle [ATK/400 DEF/1800 (4)]

      Er ist real, dachte Abby dabei erschrocken. Sie war sich der Tatsache, dass ihre Kräfte sogar dann wirken konnten, wenn sie gar nicht ihre Sirenenform angenommen hatte, nicht bewusst gewesen. Unter diesen Umständen konnte sie unmöglich weiterkämpfen!

      [Abby: 4000LP / Nina: 4000LP → 3800LP]


      Nina allerdings bekam davon gar nichts mit. Sie zückte zwei Karten aus ihrem Blatt und zeigte sie zwischen den Fingern vor. „Diese beiden Schätzchen lege ich verdeckt aus.“
      Die gesetzten Karten erschienen vor ihren Füßen, während sie zufrieden lächelte. Man merke ihr förmlich an, dass sie mit nichts anderem als einem Sieg rechnete. Selbstherrlich meinte sie schließlich: „Los Kindchen, ich habe nicht ewig Zeit. Du bist am Zug.“

      Doch Abby, die den Käfer streichelte, zuckte erschrocken zusammen. Sie ließ ihn hinab ins Gras und zog mit zitternder Hand eine Karte. Unter keinen Umständen durfte sie Nina gefährden!
      „Ich pass-“
      „Was soll denn das, Masters!?“, fauchte Anya sie von der Seite her an. „Du tust ja so, als wäre das dein allererstes Duell überhaupt! Geh richtig ran und zeig dieser Schreckschraube, dass man dich nicht unterschätzen sollte!“
      Abby nickte perplex. Anya konnte das nicht wirklich verstehen. Solche Kräfte zu haben war einfach nur schrecklich. Zwar besaß ihre Freundin ebenfalls spezielle Fähigkeit, doch wusste sie nichts oder nur sehr wenig von ihnen – das hatte Matt zumindest gesagt. Wenn Abby die Wahl hätte, würde sie ihre eigene Herkunft am liebsten aus ihrem Gedächtnis streichen und wieder ein ganz normales Mädchen sein wollen. Aber das ging nicht.
      „Soll … soll ich es wagen?“, fragte Abby ihre Freundin hilflos. „I-ich glaube, es wäre besser, das Duell abzubrechen. Sonst tue ich Nina noch weh!“
      „Schwachsinn! Und selbst wenn, umso besser! Konzentriere dich einfach und alles wird schon gut werden!“
      Ein wenig musste Abby dabei schmunzeln. Für Anya war alles so einfach. Vielleicht … vielleicht sollte sie ihrem Rat einfach folgen? Einmal nicht nachdenken und sehen, was passiert. Nur weil sie [Naturia Beetle] berühren konnte, hieß das noch lange nicht, dass dasselbe auch für Nina zutraf! Oder war diese Logik fehlerhaft?

      „Okay!“, sagte sie mit neuem Mut und sah ihr Blatt an. „Ich beschwöre [Naturia Vein]!“
      Neben ihrem Käfer tauchte ein tanzendes Blatt mit Armen und Beinen auf, welches neugierig mit seinen Kulleraugen die Umgebung musterte. Doch alles, was es zu sehen bekam, waren links und rechts hohe Grashalme. Einzige Ausnahme: Abbys riesige Gestalt, die auf das kleine Wesen herab starrte.

      Naturia Vein [ATK/200 DEF/300 (1)]

      Abby streckte den Arm in die Höhe, während ihre Monster in die Luft aufstiegen. „Ich stimme mein Stufe 1 [Naturia Vein] auf meinen Stufe 4 [Naturia Beetle] ab!“
      „Wie bitte!? Eine Synchrobeschwörung!?“, krächzte Nina, während das Blatt sich in einen großen, grünen Ring verwandelte, den Abbys Käfer passierte.
      „Oh great god of the west! Rule this land with your penetrating gaze and justice! Synchro Summon! Roar proudly, [Naturia Beast]!“
      Ein erschütterndes Gebrüll erklang. [Naturia Beetle] verschwand in einem Lichtblitz und wurde durch eine majestätische Bestie ersetzt, die mit einem Satz vor Abby landete. Es war ein mannshoher Tiger mit grünem, blättrigem Fell und Gliedmaßen ganz aus Holz. Mit seinen roten Augen funkelte er Nina an, ehe er sich niederlegte und zu lauern schien.

      Naturia Beast [ATK/2200 DEF/1700 (5)]

      „Gut!“, meinte Anya zufrieden und zeigte Abby zwinkernd beide Daumen. „Nun hau drauf, Schwester!“
      „O-okay!“
      Abby drehte sich zu Nina und ihrem Monster und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Sie würde es schaffen, sagte sie sich. Sie würde ihre Gegnerin schon nicht verletzten, egal wie sehr sie ihr zuwider war!
      Das Mädchen streckte seinen zitternden Arm aus. „[Naturia Beast], greif [X-Saber Airbellum] an! Los!“
      Augenblicklich sprang der Tiger auf und rannte auf den animalischen Kämpfer zu, ein Paar falscher Krallen traf auf echte Klauen. Nina lachte hysterisch. „Sieh an, genau das wollte ich! Verdeckte Schnellzauberkarte aktivieren! [Shrink]! Damit halbiere ich einfach die Angriffskraft deines Monsters!“ Die Rothaarige lachte schrill.
      Abby aber hob den Zeigefinger und schwenkte ihn hin und her. „Nicht ganz! Ich kontere mit [Naturia Beasts] Fähigkeit! Indem ich zwei Deckkarten auf den Friedhof schicke, kann ich die Aktivierung jeder Zauberkarte negieren! Wehr dich!“
      Mit wütendem Gebrüll ließ der Tiger Ninas aufgeklappte Karte einfach zerspringen, während Abby besagte zwei Karten in Friedhofsschlitz ihrer schwarzen Duel Disk schob. Kurz darauf wurde Airbellum durch einen erneuten Prankenschlag niedergestreckt.

      [Abby: 4000LP / Nina: 3800LP → 3200LP]


      „D-das macht gar nichts!“, hielt Nina erschrocken dagegen. „Manchmal erfordern große Storys eben Opfer!“
      „Ich beende meinen Zug!“ Abby atmete beruhigt aus. Scheinbar war ihrer Gegnerin nichts weiter geschehen. Vielleicht, weil nur zwei Monster gekämpft hatten. Ein direkter Angriff wäre viel zu gefährlich gewesen, dachte sie mit prüfendem Blick auf ihr Blatt.

      „Mein Zug!“, verlautete Nina ehrgeizig und zog ausholend. „Ich aktiviere den Zauber [Monster Reborn] und reanimiere Airbellum von meinem Frie- AH!“
      Das laute Gebrüll von [Naturia Beast] unterbrach die Frau. Wieder zersprang das Ebenbild ihrer Karte, während Abby seelenruhig zwei Deckkarten auf ihren Friedhof schickte.
      „D-das war geplant!“ Nina stand der Schweiß auf der Stirn. „Du sollst deine besten Karten auf den Friedhof schicken, jawohl!“
      Derweil bildeten sich auf Anyas Stirn tiefe Falten. „Hat die Alzheimer? Oder ist die einfach nur schlecht?“ Anyas weibliche Intuition – die echte und nicht etwa Levrier – sagte ihr, dass eher Letzteres zutraf.
      „Ich setze ein Monster und beende den Zug“, meinte Nina derweil nervös und ignorierte die Blondine am Spielfeldrand.

      Zeitgleich zog Abby ihre nächste Karte und hielt inne. Sonderlich stark mutete ihre Gegnerin wirklich nicht an. Vielleicht konnte sie dieses Spiel beenden, ohne dass jemand zu Schaden kam?
      „Okay“, sprach Abby und legte eine Karte auf ihre Duel Disk. „Ich beschwöre [Naturia Guardian]!“
      Vor ihr wuchs ein großer Laubbaum aus der Wiese des Hinterhofs. Auf dem mächtigen, dunkelbraunen Stamm befand sich ein strenges, altehrwürdiges Gesicht, das selbst Nina einzuschüchtern schien. Ganz still stand sie da und wartete auf Abbys weitere Vorgehensweise.

      Naturia Guardian [ATK/1600 DEF/400 (4)]

      Diese gestaltete sich relativ simpel. Das Hippiemädchen schwang den Arm aus und rief: „Los, [Naturia Beast], greif Ninas Monster an!“
      Ihr Tiger zog einen Kreis um die gesetzte Karte, ehe er mit seiner Pranke zuschlug. Eine schreiende, blonde Frau mit einem kettenartigen Schwert tauchte auf und wurde sogleich zerfetzt.
      „[X-Saber Anu Piranha]“, murmelte Nina sauer. „Nun ist sie wohl Geschichte.“

      X-Saber Anu Piranha [ATK/1800 DEF/1100 (4)]

      Abby indes überlegte. War ein direkter Angriff wirklich ungefährlich?
      Fragend blickte sie zu Anya, die mit finsterer Miene nickte und sich danach den Daumen über die Kehle zog. Nina sollte keine Gnade erfahren, wenn es nach ihr ging. Doch Abby fühlte sich dabei nicht wohl. Natürlich war die Reporterin ein ausgemachtes Miststück, aber sie bemühte sich, ihrer Arbeit gerecht zu werden. Wenn auch mit sehr hinterhältigen Methoden.
      Seufzend schloss Abby die Augen. Die Angst war nach wie vor da, aber wenn tatsächlich etwas geschehen sollte, könnte man das Duell immer noch abbrechen. Und in der Zeitung stehen wollte sie wirklich nicht, sie wollte nicht der Oberfreak Livingtons sein. Sollten sich doch Anya und Nick um diese Ehre streiten!
      „Okay! Ich greife mit [Naturia Guardian] direkt an!“, entschloss sie kurzerhand. Und bereute es, denn die Angst, einen Fehler gemacht zu haben, war wie ein Bumerang zu ihr zurückgekehrt.
      Was, wenn Nina sich verletzte!?
      Abbys Monster ließ aus dem Boden seine Wurzeln schießen, die Nina erfassten und durchdrangen … es waren aber nur Hologramme. Abby atmete tief durch. Eine Wurzel war direkt durch das Herz ihrer Gegnerin geschossen und wenn sie nun real gewesen wäre, dann-!

      [Abby: 4000LP / Nina: 3200LP → 1600LP]


      „Super, Abby! Schieß' diese dumme Schnepfe zum Mond!“
      Abby jedoch schluckte. Das hätte schief gehen können, verdammt schief. „Ich beende meinen Zug!“
      Wenn sie das nächste Mal angriff, musste sie sicher stellen, dass nur ungefährliche Körperregionen angegriffen wurden! Aber wie sollte sie das bewerkstelligen!? Und außerdem … was tat sie hier überhaupt?

      Derweil runzelte Anya verärgert die Stirn. Ihre Freundin kämpfte ziemlich zurückhaltend. Wäre sie nicht so ängstlich, hätte Abby vielleicht schon längst gewinnen können. Die sollte sich nicht so anstellen und auf die Tube drücken!
      „Mein Zug!“, rief Nina laut. „So Herzchen, genug von diesem lahmen Spiel! Ich hätte von einer Sirene mehr erwartet, weißt du? Aber egal, das sind unwichtige Details! Ich will das verdammte Foto und zwar jetzt!“ Die Rothaarige zückte ein Monster aus ihrem Blatt. „Mach dich auf was gefasst, Liebchen! Ich beschwöre [X-Saber Axel]!“
      Vor ihr tauchte ein Krieger in pelziger Panzerung auf, der eine lange, gezackte Klinge schulterte und lachte.

      X-Saber Axel [ATK/400 DEF/100 (1)]

      „Damit haben Sie den Effekt von [Naturia Guardian] aktiviert!“, rief Abby. Ihr Baum begann weiß zu leuchten. „Wenn mein Gegner eine Normalbeschwörung durchgeführt hat, erhält Guardian 300 Extraangriffspunkte!“

      Naturia Guardian [ATK/1600 → 1900 DEF/400 (4)]

      „Damit holst du doch nicht einmal meine tote Oma hinterm Ofen hervor! Ich zeig dir, wie das geht! Verdeckte Falle: [Gottoms' Emergency Call]! Diese sagenhafte Falle lässt mich zwei X-Saber-Monster reanimieren, sollte ich einen ihrer Kollegen auf dem Feld haben! Kommt zurück, [X-Saber Airbellum], [X-Saber Anu Piranha]!“
      Aus zwei Lichtsäulen neben Axel tauchten die blonde Kriegerin mit dem Peitschenschwert und der wilde Kämpfer mit der Löwenmähne und den Krallenhänden auf.

      X-Saber Anu Piranha [ATK/1800 DEF/1100 (4)]
      X-Saber Airbellum [ATK/1600 DEF/300 (3)]

      Nina lachte hysterisch. „Denk ja nicht, dass du die Einzige bist, die Synchromonster besitzt! Dir werde ich eine Lektion erteilen, die du nicht so schnell vergessen wirst!“ Sie streckte den Arm in die Höhe. „Zeit für Feintuning! Abstimmung! Stufe 3, Airbellum auf Stufe 4, Anu Piranha!“
      Der Bestienmann sprang in die Höhe und verwandelte sich in drei grüne Ringe, durch die Anu Piranha mit wehender, blonder Mähne flog. Dabei verlor sie alle Farbe und wurde durchsichtig, wobei vier Sphären in ihr zu leuchten begannen. „United resistance against evil, gather before me and form a new power! Synchro Summon! Break 'em apart, [X-Saber Urbellum]!“
      In einem Lichtblitz wurde aus Anu Piranha ein völlig neues Monster. Es war ein großer, bleicher Krieger mit zwei Schwertern auf dem Rücken. Er trug einen schwarzen Helm mit Hörnern, was gut zu seiner gleichfarbigen Brustplatte passte.

      X-Saber Urbellum [ATK/2200 DEF/1300 (7)]

      „Wow, das Ding ist schwach!“, kommentierte Anya das Ganze bissig. „Aber wie heißt es so schön? Wie der Herr, so's Geschirr!“
      „Gescherr'“, korrigierte Abby ihre Freundin besserwisserisch.
      „Ja ja, was auch immer!“
      Nina runzelte verärgert die Stirn. „Lacht nur, ihr dummen Kinder! Ich habe noch so einiges auf Lager! Zum Beispiel dieses Monster als Spezialbeschwörung von meiner Hand, da ich zwei X-Saber-Monster kontrolliere! Unterstütze mich, [XX-Saber Faultroll]!“
      In roter, futuristischer Rüstung tauchte nun ein weißhaariger Krieger neben seinen Freunden auf und schwang beidhändig ein gewaltiges Schwert.

      XX-Saber Faultroll [ATK/2400 DEF/1800 (6)]

      „Das Ding ist ja stärker als ihr Synchromonster“, prustete Anya höhnisch los.
      Faultroll jedoch schwang unbeeindruckt sein Schwert im Halbkreis. Und ohne Vorwarnung stand neben ihm Airbellum.

      X-Saber Airbellum [ATK/1600 DEF/300 (3)]

      Abby schluckte, während Anya sogar lautstark fluchte. „Woher-!?“
      „Ganz recht, da schaut ihr dumm aus der Wäsche! Denn Faultroll kann pro Zug einen seiner Kameraden vom Friedhof reanimieren! Aber das war längst noch nicht alles!“
      Nina hob ihre Hand wieder in die Höhe. Während die Mädchen erschraken, als sich Airbellum wieder in drei grüne Ringe verwandelte, durch die Faultroll flog, rollte unbemerkt Nick hilflos um das Haus, in der Hoffnung, dass irgendjemand ihn half. Doch kaum glaubte er, dem Geschehen entkommen zu sein, spürte er Anyas Schuh im Nacken.
      „Nichts da, du bleibst schön hier!“ An den Haaren schleifte sie ihn zurück zu den beiden Duellantinnen.
      Nina räusperte sich derweil mit schiefer Stimme. „Abstimmung! Stufe 3, Airbellum auf Stufe 6, Faultroll! Mighty warrior of the gentle sword, return to this wicked world! We await your command! Synchro Summon! Break free, [XX-Saber Gottoms]!“
      Neben Urbellum tauchte ein noch viel größerer und eindrucksvollerer Krieger auf. Er trug eine Rüstung aus Stahl, die sogar sein Gesicht verdeckte und schwang eine enorm lange, zweiblättrige Klinge über seinem Kopf. Unruhig flatterte der rote Umhang im Wind, welcher auf seinen Schultern lag.

      XX-Saber Gottoms [ATK/3100 DEF/2600 (9)]

      „Was zum-!?“, stammelte Anya erschrocken und ließ dabei glatt Nick los, dessen Kopf auf den Boden knallte. „Woher hat die so ein starkes Monster!?“
      „Geld, Kindchen, hart erarbeitetes Geld. Etwas, wovon du nur träumen kannst.“ Nina strich sich höhnisch lachend über die Locken, ehe sie sich auf Abby fixierte. „Ich sagte dir doch, dass du keine Chance hast! Und ich bin immer noch nicht fertig! Meine letzte Handkarte ist der Zauber [The Warrior Returning Alive]. Und genau wie sein Name es gebietet, erhalte ich von meinem Friedhof ein Krieger-Monster auf die Hand zurück. So wie Faultro- HEY!“
      Nur ein mächtiges Gebrüll und zwei Deckkarten von Abby später, zersprang das Abbild von Ninas Zauber in tausend kleine Stücke. Anya brach in schallendes Gelächter aus. „Gott ist die dämlich!“
      „I-ich-! Das war geplant!“, meinte die Reporterin stur und lief rot an – ob vor Scham oder Wut war nicht genau zu erkennen. Sie streckte ihren Arm aus. „Trotzdem kann ich dir noch zusetzen! Ich aktiviere Gottoms' besonderen Effekt! Indem ich [X-Saber Axel] opfere, musst du eine Handkarte abwerfen, meine kleine Sirene!“
      Erschrocken sah Abby zu, wie sich der schwarzhaarige Krieger auflöste und die Klinge in Gottoms Händen zu leuchten begann. Der zeigte damit geradwegs auf ihr Blatt, woraufhin ein Lichtstrahl geschossen kam und direkt auf eine Karte in ihrer Hand deutete.
      „[Fissure] …“, murmelte Abby resignierend und schob ihre Zauberkarte in den Friedhofsschacht.

      Anya schlug sich bei dem Anblick die Hand vor die Stirn. Wenn Abby diese Zauberkarte die ganze Zeit über auf der Hand hatte, warum hatte sie sie dann nicht verwendet? Damit wäre das Duell vielleicht schon entschieden gewesen, bevor Nina überhaupt zum Gegenschlag hätte ausholen können.
      Was ging nur in ihrer Freundin vor sich? Wollte sie denn nicht verhindern, dass sie in die Zeitung als Schlagzeile des Jahrhunderts kam?

      „Perfekt!“, rief Nina aufgeregt. „Ich denke, jetzt kommt es knüppeldick für dich! Urbellum, Gottoms … zerstört ihre beiden Monster!“
      Die Journalistin deutete auf den Tiger und den Baum, um welchen Ersterer schlich. Es geschah, was geschehen musste. Urbellum zog seine Schwerter und stutzte [Naturia Guardian] so zurecht, dass außer abgeschlagenen Ästen und Blättern nicht mehr viel von ihm übrig war. Gleichzeitig kümmerte sich Gottoms um [Naturia Beast] und enthauptete es mit einem Schlag.
      Erschrocken schlug Abby die Hände vor ihren Mund, als sie das Massaker mitansah.

      [Abby: 4000LP → 2800LP / Nina: 1600LP]


      „Effekt von Urbellum!“, rief Nina freudig. „Du musst eine Karte auf dein Deck legen, wenn du von ihm Schaden erleidest, während du mindestens vier Karten auf der Hand hältst.“
      Mit gerunzelter Stirn nahm Abby [Naturia Rosewhip] und schob sie auf ihr Deck. Ihre Gegnerin war bester Laune und trällerte: „Zug be-en-det!“

      Abby zog die gerade erst verlorene Karte neu auf und seufzte bei dem Anblick der kleinen Rose. Warum kämpfte sie überhaupt? Gegen Nina hatte sie sowieso keine Chance mehr, wenn man ihre Monster so ansah. Es wäre einfach das Beste für alle, wenn sie das duellieren endgültig aufgeben würde. Zu groß war auch die Gefahr, am Ende doch noch jemanden zu verletzen.
      „Ich gebe au-“ Gerade wollte Abby ihre Hand aufs Deck legen, spürte sie Anyas festen Griff um ihr Handgelenk. Und eine schallende Ohrfeige, die sie zurückwarf.
      „Idiot!“, fauchte die Blondine aufgeregt und übertönte die enttäuschten Beschwerden von Nina spielend leicht. „Wie lange willst du eigentlich noch rumjammern!?“
      „Aber ich habe doch gar nicht-!“ Abby hielt sich die schmerzende Wange.
      „Klar hast du! Man muss dich doch nur ansehen, um zu wissen, was in deinem Streberhirn vor sich geht, Masters! Reiß dich gefälligst am Riemen! Andere haben es viel schwerer als du und beschweren sich auch nicht! Du hast Angst?“ Anya streckte die Arme weit aus. „Von mir aus, hab Angst, so viel du willst! Du willst niemanden verletzten? Dann tu es gefälligst nicht! Du weißt, dass in dieser Stadt abgefahrene Dinge abgehen! Wir werden von Dämonen und Dämonenjägern angegriffen und brauchen jede Hilfe, die wir kriegen können! Außerdem ist da noch diese Edenscheiße! Wenn das alles vorbei ist, dann kannst du dich verkriechen, so lange du willst! Aber bis dahin hilfst du mir gefälligst, das hier zu überleben, 'kay!?“
      „A-Anya-!“
      „Kein Wort mehr!“

      Verdutzt sah Abby zu, wie ihre Freundin zurück zum am Boden liegenden Nick stampfte und trotzig die Arme verschränkte. Ihr Blick war vernichtend und Abby wusste nicht, ob Anya ihr nun helfen wollte, oder das aus reinem Eigennutz sagte.
      Hilflos fasste sich das Mädchen an ihr Stirnband. Sie hatte Anya versprochen, ihr immer beizustehen, das stimmte schon. Und in den letzten Tagen war sie wohl keine große Hilfe gewesen.
      Hatte Anya recht? Was, wenn es noch mehr Dämonenangriffe geben würde? Dann konnte sie nicht einfach herumstehen und zusehen, wie Anya und auch Nick sich in Lebensgefahr begaben. Konnte sie ihre Kräfte nicht doch auf irgendeine Weise kontrollieren?

      „Oh, kommt schon, Leute! Mehr Drama bitte!“, forderte Nina sauer. „Habt ihr das auswendig gelernt? Da ist ja selbst Rosamunde Pilcher noch kreativer! Wenn ihr mir bei meiner Story schon unbedingt helfen wollt, dann bitte richtig!“
      Abby war fassungslos. Hatte diese Frau überhaupt irgendetwas anderes im Kopf, außer ihren dämlichen Artikeln? Wie konnte man nur so egozentrisch sein?
      „Machen Sie sich nicht über uns lustig!“
      Nina lachte bei ihren Worten höhnisch auf. „Sonst?“
      „Erleben Sie Ihr blaues Wunder!“
      Abby spürte, wie ihre Augen zu glühen begannen und hörte Nina im selben Augenblick aufschreien. „Hah, es geht los! Ihre Augen, ihre Augen! Sie sind … pink!? PINK!? … Ach egal, das kann man digital nachbearbeiten! Weiter so, Schätzchen, immer weiter so!“
      Das Mädchen spürte die Wut in sich pulsieren und sah hilflos Anya an. Doch deren Mimik war wie versteinert, ausdruckslos und demnach keine große Hilfe. Aber Abby wusste, dass sie sich die Frechheiten dieser Frau nicht länger gefallen lassen wollte. Die hatte keine Ahnung, wie es in ihr aussah und dachte an nichts anderes, als an ein beknacktes Foto. Solche ignoranten Menschen waren der Grund, warum es nie Frieden auf der Welt geben würde.
      Abby entschied, dass sie dieser Frau eine Lektion erteilen musste und hatte da bereits eine Idee, die sogar schmerzfrei umzusetzen war. Aber es hing von ihr allein ab, ob sie sich beherrschen können würde.

      „Ich bin noch am Zug!“, rief das Mädchen aufgebracht. Außer ihren Augen war bisher wohl nichts verändert, ihre Stimme war immer noch dieselbe. Das war gut! „Von meiner Hand: [Naturia Pumpkin]! Und wenn er beschworen wird, während Sie Monster kontrollieren, kann ich ein Naturia-Monster von meiner Hand als Spezialbeschwörung beschwören. So wie [Naturia Rosewhip]!“
      Vor Abby tauchte erst ein großer Kürbis mit Gesicht und Beinen, dann eine kleine Rose mit zwei Peitschen in ihren Blätterhänden auf.

      Naturia Pumpkin [ATK/1400 DEF/800 (4)]
      Naturia Rosewhip [ATK/400 DEF/1700 (3)]

      Abby nahm die beiden Monster von der Duel Disk und hielt sie in die Höhe. Ihre Rose flog steil nach oben und verwandelte sich in drei grüne Ringe. „Stufe 3, [Naturia Rosewhip] und Stufe 4, [Naturia Pumpkin]! Oh great god of the north! Give us shelter within your soul! Synchro Summon! Be born, [Naturia Landoise]!“
      Es gab einen Lichtblitz, als der Kürbis die Ringe passierte.
      Der Boden vor ihr brach auf und eine gewaltige Schildkröte aus Stein erhob sich vor Abby.

      Naturia Landoise [ATK/2350 DEF/1600 (7)]

      „Da ich nun den Effekt eines Naturia-Monsters aktiviert habe, kann ich [Naturia Hydrangea] von meiner Hand als Spezialbeschwörung rufen! Und dasselbe tue ich auch mit [Glow-Up Bulb] von meinem Friedhof, indem ich eine Karte von meinem Deck ablege!“
      Nina sah dumm aus der Wäsche, als sie realisierte, dass [Glow-Up Bulb] durch [Naturia Beasts] Effekt auf dem Ablagestapel gelandet sein musste.
      Vor Abby tauchte ein Beet voller Hortensien auf, wobei eine der Pflanzen Augen besaß. Aus jenem Feld tauchte auch eine Blumenzwiebel auf, dessen weiße Blüte sich langsam öffnete.

      Naturia Hydrangea [ATK/1900 DEF/2000 (5)]
      Glow-Up Bulb [ATK/100 DEF/100 (1)]

      Abby streckte wieder ihren Arm empor. Ihre Blumenzwiebel stieg in die Höhe und verwandelte sich in einen der grünen Empfängerringe. „Oh great god of the east! Scare my enemies with your mighty presence! Synchro Summon! Descent down, [Naturia Barkion]!“
      Wieder gab es einen gleißenden Strahl und neben der gewaltigen Schildkröte gesellte sich ein grauer, schlangenhafter Drache mit Schuppen aus Holzrinde.

      Naturia Barkion [ATK/2500 DEF/1800 (6)]

      Abby atmete stoßweise. Ihr Haar begann unstet in der Luft zu flattern, während sich eine weiße Energiesphäre um ihren Körper bildete. Aus Ninas Gesicht wich sämtliche Farbe.
      „Du wirst sterben …“, murmelte Abby leise. „Ich habe genug! Solche wie du haben nur eines verdient, und zwar den Tod! Ich aktiviere die Zauberkarte [Battle Tuned]! Damit verbanne ich ein Empfänger-Monster von meinem Friedhof und gebe seine Angriffskraft weiter an eines meiner Monster!“
      Sie zeigte [Naturia Cosmobeet] vor, ebenfalls zuvor abgeworfen durch [Naturia Beasts] Effekt. „Das sind 1000 Extrapunkte für Barkion!“
      Ihr Drache brüllte laut auf, als eine rot glühende Aura sich um ihn ausbreitete.

      Naturia Barkion [ATK/2500 → 3500 DEF/1800 (6)]

      „Das mit dem Töten“, sprudelte es hysterisch aus Nina heraus, „das war doch nur ein Scher-“
      „Los, meine Monster! Zerstört ihre X-Saber!“
      [Naturia Landoise] stampfte nur einmal mit dem Fuß auf und schon brach [X-Saber Urbellum] im Boden ein und verschwand in einem klaffenden Erdloch, das sich sofort wieder schloss. Barkion schoss dagegen eine sengende, grüne Flamme auf Gottoms und brannte ihn gnadenlos nieder. Es entstand eine Explosion, dessen darauffolgende Druckwelle Nina von den Füßen fegte. Hart landete sie auf dem Rücken.

      [Abby: 2800LP / Nina: 1600LP → 1050LP]


      Abby fixierte ihren Blick auf Nina, die nun weder auf ihrer Spielfeldseite, noch Hand mehr Karten besaß. Die war jedoch völlig erstarrt und zitterte am ganzen Leib, während sie Abbys Transformation mitansah. Das Haar wurde länger und verlor seine Farbe, wurde weiß. Ihre Fingernägel wuchsen langsam und wurden spitzer, während die Lippen erblassten und einen zarten Blauton annahmen.
      „Das wolltest du doch sehen, oder?“, fragte Abby mit ihrer rauchigen Sirenenstimme. „Nun zahle den Preis dafür, Menschenweib!“
      „Ich gebe auf!“, schrie Nina entsetzt und legte ihre Hand auf das Deck in ihrer Duel Disk.

      [Abby: 2800LP / Nina: 1050LP → 0LP]


      Anya klatschte laut und gesellte sich zu Abby. „Coole Sache! Wie tötest du sie denn? Frisst du sie auf?“ Dabei nahm ihr Gesicht diabolische Züge an.
      „Gute Idee“, hauchte Abby und trat langsam auf Nina zu, die hilflos rückwärts krabbelnd flüchten wollte. Dabei stieß sie mit dem Rücken ans Ende des hohen Zaunes, der nunmehr wie eine Gefängnismauer wirkte, die Journalistin einsperrte.
      „Bitte tu mir nichts! Ich werde dich nie wieder belästigen!“ In ihren Augen standen Tränen der Angst. „Das war doch alles nicht so gemeint gewesen, ehrlich! Du bist doch ein gutes Kind, oder?“
      Abby lachte auf. „Das hättest du dir vorher überlegen sollen, Menschenweib. Du bist jetzt dazu verdammt, mein Abendbrot zu werden!“
      Mit diesen Worten stürzte sich Abby auf die schreiende Nina, während Anya laut gackernd zusah und sich den Bauch hielt. Denn während sich die Rothaarige die Augen zuhielt und auf ihr Ende wartete, hatte sich ihre Freundin längst zurückverwandelt.

      „So!“, donnerte Abby in der Hocke und packte Nina am Kragen ihres Kleids. Die blinzelte ganz verdutzt, als sie nicht in das Antlitz einer Sirene starrte. „Sie hören mir jetzt ganz genau zu!“
      „Ja!“ Heftig nickte die Frau, als sie hochgerissen wurde. Selbst als Mensch war Abby in Rage so kräftig, dass sie Nina emporheben konnte, solange sie denn auf Zehenspitzen stand, da ihr Gegenüber doch etwas größer war als sie selbst.
      „Erstens: Sie lassen uns in Zukunft in Ruhe, außer wir melden uns bei Ihnen!“
      „Sicher doch!“
      „Zweitens: Sie werden alles tun, was -ich- Ihnen sage!“
      „Gewiss!“
      „Drittens: sollten Sie sich nicht daran halten, mache ich das nächste Mal Ernst!“
      Nina krächzte heiser und kleinlaut: „Alles klar!“
      „Gut!“ Abby setzte die Frau ab und starrte sie finster an. „Und um zu sehen, ob Sie das verinnerlicht haben, stelle ich Ihnen jetzt eine Aufgabe! Sie werden Informationen für uns sammeln und zwar alles rund um die Begriffe „Eden“, „Levrier“, „Pakt“ und „Dämonen“! Eine Journalistin wie Sie wird doch sicher an gute Quellen gelangen, oder?“
      „W-wie bitte!?“ Doch als Abby drohend die Faust hob, beteuerte Nina kräftig: „Ich mache mich sofort an die Arbeit! Ich werde nicht eher ruhen, ehe ich genügend Material für euch gesammelt habe. Ich kenne da sogar jemanden, der-! Aber warum wollt ihr-!?“
      Abby aber unterbrach sie mit erhobenen Hand und deutete mit dem Zeigefinger zum Weg, der um das Haus zur Straße führte. „Schönen Nachmittag noch, Nina!“
      Die nickte zögerlich und nahm anschließend die Beine in die Hand.

      Kaum war die lästige Reporterin verschwunden, gesellte Anya sich zu Abby und legte ihr kumpelhaft den Arm um die Schulter. „Also eins muss ich dir lassen: coole Show! Für einen Moment habe ich echt geglaubt, du machst die Alte fertig!“
      „Ich auch …“, gestand Abby leise und ließ den Kopf hängen. Doch plötzlich strahlte sie Anya an. „Aber ich glaube, ich habe es jetzt besser unter Kontrolle. Ich muss zwar wütend sein, aber du hast es ja gesehen. Ich habe nicht die Beherrschung verloren.“
      Anya grinste keck. „Hab ich. Manchmal kannst du wirklich gruselig sein, so als weiblicher Hulk. Aber die Idee mit der Recherche ist klasse. So wird das Miststück vielleicht doch noch ganz nützlich sein.“
      Ihre Freundin jedoch schüttelte zweifelnd den Kopf. „Glaube ich eher weniger, aber vielleicht hat sie wirklich noch die ein oder andere Quelle, die über unsere Möglichkeiten hinaus geht?“
      „Hoffen wir's“, meinte Anya ernst und starrte auf die Stelle, wo Nina in Todesangst gelegen hatte. „Viel Zeit bleibt mir nicht mehr …“
      „Wir finden einen Weg!“, meinte Abby zuversichtlich. „Du kannst auf mich zählen!“
      „Au- miff- auf“, hörten sie jemanden hinter sich nuscheln. Nick bewegte sich wie eine Raupe auf sie zu und sah die beiden Mädchen erwartungsvoll an. „Ka- iff- jeff- geff-?“
      „Was machen wir eigentlich mit dem?“, fragte Anya mit düsterer Stimme und funkelte Nick an. „Er muss bestraft werden für das, was er getan hat.“
      Abby nickte mit eiserner Miene. „Allerdings. So etwas habe ich noch nie erlebt! Freunden sollte man vertrauen können. Aber uns wird schon etwas einfallen, nicht wahr, Anya?“
      Jene lächelte verhängnisvoll. „Ganz bestimmt, Abby. Ganz bestimmt!“


      Turn 13 – A Demon's Fate
      Levrier bemerkt die Anwesenheit eines anderen Dämons in Livington und will, dass Anya sich ihm stellt. Da die jedoch unkooperativ ist und lieber Pläne schmiedet, wie sie Erzrivalin Valerie das Leben schwer machen kann, übernimmt Levrier kurzerhand Anyas Körper. Als die beiden schließlich den Dämonen finden, ist die in ihrer inneren Welt gefangene Anya fassungslos. Denn der Wirt des Dämons ist niemand anderes als …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Abby

      Naturia Beetle
      Naturia Vein
      Naturia Guardian
      Naturia Rosewhip
      Naturia Pumpkin
      Naturia Hydrangea
      Naturia Cosmobeet
      Glow-Up Bulb

      Fissure
      Battle Tuned

      Naturia Beast
      Naturia Landoise
      Naturia Barkion

      Nina

      X-Saber Anu Piranha
      X-Saber Airbellum
      X-Saber Axel
      XX-Saber Faultroll

      Shrink
      Monster Reborn
      The Warrior Returning Alive

      Gottoms' Emergency Call

      X-Saber Urbellum
      XX-Saber Gottoms
      @-Aska-
      Jep, ich hatte auch nur gedacht, ich umschreib das etwas mehr wohlwollend für Nick xD
      Was Anyas Fortschritte angeht, sie hatte ja in letzter Zeit wirklich genug Gelegenheit zum Trainieren, und wir wissen ja alle, dass Kämpfe ums Leben da besonders förderlich sind - oder es ist einfach nur Levrier zu verdanken.

      Das mit Val kann ich verstehen, aber im Endeffekt hat es vielleicht so mehr, weil man vermuten kann, dass Marc bei all seiner Gnadenlosigkeit es nicht vollständig übers Herz gebracht hat, Valerie zu besiegen. Aber ich weiß nicht, ob man bei all dem Negativen, den sein Sieg hatte, jetzt die Brücke zu einer verkappten Liebesbezeugung schlagen darf? xD

      Und nein, Anya ist nicht krank, die ist nur menschlich! :P (Was bei einem Bewohner der Unterwelt mehr als krank sein gleichkommt xD)

      @ Folge

      Auch wenn Nina definitiv nerviger als Kaugummi unter der Schuhsohle ist, hatte sie als Reporterin in dieser Folge trotzdem eine wichtige Funktion, indem sie diverse Ereignisse aus den vorherigen Folgen als auch Abby mentale Unsicherheit aufarbeitete. Man könnte sogar fast sagen, dass sie wie der gespannte Leser ist, der dir ungeduldig im Nacken sitzt und meint: "Ich weiß genau, dass das alles miteinander zu tun hat, aber was ist die exakte Verbindung und was steckt wirklich dahinter?!"
      Was Nina selbst angeht, sie war ja von vornherein als ein Charakter ausgelegt, den man nicht gern haben sollte, was mehr als deutlich an den ganzen für sie zugedachten Beschreibungen und ihrem Auftreten rauszulesen war. Aber genau das half natürlich auch, dass man sie in einer entgegensetzten Rolle zu Abby wahrnahm, eine, die sie hier auch spielen musste.

      Am Ende war natürlich irgendwie klar, dass Abby das nicht durchziehen würde, aber es war natürlich schön zu sehen, dass du die Folge dazu genutzt hast, dass Abby ab jetzt Kontrolle über ihre Fähigkeit hat, denn damit stellt sie ein enormes Power-Up für die Protagonistengruppe da. Einerseits hätte man sich da gewünscht, dass sie das eher in kleineren Etappen Schritt für Schritt schafft, aber deine Variante war genauso okay, da sie alle wichtigen Elemente enthalten hatte. Nicht zuletzt Abbys Zerrissenheit, Konflikt und Sorge sind dabei sehr gut rübergekommen. Aber auch Anya, die hier wieder die große Schwester nach der Sache auf dem Schrottplatz für sie mimte. Klar, kann man immer diskutieren, ob der Wandel Abbys nicht doch zu schnell war, aber es war an allen Stellen nachvollziehbar und verständlich, insofern sehe ich keinen Grund zum Klagen.

      Was den Ausgang der Folge angeht, war es natürlich noch mal ein richtig schöner "Cliffhanger". Man kann sich das wirklich super vorstellen, wie sich beide düster über Nick beugen und dabei so extrem finster, fies runterschauen - so wie man es aus Animes kennt, schwarze düstere Konturen mit gelb funkelten, bösen Augen und einem verhängnisvollen Grinsen. Und man könnte fast Mitleid mit Nick haben, aber nur fast >:3

      PS.:
      Bei Ninas Debut hätte ich fast erwartet, dass Anya ihr erstmal wiederholt die Tür zuschlägt, bis sie freiwillig den Fuß rausgezogen hätte, dann aber diese wieder aufgerissen und den Rotschopf für ein 'handfestes' Privatinterview reingezerrt hätte. xD
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      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Natürlich zu allererst: vielen Dank an all meine Leser.

      @Evil Bakura
      In diesem Stadium der Fanfic ist noch sehr vieles Levrier zu verdanken. XD
      Naja, du hast schon recht, es zeugt davon, dass Vals Beinahe-Niederlage für Marc sprechen könnte. Andererseits, wenn einfach nicht mehr drin war, kombotechnisch? Na ja, es ist wie es ist.

      Wie ich schon mal irgendwo sagte, Nina ist die Rita Kimmkorn (?) meiner Fanfic. (Die olle Reporterin aus Harry Potter, die nur Lügen schreibt bzw. die Wahrheit verdreht.)
      Solche Figuren sind nun mal total hassenswert und das widerum mag ich, denn es muss auch Figuren geben, für die man wirklich 0 Sympathie empfindet. Anya ist zwar auch nicht gerade beliebt, aber bei ihr ist es ja auch die Hoffnung auf Besserung, die einen antreiben soll weiter zu lesen.

      Wegen Abby und mehr Zeit: die hat man leider nicht immer. ^^'
      Das hätte nur bedeutet, noch mehr zu schreiben und irgendwo muss man Abstriche machen.

      Ich kann zu Nicks Strafe nur so viel sagen: wenn Anya und Abby sich schon einig sind, kann das nichts Gutes bedeuten. xD

      Und zum PS: LOL. Joa, hätte ich das mal damals einbauen sollen stattdessen, wäre sicher auch cool gekommen. Aber Nina soll ja auch gewissermaßen so dreist sein, dass sie selbst ne Anya kalt erwischt.


      Turn 13 – A Demon's Fate



      Matt stöhnte auf, als Alastair vorsichtig den blutdurchtränkten Verband von seinem Arm nahm und in einer Tüte entsorgte. Mit entblößtem, ebenfalls bandagiertem Oberkörper saß der junge Mann auf dem Bett und ließ seine Wunden behandeln.
      Alastair hatte sein langes, schwarzes Haar zu einem Zopf gebunden, damit es ihm nicht im Weg war. Er trug ein schwarzes Unterhemd und verzog beim Anblick des Blutes, das aus Matts Arm sickerte, angewidert das Gesicht.
      „Der Rest heilt gut ab, aber das hier …“, meinte er und griff nach einer Schmerz lindernden Salbe auf dem kleinen Nachttisch in ihrem Motelzimmer am Rande Livingtons. Hier stellte niemand Fragen, was Alastair nur recht war. Selbst als er seinen verletzten Freund ins Zimmer geschleppt hatte, schien niemand der anderen Gäste Notiz von ihnen genommen zu haben. Oder wollte es schlichtweg nicht.
      „Ich kann ihn kaum bewegen“, meinte Matt mit verzerrter Miene.
      Seine schwarze Mähne war ungewaschen und noch widerspenstiger als sowieso schon, und auch der Dreitagebart stand ihm nicht gut zu Gesicht. Doch er lachte trotz seiner Schmerzen heiter auf. „Wer hätte gedacht, dass diese Abigail ausgerechnet eine Sirene ist?“
      „Wer hätte gedacht, dass du nicht mit ihr fertig wirst?“, erwiderte Alastair kalt. Seinen Freund so zu sehen schmerzte ihn, doch er hatte es verdient. Leichtsinn musste bestraft werden. „Wieso hast du sie vorher nicht überprüft?“
      „Weil sie wie ein ganz normales Mädchen aussah.“
      „Das mit Anya Bauer befreundet ist. Dem Mädchen, das einen Pakt mit einem 'Gründer' geschlossen hat.“
      Matt starrte ihn finster an. „Auf den sie nur eingegangen ist, weil du sie praktisch dazu gezwungen hast.“
      Alastair wandte sich wortlos ab und zog den neuen Verband fester um Matts Arm, als nötig gewesen wäre. Der ächzte unter der Belastung. Dabei dachte sich der Mann mit dem vernarbten Gesicht, dass sein Mitstreiter einfach zu weich war. Sah er denn nicht das größere Ganze?

      Der Versuch, Anyas Freundin für sich zu gewinnen, war in der Theorie eine pfiffige Idee gewesen. Doch tatsächlich war ihre Offensive mit doppelter Wucht auf sie zurückgefallen. Sie hatten wichtige Informationen an den Feind weitergegeben, sodass Anya vermutlich längst um ihren Status Bescheid wusste. Etwas, das sie sich angesichts ihrer Lage nicht leisten konnten.
      Andererseits musste Alastair sich auch eingestehen, dass sein eigener Versuch, Anya zu töten, letztlich genauso fehlgeschlagen war. Matt hatte zumindest alles getan, um andere Menschen aus dem Kreis der Verdammnis fern zu halten. Als ob er auch nur eine Sekunde daran gedacht hatte, den Bruder oder den Freund dieses Mädchens wirklich umzubringen. Viele Dämonenjäger waren so kaltblütig, Alastair selbst gehörte zu ihnen, doch sicherlich nicht Matthew Summers.
      Aber sie mussten getötet werden. Alle in Anya Bauers Nähe waren potentielle Gefahrenträger, die selbst dann bestehen bleiben würden, wenn Anya selbst schon längst tot war. Dieser 'Gründer' würde einfach weitere Menschen in seinen Dienst stellen, um Eden zu erwecken. Matts Vorgehen, nur Anya vernichten zu wollen, war löblich, aber zu riskant, zu ineffektiv!
      Aber es war vermutlich ohnehin schon zu spät, jetzt, da das Mädchen langsam ihre Kräfte entdeckte. Seit Tagen recherchierten Alastair und Matt schon, doch ihre einzig verbliebenen Möglichkeiten, das Unheil noch aufzuhalten, waren entweder zu risikoreich oder schlichtweg inakzeptabel.

      Als Alastair mit dem Verband fertig war, zog sich Matt ein schwarzes T-Shirt über und sah vom Bett nachdenklich aus dem Fenster, direkt auf den Parkplatz des Motels. Dort stand neben anderen Wagen auch ihr alter VW-Bus, sozusagen ihre Kommandozentrale, ausgerüstet mit allem, was man für die Dämonenjagd brauchte. Fast allem zumindest.
      „Du weißt, dass Abigail jetzt unsere einzige Chance ist“, meinte Matt schließlich und warf seinem Freund einen erwartungsvollen Blick zu. „Dass sie eine Sirene ist, ändert nichts. Im Gegenteil, das könnte sogar praktisch werden. Kräftemäßig kann sie es jetzt mit Anya aufnehmen.“
      Alastair stand von seinem Hocker auf und trat ans Fenster des spärlich eingerichteten Zweibettzimmers. „Unmöglich. Wir arbeiten nicht mit ihresgleichen zusammen.“
      „Und welche Option haben wir dann noch?“, begehrte Matt jetzt auf. „Der Feind unseres Feindes ist unser Freund!“
      „Nur, wenn er nicht auch unser Feind ist“, erwiderte Alastair ruhig. „Und zu jenem haben unsere Taten dieses Mädchen unweigerlich gemacht. In ihrer Unvernunft wird sie Anya alles gesagt haben, was sie von dir weiß, selbst auf die Gefahr hin, selbst zu einem ihrer Opfer zu werden.“
      Matt ließ den Kopf hängen und strich mit seiner Hand über das zerwühlte, schwarze Haar. „Was hätte ich denn tun sollen? Ihr die Wahrheit zu sagen erschien mir der beste Weg, sie für uns zu gewinnen.“
      Alastair verschränkte die Arme und betrachtete den dichten Wald hinter dem Parkplatz. „Vielleicht wäre er das gewesen. Aber im Endeffekt ist sie doch nur ein Dämon und wird ihresgleichen nicht im Stich lassen. Es ist nicht anders als bei uns.“
      Matt stand nun auf und stellte sich hinter Alastair, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wenn das so ist, warum töten wir sie dann überhaupt?“
      „Weil sie nur Leid mit sich bringen, ob gewollt oder nicht. Das ist der Grund ihrer Existenz. Sie sind böse, weil sie es müssen – so wurden sie konzipiert. Sie sind das Chaos. Und niemand kann wissen, was geschieht, wenn Eden durch die Hand eines 'Gründers' aktiv wird. Deswegen müssen wir sie aufhalten, egal was es kostet.“ Er drehte sich mit steifer Mimik zu Matt um. „Wir haben schon für weniger getötet.“
      „Yeah …“
      Alastair schloss die Augen. „Aber vielleicht hast du recht und eine ungewöhnliche Vorgehensweise ist, was uns jetzt den Hals retten könnte …“

      ~-~-~


      Das Telefon klingelte. Anya lag mit verschränkten Armen hinter dem Kopf auf ihrem Bett und starrte das nervtötende Ding an, welches auf ihrer schwarzen Ledercouch lag und einfach nicht still sein wollte. Es klingelte immer noch. Warum zur Hölle explodierte das Ding nicht!? Hatte sie etwa nach jahrelangem Training immer noch nicht die hohe Kunst des Zerstörungsblicks erlernt!? Dabei hatte sie doch manchmal fast den Eindruck, als würden Laserpointer auf den Köpfen der Menschen erscheinen, die sie argwöhnisch ins Visier nahm.
      Warum gab es den Todesblick nur in Videospielen!?

      „Curses“, fauchte Anya und sprang genervt auf. Sie schnappte sich das Telefon, wirbelte um die eigene Achse und war bereits dabei, es gegen die Wand zu werfen, als sie bemerkte, dass sie die Nummer nicht kannte. Welches lebensmüde Krümelhirn wagte es, ihre, IHRE Nummer zu wählen!?
      Sie nahm schnaufend ab und murmelte mit düsterer, gleichwohl gelangweilter Stimme in den Hörer: „Örtliches Bestattungsunternehmen, Ihr Totengräber, wie soll Ihr Leben beendet werden?“
      „Anya, bist du das?“
      „Redfield!? W-w-was willst du denn von mir?“ Anya hatte ja mit dem pickeligen Adam oder irgendeiner anderen Nulpe aus ihrer Klasse gerechnet, aber ausgerechnet Valerie!? „Woher hast du überhaupt meine Nummer!?“
      „Abby hat sie mir gegeben.“
      Augenblicklich nahm Anya den Hörer vom Ohr und betrachtete ihn einen Moment lang irritiert. Das hatte Valerie eben nicht wirklich gesagt, oder? War Abby etwa zu einer Verräterin mutiert? Darauf würde ein Verhör im Anya-Stil folgen, soviel war sicher – aber erst musste diese dumme Pute abgewimmelt werden!
      Skeptisch legte sie das Telefon wieder an die Ohrmuschel. „Und was willst du nun?“
      „Du hast“, fing sie zögerlich an, „Marc nicht zufällig gesehen in letzter Zeit, oder?“
      „Nö. Warum?“, fragte Anya scharf. „Kommt er jetzt auch nicht mehr zu deiner privaten Bionachhilfe, Redfield!?“
      Valerie seufzte. „Ach nur so. Ich mache mir Sorgen um ihn …“
      „Schön für dich! Dann mach dir mal schön weiter Sorgen, aber nerv mich nicht damit! Ciao!“
      Die Blondine hatte aufgelegt, bevor ihre Rivalin auch nur auf die Idee kommen konnte, dieses sinnlose Gespräch fortzusetzen. Und Anya schwor sich im Falle, dass Valerie jetzt noch einmal anrief, ein neues Telefon fällig werden würde, weil das alte der Last ihrer stampfenden Füße nicht standgehalten hatte.

      Und da soll jemand sagen, dass dieser Dämonenjäger Alastair dich nur wegen meiner Wenigkeit für einen Dämonen gehalten hat …

      Anya warf das Telefon aufs Sofa und legte demonstrativ die Hände auf die Ohren. Alles, nur das nicht! Nicht auch noch Levrier, der sie mit seinen Moralpredigten langweilen wollte.
      „Wie ich mit Valerie umgehe ist meine Sache, klar!?“

      Und du denkst nicht, dass sich das irgendwann rächen wird?

      „Wenn sich hier jemand rächt, dann sowieso nur ich! Wir haben schon Anfang Oktober und ich weiß immer noch nichts über Eden oder wie ich diesen Pakt aufheben kann!“

      Du kannst den Pakt nicht einfach so rückgängig machen, Anya Bauer. Und selbst wenn es dir gelänge; ihn zu brechen würde für dich bedeuten, dass du einen schnellen Tod finden wirst. Schlimmer aber noch, du würdest in den Limbus eintreten.

      Anya blinzelte verwirrt und ließ sich auf den Rand ihres Bettes nieder. „Limbus? Dieses Ding, das Harry Potter reitet?“
      Was immer es auch war, Anya wollte es gar nicht wissen. Immer wenn Levrier etwas über -seine- Welt erzählte, bedeutete das nichts als Ärger.

      Der Limbus ist der Ort, der jeden Paktbrecher erwartet. Sollten wir scheitern und nicht Eden werden, würde das einem Verletzen unseres Vertrages gleichkommen. In beiden Fällen würdest du also dorthin gelangen. Ich will nicht zu viel darüber erzählen, denn es wäre nicht gut für uns beide, wenn du über ihn Bescheid wüsstest. Doch sei dir im Klaren darüber, dass der Limbus das schlimmste Schicksal ist, welches einer Seele zuteil werden kann.

      „Oh klasse, und wieder eine Hiobsbotschaft? Ist das'n verdammtes Hobby von dir!?“

      Man könnte sagen, der Beruf bringt das mit sich.

      Ärgerlich sprang Anya auf und schritt herüber zu ihrem Schreibtisch am Fenster.
      Wenn das so weiterging, war in ihrem Kopf nicht mehr viel Platz, um unangenehme Erinnerungen und ungebetenes Wissen zu verdrängen. Die Leiche, ihr bevorstehendes Ende, die Niederlage gegen dieses Pennerkind Henry, Marcs düstere Seite und nun auch noch das.
      Andere würden bei so etwas in die Ecke gehen und heulen, doch Anya war froh, dass sie nicht so ein Weichei war. Ihr würde beizeiten etwas einfallen, ganz bestimmt. Und wenn nicht, wurde sie eben doch Eden. Schicksal.

      Was hast du nun vor?

      „Keine Ahnung“, brummte das Mädchen missmutig und setzte sich an den Schreibtisch, „weiter recherchieren. Vielleicht findet diese Nina irgendetwas heraus. Außerdem ist Abby an das Necronomicon gelangt, von H.P Craftlove.“

      Lovecraft. Und das Buch ist rein fiktional. Was sie da gefunden hat, ist nichts weiter als eine Fälschung.

      „Abby meint, das Ding wurde von einem seiner Vertrauten oder so geschrieben und wäre sehr selten, weil es von den Nachkommen Lovedings wegen Leichenschändung, Copyright oder so verboten worden ist.“ Anya gluckste bei dem Gedanken an ein Buch in Lovecrafts Sarg, unwissend, dass sie ihre Freundin bei deren Erklärungen völlig falsch verstanden hatte. „Abby hat es wohl über gewisse Kontakte erhalten, aber sie hat nicht gesagt, wer ihr dabei geholfen hat. Ich glaube zwar auch nicht an den Scheiß, aber es ist besser als nichts. Leider dauert die Lieferung noch ein wenig.“

      Ich weiß, ich war dabei, als sie dir das erzählt hat. Ich bin immer bei dir, jede Sekunde, selbst wenn du schläfst. Du kannst keine Geheimnisse vor mir haben, Anya Bauer. Merk dir das für die Zukunft.

      Das Mädchen knirschte mit den Zähnen und holte zeitgleich ihre Deckbox vom Gürtel ihrer Jeanshose mit Trägern. Sollte der doch reden, ihr war das egal. Wenn in diesem Buch wirklich etwas Brauchbares stand, würde dieser Spanner sowieso bald nichts mehr zu lachen haben.
      „So, jetzt halt den Rand, ich muss mich konzentrieren!“
      Anya nahm das Deck aus der Box hervor, legte es auf den Tisch und machte die oberste Schublade von rechts auf, in der nur eine kleine Blechkiste stand. Diese holte sie hervor und stellte sie ebenfalls auf den Schreibtisch. Es war die Collectors Tin von [Gem-Knight Ruby], die sie sich vor ein paar Monaten gekauft hatte, um ihre Sammlung zu vervollständigen. Zumindest fast. Dass diese aber nun durch [Gem-Knight Pearl] zusätzlich ergänzt wurde, hatte in Anya schon seit Tagen den Wunsch geweckt, ihr Deck ein wenig umzubauen.
      Also nahm sie den Deckel von der Box und verteilte ihre Kartensammlung über den ganzen Schreibtisch, indem sie die Kiste auf den Kopf stellte und ihren Inhalt einfach ausschüttete.
      „Dann fangen wir mal an“, meinte sie nun ein wenig besser gelaunt. Denn der Gedanke, ein Deck zu bauen, das Valerie Redfield spielend vernichten konnte, beflügelte sie ungemein.

      Hätte ich Augen, würde ich sie schließen, nur um mir das nicht antun zu müssen. Ich möchte dir gerne meine Hilfe anbieten, Anya Bauer.

      „Klappe, ich kann das selbst! Und jetzt nerv' nich' 'rum!“

      ~-~-~


      Ich weiß zwar nicht, wie du deinen Mitschülern derart viel Geld abnehmen konntest, um dir so viele Karten leisten zu können. Aber so wie das Deck momentan aussieht, passt es nicht einmal in die Duel Disk und verstößt gegen essentielle Grundregeln des Spiels.

      Anya jedoch hörte gar nicht hin.
      Vor ihr stand ein Stapel aus mindestens hundert Karten, der fortan ihr Deck darstellen sollte. Es war bereits Abend und das letzte Rot am Himmel verlor den Kampf mit der Dunkelheit.
      „Welche soll ich nehmen“, murmelte das Mädchen unsicher und hielt in jeder Hand eine Fallenkarte, „[Birthright] oder [Justi-Break]?“

      Nimm zufällig fünfzig Karten aus deinem Deck und tu sie zurück in deine Sammelbox. Du triffst garantiert die richtigen.

      Wütend legte Anya die Karten auf ihr Deck und schnaubte. Wie sollte sie sich denn konzentrieren, wenn Levrier zu allem einen bissigen Kommentar auf den nicht-existierenden Lippen hatte!?
      „JA, es ist vielleicht etwas umfangreicher als mein altes Deck! Dennoch ist es so perfekt, 'kay!?“
      Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, ihr Deck umgestalten zu wollen. Auch wenn sie den ein oder anderen Schatz in ihrer Box gefunden hatte, den sie mit der Zeit völlig verdrängt hatte.
      Wie sollte sie die Feinabstimmungen treffen, wenn sie dauernd unterbrochen wurde!?

      Du bist noch unfähiger als dieser Junge aus der Fernsehserie, die du fast täglich schaust. Der will sich auch nie helfen lassen.

      „Und du bist genauso nervig wie seine gute Fee!“

      Die wenigstens Ahnung von der Materie hat. Ich kann nicht glauben, dass du das optimale Gefäß bist, um Eden zu werden.

      Anya ballte eine Faust und schlug so hart gegen den Tisch, dass ihr Kartenturm umkippte und auf den Rest ihrer Karten fiel. Ihre ganze Arbeit war damit umsonst gewesen. Ein Wutschrei ungekannter Lautstärke folgte auf dem Fuß.
      Fassungslos starrte sie ihr zerstörtes Werk an. „Toll! Wegen dir kann-“

      Anya Bauer! Spürst du das?

      „Oh ja! Wut, blanke Wut! Zerstörungswut, um genau zu sein! Geh sterben, Levrier, du bringst nur Unglück!“ Anya fing damit an, die einzelnen Karten wieder in die Hand zu nehmen.

      Diese Schwingungen. Ein Pakt wird geformt!

      „Oh der Glückliche!“, fauchte Anya, während sie beschäftigt war. „Vielleicht kriegt der wenigstens 'nen anständigen Dämon ab, der die Klappe hält, wenn er sie zu halten hat!“

      Das verheißt nichts Gutes. Diese Energien dringen vom Stadtrand zu mir und das mit so gewaltiger Kraft, dass ein sehr mächtiges Wesen dahinterstecken muss. Wir sollten das untersuchen!

      Anya warf die Karten zurück auf den Stapel und schnaufte. Dann drehte sie sich mit ihrem Stuhl um und starrte die Decke an, wie sie es immer tat, wenn sie glaubte, mit Levrier von Angesicht zu Angesicht zu reden.
      „Okay, Kumpel, jetzt hör mir mal verdammt gut zu! Du kannst mich noch so lange nerven, aber niemand, nie-mand, sagt einer Anya Bauer, was sie zu tun oder zu lassen hat! Ich werde garantiert nicht nachgucken gehen, was der örtliche Spinnerclub jetzt schon wieder angestellt hat! Außerdem hat es gerade angefangen zu regnen und ich werde einen Teufel tun, und bei dem Wetter raus gehen!“

      Das ist mir gleich. Dieses Wesen könnte über Wissen bezüglich Eden verfügen. Wenn die Chance besteht, dass wir mehr über unsere Bestimmung erfahren können, sollten wir sie nutzen!

      „Nix da! Ich werde jetzt mein Deck bauen und dann pennen gehen!“
      Anya drehte sich demonstrativ wieder um und wollte sich wieder den Karten widmen, als ihre Hand plötzlich mitten in der Luft erstarrte. Es war kein Gefühl mehr in ihr.
      „Wa-!?“

      Du lässt mir keine andere Wahl, Anya Bauer. Dein Körper gehört auch mir, vergiss das nicht. Und nur, weil ich dich bisher immer habe gewähren lassen, heißt das nicht, dass du bestimmst, welchen Weg wir gehen!

      Anya wurde schwindelig. Die verschiedenen Karten vor ihr auf dem Schreibtisch begannen zu tanzen und schienen ineinander zu verlaufen.
      „Du Mistkerl, was stellst du mit-“
      Doch schon knallte ihr Kopf mitten auf den Schreibtisch, gebettet in ihre Sammlung. Nur, um wenige Sekunden später wieder hochzuschrecken.
      Plötzlich griff Anya zunächst zögerlich eine Karte, drehte sich zwischen ihren Fingern und betrachtete sie eingehend. Dann schnappte sie sich in wahnwitzigem Tempo eine nach der anderen aus ihrem Haufen und hatte so binnen weniger Minuten ein Deck gebaut, das sie ausdruckslos in ihre Deckbox steckte. Jene hing sie an ihren Gürtel, stand auf und schritt eilig aus dem Zimmer.

      ~-~-~


      „Du verdammter, elender Dreckskerl!“, schrie Anya aus vollen Lungen und versuchte sich, gegen die Ketten zu wehren, die ihre Arme und Beine fest umschlungen hatten. Doch es half nichts, sie war gefesselt. Gefesselt an das sich drehende Mosaik der Erde, gefangen in dieser unbekannten Welt der Dunkelheit.

      Sei mir lieber dankbar. Jetzt hast du dein bisher stärkstes Deck, ohne eigenen Aufwand – was ganz nach deinem Geschmack ist, wie ich vermute. Solange wir nicht geklärt haben, woher diese Energie kommt, werde ich die Führung übernehmen.

      „Lass mich frei! Das ist mein Körper!“
      Aber Anya wusste, dass es vergebens war. Sie konnte Levrier nicht sehen. Stattdessen sah sie durch ihn. Beziehungsweise durch ihren eigenen Körper, welcher gerade im strömenden Regen bei anbrechender Nacht durch den Park rannte. Rings um sie herum standen Bänke und Bäume, die Laternen spendeten ein wenig Licht.
      Für Anya stellte sich das Geschehen allerdings ungewohnterweise in Form einer Sphäre dar, die vor ihr in hellem Blau glühte und zeigte, was Levrier in Anyas Körper gerade beobachtete. Es war merkwürdig, denn tatsächlich hing Anya nun in der Luft, gekettet an das Mosaik, welches scheinbar seine Lage gewechselt hatte. Obwohl es sich drehte, bewegte das Mädchen sich nicht mit – trotzdem war ihr schwindlig, vor allem aufgrund des Abgrunds unter ihren Füßen.
      Wütend biss sie die Zähne zusammen. Eigentlich hatte sie erst mit 21 vorgehabt, gefesselt in einer Gummizelle zu liegen, hauptsächlich um nicht arbeiten gehen zu müssen. Dass Levrier ihr diese Erfahrung jetzt einfach vorweg nahm, war nicht nur tolldreist, sondern unverzeihlich!
      „Wenn ich-“

      Wenn ich jemals wieder hier herauskomme, bist du so was von fällig? Denselben Satz wiederholst du nun schon zum achten Mal, gefolgt von „Lass mich frei!“. Wird dir das nicht langsam langweilig?

      Levrier schüttelte genervt den Kopf, während er durch den Park rannte. Anya Bauers Flüche und Racheschwüre konnte er leider nicht ausblenden, denn der Pakt erlaubte ihm nur die Kontrolle über den Körper des Mädchens, nicht deren Geist. Aber zumindest bemerkte sie dadurch nicht, dass er in ihrem Leib ernsthafte Schwierigkeiten hatte.
      Wieder knickte er um. Eine feste Form zu haben war eine Erfahrung, die ihm bisher nur sehr selten zuteil geworden war. Laufen auf zwei Beinen war eine regelrechte Zumutung, wenn man andere Fortbewegungsarten gewohnt war.

      Alter, lern' laufen! Wenn uns jemand sieht, denken die noch, ich hätte 'ne ganze Kneipe leer gesoffen!

      Seufzend bewegte sich Levrier nun hinkend vorwärts, der schmerzende Knöchel erschien wie eine seltsame Illusion für ihn. Anya Bauer hatte es offensichtlich doch bemerkt. Zumindest hörte sie jetzt mit dem Geschrei auf, dachte Levrier erleichtert.
      „Mir ist egal, was andere über uns denken. Außerdem ist niemand in der Nähe, der uns sehen könnte. Am Ende des Parks wurde der Pakt geschlossen, das ist alles, was im Moment relevant ist.“

      Hättest du nicht wenigstens 'ne Jacke überziehen können? Ich trage nur ein weißes T-Shirt, du Blödian!

      Levrier blieb stehen, sah an sich herab und erkannte den Grund für Anya Bauers Unmut. „Du wirst es überleben. Sei froh, denn dieser Schriftzug 'Nirvana' verdeckt die heiklen Stellen hervorragend. Warum schämt ihr Menschen euch nur für euren Körper?“

      Duuuuuu!

      „Wie dem auch sei, ich habe keine Zeit für dein albernes Gezänk.“
      Mit diesen Worten setzte sich Levrier wieder in Bewegung und wich den kleinen Pfützen aus, die sich durch den Regen langsam bildeten. Eine leichte Kurve führte ihn schließlich zum Nordtor des Parks, von welchem aus man auf die Straße blicken konnte. Ein Auto fuhr vorbei, doch von der Präsenz, die Levrier gespürt hatte, war nirgendwo mehr eine Spur – fast, als wäre sie nie hier gewesen.
      Er wandte dem Tor den Rücken zu und musterte die große Wiese zu seiner Rechten, dann den dichten Wald zu seiner Linken. Niemand war hier und hielt sich verborgen. Doch womöglich spielte Anya Bauers minderwertige Sehstärke ihm auch nur einen Streich.

      Ja, guck, guck nur! Da ist niemand, du Hohlkopf! Krieg' ich jetzt meinen Körper zurück? … Bitte?

      „Nein.“
      Es war befremdlich, nun im Körper von Anya Bauer zu stecken. Ihre Sinneseindrücke waren ganz anders als die von Levrier, während er körperlos war. Sie fror im Regen, was Levrier in seiner Suche stärker behinderte, als ihm lieb war. Zudem war durch den Schleier der Regentropfen die Sicht stark eingeschränkt. Levrier fragte sich, ob das fremde Wesen und sein Bündnispartner überhaupt noch hier waren. Ein Ort wie dieser war sehr ungewöhnlich für einen Pakt, denn auch wenn der Regen die Sicht blockierte, war die Gefahr groß, von anderen Menschen entdeckt zu werden.
      „Das ist eine Falle“, erkannte Levrier schließlich.

      Oh, ganz großes Kino! Und du bist natürlich direkt hineingelaufen, Schwachkopf! Wie wäre es, wenn ich jetzt wieder das Kommando übernehme, damit wir abhauen können!?

      „Dafür ist es schon zu spät.“
      Ohne sich umzudrehen, achtete Levrier auf die Geräusche hinter sich. Selbst das Unwetter konnte die Schritte nicht übertönen, die in den Pfützen hinter ihm widerhallten. Erstaunlicherweise konnte Levrier, obwohl zwischen ihm und der anderen Person gerade einmal knapp acht Meter lagen, keine nennenswerte Präsenz feststellen. Waren seine Kräfte so sehr geschrumpft, seit er den Pakt mit Anya Bauer eingegangen war?
      „Schön, dass du gekommen bist“, sagte eine feste, männliche Stimme, „auch wenn ich irgendwo schon gehofft hatte, dich nicht hier antreffen zu müssen, Anya.“

      Das kann nicht sein! Wieso-!?

      „Ich bin nicht Anya Bauer“, erwiderte Levrier kalt. Er kannte den Besitzer jener tiefen, dennoch sanften Stimme bereits. Trotzdem fühlte er sich unwohl, was vor allem an Anya Bauer lag, deren Emotionen zu ihm drangen. Sie waren wie immer stärkere Wellen, ein Symbol ihrer Aufregung.

      Marc!? Was macht er denn hier!? Sag nicht, dass er-

      Levrier drehte sich nun um und stand dem Footballspieler und Anya Bauers Schwarm direkt gegenüber. Auch er war durchnässt, das schwarze Haar glänzte regelrecht und an seinem kleinen Kinnbart hatten sich Regentropfen eingenistet. Der junge Mann trug nur eine blau-weiß gestreifte Sportjacke, darunter ein T-Shirt und eine Jeans. Sein rechter Arm war immer noch bandagiert – und nun wusste Levrier auch, warum das so war. Am linken trug er eine Duel Disk.
      „Du bist einen Pakt eingegangen“, meinte er kühl und gefasst, was bei Anya Bauers sonst so schnarrender Stimme ziemlich ungewohnt klang. „Etwa nur, um mich hierher zu locken?“
      In Marc Butchers Augen stand tiefes Bedauern. Er griff nach seinem Arm und wickelte langsam die Bandagen ab – nichts! Nur ein geschwollenes Handgelenk.

      Oh Gott sei Dank! Der hat mir echt einen Schrecken eingejagt! Was ist nur los mit dem!? Levrier, mir gefällt das nicht! Was will er von dir?

      Es mutete für Levrier seltsam an, die sonst so ignorante Anya Bauer so aufgeregt zu erleben. Sorge war etwas, das dieses Mädchen nur selten durchscheinen ließ und in der Regel vor allen anderen verborgen hielt. Aber ihre Ängste waren begründet – dieser junge Mann war nicht zufällig hier.
      „Ich bin keinen Pakt eingegangen“, meinte Marc Butcher schließlich. „Noch nicht zumindest. Das wollte ich erst dann tun, wenn wir uns gegenüberstehen, Anya. Oder wer auch immer ihren Körper nun in Beschlag hält.“
      „Man nennt mich Levrier.“
      „Also bist du wirklich ein 'Gründer'?“
      „Womöglich? Ist das die Bezeichnung für Wesen wie mich?“
      Marc Butcher runzelte die Stirn. „Das wusstest du nicht?“ Doch er seufzte und überging Levriers Ahnungslosigkeit. „Wie dem auch sei, wir sind jetzt hier.“
      „Was habe ich vorhin gespürt, wenn du noch gar keinen Pakt eingegangen bist?“

      Was redet er da!? Gründer? Levrier, du musst ihn aufhalten! Marc darf keinen Pakt eingehen! Wie kommt er überhaupt dazu, woher weiß er so viel!? Bitte, tu was! Ich verstehe diesen ganzen Kackmist nicht!

      „Nichts weiter als ein Signal, um euch hierher zu locken“, antwortete Marc Butcher tonlos, „das war Isfanels Idee. Der Dämon, mit dem ich den Pakt eingehen werde.“
      Levrier verschränkte die Arme, eine Unart, die er sich anscheinend von Anya Bauer abgeschaut hatte. Deren Emotionswellen waren mittlerweile so chaotisch, dass er aufpassen musste, nicht am Ende noch die Kontrolle zu verlieren. Das durften sie sich in ihrer momentanen Lage nicht erlauben.
      „Und wozu das Ganze? Bist du auch ein Dämonenjäger?“
      „Nein. Ich bin ein normaler Mensch, der nur zufällig in diese Sache hineingeraten ist“, meinte sein Gegenüber bitter. „Ohne Isfanel wüsste ich gar nicht, was hier überhaupt abgeht. Und ich wünschte, ich könnte das alles vergessen. Aber da ich nun Bescheid weiß, kann ich euch nicht einfach ignorieren.“

      Wovon spricht er da bloß? Will der uns etwa-

      „Also bist du hier, um mich zu vernichten?“, stellte Levrier die Frage, die Anya Bauer nicht auszusprechen wagte.
      Marc Butcher nickte kaum merklich.

      Oh shit, sag, dass das ein Scherz ist! Warum Marc? Der will uns nur verarschen, oder? So wie neulich? Sag, dass es so ist, Levrier!

      „Ich fürchte, dem ist nicht so“, meinte dieser zu Anya Bauer emotionslos. „Für einen einfachen Streich weiß er zu viel.“
      Nun donnerte und blitzte es über Livington. Das Unwetter wurde stärker, der Regen heftiger. Es war ein Omen, das wusste Levrier. So geschah es immer, wenn gewaltige Kräfte zu wirken begannen. Damit stand unweigerlich fest, dass dieser Mann eine Gefahr darstellte.
      „Darf man den Grund für deinen Groll mir gegenüber erfahren?“, fragte er kühl.
      „Eden“, antwortete Marc Butcher knapp und strich sich über die verletzte Hand. „Ich muss verhindern, dass du den Menschen, der mir am Wichtigsten ist, ins Unglück stürzt.“

      Nicht er auch noch! Bitte nicht!

      „Du weißt mehr darüber?“
      Plötzlich brüllte Marc Butcher Levrier außer sich vor Wut an. „Nicht annähernd genug und doch viel zu viel! Denkst du, ich lasse zu, wie du Valerie für deine Zwecke opferst!?“
      Levrier verstand jedoch nicht. „Dieses Mädchen hat keine Verbindung zu mir.“
      „Doch, hat sie! Sie trägt ein Mal, das reicht bereits, egal von wem es stammt!“
      „Und in welchem Zusammenhang steht sie mit Eden?“

      DAS würde ich auch gerne wissen! Wie kommt Marc auf die Idee, dass du diese dumme Pute gefährden könntest!? Oder- Willst du sie etwa wirklich-!?

      „Natürlich nicht.“
      Ein kalter Wind strich über den Park und ließ das Gras unstet hin und her wippen.
      „Du willst wissen, was ich erfahren habe? Gut. Dann erzähle ich dir meine ganze Geschichte“, meinte Marc Butcher aufgewühlt, schloss die Augen und atmete tief durch. Er war blass und Levrier wusste genau, dass er sich seiner Sache nicht so sicher war, wie er behaupten mochte.
      Der Footballspieler öffnete die Lider wieder und begann zu erzählen.
      „Es ist gerade einmal zwei Wochen her, da bekam ich eines Nachts Besuch. In meinem Traum. Es war Isfanel, der Dämon, der euch aufzuhalten gedenkt. Gleich von Anfang an wollte er, dass ich einen Pakt mit ihm eingehe. Um euch beide zu vernichten, denn dazu wäre ich nur mit ihm in der Lage.“
      Levrier stockte. „Dann weißt du also tatsächlich Bescheid?“
      „Klar doch, Isfanel hat mir alles erzählt! Und wäre es nicht für Valerie, würde ich mich nie mit diesem Ding abgeben! Es ist nicht so, dass Isfanel mich aufgesucht hat, nur um Gutes zu tun! Eigentlich ist es reiner Eigennutz, was dir ja sehr bekannt sein dürfte! Wenn Eden erwacht, verschwindet Isfanel, so sagt er! Du kannst dir also denken, wie hartnäckig er um mich gekämpft hat, da ich als Wirt geeignet für ihn bin!“
      Jedoch beschäftigten Levrier ganz andere Dinge als Marc Butchers Gründe für sein Tun. Er konnte dieses andere Wesen nicht einmal spüren, als wäre es gar nicht anwesend. Was hatte das zu bedeuten?
      Der junge Mann schluckte. „Und vielleicht kannst du dir auch vorstellen, wie das für mich war. Ich dachte, ich wäre vollkommen durchgeknallt. Aber all die Dinge, die Isfanel mir erzählt hat, was in Victim's Sanctuary geschehen ist, in unserer Schule … Ich wollte es nicht glauben, bis zu dem Zeitpunkt, als Anya ihre Kräfte das erste Mal eingesetzt hat.“

      Meint er etwa das Duell mit Nick!?

      „Seitdem wusste ich, dass Isfanel die Wahrheit gesagt hatte.“
      Levier zog eine Augenbraue hoch, ebenfalls eine Angewohnheit seines Gefäßes, die schwer zu bändigen war. „Welche Wahrheit?“
      „Über euch beide! Denkt ihr, es ist mir leicht gefallen, Valerie von mich zu stoßen? Mich wie ein Arsch zu benehmen, nur damit sie Abstand von mir hält, um nicht noch weiter in diese Sache hineingezogen zu werden?“ Er breitete wütend die Arme aus. „Aber so wird es ihr wenigstens leichter fallen, mich zu vergessen! Für mich gibt es keinen Weg mehr zurück, so oder so!“

      Der will uns wirklich umbringen! Ich-! Wieso-

      Noch nie hatte Levrier Anya Bauer so verzweifelt erlebt. Gewiss empfand er Mitleid für sie, doch würde er diesen Mann nicht gewähren lassen. Egal ob er ein Freund seines Gefäßes war oder nicht, jeder, der sich als Bedrohung für ihn entpuppte, musste vernichtet werden. Und suchte dieser Marc Butcher nicht auch den Tod, wenn er ihm so aufrichtig begegnete? Denn das war unweigerlich, was ein Pakt mit diesem Isfanel bedeuten würde.
      „Isfanel wollte den Pakt sofort schließen, nachdem ich mich entschieden hatte, euch zu töten“, sprach Marc Butcher nun leise, mit zitternder Stimme weiter. „Aber das wollte ich nicht. Bevor ich ihm gehöre, wollte ich zumindest noch einmal mit euch sprechen. … und mich entschuldigen.“
      Ohne Vorwarnung warf er sich auf die Knie, direkt in eine Pfütze. „Vergebt mir! Bitte! Aber ich habe keine andere Wahl! Ich muss die anderen vor euch beschützen, auch wenn ihr nichts Böses beabsichtigt!“
      „Ich verstehe nicht“, erwiderte Levrier steif, „du siehst Eden als etwas Gefährliches, gleichwohl nicht Böses an? Woher hast du, beziehungsweise Isfanel, dieses Wissen?“
      Marc Butcher sah auf. „Darüber werden wir nicht sprechen! Ich will davon nichts mehr hören! Es tut mir Leid, dass ich euch mit dem falschen Pakt hierher gelockt habe, aber es muss hier geschehen! Damit Anya wenigstens an einem schönen Ort stirbt! Auch wenn das Wetter …“

      I-ich soll sterben? Nein! Das … das ist nicht Marc! Der würde so etwas nie tun!

      Langsam erhob sich Marc Butcher wieder. Seine Jeans war nass und schmutzig vom Pfützenwasser und er sah trotz seiner kräftigen Statur so zerbrechlich aus, dass Levrier daran zweifelte, ob dieser Bursche wirklich den Willen mit sich brachte, sie beide zu töten. Aber er hatte einen Dämonen an seiner Seite, welcher garantiert dort eingreifen würde, wo sein Gefäß zu hadern begann.
      „Die Situation ist ernst“, meinte Levrier besorgt zu Anya Bauer, als er eine Verzerrung direkt unter sich zu spüren begann. Doch die Erkenntnis kam bereits zu spät. „Wir sind gefangen in einem Netz. Während er gesprochen hat, muss der Dämon irgendeinen Zauber gewirkt haben! Ich kann meine Beine nicht bewegen!“

      Was!?

      „Sorry, das war auch Teil des Plans“, entschuldigte Marc Butcher sich reumütig.
      Wie konnte das nur unbemerkt an ihm vorbeigegangen sein, fragte Levrier sich tadelnd. Es war, als würde er am Boden festkleben. Wer immer auf der Seite dieses Mannes stand, war sehr geschickt darin, im Verborgenen zu agieren.
      Marc Butcher aktivierte seine Duel Disk. „Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder wir kämpfen auf die übliche Weise und gefährden damit unschuldige Menschen, oder wie lösen unseren Konflikt über ein Duell. Die Wahl liegt bei euch.“

      Das kann unmöglich sein Ernst sein! Wir können doch nicht gegen Marc kämpfen, was, wenn er verletzt wird!?

      Viel eher sorgte sich Levrier um ihr eigenes Wohlergehen. Die Macht dieses Isfanels war unmöglich einzuschätzen und geschwächt wie er war, konnte Levrier nicht das Risiko eingehen, einen 'traditionellen' Kampf zu beginnen, den er nicht gewinnen konnte. Ein Duell wäre aus seiner Position die bessere Lösung, denn nicht zuletzt war er an Ort und Stelle gefangen, dazu noch in einem kostbaren Gefäß, welches er nicht gefährden durfte.
      „Ich wähle das Duell“, entschied sich Levrier kurz und knapp.
      „Das dachte ich mir“, meinte Marc Butcher schuldbewusst. „Ist mir auch lieber so.“

      Hör auf! Wir kämpfen nicht gegen Marc, verstanden!?

      Doch Levrier ignorierte Anya Bauers immer heftiger werdende Proteste und aktivierte ihre Duel Disk. Mit dem Deck, welches er ihr gebaut hatte, würden die Chancen auf Erfolg steigen. Und er kannte bereits den Kampfstil seines Gegners, was ein zusätzlicher Vorteil war, auch wenn er auf Gegenseitigkeit beruhen mochte.
      „Ich werde jeden vernichten, der sich meiner Bestimmung in den Weg stellt!“, sprach Levrier erhaben und funkelte sein Gegenüber aus entschlossenen, blauen Augen an. „Bist du ein Feind Edens, bist du auch mein Feind. Erwarte keine Gnade.“
      „Wie gesagt, für mich gibt es sowieso kein Zurück“, seufzte Marc Butcher schwer und strich sich über den verletzten Arm. „Es … tut mir Leid, wirklich …“ Plötzlich richtete er seinen Blick gen Himmel. „Ich bin bereit, Isfanel! Der Pakt … wird geschlossen.“

      NEIN!

      Eine grelle Lichtsäule schoss von dem jungen Mann in die Höhe, während er aus Leibeskräften zu schreien begann. Ohrenbetäubendes Getöse übertönte den fallenden Regen.
      Geblendet wandte sich Levrier ab, während er gleichzeitig einen Zauber spürte, welcher den Park fortan von fremden Blicken abschirmen sollte. Wieder ein Werk Isfanels, damit sie nicht gestört wurden – was auch nur gut so war.
      Wie ein Blitz schlängelte sich der Energiestrahl durch die Luft und verblasste schließlich. Der in rötliches Licht getauchte Park verdunkelte sich wieder in der anbrechenden Nacht, die Regentropfen plätscherten wieder deutlich vernehmbar.

      Wieso … hat er das getan?

      Dort, wo die Lichtsäule war, stand jetzt wieder und völlig unversehrt Marc Butcher. Doch sein Ausdruck hatte sich verändert, denn dort lag kein Bedauern mehr, sondern nur eiserne Härte. Sein rechter Arm war wie durch Zauberhand genesen und nun mit einem roten Mal versehen. Es war ein Langschwert, um das sich eine Flamme wandte, hin bis zur Parierstange, mit der sie verschmolz und ein flügelähnliches Gebilde schuf.
      „Schön, sich endlich von Angesicht zu Angesicht zu sehen“, sprach Marc Butcher tonlos.
      „Du bist Isfanel!“ Levrier stockte. Er spürte etwas Vertrautes an diesem Wesen, welches nun seine wahre Macht ausstrahlte. Sie war unbegreiflich, stark, der von Levrier sehr ähnlich. Und dennoch nicht fassbar, wie Wasser, das man nicht festhalten konnte, um es zu verstehen.
      Doch in einem war sich Levrier sicher: Isfanel war deutlich mächtiger als er es selbst war.
      „Du bist mir … vertraut.“
      Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. „Ein Trugschluss. Wir sind uns bis zum heutigen Tage nie begegnet. Und doch weiß ich viel über dich, Levrier, der wohl bekannteste 'Gründer'. So wie es deine Bestimmung ist, Eden zu werden, ist es meine, dieses Unterfangen aufzuhalten. Meine Existenz hängt davon ab und auch die vieler weiterer Individuen. So wie ich von dir keine Gnade zu erwarten habe, hast du genauso wenig von mir mit Rücksicht zu rechnen.“
      Levrier nickte. „Verstehe. Aber gewähre mir eine Frage. Was ist Eden?“
      „Mein Untergang. Muss ich mehr wissen, als das?“
      „Womöglich weißt du gar nicht mehr. Was, wenn du dich irrst?“
      „Kann man sich in seiner Bestimmung irren?“, erwiderte Isfanel nun mit einem kühlen Lächeln auf Marc Butchers Lippen. „Deine Worte bedeuten mir nichts. Wisse, dass ich dafür sorgen werde, dass du abermals scheitern wirst. Hier und jetzt!“
      Er streckte seinen Arm mit der Duel Disk vor. Levrier nickte daraufhin, denn jeder weitere Versuch, mehr über die Beweggründe seines Gegners zu erfahren, wäre vergeudete Liebesmüh. Und so riefen sie synchron: „Duell!“

      [Anya: 4000LP / Marc: 4000LP]


      Beide zogen ihr Startblatt von fünf Karten und standen sich im Regen gegenüber. Levrier empfand das ständig wachsende Unbehagen in ihm als äußerst unangenehm. Besonders, da es nicht nur von Anya Bauer herrührte, die sich mit allen Kräften gegen seine Kontrolle wehrte.

      Er kann doch nicht wirklich weg sein, oder? Marc ist doch noch in ihm, so wie ich in dir bin, oder? Brech' dieses beschissene Duell ab, ehe uns allen etwas passiert! Wenn du willst, kümmere ich mich um diesen Drecksack, aber nicht, solange er in Marc steckt! Antworte mir gefälligst, Levrier!

      „Der Bursche ist tatsächlich noch in ihm, aber er hat die Kontrolle freiwillig aufgegeben. Es gibt nichts, was ich für ihn tun kann. Und unsere Lage gestattet es nicht, in Verhandlung zu treten. Isfanel hat alle Fäden in der Hand.“
      Jener lachte daraufhin zufrieden. „Das ist richtig. Wäre es nicht der Wille meines Gefäßes, würde ich euch auf der Stelle vom Antlitz dieses Planeten tilgen. Doch so bin ich an -das- hier gebunden.“ Er hob den Arm mit seiner Duel Disk. „Warum also bringen wir es nicht endlich hinter uns? Ich beginne, Draw!“
      Damit fügte er seiner Hand eine sechste Karte hinzu. „Ich spiele eine Karte verdeckt und beschwöre [Kayenn, The Master Magma Blacksmith] im Angriffsmodus.“
      Vor seinen Füßen tauchte die gesetzte Karte auf. Weiter in der Mitte des Spielfelds erhob sich ein älterer Mann ganz aus Stein, mit nacktem Oberkörper, der einen Hammer aus purer, gehärteter Lava schulterte.

      Kayenn, The Master Magma Blacksmith [ATK/1200 DEF/200 (3)]

      „Damit ist mein Zug beendet“, verlautete Isfanel seelenruhig.
      Sofort zog Levrier die nächste Karte und studierte eingehend sein Blatt. Anya Bauers Schlüsselkarte war nicht darunter, was bedeutete, dass er eine andere Vorgehensweise einschlagen musste. Er griff sich ein Monster und legte es auf die Battle City-Duel Disk des Mädchens. „Ich rufe [Gem-Knight Obsidian]!“
      Vor ihm erschien ein Ritter in pechschwarzer Rüstung, welcher als Waffe eine massive Perlenkette aus schwarzen Edelsteinen um seine Schulter hängen hatte.

      Gem-Knight Obsidian [ATK/1500 DEF/1200 (3)]

      Wie es Anya Bauer sonst tat, streckte Levrier den Arm aus, als er den Angriff befahl. „Attackiere sein Monster!“
      Der schwarze Ritter nahm seine wuchtige Kette, schwang sie und wurde, als die ersten Perlen sich bereits von ihr zu lösen begannen, plötzlich von mehreren Stahlketten umschlungen, die aus dem Boden ragten. Auch seine Perlen wurden in der Luft gefangen und schwebten regungslos über der Erde.

      Eine Fallenkarte!

      „Das sehe ich“, kommentierte Levrier Anya Bauers Aufschrei trocken.
      Isfanel hielt seinen Zeigefinger immer noch auf dem Knopf an Marc Butchers Duel Disk, welcher besagte Falle ausgelöst hatte. „Man nennt diese Karte [Fiendish Chain]. Sie annulliert die Effekte des betroffenen Monsters und hindert es am Angriff, solange sie aktiv ist.“
      „Verstehe. Dann setze ich eine Karte verdeckt und beende meinen Zug.“ Unbeeindruckt schob Levrier seine eigene Falle in den dazugehörigen Schlitz der Duel Disk und ließ sie so vor sich erscheinen.

      Können wir das nicht abbrechen!?

      „Ich sagte bereits, dass das unmöglich ist.“
      Plötzlich lachte Isfanel auf, doch es klang spöttisch und verachtend. „Wie ich sehe, ist dein Gefäß gesprächiger als meines. Marc Butcher hat kein Wort mehr verloren, seit er den Pakt eingegangen ist. Er weiß, dass er nie wieder zurückkehren wird.“

      Stopf' diesem Mistkerl seine dreckige Visage! Niemand redet so über Marc! Er wird zurückkommen, dafür sorge ich schon! Wenn ich doch nur-!

      Levrier seufzte. Anya Bauer war zu optimistisch. Sie hatte keine Ahnung, was ein Kampf zwischen zwei Wesen wie ihm und Isfanel wirklich bedeutete. Und er hatte auch nicht vor, sie darüber schon jetzt aufzuklären.
      „Mein Zug“, kündigte Isfanel schließlich an und zog. „Ich aktiviere [Spiritualism]! Damit gebe ich die gesetzte Karte zurück auf deine Hand, Levrier.“
      Aus der Zauberkarte schossen geisterhafte Gestalten, Skeletten nicht unähnlich und verschwanden in Levriers Fallenkarte, die sich daraufhin auflöste. Unzufrieden nahm deren Besitzer sie wieder aus der Duel Disk.
      Derweil zückte sein Gegner bereits die nächste Handkarte und spielte sie aus. „Beschwörung! [Card Trooper]!“
      Hinter ihm kam ein kleiner Roboter hervor gerollt, welcher seine Kanonenarme auf den Feind seines Besitzers richtete. Aus seinem Kopf strahlte das Licht von zwei Scheinwerfern, die seine Augen darstellen sollten.

      Card Trooper [ATK/400 DEF/400 (3)]

      Isfanel schwang den Arm aus. „Effekt des [Card Troopers] aktivieren. Einmal pro Zug kann ich bis zu drei Karten von meinem Deck auf den Friedhof abwerfen, um mein Monster auf diese Weise für jede von ihnen bis zur End Phase um 500 Angriffspunkte zu stärken.“
      Er griff die obersten drei Karten seines Stapels und zeigte sie vor. Es waren zwei Monster und eine Fallenkarte, genannt [Laval Judgment Lord], [Laval Forest Sprite] und [Skill Successor].

      Card Trooper [ATK/400 → 1900 DEF/400 (3)]

      Oh, na ganz klasse! Lass lieber mich ran, sonst verlieren wir noch!

      Wie es schien, hatte Anya Bauer sich vom Schock der Begegnung mit Marc Butcher halbwegs erholt und war wieder ganz die Alte. Dennoch würde Levrier ihrem Wunsch nicht nachkommen.
      Gerade wollte er etwas darauf erwidern, da streckte sein Gegner plötzlich die Hand aus. „Erkenne meine Macht! Meine zwei Stufe 3-Monster werden zu einem Rang 3-Monster! Ich erschaffe das Overlay Network!“
      Ein schwarzer Sternenwirbel tat sich mitten im Boden auf und verschluckte seine Monster, die zu je einem roten und einem braunen Energiestrahl wurden. Aus dem Loch entstieg eine menschenartige Gestalt. Gekleidet in einer dunklen Rüstung, brannten sowohl Kopf, Schultern und Hände dieses Wesens, während ein zerfetzter, roter Mantel das Bild abrundete.
      „Xyz-Beschwörung! [Lavalval Ignis]!“, rief Isfanel erhaben.

      Lavalval Ignis [ATK/1800 DEF/1400 {3}]

      Um den Krieger kreisten zwei Energiesphären, sein Xyz-Material.
      Derweil wollte Levrier erschrocken zurückweichen, doch seine Füße verweigerten durch Isfanels Magie ihren Dienst. Nicht etwa um des Monsters Willen war er schockiert, sondern wegen dem im Regen kaum sichtbaren, roten Glimmen, welches von Marc Butchers Mal ausging.
      „Das ist“, begann er und hielt kurz inne. „Das ist das Symbol ihres Pakts!“

      So wie [Gem-Knight Pearl] bei uns? Hmm, sieht scheiße aus, das Teil. Und besonders stark ist es auch nicht. Außerdem, das ist doch total der Ghost Rider-Abklatsch! Welcher Schwachmat-

      „Beurteile deinen Gegner nicht nach dem Aussehen“, mahnte Levrier sie scharf, „ich bin mir sicher, dass diese Karte einen gefährlichen Effekt besitzt.“
      Isfanel lächelte heimtückisch. „Gewiss. Warum findest du es nicht heraus?“ Er zeigte mit dem Finger auf Levriers Gem-Knight. „Vernichte!“
      Ignis legte die Hände aufeinander und erschuf so einen gewaltigen Feuerball. Plötzlich bellte Isfanel herrisch: „Xyz-Material abhängen! Wenn meine Kreatur es absorbiert, erhöht sich seine Angriffskraft zeitweilig um 500!“
      Er nahm [Kayenn, The Master Magma Blacksmith] unter seiner Xyz-Monsterkarte hervor und schickte sie auf den Friedhof. Zeitgleich wurde eine der Sphären um Ignis in die Flamme gezogen, wodurch jene weiter anwuchs.

      Lavalval Ignis [ATK/1800 → 2300 DEF/1400 {3}]

      „Attacke!“

      Oh, shit!

      Levrier hielt schützend den Arm vor sein geborgtes Gesicht, als Ignis die Flamme abschoss und [Gem-Knight Obisidian], welcher, gefesselt wie er war, nicht ausweichen konnte. Es gab eine Explosion und Levrier spürte, wie Funken seine Haut verbrannten. Es schmerzte fürchterlich, was für ihn eine längst vergessene Erfahrung war. Ein Stöhnen unter der gewaltigen Hitze konnte er nicht unterdrücken.

      [Anya: 4000LP → 3200LP / Marc: 4000LP]


      Lavalval Ignis [ATK/2300 → 1800 DEF/1400 {3}]

      Stoßweise atmete Levrier ein und aus. Solange Anya Bauers Geist im Elysion gefangen war, konnte sie nicht spüren, was mit ihrem Körper geschah. Ihr war der Großteil der Attacke entgangen, da er dabei die Augen geschlossen gehalten hatte. Hoffentlich würde es noch eine Weile dauern, ehe sie dahinter kam, dass dieses Duell echte Verletzungen zufügte.
      Isfanel zeigte eine Karte mit dem Rücken zu seinem Gegner gerichtet vor. „Diese setze ich verdeckt. Damit ist mein Zug beendet!“

      Mit einer schnellen Handbewegung zog Levrier und musterte dann erneut sein Blatt. Die Optionen waren begrenzt, aber er wusste, dass er schnellstens zum Gegenschlag ausholen musste.
      „Ich aktiviere den Zauber [Monster Reborn] und reanimiere [Gem-Knight Obsidian] von meinem Friedhof. Dazu kommt als Normalbeschwörung noch [Gem-Knight Tourmaline]!“
      Vor ihm tauchten der schwarze Ritter und ein weiterer Krieger in goldener Rüstung auf, welcher zwischen seinen Handflächen einen Blitz erschuf.

      Gem-Knight Obisidan [ATK/1500 DEF/1200 (3)]
      Gem-Knight Tourmaline [ATK/1600 DEF/1800 (4)]

      Hey!? Warum hast du nicht sein Monster wiederbelebt!? Das ist doch viel stärker als Obsidian!

      „Unterbreche mich nicht und lerne lieber“, erwiderte Levrier darauf nur kühl und schob eine weitere Zauberkarte in den dazugehörigen Schlitz seiner Duel Disk. „[Particle Fusion]! Indem ich Gem-Knights vom Spielfeld verschmelze, erschaffe ich ein neues Monster! Erscheine, [Gem-Knight Topaz]!“

      Du hättest wenigstens meinen coolen Beschwörungsspruch aufsagen können! Weißt du, wie lange ich gebraucht habe, um mir den auszudenken?

      Levriers Monster wurden in einen Wirbel aus Edelsteinen gezogen und verschmolzen zu einem neuen Krieger, der kurz darauf vor seinem Herren landete. Auch er trug eine goldgelbe Rüstung, dazu noch einen blauen Umhang und zwei Schwerter mit Blitzklingen in den Händen.
      „Diese Sprüche sind albern“, kommentierte Levrier Anya Bauers Einwurf trocken.

      Gem-Knight Topaz [ATK/1800 DEF/1800 (6)]

      Derweil hatte Isfanel abwartend die Arme voreinander verschränkt und warte mit regelrecht lauernden Augen auf das weitere Vorgehen seines Gegners, ohne ihn jedoch darin zu unterbrechen.
      Jener hielt seine Fusionszauberkarte zwischen den Fingern. „Nun wirkt der zweite Effekt von [Particle Fusion]. Indem ich eines der für die Verschmelzung verwendeten Monster von meinem Friedhof entferne, erhält [Gem-Knight Topaz] für diesen Zug dessen Angriffskraft.“
      Levrier nahm [Gem-Knight Obsidian] vom seinem Friedhofsschacht und steckte diesen in die Hosentasche seiner Jeans.

      Gem-Knight Topaz [ATK/1800 → 3300 DEF/1800 (6)]

      Krass! Du bist ja genauso gut wie ich! Geh ja behutsam mit Marc um, 'kay!? Wenn du ihm auch nur ein Haar krümmst, dann-

      Levrier ignorierte die Gebärden Anya Bauers, obschon ihm langsam die Geduld dafür ausging. Stattdessen zeigte er jetzt entschlossen auf Isfanels Monster. „[Gem-Knight Topaz], Angriff!“
      Wütend stürmte der Krieger auf seinen flammenden Gegner zu und hob eine seiner Klingen, um gnadenlos zuzuschlagen. Und als die Klinge niedersauste, zersplitterte Glas – er hatte dort, wo eben noch [Lavalval Ignis] gestanden hatte, sein eigenes Spiegelbild zerstört.
      Es gab eine heftige Explosion, Glassplitter flogen in Levriers Richtung und fügten ihm Schnittwunden auf der Wange und dem erhobenen Oberarm zu.

      [Anya: 3200LP → 3050LP / Marc: 4000LP]


      „Was ist geschehen?“, fragte Levrier aufgebracht. Sein Krieger war fort, während neben Isfanel nun eine Fallenkarte aufgesprungen war.
      „Du bist der [Mirror Wall] zum Opfer gefallen. Diese mächtige Karte halbiert die Angriffskraft jedes Monsters, das so dumm ist, mich anzugreifen. Und 1650 Punkte sind wirklich nicht sehr viel, nicht wahr?“ Ein gehässiges Lächeln umspielte Marc Butchers Lippen. „Sieht so aus, als wärst du mir vollkommen unterlegen, werter Levrier. Wie ich sagte, du hast keine Gnade zu erwarten.“
      Wieder bediente sich Isfanels Gegner einer der Angewohnheiten seines Gefäßes und schnaubte hochmütig. „Noch ist nichts entschieden. Ich setze diese Karte verdeckt.“
      Mit einem Zischen erschien sie vor seinen Füßen und war somit die einzige Karte auf Levriers Spielfeldseite. „Ich beende damit meinen Zug.“

      „Denkst du das wirklich?“, fragte Isfanel nicht weniger selbstbewusst und zog nebenbei die nächste Karte. „Sicher, niemand kann vorhersehen, was geschehen wird. Aber es gibt Kräfte, die intervenieren können.“ Während er das sagte, zersprang seine Fallenkarte, da ihr Besitzer nicht die erforderlichen 2000 Lebenspunkte zahlte, um ihren Effekt aufrecht zu erhalten. „Möchtest du sie sehen? Diese Kräfte, von denen ich rede?“
      Levrier zuckte zusammen, als sein Gegner plötzlich seinen rechten Arm ausstrecke. Das flammende Schwert darauf begann nun so stark zu leuchten, dass Marc Butchers ganzer Körper von einer roten Aura umgeben war. Gleichzeitig spürte Levrier eine Macht, die er so noch nie zuvor erlebt hatte. Es war, als würden sich seine Eingeweide zusammenziehen.
      Die Erde begann zu erzittern, während der Regen mitten in der Luft plötzlich zum Stehen kam.

      Was ist das!? Mir ist kotzübel!

      „Selbst du fühlst es!?“, fragte Levrier erschrocken und weitete seine Augen, als sich die Flammen an [Lavalval Ignis'] Extremitäten plötzlich blau verfärbten.
      „Werde Zeuge meiner Macht, Levrier“, schrie Isfanel nun größenwahnsinnig.
      Sein Xyz-Monster wurde plötzlich zurück in den schwarzen Wirbel gezogen, aus dem er ursprünglich entstanden war. Allein, dass dieser sich plötzlich aufgetan hatte, verhieß nichts Gutes – das wusste Levrier. Was immer ihm auch begegnen würde, es war ebenfalls eine Kreatur, die nur durch einen Pakt hatte entstehen können.
      „Incarnation Mode!“, brüllte Isfanel aus voller Kehle, während rote Blitze aus dem Wirbel um sich schlugen. „Ich rekonstruiere das Overlay Network! Aus meinem Rang 3-Monster und seinem Xyz-Material wird ein neues Rang 3-Monster! Erscheine, [Lavalval Master – Ignis Aither]!“

      Oh verdammte Mistkacke, das riecht förmlich nach Ärger!

      Das Erste, was aus dem schwarzen Loch auftauchte, waren zwei blaue Flammen, die sich wie Schwingen spreizten. Und es waren tatsächlich Flügel, als kurz darauf der Rest des Wesens aus dem Wirbel in die Höhe flog. Es trug noch dieselbe Rüstung wie [Lavalval Ignis], doch die Flammen an seinen Händen waren nun ebenso blau, wie seine Schwingen. Erstaunlich war, dass sein brennender Kopf nun fehlte, welcher komplett durch eine blauviolette Stichflamme ersetzt wurde. In seinen Händen trug das Wesen eine Sense aus purem, glühendem Magma, das auf den Boden hinab tropfte und jenen versengte. Um es herum kreisten zwei goldene Sphären, die viel größer waren als normale, transformierte Xyz-Materialien.

      Lavalval Master – Ignis Aither [ATK/1800 DEF/1400 {3}]

      Huh!? Das soll alles sein!? Das ist ja genauso'n Müll wie sein altes Monster! Pah, da ist ja mein beknackter [Gem-Knight Pearl] noch stärker!

      Doch Levrier wusste es besser. Die Kraft, die dieses Wesen ausstrahlte, sie war ungeheuerlich. Wie hatte Isfanel es geschafft, allein Kraft seines Paktes mit Marc Butcher so eine Karte zum Leben zu erwecken!?
      „Du siehst so erstaunt aus. Liegt das daran, dass du nicht imstande bist, so etwas zu schaffen?“, fragte sein Gegner spöttisch und deutete auf sein neues Monster. „Wenn die unseren einen Pakt abschließen, verleihen sie ihrem Gefäß die nötige Stärke, um jeder Gefahr zu trotzen, bis das Ziel erreicht ist. Ein Jammer, dass ich das Symbol eures Vertrages wohl nicht mehr zu Gesicht bekommen werde. Andererseits ist wohl nicht damit zu rechnen, dass es stärker ist als meine Kreatur. Effekt von Ignis Aither aktivieren! Indem ich genau eines seiner Xyz-Materialien abhänge, erhält mein Monster bis zu meiner End Phase für jede Karte auf meinem Friedhof 100 zusätzliche Angriffspunkte! Los, Surge Of Demise!“
      Majestätisch spreizte der finstere Flammenengel seine blau lodernden Schwingen gen Himmel, sodass sich ihre Spitzen berührten. Dort wurde eine der beiden goldenen Sphären absorbiert, was dazu führte, dass nun auch besagte Flügel jene Farbe annahmen.

      Lavalval Master – Ignis Aither [ATK/1800 → 2600 DEF/1400 {3}]

      „Aber das ist noch nicht alles“, sprach Isfanel verheißungsvoll, während die schwebenden Regentropfen um ihn herum verdampften. Plötzlich schoss aus seinem Friedhof eine Karte, die er in die Hand nahm. „Dies ist die Fallenkarte [Skill Successor]! Wenn ich sie vom Friedhof aus dem Spiel entferne, erhält mein Monster einen Zug lang weitere 800 Angriffspunkte!“
      Nun erglühte, wie schon um Marc Butchers Körper, auch um dessen Monster eine rötliche Aura.

      Lavalval Master – Ignis Aither [ATK/2600 → 3400 DEF/1400 {3}]

      Oh fuck! Tu gefälligst was, du Idiot! Ich habe ehrlich gesagt keine Lust, durch das Psychovieh dieses Dreckskerls zu krepieren!

      Levrier biss sich auf die Lippe. Damit hatte er nicht gerechnet.
      Gleichzeitig schwang Isfanel mit einer regelrecht verrückten Lache den Arm aus. „Stirb, du ach so berühmt-berüchtigter 'Gründer'! Nie wieder soll deine Existenz andere ins Unglück stürzen! [Lavalval Master – Ignis Aither], Attacke! Primordial Flame Of Life!“
      Sein Monster stieg in die Höhe und erzeugte mit den goldenen Schwingen eine flammende Welle, die direkt auf Levrier zusteuerte.

      Tu gefälligst was!

      „Verdeckte Falle: [Negate Attack]!“
      Der goldene Flammenwind knallte direkt auf Levriers Fallenkarte, die sich schützend vor seinen Besitzer bewegte. Dennoch entstand eine heftige Druckwelle, die zudem den ganzen Park in gleißendes Licht tauchte. Überall von der unsichtbaren Barriere prallten Flammen ab und versengten die umstehenden Bäume, Bänke, das Gras, einfach alles, mit dem sie in Kontakt traten, auf der Stelle. Es blieb nichts, außer einem Häufchen Asche.
      Levrier schrie aufgrund der enormen Hitze des Angriffs, obwohl seine Falle ihn abgefangen hatte. Die Kraft jener Attacke war so stark, dass sie das magische Netz um seine Beine binnen Sekundenbruchteilen zerstörte. Es gab einen grellen Blitz und das Inferno war endlich überstanden.
      Dampfend ging Levrier in die Knie und stöhnte.
      „Siehst du es nun? Das ist die Macht des Incarnation Modes!“, tönte Isfanel hoheitlich und sah erbarmungslos auf seinen Gegner herab. „Du kannst nicht gegen mich bestehen, Narr. Dein Schicksal wurde aufgeschoben, aber nicht verändert.“

      Du musst das abbrechen! Wir werden krepieren, wenn das so weitergeht! Außerdem ist es auch für Marc viel zu gefährlich!

      „Unmöglich! Dieses Duell kann nicht mehr abgebrochen werden!“, schrie Levrier nun aufgebracht und erhob sich ruckartig. „Es wird erst enden, wenn einer von uns stirbt! Das sind die Regeln eines Kampfes zwischen den unseren! Das Duell muss mit dem Tod eines seiner Bestreiter enden, andernfalls sind wir alle verloren! Blutzoll nennt man das!“

      W-was!? Du spinnst wohl! Das kann-

      „Du hörst richtig! Deinen Freund kannst du nicht mehr retten!“
      Nun hatte er es ausgesprochen. Und Anya Bauer wusste nun, dass es zu spät war, um noch einzugreifen. Ihr Wille würde seine Wege nun nicht mehr behindern können, dachte Levrier grimmig.


      Turn 14 – Sacrifices
      Trotz Anyas Flehen und Bitten setzt Levrier das Duell mit dem Dämon in Marc, welcher auf den Namen Isfanel hört, fort. Der Körper des Verlierers wird als Folge des Schlagabtausches zerstört werden, sodass Anya krampfhaft nach einer Möglichkeit sucht, das Duell abzubrechen. Doch es scheint unmöglich, was bedeutet, dass sie entweder sterben oder Marc aufgeben muss …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Tourmaline
      Gem-Knight Obsidian

      Particle Fusion
      Monster Reborn

      Negate Attack

      Gem-Knight Topaz

      Marc

      Laval Forest Sprite
      Laval Judgment Lord
      Kayenn, The Master Magma Blacksmith
      Card Trooper

      Spiritualism

      Fiendish Chain
      Skill Successor
      Mirror Wall

      Lavalval Ignis

      Lavalval Master – Ignis Aither
      Krieger/Feuer/Xyz
      ATK/1800 DEF/1400 {3}
      "Lavalval Ignis" + sein Xyz-Material
      ????
      @-Aska-

      Du triffst es auf den Kopf. Da ist alles vieles Levrier zu verdanken. Denn sind wir ehrlich, ohne Levrier würde so gut wie nichts davon gerade passieren, gell? xD

      Was Marc angeht, das weißt sicher nur du. Aber ich denke, dass es kombotechnisch nicht für mehr gereicht hat kann man Marc auch weiterhin positiv anrechnen, weil das u.U. ja so von dir gewollt war. Denn wenn du vorgesehen hättest, das Val ebenfalls verliert, hättest du sicherlich eine Lösung gefunden. ^^

      Harry Potter hab ich nur tangentiell drauf, aber ansonsten stimm ich dir was Nina angeht vorbehaltlos zu.

      Was Nick angeht, bei dem ist die gemeinsame Lösung von Anya und Abby immer noch viel zu harmlos xD

      @ Folge:

      Nachdem Valerie vor nicht allzu langer Zeit in tiefste Verzweiflung gestoßen wurde, ist nun Anya dran gewesen, als sie in einem Duell auf Leben und Tod mit ihrem Love Interest verwickelt wird. Und zu allem Überfluss übernimmt Levrier die Kontrolle und Anya wird auf den Zuschauerrang verdrängt.
      Unter dem Aspekt auch ein großes Lob für den damit verbundenen Perspektivenwechsel zwischen den beiden. Meiner Meinung nach war der sehr gut gelungen und der Rollentausch war sehr erfrischend. Aber ebenso kam natürlich auch Anyas Konflikt mit Marc als ihrem Gegner gut rüber.

      Generell war die Folge entsprechend nur so mit Dramatik vollgepackt, und phasenweise völlig berechtigt sehr emotional. Und all das steuert darauf zu, dass Anya Marc ein für alle Mal verlieren wird. (In einer Form, auf andere Weise hat sie dies ja schon, als er sich vollständig zu Val bekannt hat und ferner, als er den Pakt mit Isfanel eingegangen ist. Isfanel btw kam einem so richtig wie ein Anti-Levrier vor, der in vielen Punkten sehr gegensätzlich zu diesem wirkte.)

      Insgesamt passten die einzelnen Szenen gut und spielten schön ineinander über. So gesehen auch die Szene der Dämonenjäger zu Beginn, als Vorbereitung auf die Handlung um Isfanel. Wie auch da, haste aber an mehreren Stellen entsprechend geteased, so wie mit Marc bevor er den Pakt geschlossen hat Anya noch aufrichtig um Verzeihung bat, bevor man als Leser mehr erfahren konnte, diese Möglichkeit mit dem Pakt jedoch vollständig ausgehebelt wurde. Aber es soll ja spannend bleiben, weshalb man nicht auf alle aufgeworfene Fragen sofort Antworten bringen kann und teils neue Fragen aufwerfen muss für das noch kommende, insofern muss wie gehabt gut Ding Weile haben.

      Ansonsten gab es in dieser Folge natürlich das Debut der Incarnate Xyz, deiner Variante der Chaos Xyz, die letztere nach wie vor locker in den Schatten stellen können. Und dazu brauchen sie keine Gimmicks wie Rank-Up oder so ;)
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      Wie immer danke an alle Leser. :)

      @Evil Bakura
      Touché, mein Lieber. :D
      Da hast du widerum auch Recht. Im Endeffekt ist es so geworden, wie ich es für richtig befunden habe.

      Btw Anya ist in letzter Zeit ziemlich oft auf den Zuschauerrang verbannt worden. Die sollte das bloß nicht zur Gewohnheit werden lassen. xD
      Danke, dass du die Umsetzung des Konflikts bis hierher gelungen findest. Du hast Recht, Anya hat Marc bereits auf eine Weise verloren. Aber der Tod ist widerum etwas Endgültiges, etwas, mit dem sie so noch nie in Kontakt getreten ist.

      Wie ich ja mal gesagt habe, die Inkarnationen sind für mich das, was Chaos Xyz und Rank-Up eigentlich hätten sein sollen: Evolutionen der Basismonster. Wenn ich mir ZeXal heute so anschaue, find ich manche CXyz schlimmer als ihre Basisformen, ganz zu schweigen davon, dass die auch noch mit Extrakarten beschworen werden müssen. Wobei meine Inkarnationen dagegen wieder etwas zu stark sind.


      Turn 14 – Sacrifices



      Was sagst du!? Du musst dich irren! Wir brauchen das Duell doch bloß abzubrechen-

      „Unmöglich“, erwiderte Levrier hinsichtlich Anya Bauers Einwurf und wandte dabei seinen Blick nicht von Isfanels Monster [Lavalval Master – Ignis Aither] ab. Dieses schwebte über seinem Meister und spannte die goldenen Feuerschwingen, welche langsam wieder ihre alte Farbe Blau annahmen.

      Lavalval Master – Ignis Aither [ATK/3400 DEF/1400 {3}]

      Wieso nicht!? Wir können doch Marc nicht durch dieses durchgeknallte Duell umbringen! Hat dir jemand ins Gehirn geschissen, oder warum laberst du so 'nen Kackmist!?

      Levrier biss die Zähne zusammen. Er hatte zwar die Attacke seines Gegners abwehren können, aber dennoch Schaden davon getragen. Ein Blick auf Anya Bauers Arm verriet ihm jedoch, dass die Brandblasen bereits abheilten. Die Rötungen verflogen langsam, aber stetig. Trotzdem war er nicht gewillt, sich einer echten Attacke dieses Wesens auszusetzen. Schon gar nicht, da er im Rückstand lag und ein leeres Feld vorzuweisen hatte.

      [Anya: 3050LP / Marc: 4000LP]


      „Wie ich bereits sagte“, wandte sich Levrier tonlos an Anya Bauer, „es gibt keinen Weg mehr, dieses Duell abzubrechen. Erst wenn der Blutzoll gezahlt wird, sind wir frei. Was bedeutet, dass eines der anwesenden Gefäße zerstört werden muss. Das ist die Art, wie -wir- Kämpfe austragen.“

      Red' keinen Unsinn! Es muss doch einen Weg geben!

      „Es gibt keinen!“, donnerte Levrier nun aufgebracht. „Würde das Duell vorzeitig abgebrochen werden, hieße das den Tod für beide von euch! Und auch wir würden Schäden davontragen!“
      Isfanel, welcher sich Marc Butchers Körper bediente, lachte nun amüsiert auf. „Sieht ganz danach aus, als würde dein Gefäß unseren Kampf nicht gutheißen. Hast du es bisher vermieden, sie über die Konsequenzen eines Duells zwischen den unseren aufzuklären? Damit sie nicht interveniert?“
      Levrier schwieg dazu nur. Er wusste, dass seine Vorgehensweise falsch war, aber er hätte auch nicht damit gerechnet, eines Tages ausgerechnet Anya Bauers größter Begierde als Feind gegenüber zu stehen. Natürlich war ihm seither bewusst gewesen, dass manche Wesenheiten versuchen würden, ihn von seiner Bestimmung abzuhalten, denn das ist schon in der Vergangenheit vorgekommen. Doch sich eines Freundes seines Gefäßes zu bemächtigen war eine neue Erfahrung und dazu noch ein kluger Schachzug.
      Im Elysion herrschte ein regelrechter Sturm von Anya Bauers Gefühlen. Levrier hatte alle Mühe, diese nicht bis zu sich durchdringen zu lassen, denn das würde bedeuten, dass seine Kontrolle über ihren Leib schwinden würde. Dazu waren die Wellen einfach zu mächtig.

      „Tja, so muss man wohl als ein 'Gründer' handeln, oder?“, fragte Isfanel selbstgefällig und sah hinauf zu einem beflügelten Flammenkrieger. „Man könnte fast Mitleid mit dir haben. Aber wie ich dir bereits sagte, meine Existenz steht auf dem Spiel. Ich kann dich nicht verschonen. Zug beendet.“

      Lavalval Master – Ignis Aither [ATK/3400 → 1800 DEF/1400 {3}]

      Die verstärkenden Effekte haben nachgelassen, dachte Levrier erleichtert und zog wortlos eine dritte Handkarte auf, womit sein Blatt nun genauso groß war wie das seines Gegners. Als er die gezogene Karte betrachtete, hielt er erstaunt inne. Es war der Zauber [Gem-Knight Fusion], Anya Bauers Schlüsselkarte. Doch wie die Dinge im Moment standen, war sie vollkommen unbrauchbar.

      Und was ist mit einem Unentschieden!? Ich meine, wenn keiner gewinnt, muss doch auch keiner sterben, oder!?

      Levrier atmete tief durch. Auch das war ungewohnt für ihn, atmen zu müssen. So ein Gefäß brachte mehr Nachteile mit sich, als ihm lieb war. Und doch war es unerlässlich für Eden. Manche Konzepte erschlossen sich selbst ihm nicht, dachte er verwunderte. Wenn er doch nur wüsste, warum er zu Eden werden musste und was Eden überhaupt war. Das würde die Dinge um so vieles leichter machen. Denn er hatte das Gefühl, noch etwas Wichtiges erledigen zu müssen, bevor der 11. November anbrach. Doch was war das?

      Antworte, du Dreckskerl!

      „Unmöglich. Ich sagte dir bereits, dass das Duell einen Sieger hervorbringen muss, oder beide Parteien werden den Blutzoll zahlen müssen.“

      Du linke Bazille! Du redest so, als würde dich das gar nicht interessieren! Marc wird sterben, wenn wir nichts dagegen tun! Und du!? Du machst da auch noch freiwillig mit, du dreckiger Mistbastscheißdrecks-GAH!

      „Sollten wir uns nicht eher um unser eigenes Wohlergehen sorgen?“, erwiderte Levrier darauf tonlos.
      Man brauchte nur ihre nähere Umgebung zu betrachten, um zu wissen, in welcher Gefahr sie schwebten. Obwohl er [Lavalval Master – Ignis Aithers] Angriff aufgehalten hatte, war ihr näheres Umfeld nichts weiter als Schutt und Asche. Bäume brannten, Gras war versengt, die Bänke am Rande des Steinweges, auf dem sie sich duellierten, waren nun nichts weiter als ein Häufchen Asche. Dort, wo die Flammen jenes Monsters nicht gewütet hatten, schwebten Regentropfen in der von Magie erfüllten Luft – schon das war ein Beweis, wie mächtig Isfanel sein musste.
      Was würde mit ihnen geschehen, wenn so ein Angriff nicht mehr gestoppt werden könnte?
      „Warum verteidigst du Marc Butcher, obwohl er gewillt ist, dich zu töten? Bist du dir dem Ernst unserer Lage nicht bewusst?“ Für Levrier war es unbegreiflich. „Er hat deine Gefühle nie erwidert. Jetzt an ihm zu klammern würde nur bedeuten, Fehler zu machen. Er ist unser Feind!“

      Du hast doch keine Ahnung von so was, du verkorkste Hohlbirne! Lass mich gefälligst hier raus, damit ich den Schaden, den du sowieso schon angerichtet hast, wenigstens noch eindämmen kann! Marc tut das wegen dir, nicht mir! Warum verpisst du dich nicht einfach!? Dann ginge es allen besser!

      „Unmöglich. Ich bin durch unseren Pakt in dir verankert, bis wir entweder zu Eden werden, oder du auf die eine oder andere Weise den Tod findest.“ Levrier hatte genug von Anya Bauers Streitsucht. Er entschied sich, ihre Worte bis zum Ende des Duells zu ignorieren, andernfalls verloren sie noch durch ihren Dickschädel.
      Er nahm eine Karte aus seinem Blatt. „Da ich jetzt am Zug bin, beschwöre ich [Gem-Knight Alexandrite]! Doch nutze ich den Effekt meiner Kreatur, um sie zu opfern und an ihre Stelle ein neues Gem-Knight-Monster zu beschwören. Erscheine, [Gem-Knight Crystal]!“
      Vor ihm tauchte ein Ritter in silberner Rüstung auf, die an Armen, Brust und Beinen mit den verschiedensten Edelsteinen geschmückt war.

      Gem-Knight Alexandrite [ATK/1800 DEF/1200 (4)]

      Levriers Krieger löste sich jedoch kurz darauf wieder in gleißendem Licht auf. An seiner Stelle stand plötzlich ein noch größerer Ritter in weißer Rüstung, der stolz die Hände in die Hüften stemmte. Aus seinen Schulterplatten wuchsen große, durchsichtige Kristalle.

      Gem-Knight Crystal [ATK/2450 DEF/1950 (7)]

      „Nun besitze ich ein stärkeres Monster“, rief Levrier und versuchte mit aller Kraft, Anya Bauers wütende Drohgebärden und Flüche auszublenden. Zum Glück war Marc Butcher, abgesehen von seinem Monster, völlig ungeschützt.
      Levrier streckte den Arm aus. „[Gem-Knight Crystal], vernichte [Lavalval Master – Ignis Aither]! Clear Punishment!“
      Jetzt hatte er tatsächlich diesen lächerlichen Attackennamen benutzt, den Anya Bauer immer verwendete. Dieses Mädchen hatte wirklich einen schlechten Einfluss auf ihn, dachte er dabei ärgerlich.
      Sein Ritter schlug mit der Faust auf den Boden und ließ die verrußten Steinplatten unter ihnen erzittern. Einige von ihnen sprangen entzwei, als sich rasend schnell eine Schneise zwischen ihnen bildete, aus der spitze Kristalldornen wucherten. Die Erdspalte schoss direkt auf Marc Butcher zu, und als sie unter seinem schwarzen Feuerengel angekommen war, schnellten die Dornen empor und spießten jenen auf. Andere Spitzen hatten hingegen dessen Besitzer ins Visier genommen und trafen jenen an der Schulter und schrammten über seine Wange. Es folgte eine Explosion.

      [Anya: 3050LP / Marc: 4000LP → 3350LP]


      Sei gefälligst vorsichtig mit ihm! Er kann nichts für euren beschissenen Kleinkrieg!

      Doch Levrier hörte gar nicht hin. Der Rauch verzog sich und offenbarte, dass [Lavalval Master – Ignis Aither] den Angriff völlig unbeschadet überstanden hatte. Als würde jenes Wesen sie verhöhnen wollen, schulterte es abwartend seine Magmasense. Und hätte die violette Stichflamme, sein Kopf, ein Gesicht, würde es jetzt gewiss zufrieden grinsen.
      Auch Marc Butcher war nur leicht verletzt. Seine blau-weiße Sportjacke war an einer Stelle aufgerissen und entblößte eine blutige Schulter, während sein Gesicht nun von einer großen Schramme an der Wange entstellt wurde. Verletzungen, die nicht lange brauchen würden, um zu verheilen.
      „Ich habe versagt“, zischte Levrier enttäuscht, angesichts des immer noch quicklebendigen Xyz-Monsters, um welches eine goldene Sphäre kreiste.
      Isfanel lachte herablassend. „Selbstverständlich, aber wen überrascht das schon? Du bist nicht in der Lage, eine solche Kreatur zu erschaffen, woher solltest du also wissen, dass Incarnation-Monster nur durch Xyz-Monster besiegt werden können? Vielleicht hast du ja beim nächsten Versuch mehr Erfolg?“
      Schweiß lief von Levriers Stirn. Also musste er tatsächlich [Gem-Knight Pearl] beschwören, wenn er diese Kreatur besiegen wollte. Was angesichts seiner beiden Handkarten eine Weile dauern würde. Zeit, die sie vermutlich nicht hatten. Unzufrieden presste er hervor: „Ich beende meinen Zug.“

      Isfanel zog und legte ein wissendes Lächeln auf. Plötzlich stiegen aus seiner Duel Disk zwei goldene Sphären und kreisten zusammen mit der dritten um [Lavalval Master – Ignis Aither].
      „Was ist das?“, fragte Levrier erstaunt.
      „Ein Effekt meines Monsters, welcher sich während meiner Standby Phase aktiviert“, erklärte sein Gegner mit einem vielsagenden, bedrohlichen Unterton. „Immer dann wird das Xyz-Material von Ignis Aither wieder auf drei aufgestockt. Dabei bediene ich mich des Friedhofs.“
      Als wollte er das unterstreichen, zeigte er [Kayenn, The Master Magma Blacksmith] und [Lavalval Ignis] vor und legte sie wieder unter die schwarze Karte auf seiner Duel Disk.

      Na super! Dieses Teil besitzt regenerative – Man ist das ein dämliches Wort! – Kräfte! Vielleicht ist dieses Mistvieh doch stärker, als es tatsächlich aussieht!

      Am liebsten hätte Levrier Anya Bauer für ihre Erkenntnis gelobt, doch die Situation war ohnehin schon gefährlich genug und sie zu reizen würde alles nur schwerer machen.
      Nicht zuletzt hatte er auch gar keine Zeit dafür, denn plötzlich streckte Isfanel in Marc Butchers Körper den Arm aus. Mit der Hand machte er dabei eine Bewegung, als wolle er etwas mit aller Gewalt zerquetschen. „Du hast keine Ahnung, zu was der Incarnation-Mode wirklich imstande ist, oder? Lassen wir dich also nicht länger im Dunkeln tappen! Ich hänge die drei Xyz-Materialien von [Lavalval Master – Ignis Aither] ab und aktiviere seinen mächtigsten Effekt! Field Of Agony!“
      Der schwarze Flammenengel stieg in die Höhe und erhob seine Magmasense. Mit einem Schlag spürte Levrier ein Stechen in seinem Kopf, welches so intensiv war, dass er ihn sich vor Schmerz halten musste. Isfanels Monster strömte eine unsichtbare Macht aus, die ihresgleichen suchte!
      „Anya Ba-“
      Doch bevor Levrier das gefangene Mädchen überhaupt warnen konnte, schwang Ignis Aither schon seine Sense, die die drei goldenen Sphären absorbiert hatte, im Halbkreis durch die Luft. Und schickte damit eine Welle aus puren, gold-roten Flammen auf seinen Feind herab. Jener konnte gerade noch die Arme über Kreuz vor sein Gesicht halten, als der Angriff ihn schon erfasste.
      In Sekundenbruchteilen hatte sich Levriers gesamte Spielfeldseite in ein Feld aus hoch schlagenden Flammen verwandelt. Aber auch ein großer Teil der Parkwiese und die am nächsten liegenden Bäume wurden durch das Inferno regelrecht verschlungen. Aus der Perspektive eines Vogels musste es so aussehen, als hätte sich ein feuriger See im Park ausgebreitet.
      Levrier schrie aus Leibeskräften, denn die Haut seines Gefäßes verbrannte unter den bestialischen Flammen binnen weniger Herzschläge. Der Druck der Welle riss ihn wie eine Flut mit sich und schleuderte ihn meterweit über das Gelände, wo er hart mit dem Rücken aufschlug, wieder fortgerissen wurde und nochmals aufschlug, ehe er rollend zum Liegen kam.

      [Anya: 3050LP → 50LP / Marc: 3350LP]


      Wie durch einen unsichtbaren Windhauch löste sich das Inferno nach und nach auf und hinterließ einen verkohlten Körper, der kaum mehr an einen Menschen erinnerte. Und trotzdem war dieser noch imstande, sich torkelnd zu erheben.
      Levrier sah an sich herab. „Unmöglich“, krächzte er dabei kehlig.
      Die Kleidung seines Gefäßes war fast vollkommen verbrannt, einzig ein paar Fetzen des T-Shirts verdeckten noch die Brust und die untere Bauchregion. Die Haut darunter war feuerrot und mit Brandblasen übersät. Auch die Hose war zerfetzt, verkohlt und unansehnlich, wobei einer der Träger jener Jeans gerissen war und nun an ihr herab baumelte.
      Doch das alles war nichts gegen die Arme. Sie waren schwarz, verkrustet, stanken nach verbranntem Fleisch und Blut. Die Haare des Mädchens waren im Feuer versengt worden, es war fast nichts mehr übrig von ihnen. Auch die Haut auf ihrem Gesicht musste vollkommen entstellt sein, denn sie spannte fürchterlich. Ein einziger Angriff hatte Anya Bauers Körper beinahe vernichtet.
      Levrier spürte nicht einmal Schmerzen, was wohl eine Schutzreaktion seines Gefäßes sein musste, gekoppelt mit seinen eigenen Fähigkeiten. Im Elysion spürte er keine Emotionen mehr. Anya Bauer musste das Bewusstsein verloren haben, sofern das dort überhaupt möglich war – Levrier war sich dessen nicht sicher.

      Weit entfernt von ihm hörte er plötzlich Isfanels boshafte Lache und horchte auf.
      „Oh? Ich hatte erwartet, dass dieser kleine Angriff dein Gefäß vernichtet, auch ohne, dass ich den letzten Rest eurer Lebenspunkte ausgelöscht habe.“ Er zuckte unbedarft mit den Schultern. „Aber wie dem auch sei, die Botschaft dürfte angekommen sein. Schade, dass ich nach Field Of Agony meine Battle Phase überspringen muss, aber es gibt ja noch eine nächste Runde. Dann werde ich dir damit den Rest deiner Lebenspunkte nehmen.“
      Und während Levrier zurück zu seinem Spielfeld humpelte, wo [Gem-Knight Crystal] ohne Schaden genommen zu haben wartete, drehte Isfanel Ignis Aithers Karte auf seiner Duel Disk in die Horizontale. „Ich wechsle [Lavalval Master – Ignis Aither] in den Verteidigungsmodus. Nicht, dass ihr am Ende auf die Idee kommt, mich mit Verzweiflungstaten überfallen zu wollen. Denkt daran, nur Xyz-Monster können Ignis Aither im Kampf vernichten.“
      Sein Feuerengel hüllte sich mit den blauen Flammen aus seinen Schwingen in einen pulsierenden Feuerkokon ein.

      Lavalval Master – Ignis Aither [ATK/1800 DEF/1400 {3}]

      „Außerdem kann es nichts schaden, wenn ich diese Karte verdeckt spiele“, meinte Isfanel mit süffisantem Grinsen, während sie vor seinen Füßen erschien. „Zug beendet.“

      Levrier war fassungslos. Nicht nur war sein Gegner so unbeschreiblich mächtig, nein, er hatte ihm mit einem Schachzug ganze 3000 Lebenspunkte geraubt und dabei sein Gefäß fast zerstört. Anya Bauer war mehr tot als lebendig und es würde eine ganze Weile dauern, ehe sich ihr Leib regeneriert hatte. Dabei warf er einen prüfenden Blick auf das Mal an ihrem rechten Unterarm, welcher das Feuer nahezu unbeschadet überstanden hatte. Es glühte braun und ganz langsam breitete sich von dort gesunde Haut über das verbrannte Gewebe aus. Doch es würde dauern, ehe alle Wunden verheilt waren. Was angesichts dieses Feindes ohnehin nebensächlich war.
      Ächzend biss sich Levrier auf die wunden, blutigen Lippen. Sie waren taub, so wie sein ganzer Körper. Wenn Isfanel das nächste Mal zog, würde dies seinen Tod bedeuten. Er brauchte nur das Xyz-Material erneuern und jenes Field Of Agony erneut erzeugen.
      Zögerlich griff Levrier nach seinem Deck. Es gab praktisch keine einzelne Karte, die ihn aus dieser Situation befreien konnte. Dennoch musste er weiterkämpfen!

      „Draw!“, rief er aufgebracht und hielt schließlich eine Falle in den Händen. Er seufzte. „Ich setze ein Monster in die Verteidigungsposition und dazu eine weitere Karte verdeckt. Das war alles.“
      Neben [Gem-Knight Crystal] materialisierte sich eine Karte in horizontaler Lage, während vor Levrier eine weitere in vertikaler Position erschien. Sie waren seine letzte Hoffnung. Auf der Hand hielt er nur noch [Gem-Knight Fusion], die nutzlos war.

      Mit einer flinken Handbewegung zog Isfanel und betrachtete die Karte, ehe er sie plötzlich seinem Gegner zeigte. Sie hieß [Laval Magma Cannoneer].
      „Was hat das zu bedeuten?“, fragte Levrier aufgebracht.
      „Ich wollte dir nur zeigen, dass ich Ignis Aither nicht mehr brauche, um dich zu vernichten. Dieses Monster könnte es ebenso beenden.“ Dabei sprach er in einem so selbstgefälligen Tonfall, dass Levrier einen Zorn verspürte, den er sonst nur von Anya Bauer kannte. Färbte dieses Mädchen etwa derart auf ihn ab? Falls dem so war, hatte es wohl sein Gutes, dass der 11. November nicht mehr allzu weit entfernt lag – sofern er ihn überhaupt noch erleben sollte.
      Und während Levrier über Anya Bauers Wirkung auf ihn grübelte, entstanden aus dem Nichts drei neue goldene Sphären, die begannen, um [Lavalval Master – Ignis Aither] zu rotieren. Isfanel legte [Card Trooper], [Kayenn, The Master Magma Blacksmith] und [Lavalval Ignis] unter das Xyz-Monster auf seiner Duel Disk. Dabei sagte er gönnerhaft: „Ich könnte natürlich meine Ankündigung wahr machen und dich mit meinem gezogenen Monster vernichten, aber ich denke, Ignis Aither ist die passendere Endlösung. Auch wenn ich dir zugestehen muss, tapfer gekämpft zu haben, angesichts deiner 'Möglichkeiten'“
      Levrier wich einen Schritt zurück. Nur langsam erholte sich Anya Bauers Körper von den Verbrennungen, die Haut an Armen, Beinen, Oberkörper und Gesicht war nur zu einem sehr geringen Teil regeneriert. Aber auch ohne die schweren Verletzungen würde er den nächsten Angriff nicht überstehen, denn wenn die Lebenspunkte eines Spielers in einem Duell wie diesem auf 0 fielen, bedeutete das automatisch den Tod.
      Isfanel streckte seinen Arm weit in die Höhe, als wolle er nach seinem Flammenengel reichen. „Das ist das Ende! Ignis Aither, setze deine volle Kraft ein und benutze die drei Xyz-Materialien, die ich dir gegeben habe!“ Er schwang besagten Arm nach unten und zeugte nun mit verhärteter Miene auf Levrier. „Vernichte den 'Gründer' Levrier! Field-Of-Agony!“
      Die blaue Flammenkugel, die Ignis Aither einhüllte, verschwand, als er seine Sense anhob und damit die drei Sphären absorbierte. Dann schwang er sie aus und schickte eine Welle puren Feuers in Levriers Richtung.

      Dieser schüttelte den Kopf und rief: „Dieses Mal nicht! Ich aktiviere die verdeckte Falle [Hallowed Life Barrier]!“ Um ihre Kosten zu bezahlen, schickte er seine letzte Handkarte, [Gem-Knight Fusion] auf den Friedhof. „Damit wird jeder Schaden an meinen Lebenspunkten für diese Runde abgeblockt!“
      Um ihn herum tauchten drei Priesterinnen in blauen Gewändern auf, die eine Art Gebet aufsagten. So errichteten sie einen Schutzschild aus weißer Energie, welcher sich wie eine Kuppel um Levrier aufbaute. Und während das gesamte Umfeld einem Flammenmeer glich, schirmte dieses Kraftfeld seinen Erzeuger vor der unerträglichen Hitze ab.
      Jener wusste, wie knapp er dem Tode entkommen war. Hätte er [Hallowed Life Barrier] nicht während seines letzten Zuges gezogen, wäre das Duell jetzt unwiderruflich verloren gewesen. Doch noch so einen Angriff würde er nicht abwehren können. Darauf war Anya Bauers Deck nicht ausgelegt.

      Isfanel indes war so erzürnt über die fehlgeschlagene Attacke, dass er die Karten in seiner Hand unbewusst zusammendrückte
      „Wie es aussieht, war ich da etwas vorschnell“, meinte er ärgerlich, „angesichts deines Schutzfeldes ist es nicht weiter schade um die Tatsache, dass ich keine Battle Phase durchführen kann. Aber dennoch bin ich nicht fertig. Ich beschwöre [Laval Magma Cannoneer]!“
      Vor ihm materialisierte sich ein Soldat aus blauem Gestein. Geschultert hatte er zwei große Kanonen, die mit jeweils einem Schlauch mit seinem Rückgrat verbunden waren.

      Laval Magma Cannoneer [ATK/1700 DEF/200 (4)]

      „Effekt von Magma Cannoneer aktivieren!“, rief Isfanel gebieterisch und zeigte zwei seiner Handkarten vor. Es waren [Laval Volcano Handmaiden] und [Laval Warrior]. „Pro Zug kann ich bis zu zwei Feuer-Monster abwerfen, um euch für jedes von ihnen 500 Punkte Schaden zuzufügen!“
      Die Rohre der Kanonen begannen rot zu glühen. Levrier wollte noch etwas sagen, doch schon schoss der Kanonier zwei rote Lavakugeln auf ihn ab. Beide prallten an dem Kraftfeld wirkungslos ab.
      „Das war sinnlos!“, meinte Levrier aufgebracht. Isfanel wusste doch, dass er ihm diese Runde keinen Schaden zufügen konnte, wieso hatte er das also getan?
      Jener lachte aber nur abwertend. „Gewiss nicht. Wenn [Laval Volcano Handmaiden] auf den Friedhof geschickt wird-“
      „Ich kenne den Effekt deines Monsters!“
      „Gut! Dann schicke ich durch sie eine weitere Handmaiden und durch deren Effekt auch meine dritten Handmaiden auf den Friedhof. Und die wiederum schickt [Laval Lady Of The Burning Lake] auf den Friedhof, um den Kreis zu schließen.“ Vor Levrier tauchten drei schrill kichernde, junge Mädchen mit brennendem Haar auf, die kurz darauf wieder verpufften.
      Levrier wusste, dass Marc Butchers Deck darauf ausgelegt war, Laval-Monster auf den Friedhof zu schicken. Deshalb also hatte er diese ganzen Monster für nichts geopfert. Bloß wofür genau?
      „Ich wechsle Ignis Aither wieder in den Angriffsmodus und setze eine weitere Karte verdeckt. Das wäre dann alles.“
      Nun lagen zwei Karten vor ihm, während die blaue Flammensphäre um seinen Feuerengel endgültig erlosch. Genau wie das Schutzfeld um Levrier, welches zusammen mit den Priesterinnen verschwand.

      Lavalval Master – Ignis Aither [ATK/1800 DEF/1400 {3}]

      Das war eine Falle! Levrier griff nach seiner Duel Disk, und-

      Lass mich gefälligst hier raus, du elende Missgebuuuuuurt!

      Anya Bauers plötzlicher Wutausbruch kam so überraschend und mit solcher Wucht, dass Levrier sich den Kopf hielt und in die Knie ging. Die Wellen ihrer Emotionen waren so stark, dass das Elysion zu kollabieren drohte. Wie war das möglich!?

      Wegen dir sehe ich jetzt aus wie frisch aus dem Vulkan geschlüpft! Was hast du meinem schönen Körper angetan, du dreckige Mistmade!? Wenn du das nicht auf der Stelle rückgängig machst, werde ich dafür sorgen, dass du die Radieschen von ganz unten wachsen siehst! Lass-mich-raus!

      Stöhnend presste Levrier die Hände auf Anyas entstellten Schädel. Er war durch Isfanels Angriff zu sehr geschwächt, er konnte sie nicht länger im Elysion festhalten. Aber sie durfte nicht die Kontrolle übernehmen, der Schmerz würde sie in den Wahnsinn treiben – dann war sie nutzlos!
      „Tu das nicht“, ächzte er. „Wenn du jetzt zurück in dein Gefäß kehrst, wird es dich vielleicht umbringen. Sollte ich vertrieben werden, können meine Kräfte die Schmerzen nicht länger im Zaun halten!“

      Mir doch egal! Erst schließt du einen beschissenen Pakt mit mir und nun machst du aus mir Chucky, die Mörderpuppe! Ich glaub' es hackt! Ganz zu schweigen von Marc! Als ob ich zulasse, dass du ihn einfach ausradierst! Mistkerl!

      Levrier schrie nun richtig, denn Anya Bauers Präsenz war schmerzhafter als jede Verletzung. Nicht umsonst hatte er sie als sein Gefäß gewählt, doch dass sie sich derart gegen seine Kontrolle zur Wehr setzen konnte, war ihm nicht bewusst gewesen.
      „Hör auf … das ist nicht- AHH!“
      Er konnte sie nicht länger zurück halten, ihre Wellen rissen seinen Geist mit sich. Er spürte, wie das Elysion in sich zusammenbrach und schrie.

      Sie schrie. Vor Wut, wegen diesen entsetzlichen Schmerzen, aus Frustration. Die Scherben um sie herum waren längst verschwunden, doch Anya schrie weiter. Das Mädchen steckte wieder in ihrem Körper und bereute es zutiefst. Levrier hatte nicht übertrieben.
      „Ahhhh“, wimmerte sie und wollte sich an den besonders stark schmerzenden Oberarm fassen, doch als sie die verbrannte Haut berührte, fühlte es sich an wie tausend Nadelstiche. Ihre Beine waren wie Pudding, sie stolperte vorwärts und ging in die Knie.

      Ich habe dich gewarnt! Nun kann ich dir nicht mehr helfen, Anya Bauer! Es wird Stunden dauern, bis ich genug Kraft habe, um deine Wunden zu heilen!

      „Leck … mich“, presste sie unter ihren wunden Lippen hervor. Unter größten Anstrengungen erhob sie sich wieder, doch stand immer noch auf wackeligen Beinen. „Mir geht’s gut!“
      „Oh“, kommentierte Isfanel das alles amüsiert. „Damit hätte ich nicht gerechnet. Levriers Gefäß ist tatsächlich aus seinem Gefängnis ausgebrochen. Welch wahrhaft seltenes Ereignis. Du hast meine Anerkennung sicher, Anya Bauer.“
      Das Mädchen richtete ihr Augenmerk von der bereits neuentstandenen Haut an ihrem rechten Arm auf ihren Gegner. Sie kniff die blauen Augen, was so ziemlich der einzige noch unbeschädigte Teil ihres Körpers war, zu kleinen Schlitzen zusammen. „Spar' dir das Gelaber, Dämonenspacko! Mit dir hab ich auch noch ein Hühnchen zu rupfen! Verschwinde aus Marcs Körper, oder ich mach dir Beine!“
      Isfanel zuckte unbedarft mit den Schultern. „Bedaure, aber das ist leider nicht möglich. Du solltest doch mittlerweile um die Bedeutung eines Paktes mit den unseren wissen.“
      „Dann prügle ich dich eben aus ihm heraus!“
      „Wirklich?“ Er lachte aufgesetzt. „Damit würdest du im Endeffekt nur Marc Butcher schaden.“
      „Na und?“, erwiderte Anya garstig. „Muss er eben ein bisschen die Zähne zusammenbeißen, solange ich mit dir beschäftigt bin!“
      Überrascht verzog Isfanel das Gesicht. „Oh? Mit so einer Antwort hätte ich nicht gerechnet. Mit dir ist wohl nicht gut Kirschen essen?“ Er lächelte plötzlich vergnügt, wodurch Marcs Grübchen hervortraten. „Wie äußerst amüsant du doch bist. Bedauerlicherweise muss ich dich dennoch vernichten.“
      „Komisch“, grinste Anya in ihrer entstellten Form. „Genau das Gleiche habe ich gerade auch von dir gedacht, Laberbacke!“

      Sie griff nach ihrem Deck. Zwar hatte sie keinen Plan, wie sie dieses verrückte Duell abbrechen konnte, ohne dass jemand zu Schaden kam, aber ihr würde beizeiten schon etwas einfallen. Jetzt aber musste sie erstmal ins Spiel zurückfinden, nachdem Levrier sie in diese Lage gebracht hatte.
      „Draw!“, krächzte sie und bekam einen Hustenanfall. Ihre Lungen brannten wie das Feuer, welches ihre Haut versengt hatte. Anya verstand zwar nicht, wieso diese sich ganz langsam neuzubilden schien, doch das war ihr nur recht – sie wollte nicht aussehen wie dieser widerliche Alastair. Wo war der eigentlich, wenn man ihn mal wirklich brauchen konnte!?
      Als sie ihre gezogene Karte betrachtete, runzelte sie die Stirn. Die würde gar nichts ausrichten. Also spielte sie sie verdeckt aus, woraufhin der Zauber vor ihren Füßen erschien. Dann legte sie ihre Hand auf ihr gesetztes Monster und rief: „Ich wechsele [Morphing Jar] in den Angriffsmodus! Wenn er geflippt wird, werfen wir beide unser Blatt ab und ziehen fünf neue Karten.“
      Doch tatsächlich besaß keiner von ihnen auch nur eine Handkarte. Die horizontale Karte vor ihr wirbelte um und offenbarte einen grauen Tonkrug, aus dessen Inneren ein Auge und vergilbte Zähne heraus guckten.

      Morphing Jar [ATK/700 DEF/600 (2)]

      Beide Spieler zogen schließlich fünf Karten, ehe Anya jene musterte. Ihre neue Hand war perfekt!
      Sie streckte ihren Arm aus und deutete auf die Zauberkarte, die sie vor dieser Aktion gesetzt hatte. Jene sprang auf und zeigte eine Hand, aus deren Innenseite ein Lichtfaden glitt. „[Silent Doom]! Damit kann ich ein normales Monster von meinem Friedhof in Verteidigungsposition zurückrufen! Erscheine, [Gem-Knight Tourmaline]!“
      Vor ihr tauchte der Ritter des Turmalins in goldener Rüstung auf und erzeugte zwischen seinen Händen einen Blitz, während er in die Knie ging. Neben ihm stemmte [Gem-Knight Crystal] die Hände in seine Hüften, als wolle er dem Neuankömmling zeigen, wer der Stärkere war.

      Gem-Knight Tourmaline [ATK/1600 DEF/1800 (4)]

      „Und jetzt beschwöre ich als Normalbeschwörung [Gem-Knight Amber]!“
      Noch ein Krieger erschien zwischen Tourmaline und Crystal. Dieser trug eine gold-silberne Rüstung und war mit zwei Dolchen aus roten Blitzen bewaffnet. Auf seiner Brust prangerte ein wunderschöner Bernstein.

      Gem-Knight Amber [ATK/1600 DEF/1400 (4)]

      Anya streckte den Arm in die Höhe, der Dornenkranz mit dem Kreuz darin leuchte kaum merkbar auf. Jetzt hatte sie alles, was sie brauchte, um dieses Mistvieh von einem Monster zu bezwingen. „Aus meinen Stufe 4-Monstern wird ein Rang 4-Monster! Ich erschaffe das Overlay Network! Komm herbei, [Gem-Knight Pearl]!“
      Amber und Tourmaline wurden zu braunen Lichtstrahlen, die in den schwarzen Wirbel gezogen wurden, welcher sich inmitten des Spielfelds auftat. Daraus empor stieg ein schlichter Krieger in weißer Rüstung, der erhaben die Arme verschränkte und über das Feld zu Anya glitt. Dabei umkreiste ihn ein Ring aus massiven, rosafarbenen Perlen und zwei Lichtkugeln, die sein Xyz-Material darstellten.

      Gem-Knight Pearl [ATK/2600 DEF/1900 {4}]

      Mit zufriedenem Grinsen auf den Lippen griff Anya nach dem Friedhofsschacht an ihrer Duel Disk.
      „Das war aber noch lange nicht alles.“ Sie nahm [Gem-Knight Fusion] und [Gem-Knight Amber] daraus hervor und steckte Letzteren in das, was mal ihre Hosentasche gewesen war. Als sie dort zusammengeknüllte Pappe ertastete, wusste sie, dass [Gem-Knight Obsidian], den Levrier zu Beginn des Duells verbannt hatte, dem Inferno zum Opfer gefallen war. Aber sie hatte zuhause zum Glück noch eine Ersatzkopie.
      „Ich verbanne einen Gem-Knight vom Friedhof und erhalte [Gem-Knight Fusion] vom Ablagestapel zurück!“, erklärte sie wütend. „Und ich aktiviere sie auch gleich. Damit verschmelze ich [Gem-Knight Garnet] und [Gem-Knight Emerald] zu einem neuen Monster! Garnet, du bist das Element! Emerald, du der Ursprung! Vereinigt eure Kräfte und werdet zu [Gem-Knight Citrine]!“
      Edelsteine wirbelten durch die Luft, als die Abbilder ihrer beiden Monsterkarten in die Höhe stiegen und in grellem Licht zu einem weiteren Ritter verschmolzen. Dessen Unterarme waren aus purem Magma. Der Krieger schulterte ein gewaltiges Breitschwert mit einer Hand, während von seiner bräunlichen Rüstung ein blauer Umhang wehte.

      Gem-Knight Citrine [ATK/2200 DEF/1950 (7)]

      Unglaublich! Ich hätte nicht gedacht, dass du zu solch einem Zug imstande bist! Anscheinend muss ich meine Meinung über dich überdenken, Anya Bauer! Doch sei gewarnt, dort-

      „Ja, ja, halt deinen Rand, du Nervensäge!“, fauchte das Mädchen aufgebracht. „Das ist alles nur deine Schuld! Du wolltest ja unbedingt hierher kommen!“
      Und nun musste sie es ausbaden und einen Weg finden, wie sie Marc retten konnte. Von ihrem Spielfeld ausgehend war das gesamte, nähere Umfeld pechschwarz, vollkommen verbrannt. Das war Isfanels Werk. Was aber würde geschehen, wenn sie, Anya, nun angriff und Marc Schaden zufügte? Sie war nur ein Mensch und besaß keine Kräfte, zumal Levrier nahezu außer Gefecht gesetzt war. Dennoch behagte ihr nicht dabei, dass dieser Blutzoll wie ein Damoklesschwert über dem Duell stand.
      Konnte man in so einem Spiel überhaupt gewinnen?
      „Levrier“, fragte sie vorsichtig. „Gibt es eine Möglichkeit, dieses … System, oder was auch immer das ist, auszutricksen?“

      Und schon bereue ich meine Worte. Hast du nicht zugehört? Es ist unmöglich. Wenn zwei Wesen wie wir es sind sich bekriegen, wird ein Vertrag zwischen ihnen geschlossen. Dieser ist bindend und kann, genau wie der Pakt zwischen uns, nicht ohne Weiteres gebrochen werden.

      „Also gibt es einen Weg!“

      Nein! Denn wird er gebrochen, kommen beide Parteien um! Das habe ich dir schon einmal gesagt!

      Anya schnaufte unzufrieden. Das konnte doch nicht wahr sein! Irgendeine Möglichkeit musste es schließlich geben, hier heil heraus zu kommen! Levrier enthielt sie ihr vor, das musste es sein!
      Plötzlich sah sie zu ihrer verrußten Duel Disk. Wenn sie aufgeben würde, wäre sie doch nicht durch einen Angriff besiegt worden. Keine Verletzungen. Es erschien dem fast kahlen Mädchen nur logisch.
      Langsam bewegte sich ihre Hand zur Duel Disk, doch sie hielt inne. Denn sie selbst musste zugeben, dass das zu einfach war. Was, wenn sie sich irrte?

      Bist du des Wahnsinns!? Aufgeben würde bedeuten, dass wir verlieren und den Blutzoll zu zahlen haben! Denkst du überhaupt nicht nach, Anya Bauer!?

      Natürlich tat sie das! Aber es war einfach frustrierend, ihr wollte nichts einfallen.
      Anya sah herüber zu Marc, der mit ausdrucksloser Miene alles beobachtete. Und plötzlich fragte sie sich, warum er nicht hämisch grinste. Hätte er nicht etwas sagen müssen, um sie in ihrem Tun zu bestätigen? Oder war dieser Isfanel so siegessicher, dass es ihm gleich war, auf welche Weise er gewann?
      „Tch“, ächzte sie. Sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte!
      Vier Monster kontrollierte sie, drei davon gehörten zu den stärksten, die sie zu bieten hatte. Und dennoch wusste sie nicht weiter. Angreifen würde bedeuten, Marc zu verletzen.

      Tu es! Denn solltest du jetzt zögern, war alles umsonst!

      Anya zuckte zusammen. Solange Marc besessen war, würde er nicht zögern und sie wirklich töten. Levrier hatte recht damit, sie musste etwas unternehmen.
      „Ich werde seine Monster zerstören“, entschied sie schließlich mit Unbehagen in der Stimme. „So kann er uns keinen Schaden zufügen. Hoffentlich sind seine neuen Handkarten scheiße! Vielleicht gewinnen wir dadurch Zeit, bis mir etwas Besseres eingefallen ist.“

      Sei nicht leichtsinnig! Denk an die-

      „Okay!“, rief sie schließlich entschlossen und streckte ihren Arm aus. „Zeit, ein bisschen Leben in dieses Spiel zu bringen! [Gem-Knight Citrine], greife [Laval Magma Cannoneer] an! Incinerating Blade Slash!“
      Ihr Krieger mit dem Breitschwert stürmte vor und holte mit seiner Klinge aus, um den felsigen Artilleriesoldaten zu vernichten. Doch Isfanel lachte zufrieden auf und schwang seine Hand über die verdeckten Karten aus. „Dumme Göre! Sieh, was du von deiner blinden Angriffswut hast! Du hast meine beiden permanenten [Molten Whirlwind Wall]-Fallen ausgelöst! Sie erhöhen die Angriffskraft aller Laval-Monster um die Anzahl ihrer Artgenossen auf dem Friedhof mal 100. Da dort momentan acht Stück liegen, sind das ganze 1600 Extrapunkte! Verge- WAS!“
      Seine Fallen, die aufgesprungen waren, klappten wieder zu. Mit einem gezielten Hieb teilte Citrine seinen Gegner in zwei Teile, wodurch eine Explosion entstand. Isfanel schrie auf, als die darauf folgende Schockwelle ihn zurückwarf. Doch er konnte das Gleichgewicht halten.

      [Anya: 50LP / Marc: 3350LP → 2850LP]


      Stöhnend hielt er sich den Kopf. „Verdammt! Was- Urgh!“ Er sank in die Knie und hielt sich mit beiden Händen den Schädel. Wütend presste er hervor: „Ich- Ah! Ich aktiviere meine Fallen, damit du nicht auf die Idee kommst, noch einmal anzugreifen. Urgh! Ich habe nicht gewusst, dass dein Krieger beim Angriff die Aktivierung anderer Karten unterbindet!“
      Flammen stiegen aus dem Boden hervor und begannen, sich entgegen dem Uhrzeigersinn um ihren Erzeuger zu drehen, immer schneller. Wie ein Tornado zog dieser Wirbel im hohen Tempo seine Kreise um Isfanel, als plötzlich ein weiterer entstand, sodass sie zusammen eine regelrechte Mauer bildeten, an der es kein Vorbeikommen gab. Nun, da neun Laval-Monster auf seinem Friedhof lagen, wurde ihr Stärkungseffekt noch größer.

      Lavalval Master – Ignis Aither [ATK/1800 → 3600 DEF/1400 {3}]

      Erschrocken starrte Anya nach oben, wo über Isfanel der flammende Engel schwebte. Seine ehemals blauen Feuerschwingen glühten, gestärkt durch die Fallen, nun in grellem, unwirklichem Silber.
      Das war knapp, dachte sie erschrocken. Ihr Herz trommelte wild gegen ihren Brustkorb. Hätte Citrine nicht die Fähigkeit, beim Angriff Kartenaktivierungen zu unterbinden, wäre sie jetzt tot.

      Du musst einen Weg finden, um diese Fallen zu umgehen oder zu vernichten! Wenn dieses Wesen nächste Runde seinen Effekt aktiviert oder auch nur angreift, sind wir verloren!

      „Denkst du, das weiß ich nicht!?“, schrie Anya aufgebracht. „Und wie soll ich das anstellen!?“
      Die letzten beiden Karten in ihrer Hand waren die Fallenkarten [Birthright] und [Justi-Break] – nutzlos. Sie konnten den Effekt von Ignis Aither nicht unterbinden!
      Aber sie würde nicht so einfach aufgeben, sonst hieße sie schließlich nicht Anya Bauer!
      „Ich setze zwei Karten verdeckt und beende meinen Zug!“, verlautete sie selbstbewusst. Ihr musste etwas einfallen, um Isfanel dazu bringen, mit Ignis Aither [Gem-Knight Crystal] anzugreifen. Dann könnte sie ihn durch ihre Falle [Justi-Break] vernichten. Aber wie sollte sie das anstellen? Zwar hatte sie schon einmal ein Schmierentheater veranstaltet, doch damals hatte sie diesem Obertrottel von Dämonenjäger Alastair gegenübergestanden. Dessen Stolz war leicht angreifbar gewesen, doch Isfanel? Wo war seine Schwachstelle? Hatte er überhaupt eine?

      Als könnte er Gedanken lesen, erhob er sich langsam, dabei immer noch mit einer Hand am Kopf.
      „Oh? Bluffen wir jetzt etwa? AH!“ Er sank zurück in die Knie und kniff die Augen zu. „Verdammter Narr! Dieser Kerl ist hartnäckig!“
      Verwirrt starrte Anya ihn an. „Was ist denn mit dem los?“

      Sein Gefäß versucht vermutlich, die Kontrolle zurückzugewinnen.

      Und genau in diesem Moment stieß Marc einen bestialischen Schrei aus, sank nach vorn und stützte sich mit den Händen vom Boden ab. Keuchend blickte er auf. „Anya? Bist du in Ordnung?“
      „Marc!?“
      Er schrie wieder auf und kippte zur Seite. „Dargh! Du … musst … angreifen!“
      „Was!?“ Das Mädchen verstand nicht.
      Unter qualvollem Ächzen griff Marc, der wie ein geprügelter Hund am Boden lag, nach seiner Duel Disk und zog eine Karte. „Ich … werde ihn aufhalten! Aber … ich kann ihn nur einen Zug lang … unterdrücken! Du musst … zuschlagen!“
      Aus dem Nichts erschienen drei goldene Sphären, die um [Lavalval Master – Ignis Aither] kreisten. Marc legte [Lavalval Ignis], [Card Trooper] und [Kayenn, The Master Magma Blacksmith] unter das Xyz-Monster auf seiner Duel Disk. Anya hingegen konnte nur fassungslos zusehen.

      Lavalval Master – Ignis Aither [ATK/3600 → 3400 DEF/1400 {3}]

      Er war zurück und wollte ihr helfen! Wollte, dass sie das Duell gewann! Aber warum!?
      „Bist du bescheuert!?“, fauchte sie aufgebracht. „Wenn ich das tue, wirst du …! Dann wirst du …“
      „Ich weiß! Sonst wäre ich wohl kaum zurückgekehrt!“ Unter großen Anstrengungen richtete er sich auf und kam wackelig auf die Beine. „Ich will, dass du es tust! Damit dieses Ding in mir verschwindet!“
      „Huh!?“
      Marc schloss die Augen. In seinen Worten schwang große Verbitterung mit sich. „Ich war ein Idiot zu glauben, dass das, was ich tue, richtig ist. Eine Marionette bin ich, nichts anderes.“
      „Was redest du da!?“
      „Halt den Mund und hör zu!“, fuhr Marc sie scharf an. „Keine Entschuldigung dieser Welt könnte ungeschehen machen, was ich dir bereits angetan habe! Es gibt keinen Weg, der uns beiden das Leben retten kann! Deswegen beende du es, denn ich habe es nicht besser verdient!“
      Widerwillig schüttelte Anya den Kopf. „Bist du vollkommen durchgeknallt, Butcher!? Erst willst du mich und Levrier umbringen und plötzlich änderst du so mir nichts, dir nichts deine Meinung!?“
      Er lachte zynisch auf. „Wäre es dir lieber, wenn ich weitermache wie bisher? Du weißt, dass ich dieses Duell mit nur einer Aktion gewinnen könnte!“
      Von seinen Worten getroffen zuckte Anya zusammen. Was dachte dieser Kerl sich bloß dabei? War ihm sein Leben plötzlich so egal, dass er nicht mehr darum kämpfen wollte? Oder bedeutete sie ihm doch mehr, als es zunächst den Anschein gehabt hatte? Was ging nur in Marc vor sich!?
      „Ich beende meinen Zug!“
      Wütend begehrte Anya auf, verwirrt von seinen Worten. „Du Feigling! Warum rennst du davon!? Glaubst du, ich brauche deine Almosen!?“
      „Und wie du die brauchst! Du bist eine ausgemachte Versagerin, Anya! Hättest du nicht Levrier und deine Freunde, würdest du gar nichts auf die Reihe kriegen!“ Er riss die Augen auf und zeigte erbarmungslos mit dem Finger auf sie. „Jemand wie du wird es nie zu etwas bringen, wenn man ihm nicht den Weg weist! Und für so jemanden will ich mich ernsthaft opfern!? Anscheinend habe ich gerade einen Fehler gemacht, als ich meinen Zug beendet habe!“

      Seine Worte waren wie Stiche in ihr Herz. Also konnte sein schlechtes Gewissen doch nicht so groß sein, dass er ernsthaft sein Leben für sie geben würde. Wie naiv sie doch war, dachte Anya verbittert.
      „Du bist … ein Arsch …“
      „Gegen dich bin ich noch harmlos! Wenn du jetzt versagen solltest, werde ich keine Rücksicht mehr auf dich nehmen!“, donnerte er und verzog unter Schmerzen das Gesicht, da Isfanel anscheinend alles tat, um die Kontrolle zurückzugewinnen. „Du hast es wirklich verdient zu sterben! Allein schon, weil du dein Leben gar nicht zu schätzen weißt! Welcher Mensch würde bei so einer Gelegenheit denn zögern? Ich lege mich für dich auf den Präsentierteller und du redest von Almosen!?“
      Er sollte endlich aufhören und die Klappe halten! „Was weißt du schon!?“
      „Ich bin nicht so emotional verkrüppelt wie du, denn ich kann wenigstens so etwas wie Schuld empfinden!“
      Anya wich seinem Blick aus und sah ihre verkohlte Hand an. Dann blickte sie herüber zu Marc, der ihr in seinen Qualen einen verächtlichen Blick zuwarf. Und plötzlich kristallisierte sich in all dem Chaos in ihrem Kopf ein Gedanke heraus: er war schwach. Einfach nur schwach.
      Anstatt sich diesem Isfanel zu widersetzen, hatte er alles getan, was jener von ihm wollte. Und nun fühlte er irgendeine heuchlerische Art von Reue, konnte es nicht zu Ende bringen. Solche Leute hasste Anya wie die Pest. Sie glaubten nicht an das, was sie taten. Wieso sollte sie also an seine Worte glauben? Er kannte sie doch gar nicht! Und hatte sie nicht eben noch um -ihn- gekämpft? Ja, aber das war -ihm- anscheinend entgangen!
      Plötzlich sah sie alles in einem ganz anderen Licht. Als Marc ihr von Angesicht zu Angesicht sagte, dass er nichts für sie empfand, hatte er bereits von Levrier gewusst. Es war also nicht nur ein Korb, sondern auch ein Abschied gewesen. Weil er entschieden hatte, dass er sie töten würde.
      Auch wenn es unheimlich schmerzte, ballte Anya eine Faust. Wie konnte er nur? Ausgerechnet er, der für sie immer der Eine, das Gute am beschissenen Alltag gewesen war? Und wie konnte sie sich in so jemanden überhaupt … verliebt … haben.
      „Liebe“, schnaufte sie bitter enttäuscht, „ist scheiße.“
      Dass er jetzt plötzlich von seinem Vorhaben abgesehen hatte, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, hatte nichts mit Gefühlen für sie zu tun. Er tat es einzig aus Gewissensbissen. Sein Herz hing an Valerie. Und das war etwas, was sie durch kein Duell der Welt ändern konnte. Aber das bedeutete nichts mehr für sie. Marc war in jenem Moment, als er über ihr Leben entschieden hatte, für Anya unwiderruflich gestorben.
      Jetzt hieß es er oder sie. Und Anya verspürte nicht länger den Drang, das Unausweichliche noch weiter hinauszuzögern. Marc hatte die ganze Zeit über gewusst, worauf er sich eingelassen hatte. Nun musste er mit den Konsequenzen leben – oder sterben, was sich mit dem nächsten Zug entscheiden würde. Er hatte es ja nicht anders gewollt!

      „Ich bin“, sprach sie ungewohnt kühl und zog. Ihr Leib schmerzte so fürchterlich, dass sie am liebsten schreien wollte. Und das hatte sie nur Marc zu verdanken. Levrier hatte recht, er war ein Feind, egal, was sie vielleicht einmal für ihn empfunden hatte!

      Anya Bauer, was hast du getan! Wie konntest du-!

      Doch das Mädchen hörte Levrier gar nicht, bemerkte auch nicht das Glimmen, welches von ihrem Mal ausging.
      Wie in Zeitlupe sah sie sich ihre neue Karte an und verharrte. Dann schob sie sie wortlos in ihre Duel Disk. In Pearls Hand erschien plötzlich eine silberne Axt, auf deren Blatt ein leise glucksendes Gesicht aus Gold prangerte – die [Axe Of Fools].

      Gem-Knight Pearl [ATK/2600 → 3600 DEF/1900 {4}]

      Jetzt besaß sie also ein Monster, das stark genug war, um [Lavalval Master – Ignis Aither] zu vernichten. Sie streckte den Arm aus, und sprach mechanisch: „Pearl, Funny Axe Strike.“
      [Gem-Knight Pearl] flog auf seinen Feind zu, gefolgt von seinen riesigen Perlen, passierte problemlos die Feuerwirbel und schlug zweimal mit der Axt zu. Auf der Brust des schwarzen Feuerengels erschien plötzlich ein leuchtendes Kreuz, ehe dieser in einer gleißenden Explosion unterging. Jene löste eine so starke Druckwelle aus, dass Marc von den Beinen gerissen wurde und hart auf den Rücken knallte. Schwarze Partikel schimmerten dort, wo Ignis Aither eben noch gewesen war. Die Flammentornados erloschen.

      [Anya: 50LP / Marc: 2850LP → 2650LP]


      Beende es, Anya Bauer! Das ist unsere letzte Chance! Du darfst jetzt nicht zögern!

      Doch nach wie vor hörte Anya nicht hin, sondern war uneingeschränkt auf Marc fixiert. Der verzog das Gesicht. „Nett. Aber hast du auch die Nerven, es zu einem Ende zu bringen? Oder bist du feige?“ Auf wackeligen Beinen erhob er sich wieder und winkte herausfordernd. „Bringst du es? Dann los! Andernfalls zermalme ich dich!“
      Wollte er tatsächlich auf diese Weise umkommen? Was für ein Idiot! Wenn er es sich so sehr wünschte, würde sie ihm dabei helfen!
      „Wenn du mich so nett bittest“, rief sie kalt und streckte den Arm aus, „bekommst du, was du verdienst! [Gem-Knight Crystal] und [Gem-Knight Citrine], direkter Angriff auf seine Lebenspunkte! Clear Punishment und Incinerating Blade Slash!“

      Anya Bauer! Hinter dir!

      Während ihre Monster sich zum Angriff bereit machten, wirbelte das Mädchen irritiert um. In der Ferne bemerkte sie, wie drei Gestalten über den rußgeschwärzten Steinweg auf sie zueilten.
      „Anya!“, rief Abby entsetzt, während sie hinter Valerie herlief, aber immer weiter zurückfiel. „Oh Gott sei Dank, wir sind nicht zu spät! Was ist hier nur geschehen!?“
      „Hat Anya einen Furz angezündet?“, fragte Nick dicht hinter Abby glucksend. „Coole Sache!“
      „Joan hat uns hierher geführt! Was- Ah!“
      Valerie erschrak, als Anyas [Gem-Knight Citrine] einen großen Satz nach vorn machte und Marc ins Visier nahm. Auch deren Besitzerin drehte sich überrascht zu jenem um. Plötzlich war ihre Rachlust vollkommen verflogen. Das Mädchen spürte, dass es einen großen Fehler begangen hatte.
      „Brich die Angriffe ab!“, schrie Valerie noch aufgewühlt.
      Doch dafür war es bereits zu spät. Mit aller Wucht rammte Crystal seine Faust in den Boden und ließ einen Spalt entstehen, der mit rasender Geschwindigkeit auf Marc zuschoss. Spitze Kristalle schnellten aus dem Riss hervor. Gleichzeitig erschien Citrine hinter ihm und setzte zu einem Stich an.
      Valerie, die als Erste bei Anya angekommen war, schlug vor Entsetzen die Hände vor ihr Gesicht. „NEIN!“
      Die Kristalldornen spießten Marcs Gliedmaßen und Oberkörper auf, während die Klinge Citrines sich durch seinen Torso bohrte, wobei ein heftiger Ruck durch seinen Körper ging. Blut tropfte von seinen Lippen, die sich zu einem Lächeln formten. „Danke, Dummkopf! Nun brauch ich kein schlechtes Gewissen haben …“
      Eine ohrenbetäubende Explosion folgte. Es entstand eine Schockwelle, die so gewaltig war, dass sie Anya und Valerie umwarf. Selbst Abby und Nick, die noch ein ganzes Stück vom Spielfeld entfernt waren, wurden regelrecht davon geworfen.

      [Anya: 50LP / Marc: 2650LP → 0LP]


      Stöhnend öffnete Anya ihre Lider. Sie lag auf dem Rücken und blinzelte. Es gab keine Stelle an ihrem verbrannten Körper, die nicht schmerzte. Ächzend richtete sie sich auf. Der Regen, welcher zuvor ausgesetzt hatte, fiel wieder in Strömen vom Himmel hinab.
      Dort, wo Marc eben noch gestanden hatte, klaffte nunmehr einzig ein Krater im Boden. Panisch suchte sie mit ihrem Blick die Gegend ab. Das Eingangstor des Parks hatte keinen Schaden genommen, auch das Waldgebiet um Marcs Spielfeld nicht. Doch nirgendwo war er zu entdecken.
      „Was … habe ich getan?“, murmelte sie fassungslos. Er war fort. Er war …
      „DU!“
      Mit einem Ruck wurde sie niedergerissen und spürte einen Faustschlag direkt ins Gesicht. Es brannte wie Feuer auf ihrem nackten Fleisch. „Wie konntest du!?“
      Valerie hatte sich auf sie gestürzt und schlug erneut zu. „Wie konntest du das tun!? Was hat er dir getan!?“
      Es folgte eine Ohrfeige. Anya konnte sich nicht gegen die Schläge wehren und selbst wenn sie noch genug Kraft übrig gehabt hätte, würde sie es nicht tun. Denn sie wusste, dass sie sie verdient hatte – als Marcs Mörderin.
      Dem schwarzhaarigen Mädchen auf ihr standen Tränen in den Augen. Immer wieder schlug sie auf Anya ein, die es wortlos über sich ergehen ließ. „Habe ich dafür dein Leben gerettet!? Dass du Marc kaltherzig umbringst!?“ Sie schlug abermals zu, obwohl ihre Knöchel bereits höllisch schmerzten. Unter Tränen brüllte sie: „Antworte mir!“

      Plötzlich schnellte unter Valerie Redfield eine Hand vor und packte sie am Hals. „Hör auf damit! Sie ist nicht länger hier.“
      Mit spielender Leichtigkeit drückte Levrier die wild gewordene Furie von sich und schleuderte sie mit einer einfachen Handbewegung zur Seite. Das Mädchen rollte über den verbrannten Boden und blieb reglos liegen. Alles, was noch blieb, war ihr Schluchzen.
      Auch Nick Harper und Abigail Masters waren nun zu ihnen gestoßen. Besonders Letztere war ein Bildnis des erlebten Schreckens. Blass war sie, die getönte Brille hing ihr von einem Ohr und sie spitzte erschüttert die Lippen, als sie Levrier aufhalf. „Oh Gott, Anya! Was hat dir dieser Dämon bloß angetan!?“
      „Mir geht es den Umständen entsprechend gut“, erwiderte Levrier kühl, „Anya Bauer hingegen hat sich ins Elysion zurückgezogen.“
      „E-Elysion? W-wovon sprichst du? Bist du etwa Levrier!?“
      Er nickte knapp. „Das Elysion ist eine Zuflucht zwischen der körperlichen und der Bewusstseinsebene, welche Anya Bauer sich zunutze gemacht hat. Dort können die meinen mit den euren in Kontakt treten, selbst wenn kein Pakt geschaffen wurde.“
      Levrier neigte den Kopf zur Seite und betrachtete Valerie Redfield, die immer noch dort lag und sich die Seele aus dem Leib weinte. „Doch für Erklärungen ist auch später noch Zeit. Wir sollten von hier verschwinden, ehe der Täuschungszauber um den Park schwindet und man von der Zerstörung Notiz nimmt.“
      Abigail Masters zuckte zusammen, als Levrier ihr dabei wieder in die grauen Augen blickte. Furcht spiegelte sich in ihnen wieder. „O-ok! Die heilige Joan hat uns von dem Zauber berichtet. Sie war es, die euren Kampf bemerkt hat.“ Ihr Blick wanderte zum Krater. „I-Ist … ist Marc wirklich … tot?“
      „Ich fürchte ja.“
      Sie legte betroffen die Hände auf ihre Brust. „Oh Gott, wie furchtbar! Das ist so schrecklich! Hat … Hat er euch wirklich angegriffen?“
      Levrier nickte. „Auch das ist korrekt. Allerdings hat sein Gewissen ihn daran gehindert, es zu einem Ende zu bringen. Er hat Anya Bauer provoziert, ihn zu besiegen, damit er nicht mit seiner Schuld leben muss. Ich denke …“ Er schüttelte schließlich den Kopf, denn es gab Dinge, die er besser nicht aussprechen sollte. „Nein, schon gut. Wir sollten gehen! Ich muss mich darauf konzentrieren, Anya Bauers Wunden zu heilen!“
      Wortlos nickte sein Gegenüber und bot sich als Stütze an.

      Derweil war Nick zur bereits pitschnassen Valerie gegangen und legte ihr vorsichtig eine Hand auf den Kopf, streichelte sie. Doch sie schreckte auf und schlug seine Hand davon. „Lass mich in Ruhe!“
      „Wir müssen doch gehen“, meinte Nick hilflos und blinzelte verdutzt.
      „Mir doch egal! Geht, verschwindet, ihr alle! Ich will niemanden mehr sehen! Geht!“
      Erschrocken von ihrem Ausbruch, wich Nick einen Schritt zurück und musterte das Mädchen in ihrem hellblauen Kostüm mitfühlend. Dann drehte er sich wortlos um und folgte seinen Freunden, half Abby dabei, Anya zu stützen.

      Valerie hingegen starrte in den grauen Himmel. Die Tränen auf ihrem Gesicht hatten sich mit den Regentropfen vermischt. Sie fror und fühlte innerlich leer, stand neben sich und kam sich dennoch gleichzeitig wie eine Tote vor. Sie hatte ihren Verlobten verloren … durch Anyas Hand. Ausgerechnet durch sie! Obwohl sie immer von sich behauptet hatte, selbst etwas für Marc zu empfinden! Wie hatte sie das nur tun können!? Wie hatte sie sich nur auf dieses Duell einlassen können!?
      Völlig gleich, ob ein Dämon im Spiel war, oder nicht, das würde sie ihr nie verzeihen können! Anya war eine Mörderin!
      Sie schlang ihre Arme um den Oberkörper, ließ den Kopf hängen und weinte stille, bittere Tränen.

      Valerie, höre mich. Womöglich bin ich imstande, dir Trost zu schenken.

      „Joan?“
      Erschrocken sah das Mädchen wieder auf. Unter all den grauen Wolken trat der Mond hervor. Sein helles Licht spendete ihr jedoch keinen Trost. Wie wollte die Heilige Johanna das können?

      Du musst einen ganz bestimmten Ort aufsuchen. Dort wirst du finden, was du am meisten begehrst ...

      Und als Jeanne D'Arc ihre Ausführungen beendet hatte, erhob Valerie sich mit gefestigter Miene, drehte sich um und verließ den Park durch das Haupttor. Mit einem Entschluss, von dem sie niemals gedacht hatte, dass sie ihn jemals treffen würde …


      Turn 15 – Aftermath
      Nach Marcs Tod ist Anya vollkommen verändert. Sie geht ihren Freunden aus dem Weg, spricht mit niemandem und ist feindseliger denn je. Abby, die das alles mit großer Sorge beobachtet, will ihrer Freundin beistehen, so wie Anya ihr zuvor beigestanden hatte. Um deren Herz zu öffnen, provoziert sie sie solange, bis Anya einem Duell zustimmt. Doch die missversteht Abbys guten Willen als weiteren Versuch, ihr das Leben zu nehmen und nutzt unbewusst Levriers Kräfte, um Abby zu verletzten. Die wird vor eine schwere Wahl gestellt …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Tourmaline
      Gem-Knight Garnet
      Gem-Knight Crystal
      Gem-Knight Alexandrite
      Gem-Knight Emerald
      Gem-Knight Amber
      Morphing Jar

      Gem-Knight Fusion
      Silent Doom
      Axe Of Fools

      Hallowed Life Barrier
      Justi-Break
      Birthright

      Gem-Knight Citrine
      Gem-Knight Pearl

      Marc

      Laval Magma Cannoneer
      Laval Volcano Handmaiden x3
      Laval Warrior
      Laval Lady Of The Burning Lake
      Kayenn, The Master Magma Blacksmith
      Card Trooper

      Molten Whirlwind Wall x2

      Lavalval Ignis

      Lavalval Master – Ignis Aither
      Krieger/Feuer/Xyz
      ATK/1800 DEF/1400 {3}
      "Lavalval Ignis" + sein Xyz-Material
      Diese Karte kann im Kampf nur durch Xyz-Monster zerstört werden. Während deiner End Phase: lege Xyz-Material von deinem Friedhof unter diese Karte, bis drei Xyz-Materialien unter ihr liegen. Jeder der folgenden Effekte dieser Karte kann einmal pro Zug aktiviert werden:
      O Entferne 1 Xyz-Material: Erhöhe die ATK dieser Karte bis zur End Phase um die Anzahl der Karten auf deinem Friedhof x 100.
      O Entferne 2 Xyz-Materialien: Lege bis zu zwei FEUER-Monster von deinem Deck auf den Friedhof.
      O Entferne 3 Xyz-Materialien: Füge den Life Points deines Gegners 3000 Punkte Schaden zu; du kannst in diesem Zug keine Battle Phase durchführen. Du kannst diesen Effekt nicht in dem Zug aktivieren, in dem du diese Karte beschworen hast.
      Turn 15 – Aftermath

      Seufzend legte Abby ihr Kinn auf den Handrücken, wobei sie ihren Kugelschreiber fest umklammert hielt. Ihr Blick hing an Mr. Stantler, der über die Nachwirkungen des Versailler Vertrags philosophierte. Doch wie so oft in letzter Zeit, konnte sie sich einfach nicht konzentrieren.
      Nervös rutschte sie von einer Pobacke auf die andere. Zum ersten Mal bereute sie es, sich eine Bank in der ersten Reihe ausgesucht zu haben.
      Sie drehte ihren Kopf nach links über die Schulter und beobachtete Nick auf seinem Fenstersitz dabei, wie er seelenruhig schlief. Ihn schien Marcs schrecklicher Tod nicht weiter berührt zu haben, zumindest ließ er es sich nicht anmerken. Man könnte zwar darüber streiten, was das über den lang gewachsenen jungen Mann aussagte, doch im Grunde beneidete Abby ihn für seine Unbekümmertheit.
      Sie stöhnte leise auf.

      Über eine Woche war vergangen, seit der Kampf zwischen Levrier und Isfanel ein blutiges Ende gefunden hatte. Nun war es Mitte Oktober, das Wetter kühl und grau und alle Welt kannte nur noch das eine Thema. Den Brand im Park. Und die damit automatisch verbundene Suche nach dem Brandstifter.
      Abby musste im Gedanken auflachen. Man suchte nach einem Brandstifter, obwohl keiner der Bewohner das Feuer durch Isfanels Verhüllungszauber gesehen hatte. Anscheinend gaben sich die Behörden und Medien alle Mühe, sämtliche merkwürdigen Vorfälle rund um Livington als Unfälle und Straftaten darzustellen. Dabei hieß es längst schon hinter vorgehaltener Hand, dass es in der Stadt spukte. Die ersten Leute waren schon im Begriff, ihre Häuser und Grundstücke zum Verkauf anzubieten. Abby konnte es ihnen nicht verdenken. Auch ihre Stiefeltern waren besorgt, obschon sie bisher keine derartigen Pläne schmiedeten. Wie lange das jedoch noch so bleiben würde, wusste das Mädchen nicht. Sie konnte Anya doch nicht im Stich lassen!
      Ihr Blick ging weiter über die Fensterreihe hin zur letzten Bank, wo Anya mit versteinerter Miene saß und mit ihrem Bleistift im gleichmäßigen Takt aufs Papier schlug. Obwohl sie es sich nicht anmerken ließ, musste sie die Sache am schwersten getroffen haben. Der Bürgermeister, Mr. Redfield, hatte verlauten lassen, dass Marc Butcher ein Opfer des Brandes gewesen sei. Abby war sich sicher, dass Valerie dabei ihre Finger im Spiel hatte, um die wahren Geschehnisse zu vertuschen.
      Jene war seit diesem Tag auch nicht mehr gesehen worden. Die offizielle Begründung war ein schwerer Schockzustand, gekoppelt mit einer Rauchvergiftung, da Valerie seither behauptete, mit Marc zum Zeitpunkt des Brandes im Park unterwegs gewesen zu sein. Aber wer wusste schon, wie es ihr jetzt wirklich ging?

      Abby seufzte. Es war einfach nur schrecklich. Marcs Tod hatte dafür gesorgt, dass alles auseinander brach. Valerie hatte sich ganz offensichtlich von allen abgekapselt und Anya tat seither genau dasselbe, sprach kein Wort mehr mit jemandem, wenn es nicht unbedingt nötig war.
      Dabei war es wirklich erstaunlich, wie schnell sie sich von ihren Wunden erholt hatte. In jener Nacht hatten Abby und Nick Levrier ins Haus der Familie Harper gebracht, wo er bis zum nächsten Morgen geschlafen hatte. Und als sie das Gästezimmer an besagtem Morgen betreten hatten, war Anyas Körper samt Haare vollkommen restauriert gewesen. So, als wäre nie etwas geschehen. Der einzige Unterschied zu vorher war, dass Levrier vorübergehend Anyas Körper kontrollierte, da jene sich bis auf Weiteres in ihre innere Zuflucht, das Elysion, zurückgezogen hatte. Ganze drei Tage hatte dieser Zustand angehalten.
      Das erinnerte Abby an Matts Worte, als die beiden sich das erste Mal begegnet waren. Sofort keimte in ihr ein schlechtes Gewissen auf, hatte sie Anya schließlich nie davon erzählt.

      Abby lag auf den Knien und starrte flehend zu Matt auf, welcher sein Gesicht hinter einer Maske aus weißem Porzellan verborgen hielt. Unter den Arm geklemmt trug er Abbys kleinen Stiefbruder Michael, dessen Glieder schlapp herab hingen, war das Kind schließlich bewusstlos. Die Drei befanden sich im großen Gemeinschaftsraum der Familie Masters, in dem es neben einem niedrigen Tisch nur Sitzkissen gab, die wild verteilt im Raum lagen.
      „Ich würde mich nie gegen Anya stellen!“, begehrte Abby auf. „Es muss doch einen anderen Weg geben, die Menschenleben zu retten, die für 'Eden' geopfert werden müssen!“
      „Verdammt, es gibt keinen! Denkst du, ich würde mir sonst die Mühe machen und mich mit dir abgeben? Denkst du nicht, dass ich eher Anya angreifen würde, wenn ich die Wahl dazu hätte?“ Sein freier Arm zitterte, doch er hob ihn an und ballte eine Faust. „Manche Dinge sind unausweichlich! Und ohne dich schaffen wir es nicht!“
      Abby schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich kann das alles nicht glauben! Dass Anya … dass sie durch den Pakt … unsterblich geworden ist …“
      „Es ist aber so!“ Matt schwang seinen Arm aufgebracht aus. „Hast du etwa noch nicht bemerkt, dass ihre Wunden binnen weniger Stunden komplett verheilen!?“
      „S-schon, die Platzwunde, die sie vor einiger Zeit aus Victim's Sanctuary davongetragen hatte, war am nächsten Tag verschwunden, aber-“
      „Sei nicht so blind! Der Dämon hat einen Großteil seiner Kräfte auf Anya übertragen, um sie so vor möglichst vielen Gefahrenquellen zu schützen! Abgesehen von anderen Dämonen kann ihr niemand auf lange Sicht auch nur ein Haar krümmen!“ Er schnaubte. „Niemand außer dir.“
      „Aber warum ich!?“
      Der in einem schwarzen Mantel gekleidete, junge Mann schüttelte den Kopf. „Wenn sie freiwillig ihr Leben aufgeben würde, dann … kann selbst die mächtigste Dämonenmagie ihren Tod nicht verhindern.“ Er stampfte auf. „Und deswegen brauchen wir dich! Du musst sie dazu bringen! Wir sind ihre Feinde, aber du bist vielleicht imstande, ihr die Situation klar zu machen!“
      Auf wackeligen Beinen stand das Mädchen auf und hielt sich die Hände auf die Brust. „Nein! Das kannst du nicht von mir verlangen!“
      „Du hast bis morgen Abend Zeit, es dir zu überlegen. Triff mich auf dem Schrottplatz, dann werden wir sehen, was aus dir und ihm hier wird.“ Er nickte zu dem Jungen, den er unter dem Arm geklemmt festhielt. Dabei griff er mit seiner anderen Hand in die Manteltasche und zückte eine weiße Karte hervor, auf der in goldener Farbe ein sechskantiger Stern abgebildet war. „Es tut mir leid, dass das sein muss …“
      Ein grelles Licht ging von der Karte aus.


      Anya war unsterblich, damit niemand 'Eden' aufhalten konnte, dachte Abby betrübt. Nun, da sie wusste, dass sie eine Sirene war – ein Wesen mit starken, magischen Kräften – könnte sie Matts Vorhaben sogar jederzeit direkt ausführen. Sie hatte die Macht, gegen Dämonen wie Levrier zu kämpfen. Es war pure Ironie.
      Auch Matt wusste darum. Würde er also wiederkommen, um sie zu erpressen? Abby seufzte. Sie hatte mittlerweile so große Angst um ihre Familie, dass sie nachts kaum ein Auge zu tat und immer wieder durch das Haus schlich, um zu sehen, ob Matt oder der andere Dämonenjäger, Alastair, in der Nähe waren.

      Es klingelte. Die Schüler standen auf und packten ihre Hefte und Bücher in den Rucksack. Abby beobachtete, wie Anya als Erste das Klassenzimmer verließ. Sie wusste genau, wohin das Mädchen gehen würde – aufs Dach. Das war zwar verboten, aber Anya wäre nicht Anya, wenn sie das jemals interessiert hätte. Es war ihre Zuflucht, wann immer etwas sie so sehr beschäftigte, dass selbst ihr sonst so hervorragend funktionierender Verdrängungsapparat das Problem nicht beseitigen konnte.

      „So kann es nicht weitergehen“, meinte jemand hinter Abby.
      Die drehte sich um und sah erstaunt auf, als der einen Kopf größere Nick mit besorgtem Blick zur Tür starrte, aus der Anya regelrecht geflüchtet war. Als sie sich in die Augen sahen, verzog Nick grinsend das Gesicht. „Ich will meinen Anya-Muffin zurück!“
      „A-Anya-Muffin?“
      „Hehe, jap. Willst du wissen, wieso ich ihr diesen Spitznamen gegeben habe?“
      „… nein“, entgegnete Abby ihm trocken. Dann stöhnte sie. „Aber du hast schon recht. Wir sollten nicht länger zusehen, wie sie alles in sich hineinfrisst. Bestimmt gibt sie sich die Schuld für alles.“
      „Garantiert.“
      „Huh?“
      „Garantiert willst du es wissen, mein ich“, gluckste Nick und Abby wunderte sich immer mehr, was denn mit dem Kerl los war, dass seine Tonlage dauernd schwankte. „Also-“
      Sie hielt ihm die Hand vors Gesicht, etwas, was sie sich von Valerie abgeschaut hatte, als diese Anya damals auf dem Schulhof Einhalt geboten hatte. „Kein Bedarf, Nick! Komm lieber mit! Aber rede nur, wenn ich es dir ausdrücklich erlaube! Am besten sag nur 'ja', wenn ich das Wort an dich richte.“
      Er blinzelte verdutzt. Dann grinste er. „Ja.“
      „Prima! Dann los, wir werden Anya beistehen, ob sie es will, oder nicht!“ Denn Abby wusste bereits genau, wie die erste Reaktion ihrer Freundin aussehen würde …

      ~-~-~


      Mit besorgter Mimik trat Abby, dicht gefolgt von Nick, aus der Tür des Treppenhäuschens auf dem Dach heraus und schritt über den Beton, dabei nach Anya suchend. Vom mehrere Stockwerke hohen Backsteingebäude hatte man einen guten Überblick über den Campus, der wie ein Kreis mit der Rasenfläche im Inneren gehaltenen wurde. Direkt vor sich sah sie die beiden Sporthallen und das dahinter liegende Footballfeld, als sie sich umdrehte, das etwas kleinere, weiße Gebäude der Unterstufe. Und Anya, die am Rande des Daches saß und die Füße in die Tiefe baumeln ließ. Dabei hatte sie ihr Kinn auf die Faust gelegt, während sie sich mit dem Ellbogen auf dem Oberschenkel abstützte. Sie schien Livington zu beobachten, das hohe, ovale Einkaufszentrum in der Stadtmitte, die anderen kleinen Geschäfte rings herum und die Wohnsiedlungen am Stadtrand.

      Vorsichtig bewegten sich Abby und Nick auf das Mädchen zu.
      „Verschwindet“, zischte jenes gereizt, ohne sich überhaupt umzudrehen.
      „Wir sind hier-“
      „Red' ich etwa Chinesisch, Masters?“ Anya drehte den Kopf in einer derart schnellen Bewegung, dass man beinahe glauben konnte, ihr Genick dabei knacken zu hören. „Verzieht euch! Ich hab keinen Bock auf euer Freundschaftsgeschwafel! Mir geht es gut, 'kay? Ich will nur etwas allein sein, das ist alles!“
      Abby trat einen Schritt vor und breitete die Arme aus. „Wir sehen das aber anders, stimmt's Nick?“
      „Ja“, gab der mechanisch von sich und kicherte dann über seinen gehorsamen Tonfall. Abby funkelte ihn daraufhin böse an und wandte sich wieder an Anya. „Seit Tagen geht das nun so! Dir wird es bestimmt nicht besser gehen, wenn du nur alleine vor dich hin grübelst! Sprich mit uns über Marc, dann-“
      Mit einem Ruck war Anya auf den Beinen und drehte sich um. Sie hatte ihre Fäuste geballt und strafte ihre Freundin mit einem Blick, den so mancher gar nicht überlebt hätte. „Hast du was an den Ohren, Masters? Ich-will-nicht-reden!“
      „Nick, sag doch was!“, wandte sich das Mädchen verzweifelt an den hochgewachsenen Kerl, dessen dunkelblondes Haar wie gewohnt ungekämmt vor sich hin wucherte.
      „Ja.“
      „Was Konstruktives!“
      „Ja!“
      Abby seufzte schwer, denn Nicks Idiotie war einfach nicht mehr zu überbieten. Anya verschränkte ungeduldig die Arme und schien darauf zu warten, dass sie beide entweder explodierten oder zumindest das Weite suchten. „Ich zähle bis drei, dann seid ihr von hier verschwunden, oder ich helfe nach! Und ihr wisst genau, was hierfür die schnellste Lösung ist, also nehmt die Beine in die Hand, bevor ich es tue!“
      Doch vehement schüttelte das Hippiemädchen den Kopf. „Nichts da, Anya! Ich werde nicht eher gehen, bis wir das geklärt haben!“
      „Und was dann?“, fragte die Blondine schneidend. „Tanzen wir zusammen im Kreis?“
      „Nein! Aber dann wird alles wenigstens ein Ende haben!“

      Unerwartet zog Anya eine Augenbraue an, während sich ihre zornigen Gesichtszüge lösten. „Was meinst du damit?“, fragte sie tonlos.
      „Was ich gesagt habe! Und wenn du es so nicht willst, dann können wir genauso gut durch ein Duell die Sache endgültig klären! Auch wenn danach nichts mehr von deinem falschen Stolz übrig sein wird!“ Abby hatte sich so in Rage geredet, dass es ihr gleich war, wie dämlich die Idee mit dem Duell war. Aber wenn Anya sich dadurch abreagieren konnte, war das einen Versuch wert.
      Plötzlich lachte Anya auf, es klang hohl und verbittert. „Ach so ist das also. Jetzt kapiere ich es! Deswegen bist du also hier rauf gekommen! Hätte ich mir ja denken können!“
      Verwirrt erwiderte ihr Gegenüber: „Wie meinst du das?“
      „War doch klar, dass du auch irgendwann so werden würdest! Hat die Gehirnwäsche dieses Dämonenjägers also endlich Erfolg gehabt, ja!?“, brauste das Mädchen auf. „Musste ja so kommen! Ich habe schließlich Marc gekillt, ich werde zu Eden, ich bin gefährlich! Bla bla bla!“
      Erschrocken von ihrem Ausbruch, wich Abby zurück und schüttelte den Kopf. „Nein Anya, du verstehst da was falsch! Ich wollte wegen deinen Schuldgefühlen-“
      „Schuldgefühle? Pah!“ Anya verzog ihr Gesicht zu einer boshaft grinsenden Grimasse. „Du irrst dich, Schwester! Ich habe keine Schuldgefühle wegen dem, was mit Marc geschehen ist! Er hat mich zuerst angegriffen und egal wer er auch sein mag, jemand der mich umnieten will, hat kein anderes Schicksal verdient!“
      „Anya!“, empörte sich Abby fassungslos. „Hörst du überhaupt, was da aus deinem Mund kommt!?“
      „Jedes Wort, Masters! Und dass du jetzt hier bist, um mich kalt zu machen, überrascht mich auch nicht wirklich! Ist ja jetzt der neue Volkssport, Anya umzubringen! Wer es als Erster schafft, bekommt einen Gutschein für Wendy's!“ Die Augen des Mädchens verengten sich zu Schlitzen, als sie in die Hocke ging und nach ihrem Rucksack griff, der am Rande des Daches lag. Dabei blieb sie aber auf Abby fixiert, die alles sprachlos mit ansah. „Aber nicht mit mir, Masters. Meinetwegen könnt ihr euch schon mal anstellen, ich werde jeden von euch eigenhändig ins Jenseits befördern!“
      Während sie das sagte, holte sie ihre Duel Disk hervor und legte sie an, ehe sie sich wieder erhob und mit ausgestrecktem Arm zu sich winkte. „Komm nur, Masters. Wenn du meinst, du bist mir gewachsen, dann versuch doch mal dein Glück. Kannst ja deine Sirenenpower benutzen!“

      Allerdings war Abby wie erstarrt. Anscheinend hatte Anya sich im Verlauf der letzten Tage irgendetwas eingeredet, sodass sie nun dachte, die ganze Welt wäre ihr Feind. Natürlich musste es ihr so erscheinen, als habe sich alles gegen sie verschworen! Erst Levrier, dann Alastair, Matt, die Patienten von Victim's Sanctuary und nicht zuletzt sogar Marc, auch wenn er nur durch Isfanel manipuliert worden war.
      Aber das hier war einfach nur ein Missverständnis!
      Abby wollte schon etwas sagen, als sie Nicks Hand auf ihrer Schulter spürte. Als sie zu ihm aufsah, schüttelte er mit einer wissenden Mimik den Kopf. „Der Anya-Muffin wird nicht zuhören, solange sie im Angriffsmodus ist. Zeige ihr, dass du es ernst meinst und duelliere dich mit ihr.“ Plötzlich grinste er verstohlen. „Und frag sie am besten gleich noch, ob sie mir ein paar ihrer Sprüche aufschreibt!“
      Das brünette Mädchen ließ den Kopf hängen. Nick hatte natürlich recht, denn in ihrer derzeitigen emotionalen Lage würde Anya nicht auf ihre Versuche der Schlichtung anspringen. Jedes weitere Wort würde vermutlich nur Öl ins Feuer schütten, Anya nur in ihrer Wut bestärken. Aber war ein Duell die Lösung? Es würde doch nur auf sie so wirken, als wolle Abby ihr wirklich weh tun.

      „Was ist, Masters?“, fragte Anya höhnisch. „Hast du Schiss bekommen? Wenn du es 'ernst meinst', dann komm und hol' mich doch, ich bin hier praktisch auf dem Servierteller!“
      Verzweifelt schüttelte ihr Gegenüber den Kopf. „Nein! Du verstehst alles falsch! Ich will das nicht-!“
      „Mir egal, was du willst! Kämpfe oder verschwinde! Ich brauche weder dich noch sonstwen, 'kay? Wenn du mir'n Messer in den Rücken stechen willst, dann nur zu! Aber dann musst du das Echo vertragen, du feiges Miststück!“
      Abby zuckte zusammen. Die Beleidigung ihrer Freundin hatte sie schwer getroffen. Tränen standen ihr in den Augen, die man aufgrund ihrer getönten Brille zum Glück nicht sah.
      Dass Anya sich nicht sofort helfen lassen würde, war ihr klar gewesen. Aber dass es so schlimm ist, hatte Abby nicht erwartet. Am liebsten würde sie wirklich gehen, bloß wäre sie dann nicht eine schlechte Freundin? Anya hatte auch alles getan, um sie vor einer großen Dummheit zu bewahren. Sie war es ihr einfach schuldig! Das Missverständnis musste aus dem Weg geräumt werden und vielleicht hatte Nick sogar recht. Wenn sie das Duell gewann, Anya aber nicht dabei verletzte, konnte sie sie vielleicht von ihrem Irrtum überzeugen.

      „Okay, ich mach's“, meinte Abby zögerlich. Sie legte ihre breite Tasche aus zusammengenähter Pappe von diversen Verpackungen ab, welche sie die ganze Zeit bei sich getragen hatte. Daraus holte sie unter all den Büchern eine Action Figur heraus, einen jungen Mann mit spitzen Haaren, die in ganze drei Farben getaucht waren. Von seinem Arm nahm sie die kleine Battle City-Duel Disk ab, die binnen eines Lidschlags die Größe des Originals erreicht hatte.
      „Abgefahren!“, staunte Nick dabei. „So was will ich auch, eine Schrumpf-Duel Disk!“
      „Idiot!“, zischte Anya sauer, auch wenn sie einen Moment lang ebenfalls danach aussah, als hätte Abbys Zaubertrick sie beeindruckt. „Das ist doch nur ein Kunststück von ihr, sie ist schließlich 'ne beschissene Sirene! Fiktion zu Realität und so'n Bullshit! Aber das juckt mich nicht.“
      Seufzend legte Abby sich den Apparat an und schob ihr Deck, welches sie ebenfalls aus der Tasche geholt hatte, in den dazugehörigen Schacht. Eigentlich hatte sie sich diese Vorführung aufheben wollen, um Anya aufzuheitern. Wäre sie gerade nicht so engstirnig, hätte sie das bestimmt cool gefunden. Doch so …
      Im Endeffekt war es auch egal. Jetzt musste sie erstmal zusehen, wie sie diese Furie bändigen konnte, ohne dabei sich oder jene vom Dach zu stürzen.

      „Ich bin bereit“, meinte Abby schließlich resignierend.
      Wie eine Katze schlich Anya dabei um die beiden und stellte sich schließlich nahe an den Rand des Daches.
      „Was soll das!?“, fragte ihre Freundin daraufhin verwirrt.
      „Macht es nur interessanter und leichter für dich!“, meinte Anya tollkühn. „Kannst ja versuchen, mich mit deinen Superkräften runter zu werfen! Sofern du nicht als Erste mit dem Kopf im Boden steckst natürlich!“
      Abby jedoch weigerte sich. „Bei so etwas mache ich nicht mit!“
      „Feigling! Hast du etwa Schiss, dich könnten ein paar Hologramme umwerfen?“ Anya zuckte provozierend mit den Schultern. „Wie erbärmlich! Und du willst 'ne Attentäterin der 'Guten' sein? Das ich nicht lache …“
      Nicht vor den Hologrammen hatte sie Angst, dachte Abby besorgt. Sondern vor dem, was Anya durch sie versuchen würde. Dass sie dabei gar nicht auf etwaige Attacken ihrer Monster angewiesen war, wusste Anya hoffentlich nicht. Die Hologramme dienten lediglich wie Auslöser für die Kräfte, die Levrier ihr vermacht hatte. Abby betete dafür, dass jener Anya bisher noch nicht in ihrem Umgang unterwiesen hatte. Andernfalls sah es schlecht für sie aus.

      Widerwillig schritt Abby zum anderen Ende des Daches. Eine andere Wahl hatte sie nicht, außer, sie würde das Ganze abbrechen und wieder gehen. Aber welche Folgen das hätte, wollte sie sich gar nicht ausmalen. Das Mädchen wusste, dass sie extrem vorsichtig sein musste, um nicht zu Schaden zu kommen.
      „Brav, Masters“, raunte Anya böswillig. „In dir steckt ja doch etwas Mumm, hätt' ich gar nicht gedacht. Den wirst du auch dringend benötigen, schließlich legst du dich mit mir an! Ich werde jeden von euch überleben, da kannst du Gift drauf nehmen!“
      „Besser nicht“, meinte Nick von der Seite her glucksend, wobei er an dem Treppenhäuschen angelehnt stand, „dann wäre sie ja tot.“
      „Blitzmerker“, zischte Anya verächtlich und streckte ihren Arm mit der Duel Disk aus. „Na dann, können wir endlich anfangen!?“
      Abby nickte knapp, dann rief ihre Freundin laut: „Duell!“

      [Anya: 4000LP / Abby: 4000LP]


      „Ich mache den ersten Zug!“, polterte Anya und zog gleich sechs Karten, ehe Abby etwas einwenden konnte. Sie beäugte nachdenklich ihr Blatt, ehe sie sich zwei Karten daraus griff. Die erste legte sie verdeckt in horizontaler Lage auf ihre Monsterkartenzone, die andere schob sie darunter in den Schlitz für die Zauber- und Fallenkarten. „Diese beiden hier, mehr nicht!“
      In vergrößerter Form tauchten ihre gesetzten Karten vor ihren Füßen auf.

      Abby schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals herunter und zog nun ihrerseits. Sie sollte das lieber schnell beenden, war dabei ihr Gedanke. „Okay, ich beschwöre [Naturia Pumpkin]! Und da du ein Monster kontrollierst, darf ich durch seinen Effekt noch ein Naturia-Monster von meiner Hand beschwören! So zum Beispiel [Naturia Vein]!“
      Zwei Monster erschienen auf ihrer Spielfeldseite. Eines von ihnen war ein grüner Kürbis auf Beinen, der ein zufriedenes Gesicht auf seinem runden Körper machte. Das andere hingegen war ein kleines, tanzendes Blatt, welches seine winzigen Arme in die Höhe streckte.

      Naturia Pumpkin [ATK/1400 DEF/800 (4)]
      Naturia Vein [ATK/200 DEF/300 (1)]

      „Wusst' ich's doch“, brummte Anya unberührt.
      Abby streckte den Arm gen Himmel, wodurch das kleine Blatt und der Kürbis in die Höhe aufzusteigen begannen. „[Naturia Vein] ist ein Empfänger-Monster, deswegen stimme ich es jetzt auf [Naturia Pumpkin] ab! Oh great god of the west! Rule this land with your penetrating gaze and justice! Synchro Summon! Roar proudly, [Naturia Beast]!“
      Es gab einen grellen Lichtblitz, als sich das Blatt in einen grünen Ring verwandelte, durch das der Kürbis flog.
      Mit einem gefährlichen Brüllen sprang ein weiß-grüner Tiger mit Beinen aus Holz hinter Abby hervor und ging stolz in die Hocke. Sein freundlicher Blick täuschte dabei durchaus über die Gefahr hinweg, die von ihm ausging.

      Naturia Beast [ATK/2200 DEF/1700 (5)]

      Abby biss die Zähne zusammen. Sie musste das hier schnell beenden, damit Anya sich beruhigen konnte. Also streckte sie kämpferisch den Arm aus. „[Naturia Beast], zerstöre ihr verdecktes Monster!“
      Der Tiger sprintete auf die gesetzte Karte zu, aus welcher ein Ritter in saphirblauer Rüstung erschien. Zwar schuf dieser eine Barriere aus gefrierendem Wasser, doch die Pranke seines Kontrahenten war stärker und zerschlug das Eis, riss den Krieger entzwei.

      Gem-Knight Sapphire [ATK/0 DEF/2100 (4)]

      Anya wich dabei glatt einen Schritt zurück und hielt sich die Arme vors Gesicht, so als erwarte sie, gleich angefallen zu werden. Was jedoch nicht eintrat.
      „So viel dazu“, murrte Anya, als sie die Gefahr vorüber glaubte. In ihren blauen Augen funkelte pure Feindseligkeit, die Abby regelrecht beängstigend fand.
      „Ich beende meinen Zug“, kündigte diese schließlich an. „Anya, bitte-“
      „Halt die Klappe!“

      Schwungvoll zog die Blondine. Anhand ihres grimmigen Gesichtsausdruckes hätte man meinen können, dass sie eine richtige Rockerbraut war, trug sie schließlich eine schwarze Lederjacke über ihrem gleichfarbigen Totenkopf-Shirt.
      Und in ihr brodelte es wie in einem Vulkan. Nie glaubte Anya, so viel Zorn verspürt zu haben. Warum meinte die ganze Welt plötzlich ihr Feind sein zu müssen? Das war alles nur Levriers Schuld! Hätte sie doch nur nie diesen Pakt geschlossen!
      Sie fixierte sich auf Abby. Die hatte es auch nicht anders gewollt. Wer nicht hören will, muss eben fühlen und wer Anya kannte wusste, dass damit nur Schmerzen gemeint sein konnten. Und genau das wollte sie Abby zufügen, Schmerzen!
      Der Blick der Blondine fiel auf ihr Blatt. Unter anderem befand sich dort [Gem-Knight Fusion], doch Anya wusste, dass [Naturia Beast] jede Zauberkarte spielend leicht außer Gefecht zu setzen vermochte. Allerdings hatte sie von Anfang an damit gerechnet, dass ihre Gegnerin ohne Umschweife sofort die großen Geschütze auffahren würde. Wie gut, dass sie das alles mit eingeplant hatte.
      „Verdeckte Falle aktivieren!“, rief sie entschlossen und schwang mit ihrem Arm über die gemeinte Karte, wodurch diese aufsprang. „[Birthright]! Sie reanimiert eines meiner normalen Monster vom Friedhof in Angriffsposition! Kehre zurück, Sapphire!“
      Aus dem Boden entstieg vor ihr der Ritter des Saphirs, welcher symbolisch auf seinem Brustpanzer eingelassen war.

      Gem-Knight Sapphire [ATK/0 DEF/2100 (4)]

      „Von meiner Hand beschwöre ich nun [Gem-Knight Iolite]!“, rief Anya daraufhin und knallte das Monster auf ihre mittlerweile über 20 Jahre alte Battle City-Duel Disk, welche immer noch tadellos funktionierte.
      Ein weiterer Ritter in hellblauer Rüstung tauchte vor Anya auf, doch anders als Sapphire, führte er eine Waffe mit sich. Es war eine abgerundete Klinge aus purem Wasser, ähnlich einem Säbel.

      Gem-Knight Iolite [ATK/1300 DEF/2000 (4)]

      Anya streckte ihren Arm in die Höhe, dabei Abby nicht aus den Augen lassend, an deren nervösem Blick sie bereits ablesen konnte, dass jene wusste, was nun geschehen würde.
      „Meine beiden Stufe 4-Monster werden zu einem Rang 4-Monster! Ich erschaffe das Overlay Network! Komm herbei, [Gem-Knight Pearl]!“
      Ein schwarzer Wirbel öffnete sich mitten im Spielfeld und sog die braunen Lebensessenzen der Ritter in sich auf, bevor aus ihm ein neuer Krieger erschien. In schlichter, weißer Rüstung gekleidet, stieg dieser majestätisch mit verschränkten Armen in die Höhe, gefolgt von einer Schar riesiger, rosafarbener Perlen.

      Gem-Knight Pearl [ATK/2600 DEF/1900 {4}]

      Mit dem Zeigefinger deutete Anya auf den Tiger ihrer Gegnerin, der auf allen Vieren bereits den Angriff erwartete. „Blessed Spheres of Purity!“
      Pearl schoss seine Perlen auf den Tiger ab, der einer nach der anderen geschickt auswich, sich dabei in Abbys Richtung zurückzog. Doch er ahnte nicht, dass die Kugeln über das Dach der Schule hinausflogen und in der Luft stehen blieben, ehe sie wie ein Bumerang zurückkamen und Abbys gesamtes Spielfeld in Explosionen tauchten.
      Diese schrie auf, während gleichzeitig das Mal an Anyas Arm bräunlich leuchtete.

      [Anya: 4000LP / Abby: 4000LP → 3600LP]


      „Lass dir das eine Lehre sein, dich mit mir anzulegen“, meinte Anya kaltherzig, während der Rauch sich verzog. Abby lag auf den Knien und sah ziemlich mitgenommen aus, ihr beigefarbenes Kleid an einigen Stellen verdreckt und zerfetzt. Vollkommen getroffen von Anyas realem Angriff, sagte sie kein Wort und starrte ihre Freundin nur fassungslos an.
      Die zuckte nicht einmal mit der Wimper, sondern führte ihren Zug fort. „Da ich jetzt wieder Zauberkarten aktivieren kann, spiele ich [Gem-Knight Fusion]!“
      Über ihr erschien ein Wirbel aus den verschiedensten Edelsteinen, welcher zwei Krieger in jeweils rostbrauner und grüner Rüstung in sich zog. „Ich verschmelze damit [Gem-Knight Garnet] und [Gem-Knight Emerald]! Garnet, du bist das Herz! Emerald, du die Rüstung! Erscheine, [Gem-Knight Ruby]!“
      Aus dem Sog schoss ein Ritter mit blauem, wehendem Umhang, welcher sich vor Anya stellte und stolz seine Lanze schwang.

      Gem-Knight Ruby [ATK/2500 DEF/1300 (6)]

      Anya steckte eine Fallenkarte in den dazugehörigen Schlitz unter Ruby. „Diese hier verdeckt! Damit beende ich meinen Zug!“

      Gleichzeitig hielt Abby sich den linken Arm, welcher von Pearls Angriff leicht verletzt worden war und erhob sich. Noch immer war sie ein Bildnis der Fassungslosigkeit, doch schließlich schluckte sie ihren inneren wie äußeren Schmerz hinunter und zog. Sie redete sich ein, dass Anya all das nur tat, weil sie insgeheim Angst hatte. Angst davor zu sterben.
      Abby wusste, dass sie ihre Freundin nur davon überzeugen konnte, dass von ihr keine Gefahr ausging, wenn sie alles erduldete, was Anya ihr entgegen brachte. Auch wenn sie sich also in ihrer Sirenenform vor den Angriffen ihrer Freundin besser schützen konnte, durfte sie sich nicht verwandeln, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. Zwar bedeutete das, dass sie mit weiteren Verletzungen oder gar Schlimmerem rechnen musste, aber eine andere Wahl hatte sie nicht.

      „Okay“, meinte sie zögerlich und versuchte dabei, die Taffe zu mimen und lächelte verloren. „Mein Zug!“
      Als sie ihre gezogene Karte ansah, strahlte sie vor Freude, was Anya mit einer abweisenden Grimasse quittierte. Vermutlich dachte sie, dass Abby einen Weg gefunden hatte, sie zu besiegen, was vielleicht auch gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt war.
      „Von meiner Hand der Zauber [Monster Reborn]! Damit reanimiere ich [Naturia Beast] vo-“
      „Nichts wirst du! Konter!“, fauchte ihre Gegnerin bestimmend und schwang den Arm aus, woraufhin ihre Fallenkarte aufsprang. „[Paradox Fusion]! Indem ich ein Fusionsmonster, also Ruby, bis zur End Phase meines übernächsten Zuges verbanne, kann ich die Aktivierung einer beliebigen Karte verhindern! Also bleibt der Flohzirkus da, wo er ist!“
      Das Hologramm von [Gem-Knight Ruby] flackerte unstet auf, zersetzte sich in viele kleine, hellblaue Kästchen, ehe es schließlich verschwand.
      Doch Abby grinste nur in sich hinein. Hatte sie es doch gewusst! Warum sonst hatte Anya zuvor ein Fusionsmonster gerufen, obwohl ihre Battle Phase längst vorüber war? Zwar mochte es an sich kein schlechter Gedanke gewesen sein, den Gegner mit [Paradox Fusion] ausstechen zu wollen, doch leider – oder eher zum Glück – kannte Abby ihre Freundin zu gut und wusste genau, wie sie tickte. Damit stand der Weg nun frei für ihre wahre Offensive!
      „Na gut, dann rufe ich nun von meiner Hand [Gale Dogra]!“
      Eine grüne Motte erschien vor ihr und erzeugte mit ihren blauen Schwingen einen Wirbelwind aus glitzerndem Staub, der Abby umgab.

      Gale Dogra [ATK/650 DEF/600 (2)]

      Verdutzt blinzelte Anya, die dieses Monster noch nie zuvor gesehen hatte. „Kein Naturia? Was für'n Teil ist das denn?“
      Ihre Gegnerin zwinkerte verspielt. „Ein sehr nützlicher Gefährte! Für 3000 Lebenspunkte kann ich sofort ein Monster aus meinem Extradeck auf den Friedhof legen!“
      Anya brach in schallendes Gelächter aus. „Im Ernst!? Willst du etwa freiwillig verlieren? Hast du etwa Schiss bekommen, Masters?“
      Doch Abby nahm den Hohn ihrer Freundin gelassen. „Nicht ganz.“ Sie zeigte [Naturia Barkion] vor, ehe sie diesen in den Friedhofsschacht ihrer Duel Disk schob.
      Kurz darauf wurde der Staub um sie dichter, sodass einen Moment lang nichts von Abby zu sehen war.

      [Anya: 4000LP / Abby: 3600LP → 600LP]


      „Pah!“, raunte Anya und verschränkte in ihrer Überheblichkeit die Arme voreinander.
      „Lach du nur“, erwiderte Abby und zückte zwei Zauberkarten aus ihrem Blatt, die sie in ihre Duel Disk einschob. „Bald lachen wir wieder zusammen! Ich aktiviere [Supremacy Berry] und eine weitere Zauberkarte! Doch zunächst zu [Supremacy Berry]! Sie schenkt mir 2000 Lebenspunkte, wenn meine im Vergleich zu deinen niedriger sind.“
      Eine weiße Friedenstaube mit einem Ölzweig im Schnabel landete auf Abbys Schulter, welche das Tier liebevoll betrachtete, ehe es davonflog und damit einen Regen aus hellblauen Lichtkugeln über Abby niedergehen ließ.

      [Anya: 4000LP / Abby: 600LP → 2600LP]


      „Okay, was ist das für ein Bullshit?“, verlange Anya zu wissen. „Kannst du dich mal entscheiden, was du nun willst?“
      Ihre Gegnerin lächelte wissend. „Ich weiß genau, was ich will! Dass es dir besser geht!“
      „Hör auf, Masters! Du dummlallst mal wieder! Sei lieber ehrlich, denn ich glaube dir sowieso kein Wort! Die ganze Welt ist gegen mich und du bist letztlich auch nur eine von vielen!“
      „Du irrst dich!“, widersprach Abby beherzt. Aber sie wusste, dass es vergebene Liebesmüh war, Anya von ihrem Irrtum auf verbaler Ebene überzeugen zu wollen. Das konnte sie nur durch Taten, und zwar, indem sie Anya besiegte, ohne ihr ein Haar zu krümmen.
      „Von wegen! Ihr seid im Grunde doch alle gleich! Kaum seht ihr etwas, das ihr nicht versteht, muss es sofort böse und schlecht sein! Erzählt mir doch nichts!“
      In sich hinein seufzend, dachte Abby, dass sie wohl am besten wusste, was es bedeutete anders zu sein und gefürchtet zu werden. Wer außer Nick und Anya würde sie schon akzeptieren, wenn man erfuhr, dass sie eine Sirene war? Diese zwei mochten etliche Macken haben, aber sie waren im Grunde ihres Herzens gute Menschen. Und allein schon deswegen würde sie um Anya kämpfen!
      „Du wirst es noch sehen“, meinte Abby entschlossen und deutete auf ihre zweite Zauberkarte, „aber bis das geschieht, musst du dich erstmal hiermit auseinander setzen! Diese Karte dient einzig allein dem Zweck, mein mächtigstes Monster zu beschwören! Sie nennt sich [Miracle Synchro Fusion]!“
      Anya runzelte die Stirn und kratzte sich unwissend am Kopf. „Miracle-was-jetzt!?“
      „Durch sie kann ich zwei Monster auf meinem Friedhof verschmelzen und anschließend verbannen, um ein Fusionsmonster von meinem Extradeck zu beschwören! Voraussetzung dafür ist allerdings, dass mindestens eines der hierbei benutzten Fusionsmaterialien ein Synchromonster ist! Was bei meinem Monster sogar in doppelter Hinsicht der Fall ist, da sowohl [Naturia Beast], als auch [Naturia Barkion] Synchromonster sind.“ Sie hielt die beiden weißen Karten zwischen ihren Finger und hielt sie in die Höhe. „Und jetzt werdet eins! Erscheine und entführe uns in eine Welt voller Schönheit und Wohlstand! Komm herbei, [Naturia Exterio]!“
      Überall um die beiden jungen Frauen herum begannen Blumen aus dem Beton zu wachsen. Ein merkwürdiges, fauchendes Brüllen ertönte über dem Dach. Aus dem Nichts landete mit einem Satz eine mannshohe, vierbeinige Gestalt vor Abby. Es war der grün-weiße Tiger, doch anders als zuvor, wies er jetzt Merkmale des Drachen [Naturia Barkion] auf. So trug er dessen Schädel wie einen Helm, während aus seinen Läufen schuppige Holzrinde wuchs.

      Naturia Exterio [ATK/2800 DEF/2400 (10)]

      „Crap“, raunte Anya bei Exterios Anblick genervt. Nicht nur, dass sie Abby jenes Monster noch nie hatte benutzen sehen, nein, es war auch noch stärker als ihr Pearl.
      Und genau das wusste ihre Gegnerin auch auszunutzen, als sie den Arm befehligend ausstreckte. „Los, attackiere [Gem-Knight Pearl]! Tut mir leid, Anya, aber das muss jetzt sein!“
      Ihre Kreatur preschte auf den schwebenden Ritter zu, welcher seine Perlen vor sich als Schutzwall aufbaute. Doch dem gewaltigen Prankenhieb Exterios waren sich nicht gewachsen, welcher die Edelsteine zerschlug und ein Loch in Pearls Brust riss.
      „Warum ist dieses Ding nur so verdammt nutzlos!?“, fauchte Anya wütend, als ihr Krieger in einer Explosion unterging. Instinktiv wich sie zurück, um nichts davon abzubekommen.

      [Anya: 4000LP → 3800LP / Abby: 2600LP]


      „[Gale Dogra], direkter Angriff auf ihre Lebenspunkte!“, hörte sie da schon Abby rufen.
      Aus dem Rauch zischte die kleine Motte hervor und rammte Anya. Diese stolperte jedoch nur vor Schreck rückwärts, anstatt von der Wucht der Attacke getroffen zu werden. Die Blondine hielt sich daraufhin verwundert die Brust und schüttelte uneinsichtig den Kopf. „Glückstreffer!“

      [Anya: 3800LP → 3150LP / Abby: 2600LP]


      „Ich beende meinen Zug“, meinte Abby besorgt. „Anya … ich will dir nicht weh tun. Warum verstehst du das nicht?“
      „Erspare mir dieses Geblubber und halt den Rand, ich muss mich konzentrieren“, zischte ihre Freundin im Angesicht ihres leeren Feldes und rief: „Mein Zug, Draw!“
      Dabei sah ihre Situation alles andere als rosig aus. Denn nicht nur hatte Abby die Kontrolle über das Duell, nein, es fehlte Anya auch an Handkarten. Diese eine nächste könnte schon alles entscheiden. Doch so leicht würde Anya es ihr nicht machen!
      Es war wie ein Impuls, der durch das Mädchen ging, als sie zog. So erschien es ihr, als würde ihr Mal kurz ziepen. Allerdings war das vermutlich nur Einbildung und als Anya ihre gezogene Karte betrachtete, waren jegliche Gedanken betreffend jenes seltsamen Gefühls längst verflogen. „Für den Anfang nicht schlecht! Ich beschwöre [Gem-Armadillo]! Und durch seinen Effekt kann ich einen Gem-Knight vom Deck auf die Hand nehmen, wenn er als Normalbeschwörung gerufen wird! So wie [Gem-Knight Tourmaline]!“
      Während das schwebende, beinlose Gürteltier vor ihr auftauchte, zeigte Anya das gesuchte, gelb-umrandete Monster hervor und grinste hinterhältig.

      Gem-Armadillo [ATK/1700 DEF/500 (4)]

      „Wegrennen ist keine Option!“, rief Anya lautstark. „Los [Gem-Armadillo], auf ins Gefecht! Mach uns den Schädlingsbekämpfer!“
      Das geisterhafte, braune Gürteltier teleportierte sich direkt vor Abbys Motte und riss ihr mit seinen Klauenhänden die Flügel aus, woraufhin diese sich auflöste. Es folgte eine Explosion, die Abby nach hinten fallen ließ, dicht an den Rand des Gebäudes.

      [Anya: 3150LP / Abby: 2600LP → 1550LP]


      Ächzend erhob diese sich und war gleichwohl überrascht, nachdem Anya das Ende ihres Zuges angekündigt hatte. Was war dieses Gefühl gerade eben gewesen? Dieser Druck in ihrem Inneren? War das Anyas Werk gewesen?
      Abby biss sich auf die Unterlippe. Selbst in ihrer derzeitigen Lage ging Anya in die Offensive, statt sich zu schützen. Dabei war ihr Kampf hoffnungslos, auch wenn sie davon noch nichts ahnte. Denn [Naturia Exterios] besondere Fähigkeit würde ihr jede Chance zum Sieg nehmen.
      Dennoch … hatte Anya soeben eine weitere Fähigkeit Levriers, neben dem Erzeugen von Angriffswellen, eingesetzt? Oder war es doch nur ihre Einbildung gewesen?
      Mit Unbehagen schüttelte das Hippiemädchen den Kopf. Im Grunde spielte es keine Rolle, denn es änderte nichts an ihrem gesetzten Ziel, Anya zur Vernunft zu bringen.

      „Mein Zug“, verkündete sie kämpferisch. „Draw!“
      Tief durchatmend, überlegte sie, was sie ihrer Freundin sagen könnte. Da Worte bisher jedoch erfolglos geblieben waren, erkannte Abby, dass Schweigen durchaus eine Alternative darstellte. Vielleicht würde Anya das viel eher zu schätzen wissen?
      Also beschränkte sie sich auf das Duell und nahm eine Monsterkarte von ihrem Blatt. „Ich beschwöre die [Naturia Strawberry]!“
      Mit hohem Kichern sprang eine überdimensionale Erdbeere auf Beinen vor Abby hin und her und hielt sich dabei ihren großen Kopf.

      Naturia Strawberry [ATK/1600 DEF/1200 (4)]

      „Tch!“, höhnte Anya. Sie runzelte die Stirn und behielt denselben feindseligen Blick bei, welcher Abby seither so zu schaffen machte. Und in ihm erkannte sie letztlich, dass weder sie noch Nick die Freunde waren, die Anya im Moment brauchte.
      „Sorry“, murmelte Abby leise. Nicht wissend, welche Art von Freund Anya überhaupt in ihrer Situation an sich heranlassen würde. Jemand, vor dem sie Respekt hatte? Aber gab es diese Person überhaupt? Abby schluckte. Marc wäre so ein Freund gewesen. Doch ausgerechnet der war nun tot. Es war wie ein Teufelskreis und auch wenn sie diesen hartnäckig durchbrechen wollte, bekam Abby durch ihre Erkenntnis langsam Zweifel an ihrem Tun.
      „Nein“, murmelte sie leise. Sie hatte diesen Kampf begonnen, sie würde ihn auch zu Ende führen, selbst wenn das Ergebnis nicht optimal ausfallen würde. Irgendwie erinnerte sie dies an Matts Worte. Wie konnte man wissen, ob das, was man erreichen will, nicht letztlich das Gegenteil brachte …
      Sie schüttelte den Kopf, um ihn von diesen Gedanken frei zu machen. Niemand konnte in die Zukunft sehen! Dann zeigte sie auf Anyas Monster. „Exterio, greife [Gem-Armadillo] an! Strawberry, du im Anschluss direkt!“
      Wieder stürmte ihre riesige Bestie hervor und streckte das Gürteltier mit einem Prankenhieb nieder, während die Erdbeere Anya einen Kopfstoß in den Magen verpasste, allerdings durch jenen hindurch flog. Die Blondine ächzte dennoch und zuckte zusammen.

      [Anya: 3150LP → 450LP / Abby: 1550LP]


      „Hast du nicht mehr drauf!?“, mimte Anya die Unbekümmerte, auch wenn Abby genau sehen konnte, wie ihre Hände unaufhörlich zitterten.
      „Zug beendet“, erwiderte das brünette Mädchen daraufhin mitfühlend.
      All die Kämpfe hatten Anya schon jetzt gezeichnet. Wie würde sie erst werden, wenn sie wusste, was wirklich auf sie zukam? Wenn Matts Theorie stimmte und Anya selbst nach Edens Erwachen weiterexistieren würde? Dann würde sie …
      Nein! Es gab keinen Beweis dafür, dass er überhaupt die Wahrheit sprach! Womöglich war alles, was er ihr erzählt hatte, erstunken und erlogen, nur um sie in seine Pläne einzuspinnen! Und dennoch …

      Abby schreckte auf, als Anya mit einem Kampfschrei zog. Wieder war da dieser Druck in der Brust, dieses Mal etwas stärker. Was war das bloß? Ging das von Anya aus oder war sie krank, fragte das Mädchen sich irritiert.
      Ihre Gegnerin jedoch grinste heimtückisch, obwohl sie urplötzlich ein wenig außer Atem schien und keuchte. „Sieht so aus, als wäre die Glücksfee heute auf meiner Seite! Ich verbanne [Gem-Knight Iolite] von meinem Friedhof und erhalte von dort [Gem-Knight Fusion] zurück! Die aktiviere ich und verschmelze-“
      „Tut mir leid, Anya, aber das wirst du nicht!“, widersprach ihre Gegnerin. „Ich aktiviere den Effekt von Exterio!“
      Dieser gab ein stolzes Gebrüll von sich, während durchsichtiges Moos aus Abbys Duel Disk wuchs. Jene schnappte sich die [Supremcy Berry]-Karte von ihrem Friedhof und steckte sie in eine Tasche ihres Kleides, bevor sie von ihrem Deck die oberste Karte, [Naturia Butterfly], nahm und in den Friedhofsschlitz schob. Kurz darauf zersprang Anyas Zauberkarte, die sich in der Zwischenzeit vor ihr aufgestellt hatte. „Huh!?“
      „Exterio kann für den Preis einer Deckkarte und dem Verbannen einer Karte aus meinem Friedhof jede Zauber- oder Fallenkarte annullieren. Und das ohne Beschränkung!“, erklärte Abby.
      Anya schüttelte ungläubig ihr Haupt und trat einen Schritt zurück. „W-was ist das für ein Mistvieh!? Das heißt, ich kann keine Zauber und Fallen mehr spielen, solange du genug Vorrat an Deckkarten hast!?“
      Ihr Gegenüber nickte. Das war die wahre Stärke von [Naturia Exterio], denn dadurch, dass jedes Mal eine Deckkarte geopfert wurde, konnte gleichzeitig der Bedarf für den nächsten Einsatz des Effekts gedeckt werden. Eine verhängnisvolle Kette.
      „Denkst du, das beeindruckt mich?“, donnerte Anya kämpferischer denn je. „Ich werde dich dennoch alle machen! Ich beschwöre [Gem-Knight Alexandrite] und nutze seinen Effekt ihn zu opfern, um ein normales Gem-Knight-Monster von meinem Deck zu rufen! Komm, [Gem-Knight Crystal]!“
      Vor ihr erschien kurz darauf ein Ritter in silberner Rüstung, die mit vielen verschiedenfarbigen Edelsteinen geschmückt war. Doch er löste sich im Anschluss in Licht auf und machte einem weißen Ritter mit den Kristallschulterplatten Platz, der stolz seine Hände in die Hüften stemmte.

      Gem-Knight Crystal [ATK/2450 DEF/1950 (7)]

      Plötzlich schwoll die Erdbeere von Abby etwa um ein Drittel seines Körperumfangs an.

      Naturia Strawberry [ATK/1600 → 2000 DEF/1200 (4)]

      „Was soll das denn!?“
      „Strawberry erhält für das erste Monster, das du beschwörst, 100 Angriffspunkte pro Stufenstern. Das sind bei Alexandrite genau 400 Angriffspunkte“, erklärte Abby. Dabei sah sie zufällig zum Treppenhäuschen, an dem Nick mit verschränkten Armen angelehnt stand und zusah. Es war merkwürdig, ihn so still zu erleben. Täuschte sie sich oder dachte er, Nick Harper, tatsächlich nach?
      Als er ihren Blick bemerkte, grinste er breit. Nein, bestimmt war das nur ein Irrtum!
      Anya zischte zeitgleich und reckte das Kinn vor. „Als ob das reicht! Crystal, macht das Gemüse dennoch kalt! Clear Punishment!“
      Vor Entsetzen klappte Abby glatt die Kinnlade hinunter. „Aber Erdbeeren sind doch Obst!“
      „Schnauze, Masters, das weiß ich selbst! Kümmere dich lieber um dich selbst, denn wie's aussieht, hast du ein fettes Problem an der Laberbacke!“
      Crystal schlug mit seiner Faust auf den Boden und brachte den Beton damit zum Zersplittern. Ein feiner Riss tat sich inmitten des Spielfelds auf und zischte auf Abby zu. Aus ihm schossen Kristalldornen auf das Mädchen zu, welche jenen nur entkam, da sie schnell genug einen Hechtsprung zur Seite machte. Und während Abby mit dem Saum ihres Kleid an einem Dorn hängen blieb, wobei jenes im Gegenzug durch ihren Fall einriss, wurde ihr Monster von den Spitzen aufgespießt.

      [Anya: 450LP / Abby: 1550LP → 1100LP]


      „Owww“, jammerte Abby, die hart gelandet war und torkelte zurück zu ihrer alten Position.
      Das war knapp. Um ein Haar wäre sie zu einem Sieb mutiert! Anya war wirklich entschlossen, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Eine Kunst, die sie nun endgültig perfektioniert hatte, wie Abby sich mit mulmigem Gefühl eingestehen musste.
      „Pfff, ich beende.“ Anya streckte den Arm rechts von sich aus. „Damit kehrt nun Ruby endlich zurück aufs Spielfeld.“
      „Ruby?“, erschrak ihre Gegnerin, als neben Anya der Ritter im blauen Umhang und mit der Lanze in den Händen erschien. „Den hatte ich ja ganz vergessen!“

      Gem-Knight Ruby [ATK/2500 DEF/1300 (6)]

      Als Abby anschließend zog, musste sie feststellen, nichts Brauchbares auf der Hand zu haben. Es stand jedoch fest, dass sie den Rubinritter besiegen musste, bevor Anya ihren nächsten Zug begann. Denn jener konnte seine Angriffskraft erhöhen, indem er durch seinen Monstereffekt einfach einen anderen Gem-Knight opferte. Dagegen konnte selbst [Naturia Exterio] nichts unternehmen, also war offensichtlich, was sie zu tun hatte.
      Abby zeigte kämpferisch auf den Krieger. „Exterio, zerstöre [Gem-Knight Ruby]!“
      „Du-!“, zischte Anya, der das gar nicht zusagte. Doch sie konnte nur mit griesgrämiger Mimik mit ansehen, wie die riesige Tigerbestie auch diesen Feind mit seinen Pranken niederstreckte.

      [Anya: 450LP → 150LP / Abby: 1100LP]


      Als Exterio ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand, nahm Anya einen Schritt zurück und neigte sich ein wenig vor, bereit, sofort in jede Richtung ausweichen zu können. Aber Abbys Monster drehte ihr desinteressiert den Rücken zu und kehrte zu seiner Besitzerin zurück, um sich vor ihr hinzulegen.
      „Mehr kann ich nicht tun“, kündigte Abby an. Sowohl im Duell, als auch im Kampf um Anyas Aufmerksamkeit. Über die blinde Rage und Zerstörungswut schien Anya sogar das Versprechen vergessen zu haben, dass sie ihr einst gegeben hatte. Und Abby fragte sich erstmals, ob so etwas dann überhaupt noch eine Freundschaft war? Andererseits war sie keinen Deut besser, schließlich verheimlichte sie Anya so einiges.
      Das Mädchen ließ den Kopf hängen. Alles war so kompliziert geworden, seit Levrier aufgetaucht war. Aber der tat auch nur das, was in seiner Natur lag …

      Plötzlich spürte Abby ein Stechen in ihrem Körper, wie sie es noch nie gefühlt hatte. Sie blickte auf und sah mit Schrecken, dass etwas an Anya sich verändert hatte. Ihre Augen, sie glühten weiß, genau wie ihre Hand, die von einer seltsamen Energie umgeben war. Der Pferdeschwanz der Blondine peitschte wild durch die Luft, während das Mädchen Mittel- und Zeigefinger an ihr Deck legte. Dabei keuchte sie, als bekäme sie kaum noch Luft.
      „Was ist das!?“
      „Du … ich kann dir gar nicht sagen, was ich am liebsten alles mit dir und Nick machen würde! Wo wart ihr, als es passiert ist!?“
      „W-“
      „Immer seid ihr auf Hilfe angewiesen! Alleine kriegt ihr doch gar nichts auf die Reihe! Wenn ich nicht wäre, wärt ihr schon längst tot! Und wo seid ihr, wenn ich euch brauche!?“ Anya schnaufte und lächelte zynisch. „Überall, nur nicht hier! Erspart mir euer ganzes Gelaber, ich will es gar nicht hören! Ich brauche keine Freunde, ihr seid so oder so nutzlos! Draw!“
      Abby schrie vor Schreck auf, wurde sie durch das Licht, welches von Anyas Arm mit dem Mal ausging, doch glatt geblendet. Dabei stieß ihr ein heftiger Wind entgegen, der ihr ohnehin ungebändigtes Haar und den Saum ihres Kleides wild flattern ließ. Stechender als dieses seltsame Gefühl waren nur die Worte des Mädchens, entstanden aus purer Verbitterung. Und doch wusste Abby, dass Anya nicht ganz Unrecht hatte, was alles nur viel schlimmer machte. Sah es wirklich so in ihrer besten Freundin aus, fragte Abby sich betroffen.

      Als das Licht um Anyas Arm erlosch und ihre Hand nur noch ein wenig glühte, hielt sie zwischen ihren Fingern eine Karte und grinste dreckig. „Na so was? Die Glücksfee ist heute wirklich auf meiner Seite!“
      „Was hast du da getan?“, fragte Abby verängstigt. Levrier musste irgendeine Kraft freigesetzt haben, anders war dieses Phänomen nicht zu erklären.
      Und plötzlich ging ihr ein Licht auf. „Du hast dieselbe Fähigkeit wie A-“
      „Ich beschwöre [Gem-Knight Tourmaline]“, unterbrach Anya ihre Freundin und ließ einen Krieger in goldener Rüstung erscheinen, der einen Blitz zwischen seinen Händen formte.

      Gem-Knight Tourmaline [ATK/1600 DEF/1800 (4)]

      „Okay! Das ist es!“, rief Anya und schwang euphorisch den Arm aus. „Crystal, vernichte dieses Drecksvieh ein für alle Mal! Crystal Punishment!“
      Der Ritter schlug mit seiner Faust auf den Boden, während Anya ihre letzte Handkarte auf den Friedhof schickte. Plötzlich erschien ein kleines Wesen mit einem verhältnismäßig großen Zauberhut hinter Crystal und verschwand in ihm. „Und indem ich [Gem-Merchant] abwerfe, kriegt Crystal einen Angriffsboost! Siehst du!? Ich brauche gar keine Zauber- oder Fallenkarten!“
      Abby realisierte, dass Anya durch ihre neue Kraft jenes Monster gezogen haben musste. Um Anyas Monster glühte eine orangefarbene Aura auf.

      Gem-Knight Crystal [ATK/2450 → 3450 DEF/1950 → 2950 (7)]

      Dieses Mal schlug Crystal beide Fäuste auf den Boden und ließ so mehrere Spalten im Beton des Daches entstehen, welche allesamt auf Abby und ihre nähere Umgebung zuschossen. Das Mädchen erkannte, dass es dieses Mal keinen Ausweg gab. Und während die ersten Kristallnadeln [Naturia Exterio] bereits aufspießten, trat sie bis an den Rand des Daches zurück.
      Als der erste Speer aus einer der Spalten auf sie zuschoss, dachte Abby gar nicht länger nach und machte einen Satz nach hinten, fiel in die Tiefe. Gerade noch rechtzeitig fanden ihre Hände im Fall Halt, sodass sie nun vom Dach der Schule hing und die Sträucher anstarren konnte, die bestimmt 20 Meter unter ihr lagen. Aber bei einem Fall aus dieser Höhe würden jene vermutlich noch ihr Verhängnis werden statt den Aufprall zu dämpfen, dachte Abby panisch.

      [Anya: 150LP / Abby: 1100LP → 450LP]


      Zwar war sie Crystals Angriff entkommen, doch hatte sie nun ein neues Problem. Und es war noch nicht vorüber. Sie hatte das Duell hiermit verloren, also würde Anya jetzt kurzen Prozess machen.
      „Irgendwelche letzten Worte?“, hörte sie jene unbeirrt rufen.
      Abby zog sich mit aller Kraft ein Stück weit über den Rand und sah zu der Blondine auf, in deren blauen Augen das Dilemma ihrer Gefühlswelt stand. Anscheinend konnte selbst eine Anya so etwas wie Enttäuschung verspüren, denn weit mehr als der Hass stand diese Emotion in ihnen.
      Für Abby war das Grund genug, es noch einmal mit Worten zu probieren. „Ich weiß, es ist schwer, aber lass uns doch vernünftig reden! Was bringt es dir schon, jetzt noch so weiter zu machen?“

      „Du weißt doch gar nicht, wie das ist“, murmelte Anya plötzlich leise und senkte den Blick. „Wie es ist, am lebendigen Leib den Flammen zum Opfer zu fallen. Mag ja sein, dass ich zu der Zeit nichts gespürt und in diesem Elysion-Teil gefangen war, aber ich habe alles gesehen. Und du hast mich gesehen, oder was noch von mir übrig war! Also rede nicht so, als wenn alles gut wär'!“
      Anya sah wutentbrannt auf und schwang den Arm aus, zeigte damit auf Abby. „Ich geb' mir diese Scheiße mit dir nicht länger! Warum reden, wenn es sowieso nichts zu sagen gibt? Ich hab' das schon immer an dir gehasst! [Gem-Knight Tourmaline], direkter Angriff auf-“
      Ohne Vorwarnung wurde sie am Handgelenk gepackt. Sie drehte ihren Kopf und sah über ihrer Schulter, dass Nick sie festhielt. Einmal mehr lag da dieser merkwürdige Blick in seinen Augen, den er neuerdings immer öfter aufsetzte. Es war, als wolle er sagen „nicht“. Aber er schwieg und schien auf ihre Reaktion zu warten.
      Aufgebracht schnaufte das Mädchen: „Lass mich los, Harper! Oder willst du gleich hinterher geschickt werden!?“

      Es ist genug, Anya Bauer!

      Als sie Levriers Stimme vernahm, zog sie ihre Augen zu Schlitzen zusammen. Die ganze Zeit über hatte er sich aus der Sache herausgehalten, nun meldete er sich plötzlich. „Was willst du denn jetzt!?“

      Du siehst Feindseligkeit, wo keine ist! Ist dir überhaupt klar, was du da tun willst? Warst nicht du es, die Abby und Nick vor Alastair gerettet hat? Und nun willst du sie töten, weil du dir mit aller Kraft einzureden versucht, sie wären deine Feinde? Wo sie doch nur deinen Schmerz teilen wollen? Wenn das so ist, verweigere ich dir, noch länger meine Kräfte zu benutzen. Sie dienen dazu, uns vor Gefahren zu schützen, nicht um anderen Menschen willkürlich das Leben zu nehmen!

      Anya schrie auf, als das Mal an ihrem Arm zu leuchten begann. Es brannte wie Feuer und das pulsierende Gefühle in ihrem Inneren, welches sie die ganze Zeit über stärker und stärker gemacht und angetrieben hatte, löste sich plötzlich wie Rauch auf.
      Ohne es fühlte Anya sich schlagartig schwach und müde.

      Auch wenn du es nicht wahrhaben willst, Anya Bauer, aber kein Lebewesen kann alleine fortbestehen. Die Bande mit deinen Freunden zu brechen wird dir zukünftiges Leid nicht ersparen, egal wie sehr du daran festhalten willst.

      „Dazu hast du kein Recht!“, fauchte Anya wütend, der es nur um dieses eine Gefühl ging. „Diese Kräfte gehören mir und ich entschei-“
      Nicks Faust traf sie so unerwartet ins Gesicht, dass sie nach vorne stolperte und auf den Boden fiel. Fassungslos sah sie zu ihm auf und hielt sich die Wange.
      Er sah seine Finger an und gluckste: „Cool. Jetzt weiß ich, warum der Anya-Muffin so viel Spaß daran hat … au, au, au!“ Mit leidender Mimik schüttelte er die Hand, da Anyas Knochen wohl etwas zu hart für ihn gewesen waren.

      „Hört bitte auf!“, rief Abby, die es mittlerweile fertiggebracht hatte, sich bis zum Oberkörper über den Rand des Daches zu ziehen. Zu ihrer eigenen Überraschung war sie sich sicher, dass hinter Nicks Faustschlag eine Botschaft verborgen lag, die man ihm niemals zugetraut hätte. Selbst er tat sein Bestes, um Anya zur Besinnung zu bringen!
      „Du hast recht, ich weiß nicht, wie schwer es für dich ist“, ächzte Abby und schwang ihr Bein über die Betonkante, ehe sie sich schließlich zur Gänze in temporärer Sicherheit gebracht hatte. Auf wackligen Beinen stand sie auf und nahm ein paar Schritte nach vorn, wobei sie die Arme versöhnlich ausstreckte. „Deswegen sind wir doch hier, Anya! Warum willst du das nicht sehen? Wenn ich dir ein Leid zufügen wollen würde, hätte ich es doch längst tun können! Was denkst du, warum ich nicht längst meine andere Gestalt angenommen habe?“
      „Tch!“ Anya wich ihrem Blick aus.
      Abby senkte ihr Haupt. „Ich weiß … das Duell war ein Fehler, wir hätten dich in Ruhe lassen sollen. Aber es ist schrecklich, wenn man als Freundin nur zusehen kann, wie du dich von allem abkapselst! So sehr Marcs Verlust dir auch weh tun mag, du darfst nicht vergessen, dass du etwas zu erledigen hast!“
      Mit widerspenstiger Mimik blickte Anya auf. „Was meinst du damit, Masters?“
      „Eden! Du kämpfst jetzt seit knapp anderthalb Monaten darum, einfach nur am Leben zu sein! Suchst nach einem Weg, nicht Eden werden zu müssen!“ Abby nahm nun große Schritte auf ihre Freundin zu und ging vor jener in die Knie, um ihre Hände zu nehmen. Sanft sagte sie: „Und wir mit dir! Nick und ich wollen nicht, dass du fortgehst! Aber du hast das vergessen! Ein wenig Zeit haben wir noch, Anya, aber wenn wir uns nicht beeilen, ist es zu spät.“
      Wieder mied ihre Freundin ihren Blick und riss sich los. „Ich brauche eure beknackte Hilfe nicht!“
      „Doch“, meinte Abby widerspenstig, „genau das tust du! Natürlich kannst du uns auch weiterhin abweisen, das ist deine Sache. Aber zusammen können wir mehr erreichen, auch wenn wir dir wie ein Klotz am Bein erscheinen mögen. Und ich kann dich beschützen, wenn du mich nur lässt. Die Tragödie um Marc wird sich nicht wiederholen, das verspreche ich dir!“

      Stille.
      Mit einem Satz sprang Anya auf und starrte mit undeutbarem Blick auf ihre Freundin herab. Dann stöhnte sie genervt. „Gibst du eigentlich nie Ruhe, Masters?“
      Verdutzt blinzelte Abby. „Wie bitte?“
      „Du hast schon gehört“, raunte Anya missmutig und schüttelte den Kopf. „Deine Reden sind so anstrengend, da muss man ja irgendwann willig werden. Fein, von mir aus, dann helft mir eben. Aber jammert am Ende nicht 'rum, wenn ihr die Radieschen von unten wachsen seht.“
      Abby, überrumpelt von dieser unerwarteten Kehrtwende, legte eine Hand auf ihr Knie und erhob sich mit hoffnungsvollem Gesichtsausdruck ebenfalls. „Heißt das, du bist nicht mehr böse?“
      „Ja, ja“, brummte Anya und winkte ab, bevor Abby ihr überglücklich um den Hals fiel.
      „Aber woher dieser plötzliche Sinneswandel?“, fragte Letztere dabei. „Oh, ich bin so froh!“
      „Ich hab Kopfschmerzen und keinen Bock mehr auf diese Spielchen, das ist alles! Und jetzt lass mich los, verdammt!“, fauchte die Blondine daraufhin und drückte das Hippiemädchen von sich weg, da ihr menschliche Nähe zutiefst missfiel, wenn es nicht darum ging, anderer Leute Äußeres 'umzugestalten'. Doch kaum hatte sie sich von Abby losgerissen, wurde sie von hinten angefallen. Nick klammerte sich an sie und streichelte über ihr blondes Haar und den Pferdeschwanz. „Mein Anya-Muffin ist zurück!“
      Keinen Herzschlag später lag er am Boden mit Anyas Turnschuh im Gesicht. „Machst du das nochmal, reiß ich dir die Klöten ab und benutze sie als Tennisbälle!“
      „Okay“, presste er glucksend unter der Sohle hervor.

      „Eine Sache wäre da aber noch …“, meinte Anya plötzlich mit bedrohlich leisem Tonfall und nickte in Abbys Richtung. Jene verstand nicht und drehte sich um, erschrak, als plötzlich [Gem-Knight Tourmaline] vor ihr erschien. Dessen Hände blitzen auf.
      „Dachtest wohl, du kommst drum 'rum, huh? Fehlanzeige, ich hab dich verarscht! Tourmaline, direkter Angriff!“
      Abby stieß einen spitzen Schrei aus, als der Ritter eine Salve aus Blitzkugeln auf sie abfeuerte. Die Explosion hüllte sie in tiefen Rauch ein.

      [Anya: 150LP / Abby: 1100LP → 0LP]


      „Oh, ohhhhh!“, klagte Abby, als der Angriff vorüber war und die Hologramme schließlich verschwanden. Sie war unversehrt geblieben und wirbelte zu Anya um, verschränkte wütend die Arme. Dabei warf sie Anya einen besonders tadelnden Blick zu, ihre Brille war halb verrutscht. „Ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen! Mach das nicht noch einmal, hörst du! Für eine Sekunde dachte ich wirklich, wieder von deinen Angriffen getroffen zu werden!“
      Unbedarft zuckte ihr Gegenüber mit den Schultern. „Mir egal, was du gedacht hast. Ich habe dich besiegt, ohne fremde Hilfe! So was muss man ausnutzen! Wie würde Nelson sagen? Ha-ha!“ Dabei zeigte sie mit selbstgefälliger Grimasse auf Abby.
      Die schlug sich die Hand vors Gesicht. „Sag mir nicht, dass ich mir das jetzt ewig anhören muss?“ Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie Anya -tatsächlich- vernichtet hätte, dachte sie dabei grimmig.
      „Musst du“, lachte jene neckisch.
      Aber als Abby die Hand auf ihr Herz legte, lächelte sie glücklich. „Na ja, ich denke es gibt Schlimmeres.“
      „Zum Beispiel?“
      „Von Nick besiegt zu werden.“
      Anya nickte zustimmend. „Allerdings.“ Sie warf einen Blick auf ihren Freund, der immer noch am Boden lag und sich mit verträumtem Blick über den geröteten Abdruck auf seiner Wange strich. „Viel Schlimmeres.“

      Ihre Freundin klatschte die Hände zusammen und faltete die Finger ineinander. Überrascht von dieser Geste, drehte Anya sich zu ihr um und bemerkte, wie Abby über beide Backen strahlte. „Was ist? Hat endlich jemand unseren Präsidenten erschossen oder warum siehst du aus, als würde gleich ein Weltfriedensgipfel beginnen?“
      „Oh, es ist nur so … du hast dieses Mal wirklich gut gespielt. Ich glaube, du bist um einiges besser geworden, seit unserem letzten Duell.“
      Anya grinste keck und deutete mit dem Daumen auf sich. „Klar doch. Eine Anya Bauer kann sich schließlich nicht von ihren Sidekicks besiegen lassen!“
      „Err, Sidekicks? W-was soll das denn heißen?“
      „Ach, ist ja auch egal.“ Plötzlich verhärteten sich Anyas Züge. „Ich muss besser werden. Bei all den Irren, die neuerdings in dieser Stadt herumlaufen, kann ich's mir nicht leisten, zurück zu fallen. Als Testlauf für den Ernstfall wärst du ja gar nicht schlecht, wenn du nur nicht so eine feige Nuss wärst.“
      Abby nahm verwirrt von diesen Worten ihre Brille ab und sah Anya aus traurigen, grauen Augen an, während sie das gute Stück an ihrem beigefarbenen Kleid putzte. „Ich verstehe zwar nicht ganz, allerdings stimmt es schon, dass du besser werden solltest. Aber wie gesagt, wir sind bei dir. Auf uns kannst du zählen!“ Sie setzte die Brille wieder auf und seufzte nachdenklich. „Was das mit dem Testlauf angeht, musst du aber einiges erklären. Was soll das heißen?“

      Doch zu ihrem Entsetzen winkte Anya nur desinteressiert ab. „Ja, ja, was auch immer. Sag mal, Abby, wie lange hält der Zauber eigentlich?“
      Verdutzt blinzelte das Mädchen hinter den dunkel getönten Gläsern, ehe sie verstand. Sie hob den Arm mit der real gewordenen Spielzeug-Duel Disk und schmunzelte. „Bis ich ihn beende oder mir die Kraft ausgeht. Man muss sich darauf konzentrieren, was gar nicht so einfach ist. In meiner Sirenenform geht es wesentlich einfacher.“
      Um ihre Worte zu unterstreichen, nahm sie das Deck wieder aus der Duel Disk und steckte es in ihre Kleidtasche. Keine Sekunde später schrumpfte der Apparat und fiel von ihrem Arm auf den Beton des Daches. Anya hob die Miniatur- Duel Disk mit Daumen und Zeigefinger auf und reichte sie Abby. „Geiler Trick. Gegen so etwas stinkt Alastairs Hokuspokus allemal ab.“
      Durch das Kompliment errötete Abby und verbeugte sich hastig. „Danke!“ Dann sah sie wieder mit ernster Mimik auf und meinte streng: „Aber wir sollten jetzt lieber hier verschwinden und später weiter reden. Wenn wir und der Schaden, den du hier angerichtet hast, gesehen werden, gibt es mindestens einen Schulverweis.“
      „Du tust ja so, als wäre das was Schlechtes“, erwiderte Anya aufrichtig empört.
      „Anya Bauer! Es vergeht bald kein Tag mehr, an dem du nicht Schuleigentum zerstörst! Wenn ich wegen dir nicht richtig am Unterricht teilnehmen kann, dann …“
      Aber Anya hörte kaum noch zu und schlug sich stattdessen die Hand vor die Stirn. Nicht schon wieder eine Rede von Abby über das Geschenk der Bildung! Sie hätte sie eben -doch- beseitigen sollen, als sie die Chance dazu hatte …

      ~-~-~


      „Ich bin so froh, dass wir unsere Streitigkeiten beseitigen konnten“, meinte Abby schließlich ausgelassen, während sie zwischen Nick und Anya über den Bürgersteig heimwärts schlenderte. Die Sonne ging bereits unter und ihre Freundin hatte ihre Arme hinter dem Kopf verschränkt.
      „Wenn du meinst“, erwiderte Anya in ihrem typischen Desinteresse und grinste schließlich frech. „Aber ein Gutes hat das Ganze!“
      Abby neigte den Kopf etwas nach vorn, um ihr in die Augen zu sehen. „Das wäre?“
      „Ich habe einen neuen Trick auf Lager! Glaub ich jedenfalls … es war fast so, als ob ich bei meinem letzten Zug entscheiden konnte, was ich ziehen möchte.“ Und Anya dachte gar nicht daran, damit das Wort Betrug in Verbindung zu bringen, denn das taten -ausschließlich- nur die anderen. „Als ob ich lenken konnte, was passiert. Wisst ihr, ich musste nur lange genug meine Wut anheizen, es wurde von Zug zu Zug stärker, dieses komische Gefühl. Wirklich abgefahren, als stünde ich vor- ach, ist auch egal. Vielleicht ist Levrier doch nicht so nutzlos?“

      Ich könnte noch so nutzlos sein und dennoch wäre niemand imstande, deine Unkenntnis und deinen Dilettantismus in den Schatten stellen.

      Anya zuckte bei Levriers lahmen Verteidigungsversuch nur mit einer Augenbraue. „Was auch immer …“
      „Eigentlich war das jetzt auch nicht das, was ich hören wollte“, meinte Abby gleichwohl beleidigt über die Tatsache, dass Anya nicht das, was bei ihr einer Aussprache schon recht nahe kam, als den angekündigten, positiven Aspekt erwähnt hatte.
      „Oh? Nun, natürlich wusste ich die ganze Zeit über, dass du mir nichts Böses willst“, meinte Anya schließlich gleichgültig und stöhnte. „Es war mir einfach nur egal, weil es leichter für mich ist, Dinge einfach zu bekämpfen, statt mich damit auseinander zu setzen. So bin ich eben. Außerdem war das gutes Training für später … jedenfalls war es so gedacht, aber im Endeffekt hätte ich wissen müssen, dass du kneifst.“
      Die Drei blieben stehen.
      „Anya …“ Abby war gleichermaßen fasziniert wie entsetzt über die Tatsache, dass Anya dermaßen abgebrüht sein konnte. Dennoch hatte Anya soeben unfreiwillig einen Einblick in ihr Inneres gegeben. Und nur um der Tatsache Willen, dass die Blondine Probleme mit Konfliktbewältigung zugab, ließ Abby sie leben, so sehr kochte sie innerlich vor Wut. War das ganze Drama also tatsächlich umsonst gewesen, nur weil Anya ihre Grenzen austesten wollte!?
      „Miststück!“, fluchte Abby ihre Freundin garstig an.
      Jene sah mit selbstherrlicher Mimik auf. „Immer doch!“

      Sie grinste noch einen Augenblick, dann verhärteten sich ihre Züge wieder. Anyas Augen waren zwar klar wie das Meer, aber plötzlich auch von grimmiger Genugtuung erfüllt. „Aber eins kannst du wissen. Ich bereue nicht, was ich Marc angetan habe. Er hat um alles gewusst und seine Entscheidung getroffen.“
      Kurz darüber nachdenkend, nickte Abby schließlich, auch wenn ihr diese selbstgerechte Ader missfiel. Aber konnte man Anya ihre Gefühle wirklich verdenken? Die Begründung ihrer Freundin war gewissermaßen nachvollziehbar, auch wenn zu bezweifeln war, ob Anya letzten Endes nicht doch ein wenig, wenn nicht sogar große Reue für ihr Handeln verspürte. Immerhin ging es hier um den ersten Mann, in den sie sich verliebt hatte.
      „Wusstest du“, fing Abby zunächst zögerlich an, das Thema Marc zu vertiefen, „dass er mit Valerie verlobt war?“
      Anya schüttelte mit ausdrucksloser Mimik den Kopf. „Nein. Aber selbst wenn er noch leben würde, wäre es mir mittlerweile scheißegal. Der ist schon in dem Augenblick gestorben, als er über mein Leben entschieden hat.“ Als sie das verdutzte Gesicht ihrer Freundin sah, fügte Anya noch mit der Hand auf ihrer Brust hinzu: „Im diesem Ding aus Stein hier drinnen gibt es ihn nicht mehr. Vielleicht lass ich mir ja stattdessen was Tolles draus schleifen, nun wo Marc Geschichte ist. Da ist jetzt nämlich Sperrgebiet für alles, was etwas zwischen den Beinen baumeln hat, verstehst du? “
      „Auch für mich?“, jammerte Nick enttäuscht.
      „Ganz besonders für dich, du hohle Nuss!“, erwiderte seine Freundin daraufhin garstig.
      Abby musste kichern, doch kurz darauf verfinsterte sich ihre Miene. „Wenn wir schon bei Valerie sind … ich mache mir Sorgen um sie. Vielleicht sollten wir mal bei ihr vorbeischauen?“
      „Tch. Glaubst du, es ist eine gute Idee, wenn die Mörderin ihres Verlobten vor der Tür steht und ihr Taschentücher anbietet?“ Anya verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf. „Lass die lieber fürs Erste in Ruhe. Vielleicht schick ich ihr ein Kissen zum Ausheulen. Ich hatte da mal die Idee, in das Teil Rasierklingen zu verstecken, aber leider war das in der Praxis ein einziges Chaos.“
      Aus allen Wolken fallend, klappte Abbys Kinnlade zum zweiten Mal an diesem Tag hinunter. „Was!? Aber ich dachte, jetzt da Marc tot ist, dürfte die Rivalität mit Valerie Geschichte sein?“
      Mit einem bösartigen Grinsen schüttelte Anya den Kopf und trat dabei eine zerknüllte Coladose von sich weg, die einen vorbeilaufenden, kleinen Jungen nur um Haaresbreite verfehlte. „Mist, daneben!“ Sie machte eine Pause und wählte ihre Worte, was sich schwierig gestaltete, da das Artikulieren nicht gerade zu ihren Stärke zählen. „Wie sag ich es? Ich brauch etwas, um mir die Zeit zu vertreiben. Und solche High Society-Schicksen wie Redfield kommen mir da gerade recht. Ist eben Schicksal.“
      Und während Anya mit den Schultern zuckte, frage Abby sich mit offenem Mund lediglich, wie so viel Boshaftigkeit in einer einzigen Person stecken konnte. Sie musste die Verkörperung des Leibhaftigen sein, eine andere Erklärung gab es nicht!
      „Außerdem haben wir andere Sorgen, schon vergessen?“, warf Anya schließlich ein. „In kaum etwas mehr als zwei Wochen wird’s ernst, dann ist der 11. November. Und was hab ich euch heute beigebracht? Sterben ist scheiße.“
      Abby seufzte schwer, denn wieder musste sie an Matts Worte denken. Um Anya zu retten, musste jene sterben. Sie blickte ihre Freundin traurig an und meinte gespielt genervt: „Was das angeht, können wir noch mindestens ein paar Tage auf das Necronomicon warten! Scheinbar gibt es da Probleme mit dem Mittelsmann!“
      „Wehe, das Teil ist genauso hirnrissig wie die anderen Schinken, die du für uns ausgesucht hast“, brummte Anya und setzte ihren Weg fort, während die anderen beiden ihr folgten.
      „Ach bestimmt nicht“, meinte Abby unsicher, nur um dann ihre Zweifel auch auszudrücken. „Aber ausschließen kann man es nicht.“
      Im Gedanken fügte sie noch hinzu: sollte es so kommen, haben wir vielleicht unsere letzte Hoffnung verloren. Für sie waren die Einzigen, die dann noch als potentielle Wissensquellen infrage kamen, die Dämonenjäger. Und die wollten Anya schließlich tot sehen.


      Turn 16 – Walking On A Thin Line
      Getrieben durch ihren schweren Verlust, hat Valerie einen eigentümlichen Plan ersonnen. Mithilfe von Joan Of Arc macht sie sich auf die Suche nach einem Dämon, der mächtig genug ist, ihren Wunsch zu erfüllen. Obwohl Joan sie eindringlich davor warnt, fährt Valerie schließlich zu einer weit entfernt liegenden Stadt namens Hollow City, wo sie den geheimnisvollen Collector vermutet, einen ganz besonderen und äußerst eigensinnigen Dämon. Als sie ihn schließlich in seiner Villa findet, muss sie sich zunächst einem seiner Diener stellen, ehe der Collector über ihr Anliegen entscheidet …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Garnet
      Gem-Knight Tourmaline
      Gem-Knight Sapphire
      Gem-Knight Crystal
      Gem-Knight Alexandrite
      Gem-Knight Emerald
      Gem-Knight Iolite
      Gem-Armadillo
      Gem-Merchant

      Gem-Knight Fusion

      Birthright
      Paradox Fusion

      Gem-Knight Ruby

      Gem-Knight Pearl

      Abby

      Naturia Pumpkin
      Naturia Vein
      Naturia Strawberry
      Naturia Butterfly
      Gale Dogra

      Monster Reborn
      Supremacy Berry
      Miracle Synchro Fusion

      Naturia Beast
      Naturia Barkion
      Naturia Exterio
      Hm, erst einmal sorry, ich hab irgendwie total verpeilt, dass da schon ne neue Folge gepostet gewesen ist. Naja, dann dieses Mal die doppelte Dosis :drop:

      @-Aska-
      Klar mögen deine Incarnates stärker sein, aber als die Bosskarten sollen sie ja auch knackige Herausforderungen darstellen, mit denen man so seine Mühe hat, sie zu überwinden. Auf jeden Fall gefallen sie mir deutlich mehr, als was so manche CXyz darstellt. Einige davon sind tatsächlich ein Witz, und haben außer dem Namen nix mit ihrer Basisversion zu tun.

      @14:

      Der zweite Teil des Duells war wie ein Tsunami. Zuerst ein Beben, wodurch dann eine Welle entsteht, die sich noch klein aber stetig über das Meer hinweg bewegt. Aber je näher sie der Küste kommt, nimmt sie gewaltige Ausmaße an und reißt alles in ihrem Weg mit. So wie zum Ende der Folge praktisch kein Stein mehr auf dem anderen Stand wie bisher.
      Es war wirklich eine Hammerfolge, die gerade zum Ende mit ihren Trümpfen nicht gegeizt hat. Insbesondere auf den letzten fünf/sechs Seiten ist soviel Wichtiges passiert, dass das schon beinahe, aber nur beinahe an Overkill grenzte. Trotzdem, unter den ersten 14 Folgen gab es einige herausragende, aber diese hier hat auf ihre eigene Weise einen neuen Höhepunkt gesetzt. ^^

      @15:

      Aftermath als Titel war sicherlich ein wenig irreführend. Natürlich ging es in gewisser Weise um die Aufbereitung der Ereignisse aus der vorherigen Folge, die bei allen Beteiligten Spuren hinterlassen hat, insbesondere bei Anya. Jedoch hätte man kaum damit gerechnet, dass praktisch die ganze Folge ein Duell gewesen ist (>=80%). Unabhängig davon fand ich den Aufbau gut genau so wie es war. Erst einmal wurde man nochmal auf Anyas Situation eingestimmt und es wurde auf die emotionalen Zustände von Anya und Abby eingegangen, was insgesamt prima rüber gekommen ist.
      Zwar nehm ich Anya immer noch nicht ab, dass sie die ganze Zeit nur "Ausprobieren" wollte, aber es war einfach eine typische Handlung von Anya, selbst wenn sie mitten im Duell wieder wachgerüttelt worden ist, einfach weiterhin den Arsch vom Dienst zu mimen und unbeirrt weiter zu machen.
      Da kann man Abby bei so einer Freundin nur bemitleiden. Wie sie sich für diese abrackert bis zum Ende, und dabei sogar klar gewonnen hätte, wäre Anya mit ihrem Hax-Draw nicht am rumcheaten gewesen. Und mal ganz davon abgesehen, wie diese tolle Freundin ihr ihren Einsatz am Ende gedankt hat. XD
      Was den Dritten im Bunde angeht, Nick, da spar ich mir den Kommentar mal. Auf jeden Fall merkt man, dass die jüngsten Entwicklungen auch bei ihm Spuren hinterlassen haben.

      Bei der Preview gerate ich immer ein wenig ins Schmunzeln, weil es mich an Matrix erinnert. Da könnte der exzentrische Collector doch glatt als Merowinger durchgehen, wäre er kein Mann mit britischem Akzent ;) Aber wäre schon etwas befremdlich, wenn Valerie am Ende noch mit sowas wie "Wir haben sie schon erwartet, Ms. Redfield!" begrüßt werden würde. Jedoch freu ich mich auf jeden Fall wieder auf die Valerie-exklusive Folge. Davon gibt es viel zu wenige ^^
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      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Auch Mal ein Lob von mir an dich -Aska- :)

      Ich kenne mich zwar mit Schreibstilen und Gestaltungsmöglichkeiten für Storys nicht so gut aus, aber mir gefällt sehr wie du schreibst.
      Ich würde mir deine Geschichten lieber als Anime angucken als die neuen pinken Hippos :D

      Mach weiter so, richtig klasse Arbeit von dir :daumen:

      MfG
      ~Pfannkuchen~


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      Zunächst einmal vielen Dank an meine Leser. Wow, ich bin geflasht, dass es hier scheinbar doch noch andere außer Evil Bakura gibt. :)

      @Evil Bakura
      Kein Problem. ^^
      Naja, Gott sei Dank ist die Zeit der CXyz jetzt hinter uns gebracht. Mach dich gefasst auf CPendulum. :P

      Zu 14: Danke, freut mich, dass ich einen ersten Höhepunkt setzen konnte. ^^
      Joa, viele spätere Dinge basieren auf dieser Folge.

      Zu 15: Was Anya nun letztlich bewegt hat, ist schwer zu beschreiben. In der Tat hat sie Abby mit dem Ausprobieren nicht ganz die Wahrheit gesagt. Aber da lasse ich lieber die Interpretation des Einzelnen zum Zuge kommen. ;)
      Abby hat in der Tat kein leichtes Leben mit den beiden. Aber vielleicht ergänzen sie sich dadurch auch so gut, weil einer es immer schafft, die anderen beiden in Schwierigkeiten zu bringen. xD
      Ansonsten gibts jetzt eine Folge Val in all ihrer Glorie. xD

      @Parlera
      Dankeschön! Dann hoffe ich, dich auch weiterhin gut zu unterhalten. :)

      @Pfannkuchen
      Dir ebenso vielen Dank! Na ja, mit Schreibstilen muss ja auch ich mich auskennen. ^^
      Und glaub mir, ich würde liebend gern die Produktion von YGO-Animes übernehmen. :D Aber leider bin ich im falschen Land geboren.
      Naja ich hoffe, dir wirds auch weiterhin gefallen. :)


      Turn 16 – Walking On A Thin Line



      Ich hätte dir niemals davon erzählen dürfen.

      Valerie ignorierte die Einwände Joan Of Arcs und konzentrierte sich weiter darauf, ihr Zielobjekt zu finden. Seit Stunden war sie nun schon damit beschäftigt, bald würde es Mitternacht sein.
      Sie befand sich auf dem Dachboden der Villa ihres Vaters, dem Bürgermeister von Livington und versuchte verzweifelt, die eine Person ausfindig zu machen, die ihr in ihrer Lage zu helfen vermochte. Dazu bediente sie sich sogar schwarzer Magie, hielt sie schließlich bei Kerzenschein ein Amulett mit einem siebenzackigen Stern über ihren Schulatlas. Eine seiner Spitzen war direkt auf die Karte unter ihr gerichtet. Doch das Schmuckstück bewegte sich nicht, das Auspendeln ihres Zielobjekts hatte nicht den gewünschten Erfolg gebracht.
      „Er muss doch irgendwo sein“, meinte sie engstirnig und störte sich gar nicht an den verstauben Kisten und mit weißen Laken überzogenen Möbeln um sie herum.

      Noch ist es nicht zu spät, umzukehren und Buße zu tun, Valerie! Was du tust ist Ketzerei!

      „Hast du nicht selbst gesagt, ich solle nach dem Sammler suchen!?“, fauchte Valerie und warf nun das Amulett frustriert in die Ecke. Die Kerzen um sie herum, aufgestellt um einen mit Kreide gezogenen Kreis, flackerten gefährlich auf.

      Ich habe meine Worte nicht mit Bedacht gewählt! Einzig zu deinem Trost habe ich sie gesprochen. Wie hätte ich ahnen können, dass sie den Wunsch in dir nur noch schüren würden?

      Valerie schüttelte vehement den Kopf. „Hat sich damals aber nicht danach angehört!“
      Ihr seidiges, glänzend-schwarzes Haar hatte sie zu einem Knoten gebunden. Eine graue Strickjacke bedeckte ihren Oberkörper, denn auch wenn der Kerzenschein die Illusion von Wärme erzeugen mochte, war es eiskalt auf dem Dachboden. Ein Zeichen dafür, wie weit Valerie bereits in die Tiefen der Zauberei vorgedrungen war. Etwas, das Joan of Arc gar nicht gerne sah.

      Alles, was ich tun kann, ist zu dir zu sprechen, Valerie. Höre mich. Wenn du diese Grenze überschreitest, werden wir beide verdammt sein. Der allmächtige Herr wird es niemals dulden, dass du dich mit Dämonen einlässt! Du wirst deine Seele einbüßen, wenn du Handel mit den ihren treibst!

      „Ach wirklich?“, platzte es nun aus dem aufgebrachten Mädchen heraus. „Und wieso kommst du überhaupt dazu, mich auf die Idee mit dem Sammler zu bringen? Sorry Joan, oder wer immer du bist, aber ein echter Engel würde das niemals tun!“

      Du vertraust mir nicht mehr, nicht wahr?

      „Sagen wir eher, ich weiß, dass du etwas verheimlichst“, meinte Valerie überzeugt. „Ich bin dir dankbar dafür, dass du mich damals vor dem sicheren Tod gerettet hast. Aber wenn du dich so sehr vor Gottes Zorn fürchtest, warum dann die Idee mit dem Sammler?“
      Dabei erhob sie sich vorsichtig, schritt über den Kreidekreis hinweg und suchte im Zwielicht nach dem Amulett, welches hinter ein paar Pappkartons geflogen war.
      Joan seufzte.

      Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde. Du hast recht, ich verberge ein Geheimnis vor dir.

      Valerie hob das Pendel auf und drehte sich den Kerzen zu, wodurch ihr Gesicht halb im Schatten, teils im Licht lag. „Dann beichte. So wie ich dir gebeichtet habe, was meine -Sünde- angeht, die ich im Begriff bin zu begehen.“
      Es brauchte einen Augenblick, ehe Joan endlich antwortete.

      Wie du willst. Es gibt tatsächlich etwas, das ich dir verschweige, Valerie. Ich bin nicht auf Geheiß Gottes hier. Im Gegenteil, ich bin eine Verbannte.

      Innerlich stockte Valerie, doch ließ sie sich das nicht anmerken. „Soll heißen?“

      Ich suche nach einem Weg, Gottes Gunst zurückzugewinnen. Und du könntest dabei der Schlüssel sein.

      „Was ist passiert?“

      Darüber kann ich nicht sprechen, denn es würde bedeuten, endgültig zu fallen. Ich habe bereits meine 'Gnade' verloren, doch sollte bekannt werden, dass ich über meine Sünde gesprochen habe, würde ich zu einem gefallenen Engel werden. Und dann wäre ich nicht mehr wert als ein Dämon!

      „'Gnade'?“
      Valerie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Der Gedanke, dass Joan ihr letzten Endes wohl nur aus Eigennutz erschienen war, stieß ihr sauer auf. Was hatte all das zu bedeuten?
      Zögerlich schritt sie in den Kreis zurück, um erneut zu versuchen, den Sammler auszupendeln.

      Die 'Gnade' ist unsere heilige Kraft. Oder zumindest der größte Teil davon. Ohne sie können Engel das Reich Gottes nicht betreten. Verloren habe ich sie, da ich eines seiner Gesetze gebrochen habe. Verzeih mir, Valerie, dass ich dir dies alles vorenthalten habe. Aber ich bin verzweifelt. Je länger ich auf Erden verweile, desto mehr laufe ich Gefahr, als Gefallene zu enden.

      Valerie nickte knapp zum Verständnis. „Und ich soll dir also dabei helfen?“

      In dir brennt das Licht der Gerechtigkeit. Dich zu beschützen-

      „Stopp!“, rief Valerie plötzlich mit erhobener Hand. „Das will ich gar nicht wissen! Dass du mich angelogen hast, ist schon schlimm genug. Ich glaube nicht, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um über dein Anliegen zu reden! Zuerst muss ich dir verzeihen. Und der erste Weg dorthin wäre, indem du mir hilfst, den Sammlerdämon zu finden! Er muss irgendwo hier sein!“
      Sie kniete nieder und tippte mit dem Finger auf die Ostküste der USA und zog mit ihm einen Kreis um den südlichen Teil jener.

      Vergib mir, Valerie, aber ich kann dir dabei nicht helfen! Ich habe dir bereits viel zu viel über die Techniken, einen Dämon aufzuspüren, verraten! Wenn es mir meine Kräfte erlauben würden, hätte ich dich längst zu ihm geführt, doch-

      „Wenn du mir nicht hilfst, sei still, ich muss mich konzentrieren!“, verlangte Valerie engstirnig und blätterte ein paar Seiten weiter, wo das von ihr gezeigte Gebiet vergrößert dargestellt war. Ihr war eine Idee gekommen. Vielleicht funktionierte der Zauber besser, wenn man das Suchgebiet einschränkte?
      Sie hob das Amulett an und begann dann, es mit einer Bewegung aus dem Handgelenk im Kreis um den Teil der Karte drehen zu lassen. Nur einmal durfte man es bewegen. Danach musste man dem Zauber seinen Lauf lassen, sonst wirkte er nicht. Fand er das Ziel, würde das Amulett-
      Da! Als habe eine unsichtbare Kraft daran gezogen, landete das Schmuckstück wie ein Magnet auf der Karte. Die unterste Spitze des Sterns darauf zeigte auf eine Ortschaft.
      „Da muss es sein“, schloss Valerie zufrieden. „Hollow City!“

      Bitte Valerie, denke darüber nach! Der Sammler ist eine der gefährlichsten Kreaturen auf diesem Planeten. Du kannst gar nicht ermessen, was es bedeutet, sich auf ihn einzulassen!

      Valerie jedoch erhob sich ruckartig und ließ das Amulett auf die Dielen des Dachbodens niedersinken. „Was sollte das jemandem bedeuten, der sowieso alles verloren hat?“

      ~-~-~


      Mit geschultertem Rucksack schwang Valerie ihr Bein über die blaue Yamaha und zog dabei den Reißverschluss ihres rot-schwarzen Motorradanzugs zu.
      „Sorry Joan, aber für mich gibt es keinen Weg zurück. Nur einen nach vorn, denn die Dinge können auch nicht so bleiben, wie sie momentan sind“, meinte sie voller Entschlossenheit und setzte sich den schwarzen Helm auf.

      Du bist diejenige, die entscheiden muss, welchen Weg du nimmst.

      „Ich weiß.“
      Valerie hatte eine ungefähre Idee, wie sie fahren musste, um nach Hollow City zu gelangen. Dennoch würde es Stunden dauern. Aber sie war von Hause aus sehr geduldig, die lange Fahrt würde sie nicht stören. Allein schon deshalb nicht, weil der Gedanke, dass der Sammler ihren Wunsch erfüllen konnte, ihr genug Kraft dafür gab.
      Das Mädchen seufzte. Einen Blick auf die weiße Villa mit dem wunderschönen, bunten Garten und der Terrasse, die sich um das gesamte Gebäude zog, zurückwerfend, tat es ihr innerlich schon weh, dass sie mitten in der Nacht aufbrach. Ihrem Vater hatte sie davon nichts erzählt, denn sie wusste schließlich nicht, ob sie jemals zurückkehren würde. Nur einen Brief, der erklärte, dass sie sich auf eine womöglich lange Reise begeben habe, hatte sie ihm hinterlassen. Er musste vorerst genügen.
      „Goodbye“, sagte sie schweren Herzens und trat in die Pedale, um unter lautem Motorgeheul die Kleinstadt Livington hinter sich zu lassen.
      Und während sie ein tiefes Unbehagen in sich aufkeimen spürte, wusste sie auch, dass sie nun vorsichtig sein musste, was Joan of Arc anging. Denn Valerie bezweifelte nicht, dass noch mehr hinter ihr und ihrer Geschichte steckte. Dinge, die sie möglicherweise gar nicht wissen wollte.

      ~-~-~


      Die Wolkenkratzer im nächtlichen Hollow City spiegelten sich im Visier von Valeries Helm, während sie die Hauptstraße entlang fuhr. Für sie war dieser Ort eine Stadt, die niemals schlief, denn überall leuchteten Reklamen, Schilder und andere Objekte in grellen Farben. Selbst zu dieser späten Stunde sah man noch Leute auf den Straßen, der Verkehr war ebenfalls recht belebt für diese Uhrzeit.

      Und während Valeries Ziel das Nobelviertel der Stadt war, hatte sie nur einen Gedanken. Den Collector zu finden, denjenigen, der womöglich ihren einzigen Wunsch erfüllen konnte. Dass sie einen Preis zu zahlen hatte, wusste die junge Frau sehr wohl. Und sie würde ihn zahlen, wenn sie damit bekam, was sie wollte. Egal, was dieser Preis auch war.

      Sie bog in eine Straße ein, die sich weit vor ihr erstreckte und in einer leichten Kurve verlief. Die Grundstücke wurden von Villa zu Villa größer und prächtiger, genau wie die Bauten selbst. Kunstvolle Statuen, riesige Palmen und Rosenbüsche trugen einen stillen Wettkampf um den schönsten Garten aus. Hätte Valerie das zu jeder anderen Zeit spannend gefunden, interessierte sie der Prunk im Übermaß nun überhaupt nicht. Sie hatte nur eine Adresse im Kopf.
      „Hausnummer 17“, murmelte sie in ihren Helm hinein.

      Ebenjene entdeckte sie schließlich auch und blieb mit dem Motorrad vor dem Grundstück stehen.
      Zwar hatte sie aufgrund der hohen Hecke, welche den massiven Zaun aus schwarzen Pfeilstangen deckte, nur wenig Sicht auf das Gebäude, doch von der Einfahrt aus bekam man schon einen guten Überblick darüber, wie riesig die Villa war. Während man über die Einfahrt zu einer Unterführung in eine unterirdische Garage gelangte, war das mehrere Stockwerke hohe Haus so lang, dass sie dessen Ende hinter der Hecke gar nicht sehen konnte.

      Zu Valeries Überraschung schoben sich die Flügel des Tores zur Seite und machten den Weg frei, obwohl sie doch noch gar nicht geklingelt hatte.
      „Scheinbar werde ich erwartet“, meinte sie nicht weiter überrascht. Der Sammler musste sicher zu den Dämonen gehören, die stets bestens über die Vorgänge rund ums Weltgeschehen informiert waren. Was auch 'Kundschaft' mit einzuschließen schien.

      Ich warne dich ein letztes Mal, Valerie! Geh nicht dort hin! Der Collector wird dich sicherlich in eine Falle locken wollen! Sei vernünftig!

      Joans Warnung ausschlagend, stellte Valerie ihre Yamaha an den Straßenrand ab, sicherte sie und schritt unbeirrt durch das Tor, welches sich hinter ihr automatisch wieder schloss. Über einen kleinen gepflasterten Weg kam sie an verschiedenen Engelsstatuen vorbei, die für sie blanker Hohn waren. Der Collector war ein Dämon und sollte Gott nicht so verspotten, dachte sie erbost, als sie an Rosensträuchern vorbeikam und schließlich die wenigen Stufen hinauf zum Haupteingang nahm.
      Das Gebäude wirkte schon recht alt, war im viktorianischen Stil erbaut und machte generell einen gemütlichen Eindruck. Valerie hätte nie gedacht, dass Dämonen unter den Menschen lebten, gar in der Nachbarschaft wohnten. Ob einer der reichen Hausbesitzer hier wusste, was der Sammler tatsächlich trieb?

      Als Valerie die Flügeltür erreichte, schwang auch sie einfach auf. Das Mädchen im rot-schwarzen Motorradanzug starrte jedoch in eine verlassene Eingangshalle, die überraschend schlicht wirkte. Zwar war ein feiner, roter Teppich ausgelegt worden, doch auf befremdliche Weise wirkte der Saal leer. Eine Treppe zu ihrer Linken führte hinauf zu einer Galerie, von der man einen guten Blick auf den Eingangsbereich hatte.
      Verloren sah die junge Frau sich um, ehe eine schrille, quietschige Stimme aus ihrer unmittelbaren Umgebung sie aufschrecken ließ.
      „Hey Süße, einmal nach unten sehen, bitte.“
      Verdutzt leistete Valerie der Aufforderung Folge und neigte ihr Haupt. Mit einem erschrockenen Schrei wich sie zurück. „W-was bist du denn!?“
      Vor ihren Füßen stand eine kleine, schwarz-violette Gestalt, deren zwiebelähnlicher Körper kaum bemerkbar flackerte. Weiße, überdimensional große, pupillenlose Augen und ein kugelrunder Schmollmund verzierten den Leib des Wesens, welcher nur aus diesem großen Kopf sowie kleinen Stummelarmen und -beinen bestand. An der Spitze der ovalen Figur thronte eine schwarze Welle, die wohl sein Haar darstellte.
      „Was, du hast noch nie von mir gehört?“, flötete das Ding empört und hüpfte wütend auf und ab, wie ein Flummi. „Man nennt mich Orion, Herr der Finsternis, König der Unterwelt, Frauenversteher vom Dienst! Und ich sage dir, Mädel, was du brauchst, steht direkt vor dir!“

      Er ist nur ein einfacher Schattengeist und nicht sehr gefährlich.

      „Hi, Orion“, meinte Valerie zögerlich und starrte den Kleinen aus ihrem Visier heraus an. „Ich suche jemanden.“
      „Klar tust du das, meine Hübsche! Sonst wärst du doch gar nicht hier, oder? Komm Baby, ich führe dich zu ihm. Wir können dann gleich noch einen Abstecher in eines der 45 Schlafzimmer machen, die wir hier zu bieten haben. Dann-“
      „N-nein danke“, erwiderte Valerie auf das Angebot hin distanziert. „Bring mich einfach zum Collector, okay?“
      Der Schattengeist ließ den Kopf hängen. „Langweilig! Aber schön, dafür werde ich schließlich bezahlt. Folgen Sie mir, gnädiges Fräulein!“

      Er drehte sich um und watschelte mit seinen viel zu kleinen Beinen voran und führte Valerie so durch eine Vielzahl von Gängen, die alle in rot gehalten waren. Es war wie ein Labyrinth aus Tristesse, denn nirgendwo hing auch nur ein Bild oder etwas anderes, was einen Bruch in der Eintönigkeit der Einrichtung aufwies. Da waren nur aberdutzende Holztüren.
      Und als sie und Orion nach einer Periode des einseitigen Schweigens vor so einer Tür stehen blieben, war Valerie doch sehr erleichtert. Denn Orion hörte sich offensichtlich gern reden und erzählte viel über die Geschichte des Hauses, was Valerie nur bedingt interessierte.
      „Hier ist es. Der Chef wartet dort auf dich, Süße“, meinte der Schattengeist. „Und jetzt nimm den verdammten Helm ab, ich will wissen, wie du aussiehst!“
      Valerie, die es ohnehin seltsam fand, dass er sie hübsch fand, ohne sie bisher richtig gesehen zu haben, kam seiner Aufforderung nach. Ihr schwarzes Haar fiel ihr über beide Schultern, als sie den Helm abnahm.
      „Heiliger Eselskot, ich bin verliebt!“, kreischte Orion und machte einen noch größeren Mund, was anatomisch bald gar nicht mehr möglich war.
      „Hoffentlich ist der Collector nicht genauso …“, murmelte Valerie leise und wandte sich der Doppeltür zu, vor der sie standen.

      Sie griff nach beiden Klinken und riss sie mit einem Schlag auf. Vor ihr erstreckte sich ein Speisesaal, in dessen Mitte ein langer Tisch quer zum Eingang stand. Direkt ihr gegenüber saß ein einziger Mann und dinierte tatsächlich noch so spät am Abend.
      Valerie wurde plötzlich ganz unwohl zumute. „Ist er das?“
      „Klaro, es sind immer die, die vom teuren Porzellan futtern“, meinte Orion und landete mit einem Satz auf ihrer Schulter. Valerie erschrak, als sie ihn ansah und er breit grinste. „Darf ich mitkommen?“
      „Wenn du unbedingt willst“, seufzte Valerie.
      Sie kam sich vor wie Alice im Wunderland. Völlig fehl am Platze, redete sie tatsächlich mit einem Schattengeist auf ihrer Schulter …

      Plötzlich erhob der Mann, welcher genau auf der Mitte der breiten Seite des Tisches speiste, sein Haupt. „Komm ruhig herein, ich beiße nicht.“
      Erstaunt musste die Schwarzhaarige feststellen, dass der Sammler einen britischen Akzent besaß. Mehr noch, er wirkte äußerlich wie ein normaler Mensch. Noch recht jung schien er, von schlanker Gestalt, mit fein nach hinten gekämmtem, dunkelrotem Haar und einer Narbe auf der Wange. Am Leibe trug er einen schwarzen Markenanzug, gar eine Krawatte. Wie ein richtiger Geschäftsmann, so ging es ihr durch den Kopf.
      Valerie verharrte, während sie ihn genau musterte.

      Daraufhin legte er Messer und Gabel beiseite, tupfte sich mit einer Serviette den Mund ab und ließ den Rest seines Fisches stehen. Stattdessen erhob er sich und machte eine einladende Geste. „Komm ruhig, Valerie, ich weiß bereits, warum du hier bist.“
      Erstaunt erwiderte sie: „Du kennst meinen Namen?“
      Mit seinen braunen Augen starrte er direkt in die ihren und nickte. „Natürlich. Wie könnte ich auch nicht, bist du schließlich der Schützling von Jeanne D'Arc.“
      „Selbst das weißt du?“, erschrak Valerie und erinnerte sich daraufhin daran, mit wem sie es zu tun hatte. Er war immerhin der Sammler, einer der mächtigsten Dämonen auf diesem Planeten! Wesentlich ruhiger sagte sie schließlich: „Okay, dann sag mir jetzt erstmal deinen wahren Namen! Das wäre nur fair!“
      „Bedaure“, entgegnete er mit einem Schulterzucken und lächelte entschuldigend, „doch den nenne ich niemandem. Nimm es bitte nicht persönlich, aber das ist einer meiner Grundsätze. Nummer zwei heißt übrigens, nie einen Gast schlecht zu behandeln.“ Er schwang den Arm aus und deutete auf den Stuhl ihm gegenüber. „Setz' dich doch. Wenn du hungrig bist, werden meine Köche dir umgehend zubereiten, was immer du begehrst.“
      „Nein danke“, erwiderte Valerie steif, denn sie wollte gar nicht wissen, auf welche Weise hier gekocht wurde. Und womit. „Wenn du so viel weißt, dann dürfte dir auch nicht entgangen sein, was mit meinem Verlobten passiert ist. Und genau deswegen bin ich hier.“
      „Dessen bin ich mir bewusst.“ Er nickte und legte seine Hände auf den Rand des Tisches. „Auch um deinen Wunsch. Nach Rache. Nach Seelenfrieden. Nach Glück. Ich wusste es in dem Moment, als du entschieden hast, mich aufzusuchen. Ich kann dir geben, was du begehrst, das weißt du. Weißt du aber auch, was die Konsequenzen sein werden, wenn ich dir den größten unter ihnen erfülle?“
      Valerie atmete tief durch. „Ja.“
      Der Sammler lächelte zufrieden. „Das ist gut, denn damit ersparen wir uns beide einiges an unnötigen Diskussionen.“
      Fordernd trat die junge Frau nun einen Schritt vor, während Orion alles gespannt beobachtete. „Wirst du ihn mir erfüllen?“
      „Vielleicht?“ Er nahm ein Weinglas vom Tisch und nahm einen Schluck daraus, ehe er sich wieder seinem Gegenüber widmete. „Doch um zu prüfen, ob es richtig war, mich von dir finden zu lassen, musst du erst einen von mir auferlegten Test bestehen. Siehst du diesen Schattengeist auf deiner Schulter?“
      „Ja.“ Valeries Herz trommelte wild in ihrer Brust.

      Test? Sie hatte fast schon damit gerechnet, nicht ohne Weiteres ihren Willen Wirklichkeit werden zu sehen, doch ebenso wusste sie, dass womöglich die schwerste Prüfung ihres Lebens vor ihr stand. Der Collector mochte anders sein, als sie ihn eingeschätzt hatte, viel höflicher und gesitteter als ihr Bild eines mächtigen Dämons. Doch nichtsdestotrotz würde er seine Dienste nicht jedem anbieten, so viel stand fest.
      „Was ist mit Orion?“
      „Wenn du ihn sehen kannst, bedeutet das, dass du meiner Zeit im Grunde nicht würdig bist. Allerdings werde ich nicht näher darauf eingehen und dir dennoch eine Chance gewähren.“ Er lächelte freundlich, was aber eindeutig aufgesetzt war. „Besiegst du meinen Diener in einem Duell, werden wir verhandeln. Verlierst du … nun ja, lassen wir diesen Teil erstmal offen. Deine Fantasie wird sich schon etwas in dieser Hinsicht einfallen lassen.“

      Der Sammler setzte sich wieder an seinen Stammplatz und wartete mit dem Weinglas in der Hand Valeries Antwort ab.
      Jene schloss die Augen und rekapitulierte, was er ihr gesagt hatte. Sollte sie verlieren, würde ihr ein schreckliches Schicksal widerfahren. Davor hatte schon Joan sie gewarnt. Noch hatte sie die Wahl, doch was würde es bringen, wenn sie so kurz vor dem Ziel aufgab? Nichts! Sie war bereit, alles zu geben, nur damit er ihr ihren einzigen Wunsch erfüllen konnte. Und da kein Wunsch ohne einen Nachteil daher kam, wusste sie längst um die Gefahr, in der sie schwebte, wenn sie ihren Weg nun fortsetzte.
      „Ich werde mich der Herausforderung stellen“, sagte sie und öffnete die Lider wieder. Ein entschlossener Blick stand in ihren braunen Augen. „Außerdem kann ich es mir nicht leisten zu verlieren. Deswegen werde ich es auch nicht! Was immer mich also in diesem Fall erwartet, es ist mir gleich!“
      Der Collector-Dämon setzte sein Glas ab und faltete die Hände ineinander. „Eine gute Antwort. Siehst du, Orion? Selbst die, die dich wahrnehmen können, haben nicht selten einen verborgenen Wert.“
      Der Schattengeist auf Valeries Schulter zog beleidigt einen Schmollmund. „Sag das nicht so, als wären alle Menschen, die mich sehen können, schlecht! Die Biene hier ist voll okay!“
      Und während der Sammler nachdenklich nickte, fragte Valerie sich, ob man Schattengeister nur sehen konnte, wenn man innerlich verdorben war. Was im Umkehrschluss bedeuten müsste, dass sie ein schlechter Mensch war. Lag das an ihrem Wunsch?
      Valerie schüttelte den Kopf. Nein, das stimmte nicht! Sie versuchte immer, jedem, dem sie begegnete, freundlich und gerecht gegenüber zu handeln. Außerdem hatte sie Joan an ihrer Seite, eine Botin Gottes. Eine gefallene, lügende Botin …
      Dennoch musste es einen anderen Grund geben, warum anscheinend nicht jeder Orion sehen konnte!

      „Ich bin bereit“, meinte sie daraufhin. „Zwar weiß ich nicht, was es bedeutet, dass ich Orion sehen kann, aber nichtsdestotrotz werde ich mich als würdig erweisen, mit dir Geschäfte machen zu dürfen, Collector!“
      Wieder nickte der rothaarige Brite. „Das wird sich noch zeigen. Nun denn, Orion. Du wirst die Prüfung abnehmen. Duelliere dich mit Valerie.“
      Orion sprang von Valeries Schulter. „Stets zu Diensten, Cheffe!“ Dabei macht er verschiedene heldenhafte Posen mit seinen Stummelärmchen, ehe er völlig unerwartet aus seinem großen Mundwerk eine Duel Disk zog und sie anlegte.
      Valerie, die bisher versucht hatte, ihre Emotionen weitestgehend zu unterdrücken, musste amüsiert darüber kichern. „Du bist wirklich putzig!“
      „Putzig? Putzig!?“ Anstatt sich aber über Valeries Kompliment zu freuen, stampfte der Schattengeist wütend auf. „Welch eine Beleidigung! Ich und putzig!? Sorry Schwester, aber dafür werde ich dir in deinen fetten Arsch treten, bis du einmal um den Planeten geflogen bist!“
      „W-was!?“ Vor Schreck um den plötzlichen Gesinnungswandel ließ Valerie glatt ihren Helm fallen. „I-ist mein Hintern wirklich zu dick … ?“
      „Dick? Ein Wunder, dass der kein eigenes Gravitationsfeld hat! Ich und putzig? Ich bin die heißeste Verführung, seit es Jauchegrubenbäder gibt!“ Plötzlich grinste er lüsternd, was bei seiner Erscheinung äußerst merkwürdig aussah. „Aber vielleicht kann ich deine Kehrseite nach dem Duell als Trampolin benutzen? Bitte, bitte, bitte!“
      „N-nein!“ Empört stemmte Valerie ihre Hände in die Hüften. Ihr Blick verhärtete sich, da sie das Herumgealbere satt hatte. „Lass uns anfangen, ich möchte keine Zeit verlieren.“
      „Entscheide weise, ob du dich auf das einlassen willst, was dir bevorsteht“, sprach der Sammler, welcher von seinem Platz aus alles stumm beobachtet hatte. „Wenn du einmal diesen Pfad eingeschlagen hast, kannst du ihn nie wieder verlassen. So funktioniert das, was die Menschen als Schicksal bezeichnen.“
      Auch wenn seine Worte Valerie verwirrten, hatte sie ihre Entscheidung längst getroffen. Den weiten Weg hierher hatte sie nicht umsonst auf sich genommen. „Ich will meinen Wunsch erfüllt sehen, egal was es mich kostet! Also duellieren wir uns, Orion!“
      „Gerne doch, Schätzchen“, flötete der Schattengeist nun wieder friedfertig,

      Kurz darauf hatten die beiden sich vor je einem Ende des langen Tisches aufgestellt, sodass der Sammler direkt in der Mitte zwischen ihnen saß und alles gut beobachten konnte.
      Valerie hatte inzwischen die blaue Duel Disk aus ihrem Rucksack genommen und angelegt. Auch wenn sie Orion als sehr niedlich empfand, würde sie nicht den Fehler machen und den Schattengeist unterschätzen.
      Schließlich riefen beide: „Duell!“

      [Valerie: 4000LP / Orion: 4000LP]


      Erstaunt stellte Valerie fest, dass Orions Karten, als jener sein Startblatt zog, tatsächlich Spezialanfertigungen sein mussten. Schließlich konnte ein knapp 30 Zentimeter großer Schattengeist mit Stummelarmen kaum normale Karten halten.
      „Ich fange an“, flötete Orion bester Laune und zog eine weitere Karte. Nur ganz schwer konnte man erkennen, dass er tatsächlich kleine Fingerchen besaß.
      Es war grotesk, dachte Valerie, während ihr Gegner bereits ein Monster aus seinem Blatt hervor nahm. Sie duellierte sich mit einem Dämon, nur um mit einem weiteren einen Handel eingehen zu können. Dabei dachte sie bisher, im Dienste des Herren zu stehen. Wie war es nur dazu gekommen? Warum konnten die Engel ihr nicht stattdessen helfen?
      Doch Orions Ankündigung riss sie aus ihren Gedanken. „Ich aktiviere den Effekt von [The Fabled Nozoochee] aus meiner Hand! Indem ich ein Fabled-Monster abwerfe, kann ich ihn als Spezialbeschwörung rufen! Lass' krachen, Buddy!“
      Vor ihm tauchte eine gelbe, voluminöse Schlange auf, die einen blauen Helm trug. Mit ihren Kulleraugen war sie genauso groß wie Orion, als sie sich aufbäumte. Dabei hielt sie einen blauen Dämon umwickelt, der kugelrund war und klitzekleine Flügel besaß.

      The Fabled Nozoochee [ATK/1200 DEF/800 (2)]

      „Tihihihi“, kicherte Orion. „Aber das war noch nicht alles! Da ich [The Fabled Cerburrel] abgeworfen habe, kann ich ihn nun von meinem Friedhof beschwören! Partytime!“
      Neben ihm und der dicken Schlange erschien ein Hundewelpen mit rotem Fell. Doch statt einem, besaß dieses gleich drei Köpfe und wurde von einem anderen, grauen Kugeldämon an einer Kettenleine geführt.

      The Fabled Cerburrel [ATK/1000 DEF/400 (2)]

      „Zwar könnte ich durch Nozoochees Fähigkeiten noch ein weiteres Fabled-Monster beschwören, doch ich habe kein passendes auf der Hand“, erklärte Orion weiter. Dann grinste er scheinheilig. „Aber keine Sorge, Püppchen, ich werde schon dafür sorgen, dass du eine Show siehst, die du nie vergessen wirst!“
      Valerie hingegen wusste nicht, ob das jetzt gut oder schlecht war. Die seltsamen Kreaturen ihres Gegners verhießen zumindest nichts Gutes, denn sie erinnerten die Schwarzhaarige entfernt an die Dark World-Monsterreihe, die als sehr gefährlich in der Profiszene galt.
      Und als wäre das das Stichwort gewesen, hüpfte Orion plötzlich auf der Stelle. „Jetzt geht’s ab, Leute! Ich stimme meinen Stufe 2 Empfänger Cerburrel auf meinen Stufe 2 So-was-von-Nicht-Empfänger Nozoochee ein!“
      „Was!?“ Valerie wich zurück. „Du willst ein Synchromonster rufen? Aber die Stufen deiner Monster sind doch so niedrig!“
      „Ganz genau, Herzchen“, antwortete Orion stolz, ließ aber dann den großen Kopf hängen. „Leider hab ich gerade keinen coolen Spruch auf Lager, deswegen: Synchro Summon! Zeig dich, [The Fabled Unicore]!“
      Lautes Wiehern ertönte. Die Flügeltüren des Speisesaals schwangen auf und ein Einhorn kam in den Raum hinein galoppiert. Es zog vorbei an Orion, der plötzlich in die Höhe sprang und auf dem Sattel des Schimmels landete. So drehten sie zusammen eine Runde um den Esstisch, ehe sie dort Halt machten, wo der Schattengeist sich soeben noch duelliert hatte.

      The Fabled Unicore [ATK/2300 DEF/1000 (4)]

      „Ich habe noch nie ein Synchromonster wie dieses gesehen“, gab Valerie erstaunt zu.
      Orion gluckste von seinem neuen Sitzplatz aus. „Mit mir erlebt man jeden Tag etwas Neues, Süße! Leider kann ich keine Rücksicht auf dich nehmen, da der Boss sonst böse wird! Deswegen setze ich eine Karte verdeckt und beende meinen Zug!“
      Mit seiner kleinen Hand schob er die Minikarte in seine Duel Disk, welche daraufhin wie gewohnt in der üblichen Größe neben Unicore als Hologramm erschien.

      Wortlos zog Valerie daraufhin und überlegte, wie sie wohl am besten vorgehen sollte. Keines der Monster auf ihrer Hand war stark genug, um dieses Einhorn zu besiegen. Allerdings gab es da dennoch eine Möglichkeit, eine passende Antwort auf Unicore zu beschwören.
      „Ich rufe [Gishki Abyss]“, rief sie entschlossen und ließ daraufhin einen Haimann erscheinen, der auf zwei Beinen stand und eine Stoffhose trug.

      Gishki Abyss [ATK/800 DEF/500 (2)]

      Valerie streckte den Arm aus. „Wenn er beschworen wird, kann ich mir ein beliebiges Gishki-Monster von meinem Deck auf die Hand nehmen, solange sein Verteidigungswert höchstens bei 1000 liegt!“ Sie griff nach ihrem Deck, nahm es aus der Duel Disk. „Und meine Wahl fällt auf das Ritualmonster [Evigishki Gustkrake], dessen Verteidigung genau an der Höchstgrenze liegt!“
      Sie zeigte die blau umrandete Karte vor, ehe sie ihr Deck wieder in den Apparat an ihrem Arm schob, woraufhin dieses automatisch durchgemischt wurde.
      Zufrieden betrachtete Valerie ihre sechs Handkarten. Gustkrake war mit 2400 Angriffspunkten stärker als Unicore! Also nahm sie den zur Beschwörung benötigten Ritualzauber aus ihrem Blatt und rief: „Jetzt aktiviere ich [Gishki Aquamirror]!“ Vor ihr erschien ein kreisrunder Spiegel, dessen Umrandung aus purem Gold gemacht war. „Damit-“
      „Und ich meine verdeckte Falle“, unterbrach Orion sie, „[Reckless Greed]! Damit darf ich die Karten schon jetzt ziehen, welche ich sonst erst in meinen nächsten beiden Draw Phasen bekommen würde! Allerdings muss ich jene dann auch überspringen!“
      Gesagt, getan. Er zog zwei Karten von seinem Deck und kaum hatte er sein Blatt auf diese Weise aufgefüllt, zersplitterte Valeries Zeremonienspiegel plötzlich in tausend Teile. Jene stieß erschrocken einen Seufzer aus. „Wie das!?“
      „Tehehe!“ Orion hüpfte auf dem Rücken seines Einhorns. „Du hast gerade Bekanntschaft mit Unicores besonderer Fähigkeit gemacht! Wenn unsere Handkartenanzahl identisch ist, wird jeder deiner Karteneffekte automatisch annulliert!“
      Erschrocken blickte Valerie zuerst auf ihr Blatt, welches nach der Aktivierung ihres Zaubers fünf Karten zählte, dann auf Orions Hand, die nach seiner Fallenkarte ebenfalls fünf Karten betrug.
      „Oh nein“, murmelte sie und erkannte, dass ihr Gegner so etwas vermutlich schon die ganze Zeit geplant hatte. Ohne den Spiegel konnte sie ihr Ritualmonster nicht rufen, was bedeutete, dass ihre Offensive noch vor dem eigentlichen Akt zerschlagen worden war. Jetzt hieß es umdenken. Dennoch würde sie so leicht nicht klein beigeben! „Nettes Manöver! Aber so leicht lasse ich mich nicht beeindrucken! Ich setze zwei Karten verdeckt und beende meinen Zug!“
      Vor ihren Füßen erschienen die beiden Fallenkarten, denn mit den gesetzten Karten konnte sie ihre eigene Handkartenzahl verringern und so den Annullierungseffekt von [The Fabled Unicore] umgehen. Und Valerie war sich dabei sicher, dass sie Orion auf diese Weise besiegen konnte.

      Jener zog mit seinem kleinen Händchen und gluckste von seinem Reittier aus vergnügt. „Man, für mein erstes echtes Duell bin ich echt gut! Was sagst du, Str- Meister?“
      „Du schlägst dich gut, Orion“, antwortete der Sammler und beobachtete vom Esstisch aus alles mit einer nicht zu verleugnenden Neugier.
      Währenddessen geriet Valerie ins Stocken. „E-erstes Duell? S-soll das heißen-?“
      „Jop.“ Orion nickte, wobei er mit seiner Stirn doch glatt gegen Unicores Mähne knallte und aufschrie. Da seine Arme zu kurz waren, um an die schmerzende Stelle zu gelangen, blieb ihm nichts außer zu jammern und mit Kullertränchen in den Augen weiterzuerzählen. „Ich wurde vom Boss persönlich trainiert! Das heißt, ich bin der zweitbeste Duellant in diesem Zyklus.“
      „Du redest zu viel, Orion“, mahnte der Rothaarige ruhig. „Fahre lieber fort.“
      „Ist gebongt!“

      Indes wunderte sich Valerie, was Orion mit Zyklus meinte. Etwa die Gefolgschaft des Sammlers? Wenn er sich also wirklich das erste Mal duellierte, dann gab es nur zwei Alternativen. Entweder war er ein ausgemachtes Naturtalent. Oder er war der einzige Diener des Sammlers, wenn sein bester Mann ein unerfahrener Grünschnabel war. Andere Dämonen hatte Valerie in der riesigen Villa nicht gesehen, was sie verwunderte. Nichtsdestotrotz mahnte sie sich zur Vorsicht. Wenn sie eines gelernt hatte, dann, dass der Schein trügen konnte!

      „Wie du sicherlich weißt, Val – Ich darf dich doch Val nennen, oder? Sag mir, dass ich dich Val nennen darf!“
      Die junge Frau nickte ein wenig genervt von Orions Gedankensprung. „Wenn du willst …“
      „Okay, Val! Val-chan. Nein, nein, nein! Val-sama! Ja, Val-sama, das ist es! Ohhhh, du erinnerst mich an dieses hübsche Ding aus diesem einen Manga! Du musst wissen, ich bin auch ein Otaku!“
      Valerie, die in der Tat -nicht- wusste, was ein 'Otaku', oder ein 'Chan', oder ein 'Sama' war, runzelte bereits verärgert die Stirn und breitete die Arme aus. „Interessant, Orion, wirklich. Aber könntest du jetzt vielleicht …?“
      „Schon gut“, maulte Orion enttäuscht von Valeries offensichtlichem Desinteresse und setzte seine ursprüngliche Erklärung fort. „Also wie du weißt, darf ich durch den Effekt von [Reckless Greed] jetzt für zwei Runden nicht ziehen. Aaaaaaaaaaaber! Ich kann dennoch ein Monster beschwören! Also lass es krachen, [The Fabled Rubyruda]!“
      Ein seltsamer, ungewöhnlich großer Vogel mit je zwei Fangzähnen in seinem ungewöhnlich breiten Schnabel erschien neben dem Einhorn, auf dem Orion ritt. Es wirkte wie eine Krähe, die im Stile japanischer Bildkunst gezeichnet worden war. Aus seinem Rücken ragte ein kleiner Thron, der mit Lederschnallen an seinem Leib befestigt war, der zufälligerweise genau Orions Größe besaß.

      The Fabled Rubyruda [ATK/1100 DEF/800 (4)]

      Plötzlich huschte ein Grinsen über Valeries Gesicht. „Perfekt! Genau das habe ich erwartet! Durch deine Beschwörung hast du meine Fallenkarte ausgelöst! [Torrential Tribute]! Und mit ihr wird das gesamte Spielfeld nun von Monstern befreit!“
      Wie aus dem Nichts erschien von Valeries Spielfeld aus ein gewaltiger Wasserstrahl, der direkt auf Orions Monster abzielte. Doch plötzlich wirkte ihm ein Wirbelsturm entgegen.
      „Was!?“, rief Valerie erstaunt.
      „Tehehe, genau das habe ich erwartet, Val-sama-chan! Ohhhh ich kann mich einfach nicht entscheiden!“ Orion grinste über beide Backen wie ein Honigkuchenpferd. „Du bist einfach zu süß, meine hübsche Biene! Aber leider muss ich meine Pflicht tun! Und das heißt, dass ich von meiner Hand den Schnellzauber [Mystical Space Typhoon] aktiviere und damit deine andere verdeckte Karte zerstöre!“
      Mühelos löste der Zyklon den Wasserstrahl auf und fegte Valeries gesetzte [Poseidon Wave]-Fallenkarte vom Spielfeld. Diese verstand einen Moment lang nicht, wieso keines der Monster bei diesem Akt ums Leben gekommen war. Doch dann verstand sie, als sie einen Blick Orions Blatt warf. Genau wie sie besaß auch er drei Handkarten, was bedeutete, dass [The Fabled Unicore] jeden ihrer Effekte annullierte.
      „So ein Mist“, fluchte sie laut. Der liebestolle Gnom war gar nicht so dumm! Mit Schnellzaubern seine Kartenzahl zu manipulieren war ein geschickter Winkelzug, gegen den sie auch nichts unternehmen konnte!
      „Sorry Püppchen“, sagte der Schattengeist niedergeschlagen. Dabei streckte er seinen Arm aus. „Das muss jetzt sein, der Cheffe will es so! [The Fabled Rubyruda], hau drauf auf [Gishki Abyss]! Unicore, Cursed Horn Attack, versenk' dein Horn in- Nein, nein, nein, lieber nicht! Gib Val-sama-chan-sama lieber nur einen sanften Tritt!“
      Kaum hatte Orion seine Battle Phase verkündet, schoss der Garuda-Vogel bereits auf Valeries Haimenschen zu und rammte ihn, sodass jener explodierte. Valeries schwarzes Haar wehte wild durch die Luft, als jene von der Schockwelle erfasst und mit erhobenen Armen ein Stück zurückgeworfen wurde.

      [Valerie: 4000LP → 3700LP / Orion: 4000LP]


      Aber ehe sie sich versah, galoppierte bereits das Einhorn auf sie zu. Orion, der auf dem Tier saß, hielt sich ängstlich die Augen zu, offenbar um nicht mit ansehen zu müssen, wie Valerie angegriffen wurde. Denn das weiße Reittier machte vor ihr eine Kehrtwende und stieß mit voller Wucht seine Hinterläufe in ihre Richtung. Doch das Mädchen konnte den Angriff mit ihrer Duel Disk parieren, auch wenn sie das im Endeffekt auf ihr Hinterteil warf.
      „Argh!“
      „Bienchen, ist alles in Ordnung!?“, kreischte Orion und drehte sich auf dem Sattel um, während sein Ross zurück zur anderen Spielfeldseite trabte.
      „Ich bin okay, danke“, murrte Valerie ärgerlich. Doch ihre unterschwellige Wut galt weniger Orion, als ihr selbst, spielte schließlich sie wie eine Anfängerin und nicht ihr Gegner.

      [Valerie: 3700LP → 1400LP / Orion: 4000LP]


      Valerie rappelte sich stöhnend auf. Es ging hier um ihren Wunsch und sie duellierte sich wie eine lausige Amateurin! Wie jemand von Anyas Schlag! Warum hatte sie nicht kommen sehen, dass Orions Monster mit gesetzten Karten allein nicht beizukommen war!?
      Sie biss sich auf den Daumen und überlegte, wie sie aus dieser Situation am besten wieder herauskam.
      „Ich spiele noch dieses kleine Kärtchen verdeckt und beende meinen Zug“, sprach Orion und ließ hinter seinen Monstern eine Fallenkarte erscheinen.

      „Mein Zug“, rief Valerie entschlossen und zog mit Schwung. Dabei fühlte sie etwas in sich pulsieren, wie eine unsichtbare Kraft, die ihr beistand. „Was …?“

      Fürchte dich nicht, Valerie! Ich stehe dir bei! Auch wenn ich nicht gutheißen kann, was du hier tust, bin ich dennoch entschlossen, dich zu beschützen. Warte noch ein wenig, dann wird sich dir meine ganze Kraft entfalten.

      Valerie nickte. „Danke Joan! Ich verlasse mich auf dich!“
      Auch wenn sie ihrem Schutzengel insgeheim mit Skepsis begegnete. Aber solange dieser nichts getan hatte, um den Rest von Valeries Vertrauen zu verlieren, würde sie nichts unternehmen. Denn wie hieß es doch? In dubio pro reo.
      Sie betrachtete ihr Blatt, das nun aus zwei Zauberkarten und dazu noch dem Ritualmonster [Evigishki Gustkrake] und dem Effektmonster [Gishki Marker] bestand. Dann blickte sie herüber zu Orion, der seinen alten Platz angenommen hatte. Valerie war sich sicher, dass seine gesetzte Karte ebenfalls mit Handkartenmanipulation zu tun haben musste. Bestimmt erwartete er, dass sie etwas ausspielte, damit er es im Anschluss annullieren konnte.
      „Hmm“, überlegte sie laut. Würde sie jetzt eine Karte benutzen, hätte sie drei Handkarten. Orion besaß momentan zwei. Das bedeutete, dass er mit seiner Falle vermutlich genau einmal nachziehen durfte! Und genau hier konnte sie ansetzen, erkannte Valerie.
      „Ich setze diese zwei Karten verdeckt“, rief sie und schob ihre Zauber in die entsprechenden Zonen ihrer Duel Disk, damit sie vor ihren Füßen erschienen. „Dann rufe ich [Gishki Marker]!“ Sie knallte das Monster auf den Apparat an ihrem Arm. „Da ich nach seiner Beschwörung nur noch eine Handkarte habe und du zwei, kannst du unmöglich mit [The Fabled Unicores] Effekt den von meinem Marker annullieren!“
      „Häh!? Unfair!“, protestierte Orion wütend und sprang auf und ab.
      Gleichzeitig tauchte vor Valerie ein neues Unterwasserwesen auf. Dieses war eine humanoide Gestalt mit dem Kopf eines Tintenfisches. In seinen Händen hielt die rostfarbene Kreatur eine Pike, die stark an einen Dreizack erinnerte.

      Gishki Marker [ATK/1600 DEF/1200 (4)]

      Valerie griff mit entschlossener Mimik nach dem Friedhofsschacht ihrer Duel Disk. „Wenn [Gishki Marker] beschworen wird, erhalte ich eine Gishki-Ritualmonster- oder Zauberkarte von meinem Friedhof.“
      Mit Mittel- und Zeigefinger schnappte sie sich das gewünschte Zielobjekt und drehte es auf Kopfhöhe zwischen ihren Fingern um. Es war [Gishki Aquamirror]. Und kaum eine Sekunde später hatte sie ihn verdeckt ausgespielt, um weniger Handkarten zu besitzen als Orion. Das musste sie auch, wenn sie eine ihrer anderen gesetzten Karten ungehindert aktivieren wollte. Mit erhabenem Gesichtsausdruck schwang sie den Arm aus, sodass die mittlere ihrer drei verdeckten Karten aufsprang.
      „[Monster Reborn]! Damit reanimiere ich ein beliebiges Monster von unseren Friedhöfen!“
      Orion blies seine Wangen so stark auf, dass er regelrecht anschwoll. „Nicht auch noch das! Süße, übertreib' es doch nicht gleich!“
      „Ich werde mich nicht wegen dir zurückhalten“, erwiderte Valerie jedoch stur, „ganz egal wie putzig du bist! Das Monster, das ich wiederbeleben will, ist [Gishki Abyss]! Und dank seines Effektes kann ich mir [Gishki Vanity] aufs Blatt holen! Erscheine!“
      Genau das tat der Haimensch auch, als er vor der schwarzhaarigen Motorradfahrerin auftauchte.

      Gishki Abyss [ATK/800 DEF/500 (2)]

      Anschließend schob sie [Gishki Vanity] in den Friedhofsschlitz. „Indem ich [Gishki Vanity] abwerfe, kann ich für diesen Zug verhindern, dass du mit deinen Effekten auf die Aktivierung oder Beschwörung von Gishki-Ritualen reagierst!“
      Hinter ihr flimmerte kurzzeitig die Silhouette eines schwarzhaarigen Mannes Haar in einem Priestergewand auf. Damit besaß Valerie nun wieder nur eine Handkarte.
      Valerie ließ plötzlich den Kopf hängen. „Es tut mir leid, Orion. Ich mag dich, wirklich …“
      Mit einem Ruck sah sie auf, wobei Tränen in ihren Augen standen. „Aber ich weiß nicht, was ich tun soll! Seit er weg ist, bin ich … alles was mir bleibt, ist … bitte versteh das!“
      „Valerie“, murmelte der Schattengeist mitfühlend. Er seufzte schwer und ließ nun ebenfalls den Kopf hängen. „Verstehe schon. In dem Fall kann der große Orion wohl einfach nicht nein sagen. Auch wenn ich das eigentlich nicht darf. Aber … Ich gebe auf-“
      „Tue deinen Job, Orion. Sie ist nicht hier, um bemitleidet zu werden“, wies sein Meister ihn tonlos an.
      „Aber-“
      „Er hat recht, Orion! Ich weiß das zu schätzen“, beteuerte sie. „Aber wenn ich das hier nicht aus eigener Kraft schaffe, wie soll ich dann das packen, was noch bevorsteht?“ Valerie breitete die Arme aus. „Ich bin nicht stark! Deswegen muss ich es werden! Und dazu brauche ich euch. Und … diesen Wunsch. Aber diesen muss ich mir verdienen, erarbeiten!“
      Nachdenklich sah der kleine Dämon von seinem Reittier auf. „Ist es dir denn so ernst damit, Val? Was kann denn so wichtig sein, dass du ausgerechnet hierher kommst?“
      „Vertraue mir“, meinte das Mädchen und eine Träne fiel hinab auf den Boden. „Es ist wichtiger als mein eigenes Leben. Also bitte … keine vorschnellen Entscheidungen, okay? Tu, was du tun musst!“
      Orion nickte zögerlich. „Kapiert.“

      Valerie atmete tief durch. Nein. Der Kleine mochte zwar ein Möchtegerncassanova und Lüstling sein, aber im Grunde seines Herzens kein schlechter Kerl. Warum würde er für sie verlieren wollen, obwohl sie sich kaum kannten? Er war doch ein Dämon, die laut Joan kein Mitgefühl kannten. Oder war er gar etwas ganz anderes? Allerdings wusste sie, dass sie das wohl nie erfahren würde.
      Und sie hatte etwas anderes zu tun.
      „Okay“, meinte sie leise und wischte sich das Nass aus den Augenwinkeln. „Mir geht’s gut, wir können weitermachen. Sorry, dass ich mich habe gehen lassen.“
      „Es spielt keine Rolle. Deine Gefühle haben dich hierher gebracht, entschuldige dich also nicht dafür“, meinte der Sammler mit unlesbarem Gesichtsausdruck und verschränkte an seinem Tisch sitzend die Arme. „Bedenke, dass ich nicht gerne angelogen werde. Auch nicht, wenn es um die Gründe geht, die dich dazu treiben, mich um einen Gefallen zu bitten. Zwar weiß ich längst, was du begehrst, doch werde ich es dir nur gewähren, wenn du aufrichtig bist. Beweise das in diesem Duell. Mehr verlange ich nicht.“
      Mit einem Nicken zeigte Valerie, dass sie das genauso sah. „Das werde ich!“

      Das gesagt, besah sie ihre Duel Disk. Sie besaß noch zwei verdeckte Karten und die Monster [Gishki Marker] und [Gishki Abyss]. Alles war bereit.
      „Jetzt aktiviere ich ihn!“, rief sie und zog dabei eine Zauberkarte aus dem dazugehörigen Schlitz ihrer Duel Disk, um diesen in die Höhe zu halten. „[Gishki Aquamirror]! Ich biete als Opfer meine beiden Monster an, deren Stufe zusammen 6 ergibt. Dies wird benötigt, um [Evigishki Gustkrake] zu beschwören! Erwache aus der Tiefe des Ozeans!“
      In blauen Flammen lösten sich Valeries Monster auf. Unter ihnen bildete sich ein Pentagramm, eingelassen in einem leuchtenden Symbol, das in seiner Form dem Ritualspiegel glich, welcher seinerseits inmitten des Pentagramms auftauchte. In jenem Spiegel zeigten sich kurz die Reflektionen der geopferten Monster, ehe er zersprang und der gesamte Zirkel zu einer Wasserlache wurde. Und aus dieser wiederum entstieg schlagartig eine junge, rothaarige Frau, deren Unterleib der eines gewaltigen, schwarzen Kraken war.

      Evigishki Gustkrake [ATK/2400 DEF/1000 (6)]

      „Boah, ist die geil!“, flötete Orion beim Anblick der verruchten Meereshexe mit großem Trötenmund. Doch ihm verging der Spaß, als Valeries Monster plötzlich zwei seiner Tentakel vorschnellen ließ, welche den Schattengeist umwickelten und empor hoben.
      „Gustkrake lässt mich bis zu zwei deiner Handkarten ansehen, um anschließend eine davon zurück in dein Deck zu schicken“, erklärte Valerie.
      Und während Orion sich unter Ächzen, Stöhnen und Fluchen wehrte, tauchten unter ihm vor seinem treuen Schlachtross die Abbilder seiner beiden Handkarten auf. [Card Destruction] und [The Fabled Catsith] hießen sie, Zauber- und Monsterkarte respektive.
      Und da Valerie wusste, wie verhängnisvoll Erstere in Orions Händen sein mochte, entschied sie sich mit einem Fingerzeig direkt dafür, jene zu entsorgen. Der Zauber verschwand und Orion wurde fallengelassen, plumpste auf [The Fabled Unicore]. „Autsch! Kein Wunder, dass Arielle beliebter ist als du, blöde Ziege!“, fluchte er dabei in Gustkrakes Richtung.
      Valerie musste kichern. „Entschuldige, Orion. Aber ich glaube, sie wird jetzt noch einmal in deiner Gunst sinken! Gustkrake, vernichte [The Fabled Unicore]! Luring Bar!“
      Die Meereshexe stimmte mit schriller Stimme ein Lied an und schlug dabei mit ihren Tentakeln im Takt auf ihren Gegner ein. Orion, der sich die nicht existierenden Ohren zuhielt, schaukelte unter der Prügel, die sein Ross bezog, hin und her. Schließlich bäumte es sich auf und explodierte. Im hohen Bogen flog Orion gegen die Wand, prallte wie ein Flummi ab und steuerte auf den länglichen Esstisch zu. Wie eine Kugel rollte er um das halbe Buffet herum, ehe er vor dem Teller des Sammlers auf dem Bauch rutschend zum Stoppen kam. Und während er sein Gesicht in die schneeweiße Tischdecke drückte, hob er einen seiner Stummelarme und rief er mit belegter Stimme: „Nichts passiert …“

      [Valerie: 1400LP / Orion: 4000LP → 3900LP]


      „Da ich keine Handkarten mehr habe, beende ich meinen Zug jetzt“, meinte Valerie und warf besorgt einen Blick auf Orion, der mit einem Hüpfer auf die Beine kam und sich torkelnd an eine Weinflasche lehnte. „Alles in Ordnung?“
      „Mir geht’s fast gut …“, meinte er noch immer benommen. Dabei verlagerte er sein Gewicht unglücklich und brachte so fast die Flasche zum Umkippen. Allerdings hielt er sie aufgeschreckt mit seiner ganzen Kraft am Hals fest, sodass Schlimmste gerade noch verhindert werden konnte. Sollte man zumindest meinen …
      „Orion!“, brüllte der Sammler plötzlich und zeigte mit geweiteten Augen auf die Tischdecke. „Siehst du das!? Siehst du das da!? DA!“
      Der Schattengeist blinzelte verwirrt und sah an der Flasche vorbei. Er bemerkte den kleinen, roten Punkt, auf den sein Herr aufgebracht deutete. Ein Weinfleck, der durch die Erschütterung entstanden war. „Oh nein …“
      „Doch! Sieh, was du getan hast! Die können wir jetzt wegschmeißen! Dieser Fleck, so groß, so rot! Mach ihn weg! Ich ertrage das nicht!“ In theatralischer Geste legte sich der Sammler eine Hand auf die Stirn. „Unsauberkeit in meinem Haus kann nicht geduldet werden!“
      Und während Orion schnell die Flasche hinüber zu dem Fleck trug, um ihn so zu verdecken, verstand Valerie gar nichts mehr. Verdutzt sah sie von Orion zu dem Collector, die anfingen, sich wegen dieser Lappalie lauthals zu streiten!
      „Was hat er denn plötzlich?“, fragte sie ungewollt laut.
      „… wie oft habe ich dir gesagt, dass du nicht mit Essen spielen sollst!?“
      „Ich duelliere mich hier zufällig! Der feine Herr macht sich ja nicht die Hände selber dreckig!“
      „Dreck!? An meinen Händen!? Wo!?“ Panisch besah der Sammler seine Finger und beugte sich so weit dabei vor, dass er fast mit der Nasenspitze an die Handflächen stieß.
      Derweil drehte sich Orion zu Valerie und schüttelte entschuldigend den Kopf. „Ignoriere das einfach, okay? Das ist, was übrig-“ Doch er unterbrach sich selbst und seufzte traurig. „Ach, nicht so wichtig. Manchmal ist er einfach komisch, besonders wenn es um Schmutz geht. Denk dir nichts dabei.“
      „I-in Ordnung“, antwortete Valerie verwirrt. Dabei fragte sie sich, wieso ein Dämon so viel wert auf Sauberkeit legen konnte. Und was Orions ominöse Worte wohl bedeuteten.
      Der Sammler indes hatte sich noch immer nicht erholt und winkte nur abfällig mit den Händen. „Runter da, Orion! Diese Decke müssen wir wegen dir wegschmeißen! Wenn wir hier fertig sind, wirst du mir umgehend eine neue kaufen gehen!“
      Und während der Schattengeist vom Tisch sprang, erwiderte er aufgebracht: „Es ist mitten in der Nacht! Wo soll ich da eine auftreiben!?“
      „Lass dir etwas einfallen!“
      Valerie schüttelte seufzend den Kopf. „Was für ein seltsames Gespann …“
      Es erstaunte sie, wie schnell sich der Collector verändert hatte. Als wäre er plötzlich eine ganz andere Person.

      „'tschulligung“, sagte Orion kleinlaut, während er zu seinem Duellstandpunkt zurückkehrte, wo schon sein [The Fabled Rubyruda] auf ihn wartete.
      „Macht nichts.“
      Als der kleine Schattengeist sein Ziel erreicht hatte, drehte er sich wirbelnd um. Voller Ehrgeiz rief er: „Genug 'rumgealbert! Meine hübsche Püppi, ich muss dir jetzt leider die Show stehlen!“
      „Wie das? Du kannst nicht einmal eine Karte ziehen, weil du deine Draw Phase überspringen musst“, stellte Valerie fest und straffte sich. Dabei wusste sie, dass seine verbliebene Handkarte [The Fabled Catsith] war, ein Empfänger, genau wie das Monster auf seiner Spielfeldseite. Demnach konnte er sie nicht mit einem weiteren Synchromonster angreifen. Andererseits, dachte sich Valerie, war dieser Gnom immer wieder für eine Überraschung gut.
      Als Orion realisierte, dass Valerie recht hatte, machte er große Kulleraugen. „Was!? D'oh! Das hab ich total verpennt! Unfair! Aaaaaber- ich hab das hier! Verdeckte Falle [Jar Of Greed] aktivieren! Ich kann nicht ziehen? Guck mal genauer hin, Valval!“
      „V-valval?“ Valerie erstarrte.
      Doch Orion griff nur grinsend nach seiner Duel Disk und zog schwungvoll eine Karte, genau wie es ihm der Effekt seiner Karte gebot. Auch wenn Valerie grinsen musste, weil sich richtig gelegen hatte, was jene verdeckte Falle anging und sie ihn wirklich seine Handkartenzahl manipulieren ließ, fühlte sie auch einen Stich in ihrem Herzen. Valval … so hatte Marc sie immer genannt, wenn er sie ärgern wollte, denn dieser Spitzname erinnerte ihn an seine Lavalval-Synchromonster.
      „Einer für alle, alle für einen! Für mich!“
      Valerie blickte erstaunt auf. Orion hielt eine Zauberkarte in die Höhe. „Das hier ist [One For One]! Ich brauche nur eine Monsterkarte abwerfen und darf dafür eine von meinem Deck beschwören, solange sie nur einen Stufenstern besitzt!“
      Vor Orion erschien ein seltsamer Apparat. Bestehend aus einem kugelrunden Körper sowie drahtigen Armen und Beinen, thronte auf dem Haupt der Kreatur tatsächlich eine Bratpfanne.
      „[T-t-t-tuningware]! Fast so gut wie H-Warez!“ Orion zwinkerte glucksend.

      Tuningware [ATK/100 DEF/300 (1)]

      Valerie wurde jäh aus ihrer Verwunderung über Orions Monster gerissen, als eine heftige Explosion ihre Spielfeldseite erschütterte. Die junge Frau wich erschrocken zurück und musste feststellen, dass von ihrer Meereshexe nichts mehr zu sehen war, als sich der Rauch verzog.
      „Was!?“
      Orion hob einen seiner Stummelarme und tat mit seinem Zeigefinger so, als wolle ein Lehrer seine Schülerin belehren. „Guck doch nicht so doof! Hättest du dir den Effekt von [The Fabled Catsith] durchgelesen, als du die Gelegenheit dazu hattest, wüsstest du, warum dein Monster jetzt höchstens eine Rolle im Remake von Michael Jacksons Thriller bekommt!“
      „Ich habe ihn mir durchgelesen“, meinte Valerie steif. „Mir war nur nicht bewusst, dass er auch auf diese Weise aktiviert werden kann.“
      Breitmündig grinste der Schattengeist. „Klar tut er das, solange die Mieze nur von der Hand abgeworfen wird. Ob das Kosten sind, spielt keine Rolle.“
      Valerie biss sich vor Wut auf die Lippen. Sie hatte sich von der Annahme, die Fabled-Karten würden wie die Dark World-Karten funktionieren, in die Irre führen lassen. Jetzt hatte sie ein richtiges Problem!
      „So konnte ich dein Monster zerstören. Und weißt du, was das Beste ist? Ich kann noch was ganz anderes! Sieh her!“, flötete Orion derweil.
      Wieder wich Valerie einen Schritt zurück, denn sie wusste bereits, was jetzt folgen würde.
      „Ich stimme den Stufe 4 [The Fabled Rubyruda] auf die Stufe 1 [Tuningware] ab! Äh ...“ Orion blinzelte. „Warte, ich hab's gleich. … d'oh, dabei hatte ich mir doch alles aufgeschrieben! Wieso habe ich bloß meinen Notizblock gefressen, als mir langweilig war!?“ Er winkte ab. „Egal, Synchro Summon! Mach ein bisschen hinne, [Thunder Unicorn], ich hab nicht ewig Zeit!“
      Wie schon einmal zuvor ertönte lautes Wiehern von den Gängen des Anwesens. Valerie wirbelte um und sah zur Flügeltür, die bereits aufschwang. Wieder kam ein Einhorn in den Saal galoppiert, während Orions Monster einfach verschwanden. Doch von dessen Stirn ragte ein gelbes Horn empor, welches aussah wie ein echter Blitz. Was auch nur zu dem blauen Leib passte. Und wie schon vor ihm [The Fabled Unicore], musste auch das Donnereinhorn als Reittier für Orion herhalten, als es in Reichweite war.

      Thunder Unicorn [ATK/2200 DEF/1800 (5)]

      „Sollte [Tuningware] für eine Synchrobeschwörung benutzt werden, ziehe ich eine Karte“, erklärte Orion von seinem hohen Ross und zog, beachtete die Karte aber nicht weiter. Denn für ihn zählte nur, dass er dieses Spiel gewinnen konnte – Valeries Lebenspunkte waren völlig ungeschützt. „'tschulligung, Valval, aber ein Schattengeist muss tun, was er eben tun muss. Dafür wird er schließlich bezahlt. Nur dass ich nicht bezahlt werde!“ Er warf einen giftigen Blick in Richtung seines Meisters, der dem Duell in seiner gewohnten distanzierten Art zusah. Das Weinglas in der Hand, schien er wieder ganz der Alte zu sein und reagierte gar nicht auf die Kritik seines Untergebenen.
      Der winzige Dämon wandte sich wieder an seine Gegnerin. „Nimm es mir nicht übel, okay? Ich hätte für dich aufgegeben, ehrlich! Aber so … [Thunder Unicorn], direkter Angriff! Orion for the Win!“
      Zusammen mit seinem Reittier machte dieser sich auf, Valerie den letzten Rest zu geben, damit sie dieses Duell verlor. Doch anstatt in Panik zu geraten, blieb die Schwarzhaarige ruhig und überlegte. Den Angriff konnte sie nicht aufhalten, nur abschwächen. Wenn sie eine Chance haben wollte, dieses Duell noch zu gewinnen, musste sie ihre letzte verdeckte Karte dafür verwenden.
      „Schnellzauber aktivieren!“, rief sie und ließ ihren Arm über die vor ihren Füßen liegende Karte schwingen. „[Half Shut]! Damit halbiere ich die Angriffskraft deines Einhorns für diese Runde, mache es im Gegenzug dafür aber im Kampf unzerstörbar!“
      „Och nöööööö!“
      Der Zauber klappte auf und entfachte einen rotgelben Wirbel, welcher ihren Angreifer verlangsamte.

      Thunder Unicorn [ATK/2200 → 1100 DEF/1800 (5)]

      Dennoch ließ dieser sich nicht aufhalten. Endlich angekommen, bäumte sich das Donnereinhorn vor Valerie auf und verpasste ihr mit seinen Vorderläufen einen heftigen Tritt, den diese mit ihrer Duel Disk abfing. Trotzdem wurde sie unter der Kraft des Angriffs zurückgeworfen und landete hart auf dem Rücken. „Urgh!“

      [Valerie: 1400LP → 300LP / Orion: 3900LP]


      Mit leidvoller Mimik richtete das Mädchen sich auf und keuchte erschöpft. Sie fühlte sich kraftlos und elend, denn es wollte ihr einfach nicht gelingen, eine effektive Gegenoffensive zu starten. Nun besaß sie gar keine Karten mehr. Im Grunde war das Spiel gelaufen …
      Indes trabte Orion auf seinem Einhorn zurück zu seiner Duellposition und warf dabei einen besorgten Blick zurück. Ihm tat dieses Mädchen leid, denn sie ahnte nicht, was der Preis dafür war, würde sie in diesem Spiel siegreich hervorzugehen. Vielleicht war es sogar das Beste für sie, wenn er sie jetzt besiegte und nach Hause schickte?
      „Zug beendet“, meinte er nur tonlos, unwissend, wie er entscheiden sollte und was für Konsequenzen es für sie beide hätte.

      Thunder Unicorn [ATK/1100 → 2200 DEF/1800 (5)]

      Indes fiel Valerie überrascht auf die Knie. Es war, als würde sie in ein tiefes Loch stürzen, denn sie hatte erkannt, dass es wohl keinen Ausweg mehr aus ihrer Lage gab. Ohne Hand- und Feldkarten blieb ihr nur der nächste Zug. Und die Chancen, mit ihm die Lösung für ihr Problem zu finden, waren mehr als gering.
      „Warum ist er so viel stärker als ich?“, murmelte sie vor sich hin und sah ihre Handfläche an. „Was habe ich falsch gemacht? Ich …“
      Wem sollte sie schon etwas vormachen? Sie hatte Angst zu verlieren. Immer schon, seit sie sich zurückerinnern konnte, hatte sie Angst gehabt. Um ihre Großmutter, die einen Schlaganfall erlitten und schließlich wenige Monate später gestorben war. Vor Prüfungen, die sie nicht zu bestehen glaubte. Um ihre Freunde, von denen sie nie wusste, welche echt und welche falsch waren. Vor dem Motorradfahren. Und um ihren Verlobten, den sie nie verlieren wollte. Warum konnte sie nicht einfach furchtlos sein? Warum konnte sie die Dinge nicht so ändern, dass es allen gut ging?
      Und dann erschien -sie- vor ihren Augen. Anya. Das Mädchen, das nie Angst hatte und lieber versagte, als irgendwem zu imponieren. Die sich nichts gefallen ließ und sogar vor Mord nicht zurückschreckte. Sie … !
      Valerie ballte eine Faust und erhob sich, denn etwas in ihr pulsierte und gab ihr Kraft. „Es ist noch nicht vorbei!“
      „Huh?“ Orion blinzelte verdutzt. „Valval, was ist mit dir?“

      Verzage nicht, mein Kind. Wenn du wirklich diesen Weg fortsetzen möchtest, werde ich dich mit meiner Kraft unterstützen. Auch wenn Gott mich dafür endgültig verstoßen mag. Dafür, dass ich dir die Wahrheit verschwiegen habe, bin ich es dir schuldig.

      „Joan“, sprach Valerie leise und fixierte ihren Blick auf den Sammler, der sie aus emotionslosen Augen anstarrte und dabei sein Weinglas festhielt. Und in diesem Augenblick war es ihr völlig gleich, ob Joan eine Heilige oder der Teufel höchstpersönlich war, solange sie ihr nur half, siegreich aus diesem Kampf hervorzugehen. „Gib mir alles, was du hast. Wenn ich -ihr- jemals wieder gegenübertreten will, muss ich dieses Duell gewinnen! Egal was es kostet!“

      Dann erfahre die heilige Kraft!

      Als Valerie ihre Hand an ihr Deck legte, begann diese in flammendem Weiß zu leuchten. Das war genau das, was sie brauchte, dachte Valerie. Sie spürte bereits, was sie ziehen würde, hatte es klar vor Augen, diese eine, rettende Karte! „Danke Joan! Draw!“
      Mit Schwung zog sie jene Karte und spürte noch in der Bewegung ein so heftiges Stechen in ihrer Brust, dass ihr die Luft wegblieb. Röchelnd kippte sie zur Seite und fiel der Länge nach auf den Boden. Dabei fiel ihr die Karte aus der Hand. Valerie erstarrte. „W-was!?“

      Mit einem Ruck war der Sammler aufgestanden. „Wie es aussieht, habe ich mich in dir getäuscht. Du solltest mir dein Innerstes zeigen, damit ich deinen Wert bestimmen kann. Doch was muss ich sehen? Du versucht, das Schicksal zu betrügen, indem du einen neuen Pfad hinzufügst. Erbärmlich. Sind das die Grenzen deiner Aufrichtigkeit?“
      „N-nein!“ Valerie fühlte sich, als habe man ihr alle Kraft geraubt. Sie reichte nach der gezogenen Karte aus, die vor ihr lag und drehte sie in ihren Fingern um. Und was sie dort sah, erschütterte sie bis ins Mark. „Was!? Nein! Das war-“

      Vergib mir, Valerie! Er hat meine Kräfte einfach blockiert! Was für eine Macht ist das? So etwas habe ich selbst bei Erzengeln noch nie gesehen! Was … ist er?

      Eine Träne rann indes über Valeries Wange. „Nein …“
      Denn die Karte, die sie in der Hand hielt, war nicht etwa die, die sie in ihrem Inneren gesehen hatte. Es war [Evigishki Soul Ogre], das Ritualmonster. Das Monster, das sie niemals beschwören konnte in ihrer derzeitigen Lage.
      „Valval … warum hast du versucht, uns zu betrügen?“, fragte Orion enttäuscht. „So etwas machen nur Idioten.“
      „Halt den Mund!“, schrie Valerie verzweifelt, die die Demütigung des Sammlers nicht ertragen konnte. „Du verstehst das nicht!“
      Unter Mühe zwang sie sich wieder auf und starrte hasserfüllt herüber zum Esstisch, an den sich der Sammler wieder gesetzt hatte. Der rothaarige Mann verzog keine Miene und sagte: „Wir alle müssen einen der Pfade beschreiten, die für uns ausgelegt sind. Du bist keine Ausnahme. Zu denken, du hättest das Recht zu ändern, was bereits feststeht, ist schlichtweg töricht. Ich habe dich wohl überschätzt, was deine Gesinnung angeht.“
      Getroffen von diesen Worten zuckte Valerie zusammen. Sie hatte sie gespürt, diese Kraft, und er hatte sie einfach verpuffen lassen. Dieser Kerl hatte in einem Sekundenbruchteil ihre letzte Hoffnung zerstört!
      „Fahre fort, Orion“, meinte der Sammler völlig ungerührt. „Deine Gegnerin ist nicht imstande, ihren Zug fortzusetzen.“
      „K-klaro!“

      Orion zog mit konzentrierter Mimik von seinem Deck und sah von [Thunder Unicorn] herüber zu Valerie, die ihren Blick senkte und nur die Fäuste ballte. Hilflos wandte er sich an seinen Herren, der nur gebieterisch nickte. Der Schattengeist wusste, dass er ihm nicht den Befehl verweigern durfte, allein schon deshalb, weil sie befreundet waren. Doch nie zuvor hatte jemand ihm so leidgetan wie Valerie und Orion konnte beim besten Willen nicht sagen, woran das lag. Er war sich sicher, dass es nichts mit ihrem Vorbau zu tun hatte. Mitleid mit einem völligen Fremden … wie lange war das wohl her … ?
      „Orion. Tu es.“
      Der Kleine schüttelte auf die Ermahnung hin seinen Kopf, um die Geister der Vergangenheit zu vertreiben, welche sich seiner bemächtigen wollten. Es hatte keinen Zweck, weiter nachzugrübeln. Er wusste, was er zu tun hatte und letztlich tat er Valerie damit einen Gefallen.
      Siegesgewiss streckte er seinen Arm aus. „Jetzt endest es wohl … [Thunder Unicorn], vernichte Valeries letzte Lebenspunkte. 'tschulligung … Valval …“
      „Spar' dir das“, zischte sie, ohne aufzusehen. Und auch wenn ihre Wut über das eigene Versagen und den Sammler nicht Orion galt, tat es gut, sie einfach loszulassen.
      Das Blitzeinhorn galoppierte schließlich auf die Schwarzhaarige zu. Wie zuvor versuchte es, sie unter seinen Läufen zu begraben. Dieses Mal jedoch wehrte sich Valerie nicht und wurde von einem kräftigen Tritt in die Brust umgeworfen. Ächzend landete sie auf dem Rücken und rollte unter einem schmerzlichen Stöhnen auf den Bauch, sich die Wunde haltend.

      [Valerie: 300LP → 0LP/ Orion: 3900LP]


      „Und so endet es, völlig unspektakulär“, sprach der Collector und erhob sich, wobei er sich vom Tisch abstützte. „Nun gut. Du hast mich enttäuscht, Valerie. Doch ich kann sehen, was dich zu deinen Taten bewogen hat.“ Seine Augen funkelten. „Lass uns also über das Geschäft reden.“
      Erschrocken sah Valerie mit zusammengekniffenen Augen auf. „Was!? Aber- Ich habe verloren! Wieso willst du mir trotzdem helfen?“
      Der Sammler lächelte, doch es war ein falsches Lächeln, denn seine feinen Züge bewegten sich nicht natürlich zu seinen angezogenen Mundwinkeln. „Wie alles auf dieser Welt, hast auch du immer noch einen Wert. Aber es wird nicht deine Seele sein, die ich im Austausch für deinen 'Wunsch' verlange.“

      Ungläubig richtete sich das Mädchen auf und stand wieder auf zwei Beinen. Doch sie zitterte so sehr, dass sie alle Mühe hatte, nicht sofort wieder umzukippen. Es klang zu gut, um wahr zu sein und Joan hatte sie davor gewarnt, mit Dämonen Geschäfte zu machen. Aber wenn er ihr wirklich geben konnte, was sie wollte, dann war ihr alles gleich.
      „Nicht meine Seele?“, fragte sie skeptisch nach. „Warum nicht? Ich dachte das ist, was Dämonen normalerweise im Austausch für ihre Dienste wollen!“
      Collector starrte sein Weinglas an und betrachtete die Reflexion seiner selbst fasziniert. „Natürlich ist die Seele ein sehr wertvolles Gut. Das Wertvollste, was ein einfacher Mensch zu bieten hat.“ Nun blickte er Valerie wieder unverwandt in die Augen. „Besonders du, die du durch einen waschechten Engel geleitet wirst, wärst eine hervorragende Investition.“ Plötzlich verhärtete sich sein Tonfall. „Andererseits bist du trotz deiner Gaben nicht einmal imstande, meinen niedersten Diener zu bezwingen. Man könnte sagen, so etwas wie du verkauft sich schlecht.“
      „Sorry Valval, er meint damit, dass du eine Versageri- Was!?“, kreischte Orion und hüpfte aufgeregt umher. „Niederster Diener!? Aber ich hab die heiße Braut doch abserviert! Wieso-!?“
      „Misch dich bitte nicht ein, Orion“, sprach Collector gelangweilt. Frustriert ließ der Schattengeist seinen Kopf, sozusagen seinen ganzen Körper, hängen und seufzte.
      „Nicht mal bezahlt werde ich für all die Demütigungen …“

      „Aber wenn meine Seele nicht gut genug ist, was dann?“, wollte Valerie nun aufgebracht wissen. Sie konnte sich nicht vorstellen, was er sonst noch von ihr verlangen könnte.
      Der Sammler lächelte nun wieder hinter seiner schleierhaften Maskerade aus vorgespielten Emotionen. „Weißt du, es gibt Dinge, die besitzen seither einen hohen Wert. Wie die Seelen. Haben wir die Macht über diese, können wir nach dem Tode ihres Besitzers alle darauf folgenden Inkarnationen jener Existenz nach unserem Belieben lenken. Wer sich mir also verkauft, ist solange unter meiner Kontrolle, bis seine Seele erlischt.“
      „Warum willst du meine Seele dann nicht!?“, fauchte Valerie und trat ungestüm einen Schritt vor. „Warum ist sie nicht gut genug!?“
      „Du bist verdorben durch die Gefühle, die du tief in dir hegst“, erklärte der Sammler daraufhin mitleidig. Er nahm einen Schluck vom Glas in seiner Hand. „Du kannst mich nicht täuschen. Dein Groll gegenüber Anya Bauer ist kein Geheimnis, nicht für uns. Von größtem Wert aber sind die Seelen, die sich aus reiner Aufopferung aufgeben.“ Seine Stimme wurde kalt. „Zu denen gehörst du aber nicht. Wenn wir jeden erhören würden, der unserer habhaft werden will, würde das empfindliche Gleichgewicht unserer Welt binnen kürzester Zeit zusammenbrechen. Und ich persönlich bin mit ihr so zufrieden, wie sie ist. Veränderungen sind nicht mein Ding, verstehst du? Außerdem gibt es noch genug andere Gründe, warum wir nicht jede Seele annehmen, die uns über den Weg läuft.“
      Valerie biss sich so sehr auf die Lippe, dass es blutete. Wie konnte er es wagen!? Er kannte sie doch gar nicht! Die Schmerzen, die sie in sich trug, konnte er sich doch gar nicht vorstellen!
      „Was willst du dann?“, fragte sie leise.
      Nun sah der Collector ihr wieder in die Augen. Dabei stand in den seinen eine Zuversicht geschrieben, die das Mädchen zutiefst beunruhigte. „Deinen Namen.“
      „W-was!?“
      „Du hast recht gehört, deinen Namen.“ Er lachte auf. „Sicher, deine Seele ist im Vergleich immer noch viel wertvoller als dein Name. Aber es gibt für jede Ware einen passenden Markt. Und warum das eine nehmen, wenn das andere auf lange Sicht viel lukrativer ist?“
      Valerie schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht! Warum ausgerechnet meinen Namen? Wie soll man sich das denn vorstellen!?“

      Wenn man seinen Namen an jemanden verkauft, besitzt dieser jemand Macht über ihn. Er vermag bis in die tiefsten Winkel der Seele vorzudringen und ist auf diese Weise mit dir verbunden. Es ist anders, wenn man über die Seele verfügt. Der Name steht nur für Wissen, keine Kontrolle. Dennoch solltest du dir das alles gut überlegen, Valerie! Vergib mir, dass ich überhaupt erwogen habe, dich hierher zu führen! Wir hätten niemals hierher kommen dürfen! Möge ich Gottes Strafe empfangen für meine Torheit, denn dich trifft keine Schuld!

      „Joan …“
      Valerie verstand es nicht. Wenn die Seele so viel wertvoller war, als ihr Name, warum wollte der Collector dann Letzteren haben? Lag es nur daran, dass sie Anya für das hasste, was sie Marc angetan hatte? Nein!
      „Der Name ist mir sofort von Nutzen“, erklärte der Sammler plötzlich amüsiert darüber, wie hin und her gerissen das Mädchen doch war. „Eine Seele vermag ich erst einzusammeln, nachdem sie den Körper verlassen hat. Allerdings würde ich dem Spektakel rund um Eden gerne aus der Ehrenloge beiwohnen. Wissen kann nie schaden. Aber erwarte nicht von mir, dass ich mich in dieses Geplänkel einmische. Dafür ist es nicht bedeutend genug.“

      Tief durchatmend, straffte sich Valerie und sah dem rothaarigen Mann entschlossen in die Augen. „Mein Name also?“
      Er nickte.
      „Du weißt sicher bereits, was ich als Gegenleistung dafür erwarte?“
      Der Sammler lächelte. „Bei jemandem wie dir ist so etwas nicht schwer zu erraten. Es gibt zwar einige Einschränkungen, aber die sind minimal. Es ist machbar. Über die Details werde ich dich aufklären, wenn wir den Handel abgeschlossen haben.“
      „Dann haben wir jetzt einen Vertrag“, meinte Valerie steif und schritt auf den Esstisch zu. Sie reichte dem jungen Mann ihre Hand entgegen und wartete darauf, dass er einschlug.
      Dieser nickte. „Wie du meinst. Jetzt gibt es endgültig kein Zurück mehr für dich.“


      Turn 17 – And Then I Said No
      Eines Morgens bekommt Anya überraschend Besuch von dem Dämonenjäger Matt. Nachdem sie erfolglos versucht, ihn zu töten, macht er plötzlich ein unerwartetes Friedensangebot. Er bietet sogar an, Anya alles über Eden zu erzählen, was er in den letzten Wochen in Erfahrung bringen konnte. Anya geht zähneknirschend darauf ein, doch während Matts Bericht taucht Alastair auf. Einen Verräter genannt, beginnt Matt in der Hoffnung auf Schlichtung ein Duell. Doch plötzlich …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Valerie

      Gishki Abyss
      Gishki Marker
      Gishki Vanity
      Evigishki Gustkrake
      Evigishki Soul Ogre

      Gishki Aquamirror
      Monster Reborn
      Half Shut

      Poseidon Wave
      Torrential Tribute

      Orion

      The Fabled Cerburrel
      The Fabled Nozoochee
      The Fabled Catsith
      The Fabled Rubyruda
      Tuningware

      Mystical Space Typhoon
      Card Destruction
      One For One

      Reckless Greed
      Jar Of Greed

      The Fabled Unicore
      Thunder Unicorn
      @-Aska-
      Du meinst Cross Pendulums? Keine Sorge, die lassen selbst solche 'schlechten' Nicht-CXyz wie Ark Knight und Exzitonenritter wie Witzfiguren erscheinen ;)

      Hm, was Abby angeht bleibt nur die Frage, wann sie mal wirklich die anderen beiden in Schwierigkeiten bringt. Das Monopol liegt dafür ja zu gleichen Teilen bei Anya und Nick.

      @Folge;

      Wie wahr, Val in all ihrer Glorie ;)
      Deshalb ist es natürlich auch nicht wirklich überraschend, dass mir die Folge ziemlich gut gefiel. Valerie kam sehr überzeugend rüber, und ebenso ihr emotionales Dilemma, das sie zwingt immer weiter vorwärts zu gehen, auch wenn sie sich selbst dafür in die tiefsten Winkel der Hölle stürzen müsste. Aber genauso war auch Joans Beichte sowie ihr Schwur, bis zum bitteren Ende zu Val zu halten, selbst wenn es ihr eigenes Heil kostet, durchaus stimmig. Zudem merkte man ja in der Folge, dass sie ihr Gewissen wegen all dem sehr zu plagen schien.
      In etwa so wie Orion zwiegespalten war in seinem Mitgefühl gegenüber Valerie und den Anweisungen des Collectors. Und trotzdem war er dazu verdammt, sie bis zum bitteren Ende fertig zu machen. Apropos Orion, auch wenn seine gesamte Erscheinung ebenso witzig ausgelegt wie die seines SoW Pendants war, wurde es zu keiner Zeit wirklich ins Lächerliche gezogen oder wirkte unglaubwürdig. Selbiges gilt für den Reinlichkeitsfimmel des 'Strife-Klons' ;)

      Aber besonders toll fand ich die vielen kleinen Momente, die man hier in der Folge finden konnte und sich allesamt super einfügten. Diese Details machten die Folge wirklich zu etwas besonderen. Sowas wie das mit dem 'Valval', da wollte einem ja wirklich das Herz zerspringen, wenn man da nur einen Moment länger dran verweilte. Insgesamt war die Folge wieder mal mit viel Liebe zum Detail beschrieben, ohne jetzt irgendwie überladen zu wirken. Das ganze Gesamtbild passte einfach super. Wie immer top.

      Was den Collector angeht, war es mal was anderes, dass er nicht wie der typische Oberdämon rüberkam. Diese sind der Typ von 'Leuten', die immer die Kontrolle zu haben scheinen, bestens über alles Wichtige informiert sind und mühelos in die Herzen und Gedanken der Menschen ihnen gegenüber hineinsehen zu können. Und gleichzeitig bleibt er Mysterium, dessen ganz eigene Agenda völlig im Verborgenen bleibt.

      In der nächsten Folge gehen sich die beiden Dämonenjäger dann also gegenseitig an die Gurgel. Gut für Anya, denn die muss dann nur die Überbleibsel von dem Gemetzel beseitigen und ist fein raus. Tja, wenn es nur so einfach wäre, nicht? Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt xD
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      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Danke an alle Leser. Langsam gelangen wir an den Punkt an, wo ich aufgehört hatte, hier Folgen zu veröffentlichen. ^^

      @Evil Bakura
      Lass dir "Cross Pendulum" als Trademark sichern, schnell. xD
      Ich will gar nicht wissen, wie sie die upgraden wollen. Synchros hatten mit Synchro Tunern eine nette, aber belanglose Idee. CXyz/CNumbers sind dann völlig aus den Fugen geraten, was schiere Zahl und Willkür angeht. Der nächste Schritt wäre leibhaftiger Wahnsinn ...

      Val ist eben eine Kämpferseele, die in der Not auch bereit ist, etwas von sich selbst zu opfern. Das hat auch Orion erkannt, weshalb es ihm umso schwerer fiel, seines Chefs Anweisungen zu folgen.
      Danke für das Lob mit der Liebe zum Detail. Es freut mich zu sehen, dass dies auch so wahrgenommen wird, denn für mich sind solche Kleinigkeiten Sachen, die Geschichten lebendiger machen.
      Der Collector ist natürlich eine ganz eigene Klasse, die es nicht nötig hat, mit der eigenen Macht anzugeben. Nicht umsonst ist er wohl eine der beliebteren Figuren, kann man sich schließlich nie sicher sein, was er im Schilde führt. ^^

      Du hast übrigens Anyas Denkweise erfasst. Nur mit einem Unterschied: auch der, der KO geht, kriegt nochmal sein Fett weg. :D


      Turn 17 – And Then I Said No



      „Ohhh, komm schon, stirb endlich!“, fauchte Anya aufgebracht. „Stirb, stirb, stirb! Dir zermansch' ich das Hirn, du miese Ratte-“ Es klingelte von unten und ein schriller Schmerzensschrei ertönte plötzlich. „Oh verdammter Kackmist, Game Over!“
      In blutigen Lettern flimmerte die verhängnisvolle Botschaft über Anyas Fernseher. Die hockte im Schneidersitz vor der Glotze und starrte ebenjene mit offenem Mund an. Einen Wutschrei später schepperte schon der kabellose Controller ihrer Spielkonsole gegen den Apparat. Noch einen Wutschrei später realisierte Anya, dass sie soeben ihren Fernseher um die Ecke gebracht hatte.
      „Oh fuuuuuuuuuuuuuuuuuck!“, fluchte sie und sprang auf.
      Wer auch immer gerade ihre tadellose Gewinnstrecke UND ihren alten Röhrenbildfernseher ruiniert hatte, würde dafür mit dem Leben zahlen müssen!

      Außer sich vor Zorn stampfte sie durch das Zimmer, schnappe sich dabei Barbie, die neben der Tür an der Wand lehnte und eilte schließlich die Treppen hinab ins Erdgeschoss. Ihren mit Nägeln und Rasiermesserklingen bespickten Baseballschläger geschultert, war sie zu allem bereit, was wehtun konnte.
      Breitbeinig baute sie vor der Haustür auf, während es abermals klingelte.
      „Oh Kumpel, ganz blöde Idee“, murmelte sie bereits mit grimmigen Vergnügen und beugte sich zu dem Spion. Nur für den Fall, dass es Nick oder Abby waren, schließlich tötete man nicht einfach seine Nutztiere. Denn wenn sie jetzt durch diese Tür stürmte, war sie nicht mehr zu stoppen.
      Doch statt ihren Freunden erkannte sie durch die Linse verformt eine Person in einem schwarzem Mantel, die sich gerade von der Klingel neben der Haustür entfernte und plötzlich selbst in den Spion schaute. Es waren graue Augen. Anya wich zurück, starrte dann neugierig wieder durch.
      Nun stand der junge Mann mit verschränkten Armen da und tippte regelmäßig mit der Fußspitze auf den Boden. Schwarzes, nach hinten hoch abstehendes Haar, eine genervte Mimik, besagte graue Augen – Anya wurde ganz anders. Diesen Typen kannte sie doch!

      Eben der hämmerte plötzlich gegen die Tür. „Mach endlich auf, ich weiß, dass du zuhause bist!“
      Anyas Augen verengten sich zu Schlitzen. Wieso stand ausgerechnet -der- vor ihrer Tür!? Hatte diese Knalltüte etwa Todessehnsucht?
      „Ob ich zuhause bin?“, murmelte sie und warf einen Blick auf Barbie. „Du wirst dir gleich wünschen, dass jemand ganz laut 'nein' geschrien hätte, Mistkerl! Ahhhhhhhhh!“

      Unter ihrem Kampfschrei riss sie die Tür auf und holte blindlings mit Barbie aus. Der Schwarzhaarige wusste gar nicht, wie ihm geschah, als Anya auf ihn losging und wich gerade noch rechtzeitig zurück, als sie wie ein Berserker nach ihm schlug.
      „Stopp!“, rief der Dämonenjäger Matt und hob die Hände, von denen eine bandagiert war, nur um sie rasch zurückzuziehen, da sie sonst von Barbie zerfetzt worden wären.
      „Stirb!“, schrie Anya und scheuchte den jungen Mann quer über den Rasen. Immer wieder musste der sich ducken oder Ausweichschritte machen, nur um nicht von der blonden Furie zermalmt zu werden.
      „Bist du verrückt geworden!? Lass das!“, schrie er Anya an, die aber gar nicht daran dachte und ihm mit einen Abwärtshieb den Schädel spalten wollte. Matt warf sich zur Seite und sah, wie Gras und Erde durch die Luft spritzen, als Barbie ihn verfehlte und auf dem Boden aufschlug.
      „Stirb, stirb, stirb!“, kreischte Anya ihn von der Seite nur an, während sie Barbie wieder anhob und nun nach seinen Beinen ausholte. Matt zog sie rechtzeitig zurück, sodass wieder nur der Rasen der Familie Bauer einstecken musste. „Warum willst du nicht endlich sterben!?“
      Bevor Anya jedoch wieder zuschlagen konnte, trat Matt mit beiden Füßen zu. Anya, die sich vor ihn aufgebaut hatte um den Gnadenstoß zu liefern, wurde an beiden Schienbeinen getroffen und torkelte mit unmenschlichem Geschrei zurück. Gleichzeitig stützte Matt sich mit beiden Händen ab und sprang geschickt auf. Doch die Belastung seines verletzten Arms ließ ihn aufstöhnen.
      „Ich kann auch austeilen, wenn ich will!“, meinte er genervt.
      Anya stützte sich auf Barbie ab und hielt sich mit schmerzverzerrter Miene ihr linkes Bein. „Mistkerl, das war unfair! Halt beim nächsten Mal einfach still, 'kay!?“
      „Kein Bedarf!“, motzte er zurück.
      „Schade, dann eben auf die harte Tour! Hieyhieyhiey!“
      Wieder stürmte Anya unter einem misslungenen Xena-Kampfausruf auf ihren Gegner zu und schwang Barbie von einer Seite zur anderen, um ihrer blinden Wut Ausdruck zu verleihen. Bei Matt angelangt, versuchte sie es wieder mit einem Abwärtshieb, doch als der Dämonenjäger auswich, änderte sie die Richtung des Schlages und war sich des Sieges gewiss. Dummerweise schien ihr Gegenüber mit so etwas gerechnet zu haben, denn er war schneller als sie und machte einen Schritt nach vorn, packte Anyas Handgelenk, drehte es. Und ehe sie sich versah, hatte er sie einfach entwaffnet.

      „Lass mich los!“, brüllte sie ihn an und versuchte sich aus seinem Griff zu winden, doch Matt zog ihren Arm und somit auch sie nur näher an sich heran.
      „Erst wenn du mir zuhörst“, antwortete er ärgerlich. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. „Ich bin nicht hier, um dir etwas anzutun!“
      „Das ist aber schade! Ich hab nämlich ganz viele Ideen, was ich dir antun könnte!“ Eine davon war, dass sie ihm ihr Knie in die Kronjuwelen rammen wollte. Leider blockte Matt den Angriff mit seiner freien Hand ab, was Anya jedoch die Gelegenheit gab, sich loszureißen, Barbie aufzusammeln und sich neu zu formieren.
      Mit erhobenem Baseballschläger stand sie Matt gegenüber. „Na!? Noch 'ne Runde gefällig!? Ich werde gerade erst warm!“
      „Kein Bedarf“, brummte er wieder, wich aber dennoch ein wenig zurück. Dabei bemerkten beide gar nicht, wie zwei Fahrradfahrer mit ungläubigen Blicken an Anyas Grundstück vorbeifuhren und in die Pedale traten, als sie erkannten, wer da gerade im Begriff war, lebenslang hinter Gitter zu kommen.
      „Was willst du dann überhaupt hier!?“, verlangte Anya zu wissen. „Ich kaufe nix von Pennern! Schon gar nicht von welchen, die meine Freundin erpressen wollten!“
      „Die Fragen erst stellen, wenn das Opfer schon tot ist, huh?“, erwiderte Matt bissig. „Zum Glück bin ich kein Schwächling, der sich von einem Mädchen fertig machen lässt!“
      „Pass auf, was du sagst! Dieses Mädchen war allein dieses Jahr schon 37 Mal auf dem Polizeirevier! Und das sind nur die Leute gewesen, die gepetzt haben!“
      „Ich werde in mehreren Bundesstaaten wegen Mordes an meinem Vater gesucht!“
      „Pah! Das kann ich locker überbieten! ICH werden in ALLEN Bundesstaaten wegen-“ Doch Anya realisierte, dass das, womit sie sich gerade brüsten wollte, noch in der Planungsphase befand und sie bedauerlicherweise kein derartiges Delikt auf dem Kerbholz hatte. Noch nicht! „Oh verdammter Kackmist! Aber ich habe auch schon jemand umgebracht. Marc Butcher, wenn dir das was sagt?“
      Gleichzeitig verfinsterte sich ihr Blick deutlich.
      „Also Gleichstand?“ Matt pfiff anerkennend. „Hab in der Zeitung davon gelesen. Demnach bist du für den Brand im Park verantwortlich. Aber Marc Butcher killen? Den aus der Zeitung? Hätte ja gedacht, dass du zu der Sorte Mensch gehörst, die im letzten Augenblick kneift.“
      „Eine Anya Bauer kneift nicht!“
      Matt nickte grinsend. „Anscheinend. Hab dich wohl unterschätzt.“ Plötzlich wurde sein Blick ernster. „Allerdings sollten wir nicht in der Öffentlichkeit über so etwas reden. Wie ich schon sagte, bin ich nicht hier, um dir zu schaden. Im Gegenteil. Ich bin gekommen, um dir ein Friedensangebot zu machen!“
      Anya lachte auf und deutete bedrohlich mit ihrer Waffe auf ihn. „Bin ich Mutter effing Theresa oder was!? Ich HASSE Frieden! Und werde ihn bestimmt nicht mit jemandem schließen, der mich neulich noch in einem Sarg sehen wollte!“

      Doch bevor die Blondine wieder mit Barbie auf ihn losgehen konnte, zückte Matt eine Karte aus seinem Ärmel. Entgegen Anyas Erwartungen handelte es sich nicht um einen Zauber der Dämonenjäger, sondern um eine gewöhnliche Duel Monsters-Karte.
      „Wie soll ich es sagen, die Umstände haben sich geändert. Die hier kriegst du, wenn du dich mit mir hinsetzt und erstmal nur zuhörst, was ich zu sagen habe“, erklärte Matt ruhig.
      „Bah, ich bin nicht käuf-“
      Doch als sie erkannte, um welche Karte es sich handelte, klappte ihre Kinnlade hinunter. „Nein! Das kann nicht sein! Das ist bestimmt 'nen Fake oder eine Bombe!“
      „Nein, ist sie nicht. Sieh selbst“, erwiderte Matt und warf Anya die Karte zu.
      Die fing sie zwischen Mittel- und Zeigefinger auf und starrte ehrfürchtig das Artwork an. „Unmöglich! Woher hast du die!?“
      „Manche Leute -sind- käuflich. Hab sie vom Schwarzmarkt. Unglückliche Geschichte, der originale Besitzer hatte ein paar Bekannte im Untergrund, die am Ende nicht seine Freunde waren. Egal. War jedenfalls nicht gerade billig.“
      Anya hielt das Fusionsmonster wie einen Schatz in der Hand.
      Von [Gem-Knight Zircon] gab es nur sehr wenige Exemplare, da jene vor einiger Zeit als eine von verschiedenen Preiskarten auf internationalen Turnieren ausgegeben wurden. Doch so weit zu kommen war für Anya immer nur ein unerreichbarer Traum gewesen. Und jetzt hatte sie die Karte, die besondere, die fast vergessene, die, die nie Teil ihrer Sammlung war, endlich in den Händen.

      Die Betonung lag auf hatte, denn Matt stand plötzlich vor ihr und riss sie ihr wieder aus der Hand. Verdutzt starrte sie den Dämonenjäger an, als habe er gerade Barbie verbrannt. „Sorry, aber behalten darfst du die nur, wenn wir jetzt reingehen und uns unterhalten.“
      „Ich bin nicht käuflich!“, fauchte sie und versuchte das wertvolle Stück aus seiner Hand zu reißen, doch er wich aus. „Gib die her!“
      „Hast wohl Blut geleckt, huh? Na, was wird wohl siegen? Gier oder Sturheit?“
      In Anya spielte sich derweil ein nahezu epischer Kampf ab. Natürlich wollte sie die Karte haben, mehr als jede andere. Aber doch nicht von dem! Bloß hätte sie dann endgültig ihre Sammlung vollständig! Aber wegen dem und nicht aus eigener Kraft! Doch wann bot sich schon so eine Gelegenheit, immerhin wurde [Gem-Knight Zircon] nicht mehr gedruckt? Aber dann stünde sie in der Schuld ihres Feindes! Andererseits …
      „Ach scheiß drauf, gib das Teil her! Von mir aus höre ich mir dein Gelaber an!“ Drohend hob sie ihren Zeigefinger und schulterte Barbie. „Aber komm nicht auf dumme Gedanken! Ich kann mir das Ding auch so holen, vergiss das nicht!“
      Matt grinste triumphierend. „Na bitte, geht doch!“
      Wenn der wüsste, dachte Anya hinterhältig. Sobald das Teil ihr gehörte, würde es eine Nervensäge weniger auf der Welt geben! Wen interessierte schon der beknackte Fernseher, heute war ihr Glückstag!

      ~-~-~


      Zusammen betraten Anya und Matt das Wohnzimmer der Familie Bauer. Anya deutete auf die Couch an der Nordwand und meinte giftig: „Mach's dir bequem! Aber nicht zu sehr, lange wirst du hier nämlich nicht sitzen!“
      „Werden wir noch sehen“, erwiderte Matt kühl und zog an ihr vorbei, ließ sich in das schwarze Leder fallen und breitete sich zu Anyas Ärgernis aus, als würde ihm das Haus gehören. Er schlug in lässiger Pose ein Bein über das andere und legte sein Kinn auf den Handrücken, wobei er sich mit dem Ellbogen an der Lehne abstützte. Anya hingegen nahm auf einem der beiden Sessel Platz und saß Matt schräg gegenüber, wobei sie Barbie griffbereit an besagtem Sessel anlehnte.

      „Okay, was willst du?“, fragte sie herrisch und forderte im gleichen Atemzug: „Und rück' die Karte raus, wenn wir schon dabei sind!“
      Matt zuckte nur mit den Schultern und schob [Gem-Knight Zircon] über den Glastisch. Mit einer hastigen Bewegung schnappte sich Anya das wertvolle Stück und funkelte den Schwarzhaarigen feindselig an.
      „Ich mach's kurz. Ich bin hier, weil ich nicht will, dass du zu Eden wirst“, erklärte Matt schließlich tonlos. „Das hat zwei Gründe. Einer wäre, dass du auch andere Menschen neben dir ins Unglück stürzen würdest, was nicht in meinem Interesse liegt. Der andere ist, dass niemand weiß, was genau Eden ist und wie sich das auf unsere Welt auswirken wird. Die Gefahr, einen verhängnisvollen Fehler zu begehen, ist viel zu groß. Kannst du mir folgen?“
      Anya blinzelte zweimal, ehe sie ebenso kühl erwiderte: „Aha.“

      Dann richtete sie ihren Blick auf das Fusionsmonster in ihren Händen und wollte gespannt den Effekttext lesen, als sie plötzlich aufschrie: „Huh!? Kein Effekt!?“
      „Hast du etwas anderes erwartet? Das ist die stärkste Karte der Gem-Knights. Da kann selbst das Geschenk von deinem Dämonenfreund nicht mithalten“, meinte Matt spitzzüngig. „Sag bloß, das wusstest du nicht?“
      „Das ist doch Beschiss!“, donnerte Anya wütend. „Was interessieren mich 2900 Angriffspunkte, wenn das Teil sonst nix auf den Kasten hat!? Wieso zum Teufel passiert so etwas immer mir!?“
      Matt grinste. „Schon mal was von Karma gehört?“
      „Davon redet Abby auch andauernd. Ist das ne neue Seife oder so!?“ Anya schnaubte wütend. „Ist ja auch egal! Das klären wir später!“

      Die beiden sahen sich kurz schweigend an, ehe Matt sich am Kinn rieb. „Also, wie viel weißt du über Eden und die Gründer?“
      Anya machte kurz ein nachdenkliches Gesicht. Zumindest gab sie sich Mühe, doch tatsächlich musste sie gar nicht lange grübeln, um eine Antwort zu finden. „Dass das Teil am 11.11. ne Party feiert und ich sozusagen der Stargast bin?“
      „Mehr nicht?“ Matt schien aufrichtig überrascht und beugte sich mit großen Augen nach vorne. „Nimmst du das hier etwa nicht ernst? Dir bleiben verdammt nochmal nur noch ein paar Tage bis dahin! Was zur Hölle hast du die letzten Wochen getrieben!? “
      „Ähm, mich mit Möchtegerndämonen und Dämonenjägern herumgeschlagen?“ Anya runzelte verärgert die Stirn. „Entschuldige, dass ich nicht in deinen Kreisen verkehre und daher auf uralte Bibliotheken zurückgreifen muss! Ist doch nicht meine Schuld, wenn in den Schinken dort nur Schwachsinn steht! Woher soll ich wissen, wo es die -guten- Infos zu finden gibt!?“
      Doch Matt fasste sich nur an die Stirn und schüttelte fassungslos den Kopf. „Das glaub ich jetzt nicht. Hast du ein Glück, dass ich hier bin. Andernfalls würdest du blindlings in dein Verderben rennen.“ Plötzlich meinte er aufgebracht: „Anya, du hast gerade mal noch zwei Wochen Zeit, alles vorzubereiten! Wenn es nicht wegen -ihm- wäre, wäre es mir vollkommen gleich, was mit dir geschieht!“
      Allerdings ließ sich das Mädchen nicht von seinen Worten beeindrucken und antwortete schnippisch: „Gott, hab ich aber ein Glück … Wie wäre es, wenn du mir erstmal erklärst, was ein Gründer überhaupt ist! Und was heißt hier eigentlich vorbereiten?“

      Ich denke, mit Gründer meint er mich. Allerdings tappe ich, was diese Vorbereitungen angeht, ebenso im Dunkeln wie du, Anya Bauer.

      „Was heißt hier, du denkst!?“, wandte sich Anya an die Decke des Wohnzimmers. „Kann es sein, dass du in der Dämonenschule, als es um Eden ging, zufällig wegen akuter Hirnabstinenz gefehlt hast!?“
      „Weiß er nicht, dass er ein Gründerindividuum ist?“, fragte Matt überrascht.
      Anya verzog verärgert das Gesicht und ließ sich in die Lehne des Sessels fallen. „Offensichtlich nicht, Schlaumeier. Aber du. Wie wäre es also, wenn du den Mund aufmachst und zu singen beginnst? Bevor ich auf die Idee komme, Barbie als Vorhut reinzuschieben!“
      „Ist im Grunde ganz einfach“, meinte der Schwarzhaarige und ließ sich ebenfalls wieder zurückfallen. „Die Dämonen, die als Gründer bezeichnet werden, sind die einzigen ihrer Art, die die Vorgänge rund um Eden in Gang setzen können. Als du den Pakt mit deinem unsichtbaren Freund geschlossen hast, hast du damit automatisch alles in die Wege geleitet. Herzlichen Glückwunsch, in zwei Wochen wird der Turm von Neo Babylon deine Schule platt machen. Gut gemacht!“
      „Häh? Hast du das gewusst?“, fragte Anya Levrier, da sie sonst keine Idee hatte, was sie sagen sollte. Ihr war das alles jetzt schon viel zu kompliziert.

      Ja. Der Turm von Neo Babylon ist essentiell für unser Unterfangen. Ohne ihn ist es unmöglich, Eden zu werden.

      „Komisch. Warum überrascht mich es mich gar nicht, dass du mir das bisher verschwiegen hast?“, fragte Anya bissig und wandte sich an Matt. „Deine Erklärung, Einstein?“
      Der junge Mann in Schwarz schloss die Augen und überlegte. Kurz darauf öffnete er sie wieder und setzte zur angeforderten Erklärung an. „Hör zu, Anya. Mein Wissen ist auch nur sehr lückenhaft, deswegen werde ich dir nicht sagen können, wie du Eden wirst, geschweige denn genau das verhindern kannst. Alles was ich weiß, habe ich aus diversen Aufzeichnungen, die die Dämonenjäger und gescheiterten Gründerindividuen uns hinterlassen haben. Hätte Refiel in dem Duell zwischen dir und Alastair deinen 'Kumpel' nicht als Gründer erkannt, wüssten wir bis heute nicht, womit wir es zu tun haben.“
      „Ahja. Und weiter?“ Anya spielte gelangweilt mit einer blonden Strähne, die ihr im Gesicht hing.
      Seufzend legte Matt seine Unterarme auf die Oberschenkel und ließ den Kopf hängen. „Sie alle beschreiben den Beginn dieses Prozesses wie folgt. Zunächst formt der Gründer mit einem Menschen, der ihm würdig erscheint, einen Pakt. Dieser ist der Grundbaustein für alles, was folgt. Dort, wo er geschlossen wurde, wird zum vorgesehenen Tag der Turm von Neo Babylon erscheinen.“
      „Das wäre ja in der Aula“, überlegte Anya. Plötzlich legte sie ein triumphierendes Grinsen auf, als sie realisierte, was Matts Worte bezüglich der Livington High bedeuteten. „Geil! Heißt das, die Schule verschwindet?“
      „Weiß ich nicht. Was ich weiß ist, dass du nur im Turm selbst zu Eden werden kannst.“
      „Dann bleib ich dem Teil einfach fern“, schloss Anya daraus stolz und lehnte sich entspannt zurück. „Problem gelöst.“
      Matt lachte zynisch auf. „Als ob. Die Letzten, die das versucht haben … ach egal.“ Wieder ließ er den Kopf hängen. „Es funktioniert nicht. Bisher hat niemand der Betroffenen einen Weg gefunden, den Prozess von Edens Erwachen aufzuhalten. Genau wie es wohl noch nie jemandem gelungen ist, Eden zu erwecken.“

      Ich habe es in der Vergangenheit bereits versucht. Auf der höchsten Spitze des Turms, im Kristallsaal, sollte es stattfinden. Doch mein Gefäß starb einen elendigen Tod, bevor das eigentliche Ritual überhaupt begonnen hatte. Bis heute habe ich dafür keine Erklärung gefunden.

      „Huuu, die guten Nachrichten häufen sich“, brummte Anya und richtete ihr Wort an Matt. „Das wird ja immer besser. Weißt du zufällig, warum bisher jeder gescheitert ist?“
      „Offensichtlich weil die falsche Menge an Zeugen als Opfer angeboten wurde.“
      Einmal mehr runzelte Anya in ihrer Unwissenheit die Stirn und verschränkte genervt die Arme. „Und das Ganze heißt übersetzt soviel wie … ?“
      „Es heißt“, sprach Matt und sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich. Auch wurde er plötzlich sehr leise, dass Anya sich regelrecht in seine Richtung beugen musste. „Es heißt, dass du allein nicht imstande bist, Eden zu wecken.“
      „Ahja?“
      „Ja …“ Mit einem Ruck sah er weg. „Du brauchst diejenigen, die die Zeugen der Konzeption genannt werden. Menschen, die ebenfalls im Pakt mit einer hohen Wesenheit stehen. Du erkennst sie an den Malen an ihren Armen, die deinem ähneln. Jede Wesenheit hat dabei ihr eigenes Symbol. So hat es zumindest einer der gescheiterten Gründer ausgedrückt.“
      Die Blondine hob ebendiesen Arm und betrachtete das schwarze Kreuz im Dornenkranz auf ihrer Haut. Anschließend sah sie wieder auf. „Klingt scheiße.“
      „Ist es auch, denn sie müssen für Eden geopfert werden. Aber wie viele gebraucht werden … weiß niemand. Und das ist der Grund, warum ich hier bin. Die Zeugen … du wirst sie ins Unglück stürzen.“

      Anya Bauer! Wenn das der Wahrheit entspricht, ist Valerie Redfield in großer Gefahr! Sie besitzt ebenfalls ein solches Mal!

      Noch bevor Levrier geendet hatte, sprang Anya mit funkelnden Augen auf. „Eden, ich komme! Alter, endlich werd' ich diese Dumpfralle los! Hallelujah!“
      Matt klatschte sich die Hand an die Stirn und schüttelte den Kopf. „Hast du überhaupt zugehört? Da könnten Menschen sterben! Wegen dir!“
      Allerdings interessierte das Anya nicht. Sie blickte gleichgültig auf ihn herab und verzog keine Miene, als sie sagte: „Wen juckt's?“
      „Mich!“ Nun war auch Matt aufgesprungen.

      Ich sage das nur ungern, aber auch Marc Butcher muss demnach ein Zeuge der Konzeption gewesen sein. Das ist also die Verbindung, die ich zu diesem Dämon, Isfanel, gespürt habe. Sein Gefäß ist ein potentielles Opfer gewesen. Das erklärt, warum ich beim letzten Versuch, Eden zu erwecken, gescheitert bin. Ich habe nicht um die Existenz jener Zeugen der Konzeption gewusst … doch …

      Allerdings hörte Anya gar nicht zu, sondern funkelte nur ihr Gegenüber an. Dabei erwiderte sie nicht minder aufgebracht und wild gestikulierend: „Wen verdammt nochmal juckt's? Es hat doch jeder selbst die Wahl, ob er diese Paktkacke annimmt oder nicht! Redfield hätte eben das Kleingedruckte lesen müssen! Und ich werde sicher nicht wegen der …“ Doch Anya wusste nach wie vor nicht, was genau die Konsequenzen ihres Scheiterns waren. Deswegen stampfte sie wütend auf. „Ich werde definitiv, aber so was von sicher NICHT aufgeben, klar!? Was soll ich auch tun, wenn es sowieso keinen Weg gibt, den Mist zu beenden!?“
      „Du bist ein Monster, weißt du das!?“, erwiderte Matt, dessen Kopf hochrot vor Wut geworden war. „Und da heißt es, ich wäre die Verkörperung eines Dämons, huh!? Lächerlich!“
      „Ach ja? Na warum killst du mich dann nicht, wenn ich doch so böse bin und du mich am liebsten loswerden würdest!?“, fragte Anya provozierend und winkte Matt tollkühn zu sich. „Lass uns da weitermachen, wo wir eben aufgehört haben!“
      „Pah!“, raunte der Dämonenjäger und winkte ab. Er wandte sich dem Fenster zu und durchschritt das Wohnzimmer. Den Blick von ihr abgewandt, murmelte er verbittert: „Was glaubst du wohl? Wenn das ginge, hätte Alastair schon längst kurzen Prozess mit dir gemacht.“
      Das Mädchen schnalzte mit der Zunge und grinste gehässig. „Der hat wohl eingesehen, dass ich in einer anderen Liga spiele als er.“
      Matt sah sie über seine Schulter hasserfüllt an. „Soll das ein Scherz sein? Nur weil du nahezu unsterblich bist, heißt das nicht, dass du uns überlegen bist.“

      Er weiß davon!?

      „Wovon?“ Anya blinzelte verdutzt. „Huh?“
      Vor Verwirrung verzichtete sie sogar auf ihre obligatorischen Protestsprüche inklusive Beleidigung und Drohgebärden. „Unsterblich, ich? Bin ich endlich ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen worden?“
      Matt lachte zynisch auf. „Klar, als größter Kotzbrocken der Menschheit! Pff, so etwas Ähnliches hat deine Freundin damals auch gesagt, als ich ihr davon erzählt habe.“
      „Danke, du hast ja doch Ahnung“, erwiderte Anya, stolz auf seine ursprünglich als Beleidigung gemeinten Worte. „Aber was soll das heißen, meine Freundin habe etwas Ähnliches gesagt? Meinst du Abby?“
      „Als ich ihr sagte, dass der Pakt mit dem Gründer dir zeitweilige Unsterblichkeit verleiht, hat sie auch so einen ähnlichen Witz gerissen.“ Der Schwarzhaarige musste bei dem Gedanken daran schmunzeln. Zu diesem Zeitpunkt hatte dieses Mädchen noch nicht geahnt, was ihr bevorstand.
      Doch als er sah, wie Anyas Züge sich verhärteten, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. „Sie hat dir nichts davon erzählt?“
      „Allerdings …“
      Matt stöhnte auf und schlug sich die Hand vor die Stirn. „Oh verdammt! Und ich Idiot serviere dir das auch noch auf dem Silbertablett?“ Er schüttelte den Kopf und musste auflachen. „Man … ich und mein Glück. Da zerfetzt die mir den Arm und erzählt dir dann nichts von alldem?“ Schließlich pfiff er anerkennend. „Respekt. Diese Abby ist sogar loyal ihren Feinden gegenüber.“
      „Aller-dings“, knurrte Anya unmenschlich und ballte eine Faust.
      Mit einem Mal sah der Dämonenjäger das Mädchen mit einem fiesen Grinsen an. „Ob das daran liegt, dass sie sich umentschieden und die Seiten gewechselt hat?“
      „Das werden wir gleich herausfinden!“, donnerte Anya wütend. „Wenn ich die in die Finger bekomme, mache ich sie kalt, dann warm und anschließend wieder kalt!“

      Es hatte sie wie ein Schlag getroffen. Nicht die Unsterblichkeit, die war ihr egal. Aber dass Abby ihr nichts davon erzählt hatte, war für Anya schlichtweg Verrat. Ausgerechnet sie, ihre beste Freundin!
      Wie viel hatte sie von Matt erfahren? Alles eben Gesagte? Oder gar noch mehr? Warum!?
      Nach allem, was Anya für sie getan hatte. Was zugegebenermaßen etwas mehr hätte sein können, aber dennoch! Sie hatte Abby davor bewahrt, eine Mörderin zu werden, noch dazu hatte sie sie überhaupt erst aus den Fängen Alastairs befreit und sie hatte ihr ihr Selbstvertrauen wiedergegeben, nachdem sie Angst vor sich und ihrer Herkunft entwickelt hatte! Und was war der Dank!?
      Verrat! Diese miese Lügnerin! Was sollte dann das auf dem Dach neulich? Wollte Abby sie zu diesem Zeitpunkt tatsächlich umbringen und hatte es schlichtweg aus Feigheit nicht durchziehen können?
      Anya wusste nicht mehr, ob das Mädchen noch Freund oder Feind war. Genau wie Levrier, der ihr all dies ebenfalls verschwiegen hatte.
      Sie würde die beiden-!

      „Oh verdammt!“, polterte Matt plötzlich und schreckte vom Fenster zurück.
      „Was ist denn!?“, fauchte Anya ihn an, denn sie hasste es, wenn man ihre theatralischen Momente unterbrach. Nicht mal ungestört aufregen konnte man sich mit dem!
      Matt deutete mit dem Daumen Richtung Fenster. „Ich schätze, wir haben unerwartet Besuch bekommen.“
      Widerwillig trat Anya zu ihm und sah hinaus auf die Straße. Und als sie erkannte, was er meinte, stöhnte sie frustriert auf. „Oh, na toll! Jetzt ist auch noch Oddstrange McWeirdo hier. Und ich dachte echt, der Tag kann nicht mehr beschissener werden!“
      Wenn man jedoch Alastairs vernarbtes Gesicht dort draußen recht betrachtete, wie er dort auf dem Bürgersteig vor Anyas Gartentür stand, mochte man glatt vom Gegenteil ausgehen. Denn Anyas Zorn schien nichts zu sein im Vergleich zu dem, der Alastair offensichtlich hierher geführt hatte. Still stand er da und wartete, hatte er die beiden am Fenster schließlich längst bemerkt.
      „Das wird jetzt weniger lustig“, meinte Matt nachdenklich. Er wandte sich vom Fenster ab und schritt durch das Wohnzimmer, um das Haus zu verlassen. Anya blickte ihm genervt hinterher.
      „Was will der überhaupt hier? Will der mir plötzlich auch helfen?“
      Sie folgte ihm zur Haustür.
      „Nein“, meinte er, wobei er schon vor ebenjener stand. „Ganz im Gegenteil. Alastair will dich am liebsten auf einem Scheiterhaufen sehen. Nur geht das eben nicht so leicht. Aber dass er sofort spitzgekriegt hat, dass ich mit dir gemeinsame Sache machen will … Naja, so misstrauisch wie er ist.“
      „Gibt's etwa Ärger im Paradies oder was ist los?“, raunte Anya spitz. „Ich dachte ihr seid'n Team?“
      „Wart ab und sieh selbst.“
      Das gesagt, öffnete Matt die Tür und trat ins Freie, dicht gefolgt von Anya, der langsam der Kopf vor so viel Informationsinput zu dröhnen begann. Dabei rief sie ihm hinterher: „Und nur damit du es weißt, ich glaube dir sowieso kein Wort! Du und ich, Partner? Pah, eher heirate ich Nick!“
      „Pff, wenn du meinst …“

      Als Matt dicht gefolgt von Anya über den Weg hin zur Gartentür des Grundstücks ging, richtete er seinen Blick starr auf Alastair. Es war wie ein Marsch bei einer Beerdigung, so kam es dem Dämonenjäger zumindest vor. Und so wie er Alastair kannte, plante dieser wahrscheinlich schon fleißig an der seinen.
      „Was für ein seltener Anblick“, spottete Alastair, als die beiden Partner sich schließlich durch den Zaun getrennt gegenüber standen. „Der Jäger und seine Beute, vereint.“
      „Na so weit sind wir noch nicht“, meinte Matt gelassen.
      Anya ihrerseits fügte scharfzüngig hinzu: „Und werden es auch nie sein! Niemand, der Anya Bauer-“
      „Halt den Mund, Schlangenzunge“, verlangte Alastair ruhig aber bestimmend und schenkte dem Mädchen gar keine Beachtung, fixierte sich stattdessen auf Matt. „Hast du mir irgendetwas zu sagen?“
      „Kommt drauf an, was du hören willst.“
      „Eigentlich spielt es keine Rolle, was dich hierher geführt hat. Du lässt dich auf sie ein? Das macht uns zu Feinden.“ Der entstellte Alastair in seinem roten Mantel zog aus einer Innentasche ebenjenes ein Messer und zeigte damit auf seinen Freund. „Erwartete keine Gnade, nur weil wir uns nahestanden.“
      Matt lachte fassungslos auf und breitete seine Arme aus. „Du willst das wirklich durchziehen? Ohne zu wissen, warum ich überhaupt hier bin? Seit wann bist du so verdammt ignorant?“

      Doch statt einer Antwort erwartete Matt ein Ausfallschritt nach vorne. Das Messer schoss an seiner Wange vorbei, während er nach rechts auswich und Alastairs Arm packte. Allerdings konnte er den darauf folgenden Faustschlag seines Gefährten nicht abwehren und wurde an der Wange getroffen.
      „Hör auf damit!“, forderte Matt, machte einen Satz über Anyas Gartentor und stand Alastair gegenüber. Nur um anschließend dessen Hieben und Stichen ausweichen zu müssen.
      Zeitgleich staunte Anya, wie schnell die beiden in ihren Bewegungen eigentlich waren. „Alter Falter!“

      Was erwartest du? Diese beiden haben sich dem Kampf gegen die unseren verschrieben. Dass sie dazu körperlich und geistig trainiert sein müssen, ist eine Selbstverständlichkeit.

      „Ach halt die Klappe!“
      Das Mädchen hoffte darauf, dass einer der beiden es schaffte, den anderen einen Kopf kürzer zu machen. Dann müsste sie nämlich nur noch die Reste beseitigen. Zu denen übrigens auch Abby gehören würde!

      Matt wich ein weiteres Stück von Alastair zurück. „Hör doch endlich zu!“
      „Wieso sollte ich? Du wusstest um die Konsequenzen deines Handelns!“ Alastair verzog wütend sein Gesicht, was bei seinen vielen Brandnarben nahezu grotesk wirkte, als trage er eine Maske. „Schon damals, als du Idee hattest, einen Dämon auf sie zu hetzen, habe ich geahnt, dass es irgendwann hierzu kommen würde! Wie gut, dass es dazu nie gekommen ist! Dennoch hat dich der heilige Refiel deswegen im Auge behalten! Ich musste wissen, was in dir vor sich geht!“
      „Dann hat dein Haustier mich also ausspioniert, huh?“, erwiderte Matt bissig. „Du vertraust wirklich niemandem, oder?“
      Alastair jedoch polterte: „Rede nicht so über einen Engel! In der Tat, ich vertraue niemandem! Und du bist der beste Beweis dafür!“
      Auf seine harschen Worte hin zuckte Matt zusammen, denn er konnte die Wahrheit in ihnen nicht verleugnen.
      „Recht hat er …“ Anya ebenso wenig.

      „Bleibt mir wohl nichts anderes übrig …“
      Plötzlich zückte Matt aus der Tasche seines schwarzen Ledermantels zwei weiße Karten, von denen er eine in die Höhe warf und eine direkt auf Alastair zu. Es gab zwei grelle Lichtblitze und als Anya ihre Augen öffnete, musste sie schlucken.
      Der Himmel war verdunkelt, in tiefstem Blau, als wäre die Nacht angebrochen. Außerdem schien es so, als wären einige der Häuser des beschaulichen Vororts Livington plötzlich durch unsichtbare Mauern direkt in ihrer Mitte durchtrennt worden. Wie ein Würfel schien der Bannkreis sich über ihr Umfeld gelegt zu haben.
      Sie stöhnte. „Jetzt geht das wieder los …“
      Plötzlich loderten schwarze Flammen um die beiden auf. Anya wich erschrocken zurück, als jene den Gartenzaun verbrannten und einen Teil des Grundstücks zu verschlingen begannen.
      „Spinnst du!? Meine Mutter wird mich dafür umbringen!“, keifte sie dabei und zeigte auf das Feuer, denn sie wusste bereits durch das Duell mit Alastair, dass der Schaden bestehen bleiben würde. Dass die Flammen aber auch auf das Nachbargrundstück herfielen, war Anya auf der anderen Seite völlig egal. So sparte sie sich wenigstens die Mühe damit, es irgendwann selbst zu tun.
      „Sorry, aber das muss sein“, entschuldigte sich Matt, während vor ihm und Alastair jeweils ein schwarzes Tuch aus Samt schwebte. Anya erkannte sie wieder, es waren diese Dinger, die wie Duel Disks funktionierten. „Tut mir leid um dein Grundstück, aber bevor Alastair hier noch völlig durchdreht, dachte ich mir, dass wir das unter uns regeln sollten. Ohne Zuschauer versteht sich.“
      „Und deswegen ein Duell?“, fragte sein Kamerad höhnisch.
      Matt nickte ihm mit siegessicherer Mimik zu. „Sicher. Kann ja sein, dass du mir an den Kragen willst. Bei mir sieht das allerdings etwas anders aus. Irgendwie muss ich mich ja verteidigen, oder?“

      Alastair betrachtete das schwebende Tuch mit dem eingenähten Duel Monsters-Spielplan darin, seine eigene Schöpfung. Die Flammen würden erst verschwinden, wenn der Zauber, der in dem schwarzen Stoff verwoben war, seine Wirkung verlor. Und das ging nur durch ein Duell. Er hatte also gar keine andere Wahl.
      Wütend sah er auf. „Was bezweckst du mit dieser Farce? Du verbündest dich mit dem Feind und nun das?“ Er richtete sich dabei an Anya. „Was soll das, Dämon? Hast du seinen Verstand verhext?“
      Nicht weniger abweisend und zynisch erwiderte die: „Das musst du schon Matt von Schwafel fragen und nicht mich!“
      „Kapierst du es nicht?“, herrschte jener seinen Freund und Mentor an. „Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten! Anya zu töten ist so oder so nahezu unmöglich, warum also versuchen wir nicht, ihr stattdessen zu helfen?“
      Alastair verengte seine Augen zu Schlitzen und zischte: „Warum würde ich so etwas tun wollen? Sie ist eine Dämonenanbeterin und sollte vernichtet werden!“
      „Genau das ist doch der springende Punkt! Dazu sind wir nicht in der Lage und das weißt du! Ich für meinen Teil werde aber nicht einfach nur zusehen, wie du in Lebensgefahr schwebst! Ich habe schon einmal meine Familie verloren, das wird mir kein zweites Mal passieren!“
      Plötzlich erweckte Matt den Eindruck, als wäre er unendlich traurig. Er neigte den Kopf zur Seite und biss sich auf die Lippe, scheinbar erdrückt von der eigenen Hilflosigkeit gegenüber seinem Freund.

      Erstaunt wandte Anya sich an den Schwarzhaarigen, welcher die Fäuste ballte und mit entschlossenem Blick auf Alastairs Reaktionen abwartete. „Was geht denn mit dir ab? Seit wann ist ausgerechnet der denn in Gefahr?“
      „Sag's ihr“, verlangte Matt daraufhin von seinem Gegenüber.
      „Pff …“
      Alastair schloss die Augen und hob seinen rechten Arm, ehe er den roten Stoff seines Mantels wegschob. Und was Anya dort erblickte, verschlug ihr glatt die Sprache. Neben dem vernarbten Gewebe war deutlich ein gelbes Mal zu sehen, welches eine Lanze darstellte, die direkt durch den Brustkorb eines Skeletts ging, einem schräg nach unten gerichtetem Pfeil gleich.
      „W-was!?“, sprudelte es schließlich aus dem Mädchen heraus. „Der auch!?“
      „Das war der Preis, den ich zahlen musste, um des Heiligen Refiels Kraft zu empfangen“, erklärte Alastair emotionslos. „Wie du siehst, spielt es keine Rolle, ob Engel oder Dämonen dich erwählen. In beiden Fällen wirst du ein Zeuge der Konzeption.“

      „Verstehst du nun, warum ich mit dir zusammenarbeiten will?“, fragte Matt Anya bedrückt. „Wirst du zu Eden, geht er hopps.“
      Er wandte sich an das Mädchen und musste erstaunt feststellen, dass sie nicht mehr auf der anderen Seite des schwarzen Feuerwalls stand. Erschrocken erkannte er, dass sie am Boden lag und sich nicht rührte.
      „Anya!“, rief er und starrte Alastair verwirrt an. „Was ist mit ihr?“
      „Ihr Dämon hat sie ins Elysion befohlen“, antwortete jener unterkühlt. „Sieht so aus, als gäbe es Dinge, die er vor uns nicht bereden will. Im Elysion kann Refiel ihn nicht hören.“
      „Bist du dir sicher? Sie-“
      Alastair schnaubte. „So besorgt bist du also um jemanden, der vor Kurzem noch dein Erzfeind war. Kümmere dich nicht um sie. Bin nicht ich es, der im Mittelpunkt deiner Aufmerksamkeit stehen sollte?“
      Aufgewühlt sah Matt abwechselnd zur bewusstlosen Blondine und Alastair, nicht wissend, wie er darauf reagieren sollte. Ihm war klar, dass mit seinem Freund ohnehin nicht zu diskutieren war. Sie beide wussten, dass sie das Duell austragen mussten, damit ihr loderndes Gefängnis verschwand, doch die Frage war, wie Alastair spielen würde. Er hatte Refiel, mit dem er realen Schaden durch seine Angriffe anrichten konnte. Matt hatte da bedeutend weniger Glück.

      „Wenn du wirklich diesen Pfad beschreiten willst, sind wir fortan Feinde“, sprach Alastair ungerührt von der Verzweiflung seines ehemaligen Kameraden, denn diese war jenem regelrecht ins Gesicht geschrieben. So war es immer gewesen, wenn in Matt ein Kampf um die Frage entfacht war, was das Richtige sei.
      Der Dämonenjäger schüttelte auf Alastairs Worte hin vehement den Kopf. „Hör auf zu reden, als wäre alles so simpel, verdammt! Du warst es doch erst der Auslöser für alles! Wegen dir hat Anya den Pakt geschlossen! Also tu nicht so, als wäre alles meine Schuld! Stattdessen solltest du uns lieber helfen, einen Ausweg aus dieser Misere zu finden!“
      „Ich werde niemals mit Dämonen kooperieren!“ Das war Alastairs letztes Wort. Um dies zu verdeutlichen, legte er sein Deck auf die dazugehörige Fläche des schwebenden Tuches, welches sich verhärtete und zu einer Marmorplatte wurde.
      „Dann werde ich dich eben dazu zwingen!“, erwiderte Matt und tat es ihm gleich.
      Das entlockte dem hochgewachsenen Mann mit dem langen, schwarzen Haar, von dem ihm ein Teil in Form eines Zopfes über der linken Schulter lag, ein höhnisches Gelächter. „Thh! Und wie willst du das anstellen? Mit einem bedeutungslosen Duell wie diesem? Du müsstest mich schon töten, um etwas an dieser Situation zu verändern. Aber zu so etwas bist du nicht in der Lage, auf die eine oder andere Weise. Warst du noch nie.“
      Die traurige Wahrheit ließ Matt zusammen krampfen. Dennoch blieb er kämpferisch und versuchte sich an aufgesetzter guter Laune, wie er es immer tat, wenn er in Wirklichkeit verzweifelt war. „Wart es ab. Wie du weißt, bin ich immer für eine Überraschung gut.“
      „Hmpf!“
      Schließlich schrien beide: „Duell!“

      [Alastair: 4000LP / Matt: 4000LP]


      „Ich bin der Herausforderer, also fange ich auch an!“, stellte Matt klar, nachdem beide über ihr Startblatt verfügten.
      Doch kaum hatte er sein Deck berührt, durchlief ein eisiges Gefühl seinen Armen und breitete sich in seinem ganzen Körper aus. Seine Sicht verschwamm und statt der schwebenden Marmorplatte entstand ein völlig anderes Bild vor seinen Augen.

      Alastair stand ihm in erhabener Pose im schwarzen Flammenkreis gegenüber, während weit über ihm eine eine weiße, mechanische Kreatur schwebte. Metallische Schwingen besaß sie, wie die eines Engels. Verbunden waren sie mit einem goldenen Ring, der sich am Rücken jenes Wesens befand, das statt Beinen eine Art Turbine am Unterleib besaß. Es streckte seinen rechten Arm in Matts Richtung und bündelte von der Handfläche aus eine gleißende Lichtkugel.
      „Das war's wohl“, sagte er, ohne überhaupt zu wissen warum er das tat. „4400 Angriffspunkte sind genug, um mich mit einem Schlag zu vernichten. Dumm gelaufen, huh? Hat ja nicht lange gedauert.“
      Das waren nicht seine Worte, dachte Matt daraufhin erschrocken und erkannte, dass dies eine Vision sein musste. Und er kannte dieses Monster, dem Alastair nebenbei lauthals den finalen Angriff befahl. Es war [Vylon Epsilon].
      „Judgment Bomber!“
      Alastairs engelhafte Kreatur schoss nun die Lichtkugel in seiner Hand auf Matt ab, welcher schreiend in einer Explosion unterging.


      Sogleich verschwamm alles und Matt sah wieder den Spielplan vor sich schweben, immer noch die Finger auf die oberste Karte seines Decks gelegt.
      Fassungslos, was gerade geschehen war, blickte er auf und starrte Alastair an. „Was … war das?“
      „Wovon redest du?“, erwiderte der kühl. „Willst du nun beginnen oder nicht?“
      „K-klar.“
      Er zog hastig und ließ das eben Erlebte Revue passieren. Alastair hatte ihn mit einem Schlag besiegt, das war, was er gesehen hatte. Doch wieso? War das die Zukunft? Wenn ja, warum hatte er diese gesehen? Das ging doch weit über seine Fähigkeiten und die eines Dämonenjägers im Allgemeinen hinaus!
      Matt warf einen Blick auf sein Blatt. Was immer er da gesehen hatte, es musste etwas bedeuten! Konnte das Refiels Einwirken gewesen sein, um zu verhindern, dass etwas Schlimmes geschah?
      Der junge Mann schüttelte den Kopf. Nein, Refiel war ganz auf Alastairs Seite. Beziehungsweise kam es ihm eher so vor, als würde Refiel Alastair regelrecht lenken. Diesem Engel, den er nie gesehen hatte, traute Matt ohnehin nicht über dem Weg. Es war völlig undenkbar, dass der ihm beistehen wollte.
      Also woher kam diese Vision dann?
      Egal was es war, Matt war nicht so töricht, sie einfach zu ignorieren. Wenn Alastair wirklich vorhatte, ihn binnen eines Zuges zu besiegen, musste er unbedingt auf Nummer Sicher gehen. Denn es war zu erwarten, dass das, was Matt eben gesehen hatte, schon nächste Runde geschehen würde.

      „Ich setze ein Monster verdeckt!“, rief Matt und knallte eine Karte auf den Spielplan. Daraufhin erschien besagte Karte vor ihm in vergrößerter Form und Querlage. „Außerdem aktiviere ich [Foolish Burial]. Damit schicke ich ohne Umschweife ein Monster von meinem Deck auf den Friedhof.“
      Der junge Dämonenjäger schnappte sich sein Deck und zückte schließlich [Steelswarm Scout], den er zusammen mit seiner Zauberkarte auf den Ablagestapel legte. „Sehr gut. Zug beendet!“
      Matt überkamen jedoch Zweifel. In die Zukunft zu sehen war unmöglich! Nein, wegen seiner Nervosität musste ihm seine Fantasie einen Streich gespielt haben. Anders war das nicht zu erklären, was er gesehen hatte.

      „Mein Zug.“
      Alastair legte wortlos [Vylon Prism] auf seinen Spielplan. Sofort im Anschluss erschien das weiß-goldene Wesen, einem hohen Schild in Prismaform nachempfunden, vor ihm.

      Vylon Prism [ATK/1500 DEF/1500 (4)]

      „Nun von meiner Hand die Magiekarte [Celestial Transformation]. Dank ihr beschwöre ich von meiner Hand ein Monster der Gattung Fee als Spezialbeschwörung.“ Er legte sein Monster neben [Vylon Prism] und reckte stolz das Kinn. „Dabei gehen jedoch die Hälfte seiner Angriffspunkte verloren und es wird am Ende des Zuges sterben. Ich wähle [Vylon Hept].“
      Eine weitere weiße Gestalt erschien, die breite Arme, dafür aber keinen Unterleib besaß. Goldene Schwingen ragten aus seinem breiten Rücken und ließen es nicht weniger edel erscheinen als seinen Kameraden.

      Vylon Hept [ATK/1800 DEF/800 (4)]

      „Was-!?“ Matt konnte es nicht glauben. Das bedeutete-
      Alastair schwang seinen Arm aus. „Du weißt, was dich jetzt erwartet. Ich stimme den Stufe 4-Empfänger [Vylon Prism] auf [Vylon Hept] ein! Infinite power lies within the tormented soul! Rule this world with your penetrating gaze! Synchro Summon! Descend down, [Vylon Epsilon]!“
      Ein gleißendes Licht breitete sich im Bannkreis aus, als [Vylon Hept] durch die vier typischen, grünen Synchroringe flog. Ein mechanisches Schnarren ertönte, als über Alastair eine weiße Maschine mit ebenso weißen Metallschwingen herabstieg. Jene Flügel waren an einem goldenen Ring befestigt, der über seinem Rücken angebracht war und wie alle Vylon-Monster mangelte es auch Epsilon an Beinen, wofür er stattdessen eine turbinenähnliche Vorrichtung besaß, mit der er zu schweben vermochte.

      Vylon Epsilon [ATK/2800 DEF/1200 (8)]

      „Unmöglich …“, murmelte Matt fassungslos im Lichte des majestätischen Ungetüms.
      „Natürlich ist das möglich. Und sieh her, es ist noch nicht vorbei!“ Alastair zückte [Vylon Prism] zwischen seinen Fingern hervor und erklärte: „Indem ich mein Leben um 500 Punkte verkürze, kann ich diese Karte zu einer Ausrüstungsmagie umfunktionieren, sobald sie den Friedhof betritt. Diese verbindet sich nun mit [Vylon Epsilon] und stärkt es nur im Falle eines Kampfes um 1000 Angriffspunkte!“

      [Alastair: 4000LP → 3500LP / Matt: 4000LP]


      „Also 3800 im Ernstfall“, zählte sein Gegner nur gebannt mit, als eine durchsichtige Abbildung des prismaartigen Schildes in [Vylon Epsilon] verschwand. „600 fehlen noch …“
      „600?“, hakte Alastair mit unterschwelligem Erstaunen nach. „Du weißt also schon, was jetzt geschehen wird?“
      „Man könnte sagen, ich kann es mir denken“, erwiderte Matt grimmig. Was er gesehen hatte, es würde eintreten. Aber das war völlig absurd!
      „Hmpf, wie auch immer. Ich aktiviere von meiner Hand die Ausrüstungsmagie [Vylon Material], die meine Kreatur um 600 Angriffspunkte verstärken wird. Doch ich benutze [Vylon Epsilons] Effekt und schicke besagte Ausrüstung sofort wieder auf den Friedhof, um dein Monster zu vernichten! Declaration of Superiority!“
      Epsilon legte seine gewaltigen Hände aufeinander und schoss eine Lichtkugel auf Matts gesetzte Karte ab, die in einer grellen Explosion zerfetzt wurde. Kurz erschien eine schwarze Bienengestalt, die jedoch unter dem Druck des unnatürlich lodernden Infernos einfach zersprang.
      „Wie du weißt, erhalte ich eine neue Vylon-Magiekarte, wenn [Vylon Material] auf den Friedhof geschickt wird.“ Alastair zeigte eine weitere Kopie besagten Ausrüstungszaubers vor. „Diese hier soll es sein und deinen Untergang besiegeln, indem ich mein Monster auf 4400 Angriffspunkte bringe und dich mit einem Schlag vernichte!“

      Ein dünner Stachel schoss aus den weißen Flammen und drang direkt in [Vylon Epsilons] Brust ein.
      Matt stand mit verschränkten Armen hinter seiner Marmorplatte und grinste zufrieden. „Dacht ich's mir doch. Du hast gerade [Steelswarm Sting] zerstört und damit deinen Untergang besiegelt, nicht meinen. Wie du weißt, reißt Sting ein beliebiges Ritual-, Fusions- oder Synchromonster mit sich ins Verderben. Bye bye, [Vylon Epsilon]!“
      Mit einem noch lauteren Knall detonierte der Stachel in der Brust des mechanischen Engels und riss ihn so in tausende Stücke. Erstaunt sah Alastair nach oben, von wo überall Einzelteile seiner Kreatur herabregneten und sich auflösten.
      „Tja, sieht so aus, als hätte der Schüler seinen Meister überholt. Ich kann deine Gedanken lesen, weißt du?“, triumphierte Matt zufrieden. Und überspielte damit den Fakt, dass er diesen Sieg nur dieser seltsamen Eingebung zu verdanken hatte.
      „Du hast 'meine' Gedanken anscheinend nicht zu Ende gedacht“, holte Alastair ihn da plötzlich mit unheilverkündender Stimme auf den Boden der Realität zurück. „Magiekarte, [Monster Reborn]!“
      „Was-!?“
      Dort, wo eben noch Alastairs Monster zerfetzt worden war, regenerierte es sich in bläulichem Licht nun wieder zu alter Pracht.

      Vylon Epsilon [ATK/2800 DEF/1200 (8)]

      „Verdammt“, schrie Matt fassungslos, „das kann doch nicht wahr sein!“
      „Dachtest du ernsthaft, ich hätte mit so etwas nicht gerechnet?“ Alastair schnaubte abfällig. „Maße dir nicht an, dich über mich zu stellen. Wissen allein genügt dazu nicht. Das beweise ich dir jetzt! Ich rüste [Vylon Epsilon] mit [Vylon Material] aus!“
      Um seine Kreatur erleuchtete eine silberne Aura.

      Vylon Epsilon [ATK/2800 → 3400 DEF/1200 (8)]

      Anschließend streckte Alastair seinen Arm aus und zeigte erbarmungslos auf Matt. „Empfange deine Strafe, Verräter! [Vylon Epsilon], Judgment Bomber!“
      „Oh verdammt!“
      Matt wich noch zurück, doch es geschah innerhalb eines Herzschlags. Die monströse Maschine spannte ihre Schwingen und schoss in so hoher Geschwindigkeit eine gewaltige Lichtkugel aus seinen Händen ab, dass für Matt gar nicht daran zu denken war, sich zu schützen.
      Laut krachend wurde er erwischt und in einer gleißenden Kuppel gefangen, aus der immer wieder und wieder Blitze auf ihn herab sausten, bis er schreiend in die Knie ging und umkippte.

      [Alastair: 3500LP / Matt: 4000LP → 600LP]


      Sein schwarzer Mantel war an einigen Stellen aufgerissen und verbrannt. Dennoch richtete Matt sich ächzend auf und versuchte darüber zu lachen. „Das ist wohl schief gegangen.“
      Wankend auf die Beine gekommen, starrte er ungläubig Alastairs Monster an. „Damit habe ich echt nicht gerechnet.“
      „Und deswegen wirst du mich nie übertreffen können, Matthew Summers.“ Alastair nahm seine letzte Handkarte und legte sie hinter seinem Monster auf den Spielplan. „Diese hier setzte ich, um dein Urteil endgültig zu fällen. Du wirst diesen Kreis nicht lebend verlassen.“
      „Obwohl wir Freunde sind?“, ächzte Matt und hielt sich die Schulter dabei. „Machst du es dir mit deiner Verräternummer nicht etwas zu leicht?“
      „Das sind die Gesetze der Dämonenjäger“, rechtfertigte Alastair sich jedoch nur kalt, „die, die wir alle einhalten müssen. Der Kodex. Tu nicht so, als ob du das nicht hast kommen sehen.“
      Sein Gegner erwiderte jedoch nur trotzig: „Ich habe dir wohl zu viel Menschlichkeit und Verstand zugetraut. Sorry, mein Fehler!“
      „Das Gerede eines Dämonenfreundes interessiert mich nicht. Du bist am Zug. Nutze ihn weise, denn es wird dein letzter sein.“

      Na wie wird er dann erst reagieren, wenn er erfährt, dass wir gleich einen netten Plausch haben werden?

      Matt erstarrte, als er diese spöttische Stimme vernahm. Sofort erkannte er, dass Alastair sie nicht gehört haben konnte. Woraufhin ihn ein unheimlicher Verdacht beschlich.
      „Was bist du?“, flüsterte er. „Hast du mir etwa diese Vision geschickt?“

      Was ich bin spielt doch gar keine Rolle. Menschen … immer müssen sie alles kategorisieren. Aber ja, das war ich. Wer auch sonst?

      „Warum bist du hier und hilfst mir?“ Matt verzog wütend das Gesicht. „Bist du Anyas Dämon? Wenn ja, verzichte ich auf deinen Beistand!“

      Oh mitnichten, ich bin nicht Levirer. Nenne mich einfach … Another. So, und jetzt zum Geschäft.


      Turn 18 – In Cold Blood
      Der Dämon 'Another' stellt Matt vor die Wahl, einen Pakt mit ihm einzugehen. Matt, der um die Lebensgeschichte Alastairs weiß und in Another denjenigen erkennt, der für den Tod von Alastairs Eltern verantwortlich ist, verweigert jedoch jegliche Kooperation. Doch im Angesicht seines früheren Freundes wird ihm klar, dass er ohne Hilfe machtlos ist und nicht mit Gnade rechnen darf. Sollte er den Pakt allerdings annehmen, wird er selbst zu einem Zeugen der Konzeption und somit eine der Opfergaben an Eden, was jedoch auch ein Tor für völlig neue Möglichkeiten öffnet. In Matt entfacht ein schrecklicher Kampf zwischen seiner Loyalität zu Alastair und der Frage, was das Richtige ist …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Matt

      Steelswarm Scout
      Steelswarm Sting

      Foolish Burial

      Alastair

      Vylon Prism
      Vylon Hapt

      Vylon Material x2
      Celestial Transformation
      Monster Reborn

      Vylon Epsilon
      Turn 18 – In Cold Blood



      „A-another?“, stammelte Matt leise, in der Hoffnung, dass Alastair diesen Namen nicht hörte.

      Der einzig Wahre. Von deiner Gemütslage her zu urteilen schätze ich, dass du meinen Namen bereits einmal gehört hast?

      „Soll das ein verdammter Scherz sein?“ Matt bemühte sich, so leise wie möglich zu sprechen, auch wenn er am liebsten schreien wollte. Doch wenn Alastair etwas davon mitbekam, wären die Folgen undenkbar.
      Another war schließlich der Dämon, der Alastairs Familie auf dem Gewissen hat. Und nun sprach er zu ihm, Matt!
      „Was willst du hier?“, zischte er leise und ließ seinen Gegner dabei nicht aus den Augen, tat so, als überlege er sich eine Strategie mit den vier Karten auf seiner Hand.

      Eigentlich wollte ich einen alten Freund besuchen, doch wie es scheint, ist der gerade etwas verhindert. Lass mich raten, du hast in seiner Gegenwart die Worte Dämon und Freund in einem Satz gesprochen? Armer Kerl, ich hab ihm wirklich zugesetzt, nicht wahr?

      Auf die gehässigen Worte hin biss Matt die Zähne zusammen, um bloß nicht die Fassung zu verlieren. Allein anhand der Selbstgefälligkeit dieses Wesens konnte er abschätzen, wie sehr Alastair Another hassen musste. Ein Gefühl, das Matt mit ihm zu teilen begann.
      „Willst du ihm etwas antun?“, fragte er im Flüsterton. „Dann sei dir gewiss, dass ich dich eigenhändig vernichten werde! Ach vergiss es, das werde ich so oder so!“

      Das sagen sie alle. Seit über fünfzehn Jahren verfolgt mich der Bengel und jedes Mal, wenn wir uns begegnen, endet es in einer Katastrophe. Warum glaubst du, dass du besser bist als er, Grünschnabel?

      „Halt's Maul!“, fluchte Matt nun und hätte sich ohrfeigen können.
      „Was ist los?“, fragte Alastair nicht weiter überrascht. „Gehen die Nerven mit dir durch? Du bist am Zug, Verräter.“
      „Ich muss noch etwas überlegen“, grinste Matt gequält, „ist sozusagen ein innerer Konflikt, wie ich dir am besten in den Arsch trete.“

      Momentan sieht es aber nicht so aus, als würdest du das können. Eigentlich ist es eher anders herum der Fall. Und das weißt du auch.


      „Was immer du hier bezwecken willst, ich rate dir zu verschwinden!“

      Sonst? Willst du mich mit deinen Zaubertricks foltern? Was glaubst du denn, warum Alastair mich bisher nicht erledigt hat? Weil körperlose Wesen leider nicht sehr anfällig für Klingen sind. Auch nicht, wenn sie verhext sind. Aber die Erfahrung wirst du sicher auch noch machen. Wenn du noch so lange lebst, heißt es.


      Matt schnaufte wütend.
      Was wollte diese Bestie hier? Ausgerechnet jetzt musste der sich einmischen! Er, der der Grund war, warum Alastair ein Dämonenjäger geworden ist! Und dieses Wesen redete nun auf ihn ein?
      Ganz egal wie man es betrachtete, Matt wusste, dass er in ernsten Schwierigkeiten steckte. Wenn Refiel Anothers Anwesenheit bemerkte, würde Alastair nicht eher schlafen, bis es einen Summers weniger auf der Welt gab!

      Was meinst du? Soll ich dir helfen? Du kennst ja das Procedere.

      Daraufhin glaubte der Dämonenjäger seinen Ohren nicht zu trauen. Hatte Another ihm soeben einen Pakt angeboten?
      „Hilfe!? Von dir!?“

      Gewiss. Du wirst gewiss einsehen, dass deine Lage nicht gerade die Beste ist. Zähl doch mal deine Lebenspunkte. Da macht's einer nicht mehr lange.

      [Alastair: 3500LP / Matt: 600LP]


      Zwar war es richtig, dass Matt deutlich im Nachteil war, aber zu glauben, er würde sich auf einen Pakt einlassen war wahnsinnig! Und schon gar nicht mit Another, dem wohl heimtückischsten Dämonen, dem er und Alastair je begegnet waren.

      Natürlich saß Matt in der Patsche. Sein Feld war leergefegt, seine Hand bestand aus vier relativ nutzlosen Karten und Alastair kontrollierte sowohl eine unglaublich gefährliche Kreatur, als auch eine verdeckte Karte. Was spielte es da für eine Rolle, dass sein Blatt leer war?
      Geradezu majestätisch bäumte sich [Vylon Epsilon] auf und spreizte seine Schwingen, die an einem goldenen Ring über seinem Rücken befestigt waren.

      Vylon Epsilon [ATK/3400 DEF/1200 (8)]

      „Verschwinde!“, zischte Matt und zog von seinem Deck, welches sich auf der schwebenden Marmorplatte befand, auf der der Spielplan von Duel Monsters abgebildet war.
      Doch als Matt die gezogene Karte erblickte, seufzte er. Sie würde ihm zwar etwas Zeit verschaffen, stellte aber keine Lösung für sein Problem dar, an Alastairs Monster vorbeizukommen.

      Sieh an, sieh an. Sind wir immer noch so überzeugt von uns?

      Matt warf einen Blick über die schwarzen Flammen, die den Duellbereich umgaben, damit jener nicht betreten oder verlassen werden konnte. Anya lag immer noch bewusstlos am Boden, da ihr Geist sich vermutlich im Elysion befand und direkt mit Levrier kommunizierte. Das Elysion war der einzige Ort, der zu hundert Prozent sicher vor Refiels Observation war. Wobei es fraglich war, ob Levrier überhaupt darum wusste.

      Dennoch! Wie war Another hier hereingekommen? Denn um die Nachbarschaft herum hatte Matt einen Bannkreis erschaffen, der aus helllichtem Tag eine tiefe Nacht gemacht hatte. Zudem wirkte es in ihm so, als wären einige Gebäude in ihrer Mitte durch die Wände des Bannkreises geteilt worden.
      So einen Bannkreis zu betreten war ohnehin schon sehr schwer. Wenn man jedoch noch nicht einmal über ein Gefäß verfügte, wie es bei Another der Fall war, waren die Chancen unglaublich gering, sich Zugang zu seinem Inneren verschaffen zu können. Woraus Matt mit erzürnter Miene schloss, dass Another bereits hier war, als er den Kreis errichtet hatte. Denn man konnte bei dieser Art von Bannkreis nur diejenigen aussperren, um deren Präsenz man vorher wusste.
      Verfolgte Another Alastair etwa?

      Nanu, so still? Denkst du über meine Worte nach?

      Dem mochte zwar so sein, was Matt sich allerdings nicht anmerken lassen wollte. Er richtete wieder sein Augenmerk auf sein Blatt und musste leise fluchen. Im Zug zuvor hatte er [Steelswarm Scout] auf den Friedhof geschickt und ursprünglich vorgehabt, ihn nächste Runde von dort zu reanimieren und [Steelswarm Moth] zu beschwören, womit er zwei Karten von Alastairs Spielfeldseite auf dessen Hand zurückgeben konnte. Nur gab es jetzt ein Problem: er hatte nicht mehr genug Lebenspunkte für dieses Unterfangen!
      „Okay“, meinte Matt schließlich und zückte eine Karte aus seinem Blatt. Es war die, die er zuvor gezogen hatte. „Diese Runde schlagen wir etwas ruhigere Töne an. Ich aktiviere [One Day Of Peace]. Wir beide ziehen jetzt eine Karte und können bis zum Ende deines nächsten Zuges keinen Schaden mehr an den Lebenspunkten des Gegners anrichten.“
      „Du musst wirklich verzweifelt sein“, meinte Alastair, der die ganze Zeit über geduldig gewartet hatte und nun eine Karte zog. „Das schindet auch nur Zeit. Lange wirst du so nicht durchhalten.“
      Matt zog ebenfalls und ärgerte sich über die Tatsache, dass sein Freund recht hatte. Besonders angesichts seiner neu aufgezogenen Karte, die komplett nutzlos für ihn war. Es half nichts, er musste zusehen, eine halbwegs solide Verteidigung aufzubauen. „Okay! Ich setze eine Karte verdeckt und dazu noch ein Monster im Verteidigungsmodus! Wollen wir erstmal sehen, ob du Recht behältst!“
      Die beiden Karten tauchten vor ihm auf, als er sie auf den Spielplan legte.

      Komm schon, wir beide wissen, dass er recht hat. Und glaub mir, Matt Summers, es wird noch schlimmer werden. Ich weiß es, ich habe es gesehen.


      „Verschwinde endlich aus meinem Kopf, du elende Ratte! Leg dich meinetwegen mit Alastair an, der wartet nur darauf!“

      Eigentlich bin ich auch deswegen hierher gekommen. Die Dinge entwickeln sich zurzeit nicht so, wie ich es mir erhofft habe. Deshalb muss ich sie jetzt gerade biegen.

      „Was soll das jetzt heißen!?“

      Darüber können wir reden, wenn Alastair seinen Zug beendet hat. Ich denke, du wirst dann etwas kooperativer sein.

      Matt pfiff abfällig. Von wegen! Dank des Effekts seiner Zauberkarte war er den ganzen nächsten Zug lang über geschützt!
      „Mein Zug“, verkündete sein Gegner derweil und zog auf zwei Karten auf. Er blickte mit vereister Mimik auf und setzte ein künstliches Lächeln auf. „Es mag stimmen, dass ich nicht effektiv anzugreifen vermag, doch den Effekt von [Vylon Epsilon] kann ich dennoch nutzen.“
      Die über ihm verharrende Engelskreatur legte seine massiven Handflächen aufeinander und bündelte in ihnen eine gleißende Lichtsphäre.
      „Indem ich einmal pro Zug eine Ausrüstungsmagie von meiner Kreatur entferne“, erklärte Alastair, nahm [Vylon Material], mit der Epsilon ausgerüstet war und legte sie auf den Ablagestapel, „zerstöre ich eine deiner Karten. Dein Monster ist mein Ziel.“

      Vylon Epsilon [ATK/3400 → 2800 DEF/1200 (8)]

      Im Anschluss feuerte der mechanische Engel seine Energiekugel ab und löste auf Matts Spielfeldseite eine heftige Explosion aus. Mit wehendem Haar stieß Matt einen wütenden Seufzer aus, hatte er doch gehofft, dass Alastair sich auf seine verdeckte Karte und nicht auf [Steelswarm Gatekeeper] konzentrieren würde.
      „Effekt von [Vylon Material] aktivieren“, rief Alastair unbeirrt, „wenn es auf den Friedhof gelegt wird, erhalte ich eine neue Vylon-Magiekarte von meinem Deck.“
      Er zeigte sie zwischen seinen Fingern. „Dies ist [Vylon Segment]. Und ich rüste [Vylon Epsilon] damit aus, sodass es nun nicht länger als Ziel von Monster- und Fallenkarteneffekten erwählt werden kann.“ Mit einer Karte in der Hand beendete er schließlich seinen Zug. „Dein Ende ist nahe.“

      „Verdammter Mist“, knurrte Matt im Angesicht von [Vylon Epsilon]. Jetzt war diesem Ding noch schwerer beizukommen. All seine Hoffnung ruhte nun in seinem nächsten Zug.
      „Kann ja nur schief gehen“, gluckste er niedergeschlagen und griff nach seinem Deck. „Aber so schnell lass ich mich nicht abservieren! Draw!“
      Mit Schwung zog er die nächste Karte von dem Stapel vor ihm, doch als er sie erblickte, lachte er ironisch auf. „Das war ja so was von klar …“

      Hab ich dir zu viel versprochen? Bist du jetzt bereit zu verhandeln?

      „Niemals!“, donnerte Matt entschlossen. Another sollte endlich Land gewinnen, er würde diesem Monster nicht einmal klein beigeben, wenn er dafür seine geliebte Tara wiedersehen konnte. Solche wie der waren der Grund, warum Alastair ein so hasserfülltes und kompromissloses Leben führte. Er durfte nicht so enden, sagte sich Matt, denn wenn er seine Freundin und seine Schwester Sophie jemals wiedersehen wollte, musste er überleben!
      Doch wie sollte er das in seiner jetzigen Situation anstellen? Er war Alastair gegenüber machtlos …

      Worte, gesprochen mit solcher Endgültigkeit. Bist du einfach nur einfältig oder sehnst du dich etwa nach dem Tod?


      „Weder noch!“

      Warum dann diese harsche Zurückweisung? Du hast doch noch gar nicht darüber nachgedacht, was die Vorteile wären, mich an deiner Seite zu haben.

      „Es gibt keine!“ Nein, dachte sich der Dämonenjäger, er würde sich nicht für die Worte dieser Kreatur öffnen!
      Sicher gab es einen Weg, Alastairs eisernem Griff zu entkommen. Er musste nur nachdenken!

      Und wieder diese Engstirnigkeit. Heißt das, du willst deinen Freund nicht retten? Immerhin könntest du Anya Bauer eigenhändig töten, solltest du über Kräfte verfügen, die von einem Pakt herrühren. Etwas, das Alastair nicht von sich behaupten kann, mit seinem kleinen Engelchen auf der Schulter.

      Allerdings schüttelte Matt entschieden den Kopf. Das waren doch nur armselige Versuche, ihn verführen zu wollen. Natürlich bestand diese Möglichkeit im Falle eines Vertrags zwischen ihm und Another, doch es gab so vieles, was dagegen sprach. Einmal abgeschlossen, war dieses Wesen in ihm verankert, konnte im Schlimmstfall sogar seinen Körper übernehmen! Außerdem …
      Matt sah über die Flammen hinweg zu der am Boden liegenden Anya. Sie schien immer noch im Elysion gefangen zu sein.
      Er hatte ihr das Friedensangebot gemacht. Es jetzt zu brechen ging gegen seine Grundsätze, auch wenn sie objektiv gesehen immer noch seine Feindin war. Außerdem war es ohnehin schon schlimm genug, dass Alastair ihn als Verräter ansah. Noch ein Gesinnungswechsel würde alles nur verkomplizieren …

      ~-~-~


      „Was zur Hölle soll das!?“, fauchte Anya wütend.
      Sie stand inmitten des leuchtenden, sich drehenden Mosaiks der Erde, welches ihr Elysion darstellte. Um sie herum nur die Dunkelheit, fand sie sich Levrier gegenüber, welcher einmal mehr seine Form nach Anyas Vorbild gewählt hatte. Aus der Weite betrachtetet sahen sie aus wie Zwillingsschwestern. Nur anhand der zornigen Mimik konnte man Anya identifizieren, während Levrier eher teilnahmslos in die Leere starrte.

      „Ich denke, ich weiß nun, was wir tun müssen, um Eden zu werden.“
      „Das ist aber schön für dich! Lass mich raten, diese Laberbacke Matt hat dir den entscheidenden Tipp gegeben?“, fragte Anya zynisch und verschränkte die Arme. „Wir müssen alle opfern, die ein Mal haben, nicht wahr?“
      Levrier neigte seinen Blick auf sie herab und nickte. „Das ist korrekt. Nun, da er es gesagt hat, fühle ich, wie mein Wissen wiederkehrt. Die Frage ist … warum lag es verborgen? Wie konnte ich etwas so Wichtiges vergessen?“ Er fasste sich nachdenklich an die Stirn. „Es gibt nur eine Erklärung dafür. Jemand muss mein Gedächtnis manipuliert haben.“
      „Oder du hast ganz einfach Alzheimer“, kommentierte Anya das Ganze gallig. Sie stemmte die Hände in die Hüften und grinste fesch. „Alt genug bist du ja dafür.“
      „Vielleicht irre ich mich auch.“
      „Wäre ja nicht das erste Mal. Aber damit, dass du nutzlos bist, habe ich mich schon lange abgefunden.“

      „Wir müssen die Orte finden, an denen die Pakte geschmiedet worden sind.“
      „Huh?“ Überrascht von dem plötzlichen Themenwechsel horchte Anya auf. „Und warum?“
      „Mein Gedächtnis ist noch nicht klar“, antwortete Levrier, immer noch mit der Hand auf der Stirn, „doch allein ein Opfer zu erbringen reicht nicht. Wir müssen sie in eine Verbindung setzen. Nur so werden sie zu wahren Zeugen der Konzeption.“
      Anya zuckte mit den Schultern. „'kay, dann machen wir das.“
      „Nimm das nicht auf die leichte Schulter!“, mahnte Levrier Anya plötzlich laut. „Erkennst du denn nicht, was es bedeutet, Eden zu werden? Du musst nicht einfach nur deine Menschlichkeit aufgeben! Du musst Leben opfern. Valerie. Sie ist deine Freundin. Und auch wenn du Alastair hasst, könntest du ihn einfach so dem Limbus zum Opfer fallen lassen?“
      „Mir doch egal! Dann sollen sie eben verrecken!“
      „Du kannst mich nicht täuschen, Anya Bauer!“, polterte Levirer nun und zeigte gnadenlos mit dem Finger auf sie. „Alle, aber nicht mich. Jemanden zu töten war und wird nie deine Absicht sein. Dafür schätzt du das Leben zu sehr!“
      Getroffen blickte das Mädchen weg. „Halt den Mund! Du weißt gar nichts über mich, du elender Parasit! Was soll dieses ganze Gelabere überhaupt? Du willst doch Eden werden! Sei doch froh, dass es an der Ausstattung dafür nicht mangelt!“
      „Ich werde zu Eden werden“, meinte Levrier nun wieder ruhig, „deine Person spielt keine Rolle mehr, ich könnte deinen Körper jederzeit für mich in Anspruch nehmen. Was ich dir verdeutlichen will ist das Schicksal dieser Menschen, sollte mein Vorhaben gelingen. Und es wird zu deinem Schicksal werden, wenn wir versagen. Der Limbus.“
      Das schon wieder, dachte das Mädchen ärgerlich. War das jetzt das neue Trendwort? Langsam kam sie mit diesen ganzen Quatschbegriffen nicht mehr mit …
      „Uuuuuuh, wie schreeeeckliiiiiich! Was zum Teufel ist dieser verdammte Limbus überhaupt? Wieso machst du so ein Geheimnis daraus?“
      „Wenn du wirklich wissen willst, was der Limbus ist, so werde ich es dir sagen.“ Levrier schloss die Augen und neigte seinen Kopf zur Seite. „Jeder Pakt basiert auf einem Versprechen gegenüber dem Wesen, welches ihn anbietet. Es gibt viele Formen und Arten eines Pakts. Manche Versprechen gelten solange, bis das Gefäß stirbt, andere – so wie unseres – bis zu einem bestimmten Tag. Doch egal was auch die Bedingungen sind, sollte dieses Versprechen gebrochen werden, wird die Seele des Gefäßes in den Limbus gezogen.“
      Alles was Anya von sich gab, war ein knappes: „Aha.“
      „Seelen können dem Limbus auf ganz unterschiedliche Weisen zum Opfer fallen. Sie können verbannt werden oder der Tribut für einen höheren Zweck sein, wie es bei Edens Erwachen der Fall ist.“
      „Ja, ja, kommst du auch mal zum Punkt“, giftete Anya und verschränkte ungeduldig die Arme. „Was-ist-der-Limbus!?“
      „Der Ort ohne Wiederkehr. Keine Macht dieser Welt vermag es, in ihn einzudringen, oder ihn zu verlassen. Wenn deine Seele einmal dort gefangen ist, kann sie nie wieder reinkarniert werden.“ Levrier öffnete die Augen. „Er ist die wahre Hölle, von Wesen jenseits unserer Vorstellungskraft erschaffen, um zu bestrafen, was sich gegen die natürlichen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt auflehnt. Natürlich weiß niemand, was genau im Limbus auf uns wartet …“ Er sah nun Anya tief in die blauen Augen. „… aber eine Seele kann nicht ohne Weiteres schwinden. Du wirst unsterblich sein, gefangen in einer Welt aus deinen schlimmsten Albträumen. Du oder die Opfer, die Eden dargebracht werden müssen. Das ist, was sie über den Limbus sagen.“
      „In dem Fall“, sagte Anya leise, „Pech für sie.“

      ~-~-~


      „Verdammt“, zischte Matt mit schweißnasser Stirn. Alles Denken hatte nichts gebracht, die Situation blieb unverändert – er stand kurz vor seiner Niederlage. Und dieser verdammte Dämon wollte nicht aufhören, ihn mit seinen Worten einzulullen.

      Ist das dein Lieblingswort? Wie wahr, du bist verdammt dazu, durch die Hand deines besten Freundes zu fallen. Oh schade, schade, ich hätte dich wirklich für klüger gehalten. Du versuchst nicht einmal, hinter die Fassade zu sehen.

      „Was soll das heißen!?“

      Für dich und Alastair bin ich der Mörder seiner Familie. Dies bestreite ich auch nicht. Aber habt ihr euch jemals gefragt, -warum- ich ausgerechnet seine Eltern getötet habe?

      Keuchend schreckte Matt zurück, als die Welt um ihn herum zu einer einzigen schwarzen Masse wurde. Glühender Wind schlug ihm entgegen, als er sich plötzlich einem lichterloh brennenden, zweistöckigen Haus gegenüber sah. Außer dem Knistern der Flammen war kein Laut zu vernehmen. Die Straße um ihn herum war verschneit, es war mitten in der Nacht.

      „Das ist der Tag, an dem Alastair zu einem Waisenkind wurde“, sprach plötzlich jemand neben dem überraschten Matt. Dieser erstarrte, als er die Person an seiner Seite bemerkte. Welche sein Zwillingsbruder hätte sein können. Doch sofort realisierte er, dass dies nur Another war, der sein Aussehen missbrauchte.
      „Warum zeigst du mir das!?“, verlangte Matt erzürnt zu wissen.
      „Um ein Exempel zu statuieren. Diejenigen, die Eden zu nahe kommen, bringen nur Leid über sich und ihre Liebsten“, erwiderte Another ernst und zeigte auf die brennende Tür des Hauses, welche plötzlich aufschwang. „Dort. Der Engel Refiel erbarmt sich dem unschuldigen Alastair.“
      „Was soll das heißen!?“, fauchte sein Gegenüber aufgebracht und würdigte dem, was dort aus der Tür kam, keines Blickes. „Was hat Eden damit zu tun?“
      „Eine Menge. Alastairs Eltern waren Dämonenjäger, gefürchtet von allem, was den Menschen Angst macht. Doch so gefährlich sie auch waren, so dumm waren sie auch. Sie wollten mithilfe eines Gründers Edens Erwachen erzwingen und hätten dabei das gesamte Weltgefüge auseinander gerissen.“ Der falsche Matt drehte sich zu seinem fleischlichen Gegenstück um. „Wenn Eden erweckt werden soll, dann auf natürliche Weise, innerhalb des Zyklus, der nur etwa alle 200 Jahre stattfindet. Ihr versuchtes Eingreifen in Dinge, die nicht geändert werden dürfen, wurde mit dem Tode bestraft. Ich wurde lediglich auserkoren, ihr Richter zu sein.“
      „Von wem, huh!? Vom Teufel!?“
      „Vom Schicksal.“

      Matt schnaufte aufgebracht und wandte den Blick ab. Die Selbstgefälligkeit dieser Bestie war zu viel für ihn. Was immer Alastairs Eltern getan hatten rechtfertigte nicht, einem Kind die Familie zu rauben! Abgesehen davon war er sich sicher, dass dies ohnehin nur Lügen waren. Um ihn zu bezirzen.

      Überrascht sah er auf, nur um eine völlig in Weiß verhüllte Person zu sehen, die einen bewusstlosen, vielleicht zwölfjährigen Jungen in den Armen trug und über die Straße direkt an ihnen vorbei schritt. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, war nicht zu erkennen, wie Alastairs Retter aussah. Doch auch so wusste Matt bereits, dass es sich um Refiel handelte.
      „Sie hassen uns.“
      „Mit recht!“
      Another lachte auf. „Wie wahr … gerade Refiel ist ein besonderes Exemplar von Engel. Er tut alles, um Gottes Wohlgefallen zu erringen. Einzig zu dem Zweck, zum Erzengel erhoben zu werden.“
      „Mir doch egal. Ich kann den Kerl sowieso nicht leiden.“ Obwohl er ihn nie gesehen hatte, fügte Matt dabei noch im Gedanken hinzu.
      „Er dich auch nicht. Wie ich ihn einschätze, bist du ihm sicher ein Dorn im Auge“, meinte Another amüsiert, „wenn es nach ihm ginge, dürfte kein Mensch einen freien Willen besitzen. Schon gar nicht sein Schützling.“
      „Warum erzählst du mir das?“
      „Ich bin heute in Plauderlaune“, reagierte Another mit einem Schulterzucken. „Wenn es uns nicht gäbe, hätten die Engel schließlich keinen Job.“ Plötzlich drehte er sich mit einem diabolischen Grinsen zu Matt um. „Immerhin sind wir sozusagen für den Tod einer ihrer Kultfiguren verantwortlich.“

      Mit einem Schlag wurde Matts Umfeld in tiefes Schwarz getönt. Erschrocken stellte er fest, dass er auf einem kreisrunden Mosaikbild stand, welches unzählige Zahnräder abbildete, die ineinander verkeilt waren. Das Bild drehte sich unter seinen Füßen.
      „Elysion …“, murmelte er erstaunt und sah auf. „Ich habe gar nicht gemerkt-!“
      „Wer noch nie hier war, bemerkt den Übergang nicht. Schon das brennende Haus gehörte dazu“, erklärte sein Spiegelbild auf der gegenüberliegenden Seite des Mosaiks. „Aber die Zeit des Redens ist jetzt vorbei. Nach wie vor haben wir zu klären, ob du einen Pakt mit mir schließt oder nicht.“
      „Du kennst die Antwort bereits!“
      Mit der flachen Hand deckte Another plötzlich seine linke Gesichtshälfte ab. „Natürlich tu ich das, du wiederholst dich wie eine ausgeleierte Schallplatte. Du könntest ja nie mit einem bösen Dämon wie mir zusammenarbeiten.“
      Irritiert von der Geste seines Gegenübers schwang Matt wütend den Arm aus. „Verdammt richtig!“
      Daraufhin rückte Another mit seiner Hand zur anderen Gesichtshälfte. „Könnte man meinen. Deine Lippen sagen nein, aber in deinem Inneren sieht es doch ganz anders aus. Du weißt, dass du mit meiner Macht Anya Bauer vernichten und so deinen Freund retten könntest. Das willst du doch. Wenn du Alastair verraten willst, dann sie erst recht.“

      Matt schluckte. War er so einfach zu durchschauen?
      Er wollte Alastair um alles in der Welt retten, weil dieser ihm ein neues Leben geschenkt hätte. Die ständige Flucht vor der Polizei hatte ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben. Ohne Aufgabe war er ziellos durch die Welt gewandert.
      „Sie kamen ohne Vorwarnung …“
      Es war in einer Seitengasse gewesen, als sie ihn entdeckt hatten. Vor drei Jahren, an -dem- Tag …

      „Hände hinter den Kopf“, befahl einer der Polizisten.
      Eingekesselt wie er war, blickte der heruntergekommene Matt nach vorn und zurück, doch zu beiden Seiten lauerte je ein Polizist mit gezückter Dienstwaffe.
      „Das ist er, Hank“, meinte der Polizist, der ihm direkt gegenüber stand. „Den Typen hab ich neulich erst auf einem Fahndungsfoto gesehen! Pff, hast dich ja ganz schön verändert, Kleiner!“
      Es stimmte, Matt war viel hagerer als damals, ungepflegt mit Dreitagebart und ungewaschenen Klamotten. Und auch wenn sein Haar etwas länger war, waren ihm die Grundzüge erhalten geblieben.
      „Auch das noch“, brummte er fassungslos.
      „Was meinst du Willy, wie viel bekommen wir für den?“, fragte Hank, der Polizist hinter ihm, seinen Partner.
      „Vielleicht 'nen neuen Job? Immer nur auf die Suche nach verdorbenen Seelen zu gehen ist langweilig. Lieber will ich was mit 'nem gewissen Nervenkitzel.“
      Matt horchte auf. Irgendetwas stimmte mit diesem Mann nicht. Bildete er sich das ein, oder- Nein! Die Augen, sie waren anders! Er konnte es nicht definieren, aber ihre Form war unmenschlich.
      „Verdorben? Sie kennen mich doch gar nicht!“
      „Halt den Mund, du Rotzgöre! Allein dein Anblick macht mich krank“, erwiderte Willy voller Abscheu. „Du bist nicht das, für was du dich ausgibst! So einen wie dich können wir nicht gebrauchen in unseren Riegen! Nahezu widerlich rein …“
      Matt stieß mit dem Rücken gegen die Häuserwand, panisch einen Blick zurückwerfend. Auch der andere Polizist hatte plötzlich diese unheimliche Ausstrahlung. Und die Augen, sie verfärbten sich langsam schwarz, komplett schwarz!
      „Was seid ihr!?“, fragte Matt hysterisch. „Ihr seid keine Cops!“
      „Doch sind wir! Nebenberuflich“, lachte Willy, „wir fangen böse Buben. Und die besten von ihnen schicken wir an einen Ort, den du wohl am ehesten als 'Hölle' kennst. Aber du bist wertlos!“
      „Drum werden wir dich wohl erschießen müssen“, fügte Hank hinzu, „ich meine, als gesuchter Mörder? Wer würde es uns verübeln?“
      Matt wandte sich an den Polizisten vor ihn, bereits fieberhaft nach einem Ausweg suchend. „Soll das ein verdammter Scherz sein!? Ich wehre mich doch gar ni-“
      Doch bevor er geendet hatte, schnellte eine Messerklinge aus dem Hals des Polizisten Willy hervor. Auch seine Augen waren pechschwarz, doch glühten kurz auf, ehe er zusammenbrach.
      „Das solltest du aber“, sprach die Gestalt, die aus dem Nichts hinter dem Mann erschienen war. Es war Alastair.


      Das war der Tag, als Alastair ihm das Leben gerettet und sich fortan um ihn gekümmert hatte. Über drei Jahre lag das nun zurück. Matt seufzte. Er musste die Schuld begleichen. Aber sicher nicht, indem er einen Pakt mit dem Wesen einging, das Alastairs Familie auf dem Gewissen hatte. Nicht auszudenken wären die Konsequenzen eines Pakts! Denn egal welche Kräfte er erlangte, Another könnte jederzeit seinen Körper übernehmen. Noch dazu wäre er ebenfalls ein Zeuge der Konzeption, eines der potentiellen Opfer für Edens Erwachen.
      Und Anya … er konnte sein Versprechen, ihr zu helfen, nicht brechen. Auch wenn sie zu töten das geringere Übel wäre.
      „Mit mir kannst du Edens Erwachen aufhalten“, sagte Another in Matts Gestalt ruhig, „ohne mich zusehen, wie dein Freund geopfert wird. Natürlich gäbe es eine dritte Alternative.“
      „Welche!?“
      „Du tötest ihn. Dann würdest du seiner Seele zumindest den Limbus ersparen.“
      Aufgebracht stampfte Matt auf. „Einen Teufel werde ich tun!“
      „Selbstverständlich kannst du das nicht. Vorher müsstest du an seinem Herrchen vorbei … und natürlich deiner eigenen Naivität. Dein Egoismus wird ihm nur Leid bringen.“
      „Ich werde ihn nicht verraten!“
      Another lachte auf. „Das hast du bereits getan. Und ganz gleich was du sagst, kannst du dich am Ende doch nicht vor der Wahrheit verschließen. Matt Summers, du strebst nach meiner Macht.“
      Eine Faust ballend, zeigte der junge Mann außer sich vor Zorn auf sein Gegenstück. „Red nicht weiter!“
      „Wusstest du, dass ein Pakt nicht mit Worten geformt werden muss? Die Antwort liegt in der Seele“, erklärte Another und schloss die Augen, „und deine Seele wünscht sich nichts mehr, als Eden zu vernichten. Und deshalb werden wir den Pakt schließen!“
      „Ich sagte nein!“
      „Und ich ja!“

      Der falsche Matt zersprang plötzlich in tausende schwarze Partikel, die eine Wolke bildeten. Erschrocken wich das Original zurück, als jene auf ihn zugeschossen kam. Überall drangen die schwarzen Kugeln in seinem Körper ein, während Matt schreiend auf die Knie fiel und sich den Kopf hielt.
      „Verschwinde! Ich lasse dich nicht hinein!“, rief er stur.
      Doch eine Antwort erhielt er nicht. Das brauchte er auch gar nicht, denn als das Mosaik unter ihm zerbrach und er in die Tiefe fiel, wusste Matt, dass Another nicht gelogen hatte. Der Pakt war ohne seine Zustimmung geformt worden.
      „Wie …?“, murmelte er leise, als er in der Ferne ein grelles Licht bemerkte. Ein Schatten wurde auf ihn geworfen, schmal, dafür aber unglaublich hoch. Matt hielt eine Hand vor sein Gesicht, um nicht geblendet zu werden. Glockengeräusche ertönten im Hintergrund, als das Bild vor ihm deutlicher wurde. Der schwarze Turm lief immer spitzer gehend zusammen, doch an seinem Ende thronte eine mächtige Kuppel mit langen, hornartigen Auswüchsen, an denen dutzende goldene Glocken befestigt waren.
      Bevor Matt jedoch weitere Details erhaschen konnte, blendete ihn das Licht so stark, dass er die Augen zusammenkneifen musste.

      „... dass du so tief fallen würdest …“
      Matt schreckte auf. Er stand noch immer vor dem Duel Monsters-Spielplan und hielt seine Karten in den Händen. Er blickte herüber zu Alastair, der leichenblass war und wie eine Salzsäule mit geweiteten Augen verharrte. „Einen Pakt zu formen … nun bist du wahrlich einer von ihnen.“
      „E-es ist nicht-“
      „Halt den Mund!“ Alastair zeigte mit dem Finger auf ihn. „Refiel hatte recht! Ich hätte dich damals nicht am Leben lassen dürfen! Irgendwann würdest du mich ins Unglück führen und sieh, was nun geschehen ist! Jetzt kann dich nichts mehr retten!“
      Nicht wissend, wie er darauf reagieren sollte, betrachtete Matt seinen Arm und hielt geschockt inne. Tatsächlich war da das Symbol eines Pakts. In violetter Farbe gehalten, war dort ein sphärenartiges Objekt, das von dämonischen, ledrigen Schwingen umhüllt war. Der letzte Beweis, dass Another ihn in den Pakt gezwungen hatte.
      „Wie ist das möglich!?“ Matt konnte es nicht glauben. Kein Dämon konnte einen Pakt ohne Einwilligung eingehen! Wieso traf das auf Another nicht zu!?

      Anstatt vergossener Milch nachzuweinen, solltest du lieber deine neuen Kräfte nutzen und dich zur Wehr setzen. Du stehst jetzt auf einer Ebene mit ihm, was den kleinen Nachteil hat, dass er dich jetzt erst recht töten will. Er mag halt keine anderen Götter neben sich.

      „Halt's Maul, du-“

      Oh, bitte … nur nicht so wütend. Ich hab es dir doch erklärt, oder? Dein Kopf sagt nein, deine Seele hat regelrecht ja geschrien. Wieso überspringen wir nicht dein weinerliches Gehabe und kommen zur Sache? Vielleicht erweist sich unsere Partnerschaft ja für beide Seiten als nützlich?

      „Red Klartext!“

      Womöglich gibt es einen Weg, ihn und Anya Bauer zu retten. Und alle anderen Involvierten. Doch dafür brauchst du wohl oder übel meine Hilfe. Die wirst du auch bekommen, wenn du mir hilfst.


      „Und was willst du!?“
      Matt glaubte kein Wort von dem, was Another da sprach. Einen Weg, alle zu retten!? Den gab es höchstens im Märchen! Keine seiner Aufzeichnungen verwies auf so eine Option und auch wenn sie nicht alles abdeckten, sagten alle Quellen, dass diejenigen, die als Gefäß für die Gründer dienten, für immer verloren waren.

      Das ist sehr simpel. Zerstöre den Turm von Neo Babylon für mich.

      „Warum!?“

      Warum nicht? Darüber hast du selbst schon nachgedacht, daher solltest du hier wohl kaum an deine moralischen Grenzen stoßen. Mehr verlange ich im Gegenzug für meine Hilfe nicht. Wenn du mir nicht vertraust, lass mich dir meine Aufrichtigkeit beweisen, indem ich mir deinen Körper nicht sofort zum Untertan mache.

      Matt schnaufte aufgebracht. Er fühlte sich unendlich hilflos. Niemals wollte er dieser mordenden Bestie seinen Körper überlassen, aber sie hatte jetzt die Zügel in der Hand. Und es gab keine Möglichkeit, sie wieder loszuwerden …
      „Wenn du nicht sofort deinen Zug durchführst, werte ich ihn als beendet“, mischte sich Alastair nun wieder ein. „Und bedenke, dass ich dich exorzieren muss. Du weißt, was das heißt?“
      „Meine Seele kommt in den Limbus …“ Die Erkenntnis traf Matt wie ein Schlag. Jetzt, da er in einem Pakt stand, würde der erzwungene Verlust Anothers dazu führen, dass seine eigene Seele im Limbus verloren geht. „Auch das noch. Wenn ein Paktträger stirbt, ist es nicht so schlimm. Aber wenn dabei sein Paktdämon gewaltsam entfernt wird, landet die Seele im Limbus …“
      Alastair nickte knapp. „Das hast du dir selbst zuzuschreiben.“

      Nervös ließ Matt den Blick auf sein Blatt sinken. Er konnte nichts mehr tun! Es gab keine Strategie, die ihn aus dieser Situation brachte. Alastairs [Vylon Epsilon] war zu stark, gut beschützt dank [Vylon Segment], noch dazu besaß Alastair eine verdeckte Karte. Ihm hingegen blieben nur eine beinahe nutzlose Falle und vier ebenso unbrauchbare Handkarten.
      „Es ist vorbei“, murmelte er leise.

      Sieh in deinem Extradeck nach. Dachtest du, ich würde einen Pakt mit dir schließen, nur um im Anschluss wieder ausgetrieben zu werden?

      Widerwillig folgte Matt der Anweisung und griff nach seinem Extradeck, welches gesondert auf der linken Seite seiner schwebenden Marmorplatte lag. Es befanden sich nur wenige Karten darin, Xyz-Monster, die er in seiner momentanen Lage nicht beschwören konnte. Doch …
      „Dieses ist neu!“, stellte er überrascht fest. „Das ist-“

      Das Symbol unseres Paktes, korrekt. Ich war so frei sie so zu gestalten, dass sie deinem Freund große Schwierigkeiten bereiten kann. Los, beschwöre sie.

      „Nein!“

      Also willst du lieber für alle Zeiten im Limbus gefoltert werden? Wenn du meinst …

      Der Dämonenjäger schüttelte den Kopf. Er konnte unmöglich das 'Geschenk' dieses Bastards annehmen! Dieser Pakt basierte nicht auf gegenseitiger Zustimmung! Und er war gewiss kein Sklave Anothers, er würde sich nicht auf dessen Hilfe einlassen!
      Matt schluckte. Aber wenn er es nicht tat, würde er seinen nächsten Zug nicht mehr erleben …

      Stell dich nicht so an, es ist nur eine Karte. Alastair würde sich auch nicht scheuen, Refiels Geschenk gegen dich einzusetzen.

      Refiel war zumindest ein Engel!
      Egal wie Matt es jedoch drehte und wendete, es gab keine Alternative. Es musste sein, wenn er seinem Freund das Schicksal ersparen wollte, was dieser ihm nun androhte.
      Schließlich nickte er. „Von mir aus … Aber wage es nicht, dich noch weiter einzumischen.“

      Wenn die Situation es gebietet, werde ich entsprechende Maßnahmen einleiten.

      „Tch!“ Matt sah zu Alastair auf. „Ich weiß, was du von mir denkst. Wir werden darüber reden, sobald dieses Duell vorbei ist. In Ruhe und ohne Morddrohungen.“
      „Wenn dieses Duell vorbei ist, wird einer von uns nicht mehr leben. Bete, dass ich es sein werde.“
      „Als ob ich so etwas tun würde! Verdammt, warum bist du bloß so stur und verbohrt!?“ Matt musste auflachen. Das zeichnete seinen Freund eben aus. Irgendjemand musste den Kerl endlich von seinem hohen Ross herunterholen. Und er konnte es schaffen, das wusste er. Auch wenn er die Art und Weise, wie es geschehen sollte, alles andere als gut hieß. Auf der anderen Seite hingegen war er selbst Schuld an seiner Lage, immerhin hatte er sich Anothers Worten überhaupt erst geöffnet. Er musste jetzt das Beste aus seiner ohnehin schon brenzligen Situation machen.

      [Alastair: 3500LP / Matt: 600LP]


      Vylon Epsilon [ATK/2800 DEF/1200 (8)]

      „Zeit, endlich meinen Zug zu machen!“
      Noch stand er diesem engelshaften Maschinengeschöpf gegenüber, dachte Matt grimmig, aber nicht mehr lange! Er schwang seinen Arm über das Tablett vor ihm aus. „Verdeckte Falle! [Infestation Ripples]! Ich zahle 500 Lebenspunkte, um ein Steelswarm-Monster von meinem Friedhof zu reanimieren! Komm zurück, [Steelswarm Sting]!“

      [Alastair: 3500LP / Matt: 600LP → 100LP]


      Aus dem Boden, aus einer rosaroten Masse, die sich wie eine Pfütze ausbreitete, entstieg eine fliegende, schwarze Dämonengestalt, die stark an eine Hornisse erinnerte.

      Steelswarm Sting [ATK/1850 DEF/0 (4)]

      „Nun von meiner Hand: [Double Spell]“, rief Matt und zeigte den Zauber zwischen Mittel- und Zeigefinger vor, legte ihn auf den Spielplan, „indem ich eine Zauberkarte abwerfe, kann ich eine solche von deinem Friedhof wählen und ihren Effekt aktivieren. Und ich dachte da an [Monster Reborn], um [Steelswarm Gatekeeper] wiederzubeleben! Erscheine!“
      Matt legte [Recurring Nightmare] auf den Friedhof. Ein grelles Licht erstrahlte neben seinem Hornissenmonster, woraus schließlich eine gepanzerte, auf vier Beinen laufende Kreatur trat. Zwar hatte es Ähnlichkeit mit einem Käfer, wirkte jedoch in seiner schwarzen Aufmachung gleichzeitig dämonisch.

      Steelswarm Gatekeeper [ATK/1500 DEF/1900 (4)]

      Braver Junge.

      „Denk nicht, dass ich das freiwillig tue! Ich habe keine andere Wahl!“, donnerte Matt und streckte entschlossen den Arm aus. „Nun erschaffe ich das Overlay Network! Aus meinen beiden Stufe 4-Monstern wird ein Rang 4-Monster geboren! Xyz-Summon! Falle über die Welt wie eine Plage hernieder, [Steelswarm Roach]!“
      Matts Monster verwandelten sich in violette Lichtstrahlen. Jene wurden von einem schwarzen Loch inmitten des Spielfeldes aufgesaugt, welches sich gleichzeitig mit Matts Ankündigung geöffnet hatte. Aus dem dunklen Wirbel hervor trat eine lange, humanoide Gestalt, die in ihrer Hand ein Rapier trug. Die goldenen Schwingen der aufrecht stehenden Schabe wirkten wie ein Umhang, der Schultern und Rücken bedeckte. Zwei grelle Sphären kreisten dabei um das Monster.

      Steelswarm Roach [ATK/1900 DEF/0 {4}]

      Alastair rümpfte die Nase. Seine vernarbten Lippen formten die Worte: „Ist das alles?“
      „Keinesfalls“, reagierte Matt gelassen und zückte eine weitere Zauberkarte von seinem Blatt, „im Gegenteil, er ist genau das, was ich gebraucht habe! Denn damit kann ich [Xyz Energy] aktivieren!“
      Die beiden um [Steelswarm Roach] rotierenden Lichtkugeln strahlten golden auf. Matt erklärte: „Im Austausch für ein Xyz-Material kann ich eines deiner offen liegenden Monster vernichten! Und da dein [Vylon Epsilon] durch den Effekt von [Vylon Segment] nur vor den Effekten von Monster- und Fallenkarten sicher ist, kannst du nichts gegen die Zerstörung unternehmen!“
      Matts Kriegerschabe streckte ihr Schwert stolz in die Höhe, während eine weiße Aura um sie entstand. Jene explodierte regelrecht, als Roach seine Klinge nach vorn schwenkte und damit auf Alastairs Monster deutete. Wie aus der Pistole geschossen schnellte ein Energieball, dessen Zentrum eines der Xyz-Materialien war, auf die mechanische Kreatur zu und brachte sie mit einem donnernden Grollen zu Fall. Es folgte eine Explosion, die Alastairs schwarzes Haar unstet aufflattern ließ.
      „Effekt von [Vylon Segment]“, sprach jener jedoch unbekümmert, „ich erhalte nun eine neue Vylon-Magiekarte von meinem Deck als Ersatz. Meine Wahl fällt auf [Vylon Filament].“ Er zeigte den Ausrüstungszauber Matt und fügte ihn seiner Hand hinzu, welche nun aus zwei Karten bestand.
      Sein Gegner, der nur eine Handkarte besaß, grinste zufrieden. „Sieht ganz so aus, als wäre ich wieder im Rennen, huh?“ Anschließend warf er einen Blick auf [Steelswarm Roach], um welche nunmehr nur noch eine Sphäre kreiste. „Du hast jetzt freie Bahn! Los, attackiere ihn mit Piercing Shadow Strike!“
      Über den Boden schwebend, schnellte die Schabe auf Alastair zu und zielte mit der Klinge in ihrer Hand direkt auf dessen Brust. Doch anstatt einen Treffer zu landen, gelang es ihrem vermeintlichen Opfer, die Schneide geschickt zwischen seinen Fingern festzuhalten.
      „Das allein wird mich nicht zu Fall bringen“, sagte er dazu, zog an dem Schwert und schleuderte Roach mit einer schnellen Bewegung Richtung der schwarzen Flammen. Gerade noch rechtzeitig konnte der Insektenmann seinen Flug mitten in der Luft abbremsen und kehrte zu Matt zurück, welcher alles überrascht mit angesehen hatte.

      [Alastair: 3500LP → 1600LP / Matt: 100LP]


      Voller Anerkennung musste Matt pfeifen. „Wow, netter Move. Den muss ich mir merken.“
      „Spar dir das! Eine Kreatur geboren aus der Finsternis, so wie sie es ist, wird mir niemals Schaden zufügen können!“
      „Was du nicht sagst? Noch so einen Treffer wirst du nicht schönreden können. Ich beende meinen Zug.“

      Matt verschränkte besorgt die Arme. Er hatte ins Spiel zurückgefunden, doch nur aufgrund Anothers Hilfe. Aber war es das wirklich wert? Nun hasste Alastair ihn noch mehr als zuvor. Selbst wenn er gewann, was würde danach geschehen? Sein Freund war niemand, der offen für Kompromisse war. Ihn mithilfe eines Paktes zu besiegen bedeutete nur, seinen Stolz anzugreifen, was Alastair im Umkehrschluss noch viel mehr gegen ihn aufbringen würde. Es war ein Teufelskreis.
      Vielleicht hätte er sein Schicksal einfach akzeptieren sollen, dachte Matt betrübt. Another zuzuhören war der größte Fehler seines-
      „AH!“

      „Infinite evil, waiting to get purged! Be the voice of his justice! Synchro Summon! Purify this twisted world! [Vylon Ultima]!“
      Grelles Licht blendete Matt, als Alastair seine Hand gen Himmel streckte. Von dort erschien eine gewaltige Kreatur, bestückt mit sechs goldenen Schwingen. Ein mechanischer Erzengel, dessen Leib einem Kreuz nachempfunden war. Um seinen Hals ragte ein goldener Kragen, richtete er doch über all jene, die sich gegen seinen Meister stellten.
      „Das … kann nicht sein“, murmelte Matt fassungslos. „Das ist das Ende!“
      „Wie wahr. Erkennst du nun, wie töricht es war, den Dämonen zu lauschen?“ Eine Träne rann über Alastairs vernarbtes Gesicht. „Unsere Wege werden sich nun auf ewig trennen. Ich bete dafür, dass du im Limbus deine Fehler erkennen und Gottes Gnade erhalten wirst. Leb wohl, Matt …“


      Matt stöhnte auf und hielt sich seine pochende Stirn. „Nicht schon wieder …“
      Noch eine von Anothers Visionen? Bedeutete das, dass Alastair ihn in seinem nächsten Zug besiegen würde? Aber wie?
      Sein Blick fiel auf Alastairs verdeckte Karte, die er in seinem ersten Zug gesetzt hatte. Er kannte nur eine Karte im Deck seines Freundes, die imstande war, alle für [Vylon Ultimas] Beschwörung benötigten Monster aufs Spielfeld zu bringen.
      „[Vylon Link]“, murmelte er leise.

      Das ist die Zukunft, die dich unter normalen Umständen erwarten würde. Doch fürchte dich nicht, ich habe für alles vorgesorgt. Er wird dich nicht besiegen können. Wart einfach ab und genieße die Show.

      „Tzz.“
      Anothers unbekümmerten Worte beruhigten Matt kein bisschen. Zwar zweifelte er nicht an ihrer Glaubwürdigkeit, doch missfiel ihm zusehends die Abhängigkeit, die zwischen ihnen bestand. Im Grunde lenkte Another nun dieses Duell. Und seine Eingriffe glichen praktisch Betrug, etwas, was Matt bis aufs Mark hasste. Das war nicht die Weise, auf die er seinen Freund zur Besinnung bringen wollte!

      „Ich bin am Zug“, verkündete jener jedoch nach wie vor seelenruhig und zog eine Karte. Mit nun drei Karten auf seiner Hand, strahlte er eine Siegesgewissheit aus, die Matt ins Schwanken brachte. Würde wieder geschehen, was Another ihm gezeigt hatte? Oder war Refiel im Begriff zu intervenieren? Dem Engel traute er das durchaus zu.
      „Verdeckte Falle aktivieren!“, rief Alastair und schwang den Arm aus. „[Vylon Link]! Zu Kosten einer Vylon-Ausrüstungsmagie kann ich drei Vylon-Monster von meinem Friedhof auferstehen lassen. Jedoch verlieren sie ihre Offensivkraft, ihre Effekte und einen Stufenstern. Außerdem verlieren sie während dem Ende meines Zuges ihr neugewonnenes Leben wieder!“
      Matt schreckte innerlich auf. Also hatte er mit seiner Vermutung Recht gehabt! Dann bedeutete das wohl …
      Vor Alastair erschienen der Reihe nach das prismaförmige [Vylon Prism], der engelsgleichen [Vylon Hept] und schließlich sogar [Vylon Epsilon].

      Vylon Prism [ATK/1500 → 0 DEF/1500 (4 → 3)]
      Vylon Hept [ATK/1800 → 0 DEF/800 (4 → 3)]
      Vylon Epsilon [ATK/2800 → 0 DEF/1200 (8 → 7)]

      Bereite dich darauf vor, [Steelswarm Roachs] Effekt zu benutzen!

      Gleichzeitig streckte Alastair seine Hand gen Himmel. „Ich stimme mein Stufe 3 [Vylon Prism] auf mein Stufe 7 Synchro Monster [Vylon Epsilon] ein! Infinite evil, waiting to get purged! Be the voice of his justice! Synchro Summon! Purify this twisted world! [Vylon Ultima]!“
      Und wie Matt es vorhergesehen hatte, blendete ihn grelles Licht, als das gigantische Wesen aus der Dunkelheit der Nacht herabstieg und alles im näheren Umkreis erleuchtete.
      „Unglaublich“, murmelte Matt fasziniert und gleichzeitig erschüttert. „Wirklich gut …“

      Vylon Ultima [ATK/3900 DEF/3500 (10)]

      „Aber noch lange nicht gut genug!“, schrie er nun und entfernte das verbliebene Xyz-Material von [Steelswarm Roach]. „Da die Stufe deines Monsters weit über 5 liegt, kann ich den Effekt meines Monsters aktivieren! Jenes wird die Beschwörung deines [Vylon Ultima] schlichtweg ungültig machen! Prohibition Of Obscurity!“
      Wie ein schwarzer Pfeil schoss an Matts Schabe an dem riesigen Wesen vorbei, absorbierte noch im Flug die übrig gebliebene Sphäre und zerteilte mit nur einem Schwertschlag das kreuzförmige Monster.
      „Nein!“ Alastair weitete seine Augen, als sein Monster sich einfach im Nichts auflöste. „Wie kann eine Kreatur der Finsternis-!?“
      „In dieser Welt ist alles möglich“, antwortete Matt ihm ernst, „nicht alles ist schwarz oder weiß, Alastair. Nur weil ich einen Pakt geschlossen habe, bin ich noch lange kein Dämon!“
      Aber konnte er im Angesicht von Another wirklich an seine eigenen Worte glauben, fragte Matt sich schuldbewusst.

      ~-~-~


      „Bist du dir sicher, dass du wirklich dazu in der Lage bist, Anya Bauer?“
      Das Mädchen lachte verächtlich auf und drehte ihren Finger über die Schläfe. „Spinnst du? Keiner von denen ist mein Freund. Weder Redfield, noch diese beiden Penner da unten.“ Mit einem verächtlichen Nicken deutete sie hinab zu der Sphäre, die alles widerspiegelte, was in der Zwischenzeit zwischen Matt und Alastair geschah. „Außerdem könntest du doch sowieso jederzeit die Kontrolle übernehmen.“
      Levrier stellte sich neben sie und beobachtete das Geschehen. Matt hatte soeben das Monster beschworen, welches er als Symbol seines Paktes mit dem Dämon erhalten hatte. „Nun sind es drei Zeugen. Opfer für Eden. Kannst du ihren Verlust verschmerzen?“
      Die Blondine zuckte unbedarft mit den Schultern. „Klar kann ich das. Wie gesagt, die Drei sind nicht meine Freunde. Wenn es sowieso keine Alternative gibt, aus diesem Kackmist herauszukommen, müssen sie eben die bittere Pille schlucken. Ich habe keinen Grund, Rücksicht auf sie zu nehmen. Warum sollte ich auch freiwillig in diesem beschissenen Limbus enden wollen?“
      „Getreu dem Motto 'Lieber die als ich'?“
      „Bingo.“ In Anyas blauen Augen stand grausame Gleichgültigkeit geschrieben. „Bleibt die Frage, wie wir dafür sorgen, dass es noch mehr Opfer gibt.“
      Überrascht sah Levrier das Mädchen an. „Du bist wirklich zu allem entschlossen? Was hat deine Meinung geändert? Du wolltest nie Eden werden, doch nun …“
      Anya neigte ihren Kopf mit einer finsteren Grimasse Richtung ihres Gegenübers. „Nur damit das klar ist: ich tue das nicht für dich! ICH bin hier immer noch der Boss! Und ehe ein beknackter Dämon auf die Idee kommt, meine Freunde zu solchen Opfern zu machen, nehme ich das lieber selbst in die Hand und picke mir ein paar entbehrliche Loser raus, klar?“
      Levrier schloss die Augen. „Deine Einstellung ist löblich. Aber ich befürchte, dass wir in dieser Hinsicht nichts unternehmen können. Ich kann nur einen Pakt schließen.“
      „Also müssen wir uns die anderen Idioten woanders herholen?“
      „Ja. Nur wird das nicht reichen.“
      Skeptisch hob Anya eine Augenbraue und beobachtete Matt dabei, wie er den Gegenangriff auf seinen Freund einleitete. „Oh, Überraschung … soll heißen?“
      „Es ist nur eine Eingebung … aber als dieser Matt Summers den Pakt geschlossen hat, ist sein Elysion in sich zusammengebrochen. Und anschließend sofort reinkarniert, genau wie bei dir. Seine Teile haben sich zu einem neuen Gefüge vereint. Die letzte Antwort … sie ist im Elysion der Zeugen verborgen. Dessen bin ich mir sicher.“
      „Aha.“
      Levrier nickte. „Mehr noch. Dort, wo die Pakte geschlossen werden, hinterlassen sie eine Spur in der realen Welt. Sie ist verschwindend gering, doch in letzter Zeit gehen immer stärker werdende Schwingungen von diesen Orten aus. Anfangs habe ich dem keine Bedeutung zugeschrieben, doch es scheint mehr dahinter zu stecken.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich schlage deshalb vor, wir sehen uns das an, sobald diese beiden ihre Zwistigkeiten beigelegt haben.“
      „Positiv. Hab ja sonst nix zu tun …“, brummte Anya und kehrte ihrem Partner den Rücken zu.
      Sie schritt über die Mosaikplatte, auf welcher die Erde abgebildet war. In ihrer Mitte blieb sie stehen. „Ich kann's gar nicht erwarten bis das alles hier vorbei ist …“
      „Willst du deshalb deine Bekannten opfern?“
      „Nein … aber wenn nicht ich, wer sonst? Ist doch deine letzte Chance, oder? Die solltest du nicht vergeigen. Aber keine Panik, mit mir an deiner Seite kannst du gar nicht verlieren.“
      Levrier schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf, sagte aber nichts. Jedoch musste er lächeln, glaubte er, einen der seltenen Blicke auf Anyas wahre Persönlichkeit erhascht zu haben. Was ihn gleichzeitig aber auch traurig stimmte …

      ~-~-~


      „Es tut mir leid, Alastair, aber ich kann es mir nicht leisten, hier zu versagen“, sprach Matt mit schlechtem Gewissen. Die letzten Teile von [Vylon Ultima] hatten sich aufgelöst.
      Doch anstatt sich seine drohende Niederlage einzugestehen, blieb Alastair seelenruhig. Er ballte eine Faust und hob sie auf Kopfhöhe. „Du hast nicht versagt, sondern ich. Anstatt dich vor den Verlockungen der Dämonen zu beschützen, habe ich dich direkt in ihre Arme getrieben …“
      „Huh!?“
      „Vergib mir, Matt. Du hattest die ganz Zeit recht, es war meine Schuld.“
      Überrascht vom Sinneswandel seines Gegenübers hellte sich Matts Miene auf. „Meinst du das ernst?“
      „Ja!“ Mit einem Mal streckte Alastair seinen Arm aus, seine Stimme bebte. „Deswegen werde ich dir so bald wie möglich folgen! Ich habe mein Recht zu leben verwirkt! Wie soll ich mit dem Wissen leben, dich ins ewige Unglück getrieben zu haben!?“

      Oh großartig. Jetzt dreht er richtig durch. Bieg das wieder gerade!

      Matt jedoch war zu geschockt von den Worten seines Freundes. Umso mehr, als eine Träne über die vernarbten Wangen Alastairs rann. Verzweifelt rang der Schwarzhaarige nach Worten. „Du irrst dich, Alas-“
      „Schweig! Ich ertrage es nicht mehr! Der Gedanke, dich nicht retten zu können, ist unerträglich! Wie konnte es dazu kommen!?“, fragte Alastair in ungewohnt flehender Manier. „Was habe ich getan, dass mein einziger Freund den Dämonen verfällt?“ Schlagartig änderte sich seine Tonlage. „Ich werde sie töten, jeden, den ich finden kann! Und ich werde im Kampf fallen, um Buße zu tun!“
      „Hör auf!“
      „Nein! Ich kann deine dämonenverseuchte Stimme nicht länger ertragen, Matt!“ Alastair schnappte sich eine Karte von seinem Friedhof. „Ich aktiviere den Effekt von [Vylon Prism]! Wenn es auf den Friedhof gelegt wird, zahle ich 500 Lebenspunkte, um es an eines meiner Monster auszurüsten! An [Vylon Hept]!“

      [Alastair: 1600LP → 1100LP / Matt: 100LP]

      Um Alastairs Engelsmaschine leuchtete eine weiße Aura auf.
      Matt schwante Übles. Alastair konnte doch nicht etwa-!?
      „Von meiner Hand nun die Schnellmagie [Vylon Polytope]! Sie beschwört alle ausgerüsteten Vylon-Monster auf mein Spielfeld, die, sobald sie das Spielfeld verlassen verbannt werden!“
      Blitze schlugen um [Vylon Hept], als aus ihm heraus plötzlich das schildartige [Vylon Prism] austrat.

      Vylon Prism [ATK/1500 DEF/1500 (4)]

      „Oh verdammt“, stieß Matt aus, welcher seine Befürchtungen nun Realität werden sah, „Alastair, hör auf damit! Wir können über alles reden!“
      „Die Zeit des Redens ist vorbei, Matt! Ich kann dich nicht retten, aber zumindest deine Seele befreien! Und für diese Sünde möge mich Gott ebenfalls in den Limbus schicken, damit ich dein Leid dort teilen kann!“ Alastair streckte seinen Arm in die Höhe. „Ich stimme mein Stufe 4 [Vylon Prism] auf mein Stufe 3 [Vylon Hept] ein! Divine light guides the way to heaven! The mourning soul strifes towards purification! Synchro Summon! Arise, [Vylon Sigma]!“
      Prism zersprang in vier grüne Ringe, die Hept durchquerte. Ein Lichtblitz folgte, als abermals eine mächtige Kreatur aus der Höhe hinab Richtung Spielfeld stieg. Und genau wie alle Vylon-Synchromonster war sie atemberaubend schön. Mit je drei goldene Ringe an beiden Armen und einem großen siebenten über dem Rücken, wirkte [Vylon Sigma] mit seinen silbernen Schwingen nicht minder erhaben als [Vylon Epsilon] und [Vylon Ultima].

      Vylon Sigma [ATK/1800 DEF/1000 (7)]

      „Das kann doch nicht wahr sein“, stöhnte Matt entgeistert. Er blickte auf seine Duel Disk und stellte fest, dass seine [Steelswarm Roach] keinerlei Xyz-Materialien mehr besaß, um die Beschwörung von Alastairs Monster zu annullieren.

      Was regst du dich so auf, dieses Ding ist schwächer als dein Monster?

      Steelswarm Roach [ATK/1900 DEF/0 {4}]

      „Wenn du mal in die Zukunft gesehen hättest, wüsstest du, dass du da falsch liegst“, murmelte Matt im Angesicht seines Freundes.
      Jener schien sich wieder beruhigt zu haben, von seiner Verzweiflung war keine Spur mehr zu entdecken. Ruhig sagte er: „Ich werde dich in guter Erinnerung behalten, Matthew Summers. Der einzige Freund, den ich jemals hatte … [Vylon Sigma], Harmonic Wave Buster!“
      Das himmlische Wesen streckte seinen ganzen Körper durch und schickte eine gleißende Welle in Matts Richtung.
      „Oh verdammt!“


      Turn 19 – Fool's Day
      Während Anya, Matt und Alastair sich ihren inneren Konflikten ausgesetzt sehen, trifft Nick im Livingtoner Park eine junge Frau namens Melinda. Jene scheint nach ihrem Bruder zu suchen, einem Benny. Und als Nick ein Foto von Melinda und ihrem Bruder sieht, nimmt ihre Begegnung einen überraschenden Verlauf an …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Matt

      Steelswarm Moth
      Steelswarm Gatekeeper
      Steelswarm Sting

      One Day Of Peace
      Double Spell
      Recurring Nightmare
      Xyz Energy

      Infestation Ripples

      Steelswarm Roach

      Alastair

      Vylon Hept
      Vylon Prism

      Vylon Material
      Vylon Segment
      Vylon Filament
      Vylon Polytope
      Monster Reborn

      Vylon Link
      Falle/Normal
      Indem du eine Vylon-Ausrüstungszauberkarte abwirfst: beschwöre bis zu drei Vylon-Monster von deinem Friedhof als Spezialbeschwörung in Angriffsposition; ihre ATK wird zu 0, ihre Effekte werden annulliert und ihre Stufen um 1 verringert. Auf diese Weise beschworene Monster werden während der End Phase zerstört.

      Vylon Epsilon
      Vylon Sigma

      Vylon Ultima
      Maschine/Licht/Synchro
      ATK/3900 DEF/3500 (10)
      "1 Empfänger" + "1 oder mehrere Nicht-Empfänger LICHT Synchro Monster"
      Wenn diese Karte mit einer Ausrüstungszauberkarte ausgerüstet wird: wähle Tribut-, Spezial-, Ritual-, Fusions-, Synchro- oder Xyz-Beschwörung; die gewählte Beschwörungsart kann von keinem Spieler verwendet werden, solange diese Karte mit der Ausrüstungszauberkarte ausgerüstet ist. Während diese Karte zerstört wird: zerstöre stattdessen alle Ausrüstungszauberkarten, mit denen diese Karte ausgerüstet ist.
      @-Aska-:
      "Lass dir "Cross Pendulum" als Trademark sichern, schnell."
      Noe, ich lach nur, wenn wirklich so nen abgedrehter Mist käme xD

      "Der nächste Schritt wäre leibhaftiger Wahnsinn ..."
      Darauf kannste wetten.

      17

      Nachdem es in der ersten Hälfte darum ging, eine versöhnliche Lösung zwischen Dämonenjägern und Dämonin Anya zu finden, nachdem die vorherigen Unternehmungen kläglich gescheitert waren, bekamen sich die beiden Jäger schließlich aufgrund unüberwindbarer Differenzen in die Plünden und begonnen, es in einem Duell auszufechten. So oder so ähnlich könnte man es zusammen fassen, was in der Folge passiert ist. (Okay, eigentlich lag der Anlass des Duells ausschließlich bei Alastair, aber der ist halt niemand, mit dem man vernünftig diskutieren kann, wenn es um Dämonen geht. Da fährt der einfach eine "No Compromise" Schiene. Sehr zum Leidwesen aller anderen.)

      Aber erstmal zurück zum vorderen Teil. Durch Matt wurden ja einige interessante Themen angesprochen bzw erhielt der Leser da erste Erklärungsmodelle und Information zu verschiedenen bereits angesprochenen Dingen, auf die bisher aber noch nicht eingegangen wurde. War auch etwas lustig, dass er so munter drauf losgeplappert hat, weil er dachte, Anya wüsste schon Bescheid, obwohl sie noch nix von erzählt bekommen hatte. Zwischendrin gab es immer ein wenig das Gezecke zwischen Matt und Anya, wobei ein guter Mix aus Ernst und Witz da rein gemischt war. Nachwievor denke finde ich, dass Matt der Ideal Deckel für Anyas Topf ist, sowohl was die körperliche Statur als auch den Grips angeht. Anya brauch einfach jemand, der sie keck aushebeln kann. Sei es nun Levrier oder Matt, ohne ist so jemand ist sie nicht komplett ^^
      Die einzelnen Fronten waren in der Folge auch klar differenziert. Wie gesagt, Al recht festgefahren und unbeweglich. Für Matt blieb da einfach keine andere Wahl, wenn Worte ihr Ziel nicht mehr erreichen können. Deshalb war das Duell definitiv unausweichlich.

      Und im dramatischsten Moment gesellt sich noch ein weiterer 'Spieler' dazu in Form von Another, der Matt einen Pakt und damit einen Ausweg anbietet. Eine nette Sache war dabei die Vision, praktisch wie ein kleines 'Begrüßungsgeschenk' für sein angedachtes Gefäß. Womit wir dann beim zweiten Teil des Duells wären.

      18

      Die Folge war superb. Blieb man in der vorherigen Folge noch im Unklaren, welche Wendung es nun mit Another und Matt nehmen wird, wurde man hier mit Interaktionen zwischen den beiden geradezu überschüttet. Und die war einfach genial. So wie ich bei 17 geschrieben habe, dass Matt das passende Komplimentär zu Anya sei, so muss ich unter Betrachtung von 18 insoweit zugegeben, dass der Dämon und Matt viel besser zusammen passen würden ;)

      Die Fortsetzung des Duells las sich auch wieder sehr gut, wobei es teils natürlich etwas vorhersehbar war. Aber der Fokus der Folge lag einfach auf Another und dem Pakt. So konnte man erwarten, dass Roach als Paktkarte ne Rolle spielen wird und zumindest eine Chance gibt um gegen Alastairs dicken Synchros anzukommen. Nur gegen Xyz hilft die Schabe nun leider gar nicht xD

      Parallel dazu hat die Folge auch etwas Licht auf Alastairs Vergangenheit und seinen Bezug zu Another geworfen. Klar bleiben bei sowas immer noch ein paar Fragen offen, aber zuviel Input auf einmal ist auch nicht gesund, lieber in kleinen Mengen zu den richtigen Momenten. Dadurch bleibt immer noch genug Spannung für die nächsten Folgen ^^

      Aber wie gesagt, die Folge gefiel mir ausgesprochen gut. Ich würde sie immer noch bei einer der besten ansiedeln, weil eben so viel stimmig war und gepast hat. Es ist jedoch schwer, diese herausragenden Episoden immer miteinander zu vergleichen, da sie eben auf unterschiedliche Weisen zu überzeugen wissen. (Inhaltlich sind sie ja sowieso alle immer gut =) )

      @ Preview:
      Wenn die Folge den Fokus auf Nick legt, dann kann man ja nur von überraschenden und unerwarteten Verläufen ausgehen xD
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