Yu-Gi-Oh! The Last Asylum

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      Yu-Gi-Oh! The Last Asylum

      Herzlich willkommen, liebe Leser und Leserinnen!

      Vielleicht erinnern sich einige von euch noch an The Last Asylum. Ich hatte diese Fanfic bereits vor etwa zwei Jahren mal hier gepostet, diese jedoch dann abgebrochen, um sie auf der Arena zu posten. Einerseits bereue ich das nicht, andererseits bin ich natürlich daran interessiert, dass mein Werk sich verbreitet. Daher habe ich mich entschieden, dieses nun erneut hier zu veröffentlichen. Solltet ihr Interesse haben und die Geschichte verfolgen, würde ich mich über Kommentare freuen.
      Worum es geht? Hier ein kurze Zusammenfassung:

      Anya Bauer, die wohl vorlauteste, egozentrischste Oberstufenschülerin der Livington High, glaubt nicht an paranormale Phänomene. Selbst dann nicht, wenn sie sich direkt vor ihrer Nase in Form des unbekannten Wesens Levrier abspielen. Und während sie ohne ihr Wissen immer weiter ins Zentrum unheimlicher Vorfälle gezogen wird, läuft ihr die Zeit davon. Denn wer sich mit Dämonen einlässt, spielt mit weit mehr als nur dem Feuer …


      Was erwartet euch also hier? Auf jeden Fall viele Geheimnisse, die nach und nach gelüftet werden, Dämonen, mit denen man sich lieber nicht anlegen sollte, aber auch Dämonenjäger, die im Fernsehen wesentlich netter anmuten, als im 'echten' Leben.
      Dazu sollte man wissen, dass die Protagonistin Anya sehr gewöhnungsbedürftig ist. Wer eine derbe Sprache und generell Schimpfwörter – sind sie auch eher harmlos – nicht mag, sollte diese Fanfiction mit Vorsicht genießen. Wer aber auf selbstverliebte, durchgeknallte Antiheldinnen steht, wird sich sicher mit Anya anfreunden können. Und eins sei schon verraten: auch wenn man am Anfang nicht den Eindruck haben wird, so wird sie auch ihre ernsten Momente spendiert bekommen. Versprochen! Einige Aspekte mögen hin und wieder überspitzt wirken, um der Geschichte eine humorvolle Note zu verleihen, doch seid euch gewiss, dass das hier kein Kasperletheater wird. Gewalt und Tod sind ebenso Bestandteil dieser Geschichte, wie es unpassende Sprüche und schrullige Charaktere sind.
      Diese Geschichte wird, so hoffe ich doch, eine ausgewogene Mischung aus düsterer und lockerer Atmosphäre bieten. Füllepisoden wird es sehr wenige geben und selbst dann dienen sie einem übergeordnetem Zweck.
      Was bleibt mir also noch zu sagen? Viel Spaß beim Lesen!

      Es folgen in diesem Post noch die Episodenliste mit Links zu den einzelnen Episoden, eine Legende, die Beschreibungen der wichtigsten Figuren und weitere, noch zu veröffentlichende Inhalte. Im zweiten Post findet ihr zudem für jede Episode eine Liste aller gespielten Karten. Vorsicht! Gerade die Figuren-Liste enthält Spoiler und sollte daher nur unter Vorbehalt gelesen werden!






      Figuren


      Anya Bauer
      Alter: 19
      Deck: Gem-Knights
      Anyas Charakter in einem Wort: verdorben. Von permanenter schlechter Laune geplagt, ist sie an ihrer Schule berüchtigt für ihr aufbrausendes Temperament. Sie flucht nicht nur für ihr Leben gern, sondern lässt auch gerne ihre Fäuste sprechen, wenn Leute, die sie nicht leiden kann, ihr gegenüber frech werden. Und sie kann im Grunde niemanden leiden. Ausnahme sind ihre Familie und ihre Freunde, von denen sie aber nur zwei hat: Abby Masters und Nick Harper.
      Zudem ist Anya mit einer Ignoranz gesegnet, die ihresgleichen sucht, sodass sie beispielsweise nicht an Übernatürliches glaubt. Dadurch ist sie gegenüber den seltsamen Vorkommnissen nahezu blind, die an ihrer Schule geschehen. Einer ihrer Schwachpunkt jedoch ist Marc Butcher, von dem sie regelrecht besessen ist. Ein anderer, dass sie aufgrund ihrer sehr einfachen Denkweise leicht durchschaut und manipuliert werden kann. Doch trotz all ihrer Fehler ist Anya eine willensstarke Person, die sich durch nichts so leicht erschüttern lässt und nie den Mut verliert.

      Levrier
      Alter: -unbekannt-
      Deck: „Hellhound Circus“
      Eine mysteriöse Wesenheit, die mit Anya verschmelzen und so zusammen „Eden“ werden will.

      Abigail „Abby“ Masters
      Alter: 19
      Deck: Naturia
      Abby ist eine sehr ruhige junge Frau, die gerne von ihren Mitschülerin als Freak abgestempelt wird. Das liegt vor allem an ihrem hippiemäßigen Auftreten und ihren ausschweifenden Reden über Harmonie und Frieden. Zuweilen ist sie aber auch sehr sprunghaft, so ist sie schon mehreren außergewöhnlichen Lebensstilen nachgegangen, namentlich Punk und Gothic. Doch die waren ihr auf Dauer zu dunkel und anstrengend, was sie zu ihrer jetzigen Art gebracht hat. Sie ist außerdem sehr wissbegierig und abergläubisch, wodurch es ihr leicht fällt, eine Verschwörung hinter den merkwürdigen Geschehnissen an ihrer Schule zu vermuten. Abby hat aber auch eine finstere Seite an sich, welche jedoch nur äußerst selten zum Vorschein tritt.

      Nick Harper
      Alter: 20
      Deck: Wind-Up
      Nick ist nicht gerade das hellste Löffelchen in der Besteckschublade. Da er sonst keine Freunde hat, hängt er ständig mit Abby und Anya herum und geht besonders Letzterer oft auf die Nerven mit seiner stupiden Art. Er tendiert dazu, Dinge im unpassendsten Augenblick zu sagen und denkt generell nicht über die Sachen nach, die er von sich gibt. Er ist seinen Freunden jedoch bedingungslos treu und mindestens genauso tollkühn wie Anya, wenn es darum geht, sich gegen seine Widersacher durchzusetzen. Leider ist er im Gegensatz zu Anya darin nicht sehr erfolgreich.

      Valerie Redfield
      Alter: 19
      Deck: Gishki
      Valerie ist eine wunderschöne, beliebte junge Frau, die dazu noch einen aufrichtigen Charakter vorzuweisen hat. Sprich: sie ist das genaue Gegenteil von Anya. Auch wenn sie zuweilen ein wenig naiv wirkt, sollte sie keinesfalls als Dummchen abgetan werden und glänzt dort, wo Anya ihre Fäuste sprechen lässt, lieber mit klugen Einfällen. Als Tochter des Bürgermeisters von Livington lebt sie ein privilegiertes, aber auch einsames Leben. Sie wird oft zusammen mit Marc Butcher gesehen, wodurch sie unwiderruflich zu Anyas Erzfeindin geworden ist. Doch in welcher Beziehung sie letztlich zu Marc steht, ist unklar.

      Marc Butcher
      Alter: 20
      Deck: Laval
      Genau wie Valerie ist auch Marc an der Livington High sehr beliebt, was vor allem seinem Stand als Football- und Eishockey-Spieler, aber auch seinem attraktiven Äußeren, zuzuschreiben ist. Der eher wortkarge Marc ist von freundlicher, wenn auch zurückhaltender Natur. Um Anyas Gefühle für ihn weiß er nicht, da er ihr aufgrund ihres schlechten Rufes aus dem Weg geht und noch nie ein längeres Gespräch mit ihr geführt hat.

      Alastair
      Alter: 29
      Deck: Vylon
      Ein Dämonenjäger, der himmlische Unterstützung durch den Engel Refiel erhält. Seine regelrecht fanatisch Art gegenüber seiner Berufung rührt daher, dass einst ein Dämon seine Familie ausgelöscht und ihn dabei schwer entstellt hat. Seitdem bekämpft er zusammen mit Refiel Dämonen und sucht nach 'Another', welcher für die Verbrechen an seiner Familie verantwortlich ist.

      Matt Summers
      Alter: 24
      Deck: Steelswarm
      Ein ziemlich aufbrausender, gleichwohl hinterhältiger junger Mann, der keine Mühen und Opfer scheut, um seine Ziele zu erreichen. An diese glaubt er fest und leidet dabei auch offen unter seiner eigenen Grausamkeit, wobei Matt dennoch nicht von seinen Idealen abrückt. Durch den Mord an seinem eigenen, brutalen Vater vor sechs Jahren war er dazu gezwungen, seine Schwester Sophie und Freundin Tara hinter sich zu lassen, um ein Leben im Untergrund zu führen. Drei Jahre später nahm Alastair ihn unter seine Fittiche und bildete ihn zu einem Dämonenjäger aus. Die beiden verbindet eine enge Freundschaft.

      Henry
      Alter: 22
      Deck: „Three Times' The Charm“
      Henry ist ein freundlicher, intelligenter junger Mann, der zunächst durch sein ziemlich heruntergekommenes Auftreten unscheinbar wirkt. Er ist auf der Suche nach seiner Schwester, was ihn schließlich nach Livington geführt hat. Auch wenn er auf den ersten Blick nicht danach aussieht, ist er sehr verschlagen und geschickt im Umgang mit anderen Menschen.

      Isfanel
      Alter: -unbekannt-
      Deck: benutzt die Decks seiner Wirte
      Ein uralter Dämon, der in Eden eine Bedrohung für sich selbst sieht. Sein Vorgehen ist kompromisslos und hart und Isfanel ist durchaus gewillt, andere für seine Zwecke zu opfern.

      Refiel
      Alter: -unbekannt-
      Deck: -unbekannt-
      Ein Engel, der Alastair unterstützt und mit ihm zusammen Dämonen vernichtet.

      Another
      Alter: -unbekannt-
      Deck: -unbekannt-
      Der Dämon, der Alastairs Familie ausgelöscht und dafür von ihm gejagt wird. Nichts Weiteres ist über ihn bekannt.

      Joan of Arc
      Alter: über 650 Jahre
      Deck: -unbekannt-
      Eine Gesandte Gottes, die Valerie ein Mal verleiht und sie mit allen Kräften unterstützt. Doch sie zeigt sich Valerie nur sehr selten.

      Nina Placatelli
      Alter: angeblich 29
      Deck: X-Saber
      Eine Schriftstellerin, die gerne in Verschwörungstheorien aufgeht und nicht gerade durch die Qualität ihrer Texte zu glänzen weiß. Nina ist hartnäckig, egoistisch und um keine Schandtat verlegen, wenn es darum geht, eine gute Story zu schreiben. Wenn es um Duelle geht, mag Nina zwar ein sehr mächtiges Deck besitzen, ist jedoch als Spielerin nur wenig begabt.

      The Collector
      Alter: -unbekannt-
      Deck: -unbekannt-
      Ein uraltes Wesen, das Seelen und Lebenskraft sammelt, um damit in der Unterwelt Handel zu treiben. Anstatt sich diese Dinge jedoch mit Gewalt zu besorgen, bietet er seinen ausgewählten Zielobjekten stattdessen einen Tausch an. So zum Beispiel Lebenszeit gegen Wissen. Der Collector besitzt eine ruhige, jedoch bestimmte Persönlichkeit und duldet in seiner Gegenwart keine niederen Absichten, da diese laut ihm die Seele beflecken, wodurch diese an Wert verliert.

      Orion
      Alter: -unbekannt-
      Deck: The Fabled
      Orion ist der Untergebene #1 des Colletordämons. Und auch der einzige, um genau zu sein. Während er in der Anwesenheit von Frauen regelmäßig zum Casanova mutiert, verhält es sich bei Männern genau anders herum. Orion nimmt so gut wie nie ein Blatt für den Mund und eckt mit seiner teilweise schon tolldreisten Art regelmäßig an. Zudem ist ihm das Wort Hygiene kein Begriff, sodass er manchmal Dinge tut, die der Damenwelt alles andere als behagt.


      The Last Ultimania
      Die Ultimania umfasst verschiedene Hintergrundinfos der Fanfic und bietet zudem alle 36 Episoden als PDF-Datei.
      Der Inhalt gestaltet sich im Folgenden.

      - alle 36 Episoden der 1. Staffel
      - Decklisten
      - Sidestories und Nebeninfos
      - Bilder
      - Kommentare zu den Figuren
      - Soundtrackliste
      - Danksagungen

      Download-Link!

      Auf Anfrage ist auch eine Übertragung per Mail möglich, sollte der Link irgendwann nicht mehr funktionieren.


      Anmerkungen


      ATK = Angriffspunkte
      DEF = Verteidigungspunkte
      LP = Life Points
      ATK oder DEF = Position, in der sich das Monster derzeitig befindet
      → = Änderung eines Wertes „von → zu“
      (3) = Stufe
      {4} = Rang
      [Gem-Knight Ruby] = Kartenname (nur vorhanden, wenn der volle Name benutzt wird)

      Unter jeder Folge gibt es eine Liste an gespielten Karten.
      Karten ohne dazugehörigen Text sind reale Karten. Wenn sie einen Effekt/Stats gelistet haben, habe ich diese Karten erfunden.



      Disclaimer: Die Yu-Gi-Oh! Animes und Mangas, die darin enthaltenen Figuren, Begriffe und Örtlichkeiten sowie das TCG gehören nicht mir, sondern Kazuki Takahashi und KONAMI. Sämtliche Figuren dieser Geschichte sind fiktiv und gehören mir, ausgenommen besagte Anime/Mangafiguren, die aber sowieso nicht erwähnt werden. Wer sich unrechtmäßig an ihnen vergreift, lernt "Barbie" kennen.*

      * Siehe Folge 8.

      Aktueller Stand der Geschichte: Staffel 2 fertig geschrieben

      Dieser Beitrag wurde bereits 100 mal editiert, zuletzt von -Aska- ()

      Damit ihr euch nicht wundert: die Folgen stecken in Spoilern, um den Thread schlanker zu gestalten.
      Die erste Folge ist direkt unter diesem Kommentar.


      Turn 01 – A New Approach



      Eine Welt, die nicht länger existiert.
      Und eine Welt, die mich abstößt.
      In der ich nicht existiere.
      So sehne ich herbei, was uns einst gegeben.
      Auch wenn ich dafür einen Preis zu zahlen habe.
      Eden.



      Unendliche Finsternis umgriff Anya. Wohin sie auch blickte, das lückenlose Schwarz schien sie regelrecht zu verschlingen. Oder nein, es hatte sie bereits verschlungen. Sie wusste genau, dass das ein Traum sein musste. Niemand, der noch alle Tassen im Schrank hatte, würde ernsthaft daran zweifeln, dass dieser Ort nicht echt war.

      Missmutig schüttelte die Blondine den Kopf und bemerkte dabei, dass nicht alles in dieser Welt dunkel war. Sie stand auf einem Mosaik, das in vielen kleinen Puzzleteilen die Erde als Scheibe darstellte. Jene leuchtete unheimlich in ihren blauen, braunen und grünen Farben. Und sie drehte sich. Aber Anya, obwohl sie auf dem Bildnis stand, drehte sich nicht mit.

      Was für ein verrückter Traum, dachte sie ärgerlich. Gehörte sie jetzt auch schon zur einsamen Spinnerriege, die sonst nur ihrem Freund Nick vorbehalten war? Allein der Gedanke ließ sie erschaudern. Nein, mit dem Hohlkopf wollte sie sich nicht gleichstellen. Selbst auf Drogen würde sie niemals so durchgedreht und dumm sein, wie er es ohne Hilfsmittel ist.
      Sie seufzte. Es wäre schön, wenn er wenigstens hier wäre. Andererseits, eher würde er sich hinter ihr verstecken, als umgedreht. Aus gutem Grund.

      Sie ließ ihre Handgelenke knacken und trat einen Schritt nach vorn, inmitten des Mosaiks. Sollte doch das obligatorische Traummonster auftauchen, sie würde es direkt zurück zu Frau Holle schicken.

      Ein einsamer Ort, nicht wahr?

      „Was?“ Anya wirbelte herum. Diese tiefe, düstere Stimme war aus dem Nichts erschienen. Doch wohin sie auch sah, ihren Ursprung konnte sie nicht ausmachen.

      Such nicht nach mir. Schließlich habe ich dich gesucht. Und gefunden.

      „Wer zur Hölle ist da?“, fauchte sie aufgebracht. Dieser Mistkerl sollte ihr gefälligst gegenübertreten und nicht mit solchen Billigeffekten versuchen, ihr Angst einzujagen. Immerhin war das IHR Traum, SIE bestimmte die Regeln! „Komm raus, du Feigling!“

      Eine Bitte, der ich nicht nachkommen kann.

      „Warum?“ Langsam wurde es langweilig. Und Anya kam sich dumm dabei vor, mit einer gestaltlosen Stimme zu sprechen. Außenstehende würden sie vermutlich für verrückt halten. Aber es war zum Glück nur ein Traum.

      Bedauerlicherweise verfüge ich nicht über einen Körper.

      „Soll das ein Witz sein?“ Egal wie sehr sich Anya auch um die eigene Achse drehte, in der endlosen Finsternis konnte sie niemanden entdecken.

      Leider ist dies die Wahrheit. Ich, Levrier, bin hier nichts weiter als ein Schatten. Und deswegen brauche ich dich, Anya Bauer.

      Anya musste auflachen. Langsam wurde das richtig lächerlich. Konnte sie nicht endlich aufwachen? Da war ihr ja noch ein siebenköpfiger Drache lieber. Der war wenigstens cool, wenn er einen auffraß.
      Die Stirn runzelnd, verschränkte sie die Arme und atmete tief durch. Vielleicht ging das hier schneller vorbei, wenn sie sich auf den Traum einließ. „Und wofür, Levirgendwas?“

      In deiner Welt gibt es nur eine Handvoll geeigneter Gefäße, die meinen Geist in sich tragen können. Und du, Anya Bauer, bist so ein Gefäß. In dir klafft ein Loch, groß genug um mich zu tragen. Doch dein Wille ist stark genug, um nicht unter der Last meiner Existenz zusammenzubrechen. Dein Körper ist gesund, jung, kräftig und wird nicht verglühen, wenn ich ihn betrete.

      „Ja, ja, ja, was auch immer. Klar bin ich toll.“ Sie fasste sich an die Stirn. Eine Woge des Unwohlseins ging durch ihren Leib. Irgendetwas stimmte hier nicht. Einen derart verrückten Traum hatte sie noch nie gehabt. Warum interessierte sich dieses Hirngespinst für ihren Körper?

      Öffne mir das Tor zu deiner Seele und lass mich herein. Zusammen werden wir etwas Großes schaffen.

      Anya winkte mit einem verächtlichen Zischen ab. „Kein Interesse. Wärst du jetzt so freundlich und ziehst Leine? Ich möchte ungern verschlafen.“
      Dass sie das einmal sagen würde! Aber Schule war allemal besser, als mit diesem gesichtslosen Freak zu quatschen. „Such dir einen anderen für dein großes Etwas.“
      Sie wandte der Dunkelheit den Rücken zu, auch wenn sie wusste, dass es eine sinnlose Geste war. Dieses Ding schien ohnehin überall zu sein.

      Ich fürchte, das ist nicht möglich. Du bist das beste Gefäß. Lass mich herein, damit wir „Eden“ werden können.

      „Was zum Geier ist denn Eden? Ich bin nicht gläubig, wenn du das meinst!“ Allmählich war Anya es leid, immer wieder auf die Versuche dieses Levidingens zu reagieren, das Gespräch am Leben zu erhalten. Sollte es doch sonstwen anbetteln, aber nicht sie! Und überhaupt: wie kam diese Pfeife eigentlich auf die grenzdebile Idee, ausgerechnet SIE um so etwas zu bitten?

      Eden. Das größere Wohl.

      „Verstehe“, log Anya. „Kann ich jetzt gehen?“

      Schwöre mir deine Treue.

      Anya pfiff spöttisch. „Nein. Wäre ja noch schöner, wenn ich jedem Dahergelaufenen in den Allerwertesten kriechen würde.“
      Ihre Gedanken drehten sich eher darum, wie sie sich selbst erklären konnte, so einen ausgemachten Schwachsinn zu träumen. Hatte Nick ihr gestern in der Kantine etwas ins Essen gemischt? Oh, den würde sie-

      Wohlan. Du bist noch nicht bereit, wie mir scheint. Wir werden uns wiedersehen, Anya Bauer. Und dann wirst du mein Gefäß werden.

      „Als ob!“
      Doch ihre Worte hallten nicht durch die Finsternis, sondern die vier Wände ihres kleinen Zimmers. Schweißnass saß Anya kerzengerade aufgerichtet in ihrem Bett und starrte auf den Bildschirm ihres uralten Röhrenfernsehers am anderen Ende des Zimmers.
      Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, wo sie war. Stöhnend wischte sie sich einige blonde Strähnen von der Stirn und versuchte klare Gedanken zu fassen. Doch es ging nicht. Der Traum schwirrte in ihrem Kopf, jedes kleine Detail davon. Obwohl Anya den klischeebehafteten Spruch „Es hat sich so real angefühlt!“ abgrundtief hasste, musste sie zugeben, dass er gewissermaßen zutraf. Den Klang von Leviwasauchimmers Stimme würde sie wohl so schnell nicht vergessen. Genau wie den Rest dieses ganzen Mists.

      Anya beschloss, dass sie erst einmal duschen und dann frühstücken sollte. Dann musste sie auch schon in die Schule. Wer weiß, vielleicht würde sie dort einem Unterstufler das Essensgeld wegnehmen können? Dann hätte dieser bereits absolut bescheidene Tag wenigstens ein Gutes.

      ~-~-~


      „Ohhhh, ich schraube ihr den Kopf ab und stecke ihn ihr an einen Ort, den sie so noch nie gesehen hat!“, fauchte Anya gut fünf Stunden später außer sich vor Wut.
      Sie knirschte mit den Zähnen, ballte die Hände auf ihrem Schoß zu Fäusten, sodass die Knöchel deutlich hervortraten und doch konnte sie ihren Zorn nicht bändigen.

      Hier saß sie. Auf der Ersatzbank. Sie, die die Hälfte aller Jungen vom Eis fegen konnte! Und wen hatte der Coach stattdessen für das Freundschaftsspiel gegen die „Virtues of Dice“, die ewige Rivalenmannschaft der „Livington Lions“ eingesetzt? Diese zerbrechliche, ahnungslose, dummschwatzende, hirnverbrannte, einfach nur lächerliche Valerie Redfield. Gab es überhaupt irgendetwas, wo diese dumme Schnalle nicht die erste Geige spielte? Die war doch erst seit einem halben Jahr im Eishockeyteam ihrer Schule! Sie, Anya, schon seit ihrer Kindheit!

      Wütend krallte Anya ihre Finger in den Schläger und suchte nach einem Objekt oder einer Person, die feige genug war, sie nicht wegen zukünftiger Taten anzuzeigen. Aber neben dem Coach und ein paar Ersatzspielern am Ende der Bank war da nur Abby, ihre beste Freundin. Und die war zu nützlich, um sie zu Brei zu verarbeiten.

      Abby war ein hageres Mädchen mit langem, braunen Haar, das nur mäßig gebändigt wirkte. Ein grünes Stirnband zierte ihr Haupt, was zu ihren langen, geblümten Kleid farblich hervorragend passte. Wie immer trug Abby ihre Brille mit den kreisrunden, getönten Gläsern.
      Anya seufzte. Abby war immer noch ein Hippie. Und das jetzt seit über einem Jahr. Konnte sie nicht wieder Punk sein? Da war sie wenigstens nicht so langweilig wie jetzt.
      Beleidigt stellte Anya an Abbys verträumten Blick fest, dass jene die letzten fünfzehn Minuten ihres Fluchens nicht bemerkt hatte und in einer anderen Sphäre zu schweben schien. Warum war sie überhaupt hier, wenn sie dem Spiel – Korrektur: ihr – keine Beachtung schenkte?

      „Abby?“, fragte Anya mürrisch.
      „Hmm?“, gab die in einem melodischen Singsang von sich.
      „Hast du mir überhaupt zugehört?“
      Abby nickte. „Natürlich. Aber ich finde, Gewalt ist keine Lösung. Der Coach hat Valerie ausgesucht, weil sie Erfahrung sammeln soll. Anstatt dich aufzuregen, solltest du lieber mit den beiden reden.“
      „Geht nicht“, brummte Anya sauer. „Ich wüsste dann nämlich nicht, wem ich zuerst die Augen auskratzen sollte.“
      „Du sollst sprechen Anya. Über die Dinge, die dich bewegen, dich berühren, dich verletzen.“
      „Verletzen?“ Ein fieses Grinsen spielte um die Mundwinkel der Blondine. „Oh ja, das würde ich nur zu gerne.“

      Abby zuckte mit den Schultern. Sie wusste, dass Anya ein hoffnungsloser Fall war. Ebenso wusste sie aber auch, dass diese Phasen nie lange anhielten. Es brauchte nur einen neuen Grund, damit ihre Freundin aus der Haut fuhr und schon war alles Schnee von gestern.

      Neidisch beobachtete Anya das Eisfeld und wie sich die Mannschaften in Blau und Violett gegenseitig drangsalierten, nur um den Puck ins Feindgebiet zu rücken. Dabei ließ sie eine Gestalt in Blau nicht aus den Augen. Die Nummer 10. Marc Butcher. Ihr Marc. Ihr zukünftiger Marc. Der Marc, der jetzt Valerie einen Pass zuspielte. Valerie! Die Valerie, die eigentlich hier oben sitzen sollte!
      „Los Dices, brecht diesem Miststück alle Knochen!“, feuerte Anya kurzerhand die gegnerische Mannschaft an.
      „Wie kann man nur so neidisch sein …“, murmelte Abby vor sich hin und schüttelte den Kopf.
      „Ich bin nicht neidisch!“
      „Du hast ja auch keinen Grund dazu. Du bist … stark? Und … blond?“
      Anya warf Abby einen vernichtenden Blick zu. „Danke! Ich weiß, dass mich kein Kerl auch nur mit dem Arsch anguckt.“
      „Du machst ihnen eben Angst. Starke Frauen sind eine Sache für sich. Viele trauen sich bestimmt nur nicht, dich nach einem Treffen zu fragen, weil sie Angst haben, im Krankenhaus aufzuwachen.“
      Das Kinn an die Brust ihrer ausgepolsterten Uniform legend, dachte Anya nach. Vielleicht hätte sie sich nicht mit diesem Clown aus der damaligen Zwölften prügeln sollen? Ob ihr Ruf dann besser wäre? Andererseits war diese Memme ihr frech gekommen und es war gut gewesen, die Fronten zu klären. Was konnte sie dafür, dass er jetzt regelmäßig zum Psychologen gehen muss, weil sie ihn tagtäglich in seinen Albträumen heimsuchte?

      Sofort dachte sie wieder an ihren eigenen Traum von heute Nacht. Wodurch der arme Kerl ihr sogar ein wenig leid tat, denn solchen Mist würde wohl niemand freiwillig träumen wollen. Angst zu haben war scheiße und so hatte Anya schon vor langer Zeit beschlossen, einfach keine zu haben. Was für andere unmöglich klang, war für sie eigentlich ziemlich einfach. Wer nachdachte, konnte Angst haben. Also lautete ihre Lösung: über nichts länger als bis zur nächsten Mahlzeit nachdenken. Dann würde schon alles gut werden.
      Anya war stolz auf ihr Motto, es hatte sich bisher selten als unwahr erwiesen.

      Enttäuschte Rufe klangen von den Zuschauertribünen. Anya bemerkte es sofort, Nummer 21 lag auf dem Boden. Unter grellem Jubel sprang sie auf. Diese dumme Valerie hatte sich der Länge nach hingelegt! Was für ein Ereignis! Hätte sie doch nur ihre Kamera dabei!
      Aber nein, dachte sie kurz darauf verbittert. Nämlich als die Nummer 10 seiner Kollegin aufhalf. DAS wollte sie sich nicht hundert Mal am Tag reinziehen.

      „Ich verschwinde“, brummte Anya verstimmt. „Die kommen auch ohne mich klar.“
      „Und der Coach? Du kannst nicht einfach gehen“, warf Abby vorwurfsvoll ein. „Eine Mannschaft muss zusammenhalten!“
      „Ach, Valerie hat doch alles im Griff, die brauchen mich nicht.“
      Abby stand plötzlich auf. „Da wäre ich mir nicht so sicher. Sieh mal!“
      Erst wusste Anya nicht, wovon ihre Freundin redete und suchte nach der Stelle, auf die jene deutete. Schließlich bemerkte sie es auch.

      Einer der Spieler der Dices schlug mit seinem Schläger um sich. Wie wild geworden fiel er plötzlich seine Kameraden an, die ihrerseits Mühe hatten, die Angriffe mit ihren Schlägern zu parieren. Und der Kerl war nicht der Einzige. Auch zwei Lions fingen plötzlich an, wie Berserker auf diejenigen loszugehen, die ihnen am nächsten waren.

      „Na, das ist mal 'ne Show nach meinem Geschmack“, strahlte Anya und sprang nun auch auf, „'ne Massenschlägerei! Gott, das gab es hier ja schon ewig nicht mehr!“
      Und während der Coach auf die Eisfläche eilte und wütend brüllte, erfreute sich die Blondine am immer schlimmer werdenden Chaos.
      Abby hingegen schlug fassungslos die Hände vor den Mund. „Die müssen aufhören! Sonst wird noch jemand verletzt!“ Plötzlich streckte sie den Arm aus und zeigte auf die Masse. „Der Coach! Die greifen tatsächlich Coach Bergmann an!“

      Anya verging die Freunde, als sie sah, wie drei Spieler der Dices den Coach beharkten. Dieser ging in die Knie und krabbelte über das Eis, doch musste er harte Schläge einstecken. Ihr Blick wanderte automatisch zu der Stelle herüber, wo eben noch Valerie am Boden gelegen hatte. Sie sah die Nummern 10 und 21, wie sie sich vom Eisfeld entfernten und durch die Tür zu den Tribünen gelangten. Dort war mittlerweile alles in Wallung geraten und einige versuchten offensichtlich, sich einen Weg aufs Eis zu bahnen, um den Kampf zu beenden.

      Plötzlich traf ein geworfener Schläger die Nummer 10 am Hinterkopf, woraufhin jene der Länge zusammenbrach.
      „Marc!“, kreischte Anya erschrocken. Doch jener rappelte sich, gestützt von Valerie, wieder auf und suchte mit ihr zusammen das Weite.

      Immer mehr Leute stürmten aufs Eis und versuchten, die Hockeyspieler zu bändigen. Diese wüteten noch immer durch die Reihen, ob mit oder ohne Waffen.
      „Das ist verrückt“, kommentierte Abby den schrecklichen Anblick leise. „Was ist plötzlich in die gefahren?“
      Als sie zur Seite blickte, war Anya verschwunden. Erst nach ein paar Herzschlägen erkannte Abby, dass ihre Freundin am Boden lag und sich nicht rührte.
      „Hilfe!“, schrie sie gegen die Unruhen an und kniete neben Anya nieder. „Ich brauche einen Arzt, schnell!“

      ~-~-~


      Anya erkannte diesen Ort sofort wieder. Die Dunkelheit, das Mosaik. Sie war zurück, sie träumte wieder. Doch anders als beim letzten Mal blieb sie nicht ruhig. Eine ungekannte Furcht machte sich in ihr breit. Nicht darüber nachdenken, mahnte sie sich.
      Wieso war sie hier? Eben noch war sie in der Halle gewesen, hatte zugesehen, wie gute Freunde sich gegenseitig die Helme einschlugen.

      Erinnerst du dich? Ich sagte, wir werden uns wiedersehen.

      Das Mädchen zuckte zusammen. Da war es wieder, dieses Ding. Überall und nirgendwo.
      „Leviere?“

      Levrier. Und? Hat dir gefallen, was ich dir gezeigt habe? Hat es deiner wütenden Seele Nahrung gegeben?

      Was meinte er? Doch nicht etwa die Schlacht auf dem Eis?
      „Das warst du?“, fragte Anya ungläubig. Nein, das konnte unmöglich sein. Das Ding war ein Produkt ihrer hyperaktiven Fantasie. Nicht real. Vermutlich hatte irgendein Schwein ihr hinterrücks eins verpasst, sodass sie wieder diesen Traum hatte!

      Gewiss. Ich habe gehofft, dass du ein wenig kooperativer wirst, wenn du siehst, wozu ich imstande bin. Dir liegt doch etwas an dieser Kleinen. Abby, nicht wahr?

      „Was willst du?“, schoss es aus Anya heraus.

      Das habe ich dir bereits bei unserer letzten Begegnung gesagt. Entsinne dich.

      Anya schnaufte. „Die Antwort bleibt nein!“
      Womit zum Teufel hatte sie es bloß zu tun? Esoterik und dieser ganze Quatsch war zwar nicht ihr Ding, doch irgendetwas ging hier vor sich. Und da sie sich weigerte zu glauben, einfach nur verrückt zu werden, musste doch dieses Levrier-Wesen dahinterstecken.
      „Ich werde nicht zu deinem Gefäß! Ich weiß ja nicht einmal, wer oder was du bist und was du damit bezwecken willst.“

      „Man könnte sagen, ich möchte die Welt verändern.“
      Anya wirbelte um, denn die Stimme war dieses Mal direkt hinter ihr gewesen. Und sie hatte anders geklungen, nicht so fern.
      Doch als sie deren Ursprung erblickte, glaubte sie, ihren eigenen Augen nicht trauen zu können.

      Da stand sie, Anya. Nein, das war nicht sie, das war dieser Levrier, der nur so aussah. Und doch. Die blauen Augen, das blonde, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haar, die Jeans und das schwarze Totenkopfshirt. Es war das perfekte Abbild von ihrem alltäglichen Ich.

      „Man bin ich hübsch“, stellte Anya anerkennend fest, was sie aber nur tat, um sich Mut zu machen. Dabei bemerkte sie, dass sie selbst nicht mehr ihre Hockeyausrüstung trug, sondern dieselben Sachen wie ihr Gegenüber. Und eine Duel Disk. Wie Levrier auch.

      Als könne jener ihre Gedanken lesen, nickte er. Dabei imitierte das geheimnisvolle Wesen jetzt sogar Anyas Stimme. „Du siehst richtig. Ich dachte mir, wenn Worte dich nicht überzeugen können, dann vielleicht etwas, was deinen Stolz verletzt. Damit du weißt, wo dein Platz ist.“
      „Ach ja?“, warf Anya ihm herausfordernd entgegen. „Na warum kommst du dann nicht her, damit wir das auf traditionelle Art und Weise lösen können? Ich hätte nicht schlecht Lust, dir ein paar Rippen zu brechen.“
      „Dein Gedächtnis scheint minderwertig zu sein. Ich sagte bereits, dass ich keinen Körper besitze. Was du siehst, ist nur mein Wille. Und diesem wirst du dich jetzt beugen.“ Mit diesen Worten klappte die schwarze, mit Dornen behaftete Duel Disk Levriers klangvoll aus.

      Derweil knirschte Anya mit den Zähnen. Wenn sie diesen Plagegeist loswerden wollte, hatte sie wohl keine andere Wahl, als hier mitzumachen. „Glaubst du.“
      Nebenbei bemerkte sie, dass auch sie so eine merkwürdige Duel Disk am linken Arm trug. Jene sah einfach schrecklich aus im Vergleich zu ihrer uralten Battle City Disk. Ein Originalstück, das ihr Vater ihr einst geschenkt hatte. Dieses hässliche Ding an ihrem Arm hingegen wäre höchstens etwas für Abby gewesen, als sie noch die Gothic Lolita gemimt hatte.
      Widerwillig aktivierte sie das Gerät durch das Ausschwingen ihres Arms.

      „Ich sehe, du lernst dazu“, kommentierte Levrier das Ganze mit einer Spur Hohn in der Stimme.
      „Pass mal auf, was du alles so lernen wirst, wenn ich erstmal mit dir fertig bin“, schnaubte Anya. Jetzt kam dieses Ding ihr auch noch frech. Den würde sie bluten lassen.
      „Du redest viel. Aber ob du die Dinge auch in die Tat umsetzen kannst? Lass es uns herausfinden.“
      Beide schrien regelrecht synchron: „Duell!“

      [Anya: 4000LP / Levrier: 4000LP]


      Beide Spieler zogen augenblicklich ihr Startblatt von fünf Karten.
      „Der Herausforderer begi-“
      Doch Anya unterbrach ihr Spiegelbild schroff. „Ich fange an!“ Schon hatte sie die nächste Karte nachgezogen und studierte missmutig ihr Blatt. Ihre Schlüsselkarte war nicht darunter. Aber das machte nichts, denn sie hatte die perfekte Möglichkeit, an sie heran zu kommen.

      Mit einem zufriedenem Grinsen fischte sie eine Zauberkarte aus ihrem Blatt und verkündete: „Ich aktiviere [Gold Sarcophagus]! Damit entferne ich eine Karte von meinem Deck und füge sie zwei Runden später meiner Hand hinzu.“
      Eine goldene Truhe mit ägyptischen Symbolen, darunter ein unheimliches Auge inmitten der Front, erschien. Während Anya ihr Deck aus der Duel Disk nahm und auffächerte, schob sich wie von Geisterhand der Deckel beiseite. Als Anya schließlich ihre Wahl getroffen und das Deck an seinen rechtmäßigen Platz zurückgesteckt hatte, hielt sie die gewünschte Karte in die Höhe.
      „Ich nehme [Gem-Knight Fusion]!“ Der Zauber flog ihr aus der Hand und verschwand im Inneren der Truhe, die sich selbst verschloss und augenblicklich im Nichts verschwand.

      Anya überlegte weiter. Solange sie ihre besten Monster nicht spielen konnte, wäre es zumindest gut, ihre Ankunft vorzubereiten. Deswegen entschied sie sich für [Gem-Armadillo], den sie auf die Duel Disk legte.
      Kurz darauf erschien ein braunes, schwebendes Gürteltier vor ihr, welches mit hellbraunen Edelsteinen und zwei Düsentriebwerken bestückt war.

      Gem-Armadillo [ATK/1700 DEF/500 (4)]

      „Wenn [Gem-Armadillo] beschworen wird, füge ich einen beliebigen Gem-Knight von meinem Deck meiner Hand hinzu!“, erklärte Anya und hielt das ausgewählte Monster bereits zwischen Mittel- und Zeigefinger. Es war das normale Monster [Gem-Knight Garnet].

      Sie atmete tief durch. Das Gefühl, sich selbst gegenüber zu stehen, war alles andere als angenehm. Dazu noch inmitten einer so unheimlichen Umgebung. Sie mochte die Dunkelheit, die Nacht, aber das hier war nichts für Anya. Aber sie war keine Memme, redete sich das Mädchen resolut ein. So leicht würde dieser Mistkerl von Levrier sie nicht einschüchtern können!
      „Ich setze eine Karte verdeckt“, rief sie und schob die Fallenkarte in einem der dafür zugehörigen Schlitze. „Das wär's dann.“

      Die andere, falsche Anya lächelte süffisant. „Fürchtest du dich?“
      „Nö“, antwortete das Original desinteressiert.
      „Und warum zittert deine Hand?“
      Zu ihrem Schrecken musste Anya feststellen, dass Levrier recht hatte. Die Hand, in der sie ihr Blatt hielt, bebte regelrecht. Mit der anderen hielt sie sofort ihren Arm fest, damit ihr Gegner nicht weiter darauf eingehen konnte.
      „Du kannst mir nichts vormachen. So sehr du dich auch sträubst, Anya Bauer, meine Worte sind zu dir durchgedrungen. Du hast erkannt, zu was ich imstande bin und du fürchtest dich vor dem, was noch kommen könnte. Und es wird kommen, solltest du dich weiterhin weigern, dich mit mir zu vereinen.“
      „Blablabla“, zischte Anya, doch ihre Stimme klang etwas zu heiser, um überzeugend zu wirken. Nein, sagte sie sich, dieser Kerl log nach Strich und Faden. Was da unten in der Halle passiert war, lag lediglich an ein paar übermütigen Jungs. Daran war absolut nichts Mysteriöses, so wie Levrier es ihr einreden wollte!
      Und doch … ob es Marc gut ging? Und Abby, wo war die gerade? Und sie selbst, fragte Anya sich voller Unwohlsein? Was war überhaupt mit ihr, war sie noch in der Halle und nur eingenickt? Vielleicht war die Schlägerei auch nur Teil des Traumes? So musste es sein! Sie war noch gar nicht aufgewacht!

      „Ich werde nun meinen Zug durchführen“, erklärte Levrier und riss sein Gegenüber dabei aus den Gedanken. Er nahm behände eine Karte und legte sie auf die Duel Disk. „[Purgatory Hellhound]!“
      Ein feuriges Loch tat sich inmitten des Spielfelds auf. Daraus hervor sprang eine mannshohe Bestie, die entfernt an einen Hund erinnerte. Schreckliche Fangzähne ragten aus seinem Maul und überall aus dem roten Fell des Biestes stachen schwarze Klingen hervor. Es brüllte ohrenbetäubend.

      Purgatory Hellhound [ATK/1800 DEF/1000 (4)]

      Die falsche Anya streckte den Arm aus. „Vernichte [Gem-Armadillo]!“
      Kurzerhand sprintete das Ungetüm auf das schwebende Gürteltier zu und riss es mit nur einem Schlag seiner wuchtigen Pranke entzwei. Dabei wurde Anya von einem sengenden Wind aus Glut und Asche erfasst, was sie zum Husten brachte. Sie hielt sich schützend die Arme vor den Kopf, bis das Inferno vorbei war.

      [Anya: 4000LP → 3900LP / Levrier: 4000LP]


      „Das war ...“, murmelte sie und betrachtete die Asche und die vereinzelten Brandblasen an ihren Händen und Armen, die unangenehmerweise auch noch weh taten.
      „Real? Gewiss, mein Kind. In einem Kampf um das Vorrecht eines Gefäßes wird – Wie sagen die Menschen? – mit harten Bandagen gekämpft. Es ist deine Seele, die hier Schaden nimmt.“ Levrier lächelte zufrieden. „Wie lange wohl wirst du den Qualen standhalten, ehe du dich ergibst? Jemand der so stur ist, stellt einen würdigen Gegner dar. Aber selbst die stärkste Seele kann auf Dauer nicht gegen mich bestehen.“
      „Du laberst Bullshit“, fauchte Anya. Wollte dieser Kerl sie mit ein bisschen Hokuspokus beeindrucken? Wenn ja, lag er da aber so was von falsch!
      „Wie du meinst. Vielleicht sprichst du eher diese Sprache?“ Er deutete auf seinen Höllenhund. Die Klingen auf seinem Rücken begannen rötlich zu leuchten. „Immer wenn [Purgatory Hellhound] angreift, erhöht sich sein ATK-Wert anschließend um 400.“

      Purgatory Hellhound [ATK/1800 → 2200 DEF/1000 (4)]

      „Shit“, murmelte Anya und biss sich auf die Lippe. Das war gar nicht gut.
      „Damit dieses Spiel auch nicht zu langweilig wird, setze ich eine Karte verdeckt. Nun denn, Anya Bauer, durchdenke deinen nächsten Zug gut.“ Wieder war da dieses wissende Lächeln von Levrier. Wie Anya es hasste, dass dieses Wesen ihren Körper für das Duell benutzte. Wäre er in Gestalt von Valerie gegen sie angetreten, wäre das alles viel amüsanter.

      Es half aber nichts, sagte sie sich. Sie würde ihn auch so in der Pfeife rauchen.
      Mit neuem Mut zog sie eine Karte von ihrem Deck und war positiv überrascht. Mit der würde sie sich zu verteidigen wissen. Und einen Weg, diese dumme Töle zurück ins Jenseits zu schicken, hatte sie auch schon gefunden.
      „Ich beschwöre [Gem-Knight Garnet]!“, rief Anya und knallte das gelb-umrandete Monster auf ihre Duel Disk.
      Aus einer Flamme vor ihr entstieg ein Ritter in bronzener Rüstung, der zwischen seinen Händen eine Feuerkugel entstehen ließ. Wie sein Name es gebot, strahle inmitten seiner Brust ein brauner Granat.

      Gem-Knight Garnet [ATK/1900 DEF/0 (4)]

      Schwungvoll streckte Anya den Arm aus. „Los Garnet, einmal Drecksköter zum Mitnehmen!“
      Sofort schoss der Ritter seine Flamme auf das Ungetüm. Levrier schwieg nur. Anya hatte eigentlich damit gerechnet, dass er einen dummen Spruch ablässt, warum sie denn ein stärkeres Monster angreife. Doch scheinbar war er einer der wenigen intelligenten Duellanten, die wussten, dass dahinter ein Plan steckte.
      Und ebenjenen zückte sie nun von ihrem Blatt. „Wenn eines meiner normalen Monster mit dem Element Erde kämpft, kann ich die besondere Magie meines [Gem-Merchants] wirken lassen!“
      Ein kleines Wesen mit Zauberhut und kegelförmigen Unterleib erschien hinter Anyas Ritter und verschwand in ihm. „Damit steigen ATK und DEF jenes Monsters für einen Zug lang um 1000!“

      Gem-Knight Garnet [ATK/1900 → 2900 DEF/0 → 1000 (4)]

      Schlagartig wuchs die Flamme an und versengte den Höllenhund in einem gewaltigen Inferno. Nun war es an Levrier, einem feurigen Wind entgegen zu stehen. Dieser jedoch war sichtlich unbeeindruckt und schützte sich nicht einmal.

      [Anya: 3900LP / Levrier: 4000LP → 3300LP]


      Das hat gesessen, dachte Anya stolz. So stark, wie er, sie oder es sich gab, war Levrier auch wieder nicht. Noch ein, zwei Züge und sie hatte ihn zu Hackfleisch verarbeitet!
      Mit siegesgewissem Lächeln nahm Anya die Karte, die sie diese Runde gezogen hatte und setze sie zu ihrer anderen Falle. Nun lagen vor ihr zwei verdeckte Karten. Daran würde dieser Kerl nie vorbeikommen!

      „Ich aktiviere meine Fallenkarte“, hörte sie da Levrier plötzlich rufen. Er schwang seinen Arm über die vor ihm schwebende Karte, sodass sie aufsprang. „[Dominance]. Der Zug, in dem du eines meiner Monster zerstört hast, wird dir zum Verhängnis werden. So kann ich fortan eine deiner gesetzten Karten blockieren, bis ich sie in zwei Runden für meine Zwecke einsetzen kann. Und meine Wahl fällt auf die eben von dir ausgespielte Karte!“

      Anya schreckte zurück, als glühend rote Ketten sich um die verdeckte Karte rechts von ihr schlangen.
      Das konnte nicht wahr sein, dachte sie fassungslos. Die dort liegende Karte war [Negate Attack] und war eigentlich dazu gedacht gewesen, feindliche Angriffe abzufangen. Nun war sie nutzlos. Schlimmer noch; Levrier würde sie schon bald selbst einsetzen können.
      „Pfff“, zischte sie. Dann würde sie ihn eben vernichten, bevor er sich an ihrer Falle vergreifen konnte! „Mein Zug ist beendet!“

      Gem-Knight Garnet [ATK/2900 → 1900 DEF/1000 → 0 (4)]

      Levrier zog, doch schenkte seiner neuen Karte keine Beachtung. Stattdessen sah er durch kalten, blauen Augen Anya in die ihren. „Du hast mich nach Eden gefragt, Anya Bauer. Was es ist.“
      „Eigentlich interessiert es mich nicht die Bohne“, reagierte Anya schnippisch.
      „Um die Wahrheit zu sagen, weiß ich es nicht. Was ich aber weiß ist, dass Eden zu werden meine Bestimmung ist. Und wenn ich dazu deinen Geist brechen muss, werde ich das auch tun. Du tätest also besser daran, mir zu dienen. Tu es, bevor es zu spät ist!“ Plötzlich klang er sehr eindringlich. „Ich würde deiner Seele ungern irreparablen Schaden zufügen.“
      Das Mädchen zuckte gelangweilt mit den Schultern. „ Ach wirklich … ? Du wiederholst dich. Das nervt.“
      „Etwas anderes habe ich ehrlich gesagt auch nicht erwartet. Aber gerade deshalb bist du das ideale Gefäß. Nun lass mich dir einen Grund liefern, mich wahrhaft zu fürchten, mein Kind.“

      Das geheimnisvolle Wesen nahm eine Karte aus seinem Blatt und zeigte sie vor. „Komm herbei, [Life Devouring Succubus]!“
      Grelles Gekicher erklang. Aus einer schwarzen Wolke über Levrier tauchte eine geflügelte Gestalt mit sechs Armen auf. Sie hatte das Haupt einer schönen, rothaarigen Frau, doch ihr Körper war der einer Schlange. Am Ende ihres Schweifs lauerte der Kopf einer riesigen Königskobra. Dieser schoss plötzlich in den Boden, mitten in das Mosaik und zertrümmerte halb Afrika, welches sich gerade zufällig auf Levriers Spielfeldseite befand.
      „[Life Devouring Succubus] hat die Fähigkeit, sich einen gefallen Kameraden einzuverleiben. Dabei nährt sie sich von seiner Lebenskraft und gewinnt so an Stärke.“
      Aus dem Loch zog die Kobra mit ihren starken Kiefer die Gebeine des Höllenhundes und verschluckte sie.

      Life Devouring Succubus [ATK/500 → 2300 DEF/500 → 1500 (4)]

      Anya verzog angeekelt das Gesicht. Dieses groteske Monster war ihr zuwider, zumal es stärker war als ihr eigenes.
      „Vernichte [Gem-Knight Garnet]!“, befahl Levrier harsch.
      Dessen Besitzerin musste einen Herzschlag später mitansehen, wie sich der Succubus hinter ihren Ritter teleportiert hatte und ihn mit ihren sechs Armen in Stücke riss. Dabei holte sie gleichzeitig mit ihrem Schweif weit aus und schlug Anya zu Boden.

      [Anya: 3900LP → 3500LP / Levrier: 3300LP]


      Stöhnend wollte sich das Mädchen gerade aufrichten, da erschien der Dämon plötzlich über ihr und leckte sich die vollen Lippen.
      „Wenn [Life Devouring Succubus] einen Feind besiegt, fügt sie seinem Besitzer zusätzlichen Schaden von insgesamt 500 Lebenspunkten zu“, erklärte Levrier ungerührt.
      Die Kobra schnappte zu und biss Anya in den Arm, welchen sie reflexartig zum Schutz erhoben hatte. Sofort brannte er fürchterlich und Blut tropfte auf das farbenfrohe Mosaik der Erde.

      [Anya: 3500LP → 3000LP / Levrier: 3300LP]


      Völlig irritiert betrachtete Anya die Wunde, ehe sie realisierte, was geschehen war. Dieser Bastard hatte soeben sein Todesurteil unterschrieben!
      Wütend sprang sie auf und zeigte aufgebracht auf ihn: „Okay Freundchen, jetzt reicht's! Du willst Krieg? Den kannst du haben! Niemand, der auch nur eine winzige Hirnzelle hat, wagt es mich zu verletzten! Jetzt bist du fällig!“

      Levrier zeigte sich von den Gebärden seiner Gegnerin jedoch nicht im Geringsten beeindruckt. Stattdessen zeigte er eine Schnellzauberkarte von seiner Hand vor, die er kurzerhand in seine Duel Disk schob. „Ich aktiviere jetzt [Order of H.I.M.]. Ein Unterweltler-Monster, das in diesem Zug bereits angegriffen hat und dabei über einen ATK-Wert verfügt, der über seinem Ursprungswert liegt, kann erneut angreifen und verdoppelt dabei noch besagten Grundwert.“

      Life Devouring Succubus [ATK/2300 → 2800 DEF/1500 (4)]

      Der Blondine klappte die Kinnlade herab. Noch ehe sie etwas erwidern konnte, umklammerte der Succubus das Mädchen mit seinem Schweif und zog sie zu sich hinauf. Anya wehrte sich nach Leibeskräften, doch dem eisernen Griff entkam sie nicht. Ihr ganzer Körper schmerzte.
      Plötzlich sah sie in das Gesicht des Dämons, welcher zufrieden lächelte. Und dann gab er Anya mit einem seiner Arme eine Ohrfeige. Ein unangenehmes Rauschen schien ihren Kopf auszufüllen und einen Moment später wurde sie mit aller Kraft nach unten geworfen.

      Hart prallte Anya auf der rechten Körperhälfte auf und hörte es knacken. Ein schrecklicher Schmerz machte sich in ihrer Schulter breit, so stark, dass sie Sterne tanzen sah. Auch bekam sie keine Luft mehr und hechelte wie ein sterbender Hund.

      [Anya: 3000LP → 200LP / Levrier: 3300LP]


      „Erkennst du nun, wie sinnlos dein Kampf ist, Anya Bauer?“, fragte Levrier kaltherzig.
      Das Mädchen rappelte sich unter Schmerzen auf und presste eine Hand auf den Unterleib. Scheinbar hatte sie sich bei dem Fall ein paar Rippen gebrochen. Dem Schmerz nach zu urteilen womöglich auch das Schlüsselbein.
      „... leck mich“, zischte sie.
      „Immer noch so stur? Ich bin beeindruckt. Ist dieser Schmerz denn nicht genug, um dich zu brechen?“
      „Nicht mal ansatzweise!“ Anya biss die Zähne zusammen. Vor lauter Schmerz konnte sie kaum denken. Aber das wäre ohnehin schlecht.
      „Bedauerlich. Doch glücklicherweise habe ich meine Reserven noch nicht ausgeschöpft.“

      Noch mehr, fragte sich das Mädchen erschrocken. Ihr Gegner hatte noch drei Karten auf der Hand. Mehr als genug, um ihr die letzten Lebenspunkte zu rauben. Würde ein weiter Angriff folgen?
      „[Life Devouring Succubus] hat einen letzten Effekt, den ich dir nicht vorenthalten möchte“, verkündete Levrier gebieterisch. „Ich kann eine Xyz-Beschwörung mit dem Monster durchführen, das als Kraftquelle für meine Kreatur dient. Da beide der Stufe 4 angehören, kann ich nun ein Rang 4 Xyz-Monster rufen. Ich erschaffe das Overlay Network!“

      Aus dem Succubus schossen zwei violette Strahlen, die von einem bunten Wirbel innerhalb des Bodens verschluckt wurden. Daraus empor stieg ein Wesen, wie Anya es noch nie zuvor gesehen hatte.
      Sechs verdorrte, knochige Flügel ließen es unendlich groß erscheinen. Der Schädel eines Ziegenbocks diente als Maske für jenes dämonische Wesen, das einen Stab in seinen Händen hielt, welches aussah wie eine gewundene Schlange. Um ihn schwirrten zwei Lichtkugeln, die Xyz-Materialien.
      „Dies ist [Six Winged Archfiend – Se'rim]“, erklärte Levrier.

      Six Winged Archfiend – Se'rim [ATK/2600 DEF/1300 {4}]

      „Was ist dieses Ding?“, schoss es Anya hervor. Dieses Monster erschien ihr wie eine Verkörperung des Leibhaftigen. Nein! Es war nur eine Karte, ein Hologramm. Wahrscheinlich ein sehr lebendiges Hologramm, musste sie sich insgeheim eingestehen.
      „[Six Winged Archfiend – Se'rim] hat einen Effekt, der nur eingesetzt werden kann, wenn er nicht am Kampfgeschehen teilgenommen hat. Ich hänge ein Xyz-Material ab und ziehe eine Karte“, erklärte Levrier. Er entfernte den Succubus, welcher unter der schwarz-umrandeten Karte des Dämons lag und steckte ihn in den Friedhofsschacht. Eine der Kugeln verschwand hinter der Maske, aus welcher nun rote Augen aufleuchteten. Dann zog Levrier und hielt die Karte flach gen Boden, ohne sie anzusehen. „Wenn es sich hierbei um ein Monster handelt, erleidest du nun Schaden anhand seines ATK-Wertes.“
      Anya zuckte zusammen und sah auf ihre Duel Disk. Sie hatte nur 200 Lebenspunkte. Sollte er dort tatsächlich ein Monster haben, war das Spiel gelaufen!

      Langsam, nahezu in Zeitlupe, hob Levrier seinen Arm und zeigte die Karte zwischen seinen Fingern hervor. Es war eine grüne Karte – ein Zauber. Anya atmete tief durch. Noch einmal Glück gehabt.
      „Ich aktiviere den Effekt von [Six Winged Archfiend – Se'rim] erneut!“, rief die Anya-Kopie entschlossen.
      „Was? Das geht zweimal in einem Zug!?“
      Auch die zweite Lichtkugel verschwand nun hinter der Maske des Dämons. Wieder zog Levrier und betrachtete die Karte. Ein finsteres Lächeln umspielte plötzlich seine Lippen. Anya ahnte Böses. Dabei fragte sie sich, ob sie wohl auch so bösartig aussah, wenn sie andere fertig machte. Der Gedanke behagte ihr nicht.
      Mit einem Ruck zeigte Levrier die Karte. Es war ein Effektmonster.
      „Aber-!“
      „Du siehst richtig. Ein Monster ohne Angriffspunkte. Es scheint, als wäre das Schicksal auf deiner Seite, Anya Bauer.“ Levrier sprach diese Worte mit einer Spur Anerkennung. „Ich fürchte, du hast deine Existenz um einen weiteren Zug verlängert. Doch sei dir im Klaren: dein Moment des Glücks ist nur von kurzer Dauer und wird bald vergehen.“

      Doch das Mädchen betrachtete nur ihre zitternden Hände. Glück. Nur Glück hatte sie soeben vor der Niederlage bewahrt. Das war … unakzeptabel. So sollten Duelle nicht entschieden werden, auch wenn es diesmal zu ihrem Vorteil war. Sie ballte die Fäuste so fest zusammen, dass es schmerzte.
      „Einen Zug!“, schrie sie plötzlich. „Mehr werde ich auch nicht brauchen! Draw!“
      Das war ihre Chance, sagte sie sich. Levrier konnte ihre [Negate Attack] erst im nächsten Zug einsetzen, dann wäre sowieso alles verloren. Sie musste jetzt mit aller Härte zuschlagen und ihn vernichten, bevor er sie vernichtete.
      Schwungvoll zog sie die alles entscheidende Karte und strahlte, als sie sie erblickte.

      Der Boden erbebte, als der goldene Sarkophag daraus emporstieg und seinen Inhalt preisgab. Anya, die zwischenzeitlich ganz um ihren Zauber vergessen hatte, hielt nun [Gem-Knight Fusion] in den Händen, zusammen mit drei anderen Karten.
      „Okay Freundchen, mach dich auf was gefasst!“, verkündete sie aufgebracht und zückte eine andere Zauberkarte aus ihrem Blatt. „[Silent Doom] beschwört ein normales Monster von meinem Friedhof in Verteidigungsposition!“

      Gem-Knight Garnet [ATK/1900 DEF/0 (4)]

      Ihr Ritter erschien neben Anya und kniete nieder. Sie nahm jedoch schon die nächste Zauberkarte von ihrer Hand. „Und jetzt zeige ich dir mal, wie man das richtig macht! [Gem-Knight Fusion]! Damit verschmelze ich zwei meiner Ritter zu einem völlig neuen! [Gem-Knight Garnet], du bist das Herz, [Gem-Knight Sapphire], du die Rüstung! Vereint euch!“
      Ein strahlender Wirbel entstand über Anya, etliche Juwelen verschiedenster Beschaffenheit und Farben tanzten im Einklang mit dem Strom, in den erst Garnet, dann die in eine blaue Rüstung gekleidete Sapphire gezogen wurden.
      Aus dem Wirbel trat schließlich ein Ritter in bronzener Rüstung mit blauen Streifen, der stark an Garnet erinnerte. Ein blauer Umhang wehte von seinen Schultern und er hielt nun eine Lanze in den Händen, die er bedrohlich auf Levrier richtete.
      „Das ist es, [Gem-Knight Ruby]!“

      Gem-Knight Ruby [ATK/2500 DEF/1300 (6)]

      „Bedauernswerte Kreatur“, kommentierte Levrier das Ganze unbeeindruckt. „Was wirst du tun, um ihr die nötige Stärke zu verleihen, die sie braucht, um die meine zu bezwingen?“
      „Schau genau her, Mistkerl! Ich beschwöre jetzt [Gem-Knight Alexandrite] als meine reguläre Beschwörung!“
      Ein Ritter in silberner Rüstung, geschmückt mit vielen verschiedenen Edelsteinen an den Gelenken, tauchte neben Ruby auf.

      Gem-Knight Alexandrite [ATK/1800 DEF/1200 (4)]

      „Aber er ist nicht hier um zu bleiben! Ich opfere ihn für seinen eigenen Effekt und beschwöre einen seiner Kameraden vom Deck! So wie [Gem-Knight Crystal]!“
      Alexandrite verschwand in einer Lichtsäule. Aus dieser trat ein noch viel anmutigerer Ritter in weißer Rüstung. Viele farblose Kristalle schmückten sein Erscheinungsbild. Stolz stemmte er die Hände in die Hüften und stellte sich neben Ruby.

      Gem-Knight Crystal [ATK/2450 DEF/1950 (7)]

      „Ein weiterer Schwächling. Ist das deine Antwort, Anya Bauer? Willst du auf diese Weise überleben?“
      Dieser Levrier hatte keine Ahnung, dachte die Blondine zufrieden. Zwar hatte sie all ihre Handkarten aufgebraucht, aber der Weg war geebnet. Der Trottel hatte nicht einmal verdeckte Fallen auf seiner Spielfeldseite liegen, sodass sie sich keine Gedanken machen musste, einen Angriff zu starten. Und das würde sie jetzt!
      „Ich benutze Rubys einzigartigen Effekt und biete Crystal als Opfer an. Dadurch erhält Ruby jeden Angriffspunkt, den Crystal besitzt! Du denkst, dein Monster ist stark? Sieh dir mal meins an!“

      Der weiße Ritter vor Anya löste sich in strahlenden Lichtfunken auf, die von Rubys Lanze absorbiert wurden. Plötzlich erstrahlte um jene eine weiße, glühende Aura, die selbst die Dunkelheit um sie herum zu erhellen vermochte.

      Gem-Knight Ruby [ATK/2500 → 4950 DEF/1300 (6)]

      „Das ist genug, um deinem Mistvieh ordentlich einzuheizen! Los, Ruby, zeig es ihm! Sparkling Lance Thrust! Vernichte diesen Dreckskerl!“
      Ihr Ritter wirbelte die Lanze über seinem Kopf und schoss wie ein Pfeil durch die Luft auf den geflügelten Dämon zu. Mit einem gezielten Stich schaffte er ein gewaltiges Loch in der Brust des Ungetüms. Es begann, sich von innen heraus aufzulösen.
      Levrier jedoch zog nur eine von Anyas Augenbrauen hoch, ehe er von einer Schockwelle erfasst wurde. Trotz der gewaltigen Kraft der Explosion seines Monsters blieb er standhaft, rührte sich nicht einen Millimeter vom Fleck.

      [Anya: 200LP / Levrier: 3300LP → 950LP]


      „Wie es scheint, war dein Angriff nicht ausreichend, um mich – wie sagtest du? – zu vernichten.“
      Anya biss die Zähne zusammen. Sie hatte sich tatsächlich verrechnet! Wie hatte ihr so ein Fehler unterlaufen können!? Wenn sie doch nur-
      In diesem Moment jedoch hatte sie einen Geistesblitz. Sie starrte auf ihre Duel Disk und erkannte, dass neben [Negate Attack] noch die Falle steckte, die sie in ihrem ersten Zug ausgespielt hatte. Ihr Ticket zum Sieg!

      „Verdeckte Falle!“, rief sie voller Inbrunst. „[Gem-Enhancement]!“
      Die vor Anya liegende, linke Karte sprang auf. Sie zeigte Ruby, wie aus den Rubinen an seiner Rüstung grelles Licht strahlte. Und genau das geschah jetzt auch mit dem Ritter, der für Anya einstand.
      „Ich biete einen meiner Gem-Knights als Tribut an, damit einer seiner Freunde vom Friedhof wiederauferstehen kann! Ruby, überlass jetzt Crystal das Feld!“
      Die Rüstung von Anyas Monster platzte auf und gab den weißen Ritter zum Vorschein, der sich zuvor für seinen Kameraden geopfert hatte.

      Gem-Knight Crystal [ATK/2450 DEF/1950 (7)]

      Levrier lächelte nun geheimnisvoll. „Ich verstehe. Dein Deck ist wahrhaft ein besonderes. Deine Krieger gehen Bündnisse ein, sind bereit, für ihre Freunde ihr Leben zu geben. Sie gehen Hand in Hand miteinander. Warum besitzt jemand wie du solch mächtige Karten?“
      Seine Worte trafen Anya wie ein Schlag. Es klang, als hätte sie die Gem-Knights nicht verdient.
      „Seit wann bestimmst du, wer welches Deck spielen darf?“, rief sie wütend. „Du hast genug Unsinn gelabert, ich habe die Schnauze voll! Los Crystal, beende diesen Dreck! Clear Punishment!“

      Ihr Ritter hielt seine Hände in die Höhe und beschwor ein Langschwert herauf, welches mit unendlich vielen Kristallen versehen war. Die Klinge mit beiden Händen führend, rannte Crystal auf Levrier zu und sprang kurz vor ihm in die Luft.
      „Du bleibst also dabei, Anya Bauer? Doch sei dir gewiss, auch wenn du mich heute geschlagen hast, ist Edens Ankunft unausweichlich.“
      Mit diesen Worten zerschlug Crystal Anyas Abbild regelrecht. Es zersplitterte wie ein Spiegelbild, dessen Scherben in alle Winde verstreut wurden.

      [Anya: 200LP / Levrier: 950LP → 0LP]


      Anya atmete tief durch, ihre Brust schmerzte. Die Hologramme verschwanden, genau wie die Duel Disk an ihrem Arm. Der Albtraum war endlich vorüber. Und kaum hatte Anya diesen Gedanken gefasst, zersplitterte ohne Vorwarnung das Mosaik unter ihren Füßen. Sie fing an zu fallen. Die Schreie in ihrer Kehle gingen in der endlosen Finsternis unter. So schloss sie die Augen und hoffte, dass sie den Fall überleben würde.

      ~-~-~


      „Sie kommt zu sich“, hörte Anya eine ferne Stimme sagen. Ihre Lider waren schwer, doch langsam konnte sie sie anheben. Sie starrte in grelles Licht, alles war ein wenig verschwommen.
      „Lass das!“, war da wieder diese Stimme. Anya kannte sie gut. Abby!
      Und sie fühlte etwas. Es kam von ihrem rechten Ohr. Als würde …
      Anya neigte den Kopf leicht zur Seite und sah einen Arm. Die dazugehörige Hand hatte schon fast unheimlich lange Finger, von denen einer direkt in ihrem Ohr steckte und sich drehte. Sofort schreckte sie auf.
      „Nick?“, murmelte sie und langte voller Entsetzen zu. Die Backpfeife saß und der hochgewachsene junge Mann hielt sich mit jammernder Mimik die Wange.
      „Hi Anya“, gluckste er.
      „Was soll das!?“, fauchte sie ihn an. „Wieso steckst du mir deinen ekligen Finger ins Ohr, du Idiot?“
      „Dachte, du wachst dadurch schneller auf.“ Er kratzte sich am Kopf, dessen braunes Haar zerzauster nicht hätte sein können. Dann steckte er die Hände in die Hosentasche und grinste verschlagen. „Na, hast wohl von mir geträumt?“
      „Nie im Leben, als ob! Wo bin ich überhaupt?“, fragte Anya mürrisch und sah sich um.

      Neben ihr auf beiden Seiten stand eine Art tragbarer Vorhang aus kraftlosem Grün. Anya musste nicht mehr sehen, um zu wissen, wo sie war. Auf der Krankenstation der Livington High. Ihr Brustschutz und der andere Kram lagen in einer Ecke, sie trug nur das Trikot ihrer Mannschaft und eine weiße Hose.
      Abby trat zwischen die beiden Zankenden. Sie machte einen sehr besorgten Eindruck. Zudem wirkten ihre Haare noch zerzauster als sonst, das Stirnband war verrutscht. „Wir haben uns echt Sorgen um dich gemacht. Du bist einfach umgekippt und es war gar nicht so leicht, dich hierher zu bringen.“
      „Wieso, was ist passiert?“
      Ihre Freundin seufzte. „Auch auf der Zuschauertribüne haben die angefangen, sich zu schlagen. Egal was ich gesagt habe, ich konnte sie nicht besänftigen. Es war … schrecklich.“
      „Abby und ich haben dich hierher gebracht“, sagte Nick und grinste, „dabei durfte ich sogar gegen ein paar Knirpse antreten, die aufmüpfig wurden.“
      Anya verzog skeptisch das Gesicht. „Und, was hast du gemacht? Sie unangespitzt in den Boden gerammt?“
      „Bin weggelaufen. Waren zu viele. Drei um genau zu sein.“ Er hielt ihr seine Hand vors Gesicht, doch statt dreien, zeigte er vier Finger. Sofort erntete er lautes Gestöhne von der Blondine, die sich die Hand vor den Kopf schlug.
      „Das ist nicht witzig, Nick“, beschwerte sich Abby und deutete zu einem der Vorhänge. „Wir können froh sein, für Anya noch ein Bett bekommen zu haben. Die Krankenstation ist hoffnungslos überfüllt. Es gibt mindestens zwanzig Verletzte. Coach Bergmann und ein paar andere mussten sogar umgehend ins Krankenhaus eingeliefert werden.“

      Anya sprang von ihrer Liege auf und musste von Nick gehalten werden, da sie sonst umgekippt wäre. Eine starke Benommenheit ergriff Besitz von ihr, doch sie drängte sich an ihm vorbei und verließ ihre Nische.
      Und was sie sah, traf sogar sie schwer. Überall waren verletzte Schüler. Manche lehnten an den Wänden und hielten sich bestimmte Körperteile und -regionen, andere lagen auf Tragen auf dem Boden und wurden von den Krankenschwestern behandelt. Es war kaum Platz zum Gehen, so viele Leute teilten sich hier den begrenzten Raum. Die Ärztin, Doctor Warren, huschte von einer Person zur nächsten und schien gar nicht zu wissen, wo sie anfangen sollte, die Wunden zu behandeln.

      „Also das ist selbst mir eine Spur zu krass“, kommentierte Anya das „Schlachtfeld“ beeindruckt. „Alter Falter.“
      Abby gesellte sich neben sie und legte ihre Hand auf Anyas Schulter. „Wenn es nur das wäre. Aber du hast geschrien, als du bewusstlos warst. Selbst Doctor Warren hat es nicht geschafft, dich zu wecken und wollte dich schon von den Sanitätern abholen lassen. Was war los mit dir, hattest du einen Albtraum?“
      Nick stellte sich ebenfalls zu ihnen. „Ich sag doch, sie hat von mir geträumt, hehe.“
      „Wenn ich wirklich geschrien habe, dann kann das durchaus sein“, brummte Anya und warf ihrem Freund einen giftigen Blick zu.
      Doch ihr ging der Albtraum nicht aus den Kopf. Levrier … gab es ihn wirklich? Hatte er die Massenschlägerei ausgelöst? Nein, das konnte nicht sein! Es gab keine übernatürlichen Lebewesen, das war ausgemachter Schwachsinn!
      „Was hast du denn nun geträumt?“, fragte Abby neugierig.
      „Wie ich diesem Miststück Valerie die eigenen Gedärme in den Hals stecke!“ Mit diesen Worten stampfte sie ziellos von dannen.
      „Ich mag es nicht, wenn du so redest“, rief ihre Freundin ihr noch hinterher, daran zweifelnd, dass Anya ihr die Wahrheit gesagt hatte. Doch jene war längst außer Hörweite. Zumindest innerlich.


      Turn 02 – Wicked Games
      Nach der Schlägerei in der Eissporthalle ist wieder Ruhe an der Livingtoner High eingekehrt. Zumindest fast, denn seit jenen Vorfällen scheint Marc Butcher, Anyas Schwarm, ihre Erzrivalin Valerie auf Schritt und Tritt zu begleiten. Anya, die vor Eifersucht kurz davor steht, gewalttätig zu werden, fordert Valerie in ihrem Wahn schließlich zu einem Duell heraus. Mit Leichtigkeit schafft Valerie es, Anya dank [Evigishki Soul Ogre] an die Wand zu spielen. Doch mitten im Duell geschehen plötzlich merkwürdige Dinge …


      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Crystal
      Gem-Knight Garnet
      Gem-Knight Sapphire
      Gem-Knight Alexandrite
      Gem-Armadillo
      Gem-Merchant

      Gem-Knight Fusion
      Gold Sarcophagus
      Silent Doom

      Gem Enhancement
      Negate Attack

      Gem-Knight Ruby

      Levrier

      Purgatory Hellhound
      Unterweltler/Finsternis/Effekt
      ATK/1800 DEF/1000 (4)
      Nach der Schadensberechnung, wenn diese Karte angegriffen hat: diese Karte erhält 400 ATK. Wenn diese Karte ein Monster in Verteidigungsposition angreift: füge Durchschlagschaden zu.

      Life Devouring Succubus
      Unterweltler/Finsternis/Effekt
      ATK/500 DEF/500 (4)
      Wenn diese Karte als Normalbeschwörung beschworen wird: rüste ein Monster der Stufe 4 oder niedriger von deinem Friedhof als Ausrüstungszauberkarte an diese Karte aus; erhöhe die ATK und DEF-Werte dieser Karte um die ATK und DEF jenes Monsters. Wenn diese Karte ein Monster als Ergebnis eines Kampfes zerstört: füge deinem Gegner 500 Life Points Schaden zu. Wenn du mit dieser Karte ein Xyz-Monster als Xyz-Beschwörung beschwören willst: du kannst das an diese Karte ausgerüstete Monster als Material benutzen, es hat dabei seine originale Stufe.

      Unbekannte Monsterkarte mit ATK/0

      Six Winged Archfiend – Se'rim
      Unterweltler/Finsternis/Xyz
      ATK/2600 DEF/1300 [4]
      2 Unterweltler-Monster der Stufe 4
      Während deiner Main Phase 2, wenn diese Karte nicht angegriffen hat: du kannst ein Xyz-Material von dieser Karte abhängen, um eine Karte zu ziehen. Wenn die gezogene Karte ein Monster ist: füge deinem Gegner Schaden in Höhe der ATK jenes Monsters zu. Wenn diese Karte keine Xyz-Materialien besitzt, kann sie nicht angreifen.

      Order of H.I.M.
      Zauber/Schnell
      Wähle ein Unterweltler-Monster, das eine höhere ATK als Grund-ATK und in diesem Zug angegriffen hat: verdopple seine Grund-ATK; es kann noch einmal angreifen.

      Unbekannte Zauberkarte

      Dominance
      Falle/Dauerhaft
      Während eines Zuges, in dem eines deiner Monster zerstört wurde: wähle eine gesetzte Zauber- oder Fallenkarte deines Gegners; er kann sie nicht aktivieren, solange diese Karte offen auf dem Spielfeld liegt. Ab der zweiten Standby Phase nach Aktiverung dieser Karte: du kannst die gewählte Karte aktivieren, als würde sie dir gehören; zerstöre dann diese Karte.
      Hehe, schön dich hier auch wieder zu sehen. Und toll, dass du so The Last Asylum auch denen zugänglich machst, die nur auf dieser Seite unterwegs sind.

      Hat mich sogar gebracht, nochmal von vorn anzufangen :3

      Und was soll ich sagen, mein Eindruck von damals ist immer noch der gleiche. Es liest sich wirklich super, die Folge war eine schöne Einleitung für die Geschichte und war auch sehr gut ausbalanciert was Handlung und Duellteile anging. Natürlich dürfen die düsteren Andeutungen nicht fehlen, die das ganze zusätzlich spannend machen. Schon für die erste Folge richtig bombig. Weiter so, lass deine neuen (und alten ;) ) Leser hier nicht zu lange warten, dass es weiter geht. ^^
      Auf der Suche nach den neusten Infos oder Bildern zu Yu-Gi-Oh!-Karten aus Japan? =>> Spoiler-Forum


      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Also ich habe vor ca. 2 Monaten deine Fanstory auf Tcg-arena gefunden gehabt, und habe es mir dann gleich mal zu einem ebook umgebaut und lese seit dem täglich auf meiner bahnfahrt und in den pausen(aktueller stand kapitel 29), und ich LIEBE diese Story.

      Hier mal ein paar genauere bewertungen(absichtlich im spoiler, um noch nicht zu viel anderen lesern zu verraten)
      Spoiler anzeigen

      1. Das mit dem thema pakte hat bei mir super gepasst(thema des halbjahres Faust 1 ), was natürlich noch mehr anspornte, es zu lesen

      2. Die Figur Nick finde ich besonders interessant. Anfangs(als er mit anja beim tag-turnier gespielt hatte) dachte ich, das er eine übertriebene stilistische figur des Meta-spielers darstellt("trottel" die meta spielen, und nur ein paar kombos auswendig lernt, aber sonst kein bisschen skill[oder sonstige kentnisse]hat). Doch wenn er dann später besser wird, wird es besonders interessant[insbesondere die begründung für sein "trottel-benehmen"{er liebt anja so sehr, das er den trottel mimt}]

      3. Jedes kapitel lässt sich wirklich gut in 2 teile trennen:
      1. Teil(meist anfangs)=schön interessante hintergrundstory, und man hat immer min. 1 geheimnis, was den reiz gibt, weiterzulesen.
      2. Teil=Vom aufbau ähnelt er stark der serie(grund für das duell, immer mit einem Grund/wetteinsatz gefüttert, fast immer ein "duell der schatten"[duell mit körperlichen beschädigungen])

      4. Es hat wiklich einen sehr aggressiven/brutalen storyinhalt(leiche, die durch "blitzeinschlag" entstand), weshalb man sich immer vorstellt, wie es wohl aussehen würde, wenn es verfillmt/"verseriert" werden würde, bzw. wie wohl die FSK freigabe aussehen wird(ich setze bei uncut auf 16+).
      Was aber auffallend ist, ist das von kapitel zu kapitel weniger brutal wird, was aber auch gut so ist, da so die story mehr im vordergrund kommt.


      was ich mir noch wünschen würde(neben einer fortsetzung, denn ich weiß jetzt schon, das ich wenn ich durch bin, MEHR WILL):
      du beschreibst die figuren echt
      gut, doch was ich noch gerne hätte ist, wenn du ein bild pro kapitel
      hättest, indem eine wichtige stelle des kapitels erklärt/abgebildet wird. Insbesondere neu eingefügte figuren wären schön, wenn sie gezeigt werden(denn eben sowas wäre klasse, denn das bild von valerie in deiner sig. bestimmt seit dem mein bild der figur. Und so hätte ich es auch gerne für alle anderen figuren)



      Tauschbörse YGO
      Tauschbörse VG

      Spieler aus Hameln/Minden und Umgebung?:
      ygohameln@gmail.com
      Zunächst einmal dankeschön, dass ihr beide etwas geschrieben habt. Das freut mich sehr. :)

      @Evil Bakura
      Tja, so ist das eben. Irgendwann kommt man doch immer wieder dorthin zurück, wo alles angefangen hat. Ob es richtig ist, wird sich zeigen. Ich hoffe ja, dass die User hier die Geschichte gut aufnehmen. :)
      Schön, dass es dir immer noch gefällt, auch wenn du es schon kennst. Ich will eigentlich immer am Wochenende eine Folge hier veröffentlichen.
      Soweit erstmal danke. :)

      @Deckcreator16
      Auch dir noch einmal an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für das Lob. :)
      Ich hab bisher nie darüber nachgedacht, dass die Pakte mit Faust in Verbindung gebracht werden könnten. Schon interessant.
      Nick ist in der Tat eine sehr komplexe Figur, die so erst gar nicht geplant war. Eigentlich sollte er die ganze Story tatsächlich so ein Trottel sein, doch was ihn angeht, kamen einfach immer mehr Ideen, sodass er nun der Nick ist, den du kennst. Und es gibt noch viel mehr über ihn zu wissen, warts nur ab. ;)
      Um FSK-Freigaben mach ich mir eigentlich wenig Gedanken, da ich einfach das schreibe, was ich als passend für solch eine Story empfinde. Zu viel Brutalität würde YGO nicht gut tun, aber etwas härtere Bandagen als in den Serien fand ich schon angebracht. ^^

      Bilder kann ich dir leider keine mehr liefern. Das Valerie-Bild aus meiner Sig stammt nicht von mir, sondern von Evil Bakura anlässlich der Beendigung der Geschichte. Ich kann leider überhaupt nicht zeichnen und es wäre auch vermessen, ihn um noch mehr zu bitten. Von daher tut es mir echt leid, aber Val ist zurzeit die Einzige. ^^'
      Was ich dir aber bieten kann (und Anfang/Mitte 2014 auch werde) ist eine Fortsetzung. ;)
      Insofern danke nochmal.


      Viel Spaß mit der nächsten Folge!
      In Spoiler-Tags!


      Turn 02 – Wicked Games



      Sohn von William Ford - Noch immer vermisst
      Weiterhin gibt es keine Hinweise um den Verbleib von Benjamin Ford, dem jüngsten Sohn des Vorsitzenden der Abraham Ford Company, William Ford. Ein Sprecher der Abraham Ford Company, die für den Vertrieb der Duel Monsters-Karten in den Vereinigten Staaten verantwortlich ist, hat am gestrigen Nachmittag bei einer Pressemitteilung verlauten lassen, dass alle bisherigen Ermittlungen rund um den mittlerweile seit über einem Monat vermissten Benjamin Ford ergebnislos waren. Experten gehen nun davon aus, dass der junge Mann nicht mehr am Leben ist. Eine Entführung ist unwahrscheinlich, da sich seit seinem Verschwinden kein Erpresser bei der Familie gemeldet hat. Ferner …


      „Was für 'ne Scheiße“, schnaubte Anya und warf die Zeitung auf den Tisch. Demonstrativ biss sie in ihr Toastbrot und runzelte die Stirn. Wen zur Hölle interessierte es, wenn irgendeine reiche Rotzgöre verschwunden ist? Deshalb las sie sonst nie Zeitung.
      „Stimmt etwas nicht, Liebes?“, fragte ihre Mutter mit einem Hauch von Sorge.
      Sie hatte ihre Tochter bis vor ein paar Tagen noch nie dabei beobachtet, wie sich aus freien Stücken für das Weltgeschehen interessierte. Seit Tagen verhielt das Mädchen sich nun schon äußerst ungewöhnlich. Wer Anya nicht gut kannte, würde es nie bemerken, doch als Mutter wusste Sheryl, dass etwas vorgefallen sein musste.
      Anya hatte sich noch weiter zurückgezogen als sonst und schien krampfhaft nach etwas zu suchen. Sie hing dauernd vor dem Computer und las regelmäßig Zeitung. Ob das mit dem Vorfall an ihrer Schule in Verbindung stand? Sheryl seufzte.
      Eine Antwort ihrer Tochter blieb aus. Stattdessen wischte die sich mit dem Handrücken über den Mund und schulterte ihren Rucksack, der an einem der Beine des Esstisches lehnte.
      „Ich gehe jetzt. Bis später, Mum“, grunzte sie schlecht gelaunt.
      „Bis später.“ Sie sah dem blonden Mädchen hinterher, als es durch die Küche schritt. Nachdem die Tür lautstark ins Schloss gefallen war, wusste Sheryl, dass Anyas Suche weiterhin keine Erfolge vorzuweisen hatte.

      Anya indes stampfte wütend über den Rasen ihres Grundstücks, öffnete das Gartentor und pfefferte es mit einem gezielten Tritt ihrer Schuhsohle im Weggehen wieder zu.
      Sie passierte viele solcher beschaulichen Grundstücke. Kitschig, das waren sie. Der typische amerikanische Vorort, perfekt, gepflegt, grässlich anzusehen. Wo waren der Schmutz, die Ecken, die Kanten? Hier standen gelbe, grüne, rote und rosafarbene Gebäude, die eher an Puppenhäuser denn echte Häuser mit lebenden Menschen erinnerten. Anya hasste Livington, sein Spießertum.

      Und sie hasste es, wenn ihre Anstrengungen vergebens waren. In der beknackten Stadtzeitung verloren sie kein Wort über gewisse unheimliche Vorfälle. Die Massenprügelei in der Eissporthalle war zwar am Folgetag die Schlagzeile schlechthin gewesen, doch über irgendwelche Geisterwesen, die Schwachsinn laberten, verloren die Medien kein Wort. Im Grunde war das nicht weiter verwunderlich, aber Anya wollte sich nicht so recht damit anfreunden.
      Natürlich war es ein Indiz dafür, dass sie alles nur geträumt hatte, was mit Levrier zusammenhing. Doch andererseits würde es auch bedeuten, dass in ihrem Oberstübchen ein paar Zahnräder nicht geölt waren. DAS war noch viel schlimmer. Und das Internet war auch keine Hilfe gewesen, es gab keine hilfreichen Einträge unter „Levrier“ bei allen gängigen Suchmaschinen.
      Alles war scheiße!

      Sie hielt schließlich frustriert vor einem zweistöckigen, gelben Haus. Am Briefkasten stand der Name Harper – Nicks Familienname.
      Wie üblich war von ihrem Freund weit und breit keine Spur. Als ob er jemals schon fertig gewesen wäre, wenn sie ihn abholen kam. Wahrscheinlich schlief er noch, wie immer. Anya schritt über das zaunlose Grundstück und klingelte an der Tür. Keine zwei Sekunden später öffnete Nicks schrullige Mutter die Tür, als hätte sie bereits sehnsüchtig auf das Mädchen gewartet.
      „Anya“, strahlte sie mit schiefen Grinsen. „Guten Morgen. Komm doch rein. Nick schläft noch.“
      Sie machte eine einladende Geste.
      „Morgen Mrs. H.“, antwortete Anya und trat in den Flur ein. Sie wollte bloß schnell weg von dieser Frau, die sich seither in den Kopf gesetzt hatte, ihren Sohn Nick um jeden Preis unter die Haube zu bringen. Und Anya hatte sie als Braut – sprich: Opfer – auserkoren.

      So begleitete Mrs. Harper Anya, als sie die Treppen hinauf stieg und hielt sich dabei so dicht hinter dem Mädchen, dass dieses ihren Atem im Nacken spürte.
      „Sie … können ruhig gehen, Mrs. H. Ich finde den Weg zu Nicks Zimmer schon … seit Jahren“, sagte Anya in einer Mischung aus Trotz und Misstrauen.
      „Oh? Natürlich“, antwortete die kleine, hagere Frau mit den kurzen, braunen Locken enttäuscht. Ihr Gesicht erinnerte mit der spitzen Nase entfernt an einen Adler und Anya wusste, dass sich hinter der netten Fassade ein Raubtier schlimmster Sorte versteckte. „Möchtest du vielleicht einen Muffin? Ich habe vorhin welche gebacken. Du könntest sie mit Nick essen.“
      „Nein danke, ich habe schon gefrühstückt.“ Auch wenn es sicherlich interessant gewesen wäre zu sehen, wie viele Muffins man auf einmal in Nicks Mund gezwängt werden konnten.
      „Schade. Na dann, wecke doch bitte Nick. Und sei sanft.“ Sie zwinkerte verschwörerisch und machte auf den Stufen Kehrt.

      Anya schüttelte den Kopf. Die alte Krähe wollte sie doch nur mit Nick zusammenbringen, damit der endlich auszog. Mrs. Harper wollte aus seinem Zimmer nämlich eine Nähstube machen. Obwohl man sie nie nähen sah! Nicks Familie war einfach verrückt, denn irgendwoher musste er seine Macken schließlich haben. Die einzige normale Person in diesem Haushalt war sein Vater, der Allgemeinmediziner war. Aber den bekam man selten zu Gesicht.
      Auch egal, sagte sie sich. Wenn die Alte es übertreiben sollte, würde sie Anya von ihrer Schokoladenseite kennenlernen. Und die hieß nicht umsonst Mord und Totschlag.

      Die Blondine nahm die letzten Stufen und trat vor Nicks Schlafzimmertür. Sie sollte sanft sein? Kein Problem! Mit einem Tritt stand die Tür offen.
      „Nick“, brüllte Anya, dass man sie noch bis draußen hören konnte. Ihr Freund, welcher in seinem Bett mit Bugs Bunny-Bettwäsche auf dem Bauch lag und schnarche, rührte sich nicht. „Aufstehen! Wir müssen los!“
      „W-was?“, murmelte Nick verschlafen und hob den Kopf an. „Oh? Xena kommt mich in meinem Traum besuchen.“
      „Nix mit Xena“, sagte sie aufgebracht und bahnte sich ihren Weg durch die Klamottenberge, die überall im Zimmer verteilt lagen. Bei Nick angelangt, packte sie ihm am Schopf und riss seinen Kopf hoch, damit er ihr direkt in die Augen sehen konnte.
      „Hi Anya“, grinste er.
      „Du Schwachkopf, wir kommen zu spät! Mach dich fertig, damit wir los können!“
      „Noch fünf Minuten, Mutti …“ Er sackte weg.
      Schon drückte eine erzürnte Anya seinen Kopf so tief ins Kissen, dass er zu zappeln begann.
      „Ich krieg' keine Luft mehr!“, kam es dumpf unter dem Kissen hervor. „Ich will nicht durch ersticken sterben, das tut doch weh!“
      Anya verzog mürrisch das Gesicht. „Mir doch egal. Als ob bei dir viel kaputt gehen kann.“
      Schließlich ließ sie ihn los, da ihr die Lust vergangen war, Nick zu quälen. Selbst das konnte ihre Laune nicht heben.

      ~-~-~


      Abby und Nick unterhielten sich, während Anya lustlos hinter ihnen her schlenderte. Sie hatten den großen Campus ihrer Schule erreicht und steuerten direkt auf ein mehrstöckiges Gebäude aus Backstein zu. Gleich würde der Horror beginnen, wenn Mr. Stantler sie wieder mit seinen Vorträgen über den Ersten Weltkrieg nervte. Wen interessierte schon Geschichte?
      „Ich bin ja schon so gespannt, wie es weitergeht. Die Lage in Deutschland ist ja nun aussichtslos und der Versailler Vertrag klingt nicht gerade aufbauend …“
      Anya stöhnte genervt. Abby interessierte es.
      „Deutschland? Ist das nicht einer unserer Bundesstaaten?“, fragte Nick glucksend.
      Und Nick war zu doof, um den Unterricht folgen zu können. Anya biss sich auf die Lippe. Warum hatte ausgerechnet sie solche uncoolen Langweiler als Freunde?
      Eine fiese Stimme namens Gewissen flüsterte leise zu ihr: weil sie die einzigen Leute sind, die sich freiwillig mit dir abgeben.
      Anya verzog das Gesicht. Deshalb dachte sie nie über irgendetwas nach. Es war einfach nur frustrierend!

      Ihr Blick streifte über den Schulhof. Rechts von ihr ragte das vierstöckige, weiße Gebäude der Unterstufe aus dem Boden. Vor dem großen Haupteingang tummelten sich verschiedene Cliquen, die ausgelassen miteinander tratschten und lachten. Anya rümpfte die Nase. Sie hatte nie bei irgendwelchen Leuten gestanden und über alles Mögliche palavert. So etwas hatte sie nie nötig gehabt!
      Trotzig schweifte sie nach links ab, wo die Turnhalle stand. Dahinter lag die Eissporthalle, die seit den schrecklichen Vorfällen geschlossen war.

      „Unheimlich, oder?“ Abby hatte sich neben sie gesellt und spielte nervös mit einer Strähne ihres braunen Haares. Heute trug sie ein rotes Stirnband und ein graues Kleid – vom Nahen sah es noch schrecklicher aus als sowieso schon, besonders weil es an einigen Stellen geflickt war.
      „Weiß nicht, was du meinst“, brummte Anya.
      „Sie sagen, dass Coach Bergmann im Koma liegt, schweres SHT.“
      „Red gefälligst in einer Sprache, die ich auch verstehe!“
      Abby entschuldigte sich, denn sie hätte wissen müssen, dass Anya selbst mit den gängigsten Abkürzungen nicht zurecht kam. „Schweres Schädel-Hirn-Trauma. Aber niemand weiß etwas Genaues. Fast alle, die aktiv an der Schlägerei beteiligt waren, sind von den jeweiligen Schulen vorübergehend suspendiert worden und werden womöglich bald vor Gericht stehen. Einige von denen sind allerdings in der Irrenanstalt, weil sie Dinge sehen.“
      „Irrenanstalt?“, fragte Anya verwirrt und drehte sich zu Abby. „Doch nicht etwa Victim's Sanctuary?“
      Das war der Name, den die Bewohner von Livington der psychiatrischen Anstalt auf dem Hügel am Waldrand gegeben hatten. Viele fanden diesen Ort sehr unheimlich, doch nicht so Anya. Sie hatte schon zweimal vor dem hohen Stacheldrahtzaun gecampt und nie war etwas Aufregendes geschehen.
      „Genau dort. Erinnerst du dich an Jonathan?“
      „Dieser Depp aus dem Englisch-Kurs?“

      Anya hatte ihn nie leiden können – gut, sie konnte 99,9% der Weltbevölkerung nicht leiden – doch Jonathan war ein besonders fieses Ekelpakt. Er verprügelte die Unterstufler ohne Grund. Anya hingegen tat das nur, wenn sie frech wurden oder ihre Kohle nicht herausrücken wollten, wenn sie selbst wieder einmal pleite war. Als er eines Tages aber Abby gegenüber einen Tick zu aufdringlich geworden war, war es bei Anya vorbei gewesen. Sie wäre damals fast der Schule verwiesen worden, weil sie ihn krankenhausreif geprügelt hatte. Dabei er hatte noch Freunde um sich gehabt, die sie erst aus dem Weg räumen musste! Alles Memmen waren das gewesen, sagte sie sich mit grimmiger Zufriedenheit, während sie deren wohlklingende Schmerzensschreie noch genau im Ohr hatte.

      „Was ist mit dem?“, fragte die Blondine scharf. „Ist er krepiert? Hab ich'n Grund zum Feiern?“
      „Nein. Red nicht so schlecht über andere Menschen. Man wünscht niemandem den Tod.“ Abby verzog schmollend den Mund. „Es gehen Gerüchte um, in denen er behauptet, immer wieder Stimmen zu hören, die ihm sagen, dass er irgendjemand Bestimmtes töten soll. Wer das sein soll sagt er niemandem. Aber Jonathan ist nicht der Einzige, der solche Dinge hört. Allein aus unserer Stufe sind acht Leute in Victim's Sanctuary untergebracht. Und es werden mehr. Auch Leute, die neulich nicht einmal in der Halle waren, hören oder sehen plötzlich etwas, was nicht da ist.“
      „Hehe, ich sehe auch manchmal Dinge, die nicht da sind. Wenn ich Fernsehen gucke zum Beispiel.“ Nick grinste die beiden Mädchen schief an.
      „Pfff, was auch immer. Mir doch egal, was mit diesen Napfsülzen ist.“ Anya verschränkte demonstrativ die Arme. „Geht mich gar nix an.“
      „Was Nick wohl sagen möchte ist, dass es dafür bestimmt eine logische Erklärung gibt.“
      „Möchte ich das sagen?“, fragte Nick aufrichtig verwirrt und kratzte sich an seinem strubbeligen Kopf.
      „Trotzdem ist es unheimlich“, meinte Abby und legte ihre Hände auf die Oberarme, als würde sie frieren. „Fast so, als wären Dämonen unter uns. Ich hab viel über sie gele-“
      „Wenn du meinst …“, erwiderte Anya gelangweilt und wandte sich von den Sporthallen wieder dem Backsteingebäude zu. Und vor dessen Türen entdeckte sie kurz darauf genau die zwei Personen, die sie niemals im Leben in einem Abstand von unter hundert Metern zusammen sehen wollte. Valerie und Marc. Die redeten. Lachten. Sich in die Augen sahen. Und umarmten.

      „Oh oh.“ Abby ahnte, dass eine Katastrophe im Anmarsch war.
      Anya blies Luft durch ihre Nase wie ein wütender Stier. Dann stampfte sie auf die beiden zu. Abby hatte Probleme, ihrer Freundin bei dem immer schneller werdenden Tempo zu folgen und musste ausweichen, als Anya eine Mitschülerin in ihren Weg schubste, weil die nicht rechtzeitig ausgewichen war.
      „Muss … töten …“, brachte sie dabei mit unmenschlicher Stimme hervor.
      „Anya, wir leben in Zeiten von Verständnis und Fürsorge. Alles kann mit einem guten Gespräch gelöst werden“, rief Abby ihr unbeholfen hinterher.

      Doch bevor Anya die beiden erreicht hatte, verabschiedeten sich Marc und Valerie und gingen getrennte Wege. Marc hatte nämlich Football-Training, eines der Privilegien der Spieler, die dadurch den ach so wichtigen Geschichtsunterricht verpassten.
      Valerie hingegen nahm ebenfalls am Geschichtskurs teil und wollte gerade ins Gebäude eintreten, als sie Anya, Nick und Abby entdeckte. Strahlend winkte sie die Drei zu sich herüber.
      „Hey!“, trällerte sie mit langgezogener Stimme.
      „Schnauze, Redfield!“, herrschte Anya das Mädchen an, als sie ihm schließlich gegenüber stand.

      Valerie war eine ausgemachte Schönheit. Ihr seidiges, schwarzes Haar hing ihr bis zur Hüfte hinab. Braune Rehaugen schmückten das zierliche, kantenlose Gesicht. Unnötig zu erwähnen, dass ihre Figur jedem Mann feuchte Träume bescherte, denn alles saß genau da, wo es hingehörte. In den richtigen Mengen selbstverständlich. Dazu trug sie noch sündhaft teure Markenkleidung, heute zum Beispiel eine weiße Bluse und Hose, alles finanziert von ihrem Vater, dem Bürgermeister von Livington. Kurz: sie war Anyas Version des Teufels.
      „Sei doch nicht immer so unfreundlich“, beschwerte sich Valerie, „ich habe dir doch gar nichts getan.“
      „Sie ist heute etwas schlecht gelaunt“, entschuldigte Abby ein sich wenig heiser sich im Vorbeigehen. Es war kein Geheimnis, dass sie Valerie bewunderte – was nur noch ein Grund für Anya war, dieses Mädchen abgrundtief zu hassen.
      „Aber sie ist immer schlecht gelaunt“, klang Valerie aufrichtig besorgt. „Vielleicht sollte sie mal eine Stresstherapie anfangen? Nicht, dass sie unter dem ganzen Druck noch zusammenbricht. Die Schule ist hart geworden, wir sind schließlich der Abschlussjahrgang.“
      Anya wirbelte herum. „Du brauchst gleich 'ne Therapie, Redfield! Ne Schmerztherapie!“
      Die zuckte verwirrt mit den Schultern. „Ich meine es doch nur gut. Du bist manchmal wirklich unausstehlich, weißt du das?“
      Mit diesen Worten stolzierte sie an den Dreien vorbei und war kurz darauf in einem der Gänge des Schulgebäudes verschwunden.

      Insgeheim dachte Abby, dass Anya vermutlich gar nicht mitbekam, wie sie auf die Menschen um sie herum wirkte. Sie seufzte und folgte ihren Freunden schließlich, als diese zum Klassenraum wollten.

      ~-~-~


      Anyas Laune hatte sich nicht gebessert. Im Gegenteil, sie war eine tickende Zeitbombe die nur darauf wartete, hochgehen zu dürfen.
      Sie, Nick und Abby saßen an ihrem Stammtisch draußen vor der Kantine und aßen ihr Mittagessen unter dem klaren, blauen Himmel. Nur hatte Anya keine Augen für die Schönheit des Spätsommers, sondern für die zwei Personen, die zusammen derart gemischte Gefühle in ihr verursachten, dass sie davon Magenkrämpfe bekam.
      Valerie und Marc aßen zusammen am selben Tisch, keine zehn Meter von ihnen entfernt.
      „Das hat er noch nie gemacht“, wiederholte Anya sich zum vermutlich fünfzigsten Mal. „Der hat noch nie mit ihr zu Mittag gegessen. Und wie er sie ansieht! Er ist so umwerfend …“

      Marc war ein hochgewachsener, junger Mann mit kurzem dunklen Haar und einem Kinnbart. Sein Gesicht hatte etwas natürlich Freundliches, was teilweise am noch leicht vorhandenen Babyspeck lag. Dennoch war er sehr durchtrainiert, wenn auch so breit gebaut wie die anderen Footballspieler seines Teams. Zudem hatte er wunderschöne braune Augen und ein Lächeln, für das Anya im wahrsten Sinne des Wortes töten würde.

      „Das ist nicht fair! Wieso die und nicht ich!?“
      Abby seufzte. Seit Marc vor etwa einem Jahr nach Livington gezogen war, kannte Anya kaum noch ein anderes Thema. Vor ihm hatte sie nicht einmal um Valeries Existenz gewusst und nun tat sie so, als wäre sie der Ursprung alles Bösen. Aber dass Anya sich in Marc verguckt hatte, stimmte Abby zumindest positiv in der Hinsicht, dass ihre Freundin tatsächlich zu Emotionen imstande war, die nicht Wut, Hass oder Neid hießen.
      Das brünette Mädchen zuckte mit den Schultern. „Vielleicht weil du noch nie mit ihm geredet hast?“
      „Doch, einmal. Am 8. März diesen Jahres gegen elf, da hat er mich gefragt, ob er bei mir Mathe abschreiben kann.“
      „Kein Wunder, dass er seitdem nicht mehr mit dir redet“, gluckste Nick.
      Anya musste nur die Faust hochheben, da schreckte der junge Mann so zurück, dass er samt seinem Stuhl umkippte. Doch keiner der Schüler um sie herum lachte, denn sie wussten, dass sie auch dort liegen würden, wenn sie Anyas Freunde verspotteten.
      „Ha-da-haaa-da da da da!“ Anya zeigte plötzlich mit zitterndem Arm auf Marc und Valerie. Letztere beugte sich plötzlich in eindeutiger Pose über den Tisch und kam mit ihrem Gesicht dem von Marc näher. Anya schrie: „Die will ihn küssen! Was soll ich tun, was soll ich tun!?“
      Hilflos wandte sie sich an ihre Freunde.
      „Mach mit“, riet Nick ihr und zwinkerte mit beiden Augenbrauen, dreckig grinsend.
      „Tu, was du immer tust“, meinte Abby mit resignierendem Tonfall. Das Unglück war ja doch nicht aufzuhalten.
      Aber es war schon zu spät. Valerie hatte … Marc einen Krümel aus dem Bart gezogen.
      „Das wird sie mir büßen!“, fauchte Anya aufgebracht und sprang von ihrem Stuhl auf.

      Mit angespannten Oberkörper stampfte sie in bester Rambo-Manier auf den Tisch der beiden zu und baute sich bedrohlich vor Valerie auf.
      Die bemerkte Anya erst, als Marc sie mit einer Handbewegung auf die Blondine hinwies. Neugierig drehte Valerie sich um und lächelte erfreut. „Oh, Anya, schön dich zu sehen. Wir haben gerade über dich gesprochen. Willst-“
      „Du lästerst also über mich, was Redfield?“
      „Ne-nein.“ Valerie hob entschuldigend die Hände. „Ich wollte nur-“
      „Du und ich, Frau gegen Frau, keine Messer, Baseballschläger oder anderen Gegenstände, die sich als Waffen qualifizieren. Nur unsere Fäuste!“
      Valerie stand nun vorsichtig auf. „Anya, bitte, ich wollte dich nicht verärgern. Wir haben nur gerade darüber geredet, dass du nicht mehr Reservespielerin sein musst – falls wir dieses Jahr noch spielen. Eishockey, verstehst du?“
      „Mir doch egal!“, fauchte Anya und spuckte ihr Gegenüber dabei mehr oder weniger versehentlich an. „Wir klären das jetzt auf ganz traditionelle Art und Weise!“
      „Aber es gibt doch gar nichts zu klären!“ Völlig aufgelöst wandte Valerie sich an Marc, doch der zuckte nur ebenso verwirrt wie sie es war mit den Schultern.
      „Klar gibt es das! Du hast … hi Marc.“ Der Wechsel ihrer Stimmlage von zornig-raunend zu friedlich-verträumt kam so plötzlich, dass er Anya selbst ein wenig erschrak. Nicht, dass es sie störte.
      „Hi.“ Gab der nur tonlos von sich, was aber reichte, um das Mädchen innerlich Freudensprünge vollführen zu lassen. Sie sah auf ihre Armbanduhr: 12:49 und es war Donnerstag, der 5. September – ein denkwürdiges Datum!
      Schließlich wandte sich wieder an Valerie. „Also? Bist du ne Memme oder hast du den Mut, dich mit mir zu messen? Ach was frag ich überhaupt!“ Mit ausgestreckten Armen wollte sie über ihre verhasste Erzrivalen herfallen, doch die trat einen Schritt zurück und hob die rechte Hand.
      „Stopp!“ Ihr Ton hatte sich verändert und war nun ebenso wütend wie der Anyas. „Keine Ahnung, welche Laus dir heute über die Leber gelaufen ist, aber es reicht! Ich weiß ja nicht, woher deine Abneigung mir gegenüber herkommt, aber wenn du dich wirklich mit mir anlegen willst, bitteschön. Aber nicht so!“
      Anya zwinkerte verwirrt. „Wie denn dann?“
      „Ein Duell“, antwortete Valerie bestimmend. „Du wirst wohl einsehen, dass ich dir körperlich nicht das Wasser reichen kann. Es wäre nicht fair und ich erwarte von dir zumindest so viel Charakter, dass du das einsiehst. Im Duell hingegen sind die Chancen gleichmäßig verteilt. Also, was sagst du?“

      Was bildete sich diese Ziege ein, fragte Anya sich wütend. Als ob es sie scherte, ob irgendein Kampf fair war oder nicht. Es gab nur Gewinner und Verlierer, mehr nicht. Und sie hatte nicht vor, zu Letzterem zu gehören.
      Andererseits … sie sah Marc an, dessen Blick erwartungsvoll an ihr haftete. Vermutlich wäre es nicht die beste Idee, vor seinen Augen jemanden zu verdreschen, der ihm etwas zu bedeuten schien. So ein Mist aber auch!
      Obwohl … eigentlich war das Duell gar kein so schlechter Einfall von Valerie. So konnte sie Marc zeigen, dass mehr in ihr steckte, als nur rohe Gewalt. Vielleicht würde er dann endlich Notiz von ihr nehmen?

      „'kay“, brummte sie schließlich gönnerhaft. „Bin ja kein Unmensch.“
      „Dann schlage ich vor, dass wir unsere Duel Disks holen. Meine ist im Spind.“
      „Meine auch. In zehn Minuten, genau hier. Und wehe, du bist dann nicht da, wenn ich zurück bin.“
      Valerie rollte genervt mit den Augen. „Glaub mir, du wirst dir noch wünschen, dass ich nicht gekommen wäre.“

      ~-~-~


      Die beiden jungen Frauen standen sich mit voller Entschlossenheit in ihren Mienen gegenüber. Valerie, die sich Anyas Frechheiten nicht länger gefallen ließ und natürlich Anya selbst, die nur darauf wartete, ihrer Erzfeindin eine saftige Abreibung zu verpassen.
      Sie befanden sich nahe der großen Eiche bei den Sporthallen, auf der großen Wiese des Campus, umringt von einer Traube neugieriger Schüler. Ausnahmslos alle feuerten Valerie an, doch das störte Anya nicht im Geringsten. Sie hat nur ein Ziel vor Augen: das andere Mädchen nach allen Regeln der Kunst zu demütigen.
      „Können wir anfangen?“, fragte die ungeduldig.
      „Klar doch.“ Anya grinste, doch als plötzlich das Bild der falschen, bösartig wirkenden Anya vor ihrem inneren Auge erschien, hörte sie sofort damit auf. Warum fing das gerade jetzt an!? Sie wollte sich nicht daran erinnern! Albträume waren scheiße!

      Es war gerade einmal genug Platz für die beiden, um sich vernünftig duellieren zu können. Aus dem immer größer werdenden Kreis der Schülerschaft gab es kein Entkommen. Ganz vorne in der ersten Reihe, hinter Anya, standen Nick und Abby. Selbst sie feuerten ihre Freundin nicht an, denn gerade Abby empfand das Verhalten der Blondine als fürchterlich übertrieben. Sie wollte sie darin nicht noch bestärken.
      „Duell!“, riefen die beiden Frauen schließlich voller Eifer.

      [Anya: 4000LP / Valerie: 4000LP]


      „Die Herausforderin fängt an!“, entschied Anya unwirsch und zog zu ihrem Startblatt eine sechste Karte, ehe Valerie widersprechen konnte. Pah, dachte sie sich dabei schadenfroh, das funktionierte wirklich jedes Mal!
      Ihre Hand musternd, überlegte Anya, wie sie am besten vorgehen sollte. Wieder kamen die Erinnerungen an das Duell mit Levrier. Wie sein Höllenhund ihr so real erschienen war, wie er ihr durch die Zerstörung ihres Monsters Schmerzen zugefügt hatte. Sie schüttelte widerwillig den Kopf. Nein, dieses Mal würde sie sich nicht überrumpeln lassen. Es war ohnehin alles nur ein Traum gewesen!
      Dennoch entschied Anya sich letztlich, dieses Mal einen defensiven Eröffnungszug zu spielen. Mit den Karten in ihrer Hand war das auch nicht weiter schwer.
      „Ich aktiviere [Gem-Knight Fusion]! Damit verschmelze ich [Gem-Knight Sapphire] und [Gem-Knight Emerald] von meiner Hand! Sapphire, du bist das Herz, Emerald, du die Rüstung! Los!“
      Ein bunter Wirbel bestehend aus etlichen, tanzenden Edelsteinen erschien über ihr. Sapphire, die Ritterin des Saphirs in ihrer blauen Rüstung und Emerald, der Krieger in blassgrüner Rüstung und Herr der Smaragde, wurden in den Strom hineingezogen und schufen aus ihrer Lebensessenz ein neues Monster.
      Dieses ging vor Anya in die Knie. Er war eine Kriegerin in dunkelblauer Rüstung und gleichfarbigem Umhang, welche einen Schild am rechten Arm trug, in dem ein wunderschöner Aquamarin steckte. Eine Klinge, aus ebenjenem Edelstein geschmiedet, ragte aus dem Schild hervor.
      „Beschütze mich, [Gem-Knight Aquamarine]!“

      Gem-Knight Aquamarine [ATK/1400 DEF/2600 (6)]

      „Dazu setze ich noch zwei Karten verdeckt“, donnerte Anya ehrgeizig und schob die Fallen in die Schlitze ihrer guten, alten Battle City-Dueldisk. Ihr Vater, dem sie einst gehört hatte, war einer der Teilnehmer des mittlerweile legendären Duellturniers gewesen. Und auch wenn er es nicht in die Finalrunden geschafft hatte, war Anya mächtig stolz auf diese Tatsache – und wurde in diesem Zuge auch nie müde, es jedem zu erzählen, der nicht imstande war wegzurennen.
      Die beiden Karten erschienen mit dem Bild nach unten gerichtet vor ihren Füßen. „Das war's erstmal von mir. Na dann zeig mal, was du so kannst, Redfield!“

      Valerie strich sich durch das lange, schwarze Haar und legte den Kopf in den Nacken. Die Geste hatte etwas Abfälliges an sich, was Anya augenblicklich zur Weißglut trieb. Aber sie beherrschte sich, solange Marc zusah. Warum stand der bloß auf Valeries Teil des Spielfelds? Was hatte die, was sie nicht hatte!?
      „Du wolltest es nicht anders, Anya. Sag nicht, ich hätte nicht versucht, dich davon abzuhalten. Aber manche lernen es nie“, sprach Valerie siegessicher. Dann zog sie so schwungvoll und zugleich elegant, dass ihre Gegnerin überlegte, nicht vielleicht doch mit der Duel Disk, statt den Karten darauf, zuzuschlagen.

      Ihre Rivalin hielt eine Monsterkarte zwischen Mittel- und Zeigefinger, ganz nah an ihrem Gesicht. Die braunen Augen funkelten vor Entschlossenheit. „Ich rufe [Gishki Chain]!“
      Aus einer großen Wasserlache, die plötzlich entstand, schoss eine grüne Amphibie mit dem Körperbau eines Menschen. Um seinen Körper herum hatte das Wesen eine lange Kette gewickelt, die es jetzt schwang – doch völlig unerwartet in Valeries Richtung.

      Gishki Chain [ATK/1800 DEF/1000 (4)]

      Die Kette verschwand mitten in Valeries marineblauer Duel Disk, die sie nun in die Höhe hielt.
      „Wenn [Gishki Chain] als Normalbeschwörung gerufen wird, sehe ich mir die obersten drei Deckkarten an. Sollten darunter Ritualmonster- oder Zauberkarten sein, kann ich eine davon meinem Blatt hinzufügen.“
      Als digitales Abbild erschienen vor Valerie drei Karten. Auch Anya konnte ihre Vorderseite sehen, da die Karten jene beidseitig zeigten. Einmal war da das Effektmonster [Gishki Ariel], dann die Falle [Torrential Tribute] und … ein blau-umrandetes Monster, [Evigishki Soul Ogre]. Ein Ritualmonster!
      Valerie, die die drei Karten in der Hand hielt, behielt die unheimliche Kreatur und mischte die anderen beiden Karten zurück in ihr Deck.

      „Ich werfe jetzt [Gishki Vanity] von meiner Hand ab, um seinen Effekt zu aktivieren“, sagte Valerie. Hinter ihr erschien ein Mann mit schwarzem Haar, gekleidet in ein Priestergewand. Er flimmerte jedoch nur kurz auf und war dann verschwunden.
      „Und was sollte das jetzt?“, herrschte Anya ihre Gegnerin an.
      „Wart ab, du wirst es schon sehen.“ Lautete die unbefriedigende Antwort. „Bis dahin aktiviere ich die Ritualzauberkarte [Gishki Aquamirror]. Hast du Einwände?“
      „Ja, aber dagegen unternehmen kann ich nichts“, maulte Anya widerwillig.
      Valerie lächelte zufrieden. Sie schien Spaß an dem Spiel zu haben, was der Blondine überhaupt nicht gefiel.
      „Mit diesem Spiegel kann ich [Evigishki Soul Ogre] beschwören, wenn ich genug Opfer darbiete, um seiner Stufe gleichzukommen. Oh, und sie ist 8.“
      Ein goldener Spiegel erhob sich vor Valerie. In ihrem spiegelte sich die Karte, die Valerie als Tribut anbieten wollte. Es war ein Effektmonster, Anya konnte es nicht genau erkennen … aber es gehörte eindeutig der Stufe 4 an, wie sie anhand der orangefarbenen Sterne am oberen, rechten Kartenrand erkennen konnte!
      „Hey, das ist zu wenig! Du musst mehr-“
      „Bist du immer so vorlaut, Anya?“, unterbrach Valerie sie spitz. „Natürlich reicht es nicht, aber das spielt gar keine Rolle, weil [Gishki Shadow] ohnehin alle Kosten für die Ritualbeschwörung eines Wasser-Monsters übernimmt. Und nun sieh her, denn aus endlosen Kristallfontänen erscheint [Evigishki Soul Ogre]!“

      Und es war genau so, wie Valerie es beschrieben hatte. Mehrere Wassersäulen schossen aus dem Boden empor, sie alle waren glasklar und bildeten nach und nach einen großen Kreis inmitten von Valeries Spielfeldseite, welcher sie vor Anyas Blicken abschirmte. Als die Säulen nahtlos ineinander übergingen, tauchte hinter ihnen ein riesiger Schatten auf. Die Fontänen verebbten und ließen etwas zurück, von dem Anya nie geglaubt hätte, dass ein so damenhaftes Wesen wie Valerie es je ausspielen würde.
      Es war wie eine Mischung aus Mensch, Amphibie und Dinosaurier. Das Ungetüm stand auf zwei Beinen, hatte dunkelblaue, schuppige Haut und eine feinen Kamm aus Schwimmhäuten, der von seinem Haupt hin zu seiner massiven Schwanzflosse reichte. Das eigentümlichste Merkmal war aber der Kopf, der eher zu einem Dinosaurier passte, als zu einem Meeresbewohner.
      Das über drei Meter große Ungeheuer gesellte sich zu seinem Kameraden.

      Evigishki Soul Ogre [ATK/2800 DEF/2800 (8)]

      Anya war beeindruckt. Das Ding vermochte es sogar, die ohnehin schon ziemlich hohe Verteidigung ihrer Ritterin zu durchbrechen. Aber dazu würde es gar nicht erst kommen!
      „Verdeckte Falle aktivieren! [Bottomless Trap Hole]!“ Sie drückte hitzig den Knopf, der die Aktivierung auslösen sollte. Einmal, zweimal, aber egal wie oft sie es versuchte, nichts geschah.
      „Das brauchst du gar nicht zu versuchen“, rief Valerie. „Erinnerst du dich an [Gishki Vanity]? Er verhindert, dass du auf die Beschwörung von meinem Soul Ogre reagieren kannst. Deine Falle ist blockiert und wird dir nichts mehr nützen, denn sie kann nur aktiviert werden, wenn ein Monster mit 1500 oder mehr Angriffspunkten gerufen wird. Diesen Zeitpunkt hast du jetzt aber verpasst!“
      Vor Wut knirschte Anya mit den Zähnen. „Schön, diese Runde geht an dich.“ Aber du wirst dich noch wundern, dachte sie mit grimmiger Zufriedenheit. Denn Aquamarine hatte noch eine böse Überraschung parat.

      „Ich nutze jetzt den Effekt von Soul Ogre und lege [Gishki Marker] ab, damit ich eine deiner offenen Karten auf dein Deck zurückschicken kann!“
      „Oh fuck!“
      Valerie hielt die Karte hoch in die Luft, bis sie zu Wasser wurde und von ihrem Ungetüm eingesaugt wurde. Dieses schoss dann einen gewaltigen Wasserstrahl auf Aquamarine. Anya konnte es nicht fassen. Nicht nur, dass diese hinterhältige Sumpfkuh ihre Ritterin beseitigt hatte, nein, sie wurde auch ins Extradeck geschickt. Um ihren Effekt aber einzusetzen und den Seelenoger auf Valeries Hand zu geben, hätte Aquamarine den Friedhof betreten müssen. So ein Mist!
      Plötzlich stand Anya völlig ungeschützt da, sie hatte nur noch ihre verbliebene Falle.

      „Ich hoffe du verstehst jetzt, wovon ich gesprochen habe“, sagte Valerie stolz. „Ich bin vielleicht keine Sportskanone, so wie du, aber dafür in anderen Dingen wesentlich geschickter. Es wäre nett, wenn du mich in Zukunft in Ruhe lassen würdest, okay?“
      Anya gab nur einen genervten Zischlaut von sich. Diese dumme Schnepfe wurde langsam unerträglich.
      Ebenjene strecke den Arm aus und zeigte direkt auf ihre Gegnerin. „[Gishki Chain], [Evigishki Soul Ogre], eure vereinte Angriffskraft reicht aus, um sie mit einem Schlag zu besiegen. Also tut eure Pflicht!“
      Die Blondine schreckte zurück. Valerie hatte vollkommen recht, sie würde diesen Angriff nicht überstehen. Und verhindern konnte sie ihn auch nicht. Sie sah panisch auf ihre Duel Disk. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie die Kette von der einen und ein gewaltiger Wasserstrahl von der anderen Seite auf sie zugeschossen kamen.
      Sie konnte die Attacke nicht aufhalten … aber den Schaden eindämmen! „Verdeckte Falle! [Inverse Universe]!“
      Die vor ihr liegende Karte sprang auf. Plötzlich wurden Valeries Monster in die Knie gezwungen. Die Angriffe von beiden Seiten blieben mitten in der Luft stehen, als hätte jemand die Zeit angehalten. Valerie kniff skeptisch die Augen zusammen. „Was wird das, wenn es fertig ist?“
      „Damit verdrehe ich die ATK und DEF-Werte aller Effektmonster auf dem Feld dauerhaft.“
      „Mehr nicht?“
      Anya biss sich auf die Lippe. Mehr nicht? Verdammter Mist, dadurch würde sie den Zug überstehen! Diese arrogante Ziege ging ihr so was von auf den Keks!

      Gishki Chain [ATK/1800 → 1000 DEF/1000 → 1800 (4)]
      Evigishki Soul Ogre [ATK/2800 → 2800 DEF/2800 → 2800 (8)]

      Die Zeit hatte zu ihren Wurzeln zurückgefunden. Die Angriffe trafen Anya, doch gingen durch sie hindurch wie ein Hauch von nichts. Dennoch schützte sie sich mit ihren Armen, denn sie rechnete mit Schmerzen. Eine Angewohnheit, die sie offenbar durch die Begegnung mit Levrier, dem Nicht-Existierenden, angenommen hatte. Und sie hasste es.

      [Anya: 4000LP → 200LP / Valerie: 4000LP]


      Laute Jubelrufe erklangen von den Schülern, sie alle galten Valerie.
      „Verliert Anya gerade?“, fragte Nick heiter.
      Abby seufzte. „Ja. Hast du was anderes erwartet?“
      „Klar! Schlammcatchen!“
      Das Hippie-Mädchen verdrehte die Augen. Warum hatte sie überhaupt gefragt?

      Anya indes hatte sich gefangen. Noch war sie nicht aus dem Rennen und würde schon einen Ausweg aus dieser Misere finden.
      „Ich setze meine letzte Handkarte verdeckt“, verlautete Valerie. „Du bist dran.“
      Ihre Gegnerin ballte eine Faust. Anya musste jetzt ein glückliches Händchen beweisen, sonst würde sie auf ewig die Lachnummer der ganzen Schule sein. Es war zwar selbstverständlich, dass sie jedem den Hals umdrehen würde, der es wagte über sie laut zu lachen. Ihren Ruf hingegen würde sie dadurch nicht retten können. Sie durfte nicht gegen Valerie verlieren!
      „Draw!“, fauchte sie wie ein wild gewordener Löwe. Und was sie in den Händen hielt, gefiel ihr – das normale Monster [Gem-Knight Tourmaline].

      „Effekt von [Gem-Knight Fusion] aktivieren. Ich verbanne einen Gem-Knight aus meinem Friedhof und bekomme meine Zauberkarte dafür von ebenjenem zurück!“ Sie nahm Sapphire und steckte sie in ihre Hosentasche, während der Zauber in ihr Blatt wanderte.
      „Und jetzt mit Schmackes! [Gem-Knight Fusion]! Dieses Mal aber auf eine etwas andere Art und Weise! [Gem-Knight Tourmaline], du bist das Element, [Gem-Knight Garnet], du der Ursprung! Vereinigt eure Kräfte und werdet zu [Gem-Knight Prismaura]!“
      Aus dem Wirbel aus Edelsteinen, der entstanden war und die Ritter in jeweils goldener und bronzener Rüstung absorbiert hatte, trat ein völlig neues Geschöpf hervor. Er hatte keine Ähnlichkeit mit seinen Vorgängern. Er trug eine Lanze ganz aus Kristall sowie einen runden Schild. Aus den Schulterplatten des Kriegers ragten ebenfalls große Kristalle und sein Helm war mit Hörnern verziert, was ihm eine eigentümliche Note verlieh.

      Gem-Knight Prismaura [ATK/2450 DEF/1400 (7)]

      „Und weil's so lustig war, gleich nochmal. Ich verbanne Garnet und erhalte meine [Gem-Knight Fusion] zurück.“ Anya hielt die Karte in die Höhe, als würde sie dadurch den Himmel berühren können. „Prismaura, Effekt aktivieren! Nur einmal pro Zug kann ich eine Gem-Knight Karte abwerfen, um eine offene Karte meines Gegners zu zerstören!“
      Sie schickte ihre eben erst zurück erhaltene [Gem-Knight Fusion] dorthin, wo sie hergekommen war – auf den Friedhof. Anya zeigte auf den Seelenoger. „Rest in Pieces, Miststück!“
      Ihr Ritter richtete seine Lanze auf das Ungetüm und schoss aus dem Kristall einen gleißenden Lichtstrahl, der [Evigishki Soul Ogre] in einer grellen Explosion vernichtete.
      Valerie, ernsthaft erschrocken, wich einen Schritt zurück. Doch sie fasste sich schnell wieder. „Gut gemacht. Aber das allein reicht nicht, um mich unterzukriegen. Komm ruhig her und greif mich an – wenn du dich traust, natürlich!“
      Das ließ Anya sich nicht zweimal sagen. „Worauf du Gift nehmen kannst, Redfield! Los Prismaura, Divine Lance Strike auf [Gishki Chain]!“
      Der Krieger warf seine Lanze in die Luft und packte sie am Griff, zum Wurf bereit. Mit aller Kraft warf er sie in Richtung Valerie, die aber nur darauf gewartet zu haben schien. „Falle! [Poseidon Wave]! Damit stoppe ich den Angriff und-“

      Die Hologramme verschwanden ohne Vorwarnung. Einen Moment lang ging verwirrtes Gemurmel durch die Schülerschaft. Anya, die erst nicht wusste, was geschehen war, schaute auf ihre Duel Disk. Die Lebenspunkteanzeige war schwarz und ein Blick auf Valerie verriet, dass es ihr nicht anders erging. Das Duell war kurz vor dem Höhepunkt unterbrochen worden.
      „Was für ein verdammter Kackmist ist das denn!?“, fauchte Anya. Plötzlich streifte etwas ihre Wange. Regen. Sie sah nach oben und bemerkte erst jetzt, dass der Himmel in tiefem Grau über ihnen stand. Es blitzte und donnerte.

      Die enttäuschte Traube löste sich langsam auf. Abby und Nick eilten zu Anya, die schimpfte wie ein Rohrspatz.
      „Anscheinend haben die hiesigen Server der AFC schlapp gemacht“, meinte ihre Freundin, doch das war keine Entschuldigung für Anya.
      Wenn sie den Kampf nicht so entscheiden konnten, mussten sie sich eben doch prügeln. Sie suchte nach Valerie, doch die war nirgendwo mehr zu sehen. Und Marc auch nicht, wie Anya enttäuscht feststellen musste.
      Schwere Regentropfen prasselten auf sie nieder.
      „Wir sollten reingehen“, meinte Abby, „sonst erkälten wir uns noch. Mutter Natur ist zwar gütig, aber auch etwas launisch und ich möchte mich eigentlich nicht mit ihr anlegen.“
      „Von mir aus.“ Anya rümpfte die Nase. War dieses Miststück doch tatsächlich davongekommen! Aber was war diese Fallenkarte, die sie zum Schluss aktiviert hatte? Valerie schien so selbstsicher, als sie sie ausgespielt hatte. Was Anya nur umso wütender machte.
      Die Drei eilten auf das Backsteingebäude zu, um ins Trockene zu gelangen.
      „Schon komisch“, meinte Abby dabei nachdenklich. „Wo kommt auf einmal dieses Gewitter her? Vor fünf Minuten war der Himmel noch völlig wolkenfrei.“
      „Zauberei!“, gluckste Nick und erntete natürlich nur Gestöhne.

      Anya Bauer!

      Das Mädchen wirbelte erschrocken um. Diese Stimme, das war-
      Unter schrecklich lautem Getose schlug ein Blitz gar nicht weit von der Schule ein. Anya war geblendet von seiner Intensität, doch sie hatte ihn genau gesehen. Und er hatte so seltsam ausgesehen, irgendwie viel zu rot und massig für einen normalen Blitz. Und diese Stimme …
      „Boah, das war cool“, gluckste Nick begeistert.
      Mittlerweile waren sie alle klitschnass, doch Anya fühlte sich plötzlich so unwohl, dass sie sich nicht vom Fleck rühren konnte. Dieser Blitz, die Stimme, das abgebrochene Duell. Was ging hier vor sich?
      „Leute“, sagte sie langsam. „Ich … geh mir das anschauen.“
      „Was anschauen?“, wollte Abby verwirrt wissen.
      „Den Blitz … die Einschlagstelle …“ Sie fing sich wieder. Ihre Freunde sollten bloß nicht ahnen, dass ihr das alles ein wenig unheimlich war. Betont lässig meinte sie: „Ist bestimmt cool, vielleicht brennt es sogar irgendwo. Kommt ihr mit?“
      „Anya, bist du verrückt? Der Unterricht fängt in ein paar Minuten wieder an. Wir können jetzt nicht dorthin.“ Abby sah sie fordernd an.
      Aber sie musste, dachte Anya sauer. Da war irgendetwas, sie spürte es im linken, großen Zeh – und der hatte sich noch nie getäuscht. Und sollte es ausnahmsweise doch so sein, umso besser. Bloß würde sie das nie erfahren, wenn sie hier Wurzeln schlug.
      „Mir doch egal“, schnaubte sie und rannte auf das Ausgangstor des Campus zu.
      Abby streckte ihre Hand nach Anya aus, seufzte dann. „Die bringt mich noch irgendwann ins Grab mit ihren Ideen. Kommst du auch mit, Nick?“
      „Wohin?“, fragte der aufrichtig ahnungslos. Doch Abby hatte ihn längst stehen lassen und war Anya gefolgt.

      ~-~-~


      Keuchend blieb Anya mitten auf der Straße stehen, die sie als Einschlagstelle vermutete. Mindestens zehn Minuten war sie gerannt, aber die Anstrengungen wurden belohnt. Ihre Ahnung hatte sich als richtig erwiesen, hier war es geschehen.
      Ein gewaltiger, mehrere Meter breiter Brandfleck prangerte mitten auf dem Asphalt. Er sah seltsam aus, unnatürlich rund und in seiner Mitte war die Straße völlig unbeschädigt und sauber. Tatsächlich war nur der dünne Rand des Kreises verkohlt.

      „Hab … ich dich ...“ Anya erschrak.
      Abby stand hinter ihr und stützte sich von den Knien ab. Sie war völlig außer Atem und genauso pitschnass wie Anya. Nick hingegen war nirgendwo zu sehen.
      „Du hättest ruhig … etwas langsamer …“
      „Stell dich nicht so an“, raunte die Blondine und trat näher an den Kreis heran. Abgesehen von der merkwürdigen Form war nichts Ungewöhnliches an ihm festzustellen.
      Ihr Blick wanderte weiter über die Straße und blieb an etwas in der Ferne haften, das am Boden lag.
      „Hey, Abby, was ist das denn?“
      Die sah auf und schielte durch ihre getönte Brille. „Sieht aus wie 'ne tote Katze. Oh, das arme Tier.“
      „Das ist keine Katze, dafür ist es zu groß.“ Skeptisch näherte sich Anya dem grauen Objekt. Dann blieb sie wie gelähmt stehen. Das war kein Tier, sondern ein Mensch! Das graue Ding war eine Jacke.
      „Abby … ruf 'nen Krankenwagen“, forderte Anya tonlos und rannte zu dem Verletzten.
      „Was, aber-“
      „Mach schon, der Kerl ist fix und alle!“
      „O-okay!“

      Das Mädchen eilte auf die liegende Gestalt zu, vielleicht konnte sie noch etwas für sie tun.
      Doch vor ihr angekommen wusste Anya, dass es für einen Arzt längst zu spät war. Dort lag nur noch ein Gerippe, bedeckt von schlaffer Haut. Das Fleisch, die Muskeln, die Organe … alles schien fort. Selbst die Augen waren nur noch leere Hüllen, die Haut verschrumpelt und aufgesprungen, verkohlt und stinkend.
      Anya wollte schreien, doch kein Laut drang aus ihrer Kehle. Sie stand vor einer verdammten Leiche und konnte nicht einmal schreien!

      Sie bemerkte nicht, dass jemand sie beobachtete. Im Gebüsch am gegenüberliegenden Straßenrand stand eine durch Schatten verhüllte Person und verfolgte voller Schadenfreude, wie Anya in die Knie ging.
      „Anya Bauer heißt sie? Ist sie eine von denen?“ Er machte ein Geräusch, das Verständnis ausdrücken sollte und nickte. „Dann werde ich sie vernichten, wie diesen Trottel dort. Was sagst du, nicht 'Another'? Schade. Wie? Ich soll noch etwas warten? … verstehe. Also schön, eine andere Wahl bleibt uns wohl nicht. Ich hoffe, sie genießt ihre letzten Atemzüge … dämonische Brut!“

      ~-~-~


      Anya blickte unentwegt in den Spiegel, sah ihr immer noch nasses Antlitz und war doch an einem fernen, gedankenlosen Ort. Sie und Abby hatten der Polizei alles geschildert, alles genau beschrieben und waren schließlich von ihren Müttern abgeholt worden.
      Jetzt stand sie im Flur, die Hände von Sheryl auf den Schultern und blickte in die Leere. Ihre Mutter war leichenblass, die dunkelblonde Dauerwelle durch den Regen außer Form geraten.
      Leichen … Anya hatte noch nie zuvor eine gesehen. Es war ganz anders, als wenn man sich ausmalte, wie man Valerie um die Ecke brachte. Das waren nur Fantasien, aber der Tote dort war real gewesen. Und die Stimme hatte sie erst dort hingeführt. Levriers Stimme.
      „Liebling, kannst du … soll ich dir helfen?“
      „Nein, Mum“, antwortete Anya mechanisch. Sie öffnete den Reißverschluss ihrer etwas zu großen Lederjacke, während ihre Mutter resignierend von dannen schritt.
      Anyas Blick lag gebannt auf ihrem Ebenbild. An den blauen Augen, dem durchnässten, blonden Pferdeschwanz und den harten Gesichtszügen war nichts Ungewöhnliches auszumachen. Und doch! Es war, als würde sie nicht sich selbst ansehen, sondern eine völlig fremde Person. Jemanden wie Levrier.
      War er zurück? Hatte er das etwa getan? Aber sie hatte ihn doch vernichtet! Nein, das konnte nicht sein, das war ein Hirngespinst! Es gab keine übernatürlichen Wesen, der Tote war vermutlich vom Blitz getroffen und weg geschleudert worden. Aber seine Kleidung … sie war völlig unbeschädigt gewesen. Nein, sagte Anya sich, das war Quatsch, Levrier gab es schließlich nicht!
      Stöhnend schüttelte sie den Kopf, um die wirren Gedanken zu vertreiben und hängte ihre Jacke an die Garderobe. Dabei konnte sie nicht sehen, wie ihr Spiegelbild verweilte, obwohl sie außer Reichweite war. Es drehte seinen Kopf in Anyas Richtung und machte ein mitleidiges Gesicht. Dann verschwand es.


      Turn 03 – Hunter
      Obwohl Anya Levrier besiegt hat, reißen die seltsamen Vorkommnisse nicht ab. Einige Schüler werden sogar mitten im Unterricht krank und fallen in Ohnmacht. Obwohl Schulärztin Doctor Warren eine Lebensmittelvergiftung als Ursache benennt, ist Anya sich da nicht so sicher. Spätestens als der geheimnisvolle Alastair auftaucht, welcher sich als Dämonenjäger bezeichnet, erweisen sich Anyas Zweifel als berechtigt. Nachdem Alastair Anya dann noch als Dämon und somit als seine Beute deklariert und sich mit ihr duellieren will, schweben Anya und ihre Freunde in ungeahnter Gefahr.



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Garnet
      Gem-Knight Sapphire
      Gem-Knight Tourmaline
      Gem-Knight Emerald

      Gem-Knight Fusion

      Bottomless Trap Hole
      Inverse Universe

      Gem-Knight Aquamarine
      Gem-Knight Prismaura

      Valerie

      Evigishki Soul Ogre
      Gishki Chain
      Gishki Marker
      Gishki Shadow
      Gishki Ariel
      Gishki Vanity

      Gishki Aquamirror

      Torrential Tribute
      Poseidon Wave
      Johoho,

      das war wieder eine tolle Folge zu lesen. Noch gab es zwar nur wenig Antworten, aber dafür umso mehr Fragen, die du dann im weiteren Verlauf klären darfst. Aber ich finde genau so muss der Anfang solch einer Geschichte sein, denn es soll ja schön spannend sein. Gerade die vielen Andeutungen in dieser Folge machen schon Lust auf mehr, was sie mit der Handlung zu tun haben könnten, sei es die Schlagzeile zu Beginn, die ganzen "Betroffenen", die in Victim's Sanctuary gelandet sind, was es mit der verkohlten Leiche und dem ominösen Beobachter auf sich hat, oder warum ihr Spiegelbild auf einmal ein Eigenleben zu haben scheint? xD

      Das Duell war zwar etwas kurz und es brach knapp vor der Zielflagge ab, aber jeder Kartenkenner weiß trotzdem, wie es ausgegangen wäre und wer der Boss bei den beiden Mädels ist. (Zumindest intelektuell und was Duellfähigkeiten angeht, physisch dürfte Anya einen leichten Heimvorteil haben xD). Aber schön fand ich auch, dass du nur reale Karten verwendet hast. Das ist mal was anderes als wenn es überall nur eigene Karten sind. (Was aber nicht heißt, dass ich eigene und innovative Kartenideen nicht begrüßen würde >:D )

      Und natürlich hatte Valerie gleich viel mehr Rampenlicht bekommen, so wie sie es mindestens verdient. Schon klar, wer mein Lieblingscharakter ist, ne? *auf deine Sig schaut* XD Wobei mir einige deiner Charas gefallen. Die haben alle etwas an sich ^^

      Also, immer weiter so.
      Auf der Suche nach den neusten Infos oder Bildern zu Yu-Gi-Oh!-Karten aus Japan? =>> Spoiler-Forum


      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Mehr Beteiligung seitens der Leser wäre schon schön. ;)

      @Evil Bakura
      Danke. Du weißt ja bereits, was ich dir hierzu sagen würde, also belasse ich es mal damit. ^^


      Turn 03 – Hunter



      „Du bist schuld! Warum hast du nichts getan, um mir helfen? Du hast mich im Stich gelassen!“
      Anya schüttelte aufgeregt den Kopf. „Nein, ich habe versucht-“
      „Du hast zugesehen, wie ich sterbe! Du wolltest es so!“, schrie die schrumpelige Leiche und legte ihre Hände um Anyas Hals. Die kämpfte gegen das Gerippe, von dem schlaff die verkohlte Haut herunterhing, doch dem Würgegriff hatte sie nichts entgegenzusetzen. Sie war zu schwach!
      „Jetzt sollst du sterben!“, tönte die bis zur Unkenntlichkeit vertrocknete Kreatur.
      „Es tut mir leid“, beteuerte Anya röchelnd. Es waren aufrichtige Worte, doch sie wusste, dass sie den Toten niemals besänftigen konnten.
      Plötzlich packte der ihren Kopf und brach ihr mit einem Ruck das Genick.

      Anya schreckte aus ihrem Traum auf. Sie war schweißnass. Wieder hatte sie davon geträumt, dass dieses Ding sie aus grundloser Rachlust umbrachte. Was für ein Bullshit! Das Mädchen fühlte sich nicht im Geringsten für das verantwortlich, was dem Kerl widerfahren war. Im Gegenteil, sie hatte ihn entdeckt, als er schon tot war. Wie hätte sie da noch helfen können?
      Müde schlug sie die Decke beiseite und setzte sich an den Rand ihres Betts. Sich den Schlaf aus den Augen wischend, hatte sie das Bild der Leiche auf der Straße vor ihrem inneren Auge. Mittlerweile wusste die Polizei, wen man dort gefunden hatte: Jonathan. Er war aus Victim's Sanctuary ausgebrochen und hatte letztlich sein Leben verloren. Todesursache unbekannt.
      Ein schlechtes Gewissen keimte in Anya auf, hatte sie noch kurz vor seinem Tod sich ebenjenen gewünscht. Doch sie verdrängte den Gedanken mit aller Kraft. Es war nicht ihre Schuld gewesen! Der Idiot hätte eben besser auf sich aufpassen müssen.

      Verschlafen stand sie auf, gähnte und streckte sich dabei in ihrem weißen Pyjama. Wie sie es hasste, wenn ihre Laune schon vor dem Frühstück so schlecht war, dass nicht einmal ein Unfall, in den Valerie Redfield involviert war, sie aufheitern konnte. Vielleicht sollte sie heute einfach nicht zur Schule gehen? Aber bevor sie das entschied, würde sie erst einmal ausgiebig duschen.

      ~-~-~


      Besorgt betrachtete Sheryl ihre Tochter und nahm einen Schluck aus dem Kaffeebecher in ihrer Hand. Das Mädchen saß mit verschränkten Armen vor ihr am Frühstückstisch und behauptete allen Ernstes, dass sie Fieber hatte und im Bett bleiben musste – obwohl sie kerngesund aussah und sich auch dementsprechend verhielt.
      „Ich verstehe ja, dass dich die Sache mitgenommen hat. Aber die Schule zu schwänzen wird dir nur schaden. Du solltest wirklich einmal mit der Polizeipsychologin sprechen, vielleicht-“
      „Gar nichts verstehst du! Ich bin krank, okay? Körperlich. Sonst geht’s mir gut. Ich muss nicht zu irgendeiner Schnepfe, die mir weismachen will, dass es in meinem Kopf nicht ganz rund läuft!“
      „Anya, solche Redensarten verbitte ich mir!“ Sheryl sah ihre Tochter finster an. „Du wirst in anderthalb Jahren 21, dann bist du erwachsen und kannst tun, was immer du willst. Aber solange du minderjährig bist und deine-“
      „... Füße unter meinem Tisch steckst, bin ich der Boss“, beendete sie die Predigt ihrer Mutter vorschnell. „Ja, ja, ich weiß.“
      „Ganz genau!“ Die dunkelblonde Frau mit der Dauerwelle nickte. „Und jetzt reiß dich zusammen, es ist nur Schule. Wenn du hier bleibst, wirst du nur immer wieder darüber nachdenken. Du brauchst Abwechslung. Also geh schon.“
      Sie stellte ihre geleerte Tasse auf dem Tisch ab und erhob sich. „Ich muss jetzt ins Büro. Höre ich auch nur ein Wort davon, dass du heute nicht zum Unterricht erschienen bist, kannst du mit Stromentzug rechnen!“
      Stromentzug, Sheryls Alternative zum Hausarrest. Da der sich in der Vergangenheit als ineffektiv erwiesen hatte, musste sich Anyas Mutter etwas anderes einfallen lassen, um ihre Tochter unter Kontrolle zu halten. Und da war ihr die Idee gekommen, sämtliche für Anya relevanten Sicherungen zu verstecken, wenn jene etwas ausgefressen hatte. Da sie in ihrer Freizeit sowieso fast den ganzen Tag vor Fernseher, PC oder Spielkonsolen hing, traf sie das viel härter als es Hausarrest je könnte.
      „Okay“, brummte Anya. „Dann viel Spaß bei der Arbeit.“
      Die beiden verabschiedeten sich wortkarg voneinander, ehe Sheryl sich ihre Jacke überwarf. Sie ahnte bereits, dass sie heute Abend einen Anruf von der Schule erhalten würde, als sie das Haus verließ.

      ~-~-~


      „Verdammte Mistkacke!“, zischte Anya und bemühte sich, dabei leise zu sein. Natürlich gelang ihr dies nur unwesentlich, sodass sich ihr Chemielehrer, Mr. Maverick, laut räusperte.
      „Sorry“, brummte die Blondine widerwillig.
      Sie saß zusammen mit Abby und Nick an einem der langen weißen Arbeitstische, achtete aber kaum auf ihren Lehrer, der das Experiment für die nächste Stunde bereits beschrieb.
      „Bist du dir sicher?“, hakte Anya bei Abby nach, die gebannt ihren Lehrer anstarrte. Die nickte nur und gab in ihrem gewohnten Singsang nur „Mhhhmmm“ von sich.
      Vor Wut schlug Anya die Faust auf den Tisch. Hätte sie doch bloß nicht Abby darum gebeten, sich wegen der letzten Fallenkarte von Valerie zu erkundigen, [Poseidon Wave]. Nun wusste Anya, dass diese Karte das Duell zugunsten von diesem Miststück entschieden hätte. Und das nur, weil sie auf den billigen Provokationsversuch von Valerie hereingefallen war und angegriffen hatte!
      „Anyaaaaa, Abbyyyyy“, tönte Nick plötzlich und deutete auf die Tafel. „Ich versteh das nicht.“
      Anya klatschte die Hand vor den Kopf. „Idiot! Da steht doch auch gar nichts!“
      „Doch nicht die Tafel. Der da.“
      Verstohlen linste die Blondine in die Richtung, die Nick ihnen zeigte. Direkt vor der Tafel. Mr. Maverick konnte er nicht meinen, denn der palaverte fröhlich über diverse Ethanochwas und stand mindestens fünf Meter von der Tafel entfernt vor seinem Lehrertisch.
      „Was siehst du denn da, Nick?“, wollte Abby verwirrt wissen.
      „... ach nichts. Hab mich geirrt.“ Nick ließ den Kopf hängen und starrte auf seine Aufzeichnungen des Unterrichts, beziehungsweise die leeren Blätter, die es hätten sein müssen.
      „Das war komisch, selbst für seine Verhältnisse“, flüsterte Abby in Anyas Ohr, die zustimmend brummte. Andererseits war ihr Freund so intelligent wie eine Klobürste – sah jener nebenbei auch noch erschreckend ähnlich – weshalb seine Auswüchse nicht weiter bedenklich waren.

      „Mr. Maverick?“ Die Hand einer blonden Mitschülerin zwei Bänke hinter Anyas Gruppe schnellte hoch.
      „Ja bitte, Willow?“
      „Mir ist schlecht. Ich glaub, irgendwas von dem Mittagessen ist mir nicht bekommen …“
      Der Chemielehrer blinzelte nachdenklich. Dann sagte er: „Dann gehen Sie in den-“
      Doch Willow kippte ohne Vorwarnung von ihrem Stuhl und blieb regungslos liegen. Sofort sprangen ihre Nachbarn auf. Einer legte seine Hand auf ihre Stirn und rief: „Sie hat ja hohes Fieber!“
      Da polterte es und ein Schüler in der ersten Reihe war ebenfalls kollabiert. Und während die halbe Klasse versuchte, sich um die zwei Kranken zu kümmern, stemmte Anya ihre rechte Faust gegen die Wange und stöhnte. „Man, ich hätte heute echt zuhause bleiben sollen.“
      „Anya, der Staat hat uns die Möglichkeit der Bildung gegeben. Dafür sollte man dankbar sein und nicht die Schule schwänzen!“, beklagte sich Abby. „Stimmt's Nick?“
      Der brünette junge Mann aber gab keinen Ton von sich, sondern schlummerte mit auf den Armen liegendem Kopf am Arbeitstisch.
      Abby seufzte schwer. „Weiß denn niemand die Dinge zu schätzen, die uns gegeben sind?“
      „Typisch Nick“, meinte Anya dazu nur. Wenn der Trottel nicht mindestens einmal pro Tag im Unterricht einschlief, stimmte etwas nicht. Und es war ihr immer ein diebisches Vergnügen, ihn unsanft aus seinen Träumen zu wecken. So versetzte sie ihm einen Schlag gegen den Hinterkopf. „Hey aufwachen, du Napfsülze!“
      Nick rührte sich nicht. Anya blinzelte verdutzt. „Hab ich nicht doll genug zugeschlagen? Das funktioniert doch sonst immer.“ Also probierte sie es noch einmal, kräftiger.
      Abby indes beschlich ein besorgniserregender Verdacht. Und kaum hatte sie seine Stirn berührt, wurde dieser bestätigt. „Anya! Der ist ja kochend heiß!“
      Die Blondine klatschte sich die Hand gegen die Stirn. „Das wird ja immer besser …“

      ~-~-~


      Mit verschränkten Armen stand Anya vor Nicks Krankenbett. Sie beneidete den Trottel. Der konnte den Unterricht verpennen, während sie sich noch ganze zwei Stunden langweilen durfte.
      „Schon wieder einer“, sagte Abby bedrückt und deutete zur Tür. „Der Neunte innerhalb von einer halben Stunde.“
      Zwei Lehrkräfte schulterten einen bewusstlosen Jungen und legten ihn auf dem Bett ab, das direkt neben dem von Nick stand. Die Ärztin, Doctor Warren, zog mit besorgter Mimik die Vorhänge zwischen den Betten zu, damit man nicht sah, was mit dem Jungen geschah.
      Anya grinste plötzlich schadenfroh. „Hey, wenn das so weitergeht, können wir den Unterricht knicken! Wegen Epidemie oder wie der Mist heißt!“
      „Nick ist schwer krank und du denkst an so was?“
      Wie Anya diesen vorwurfsvollen Tonfall ihrer Freundin hasste. „Was denn? Der kommt schon wieder auf die Beine. Wieso sich nicht über die kleinen Dinge im Leben freuen? Sagst du doch selbst andauernd!“
      „SO hatte ich das aber nicht gemeint!“

      Plötzlich tauchte Doctor Warren in ihrer Nische auf, sodass die beiden Mädchen sich zu ihr umdrehten. „Habt ihr heute etwas aus der Kantine zu euch genommen?“
      Beide schüttelten die Köpfe. Anya meinte patzig: „Ich esse so gut wie nie den Fraß, der hier angeboten wird! Ich hänge schließlich an meiner Gesundheit!“
      „Ich nehme nur Bioprodukte zu mir“, beteuerte Abby abweisend. „Eier von glücklichen Hennen, Milch von glücklichen Kü-“
      „Sieht ganz nach einer Lebensmittelvergiftung aus“, unterbrach die Ärztin sie barsch. „Es ist zwar ungewöhnlich, dass die Betroffenen ohnmächtig werden, aber anscheinend war eine Lieferung von Pilzen aus Europa nicht mehr frisch. Falls ihr Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder Magenkrämpfe habt, kommt sofort zu mir.“
      Schon war sie wieder verschwunden, um sich anderen Patienten zu widmen.
      „Jaaaaa“, höhnte Anya lauter, als nötig gewesen wäre. „Wenn ich ohnmächtig werde, mache ich mich sofort auf den Weg hierher. Was für'n Scheiß!“
      „Und was machen wir jetzt?“ Abby warf einen besorgten Blick auf Nick.
      „Na was wohl? Ich haue ab. Keine Lust, mir irgendwelche Bazillen einzufangen. Schönen Tag noch.“

      Voller Unmut verließ Anya mit geschultertem Rucksack die Krankenstation und durchschritt den anliegenden Gang. Durch seinen orangefarbenen Anstrich wirkte er freundlich, was in Anya regelrecht Übelkeit hervorrief, wann immer sie ihn durchquerte. Verschiedene Türen zu Lagerkammern und Aufenthaltsräumen gingen von beiden Seiten des Ganges ab, doch Anyas Blick war stur geradeaus gerichtet. So blieb die Gestalt eines großen Mannes mit rabenschwarzem, langem Haar unbemerkt, welcher das Mädchen aus der offenen Tür eines leeren Büros heraus beobachtete.

      Indes eilte Abby Anya hinterher und packte sie an der Schulter. Die Blondine drehte sich reflexartig um und verdrehte Abby dabei regelrecht den Arm. „Man Masters, was soll der Scheiß? Fass-mich-nie-von-hinten-an, wenn dir dein Leben lieb ist!“
      Abby, froh dass Anya sie sofort wieder losließ, antwortete verärgert: „Du sollst mich nicht beim Nachnamen nennen, das weißt du!“
      „Ja, ja, ja, sorry. Was willst du denn noch?“
      „Du kannst doch Nick nicht einfach dort liegen lassen!“
      Anya runzelte die Stirn. „Wieso nicht?“
      Empört stemmte Abby die Hände in die Hüften. „Weil er auch an deinem Bett gestanden hat, als du bewusstlos warst. So etwas machen Freunde füreinander.“
      „Na dann geh und wache über seine idiotischen Träume!“ Sie machte mit den Händen eine verscheuchende Geste. „Gusch! Ich hab nämlich Besseres zu tun! Meine Gilde bereitet nämlich zur Zeit einen Raid vor und das will ich nicht verpassen.“
      „Ohhhh, Anya, manchmal bist du wirklich ein Ekel!“ So wütend erlebte man Abby selten. Sie machte auf der Stelle Kehrt und ließ ihre Freundin ohne ein weiteres Wort zurück. Zu schade, dass ihr das völlig schnuppe war, dachte Anya sich grimmig.

      Stattdessen setzte sie ihren Weg fort und gelangte schließlich zum Hauptausgang des Gebäudes. Und kaum hatte Anya ihren Fuß über die Schwelle gesetzt, geschah etwas Unvorstellbares. Ein rosafarbenes Licht breitete sich rund um sie herum aus und umfasste das ganze, weite Campusgelände.
      Anya zwinkerte ungläubig und schritt planlos vorwärts. Eben noch hatte eine Schar Schüler unweit von ihr gestanden, nun waren sie fort. Verwirrt blickte sie zum großen Torbogen. Dahinter lag keine Straße mehr, sondern … Nichts. Rosafarbenes Nichts. Sie blickte nach oben. Der Himmel sah genauso aus. Als gäbe es nur noch die Schule samt Gelände in einer ansonsten leeren Welt. Und sie hasste die Farbe rosa mehr als alle anderen. War sie durch ein geheimes Tor in die Hölle geschritten, oder was war hier los!?
      „Okay, was soll der Scheiß?“, rief sie in ihrer Aufregung lautstark. „Ist das hier ein Scherz oder so was? Wenn ja, kommt ruhig raus, ich krieg' euch ja doch! Macht es kurz, dann dürft ihr wenigstens eure Särge aussuchen, bevor ich eure Lebern auf dem Schwarzmarkt verkaufe!“
      Keine Antwort.

      Anya begab sich zu der großen Eiche nahe der Sporthallen, wo Valerie vor ein paar Tagen den Boden mit ihr gewischt hatte. Wenn sie nur daran dachte, kam ihr die Galle hoch.
      Sie sah sich um. Vor dem Gebäude der Unterstufe war niemand, auf dem Gelände auch nicht – nirgendwo. Die Welt war wie ausgestorben.
      Na toll! Jetzt hatte sie schon Halluzinationen, obwohl sie diese doofen Pilze gar nicht angerührt hatte!

      Die Aula!

      „Häh?“
      Das konnte nicht sein! Nicht schon wieder!

      Er ist in der Aula! Beeile dich, Anya Bauer!

      Sie wollte fragen, ob Levrier zu ihr sprach, aber ließ es letztlich bleiben. Denn falls doch jemand hier war und hörte, wie sie zu ihren Hirngespinsten sprach, würde sie diese Person leider töten müssen. Sie hatte einen schlechten Ruf – auf den sie übrigens sehr stolz war – zu verlieren!
      Dennoch. Diese Stimme hätte sie unter hunderten wiedererkannt. Es war eindeutig Levrier … aber was wollte er ihr sagen? Und wieso war er noch da? Und warum zur Hölle hatte er die Nerven, ausgerechnet IHR auf den Leim zu gehen!?
      „Ach scheiß drauf!“ Es war ja doch nur ihre Fantasie, die sich einen Scherz mit ihr erlaubte.
      Trotzdem war ihre Neugier geweckt. Wenn hier sowieso nichts los war, konnte sie genauso gut in die Aula gehen.
      Also steuerte sie auf das Backsteingebäude zu, welches sie soeben erst verlassen hatte.

      ~-~-~


      Anya drückte eine der Doppeltüren auf und trat in den riesigen, rechteckigen Saal ein. Über ihr lag ein Balkon mit einer Loge, welcher vom zweiten Stock aus erreichbar war. Die längliche Aula war wie eine Galerie angelegt, zu beiden Seiten ragte je ein halbes dutzend großer Fensterbögen fast bis zur Decke.
      Während Anya an den Reihen der aufgestellten Stühle vorbeizog, fiel ihr Blick auf die angehobene Bühne, die für Aufführungen oder Reden verwendet wurde. Dort stand ein Mann, den sie nicht kannte, und schien bereits auf sie zu warten. Und er war nicht allein. Abby und Nick, sie … hingen aus Kreuzen aus purem Licht festgenagelt? Und schwebten dabei über dem Boden?
      „Alter Falter“, schoss es ehrfürchtig aus Anya heraus. „Geiler Effekt!“
      „Danke“, hallte die schneidende Stimme des Fremden durch die Halle.

      Als Anya die Hälfte des Saals durchquert hatte, konnte sie ihn auch endlich besser erkennen. Sein Haar war ziemlich lang, schwarz und einige Strähnen waren zu einem komplizierten Zopf gebunden, den er über der rechten Schulter trug. Stechend grüne Augen starrten sie an, und wäre sein Gesicht nicht von etlichen Brandnarben gezeichnet, wäre er vielleicht sogar ganz attraktiv, überlegte Anya.
      „Okay Kumpel, was ist das hier?“, fragte sie lässig und deutete auf ihre bewusstlosen Freunde.
      „Oh, die? Wäre es vermessen zu sagen, dass sie als Dekoration fungieren?“ Er lachte beißend und trat einen Schritt nach vorn. Sein roter Ledermantel und die darunter liegende, schwarze Kleidung ließen ihn ein wenig wie Vincent Valentine aus Final Fantasy VII aussehen – aber Anya hasste dieses Spiel. Also hasste sie auch diesen Kerl.
      „Darf ich mich zunächst vorstellen?“, fragte er höflich und verneigte sich. „Mein Name ist Alastair. Dämonenjäger von Beruf.“
      „Du bist nicht zufällig aus Victim's Sanctuary ausgebrochen, oder?“ Anya kratzte sich am Kopf. Was für ein Spinner war das denn?
      „Oh? Mitnichten. Aber ich habe ein schwarzes Schaf von seinem Leiden erlöst. Ich glaube, er war von dort entflohen. Wie war sein Name doch gleich? Jonathan?“
      Anya traute ihren Ohren kaum. „Was willst du damit sagen, Fusselbirne? Jonathan ist tot!“
      Ein widerliches Lächeln huschte über seine schiefen Lippen. „Und was glaubst du, wer ihn umgebracht hat? Sein Mörder? Nein, das wäre der falsche Begriff. Sein Erlöser, er steht direkt vor dir.“
      „Ha ha, der war gut. Mal im Ernst, Narbengesicht, was soll der Scheiß? Wieso hängen meine Freunde dort?“ Sie zeigte auf Abby und Nick, die regungslos an ihren Lichtkreuzen in der Luft schwebten.
      Die Augen des selbsternannten Dämonenjägers blitzten gefährlich auf. „Sie sind der Einsatz. Dein Einsatz, wie ich hinzufügen möchte.“
      „Für was?“ Was laberte der Kerl da bloß, fragte Anya sich.
      „Halt mich nicht zum Narren, dämonische Brut!“, donnerte er plötzlich mit solcher Inbrunst, dass das Mädchen ungewollt zusammenzuckte. „Solange noch ein Fünkchen Menschlichkeit in dir steckt, wirst du nicht zulassen, dass ich deine Freunde töte. Und genau darum geht es: wenn du nicht in ein Duell mit mir einwilligst, werden diese beiden sterben, und zwar auf der Stelle!“

      Ohne Vorwarnung zückte er demonstrativ ein Messer, welches er hinter seinem Rücken im Gürtel versteckt hatte und rammte es Nick in den Oberschenkel. Blut tropfte seine Jeans hinab auf den Holzboden der Bühne.
      Anya wollte nicht glauben, was sie soeben gehört und gesehen hatte.
      „Wie du siehst, ist das kein Scherz“, sagte Alastair mit drohendem Tonfall und zog das Messer aus der Wunde. Noch mehr Blut rann über Nicks Hose, auch wenn der Einstich nicht sehr tief sein konnte, da die Klinge nicht einmal zu einem Viertel rot verfärbt war. „Die heilige Stimme des Engels Refiel befiehlt mir, dich zu vernichten, Anya Bauer, denn du bist besessen vom Bösen!“
      „Hast du gerade meinem Freund 'n Messer ins Bein gejagt?“ Sie ballte die Fäuste und sah auf den laminierten Boden der Aula.
      „Vollkommen richtig, Dämonenkind. Er bedeutet dir noch etwas, deswegen wirst du nicht zögern und ihn beschützen wollen. Das ehrt die unbefleckte Seele, die einst in dir gesteckt hat. Aber ich muss den Dämon in dir austreiben! Das ist meine Aufgabe als Jäger!“
      Plötzlich blickte Anya mit hasserfüllten Augen auf und zeigte mit dem Finger auf ihn. „Du bist so was von tot, Drecksack! Wenn ich mit dir fertig bin, wird man diesen Raum renovieren müssen, weil sich die Überreste deiner Gedärme nicht von den Wänden kratzen lassen! Niemand, aber auch niemand vergreift sich an meinen Freunden, Scheißkerl!“
      „So redet nur ein Dämon“, stellte Alastair ruhig fest und zog plötzlich eine Karte aus seiner Hosentasche. Es war keine Duel Monsters-Karte, denn sie war von beiden Seiten her weiß. Auf ihr abgebildet war nur ein Kreuz aus schwarzem Feuer, das von einem silbernen Ring umfasst war.
      Ein gleißender Blitz ging schlagartig vor der Karte durch den Saal. Anya musste die Augen schließen, um nicht geblendet zu werden.

      Und als sie sie wieder öffnete, schwebte vor ihr eine Art seidenes, schwarzes Tuch, das unstet vor sich her flatterte. Darin eingenäht waren Duel Monsters-Kartenzonen, wie man sie benutze, wenn man am Tisch spielte. Dasselbe Objekt war auch bei Alastair vorzufinden.
      Aber nicht nur das! Anya stieg der Geruch von verbranntem Holz in die Nase. Feuer! Pechschwarz und dem Kreuz von der Karte gleich, umschloss es sie und einen Teil der Bühne, verbrannte die Stühle, die dabei im Weg standen. Sie und der Dämonenjäger waren eingeschlossen.
      Nicht der Blitz damals hatte die Straße mit Jonathans Leiche verbrannt, es war dieser Kreis gewesen! Da war sich Anya sicher, jetzt, da sie es mit eigenen Augen sah. Dieser Mistkerl hatte ihren Mitschüler tatsächlich auf dem Gewissen und nun hatte er in seinem Wahn das Gleiche mit ihr vor!
      „Kumpel, bei dir läuft's wohl nicht mehr richtig im Oberstübchen? Ich bin kein Dämon! Und wenn wir schon dabei sind, lässt du jetzt erstmal schön meine Freunde frei, 'kay?“
      „Und ob du einer bist! Der Engel Refiel hat dich entlarvt!“ Richterlich zeigte er mit dem Finger auf sie. „Du wirst durch meine Hand fallen!“
      Anya konnte es nicht fassen. Dieser Kerl war völlig durchgeknallt. Was auch immer er hier für einen Hokuspokus abzog, dafür, dass er Nick verletzt hatte, würde er mit Blut zahlen müssen!

      „Du willst ein Duell? Von mir aus! Dir werde ich erstmal ein bisschen Verstand einprügeln!“, zischte Anya voller Verachtung. Sie zog ihr Deck aus der hinteren Tasche ihrer an vielen Stellen löchrigen Jeans und legte es auf das schwarze Gebilde. Der Stoff glättete sich bei der Berührung und wirkte auf einmal wie eine Marmorplatte, so sehr glänzte er plötzlich.
      „Deine Worte bedeuten mir nichts, dämonischer Abschaum!“, erwiderte Alastair und tat es ihr gleich.
      Ein letztes Mal sahen die beiden sich voller Abscheu in die Augen, ehe sie schrien: „Duell!“

      [Anya: 4000LP / Alastair: 4000LP]


      „Ich werde den ersten Zug machen“, kündigte Alastair an und zog sofort sechs Karten von dem Stapel, der sich rechts vor ihm erstreckte.
      Anya biss sich vor Wut auf die Lippe. Hatte diese Pfeife doch tatsächlich ihren Trick gegen sie verwendet! Sie tat es ihm gleich und nahm fünf Karten auf die Hand. Es war merkwürdig, keine Duel Disk zu benutzen. Schon lange hatte sie das Spiel nicht mehr an einem Tisch gespielt, geschweige denn auf einem fliegenden Marmording.
      Alastair legte indes eine Karte auf seinen Spielplan. „Ich beschwöre [Vylon Vanguard]!“
      Ungläubig sah Ayna, wie aus einem goldenen Runenzirkel eine metallene Gestalt erschien. Der Unterleib wirkte wie ein stilisierter Blitz, während das Wesen dafür überdurchschnittlich lange Arme samt goldener Schulterpanzerung besaß. Sein Kopf war vergleichsweise klein und bestand nur aus einem grünen Auge.

      Vylon Vanguard [ATK/1400 DEF/1000 (4)]

      „Aber das war noch nicht alles. Dazu aktiviere ich die Magie [Double Summon]! Damit kann ich in diesem Zug eine zweite Normalbeschwörung durchführen! Erscheine, [Vylon Stella]!“
      Wieder erschien ein Runenzirkel, dieses Mal trat jedoch ein metallischer Stern hervor. Um jeder zweiten der insgesamt sechs Spitzen schwebte ein goldener Ring und wie sein Artgenosse besaß es lange Arme am unteren Teil seines Körpers.

      Vylon Stella [ATK/1400 DEF/200 (3)]

      Anya wusste nicht, was sie von diesen seltsamen Kreaturen halten sollte. Sie wirkten unnatürlich, aber wenn man sich ihren Besitzer ansah, war das nicht weiter verwunderlich. Trotzdem, diese komische schwarze Platte musste über außergewöhnliche Technologie verfügen, wenn sie schweben und Hologramme darstellen konnte. So etwas wie Magie schloss Anya natürlich kategorisch aus, das war was für Tagträumer und Schwachköpfe! Vielleicht konnte sie eines dieser Dinger ja behalten und für teures Geld irgendwo verkaufen?

      „Wie ich sehe, ist dir meine Technik völlig unbekannt“, stellte Alastair mit einem hässlichen Lächeln fest.
      Also -war- das eine Maschine!
      „Es ist schwer, all das in eine Karte zu bannen. Aber die Mühe hat sich bisher jedes Mal gelohnt.“
      Und er -war- ein Schwachkopf! „Häh?“
      Alastair winkte ab. „Du wirst es noch verstehen. Auch wenn ich zugeben muss, dass deine intellektuellen Fähigkeiten nicht sehr ausgeprägt zu sein scheinen.“
      Anya war sich nicht ganz sicher, wie er das meinte. Hatte er sie gerade als dumm bezeichnet?
      „Wie dem auch sei, ich bin noch nicht fertig! Denn [Vylon Stella] ist ein Empfänger-Monster und ich werde es jetzt auf [Vylon Vanguard] abstimmen!“ Er streckte die Hand in die Höhe, seine Monster begannen in die Luft aufzusteigen. „Level 3, [Vylon Stella] und Level 4, [Vylon Vanguard]! Infinite potential lies within the heart of steel. Cover this infected world with your sacred wings! Synchro Summon! [Vylon Delta]!“
      Sein Empfänger zersprang in der Luft zu drei grünen Kreisen, die der Vanguard passierte. Kurz darauf wurde er zu Licht und aus den sich auflösenden Kreisen schwebte eine riesige Gestalt, die fast den ganzen Platz innerhalb des Feuerkreises beanspruchte.

      Vylon Delta [ATK/1700 DEF/2800 (7)]

      Viel konnte Anya von dem Wesen nicht erkennen, doch es folgte demselben Prinzip wie seine Vorgänger. Hinter den gewaltigen Stahlschwingen, die der abstrakte Maschinenengel schützend um den Körper hielt, konnte man große Fäuste erkennen. Sein Leib endete in einer rot glühenden Spitze, um die drei goldene Ringe schwebten.
      „Ich aktiviere nun den Effekt von [Vylon Stella], da sie auf den Friedhof gelegt wurde. Für 500 Lebenspunkte wird sie nun zu einer Ausrüstungsmagie für [Vylon Delta]!“
      Die Schwingen des abstrakten Wesens leuchteten kurz golden auf, jeweils drei Sterne zeichneten sich nun auf ihnen ab.

      [Anya: 4000LP / Alastair: 4000LP → 3500LP]


      „Ich beende meinen Zug mit einer verdeckten Karte“, sagte Alastair und legte sie neben die neuentstandene Ausrüstungskarte, die Stella jetzt war. Anya hatte keine Ahnung, was ihm das bringen sollte.
      Egal, Nachdenken war was für Streber und Leute, die nichts Besseres zu tun hatten! Und sie hatte etwas zu tun: diesen Kerl in seine Einzelteile zu zerlegen.
      „Nun aktiviert sich der Effekt von [Vylon Delta]“, erklärte Alastair. „Wenn es in Verteidigungsposition liegt, kann ich während meiner End Phase eine Ausrüstungsmagie auf mein Blatt nehmen. So wie [Vylon Material] zum Beispiel.“
      Er durchsuchte sein Deck und zeigte die grün-umrandete Karte vor. „Also?“

      „Was, also? Mein Zug! Draw!“, rief sie voller Ehrgeiz und zog schwungvoll von ihrem Deck. „[Gem-Knight Garnet], dein Auftritt!“
      Schon stand der Bronzeritter mit dem eingefassten Granat auf der Brustplatte vor ihr und ließ eine Flamme zwischen seinen Händen erscheinen.

      Gem-Knight Garnet [ATK/1900 DEF/0 (4)]

      „Los, Attacke!“
      Alastair schien nicht die Sorte von Duellant zu sein, der das Offensichtliche nicht wahrnahm, dachte Anya. Er stellte ihre Aktion nicht infrage. Solche Kerle waren gefährlich … Levrier, ihr Hirngespinst, war genauso gewesen.
      Da er nicht zu reagieren schien, zückte Anya bereits ihren Schlüssel zum Knacken der absurd hohen Verteidigung von Alastairs Kreatur. „[Gem-Merchant]! Verkaufe Garnet eine Extraportion Angriffspunkte! Heute gibt es 1000 zum Nulltarif!“
      Sie legte das kleine, aber sehr hilfreiche Monster auf den Friedhof und genoss die Show.
      Hinter ihrem Ritter tauchte das kleine Zauberwesen mit Hut auf, flüsterte einen unverständlichen Spruch und verschwand dann in Garnet.

      Gem-Knight Garnet [ATK/1900 → 2900 DEF/0 → 1000 (4)]

      Diesem Angriff würde nichts und niemand standhalten können, dachte Anya zufrieden, während die Flamme in seinen Händen schlagartig anwuchs.
      Doch anscheinend hatte Alastair nur darauf gelauert, dass sie [Vylon Delta] attackieren würde. Er drehte die von ihm liegende Fallenkarte um und lachte laut. „Du Närrin! Du bist noch berechenbarer, als ich es erwartet hatte! Nun zahle den Preis für deine Torheit! [D2 Shield]!“
      „Was'n das?“ Anya ahnte, dass das nicht gut für sie war.
      „Mit dieser Karte kann ich die Defensive eines meiner Monster dauerhaft verdoppeln! Sieh her, wie [Vylon Delta] zu einer uneinnehmbaren Festung wird!“
      Strahlend weißes Licht breitete sich wie eine Aura um den mechanischen Engel aus und verlieh ihm in seiner Größe eine noch bedrohlichere Note.

      Vylon Delta [ATK/1700 DEF/2800 → 5600 (7)]

      „Oh shit! Was zum-!“
      Die Flamme, welche Garnet auf Delta abfeuerte, verpuffte an seinen Schwingen wie ein laues Lüftchen. Plötzlich spannte die Kreatur seine Flügel und schoss aus beiden Händen Laserstrahlen.
      „[Vylon Stellas] Effekt!“, donnerte Alastair. „Wenn das mit ihm ausgerüstete Monster kämpft, wird jeder Feind nach dem Angriff zerstört werden, selbst wenn mein Monster dabei in der Defensive ist!“
      Auch das noch, dachte Anya erschrocken. Ihr Ritter, der von den Strahlen getroffen wurde, explodierte und erzeugte eine Schockwelle, die sie glatt von den Beinen riss.
      Sie schlug hart auf dem Boden auf und rollte bis ganz an den Rand des schwarzen Feuerkreises. Sie spürte die sengende Hitze auf ihrer Haut. Und dann war da noch dieser merkwürdige Geruch von … Verwesung? Die Flammen stanken nach Tod.
      Schwankend kam Anya auf die Beine und eilte zu dem schwebenden Spielplan zurück. Ihr war übel von diesem widerlichen Gestank. Der Kerl musste ein echter Zauberkünstler sein, um so etwas zu schaffen!
      „Warum trittst du nicht in Las Vegas auf, statt mir auf die Eierstöcke zu gehen?“, herrschte sie ihn wütend an.

      [Anya: 4000LP → 1300LP / Alastair: 3500LP]


      Als Anya schließlich die Lebenspunkte nachzählte – sie hasste Kopfrechnen – traf sie der Schlag. Diese eine Attacke hatte sie über die Hälfte ihrer Lebenspunkte gekostet! Dabei hatte Alastair noch nicht einmal angriffen! Das war …
      Sie sah auf ihren Spielplan. Und ihre Lebenspunkte waren ohne Garnet auch noch völlig ungeschützt. Nächste Runde brauchte dieser Spinner nur anzugreifen und hatte damit mühelos gewonnen. Nein, so leicht würde sie es ihm nicht machen!
      „Zauberkarte!“, brüllte sie regelrecht und hielt ebenjene hoch. „[Silent Doom]! Damit reanimiere ich Garnet vom Friedhof, aber in Verteidigungsposition!“
      Ihr Krieger tauchte kniend aus einem Loch im Boden wieder vor ihr auf.

      Gem-Knight Garnet [ATK/1900 DEF/0 (4)]

      „Da hättest du auch genauso gut ohne Monster verbleiben können. Dir ist bewusst, dass ein Monster ohne Verteidigungspunkte kein Hindernis für mich sein wird?“
      Anya knurrte bloß. Natürlich wusste sie das, hielt der sie denn für vollkommen verblödet? Aber es war immer noch besser als nichts, was sie da mit ihm vor hatte. „Ich setze eine Karte verdeckt und beende den Zug.“
      Sie legte die Falle in die entsprechende Zone. Mit den übrigen zwei Karten in ihrer Hand konnte sie momentan nichts anfangen. So ein Kackmist!

      Alastair zog und lächelte finster, was sein entstelltes Gesicht völlig aus den üblichen Proportionen warf. „Das war einfacher als ich gedacht hatte. Sieh es von der positiven Seite, denn je eher ich den Dämon in dir ausgetrieben habe, desto schneller ist dein Leiden vorüber.“
      Der Kerl klang tatsächlich so, als täte er ihr damit einen Gefallen!
      „Pfff! Dir müssen sie ja echt ins Gehirn geschissen haben! Wenn du denkst, ich beiße so leicht ins Gras wie Jonathan, hast du dich aber schwer getäuscht!“
      Auch wenn sie ihren Mitschüler wie die Pest gehasst hatte, seinen gewaltsamen Tod würde sie rächen. Und anschließend würde nichts mehr von dem Kerl übrig bleiben, was man dem Haftrichter noch vorführen könnte! Irre wie der hatten keine Gnade verdient!
      Sie sah zu ihren Freunden, die leblos an den Kreuzen hingen. Abby und Nick als Schutzschild zu verwenden war das Niederträchtigste, was sie je gesehen hatte. Und wenn sie etwas noch mehr hasste als Kopfrechnen und Jonathan, dann war es Feigheit! Die stand gleich unter Valerie Redfield.

      „Diese beiden …“, murmelte Alastair, welcher Anyas Blick bemerkt hatte. Nun sah auch er sich Nick und Abby an. „Ich fürchte, sie muss ich nach unserer kleinen Auseinandersetzung auch vernichten. Zu groß ist die Gefahr, dass der Dämon sie als Möglichkeit zur Flucht missbraucht. Vermutlich hat er sie schon durch den bloßen Kontakt mit dir infiziert.“
      „Du wirst schön die Finger von ihnen lassen!“
      „Sonst?“ Er zückte wieder sein Messer und hielt es direkt unter Abbys Kehle.
      „Werde ich dich zwingen, deine eigenen Eingeweide zu fressen, Scheißkerl! Nimm das Messer weg, du-“
      Er steckte es wieder hinter seinen roten Mantel und schnalzte mit der Zunge. „Du bist wirklich nicht sehr klug, oder? Ist dir klar, dass du mit dem Mann sprichst, der jederzeit deine Freunde töten könnte? Zügle deine Zunge, Dämon!“
      „Und? Wie soll ich denn sonst mit dir reden?“ Anya hatte keine Ahnung, was der von ihr wollte. Generell blieb ihr schleierhaft, wieso dieser Typ auf die Idee kam, dass ausgerechnet sie ein Dämon sein sollte. Andererseits war das wohl so bei Verrückten.

      Alastair atmete tief durch. „Ich sehe schon, bei dir ist Hopfen und Malz verloren. Wir sollten das zu einem schnellen Ende bringen.“ Ohne weiter Zeit zu verlieren, zog er seine Karte und legte sofort eine andere von seinem Blatt auf den schwarzen Spielplan.
      „[Vylon Cube]!“
      Ein Würfel aus Metall tauchte aus einem Runenzirkel vor seinem anderen Monster auf. Genau wie alle anderen Vylons, hatte auch dieser Arme, bestehend aus Gold.

      Vylon Cube [ATK/800 DEF/800 (3)]

      Anschließend legte Alastair seine Finger auf die weiße Karte von [Vylon Delta] und drehte es von waagerechter in die senkrechte Lage. Er hatte es in Angriffsposition gewechselt.

      Vylon Delta [ATK/1700 DEF/5600 (7)]

      Das war ihre Chance, dachte Anya. Jetzt, wo dieses überdimensionale Vieh nicht länger seine astronomisch hohe Verteidigung als Schutz vorweisen konnte, würde sie es ausradieren können. Dieser kranke Mistkerl sollte nur aufpassen!
      Jener sagte: „Das wird genügen, um den Rest deiner Lebenspunkte auszulöschen. [Vylon Cube], zerstöre [Gem-Knight Garnet]. [Vylon Delta], sorge dafür, dass ihr Antlitz dem Erdboden gleichgemacht wird!“

      Aus der Mitte seines Körpers schoss der Würfel einen schmalen, gelben Laserstrahl, der über den Boden der Aula direkt auf Garnet zusteuerte. Aber Anya hatte vorgesorgt. „Verdeckte Falle aktivieren! [Pyroxene Fusion]! Sie lässt mich Gem-Knights von Hand und Spielfeld verschmelzen, genau wie [Gem-Knight Fusion] es tun würde!“
      Sie nahm Garnet, als auch ihre Falle, vom Spielplan und hielt sie zusammen mit einem weiteren Ritter in die Höhe. „[Gem-Knight Garnet], du bist das Herz, [Gem-Knight Crystal], du bist die Rüstung! Vereinigt euch!“
      Ein unglaublich schneller Wirbel aus Edelsteinen sog die beiden Ritter ein, welche aus ihren Karten erschienen. Dann gab es einen Lichtblitz und das neue Monster stand vor Anya. „[Gem-Knight Ruby]!“

      Gem-Knight Ruby [ATK/2500 DEF/1300 (6)]

      Stolz hob der Ritter in seiner Bronzerüstung die Lanze in seinen Händen. Mit wehendem, blauem Umhang verneigte er sich vor Anya und ging dann in Kampfposition.
      „Sieht so aus, als wäre dein Angriff fehlgeschlagen, was? An dem hier kommst du nicht so leicht vorbei“, grinste die verstohlen. Das kam davon, wenn man sie unterschätzte! Nun würde sie mit aller Macht zurückschlagen!
      „Offensichtlich“, erwiderte Alastair kühl. „Aber das ist nur eine kurzfristige Lösung.“
      „Häh? Lösung? Wofür?“ Wollte der sie für dumm verkaufen?
      „Für das, was dich jetzt erwartet, Dämon“, zischte er derart hasserfüllt, dass Anya regelrecht beeindruckt war. Warum klang sie nicht so cool?

      Alastair streckte beide Arme in die Höhe. „Ich beende meine Battle Phase, doch höre meine Worte, Dämon. Du hast den Weg des Leidens gewählt und nun wirst du ihn bis zu deinem letzten Herzschlag beschreiten. Mach dich gefasst!“
      Wie Anya solche pathetischen Reden hasste. Die holten doch nicht mal ihre tote Großmutter unterm Sofa hervor. Eher-
      Die Erde begann zu beben. Immer stärkere Erschütterungen suchten die Schule heim, sodass Anya glatt ins Schwanken geriet.
      „Was zum-!?“
      „Level 3, [Vylon Cube] und Level 7, [Vylon Delta]!“, rief Alastair regelrecht besessen. „Infinite evil, waiting to get purged! Be the voice of his justice! Synchro Summon! Purify this twisted world! [Vylon Ultima]!“

      Gleißendes Licht blendete Anya derart, dass sie die Augen zukneifen musste. Das Beben wurde zunehmend stärker und dazu ertönte plötzlich ein unheimlich lautes Geräusch. Ein Quietschen, so schrill, als würde man mit Metall über eine Tafel kratzen. Dazu kam noch ein dröhnendes Summen, sodass sie sich zusätzlich die Ohren zuhielt. Darauf folgte fürchterliches Poltern und Krachen, als würde die Welt auseinanderbrechen.
      Was zum Geier hatte dieser Spinner da beschworen?
      Als der Lärm und das Beben nachließen, öffnete Anya langsam die Augen. Und bereute dies sofort.
      „Dies soll dein Henker sein, Anya Bauer!“, sprach Alastair feierlich, auch wenn er hinter diesen Monstrum längst nicht mehr zu sehen war.


      Turn 04 – Path To Decay
      Alastair gelingt es problemlos, Anyas [Gem-Knight]-Fusionen durch [Vylon Ultima] zu versiegeln. Obwohl Anya versucht, sich mit anderen Mitteln wie [Gem-Knight Crystal] zu wehren, prallen ihre Attacken an Alastair wirkungslos ab. Doch inmitten des Kampfes erscheint plötzlich Levrier und bietet seine Hilfe an. Anya, die keine Wahl hat, muss den sprichwörtlichen Pakt mit dem Teufel eingehen und erhält im Gegenzug für ihr Versprechen, zusammen mit Levrier „Eden“ zu werden, eine neue Kraft …



      Verwendete Karten:

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Garnet
      Gem-Knight Crystal
      Gem-Merchant

      Silent Doom

      Pyroxene Fusion

      Gem-Knight Ruby

      Alastair

      Vylon Vanguard
      Vylon Stella
      Vylon Cube

      Double Summon
      Vylon Material

      D2 Shield

      Vylon Delta

      Vylon Ultima
      ????
      Was immer klasse bei dir ist, wenn man eine Folge durch hat, dass man direkt die nächste haben will um zu wissen, wie es weiter geht. So auch hier wieder.

      Zumal es jedes Mal lustig ist, Anyas kackfreche Sprüche etc. mitzulesen. In dieser Folge war sie ja gewohnt auch nicht auf den Mund gefallen. Aber auch die anderen Charas können überzeugen.
      Spoiler anzeigen
      Doch nunja, der erste Antagonist hat nicht wirklich lang auf sich warten lassen, aber es hat sich ja zum Ende der letzten Folge schon abgezeichnet, dass der hier seinen Auftritt bekommen wird. Und neben seiner Magie hat er im Duell schon eindrucksvoll bewiesen, dass er Anya gar nicht angreifen braucht, weil die sich fast ganz ohne sein Zutun allein besiegt. Was passiert da erst, wenn errichtig lloslegt? ;)

      Als besondere Ironie empfind ich es aber immer noch - wenn man die Preview zur nächsten Folge liest - dass es ausgerechnet Alastair ist, der Anya in Levriers Arme treibt und sie zu einem Bund mit diesem drängt. So schafft er genau das, was er zu verhindern versuchte. Man könnte ihn ja fast bemitleiden, was er Ärger mit dem Mädchen hat, aber nur fast xD

      PS.: Weißer Pyjama? Egal wie oft ich das les, da muss ich immer über Anya schmunzeln. Bei der würde man doch meinen, dass sie im Unterwäsche und Tanktop schlafen würde. xD
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      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.

      Evil Bakura schrieb:

      Was immer klasse bei dir ist, wenn man eine Folge durch hat, dass man direkt die nächste haben will um zu wissen, wie es weiter geht. So auch hier wieder.
      da muss ich zustimmen, das fängt mit der ersten an, und hört gar nicht mehr auf(das geht bis zu den letzten episoden so weiter)





      @spoiler
      hier kann ich dir schon vieles beantworten, da ich inzwischen schon die hauptstory durchhabe(ps: inzwischen sind die extra-kapitel schon fast noch besser als der hauptteil, auch wenn es hier nicht ganz so viel drunter und drüber geht)
      Spoiler anzeigen

      Im moment sieht man ihn wohl noch als antagonist, doch da wird nachher noch ziemlich viel gespielt(er wird z.b. kurzzeitig zum freund/feind ala Kaiba aus der serie, dann wieder zum feind, und immer hin und her)

      @ironie: das wird sich erst GANZ zum schluss auflösen, weshalb ich ab hier lieber nicht vorspoilern möchte. Ich gebe nur einen tipp: es hat was mit dem Engel Refiel zu tun.





      Evil Bakura schrieb:

      PS.: Weißer Pyjama? Egal wie oft ich das les, da muss ich immer über Anya schmunzeln. Bei der würde man doch meinen, dass sie im Unterwäsche und Tanktop schlafen würde. xD
      Hat mich auch ein wenig überrascht.
      Insbesondere, da es in den Zusatzkapiteln dann wirklich boxershorts+top sind.
      Obwohl, Anya darf ja auch ein bisschen vielseitiger sein
      (wenn sie sonst fast immer die selbe Jacke mit einen shirt wo ein totenkopf drauf ist trägt)



      Tauschbörse YGO
      Tauschbörse VG

      Spieler aus Hameln/Minden und Umgebung?:
      ygohameln@gmail.com
      So, dann an dieser Stelle erstmal wieder danke an meine beiden Poster. :)

      @Evil Bakura
      Ich sag dir, wenn manchmal würde ich mir von Anya gern eine Scheibe abschneiden und auch kackdreist sein. Aber dazu fehlt einem dann doch irgendwie der Mut. ^^
      Joa, Al hats schon drauf. Andererseits, Anya zu besiegen is nix, womit man sich brüsten muss. xD Die schafft das ja offensichtlich auch ohne eigenes aktives Zutun. xD
      Das mit dem Pyjama ist so eine kleine Inkonsistenz wenn man so will, da sie später wirklich der Shorts + Tanktop-Typ wird. Naja, vielleicht gehört der Pyjama ja ihrem Vater ... xD *Daddy-Issues and stuff*

      @Deckcreator16
      Das Lob bedeutet mir sehr viel, vielen Dank. Ich hoffe, dass sich das in der Forsetzung auch wieder so durchziehen wird. ^^
      Dass dir das Special fast besser gefällt als der Hauptteil überrascht mich ehrlich gesagt ein wenig, aber freut mich auch ebenso. ^^
      Was Anya und Vielseitigkeit angeht, naja, im Grunde ist sie eher jemand, den Veränderungen abschrecken. xD Was ich damit meine wird in der Fortsetzung noch hin und wieder deutlich. ;)


      Turn 04 – Path To Decay



      Erschrocken wich Anya zurück.
      Sie hatte ja mit etwas Großem gerechnet, aber das hier übertraf ihre kühnsten Vorstellungen. [Vylon Ultima] machte seinem Namen alle Ehre. Denn aufgrund seines gigantischen Körpers war die ohnehin schon hohe Decke der Aula einfach eingestürzt. Überall um den schwarzen Feuerzirkel lagen Trümmer, in seinem Innersten hingegen nicht ein Krümel, ganz als hätte er die beiden Duellanten sowie Nick und Abby geschützt.
      Anya musste den Kopf in den Nacken legen, um die ganze Größe dieses Monsters zu erfassen. Sechs mechanische Schwingen aus Gold besaß es. Sie gingen aus einem riesigen Kreuz hervor, dem Körper des Wesens, von dem zwei riesige Arme herunter hingen. An der Spitze jenes Kreuzes prangerte der kugelrunde Kopf mit einem roten Auge. Ein goldenes Geflecht aus Stangen um sein Haupt bildete eine Art Kragen, die ihn wie einen Richter aussehen ließ.

      Vylon Ultima [ATK/3900 DEF/3500 (10)]

      „Alter Falter …“, murmelte Anya.
      Der schwarzhaarige Alastair, welcher samt Anyas Freunden nun von seinem Monster verdeckt wurde, lachte selbstherrlich. „Siehst du jetzt, mit wem du dich hier angelegt hast, Dämon? Du bist nur einer von vielen, die ich in den letzten Jahren vernichtet habe! Ich habe mir geschworen, jeden einzelnen von euch dem Erdboden gleichzumachen!“
      Das Mädchen hörte jedoch gar nicht hin. Eher beschäftigte sie, wie sie dieses Unding aus dem Weg räumen konnte. Ihr [Gem-Knight Ruby] war kein Gegner für dieses Monstrum.

      Gem-Knight Ruby [ATK/2500 DEF/1300 (6)]

      Ganz zu schweigen davon, dass ihre Lebenspunkte knapp bemessen waren.

      [Anya: 1300LP / Alastair: 3500LP]


      „Die Euren sind vernichtungswürdig! Ihr existiert nur, um andere ins Unglück zu ziehen“, zischte Alastair voller Verachtung. „Euch ist der Weg ins Paradies Gottes auf ewig verschlossen. Selbst der Engel Refiel kennt für euch keine Gnade. Das Mädchen werde ich retten, doch du wirst in der Hölle schmoren!“
      Anya verschränkte missmutig die Arme. „Wieso kommt neuerdings jeder dahergelaufene Spinner auf die Idee, dass mich das interessiert? Alter, du hast meine Freunde gefangen genommen! Wenn hier jemand 'n bisschen Gnade nötig hat, dann wohl eher du!“ Nicht, dass sie ihm die gewähren würde.
      „Tch. Rede mit falschen Zungen, solange du noch kannst!“ Er lachte. „Führen wir das hier fort! Ich aktiviere den Effekt von [Vylon Cube], da es für die Synchrobeschwörung eines Licht-Monsters eingesetzt wurde. So kann ich eine Ausrüstungsmagie von meinem Deck meinem Blatt hinzufügen. Wählen tue ich [Vylon Component]!“
      Anya konnte zwar nicht sehen, was er da tat, aber wenn er auch nur daran dachte, sie zu betrügen, würde das mit gebrochenen Rippen vergolten werden.

      „Und jetzt wirst du deinen schlimmsten Albtraum erleben, dämonische Brut“, tönte Alastair plötzlich majestätisch. „Ich aktiviere drei Ausrüstungsmagien, welche [Vylon Ultima] noch mächtiger machen werden! [Vylon Material], [Vylon Component] und [Vylon Filament]!“
      Dreimal leuchtete das riesige Ungetüm in gleißend hellem Licht auf. Anya hatte keine Ahnung, wie sich diese Karten auf das ohnehin schon viel zu starke Wesen auswirken würden. Aber dass auf einmal der oberste rechte, der mittlere rechte und der unterste linke Flügel rot strahlte, konnte kaum etwas Gutes bedeuten.

      Vylon Ultima [ATK/3900 → 4500 DEF/3500 (10)]

      „Na toll“, brummte Anya genervt. Jetzt war es noch stärker.
      „Ist es die hohe Offensive, die dir Furcht bereitet?“, fragte Alastair höhnisch. „Das sollte sie, aber noch viel mehr solltest du dich vor dem fürchten, was durch das Ausrüsten von Magiekarten an [Vylon Ultima] ausgelöst wurde! Denn für jede von ihnen kann ich eine Beschwörungsart versiegeln, die fortan von keinem Spieler mehr angewendet werden kann.“
      Das klang überhaupt nicht gut, dachte Anya.
      „Und überlegen wir mal, was dich am härtesten treffen würde? Ich weiß … Fusionsbeschwörung für [Vylon Material]. Damit du nicht trotzdem auf die Idee kommst, starke Monster zu rufen, wähle ich dazu noch für [Vylon Component] Tributbeschwörung und für den unwahrscheinlichen Fall, dass du sie besitzt, dank [Vylon Filament] die Beschwörung von Synchromonstern.“
      Anya glaubte sich verhört zu haben. Hatte dieser Spinner gerade alle Beschwörungsarten versiegelt, die für sie relevant waren? Wie sollte sie unter diesen Umständen etwas beschwören, das stark genug war, um [Vylon Ultima] zu besiegen!?
      „Es ist ausweglos, Dämon. Und selbst wenn es dir gelänge, [Vylon Ultima] zu zerstören, würden beim ersten Versuch nur sämtliche Ausrüstungsmagien verloren gehen. Damit du aber gar nicht auf diesen Gedanken kommst, spiele ich meine letzte Karte aus, die dauerhafte Magie [Vylon Element]. Sollten Vylon-Ausrüstungsmagien zerstört werden, kann ich für jede von ihnen ein Vylon-Empfänger-Monster von meinem Deck rufen. Du hast dein Leben in dem Moment verwirkt, als du dich auf den Dämon in dir eingelassen hast! Da ich meine Battle Phase bereits durchgeführt habe, ist mein Zug jetzt beendet!“

      Großartig, dachte Anya grimmig. Dieser Kerl war nicht nur vollkommen durchgedreht, sondern auch noch stark. Ein wenig zu stark für ihren Geschmack.
      Sie sah ihre verbliebene Handkarte an, dann [Vylon Ultima]. Selbst wenn sie [Gem-Knight Rubys] Angriffspunkte erhöhen und diesen seltsamen Maschinenengel zerstören könnte, wäre im Grunde nichts gewonnen. Erstens wäre er nicht endgültig besiegt und zweitens hätte sie dann durch [Vylon Element] nur noch mehr Probleme an der Backe. Ihre Situation war aussichtslos. Aber das musste der ja nicht wissen!
      „So, Narbengesicht, mach dich auf was gefasst! Draw!“
      Doch entgegen ihrer Hoffnung hatte sie nichts gezogen, was ihr in ihrer Lage wirklich weiterhalf. Es blieb ihr keine andere Wahl.
      „Ich wechsle Ruby in die Verteidigung“, rief sie und drehte ihr Fusionsmonster auf der schwarzen Marmorplatte in die Horizontale. „Dann setzte ich sowohl ein Monster, als auch eine weitere Karte verdeckt. Zug beendet!“

      Gem-Knight Ruby [ATK/2500 DEF/1300 (6)]

      Sie hörte Alastair lachen. „Mehr habe ich auch nicht erwartet. Mein Zug! Und ich beschwöre [Vylon Soldier]!“
      Vor der riesigen Gestalt Ultimas erschien eine geradezu mickrige im Vergleich. Neben einem Körper aus Stahl besaß das Wesen zwei kräftige Arme aus purem Gold.

      Vylon Soldier [ATK/1700 DEF/1000 (4)]

      „Und jetzt … vergehe, Dämonenbrut!“, donnerte Alastair aufgebracht. „[Vylon Ultima], werde das Schwert des Herren und vernichte dieses Ausgeburt der Hölle! Angriff auf [Gem-Knight Ruby] … “

      Anya Bauer!

      „Was?“ Anya horchte auf. Das war doch-!

      Aktiviere deine Falle! Schnell, bevor der Angriff stattfindet!

      „Nen Teufel werd' ich-“

      Tu es, oder du wirst dein Leben verlieren!

      Was für ein Schwachsinn! Anya starrte auf ihren Spielplan. Warum konnte dieses Hirngespinst sie nicht einfach in Ruhe lassen!?
      Dennoch waren da gewisse Zweifel. Hatte Levrier recht? Vielleicht war es wirklich besser, ihre gesetzte Karte zu aktivieren? Levrier war ein Produkt ihrer Fantasie, also praktisch so etwas wie eine innere Stimme – eine lästige wohlgemerkt – aber sie würde sich wohl kaum selbst schaden wollen, dachte Anya. Trotzdem war es merkwürdig. Aber was hatte sie schon zu verlieren?
      „Verdeckte Falle! [Inverse Universe]! Sie vertauscht die ATK- und DEF-Werte aller Effektmonster auf dem Spielfeld!“

      Vylon Ultima [ATK/4500 → 3500 DEF/3500 → 4500 (10)]
      Vylon Soldier [ATK/1700 → 1000 DEF/1000 → 1700 (4)]
      Gem-Knight Ruby [ATK/2500 → 1300 DEF/1300 → 2500 (6)]

      „Holy Extermination Beam!“, brüllte Alastair.
      Inmitten des Kreuzes von [Vylon Ultima] strahlte ein rotes Licht, welches augenblicklich einen gewaltigen Laserstrahl auf Anyas Monster abfeuerte. Dieses ging in einer so schweren Explosion unter, wodurch Anya nun schon zum zweiten Mal während des Duells von den Füßen gerissen und weg geschleudert wurde. Und dieses Mal war der Aufprall so hart, dass sie aufschrie.

      [Anya: 1300LP → 300LP / Alastair: 3500LP]


      Unter Schmerz erhob sich Anya und wieder stieg ihr der Geruch von Verwesung in die Nase, welcher von den Flammen um sie herum ausging. Sie humpelte zur schwebenden Marmorplatte zurück, hielt sich dabei den rechten Oberarm, der am meisten abbekommen hatte.
      „Verdammter Kackmist, was war das denn!?“
      „Ein fehlgeschlagener Versuch, dich zu vernichten“, zischte Alastair wütend. „Woher wusstest du, dass [Vylon Filament] die Aktivierung von Zauber- und Fallenkarten verhindert, sobald [Vylon Ultima] angreift? Das hat dir das Leben gerettet, denn andernfalls hätte der Durchschlagschaden von [Vylon Component] deine restlichen Lebenspunkte ausgelöscht!“
      „Ich bin eben gut“, tönte Anya und grinste. Nur fühlte sie sich eher wie jemand, der gerade von einem Laster überrollt worden war. Und dann war da noch Levrier. Hätte er sie nicht darauf hingewiesen, wäre sie jetzt vielleicht schon tot! Aber woher hatte er, sprich sie, das gewusst? … sie war eben wirklich verdammt gut!
      „Aber ich bin noch nicht fertig“, rief Alastair, „denn [Vylon Soldier] greift dein verdecktes Monster an!“
      Der mechanische Engel kam wie ein Pfeil auf Anyas unbekanntes Monster zugeschossen, welches jetzt aus seiner Karte sprang. Es war ein grauer Tonkrug mit einem einäugigen, grinsenden Gesicht im Inneren.

      Morphing Jar [ATK/700 DEF/600 (2)]

      Von der gewaltigen Faust des Soldaten wurde er in tausend Stücke geschlagen.
      „Flipp-Effekt!“, rief Anya. „Wenn [Morphing Jar] aufgedeckt wird, werfen wir unsere Hand ab und ziehen fünf neue Karten!“
      „Ich habe keine Karten auf meiner Hand.“
      „Ich ebenfalls nicht.“ Und so zog Anya ein brandneues Blatt, in der Hoffnung, einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage zu finden. Doch was sie sah, überzeugte sie nur bedingt.
      „Bevor ich meinen Zug beende, setze ich noch eine Karte“, rief Alastair. „Dabei belasse ich es vorerst.“

      Wortlos zog Anya ihre Karte und erstarrte. [Gem-Knight Fusion]! Aber die war nutzlos, solange [Vylon Ultima] sämtliche Fusionsbeschwörungen versiegelte. Was für ein Scheißdreck!
      Dennoch würde sie nicht kuschen, sondern in die Vollen gehen. Irgendwie würde sie dieses Mistvieh schon kleinkriegen! „Zauberkarte aktivieren! [Monster Reborn]! Damit kann ich ein x-beliebiges Monster von unseren Friedhöfen reanimieren und ich entscheide mich für [Gem-Knight Crystal]! Und damit das Ganze umso cooler wirkt, rüste ich ihn noch mit [Megamorph] aus, was seine ATK verdoppelt, da ich weniger Lebenspunkte besitze als du, Frankenstein!“
      In weißer Rüstung erhob sich der Kristallritter vor Anya und stemmte stolz seine Hände in die Hüften. Die durchsichtigen Kristalle an seinen Schulterplatten wuchsen dank Anyas Zauberkarte so stark an, dass sie wie endlos lange Dornen wirkten.

      Gem-Knight Crystal [ATK/2450 → 4900 DEF/1950 (7)]

      „So macht man das richtig! Und jetzt zermalme [Vylon Ultima]! Clear Punishment!“
      Mit erhobener Faust flog ihr Krieger auf die riesige Maschine zu und holte aus.
      „Nicht so hastig, denn du hast meine Falle ausgelöst! [Mirror Force]! Damit werden bei einem Angriff all deine Monster in der Offensive zerstört!“
      Crystal schlug zu, doch traf nur auf eine spiegelnde Mauer und zerstörte seine Reflektion. Als diese zersprang, explodierte auch Anyas Ritter. „Oh shit!“
      „Du musst dir schon etwas Besseres einfallen lassen als das“, höhnte Alastair verächtlich.
      Anyas Kiefer mahlten. Dieser Kerl war ja fast noch krasser drauf als Valerie. Allein wenn sie an die dachte, kochte die Wut in ihr umso schlimmer, was ihr neuen Auftrieb gab.
      Egal, sagte sie sich sauer. Dann würde sie eben nächste Runde zuschlagen. Und bis dahin …
      „Ich aktiviere [Swords Of Revealing Light]! Damit kannst du drei Runden nicht angreifen, Drecksack! Und da ich noch kein Monster als Normalbeschwörung beschworen habe, setze ich jetzt eines in Verteidigungsposition! Dein Zug!“
      Drei grüne Lichtschwerter schossen aus dem Himmel um die beiden Vylons von Alastair. Die traurige Wahrheit jedoch war, dass Anya momentan keine Ahnung hatte, WIE sie zuschlagen sollte. Ihre letzten beiden Handkarten waren keine große Hilfe.

      „Versteck dich nur, das wird dir auch nichts nützen. Ich setze ebenfalls ein Monster und wechsle [Vylon Soldier] in die Defensive. Mehr kann ich momentan nicht tun, also passe ich!“
      Seine Kreatur hob die Arme über Kreuz, um sich zu schützen.

      Vylon Soldier [ATK/1000 DEF/1700 (4)]

      Anya Bauer!

      Wieder Levriers Stimme. Anya sah sich um, doch innerhalb der Aula waren nur sie und Alastairs Monster. Was hinter denen gerade vor sich ging, konnte sie aufgrund von [Vylon Ultimas] massiven Leib nicht sehen.
      „Was ist denn? Sei endlich still, du gehst mir auf die Eierstöcke“, flüsterte sie. Hoffentlich hörte es keiner, denn sonst konnte sie sich gleich den nächsten Vortrag über Dämonen und Engel und den ganzen Bockmist anhören!

      Etwas geht vor sich mit deinem Gegner! In seinem Körper sammelt sich eine mächtige Präsenz! Stark genug, um dem Schicksal eine neue Wendung, einen neuen Pfad zu verleihen!

      Anya blinzelte verwirrt. „Und jetzt nochmal so, dass ich es auch verstehe!“, zischte sie.

      Verzeih. Ich habe deine unterentwickelten geistigen Fähigkeiten vergessen. Was ich mit meinen Worten ausdrücken wollte ist, dass er nächste Runde sein Deck ganz nach Belieben manipulieren kann. Sprich: er wird eine Karte ziehen, die deinen Untergang besiegeln wird.

      „Heißt das, er schummelt?“

      Wenn du es so nennen willst? Ja. Aber es ist mehr als das. Es ist eine Gabe, vermutlich verliehen von diesem Engel Refiel, den er mehrmals erwähnt hat. Zumindest wirkt es auf mich so.

      „Ihr seid doch alle durchgeknallt hoch zehn!“
      Aber im Grunde hatte Levrier gar nicht so unrecht. Jetzt, da sie seine Bewegungen nicht sehen konnte, war es für Alastair ein Leichtes, sie nach Strich und Faden zu verarschen.
      „Dem werd' ich-!“ Aber solange sie nicht an den Vylons vorbeikam, konnte sie ihm nicht sämtliche Knochen brechen. Sie gab einen Wutschrei von sich, ehe sie „Draw!“ rief.
      Sie starrte ihre Hand an. Neben [Gem-Knight Fusion] und [Gem-Knight Emerald] hatte sie nun auch [Pot of Avarice] gezogen. Genau was sie brauchte!
      Anya überlegte. Wenn sie Emerald beschwor, konnte sie ihn und ihren verdeckten [Gem-Knight Tourmaline] aus dem Spiel verbannen, um Ruby zurückzuholen. Aber dann hätte sie nur noch vier Monster auf ihrem Friedhof und könnte ihre Zauberkarte nicht mehr ausspielen. Und Ruby allein brachte ihr gar nichts.
      „Zauberkarte!“, rief sie schweren Herzens. „[Pot of Avarice]! Damit mische ich [Gem-Merchant], Garnet, Ruby, Crystal und [Morphing Jar] in mein Deck zurück und ziehe zwei Karten!“
      Sie legte besagte Monster auf ihr Deck zurück und mischte es. Wenn Levrier – ihre weibliche Intuition – wirklich recht hatte, war das womöglich ihre letzte Chance.
      Mit zitternder Hand – was natürlich ausschließlich an der Vorfreude auf Alastairs Verderben lag – legte sie das Deck zurück auf die schwarze Marmorplatte und begann zu ziehen. Was würde mit ihr geschehen, wenn sie jetzt verlor? Würde sie wie Jonathan enden? Zu sterben wäre scheiße, deswegen entschied Anya sich kurzerhand, dass das noch Zeit haben musste, bis mindestens ein Bundesstaat nach ihr benannt wurde.
      Hastig zog sie die zwei Karten und war überrascht und gleichzeitig enttäuscht von dem Ergebnis. Sie hatte versagt … es war vorbei!

      Noch nicht ganz.

      Anya wurde ohne Vorwarnung schwarz vor Augen. Sie spürte, wie ihr Körper schlapp machte und sie umkippte. Doch den Aufschlag fühlte sie schon gar nicht mehr.

      Sie stand hier, inmitten der Finsternis, auf dem Mosaik der Erde. Es war nicht mehr beschädigt von dem Duell mit Levrier und Anya sah, dass aus dem Nichts eine Gestalt auf sie zukam. Es war ihr Ebenbild … nein, Levrier! Also doch sie! „Argh!“
      „Ich biete dir eine Möglichkeit, deinem Tod zu entkommen“, kam dieser sogleich mit seiner unmenschlichen Stimme auf den Punkt. Aus Anyas blauen Augen sah er das Mädchen fordernd an.
      „Die wäre?“, hakte die trotzig nach. Sie war geneigt, darüber nach zu grübeln, warum sie jetzt schon wieder träumte, aber nachdenken war scheiße, deswegen ließ sie es bleiben. Ihr Kopf rauchte ohnehin schon genug.
      „Ich gebe dir eine Karte, die dich vielleicht retten könnte. Doch sei gewarnt, selbst mit ihr wirst du deinen übermächtigen Feind nicht in die Knie zwingen können. Dazu braucht es mehr als das und ich bin mir nicht sicher, ob du über die nötigen Geschicke verfügst. Deine Chance ist schwindend gering, aus dieser Sache herauszukommen.“
      Anya rümpfte die Nase. „Und was muss ich dafür tun?“
      Dass Levrier ganz ruhig blieb und man seine Gefühle anhand der Stimme nicht abschätzen konnte, machte die Blondine nervös. „Du musst einen Pakt mit mir eingehen. Das Versprechen, dass wir zusammen Eden werden.“
      „Du spinnst wohl! Ich hatte schon mal gesagt, dass-“
      „Bedenke deine Worte“, mahnte Levrier sie streng und hob zur Verdeutlichung den Zeigefinger. „Du bist nicht in einer Position, in der du dir Fehler erlauben kannst. Dein Gegner kämpft mit sagenhaften Kräften und hat einen Engel an seiner Seite. Dein Tod ist unausweichlich, solltest du mein Angebot jetzt ausschlagen.“
      Anya ballte die Fäuste und biss sich auf die Lippen. Sie sprach hier mit ihrem Hirngespinst über Engel und Zauberkräfte! Jetzt war es offiziell, sie lief nicht mehr ganz rund im Oberstübchen! Vielleicht hätte sie doch zu dieser Polizeipsychologin gehen sollen? … nah, eher würde sie eine Woche lang n-e-t-t sein!
      „Ich warte auf deine Antwort.“ Levrier starrte sie aus kalten, blauen Augen an. „Ein Wort von dir und ich verschwinde auf ewig aus deinem Geist. Doch dann bist du verloren.“
      „Und was passiert, wenn ich zustimme?“
      „Dann werde ich dir einen Weg aus deiner Lage weisen. Dazu musst du genau tun, was ich dir sage. Aber selbst dann ist die Aussicht auf Erfolg schwindend gering.“
      Anya legte ihre Hand an die Wange und überlegte. Es stimmte schon, sie saß ganz schön in der Patsche. Jede Hilfe wäre ihr im Grunde recht. Aber Levrier erschien ihr alles andere als vertrauenerweckend und außerdem war er nur ihrer grenzenlosen, durchgeknallten Fantasie entsprungen. Was konnte er da schon ausrichten?

      Aber hatte sie überhaupt eine andere Wahl? Jeder kleine Hoffnungsschimmer war besser als nichts und schlimmstenfalls geschah auch 'nichts'. Levrier war sowieso nicht real. Also was hatte sie schon zu verlieren?

      Ohne weiter darüber nachdenken zu wollen, streckte Anya gönnerhaft ihren Arm aus. „Deal.“
      „So sei es.“ Die falsche Anya nahm die Hand des Originals und lächelte geheimnisvoll.
      Plötzlich schien es dem Mädchen, als würde ihr Arm verbrennen. Sie ging ächzend in die Knie, hielt dabei noch immer Levriers Hand, welcher sie nicht losließ.
      „Was soll das jetzt?“, stöhnte sie, wollte sich losreißen. Aber sein Griff um ihre Hand war eisern.
      „Das ist die Erinnerung an unser Versprechen, Anya Bauer. Es wird dir große Kraft verleihen, aber sei gewarnt. Wenn du unser Bündnis brichst, wird dir ein schlimmeres Schicksal als der Tod zuteil.“
      Mit diesen Worten ließ Levrier sie los. Anya starrte ungläubig auf ihren rechten Unterarm. Auf dem prangerte ein pechschwarzes Zeichen. Ein schwarzes Kreuz mit einem stacheligen Kreis, welcher durch die vier Seiten des Kreuzes verlief. Ein leichter bräunlicher Schimmer lag unter ihrer Haut, doch er verging. Sprachlos starrte sie das Bildnis an, welches sie an ein Brandmal erinnerte.
      Dann brach das Mosaik unter ihren Füßen auseinander und sie begann wieder zu fallen. Und während die Splitter um sie herum in den verschiedensten Farben tanzten, glaubte Anya, in der Ferne einen Lichtschimmer inmitten der Finsternis zu sehen. Im Zentrum dieses Lichts meinte sie, kurz die Silhouette eines riesigen, hohen Gebildes erkannt zu haben. Aber bevor sie nur mit den Augen blinzeln und sie näher erfassen konnte, verlor sie das Bewusstsein und wurde ins Nichts davon getrieben.

      Nur um gleich darauf wieder aufzuwachen. In der Aula, gefangen im Kreis des schwarzen Feuers. Sie lag da und hielt etwas in ihrer Hand … eine Karte!
      Anya erhob sich erschrocken und sah sie an. Bild und Text waren auf befremdliche Art verschwommen, doch schienen mit der Zeit immer klarer zu werden. Das konnte unmöglich sein, die gehörte ihr nicht! Und … das Mal, es war auf ihrem Arm!
      „Was zum Geier?“, fluchte Anya und sprang auf. Sie legte ihre neue Errungenschaft abgelenkt auf ihr Extradeck und rubbelte dann mit dem Daumennagel über das Kreuz. Aber egal wie sehr sie es versuchte, sie kratzte sich nur die Haut wund. Das Mal hingegen blieb. „Oh shit! Meine Mutter wird mich umbringen, wenn sie das sieht!“

      „Was hast du getan ...“, hörte sie plötzlich Alastairs Stimme murmeln. „Du dummes Kind, bist du dir im Klaren, was du gerade angerichtet hast!? Du hast deine Seele verkauft! Jetzt kann selbst ich sie nicht mehr retten!“
      „Ach, halt die Klappe!“, herrschte Anya ihn an und starrte weiter auf ihren neuen Körperschmuck.
      „Nun steckt er wahrhaft in dir, Mädchen“, raunte Alastair. „Wie lautet sein Name?“
      „Was geht-“
      „Wie lautet er!?“, donnerte der Mann aufgebracht. „Ist er es? Ist er es!? Der, den ich so lange gesucht habe!? Ist es 'Another'!?“ Plötzlich war er wieder ruhig und murmelte. „Was sagst du, Refiel? Er ist es nicht? … verdammt! Aber er muss dennoch vernichtet werden!“
      Anya indes kratzte sich am Kopf. Hörte es sich auch so an, wenn sie solche Selbstgespräche führte? Wenn ja, sollte sie wirklich mal zum Arzt gehen. So krass wie der wollte sie nicht drauf sein.

      Er spricht zu dem Engel. Sei vorsichtig Anya, ich weiß nichts über dieses Wesen an seiner Seite. Ich kann seine Präsenz fühlen, doch sie entzieht sich meinem Verständnis. Aber sie ist gefährlich und ich möchte sagen, stärker als ich. Du musst die Karte benutzen, die ich dir gegeben habe!

      Da war er wieder, dachte das Mädchen verärgert. Konnte sie endlich aus diesem beschissenen Traum aufwachen? Etwas anderes konnte dieser ganze Quatsch gar nicht sein!
      Rosafarbene Himmelbarrierendinger, die das Schulgelände von der Außenwelt abschnitten, ein irrer Dämonenjäger, der ihre Freunde und sie umbringen wollte und ein Geisterwesen, welches ihr Karten schenkte. Noch beknackter konnte dieser Traum wirklich nur werden, wenn Valerie in einem rosa Tutu hereingeplatzt käme und dabei „We are the Champions“ sang.
      Anya warf einen verstohlenen Blick über die Schulter, darauf wartend, dass sie durch das pechschwarze Feuer die Tür aufspringen sah. Aber das blieb zum Glück aus.

      Konzentriere dich! Wir haben keine Zeit für Tagträumereien!

      „Halt endlich die Klappe, du gehst mir so was von auf den Keks mit deinem ständigen Rumgelaber! Ich komm auch alleine klar, kapiert!?“ Sie hatte sich nicht länger beherrschen können und schimpfte so laut, dass Alastair es gewiss hörte. „Anstatt deine beschissene Nase in meine Angelegenheiten zu stecken, geh lieber sterben oder tu was für den Weltfrieden oder so! Nervensäge!“
      Aber in einem hatte Levrier trotz allem recht: sie sollten endlich mit dem Spiel weitermachen. Sie checkte ihr Spielfeld, aber an der Situation hatte sich nichts verändert.
      Sollte sie es wagen und 'die' Karte ausspielen? Aber selbst sie wäre nicht stark genug, um [Vylon Ultima] entgegen zu treten, so hatte Levrier gesagt.

      Benutze deine Zauberkarte und stärke dein Monster. Dann hast du den ersten Schritt getan.

      „Bist du bekloppt? Wenn ich das mache, krepiere ich nächste Runde, selbst wenn mein Monster stärker ist als seines!“

      Du wirst keinen nächsten Zug mehr erleben. Es geht mir nicht darum, das stärkste Monster zu besitzen, Anya Bauer. Es geht darum, den Gegner so zu manipulieren, dass er genau das tut, was wir wollen. Aber dafür müssen wir zunächst die Ausrüstungszauberkarten zerstören, die Alastair aktiviert hat. Und das geht nur, wenn du tust, was ich dir vorgeschlagen habe!

      Anya verzog den Mund so schief, dass ihre Lippen richtig spannten. Niemand sagte ihr, wie sie zu spielen hatte … aber wenn sie sowieso keinen Plan hatte, was sie machen sollte, konnte sie genauso gut ausprobieren, was Levrier ihr geraten hatte. Natürlich wäre sie irgendwann sowieso selbst darauf gekommen! Nein, sie war sogar schon darauf gekommen, war -sie- schließlich Levrier. … Gott, war das kompliziert!

      „Ich beschwöre [Gem-Knight Emerald] von meiner Hand und switche mein verdecktes Monster, [Gem-Knight Tourmaline], in den Angriffsmodus!“
      Aus ihrer gesetzten Karte sprang der Ritter in goldener Rüstung, welcher zwischen seinen Handflächen einen Blitz erzeugte. Seine Rüstung war mit gelben Edelsteinen, dem Turmalin, besetzt. Neben ihm erschien Emerald, an dessen Arm ein Schild angebracht war. In seine blassgrüne Rüstung war auf Brusthöhe ein Smaragd eingesetzt.

      Gem-Knight Emerald [ATK/1800 DEF/800 (4)]
      Gem-Knight Tourmaline [ATK/1600 DEF/1800 (4)]

      Sollte sie das wirklich tun, fragte Anya sich? Sich auf ihre innere Stimme einlassen? Zu ihrer Schande musste sie sich eingestehen, keinen eigenen Ausweg aus ihrer Lage gefunden zu haben. Ihr imaginärer Helfer hingegen schien einen Plan zu haben, auch wenn sie diesem nicht folgen konnte. Aber wenn sie dadurch wirklich gewinnen würde, war ihr das nur recht. Lieber mit Unterstützung gewinnen, als ohne zu scheitern. Alles war besser als verlieren, sie hasste es, zu verlieren!
      „Okay, ich mach's!“, beschloss sie laut und nahm ihre beiden Ritter, legte sie übereinander auf das Spielfeld. Dann griff sie zu ihrem Extradeck. „Jetzt gilt's! Aus meinen zwei Stufe 4-Monstern wird ein Rang 4 Xyz-Monster! Ich erschaffe das Overlay Network!“
      Dann legte sie ihre neue Karte auf die beiden Karten der Ritter. „Komm herbei, [Gem-Knight Pearl]!“
      Ein dunkler Sternenwirbel öffnete sich inmitten des Spielfelds. Ihre Ritter wurden als braune Lichter in ihn hineingezogen, bis schließlich ein neuer Krieger aus der Mitte des schwarzen Lochs empor stieg. Stolz verschränkte er die Arme voreinander, während ein Ring aus großen rosafarbenen Perlen um seinen Körper tanzte. Dabei wirkte sein Erscheinungsbild eher schlicht, waren weder Helm noch die weiße Rüstung aufwendig verziert. Nicht einmal einen Umhang trug dieses ehrwürdige Monster.

      Gem-Knight Pearl [ATK/2600 DEF/1900 {4}]

      „Was zum Geier!?“, polterte Anya, als sie sich ihr neues Monster genauer ansah. Auf seiner Karte war „Kein Effekt!?“ abgedruckt.
      „Unter allen Karten, die du mir hättest schenken können, musste es ausgerechnet so eine sein!?“, beklagte sich Anya lauthals.

      Verstehe. Du hast mich nicht darum gebeten, eine Karte nach deinen Wünschen zu formen.

      „Dann mach 'ne neue, verdammt!“

      Unmöglich. Unser Pakt ist bereits besiegelt.

      „Willst du mich verarschen!?“, brüllte Anya und es war ihr mittlerweile völlig egal, ob irgendjemand hörte, wie sie mit ihren Hirngespinsten sprach. „Mach gefälligst 'ne neue, klar!?“

      Ich sagte bereits, das geht nicht. Aber das ist auch nicht weiter von Belang, denn dieses neue Monster reicht aus, um den Plan voran zu treiben. Benutze deine Zauberkarte.

      Wutentbrannt starrte das Mädchen auf ihr Blatt. [Gem-Knight Fusion] konnte er nicht meinen, die war völlig nutzlos. Also doch 'diese'. Was soll's, dachte sich Anya ärgerlich. Schlimmer konnte es sowieso nicht mehr kommen.
      Also zückte sie den Zauber. „Ich aktiviere [Axe of Fools]! Damit erhöht sie die ATK meines Monsters um 1000 Punkte, auch wenn sein 'nicht existierender' Effekt dadurch verloren geht.“

      Sag ihm nichts über den zweiten Nachteil deiner Karte, sonst bist du verloren.

      Hatte sie sowieso nicht vor, dachte Anya sauer. Sie musste Alastair nicht unter die Nase reiben, dass die Axt während jeder ihrer Standby Phasen demjenigen 500 Lebenspunkte Schaden zufügte, welcher über das ausgerüstete Monster verfügte. Und sie hatte nur noch 300 übrig.
      In Pearls Hand erschien eine große, silberne Axt. Auf dem Axtblatt war ein grinsendes Gesicht in einer Goldfassung zu sehen, welches dumm vor sich hin gackerte.

      Gem-Knight Pearl [ATK/2600 → 3600 DEF/1900 {4}]

      „Dein Dämon scheint ja wirklich schwach zu sein, wenn er dir nicht besser dienen kann“, zischte Alastair spöttisch. „Verzeih, mein Irrtum, du dienst ja ihm. Ihr passt wahrlich gut zueinander.“
      Der sollte die Klappe halten und sich vorsehen, dachte Anya gereizt.

      Greife nun [Vylon Ultima] an, Anya Bauer. Was danach geschieht, gehört zu meinen Absichten, deswegen erschrecke dich nicht. Es wird eine Zeit kommen, in der nur du noch dein Unheil abwenden kannst.

      „Ja, ja, ja, ist ja gut! Was anderes hatte ich sowieso nicht vor! Los Pearl, Attacke! Funny Axe Strike!“ Sie hasste den Namen von Angriffen, die durch diese verrückte Axt durchgeführt wurden. Wieso hatte sie die doch gleich im Deck? Ach ja, weil sie funkelte und zu Edelsteinen passte.
      Pearl flog hoch in die Luft, gefolgt von seinen Perlen und hob die Axt über seinen Kopf. Weit über seinem Gegner ließ er sich plötzlich fallen und zerteilte das Engelswesen mit einem Schlag seiner Axt, die dabei hysterisch lachte.

      [Anya: 300LP / Alastair: 3500LP → 3400LP]


      Doch [Vylon Ultima] wuchs an den Stellen, die durch den Hieb auseinander geschlagen worden waren, einfach wieder zusammen.
      „Habe ich es dir nicht gesagt?“, tönte Alastairs Stimme selbstverliebt. „Ehe du meiner Kreatur Schaden zufügen kannst, gehen zunächst alle verwendeten Ausrüstungsmagien drauf! Und weißt du was passiert, wenn die auf dem Friedhof landen? Nicht nur kann ich mir für jede von ihnen durch ihre eigenen Effekte Vylon-Magiekarten vom Deck aufs Blatt nehmen, nein, durch [Vylon Element] kann ich auch für jede verlorene Ausrüstungsmagie einen Vylon-Empfänger beschwören!“
      Anya schluckte. Was hatte Levrier doch gleich gesagt? Das gehöre zu seinem Plan?
      „Und ich wähle zweimal [Vylon Material] als Ausrüstung und beschwöre ein Empfängermonster, [Vylon Prism]! Mehr werde ich gar nicht brauchen!“
      Zwischen Alastairs gesetztem Monster und [Vylon Soldier] tauchte nun ein großer, langer Schild auf, ähnlich einem Prisma. Wie alle Vylons hatte auch er Arme und ein abstraktes Gesicht, was direkt aus der Platte herausragte.

      Vylon Prism [ATK/1500 DEF/1500 (4)]

      „Das ist wie 'ne Medusa. Du schlägst einen Kopf ab und zwei neue tauchen auf“, ärgerte sich Anya.

      Was du meinst ist eine Hydra. Die Medusa gibt es nicht.

      „Oder so, was auch immer.“ Sie nahm ihre letzten beiden Handkarten und wollte sie auf den Spielplan legen. [Gem-Knight Fusion] würde zumindest als Bluff dienen können. „Egal, ich setze jetzt zwei-“

      Nein, nur eine! Setze nur die Falle, denn wenn du beide Karten setzt, ist die Gefahr zu groß, dass du seiner Fähigkeit Nährboden gibst und sie noch verstärkst! Und dann-

      „Bin ich verloren? Mal was ganz Neues. Ich setze eine Karte verdeckt und beende.“ Dann flüsterte sie missmutig: „Und wehe das klappt nicht! Normalerweise habe ich es gar nicht nötig, mir von irgendwem helfen zu lassen.“

      Wäre dem so, wärst du jetzt nicht in dieser Lage.

      „Schnauze!“ Traurigerweise hatte Levrier nicht ganz Unrecht damit.

      Jetzt kommt der komplizierte Teil, Anya Bauer. Ab hier bist du auf dich gestellt. Wenn ich richtig liege und du genug Geschick beweist, wirst du nicht durch deine [Axe of Fool] oder Alastairs Angriffen verlieren. Aber höre jetzt gut zu …

      Als Levrier seine Ausführungen beendet hatte, musste sogar eine Anya Bauer anerkennend pfeifen. DAS war so genial, dass es gar nicht funktionieren KONNTE. Zumal sich alles um Alastairs Denkweise drehte. Und um diesen geheimnisvollen Engel Refiel, von dem diese ominöse Kraft ausging. Aber es war einen Versuch wert.

      „Jetzt werde ich dich vernichten, Dämon!“, brüllte Alastair aufgebracht. Der wiederholte sich zu oft für Anyas Geschmack. Aber solle er nur in dem Glauben bleiben.
      Plötzlich spürte sie etwas. Es war wie ein innerer Druck, der nur für einen kurzen Moment die Zeit hatte stehen lassen. Irgendetwas war geschehen.

      Er hat es getan, wie ich es vorhergesehen hatte.

      „Sieh an“, lachte Alastair bitterböse. „Das Glück scheint auf meiner Seite zu stehen. Ich aktiviere [Mystical Space Typhoon] und zerstöre deine Lichtschwerter. Damit kannst du dich nicht länger hinter ihnen verstecken!“
      Die grünen Schwerter rund um seine Monster zersprangen, als ein wilder Wirbelsturm um das Spielfeld fegte.

      Das war nicht die Karte, die er hätte ziehen müssen. Dahinter steckt das Einwirken von Refiels Kräften!

      „Wer oder was ist dieses Refielding überhaupt? Es gibt keine Engel, oder?“

      Ich weiß es nicht, ich bin noch nie einem begegnet. Was auch immer es ist, es ist mächtiger als ich es bin. Sei vorsichtig. Und nun tue, was ich dir gesagt habe!

      Anya schluckte. Eigentlich sollte ihr 'das' sehr leicht fallen, tat sie es doch andauernd. Aber auf Kommando war es etwas völlig anderes. So was musste Spaß machen, wenn man es tat.
      Sie schüttelte den Kopf. Nicht nachdenken, einfach machen!
      „Nun rüste ich [Vylon Material] an-“

      Beeile dich!

      „Hey Alastair“, rief sie dem Dämonenjäger verschwörerisch zu. „Soll es das etwa gewesen sein? Willst du mich jetzt mit [Vylon Ultima] zur Strecke bringen?“
      „Genau das!“
      Sie lachte laut, klang dabei aber ungewollt heiser. „Ich geb's zu, ich habe es verkackt. Aber das Tattoo an meinem Arm war es allemal wert. So etwas wirst du nie haben!“
      Er schwieg einen Augenblick. „... nein. Allerdings nicht.“
      „Mir hat der Dämon ein schönes Geschenk gemacht, weißt du? Schade, dass es letztlich so nutzlos war, aber hey, man kann eben nicht alles haben! Ich wette, dein Engel hat dir nicht so etwas Tolles gegeben!“
      „Rede nicht so über den heiligen Refiel!“
      „Heilig?“ Anya lachte spitz. „Guter Witz, Kumpel! Dein [Vylon Ultima] ist ja ganz nett und so, aber nichts Besonderes. Das Ding kriegt man doch an jeder Straßenecke hinterher geworfen! Du tust mir echt leid, weißt du? Hast 'nen Engel an deiner Seite, der dir nicht mal etwas zur Seite stellt, um uns bööööse böse Dämonen kalt zu machen.“
      „Ich sagte, du sollst nicht so über Refiel reden!“, polterte Alastair außer sich vor Wut.
      „Ach? Was willst du schon dagegen tun, du armseliger Speichellecker? Woher soll ich wissen, dass es deinen Engel überhaupt gibt? Am Ende bist du doch nur ein Hochstapler mit ein paar Zaubertricks im Ärmel! Ich aber bin ein echter Dämon! Wenn dein toller Refiel existiert, dann beweise es!“
      „… ungläubige Seele. Du willst einen Beweis? Den sollst du haben!“

      Anya lachte innerlich in sich hinein. Himmel, war dieser Trottel doof. Levrier hatte tatsächlich recht mit seiner Annahme behalten. Dennoch wusste das Mädchen nicht, was sie jetzt erwarten würde. Es konnte immer noch genug schief gehen. Aber nein, das würde es nicht! Jemand wie sie verlor nicht einfach gegen so eine Knalltüte von Dämonenjäger!

      „Ich flippe mein verdecktes Monster!“, sprach Alastair ungewöhnlich leise. „[Vylon Charger].“
      Eine lange, metallische Säule mit Armen und goldenen Ringen entstieg der gesetzten Karte von Alastair und gestellte sich zu den zwei kleineren Vylons.

      Vylon Charger [ATK/1000 DEF/1000 (4)]

      „Du willst einen Beweis für Refiels Existenz? Dann sollst du ihn haben! Spüre Gottes Zorn! Die Level 4 [Vylon Soldier], [Vylon Prism] und [Vylon Charger] werden zu einem Rang 4 Xyz-Monster! Ich erschaffe das Overlay Network!“
      „Gleich drei!?“, sprudelte es aus Anya heraus, als drei goldgelbe Strahlen von demselben schwarzen Wirbel absorbiert wurden, der zuvor schon ihren Pearl hervor gebracht hatte.
      „Werde Zeuge der göttlichen Kraft, die Refiel mir verliehen hat! Steige empor, [Vylon Disigma]!“
      Und was nun aus der Raumverzerrung trat, konnte Anya nur als das hässlichste aller Vylon-Monster bezeichnen. Obwohl es von selber Struktur war, wirkte vollkommen anders als die anderen.
      Eine abscheuliche, grimmige Fratze zierte den schwarzen Körper des Wesens. Lange goldene Arme mit immer länger werdenden, schwarzen Klingen erstreckten sich von beiden Seiten bis zu den schwarzen Flammen. Drei weiße Sphären kreisten um die morbide Kreatur.

      Vylon Disigma [ATK/2500 DEF/2100 {4}]

      „Ewwww“, tönte Anya angewidert. „Das ist das Geschenk deines Engels? Alter, den würd' ich auf Schadensersatz verklagen! Da wird man ja blind!“
      „Spotte nur, heuchlerische Kreatur! Sieh her, wie [Vylon Disigma] das diabolische Geschenk deines Dämons vertilgt! Ich hänge ein Xyz-Material ab und aktiviere Disigmas Effekt! Absorbiere [Gem-Knight Pearl]!“
      „Ohhh fuck!“
      Das Maul der schwarzen Engelsmaschine öffnete sich und sog Anyas Ritter ein, als wäre er nichts weiter als Luft. Kaum war er verschwunden, leuchtete eine der Sphären um Disigma schwarz auf.
      „Nun stehst du völlig schutzlos da, niedere Kreatur des Bösen!“, feixte Alastair hysterisch. „Das geschieht, wenn man Gott und seine Diener verspottet!“

      Der hat sie doch nicht mehr alle, dachte Anya. Aber ohne Monster sah es schlecht für sie aus. Zwar war die blöde Axt nun fort, doch ein direkter Angriff würde genügen, um sie außer Gefecht zu setzen. Und dieser durfte nicht durch Disigma erfolgen, nicht in seiner jetzigen Form!
      „Wie ich sehe kann dieses hässliche Mistvieh doch was! Aber ehrlich gesagt ist es einfach nur schwach! [Vylon Ultima] hatte wenigstens hohe Angriffspunkte, aber dieses Ding? Ne, sorry, ich weigere mich, gegen so etwas zu verlieren! Wart nur ab!“
      „Spottest du immer noch, Dämon? Bist du plötzlich so versessen darauf, vernichtet zu werden?“
      „Na logo, die ganze Zeit schon!“ Sie stimmte nun einen ruhigen, versöhnlichen Tonfall an. Alles so, wie Levrier es wollte. „Im Ernst, ich weiß nicht, wie lange ich noch ich selbst bin. Mach dem ein Ende, okay? Der Dämon hat mich hereingelegt und in einen Vertrag gelockt! Bitte, du musst ihn vernichten!“ Sie flehte jetzt regelrecht. „Mit aller Kraft! Ich bitte dich, zerstöre uns beide! Aber lass zumindest meine Freunde gehen, die sind unschuldig! Der Dämon wollte nur mich!“
      „Was sagst du da?“ Alastair klang skeptisch. „Willst du mich reinlegen, Dämon? Vergiss es!“
      „Bitte! Ich … ich kann ihn nicht mehr lange zurückhalten! Meine letzteren Erinnerung ans Leben sollen die eines Menschen sein! Vernichte mich, schnell!“
      „Bist du … wirklich du selbst?“ Immer noch hörte man seine Zweifel deutlich. „Nein, ich glaube dir nicht!“
      „Du irrst dich! Ich bin ich, Anya Bauer! Aber … aber er wird stärker! Hilf mir! Rette mich … rette mich vor 'Another'!“
      Plötzlich donnerte Alastairs Stimme aufgebracht: „Another? Ist- Ist er dort in dir?“
      „Ja!“
      Alastair atmete tief durch. „… Refiel hat sich geirrt. Er ist in dir … der, der meine Familie ausgelöscht und mich zu dieser grässlichen Gestalt gemacht hat! Ich werde ihn …“
      „Hilf mir! Er spricht zu mir! Er will, dass ich dich töte! Du bist sein geschworener Erzfeind!“
      „Ich werde ihn töten!“, schrie Alastair voller Inbrunst. „Er wird dafür bezahlen, was er uns angetan hat! Mit aller Kraft werde ich dich aus diesem Mädchen treiben und vernichten! Hörst du, Another? Du wirst sterben, nichts soll von dir übrig bleiben! Ich aktiviere meine beiden Ausrüstungsmagien, [Vylon Material]. Sie stärken Disigma um je 600 Angriffspunkte!“

      Vylon Disigma [ATK/2500 → 3700 DEF/2100 {4}]

      Aus den Armen des schwarzen Engels wuchsen zwei weitere Klingen, jedoch in goldener Fassung, aus weißem Metall.
      „Endlich ist der Augenblick gekommen, von dem ich so lange geträumt habe! Another … ich hasse dich! Spüre den ganzen Zorn der Engel und des allmächtigen Herren! [Vylon Disigma], rette dieses Mädchen und vernichte den Teufel in ihr! Sacred Black Obliteration!“
      Das war es, dachte Anya erschrocken, als das unheimliche Wesen die Hände aufeinanderlegte und dann einen schwarzen Energiespeer aus der Fläche seiner linken zog.
      Wie in Zeitlupe beobachtete das Mädchen, wie Disigma den Speer anhob und auf sie warf. In ihren blauen Augen spiegelte er sich, wie er immer näher kam. Dann folgte eine düstere Explosion, die Anyas gesamte Spielfeldseite erschütterte.

      Aus genau dieser Explosion schoss wenige Augenblicke später ebenjener schwarze Pfeil, durchdrang erst Disigma und dann Ultima, ehe er hinter ihnen eine noch gewaltigere Explosion auslöste. Alastair schrie vor Schmerz auf.
      Die Rauchwolke um Anya verging, welche unversehrt da stand und eine Fallenkarte zwischen ihren Fingern hielt. „Trottel! Jeder Idiot hätte dieses Schmierentheater durchschaut. Blöd wie du warst, bist du genau in meine Falle gelaufen: [Dimension Wall]. Damit konnte ich deinen Angriff auf dich zurückwerfen. Und hättest du [Vylon Disigma] nicht vorher noch gestärkt und dazu Pearl aus dem Weg geräumt, hätte die Falle mich niemals retten können. Ich würde sagen: ausgelacht, Kumpel!“

      [Anya: 300LP / Alastair: 3400LP → 0LP]


      Die Trugbilder der Monster verschwanden. Doch während Ultima einfach nur weg war, löste Disigma sich in schwarzen Partikeln auf. Anya schenkte dem aber keine Beachtung. Sie nahm ihre Karten von der schwebenden Marmorplatte, die einen Moment später krachend auf den Boden fiel und dort zerschellte.

      Die Kraft, die darin steckte, ist aufgebraucht. Anscheinend besteht zwischen diesen Apparaturen und Alastair eine Verbindung. Ich lag also richtig. Er war es, den ich an dem Tag gesehen habe, als ich dich zur Leiche dieses Jungen geführt habe.

      Anya runzelte die Stirn. Sie hatte jetzt keinen Nerv für Levriers Gelaber. Noch immer brannte das schwarze Feuer um sie herum.
      Langsam durchschritt sie den Zirkel und hielt auf die Bühne zu. Dort lag Alastair am Boden, sein roter Ledermantel war an einigen Stellen zerfetzt und generell schien der Dämonenjäger nicht gerade in bester Verfassung zu sein. Anders als Abby und Nick, die noch immer bewusstlos an den Kreuzen hingen. Sie hatten alles scheinbar unbeschadet überstanden, abgesehen von Nicks Stichwunde am Oberschenkel.
      „Du verachtenswerte Kreatur“, presste er hustend hervor, als Anya vor ihm stand.
      Mit voller Wucht rammte sie ihm ihren Schuh in den Nacken. „Sagt genau der Richtige, du miese Made.“ Sie drückte fester zu, sodass er aufschrie. Dabei huschte ein bösartiges Grinsen über ihre Züge. „Und jetzt werden wir beide ganz viel Spaß haben. Es gibt da noch ein paar Dinge, die wir 'ausdiskutieren' müssen, Freundchen.“
      „Bedaure“, krächzte er. „Du hast Glück, dass ich nach einem Exorzismus, ob nun gelungen oder nicht, nicht mehr genug Kraft habe, um weiterzukämpfen. Aber ich schwöre dir, wir sehen uns wieder und dann wirst du teuer für das bezahlen, was du heute gesagt hast, Schlangenzunge.“
      Unter seiner Handfläche schob er eine weiße Karte hervor, auf der nur ein sechskantiger, goldener Stern abgebildet war. Von diesem ging ein greller Lichtblitz aus, welcher Anya dazu brachte, sich abzuwenden. Und ehe sie sich versah, fiel ihr Fuß ins Leere.
      Alastair war verschwunden.

      Er hat eine Teleportationstechnik angewandt. Mir scheint, als würde er seine Kräfte in Karten einschließen, die er je nach Bedarf abrufen kann. Vermutlich, weil er sie sonst nicht kontrollieren könnte.

      „Das ist mir so was von Schnuppe! Wo ist der Kerl? Den-“
      Abbys und Nicks Körper fielen dumpf polternd auf den Boden. Die Kreuze, die sie die ganze Zeit über festgehalten hatten, waren verschwunden. Und der Himmel, welchen man von dem riesigen, klaffenden Loch in der Decke sehen konnte, war wieder blau.

      Sein Bannkreis hat sich aufgelöst. Aber wie es aussieht, sind alle äußeren Schäden, die innerhalb seines Gebietes zugefügt worden sind, nicht verschwunden. Wie ungewöhnlich, sind sie doch dazu gedacht, genau dies zu verhindern …

      Anya hingegen interessierte sich nicht im Geringsten dafür, dass die halbe Aula in Trümmern lag. Sie kniete vor Abby und schüttelte sie unsanft. „Aufwachen, Masters! Penn hier nicht 'rum!“
      Blinzelnd öffnete das Hippiemädchen die Augen. Ihre getönte Brille war verrutscht, sodass man in schöne, graue Augen sehen konnte. „Anya?“
      „Na wer denn sonst? George W. Bush vielleicht?“ Immerhin verwechselte Abby sie nicht mit Xena.
      „Wo bin ich?“ Langsam rappelte sich die Brünette auf. „In der Aula? Oh, ohhhh! Was ist hier geschehen!? Das ist ja ein richtiges Schlachtfeld!“
      „Lange Geschichte! Beknackter Dämonenjäger will mich umbringen, Geisterwesen hilft mir, Dämonenjäger scheitert und haut ab.“
      „Dä- Dämonenjäger?“
      Anya hielt sich vor Schreck die Hand vor den Mund. Was zur Hölle erzählte sie da überhaupt? Sie konnte Abby doch nichts von allem erzählen! Die würde sie glatt für verrückt halten … auch wenn es nur ein Traum war. Aber es ging ums Prinzip!
      „Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Anya?“
      „Ich … auch nicht. Mein Fehler.“
      „Erinnern tu ich mich nur noch daran, dass Nick weg war, als ich zurück zur Krankenstation gegangen bin. Und dann war da dieser Mann mit schwarzem Haar, der wollte mir suchen helfen. Danach … war ich hier.“
      Anya klatschte sich die Hand gegen die Stirn. „Man Masters, bist du blöd? Jedes Kind weiß, dass man nicht mit vernarbten Fusselbirnen mitgeht!“
      „Aber er hatte doch gar keine Narben?“
      „Dann putze mal deine Brille! Der sah aus wie durchgekaut, ausgespuckt und liegen gelassen! … ist ja auch egal. Was ist mit dem hier?“ Sie deutete auf Nick, der bewusstlos neben ihnen lag.
      „Er blutet ja!“
      „Das war Alastair. Hat ihm ein Messer in den Oberschenkel gerammt.“
      Ungläubig runzelte Abby die Stirn. Dann sagte sie in aller Strenge: „Anya Bauer, du wirst mir jetzt genau erklären, was hier überhaupt los ist! Und wehe, du redest dich raus! Was ist mit dieser Dämonenjägergeschichte!?“
      Anya schluckte. DAS würde übel für sie ausgehen …

      ~-~-~


      „Oooooooooh, icccccccch wusste es! Ich wusste, dass hier irgendwas faul ist. Die ganzen Vorfälle, dass Nick krank ist … Das ist das Werk von Dämonen!“
      „Uh-huh“, gab Anya mechanisch von sich.
      Sie beide saßen am Esstisch der Familie Bauer. Anya hatte Abby nach und nach alles erzählt, nachdem diese sie aufs Schärfste genötigt und damit gedroht hatte, sie nie wieder die Hausaufgaben abschreiben zu lassen.
      „Und wie sieht dein Retter wirklich aus? Levrier?“ Dieser schwärmende Unterton missfiel Anya aufs Äußerste.
      „Keine Ahnung“, brummte sie. Konnte sie dann bitte auch mal aufwachen? Das war einfach zu demütigend. „Nenn ihn nicht Retter, klar? Er hat ein paar gute Tipps gegeben, mehr nicht. Ich hätte mich da auch so irgendwie herausgewunden!“
      „Für mich klang das eher so, als ob du keine Ahnung hattest, was du da überhaupt getan hast“, erwiderte Abby spitz. „Aber … danke. Der hätte uns wirklich umgebracht, wenn du nicht gewesen wärst. Allein der Gedanke, dass sich jemand wie der in Livington herumtreibt … beängstigend … Wir sollten alles der Polizei schildern, allein wegen dem Mord an Jonathan.“
      „Ja ja ja, mach was du willst. War sowieso ein Kinderspiel … Schade, dass er entkommen ist! Dem-“
      Abby hielt ihr die flache Hand vors Gesicht. „Stopp! Du hast mir schon lang und breit erklärt, was du alles mit ihm gemacht hättest! Aber diese Karte …“ Sie deutete auf [Gem-Knight Pearl], welcher vor ihnen auf dem Tisch lag. „Bist du wirklich sicher, dass du die vorher nicht gehabt hast?“
      Anya schüttelte vehement den Kopf. „Es gibt keinen [Gem-Knight Pearl], Masters! Das hätte ich gewusst!“
      „Also ist das der Beweis, dass alles was Levrier gesagt hat stimmt. Unheimlich …“
      „Ach so'n Quatsch! Bestimmt hat sich da nur jemand 'nen Scherz mit mir erlaubt.“
      Wütend haute Abby auf den Tisch. „Sei doch nicht immer so ignorant, Anya! Hier gehen Dinge vor sich, die unseren Verstand überschreiten! Das muss doch selbst dir aufgefallen sein!“
      Doch die Blondine zuckte nur desinteressiert mit den Schultern. „Wenn du meinst …“
      „Ich finde, wir sollten versuchen, mehr über das alles herauszufinden.“
      „Ohne mich!“, polterte Anya.
      Abby erwiderte genauso hitzig: „Wieso denn nicht?“
      „Alter, Masters, wir wären beinahe krepiert. Und sterben ist scheiße, ich bin doch nicht lebensmüde! Am Ende haben wir es mit noch mehr Bekloppten zu tun!“
      „Dass kann genauso gut passieren, wenn wir nichts tun. Du hast doch selbst gesagt, dass dieser Alastair hinter dir her war! Und was, wenn er wiederkommt? Ich wäre an deiner Stelle gerne vorbereitet!“
      Anya knirschte mit den Zähnen. Wie sie es hasste, wenn die beiden zu diskutieren anfingen. Immer zog sie dabei den Kürzeren. „Nein, Schluss, Aus!“
      „Warum!?“
      „Weil ich das so sage, deshalb! Wenn du Nachforschungen anstellen willst, von mir aus! Aber ich halte mich da schön raus!“
      Abby sprang auf. „Also manchmal bist du so … so … so! Schönen Tag noch, Anya!“
      Wie ein Sommergewitter zog das sonst so ruhige Mädchen durch die Küche und schlug schließlich die Haustür hinter sich zu. Anya starrte ihr mindestens genauso wütend hinterher.

      Deine sozialen Fähigkeiten lassen zu wünschen übrig. Das Mädchen hat wahre Worte gesprochen und du verschließt dich vor ihnen.

      „Ach halt doch den Mund, du … Geisterspacko!“
      Anya stampfte durch die Küche zum Flur, nahm die Treppe und schloss sich anschließend in ihrem Zimmer ein. Frustriert von all den Vorkommnissen warf sie sich aufs Bett und wartete darauf, endlich aus diesem Albtraum zu erwachen. Und wartete … und wartete …


      Turn 05 – Lessons
      Anya, Abby und Nick, welcher wieder völlig genesen ist, besuchen zusammen die Stadtbibliothek Livingtons. Doch ihre Nachforschungen bezüglich „Eden“ und Levrier bleiben ergebnislos. Als die Drei die Bibliothek verlassen, stellt sich ihnen ein junger Mann namens Henry in den Weg. Er provoziert die ohnehin schlecht gelaunte Anya so sehr, dass sie sich schließlich mit ihm duelliert. Umso hämischer geht sie mit ihm um, als er Karten einsetzt, die von der Allgemeinheit für gewöhnlich verspottet werden. Doch sie soll sich schnell irren, als er bereits in seinem zweiten Zug zwei mächtige Xyz-Monster beschwört …



      Verwendete Karten:

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Crystal
      Gem-Knight Garnet
      Gem-Knight Tourmaline
      Gem-Knight Emerald
      Gem-Merchant
      Morphing Jar

      Gem-Knight Fusion
      Monster Reborn
      Megamorph
      Swords of Revealing Light
      Pot of Avarice
      Axe of Fools

      Inverse Universe
      Dimension Wall

      Gem-Knight Pearl
      Gem-Knight Ruby

      Alastair

      Vylon Cube
      Vylon Soldier
      Vylon Charger
      Vylon Prism

      Vylon Material x3
      Vylon Component
      Vylon Filament
      Vylon Element
      Mystical Space Typhoon

      Mirror Force

      Vylon Disigma

      Vylon Ultima
      Maschine/Licht/Synchro
      ATK/3900 DEF/3500 (10)
      "1 Empfänger" + "1 oder mehrere Nicht-Empfänger LICHT Synchro Monster"
      Wenn diese Karte mit einer Ausrüstungszauberkarte ausgerüstet wird: wähle Tribut-, Spezial-, Ritual-, Fusions-, Synchro- oder Xyz-Beschwörung; die gewählte Beschwörungsart kann von keinem Spieler verwendet werden, solange diese Karte mit der Ausrüstungszauberkarte ausgerüstet ist. Während diese Karte zerstört wird: zerstöre stattdessen alle Ausrüstungszauberkarten, mit denen diese Karte ausgerüstet ist.
      @ Deckcreator16
      Du kannst es vielleicht nicht wissen, doch ich kenne die Geschichte auch bereits komplett, und als -Aska-s Beta-Leser behaupte ich sogar noch mehr als das Bekannte und da kommt noch so Einiges kann ich schon jetzt versprechen. So aber kann ich die Gelegenheit gut nutzen als Einstieg für die kommende Fortsetzung noch einmal die Urgeschichte 'aufzufrischen'. Also keine Panik, ich weiß auch genau, wie was zusammenhängt.

      @Folge
      Auch wenn das Duell in der Folge weiterhin relativ einseitig dominiert war, war es spannend ausgedacht und geschrieben. Gerade die Mindgames haben mir gefallen und haben dem Ganzen den besonderen Reiz verliehen.
      Aber es zeigt sich schon in dieser Folge, dass Anya und Levrier ein gutes Gespann sind, und Levriers Einbringen von Taktik in das Team macht ihn irgendwie sympathisch. (Ich wär ja fast versucht zu sagen, auf der einen Seite Brain und auf der andere Seite Brawl - aber das tut einer Seite doch ein klein wenig Unrecht *hust* xD). Aber auf jeden Fall werden die Zwiegespräche zwischen den beiden nicht anfangen, langweilig zu werden. ^^

      PS:
      @all
      Ich denke, ich lüge nicht, wenn ich sage, für einen Autor gibt es nichts Schöneres, als Feedback zu seiner Geschichte bekommen. Und genauso glaube ich auch, dass man nichts 'Falsches' sagen kann, wenn man seine Meinung, Lob/Kritik oder Ideen für Verbesserungen kundtut. Also hab bitte keine Scheu, es beißt euch keiner den Kopf ab (außer Anya vielleicht ;) ).
      Wenn ihr das nicht wollt, könntet ihr euch alternativ auch für die Folgen 'bedanken'. So würde -Aska- zumindest sehen, dass es hier Leute gibt, die mitlesen. Und es motiviert natürlich ungemein, wenn viele Leute an der Geschichte interesiert sind. Ich mein, die Aufrufe des Threads sprechen ja dafür, dass hier viel mehr reinschauen, oder ;)
      Auf der Suche nach den neusten Infos oder Bildern zu Yu-Gi-Oh!-Karten aus Japan? =>> Spoiler-Forum


      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      So, dann danke ich an dieser Stelle erstmal allen stillen Mitlesern. :)
      Und natürlich auch dem, der was sagt. ^^ Und was er zum Schluss sagt, kann ich so nur unterschreiben. :)

      PS: Ich wünsch euch allen einen guten Rutsch ins Jahr 2014. :)

      @Evil Bakura
      Das Schlimme ist ja, selbst mit Levrier sind Anyas Mindgames ziemlich durchschaubar, einfach weil sie es nicht drauf hat. Da hat sie Glück, an so einen Fanatiker wie Al geraten zu sein, denn andere hätten das sicher durchschaut.
      Mit Levrier kommt praktisch die Option ins Spiel, Duelle zu gewinnen, sags doch einfach wie's is. xD Naja, fast, Anya ist immer noch besser als Yuma in diesem Stadium der Geschichte.


      Turn 05 – Lessons



      „Junge Dame, du wirst mir das jetzt auf der Stelle erklären“, verlangte Sheryl aufgebracht und hielt den Arm ihrer Tochter fest. „Was ist das?“
      „Ein Tattoo, sieht man doch“, brummte Anya und überlegte schon, ihre Mutter aus ihrem Zimmer zu werfen. Was wohl aber nicht die beste Idee war, wenn man deren Gemütszustand recht betrachtete.
      „Und woher hast du diese Schmiererei?“
      „Na aus'm Tattoo-Studio, woher sonst?“ Anya konnte ja schlecht behaupten, dass sie das Mal trug, weil sie mit einem unbekannten Wesen einen Pakt geschlossen hatte. Am Ende würde ihre Mutter sie noch in Victim's Sanctuary einliefern lassen.

      Sheryl ließ den Arm des Mädchens los und betrachtete das schwarze Kreuz, durch welches ein dorniger Kreis ging. Von derartiger Körperkultur hielt sie ohnehin wenig, aber eine solche Geschmacksverirrung hätte sie selbst Anya nicht zugetraut.
      „Du wirst das entfernen lassen“, forderte Sheryl streng.
      „Und wer soll das bezahlen? Das ist teuer, Mum.“
      „Dein Vater und ich! Und du wirst uns jeden Cent zurückzahlen, sobald du kannst. Haben wir uns verstanden?“
      Doch ihre Tochter schüttelte abweisend den Kopf. „Nein Mum. Ich behalte das Teil. Is' cool.“
      Fassungslos fasste sich Sheryl an die Stirn. Was hatte Anya sich bloß dabei gedacht? Hätte sie nicht wenigstens vorher Bescheid sagen können? Zwar war sie alt genug, selbst solche Entscheidungen zu treffen, aber dennoch! Es sah furchtbar aus!
      „Das Tattoo muss weg! Wenn dein späterer Arbeitgeber das sieht, schmeißt er dich achtkantig raus!“, beharrte sie auf ihrer Meinung.
      Anya verzog trotzig das Gesicht und rutschte auf ihrer Couch hin und her. „Dann suche ich mir 'nen Arbeitgeber, dem das nichts ausmacht!“
      Es war aussichtslos. Ihre Tochter würde ohnehin nicht nachgeben, dachte Sheryl sich frustriert. Sie selbst musste erst einmal darüber nachdenken, wie man das Kind dazu bringen konnte, ein wenig Einsicht zu zeigen. Was bei jemandem wie Anya ein Kampf gegen Windmühlen war.
      „Wir reden später darüber. Ich muss gleich los. Was hast du vor, während ich weg bin? Doch sicherlich nicht noch so eine Dummheit, oder?“
      „Mum, es ist Wochenende. Was soll ich denn groß anstellen?“
      Sheryl verzog verbittert den Mund. „Ich bin gespannt, was dein Vater dazu sagen wird. Und die Sache mit der Schulaula ist auch noch nicht vom Tisch.“
      „Ich hab doch schon gesagt, dass wir das nicht waren!“, begehrte Anya auf und sah sie vorwurfsvoll an. In ihren Augen konnte Sheryl erkennen, dass das Mädchen dieses Mal die Wahrheit sprach, aber es konnte nicht schaden, sie noch ein wenig im Dunklen tappen zu lassen.
      Was das anging, hatte sie mit ihrer Vermutung von vor einigen Tagen tatsächlich recht behalten. Sie hatte einen Anruf von der Schule bekommen, nachdem Anya die letzten beiden Unterrichtsstunden ebenjener geschwänzt hatte. Schlimmer noch, sie hatte die arme Abby noch dazu animiert mitzumachen. Der richtige Schrecken kam aber erst, als der Direktor ihr erzählte, dass Anya, Abby und Nick gesehen wurden, wie sie die in Trümmern liegende Schulaula unbekümmert verlassen hatten. Ganz zu schweigen davon, dass Nick zu diesem Zeitpunkt ziemlich krank und dazu noch verletzt war.
      Zwar ging niemand – zumindest offiziell – davon aus, dass Anya etwas Derartiges wagen würde, denn das war selbst für ihre Verhältnisse zu extrem, aber von irgendwoher musste der Schaden schließlich stammen. Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass Anyas Fehler sie teuer zu stehen kamen.
      „Was die finanziellen Schäden der Schule angeht, müssen wir weitersehen. Ich hoffe für dich, dass du die Wahrheit sagst, junge Dame. Und sei in Zukunft vorsichtig, du kannst dir keine Fehler mehr erlauben!“, mahnte sie ihre Tochter eindringlich, die nur trotzig das Gesicht verzog.
      Schließlich umarmten die beiden einander, ehe Sheryl sich verabschiedete. „Versprich mir, dass du in Zukunft vernünftiger handelst, okay?“
      Anya gab ein Brummen von sich, das Zustimmung ausdrücken sollte. Schließlich verließ ihre Mutter das Zimmer.

      Und kaum war jene aus dem Haus, sprang Anya von der Couch in der Ecke ihres Zimmers auf und nahm das weiße Schnurlostelefon von ihrer Bettdecke gegenüber.
      Immer das Gleiche, dachte sie dabei. Wenn etwas passierte, war automatisch sie daran schuld! Und wie stellte sich ihre Mutter die Sache mit dem Mal vor? Gerne würde Anya es entfernen lassen, aber das war in dem Fall nicht drin. Nicht, seit sie mit Sicherheit wusste, dass das Ganze KEIN Traum war!
      Die gute Nachricht dabei war, dass sie doch noch alle Tassen im Schrank hatte. Die schlechte hingegen, dass sie trotzdem so gut wie verloren war …

      Die Blondine wählte Abbys Nummer und wartete, bis diese abhob.
      „Bei Masters. Abby am Apparat“, noch gelangweilter konnte ihre Freundin nicht klingen.
      „Ich“, brummte Anya, um auszudrücken, wer da am anderen Ende der Leitung war. „Ist Nick schon da?“
      „Ja. Er spielt gerade mit Michael. Und … sie verstehen sich prima. Intellektuell meine ich.“
      Anya stöhnte. Michael war der erst acht Jahre alte Stiefbruder Abbys und in der Regel ziemlich anstrengend. Aber gut für Nick, so hatte er jetzt genau einen Freund mehr als sie selbst. Was, wenn sie es recht betrachtete, nicht geduldet werden konnte. Niemand war einer Anya Bauer in etwas voraus, es sei denn, sie wollte es so!
      „Treffen wir uns dann gleich?“
      „Ja. Ich habe vorab schon ein bisschen im Internet geschaut und mir ein paar Titel notiert. Vielleicht steht in den Büchern irgendetwas Brauchbares drin. Wenn die Bibliothek sie hat, heißt es.“ Abby klang dabei nicht sehr optimistisch. Was vor allem daran lag, dass die Stadtbibliothek von Livington ziemlich klein war. Zumindest behauptete Abby das immer.
      „'kay. Dann bis nachher.“
      „Bye.“
      Anya drückte ihre rote Lieblingstaste und starrte das Telefon an. Warum hatte sie sich nochmal dazu breitschlagen lassen, bei der Suche nach Informationen rund um Levrier und Eden mitzumachen? Ach ja … weil sie sterben würde, wenn sie nicht bald einen Weg fanden, den Pakt aufzuheben!

      Verwirrt blickte Anya sich um. Wieder befand sie sich in der tiefen Finsternis, stand dabei auf dem großen Mosaik der Erde, welches sich langsam drehte.
      Levrier verharrte, wie schon bei den Treffen zuvor, in Anyas Gestalt vor dieser und sah sie mit tiefer Besorgnis in den blauen Augen an.
      „Was willst du?“, zischte Anya.
      „Wir müssen reden. Es geht um unseren Pakt.“
      Die Blondine zuckte mit den Schultern. „Und was soll damit sein?“
      „Es gibt ein paar Dinge, die du wissen solltest. Allen voran: wir haben nicht viel Zeit.“
      Verwundert zog Anya das Kinn an. „Soll heißen?“
      „Die Ankunft Edens ist für den 11. November diesen Jahres vorgesehen. Wenn wir bis zu diesem Tag keinen Weg gefunden haben, Eden zu werden, ist unsere Chance für sehr lange Zeit verstrichen.“
      „11. November? Das ist ja schon in zwei Monaten!“, erwiderte Anya aufgebracht. „Und verstehe ich das richtig? Du weißt gar nicht, wie man Eden 'wird'? Hattest du nicht sogar mal behauptet, du wüsstest nicht einmal, was Eden überhaupt ist?“
      Levrier wich ihrem Blick aus. „Das ist korrekt. Ich kenne meine Bestimmung, doch nicht, wie ich sie erfüllen kann oder warum ich das muss. Aber ich weiß, dass wenn wir bis zu besagtem Tag keine Lösung gefunden haben, die Konsequenzen schrecklich sein werden. Zumindest für dich.“
      Anya verschränkte die Arme und mahlte vor Wut regelrecht mit den Kiefern. Herausfordernd erwiderte sie: „Alter, was soll das heißen?“
      „Du wirst an diesem Tag den Tod finden, wenn wir nicht zu Eden werden. Ich hingegen werde weiterexistieren und mir ein neues Gefäß suchen müssen.“
      „Und das sagst du mir erst jetzt!?“ Anya wollte auf Levrier zu stürmen und ihn packen, doch fiel in ihrem Lauf einfach durch ihn hindurch. Stolpernd kam sie hinter ihm zum Stehen.
      „Du hast nicht nach den Bedingungen unseres Pakts gefragt, als du ihn abgeschlossen hast“, reagierte Levrier gleichgültig und drehte sich zu ihr um.
      Anya schnaubte regelrecht vor Wut. „Und woher willst du überhaupt wissen, ob ich krepieren werde?“
      „Weil ich in der Vergangenheit schon einmal versagt habe. Sei dir im Klaren darüber, dass ich ein uraltes Wesen bin, dass bereits seit mehreren hundert Jahren auf diesem Planeten wandelt. Wir dürfen dieses Mal nicht versagen, denn ich bezweifele, dass die Erde noch existieren wird, wenn die nächste Gelegenheit für Edens Ankunft herangerückt ist. Und Edens Ankunft ist an diesen Planeten gebunden.“
      „Was ist überhaupt so toll an Eden?“, brauste Anya auf. „Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du etwas werden willst, von dem du gar nicht weißt, was es überhaupt sein soll!“
      Levrier schloss die Augen. „Es fühlt sich an, als gab es eine Zeit, in der ich wusste, warum ich Eden werden muss. Aber sie scheint so fern, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie je existiert hat. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals ein anderes Ziel gehabt zu haben, als Eden zu werden. Und deswegen werde ich diese Chance nutzen!“
      Die illusionäre Anya sah das Original entschlossen an. Dieses jedoch kratzte sich am Kopf und schüttelte ebendiesen. „Kumpel, ich hab keine Peilung, ob ich dir da helfen kann. Abzunippeln klingt scheiße, aber dass ich mit dir zusammen zu irgendsonem Ding werden soll, hört sich auch nicht gerade besser an.“
      „Das hättest du wissen müssen, als du den Pakt mit mir eingegangen bist. Nun ist es zu spät, denn wer einmal mit mir einen Pakt schließt und sich bereiterklärt, mein Gefäß zu werden, kann nie wieder zurück. Solche Verträge sind nicht so leicht aufzulösen und hätten in einem solchen Fall schwere Konsequenzen für beide Parteien.“
      Anya stöhnte. „Alter, mir platzt gleich der Schädel! Heißt das, ich bin verloren?“
      „Wenn du es so ausdrücken möchtest? Ja. Gewissermaßen. Aber wer weiß, vielleicht stellt es sich heraus, dass Eden zu werden auch für dich von Vorteil ist?“
      „Wohl kaum …“
      Plötzlich schwiegen die beiden sich an. Jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt.

      Schließlich sagte Levrier: „Ich muss mich noch bei dir entschuldigen, Anya Bauer.“
      Das Mädchen sah auf. „Häh? Wofür denn? Dass du mich um die Ecke bringen willst mit deiner irren Paktkacke?“
      „Dafür auch. Doch ebenso für meine Täuschungen.“
      „Wovon redest du?“
      „Ich habe behauptet, verantwortlich für die Gewaltausbrüche deiner Teammitglieder zu sein. Doch in der Tat weiß ich nicht, ob wirklich mein Einwirken dafür verantwortlich gewesen ist. Ich habe meine Präsenz auf deine Kameraden wirken lassen, doch sie haben nicht getan, was ich ursprünglich beabsichtigt hatte.“
      Anya verzog angewidert das Gesicht. „Ich will gar nicht wissen, WAS du beabsichtigt hast!“
      „Es ist in der Tat ein seltsames Phänomen gewesen, welches mir noch nie begegnet ist. Allerdings ist das auch nicht weiter von Belang, denn da ich keine andere übernatürliche Präsenz bemerkt habe, ist das Wirken fremder Mächte auszuschließen. Und da wäre noch etwas.“
      „Jetzt kommt's …“
      Levrier schüttelte den Kopf. „Ich habe dich getäuscht. Unser Duell … es war meine Absicht gewesen, zu verlieren. Nur so konnte ich mich in dir verankern, denn hättest du verloren, wäre unsere Verbindung zueinander abgerissen, weil meine Kraft sie ausgelöscht hätte.“ Tonlos fügte er hinzu: „Ich entschuldige mich dafür.“
      Anya biss sich auf die Lippen und ballte eine Faust. Dann schrie sie: „Du bist doch vollkommen kacke im Hirn, kann das sein? Was bildest ...“


      Anya runzelte die Stirn. Dieser Drecksack hatte sie von Anfang an nach Strich und Faden verarscht. Und das Schlimmste dabei war noch, dass er nicht ein einziges Mal wirklich gelogen hatte. Stattdessen hatte er sie wie eine Marionette das tun lassen, was er wollte. Wie sie es hasste, wenn man sie manipulierte! Und jetzt waren ihre Tage im wahrsten Sinne des Wortes gezählt! Wenn Levrier jemals eine greifbare Form haben würde, dann, so schwor sich Anya, würde sie diese zu Brei verarbeiten. Pakt hin oder her!
      Sie stöhnte genervt und entschloss sich, dass es an der Zeit war, die Bibliothek aufzusuchen.

      ~-~-~


      Ihre Freunde warteten bereits vor dem Eingang auf sie. Die Bibliothek von Livington befand sich an einer Ecke der Hauptstraße, mitten an der großen Kreuzung. Wüsste man nicht genau, wovor man steht, würde man sie vermutlich gar nicht als Bibliothek erkennen. Das orange gestrichene Gebäude hatte lediglich ein kleines Schild über der massiven Holztür hängen, auf dem in abgeblätterten schwarzen Lettern „Library“ stand. Ein Indiz, wie wichtig der Stadtleitung das zunehmend verfallende Gebäude war.

      „Anya, hier bin ich!“, strahlte Nick und winkte. Dabei stand das Mädchen bereits direkt vor den beiden. Mittlerweile hatte er sich von der mysteriösen Lebensmittelvergiftung sowie der Stichwunde an seinem Bein weitestgehend erholt und war wieder bei bester Gesundheit – körperlich zumindest.
      „Ich seh's“, kommentierte Anya die Idiotie ihres Freundes trocken.
      „Gehen wir rein?“, fragte Abby voller Vorfreude. „Ich kann's kaum erwarten, etwas über Eden herauszufinden!“
      „Und ich erst“, erwiderte Anya sarkastisch.
      Dazu musste man wissen, dass sie ihren Freunden nicht alles über die Konsequenzen ihres Paktes mit Levrier erzählt. Sie wussten, dass Anya bis zum 11. November dieses Jahres zu Eden werden musste, aber nicht, was geschah, wenn sie dabei scheiterte. Sie wollte kein Mitleid von den beiden, denn sie hasste Mitleid wie die Pest. In neun von zehn Fällen war es sowieso nur geheuchelt. Außerdem war alles halb so wild, ihr würde beizeiten schon etwas einfallen.
      „Ich habe, bevor ich losgegangen bin, hier angerufen gehabt und gefragt, ob sie die Bücher haben, die ich mir vermerkt hatte.“ Abby war jetzt so gut gelaunt, dass Anya glaubte, von ihrem Lächeln Karies zu bekommen.
      „Haben die hier auch Comics?“, fragte Nick begeistert.
      Abby verdrehte die Augen, Anya stöhnte genervt. Letztere fragte: „Und?“
      „Die meisten Bücher haben sie nicht. Aber eines mit dem Titel 'Thirty Legends – The Whole Truth'.“
      „Das soll wohl'n Scherz sein, oder?“ Anya wusste nicht, ob Abby jetzt genauso durchgeknallt war wie Nick, oder es tatsächlich ernst meinte. Es sah jedoch ganz nach Letzterem aus.
      „Ich weiß, der Titel ist bescheuert, aber-“
      Anya schüttelte verärgert den Kopf. „Abby, der Titel ist nicht nur bescheuert, der ist absolut durchgeknallt! Das hört sich an, als hätte das irgend'n Übernerd mit Hirnabstinenz geschrieben!“
      Die Widersprüchlichkeit ihrer Aussage bemerkte das Mädchen dabei natürlich nicht.
      „Hey, in den Auszügen, die ich einsehen konnte, schien mir der Autor sehr kompetent zu sein!“
      „Und wie heißt er?“, fragte Anya bissig. „H.P. Craftlove?“
      Abby zog einen Schmollmund. „Lovecraft, er heißt Lovecraft, Anya! Und nein. Aber sieh es dir doch erstmal an, bevor du darüber urteilst!“
      „Das kann ja heiter werden“, stöhnte die Blondine. Ihre Laune war bereits so tief im Keller, dass sie die Totenruhe störte.
      Sollte ihr Schicksal am Ende in den Händen von irgendwelchen Spinnern liegen, die so taten, als wären sie allwissend? Nein danke, ging es ihr da durch den Kopf.
      „Und was ist jetzt mit den Comics?“, quengelte Nick.

      Den hoch gewachsenen Quälgeist ignorierend, betrat Abby, gefolgt von Anya und Nick, die Bibliothek. Gleich rechts von der Tür stand ein alter Holztresen, auf dem ein PC Marke Asbach Uralt stand. Hinter ihm schlief auf einem antik anmutenden Schaukelstuhl eine ältere Frau, deren braunes, zu einem Dutt geschnürtes Haar schon an manchen Stellen ergraute.
      Abby räusperte sich vorsichtig, doch die Dame reagierte nicht.
      Also klopfte Anya mit der flachen Hand auf den Tresen. „Aufwachen, Kundschaft!“
      Augenblicklich schreckte das alte Fossil auf, was Anya diebisches Vergnügen bereitete. Die Frau schenkte der Gruppe aus dicken Brillengläsern einen finsteren Blick. Dann erhellte sich ihre Miene plötzlich. „Abby! Ich hab schon auf dich gewartet!“
      „Hallo, Mrs. Wilson! Haben Sie es gefunden?“
      „Oh? Ja, natürlich.“ Sie holte etwas unter dem Tresen hervor und drückte es Abby in Hände. Es war ein alter Wälzer mit braunem Ledereinband.
      „So wie das Teil aussieht, wurde es bestimmt seit hundert Jahren nicht mehr angerührt“, sagte Anya abfällig. Im Gedanken fügte sie hinzu: so, wie seit hundert Jahren außer Abby keiner mehr diese beschissene Bibliothek besucht hat.
      Wieder erntete sie dafür einen bösen Blick von Mrs. Wilson und reagierte darauf mit dem Stinkefinger, was der Frau einen entrüsteten Seufzer entlockte.

      Schließlich begaben die Drei sich nach einer kurzen Unterhaltung über Mythen und Sagen an einen der Tische zwischen den Regalreihen. Unnötig zu erwähnen, dass Anya und Nick sich nicht an dem Gespräch beteiligt hatten. Letzterer war zu enttäuscht, dass es hier weder Comics noch Mangas gab.
      „Ich geh' mal nach Pornos suchen, vielleicht gibt’s wenigstens die hier“, meinte er frustriert und ließ die beiden Mädchen allein zurück.
      „Wenn er nicht gerade irgendwelche Erotikschinken findet, wird das heute wohl kein sehr angenehmer Tag für ihn werden“, meinte Abby mitleidig und setzte sich in einen der gemütlichen, wenn auch leicht verstaubten Sessel.
      Anya nahm neben ihr Platz. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass er die überhaupt als solche identifizieren würde. Ich meine, das ist Nick! Kann der überhaupt lesen?“
      „Auch wieder wahr“, seufzte Abby.
      „Wenigstens haben wir jetzt erstmal unsere Ruhe.“ Denn wenn sich Anya konzentrieren wollte, was selten genug vorkam, brauchte sie keinen Trottel, der dauernd dazwischen quatschte.
      Abby knipste die alte Bankerleuchte direkt vor ihnen an.
      „Immerhin haben die hier schon Strom“, meinte Anya abfällig, „ich hatte ja fast damit gerechnet, dass die hier noch Öllampen benutzen.“
      „Wenn man noch nie in der Bibliothek war, kann das einen ganz schön überraschen, oder?“ Anya nickte nur und bemerkte den Spott gar nicht, den Abby ihr entgegen warf. „So, dann lass uns mal sehen.“

      Abby legte das Buch zwischen den beiden Mädchen auf den Tisch und öffnete es derart ehrfürchtig, dass Anya die Galle hochkam. Wem machte es denn Spaß, solche alten Schinken zu lesen? Vor dem Fernseher zu sitzen war doch viel bequemer!
      „Hmm, Eden, Eden, Eden …“, murmelte der brünette Pseudohippie vor sich hin und blätterte im Inhaltsverzeichnis. „Ich hab auf der Homepages des Autors einen Auszug gelesen, in dem auch Eden vorkam. Dort wurde sie, anders als sonst, nicht als Paradies Gottes bezeichnet, sondern als heilige Stadt. Bewohnt von mystischen Wesen. Ich dachte, vielleicht finden wir hier auch etwas zu Levrier.“
      Anya sah auf und guckte Abby ungläubig an, die dies erst gar nicht bemerkte, so versunken war sie in dem Schmöker. Als sie schließlich nichtsahnend aufblickte, meinte Anya barsch: „Masters, hast du dir gerade selbst zugehört? Ich meine, eine Stadt? Ich soll zu einer Stadt werden?“
      Verlegen lachte ihre Freundin und rückte die getönte Brille auf ihrer Nase zurecht. „Ja, das klingt etwas weit hergeholt, aber es ist momentan alles, was wir haben. Und nenn' mich nicht immer beim Nachnamen, ich mag das nicht!“
      Anya stellte sich bildlich vor, wie aus ihr Häuser und Türme wuchsen. Und genau deshalb dachte sie so ungern nach, denn immer wenn sie es tat, entstanden unschöne Szenarien in ihrem Kopf.
      „Da haben wir es“, rief Abby schließlich.

      Anya beugte sich über das Kapitel zur 'Verborgenen Stadt der Allerheiligsten – Eden' und musste wiehernd auflachen. „Ich werd' ne Heilige, geil!“
      „Sei leise, man schreit nicht in einer Bibliothek!“
      „Wen juckt's, ist doch außer uns eh niemand hier?“ Anya zog eine Grimasse und verschränkte beleidigt die Arme. Abby konnte man es aber auch nie recht machen.
      „Also, hier steht, dass irgendwo in unserer Welt eine Stadt existiert, die Heimat von Wesen ist, die Allerheiligste genannt werden. Das sind im Grunde … unsterbliche Menschen, so wie ich das sehe. Sie haben irgendwann abseits vom Rest der Zivilisation einen Ort geschaffen, der weder per Land, Luft noch Meer zu erreichen sein soll.“ Nachdenklich sah Abby auf. „Klingt zwar ganz nett, aber die Stadt müsste ja dann schon existieren.“
      „Sag ich doch“, brummte Anya. Und wieso sollte sie zu etwas werden, das es ohnehin schon gab? „Dieses Buch ist scheiße! Woher will der Kerl das überhaupt wissen?“
      „Weil er einst jemanden getroffen hat, der ihm davon berichtete. Wohl ein Verbannter aus Eden. Aber da steht nichts von Dämonen oder Engeln, die Menschen als Wirt benutzen. Auch nichts Weiteres über die Entstehungsgeschichte von Eden.“
      „Ich glaube, das war ein Schuss in den Ofen. Leg den Dreck weg und lass uns gehen, ehe ich noch 'ne Stauballergie bekomme!“
      Abby nickte. Sie musste selbst zugeben, dass der Inhalt dieses Buches fragwürdig war. Dennoch wollte sie es nicht so schnell dabei belassen. Sie blätterte zurück zum Inhaltsverzeichnis.
      „Was suchst du jetzt?“, fragte Anya skeptisch.
      „Dämonen, Engel und Pakte … vielleicht steht da etwas, was man mit Levrier in Verbindung bringen könnte.“

      Warum ist dieses Kind so versessen darauf, mehr über meine Ursprünge zu erfahren?

      Anya hatte schon befürchtet, dass -der- sich irgendwann melden würde.
      „Weil du es uns nicht sagst, du Knallkopf“, zischte sie zwischen ihren Zähnen.
      Sofort schreckte Abby auf. „Spricht er zu dir? Sag ihm hi von mir!“
      „Er kann dich auch so hören …“
      „Oh? Oh! Hi, Levrier!“

      Bedauerlich, dass sie als Gefäß ungeeignet ist. Sie wirkt viel intelligenter und aufgeschlossener als du.

      „Halt den Rand“, fauchte Anya. Als sie den entsetzten Blick ihrer Freundin bemerkte, fügte sie verstimmt hinzu: „Nicht du, er!“
      „O-oh. Klar. Also, wo war ich gerade …“
      „Du warst dabei zuzusehen, wie ich hier elendig verrotte.“
      „Anya, Recherchen erfordern Geduld! Du kannst nicht erwarten, dass dir alles sofort in die Hände fällt! Hier ist es anders, als wenn man einfach ins Internet geht und sich mit Wikipedia-Artikeln zudröhnt!“
      Anya gähnte demonstrativ. Die stickige Luft und das spärliche Licht machten sie irgendwie müde.
      „Wir machen weiter!“, entschied Abby.

      ~-~-~


      „Wachsen Anya jetzt Hörner?“
      „Nein, du Idiot!“ Die Noch-Hornlose verpasste Nick eine deftige Kopfnuss. Verdammt nochmal, sie war weder die Inkarnation eines gefallenen Engels, eine beknackte Wunderstadt noch das verflixte Paradies! Sie war … planlos.
      „Zugegeben“, meinte Abby kleinlaut, als sie zusammen die Bibliothek verließen, „die Mehrzahl unserer Treffer war … ein wenig lächerlich, ja. Aber was wir über Pakte mit Dämonen herausgefunden haben, klingt sehr interessant. Gerade weil die verschiedenen Beschreibungen sich bis auf einige Details decken.“
      Anya blieb am Straßenrand stehen und runzelte die Stirn. „So wie dieser eine Schinken, in dem stand, dass ich meinen erstgeborenen Jungen an den Dämon abtreten muss?“
      „Kann Anya denn überhaupt Kinder kriegen? Ist sie eigentlich ein Mann oder eine Frau?“, fragte Nick, wurde am Kragen gepackt und wäre mitten in den belebten Verkehr geworfen worden, hätte Abby ihn nicht rechtzeitig festgehalten.
      Wobei diese zugeben musste, dass Nick im Prinzip recht hatte, Anya gab sich nicht gerade weiblich. Allein ihre Kleidung, die sämtliche Kurven versteckte und immer irgendwelche Totenköpfe und feindseligen Sprüche enthielt, war genug um so manchen schon bei ihrem bloßen Anblick abzuschrecken.
      „Hast du Todessehnsucht!?“, herrschte Anya Nick wutentbrannt an.

      Da tippte plötzlich jemand auf ihre Schulter. Die Blondine wirbelte um und sah in das Antlitz eines hübschen jungen Mannes, den sie noch nie gesehen hatte.
      „Was willst du denn, Milchbubi?“, fragte sie barsch.
      Der brünette Kerl trug ein schlichtes, babyblaues Poloshirt und Jeans, die eindeutig zu lange getragen waren, denn besonders an ihrem Saum wurden sie deutlich von Schmutz heimgesucht. Dafür hatte sein stoppeliges Gesicht ein freundliches Lächeln, das von kleinen Grübchen in den Wangen verziert wurde. Die eisblauen Pupillen stellten sogar die Schönheit von Anyas Augen in den Schatten.

      Der Fremde reichte ihr einen Zettel. Anya riss ihm diesen nach kurzem Zögern unwirsch aus der Hand. „Was ist das? Ich kaufe nichts von Pennern!“
      „Kennt ihr diese Frau auf dem Bild? Habt ihr sie vielleicht gesehen?“
      Anya sah sich das Bild an, Nick und Abby beugten sich über ihre Schultern. Zu sehen war ein Schwarzweißbild einer Frau Anfang 30. Genau wie der junge Mann hatte sie recht kurzes, vermutlich braunes Haar und lächelte in ihrem grauen Kostüm. Es schien ein Ausschnitt eines Familienbilds zu sein, denn sie saß auf einem Stuhl. Hinter ihr stand ein Mann in schwarzem Anzug, doch seine obere Körperhälfte war aus dem Bild herausgeschnitten worden.
      „Wer ist das?“, fragte Abby neugierig. Sie musterte den Suchenden und wurde einfach nicht das Gefühl los, ihn schon irgendwo einmal gesehen zu haben. Ähnlich erging es auch Anya. Sie jedoch vermutete allerdings, dass sie diesem Kerl bestimmt schon mal eins übergezogen hatte. Leute wie der nervten sie tierisch.
      „Meine Schwester“, antwortete er. „Ich bin Henry. Habt ihr sie gesehen? Sie muss irgendwo hier in der Stadt sein.“
      „Geh zu den Bullen und lass uns mit dem Scheiß zufrieden“, sagte Anya abfällig, drückte ihm den Wisch zurück in die Hände und wandte sich schon zum Gehen um. Doch da wurde ihr Arm plötzlich gepackt.
      „Aber-“ Mit einem Ruck drehte sie Henry den eigenen Arm auf den Rücken und rang ihn mühelos zu Boden. Stöhnend rief er: „Aua, hey, lass los, was soll-“
      „Alter, wer mich von hinten anfasst, muss mit so was rechnen! Wenn du mich noch mal angrabscht, kann deine Familie gleich noch so'n Bildchen von dir verteilen, 'kay?“
      „Schon gut, schon gut, tut mir leid“, ächzte er und wurde schließlich freigelassen. Mit gequälter Mimik erhob er sich und rieb sein Handgelenk. „Man, für ein Mädchen bist du aber ganz schön krass drauf.“
      „Und für 'nen Jungen bist du ein ganz schönes Weichei.“
      Er musste verschwörerisch grinsen. „Stimmt. Aber ihr habt mir meine Frage nicht beantwortet. Habt ihr sie gesehen?“
      Abby schüttelte den Kopf und legte die Hände ineinander gefaltet auf ihren Schoß. „Leider nein. Wie heißt sie denn?“
      „Melinda.“
      „A-“ Doch Anya unterbrach ihre Freundin barsch. „Da hörst du es, 'Henry', wir haben sie nicht gesehen. Schönen Tag noch!“
      „Warte bitte! Woher … hast du dieses Tattoo an deinem Arm?“, fragte er ohne Vorwarnung neugierig.
      Anya betrachtete das Mal und sagte: „Von einem Dä-“
      Schon hatte sie Nicks und Abbys Hand vor dem Mund, während Letztere für sie antwortete. „Von einem verdammt guten Tattoo-Studio, hier in der Stadt. Magst du auch so eins haben?“

      „Nein“, erwiderte Henry plötzlich kühl. „Aber ich würde gerne mal mit euer Freundin reden. Allein, versteht ihr?“
      Angewidert von Nicks ungewaschener Hand riss Anya sich schließlich los und starrte ihr Gegenüber finster an. „Und wenn ich nicht will? Du gehst mir auf die Eierstöcke, Kumpel!“
      „Es ist wichtig. Ich werde dich nicht eher in Ruhe lassen, bis du mir nicht a-“
      „Hackt's bei dir? Bist du so 'ne Art Psychostalker?“, brauste Anya auf. „Verzieh dich, oder ich mach dir Beine!“ Nur, um sie im Anschluss zu brechen …
      „Nein!“ In den Augen des jungen Mannes brannte unantastbare Entschlossenheit.
      „Na gut, du wolltest es ja so!“ Ehe Anya auf ihn zu stürmen konnte, packten Abby und Nick sie an den erhobenen Armen und hielten sie fest.
      „Nicht, Anya! Du kannst dich doch nicht mitten am Tag auf offener Straße schlagen!“
      „Und wie ich das kann! Lass mich los, Masters!“
      „Hehe, Anyas Arme sind ja dicker als meine. Ich will auch Anabolika.“ Schon hatte Nick wieder den Zorn des Mädchens auf sich gezogen, das gar nicht mehr wusste, wem sie zuerst den Hals umdrehen sollte.

      Indes verschränkte Henry die Arme und schien nachzudenken. Schließlich rief er: „Hey, Terminatrix, wieso hast du solchen Schiss vor mir?“
      „Wie bitte!? Dich skalpiere ich und benutze dein Haar als Klopapier! Schiss? Ich? Anya Bauer kennt keinen Schiss, du-“
      Verschmitzt grinste der junge Mann und zuckte mit den Schultern. „Ach so? Und warum willst du dann nicht mit mir reden? Hast du 'Angst', ich reiß dir den Kopf ab?“
      Abby und Nick hatten sichtlich Mühe, ihre Freundin festzuhalten, war die mittlerweile in einer Phase, die ihre früheren Opfer auch gerne Armageddon genannt hatten. Am Boden verstreute Zähne und gebrochene Knochen waren meist der Vorbote dieser Katastrophe. Denn dann hatte sich Anyas Kopf auf Autopilot umgestellt und jeder wusste bekanntlich, was dann geschah.
      „Muss … töten …“
      „Von mir aus. Aber erst nachdem wir uns ausgetauscht haben.“
      „JETZT!“
      Henry stöhnte. „Hat man dich als Kind zu heiß gebadet? Hmm … ich mache dir einen Vorschlag. Wir klären das mit einem Duell. Wenn du gewinnst, kannst du mit mir machen was du willst.“
      Nick grinste. „Wirklich alles?“ Unnötig zu erwähnen, dass niemand näher darauf eingehen wollte.
      „Wenn ich aber gewinne, wirst du mir jede Frage beantworten, die ich dir stelle. Steht der Deal?“
      „Nein! Wenn ich mit dir fertig bin, passt du durch den Türschlitz, du Knallkopf!“
      „Also hast du Angst zu verlieren? Na ja, kann ich irgendwo auch verstehen. Wenn du dich so duellierst, wie du dich artikulierst, dann gute Nacht.“ Henry lachte abfällig.
      Anya schnaubte wie ein Stier. „Ach ja!? Alter, mit dir wisch' ich doch den Boden! Wenn sie dich dann zu Mami bringen, brauchst du in Zukunft für Halloween kein Kostüm mehr!“
      „Dann stimmst du zu?“
      „Natürlich stimm' ich zu!“
      Abby seufzte. Es war doch jedes Mal das Gleiche. Merkte Anya denn gar nicht, wie sie nach anderer Leute Pfeife tanzte?

      Wenige Minuten später standen sich die beiden sich auf dem Bürgersteig gegenüber. Abby kramte die Duel Disk aus ihrem Rucksack, in dem auch ein paar ausgeliehene Bücher lagen und reichte sie schließlich Henry.
      „Danke. Leider habe ich keine eigene Duel Disk dabei. Ich hoffe, das macht dir nichts aus?“
      „Schon gut“, lächelte Abby, die den jungen Mann eigentlich ganz nett fand. Wenn er nicht gerade Anya provozierte, war er sehr freundlich. „Zu teilen ist schließlich eine Tugend.“
      Er strahlte sie an, sodass das Mädchen verzückte zu Anya und Nick zurück hüpfte. Die Blondine ihrerseits mahlte mit den Kiefern, als stelle sie sich vor, wie sie damit Henry das Fleisch von den Knochen riss.
      „Können wir dann anfangen!?“, herrschte sie ihren Gegner an.
      „Klar doch.“ Er schob noch sein Deck in Abbys schwarze Duel Disk – ein Überbleibsel ihrer Gothic-Phase – und schon riefen die Kontrahenten: „Duell!“

      [Anya: 4000LP / Henry: 4000LP]


      „Macht es dir etwas aus, wenn ich anfange?“
      Anya wollte dies bejahen, doch da zwickte Abby ihr verspielt in die Hüfte. „Masters! Was habe ich dir neulich erst beigebracht!? Nicht-von-hinten!“
      „Da gibt’s auch gar kein Kindergeld“, gluckste Nick und bekam Anyas Ellbogen in die Rippen. Was eher weniger daran lag, dass es in den USA so etwas wie Kindergeld gar nicht gab.
      „Okay, dann ist es jetzt mein Zug!“, nutze Henry die Gunst der Stunde und zog zu seinem Startblatt eine sechste Karte. Kurz studierte er seine Hand, dann rief er: „Den Einstand macht [Don Turtle]! Wenn er beschworen wird, kann ich weitere [Don Turtles] von meiner Hand beschwören. Doch da sind bedauerlicherweise keine.“
      Ein gelber Schildkrötenpanzer tauchte vor ihm auf. Leuchtende Augen verbargen sich in seinem Inneren und man konnte nur ahnen, was sich da in dieser Hülle versteckte.

      Don Turtle [ATK/1100 DEF/1200 (3)]

      „Huh?“ Anya blinzelte verdutzt. „Wer spielt denn dieses Kackvieh? Hast du kein Geld für bessere Karten?“
      Henry überging ihre Beleidigung und nahm drei Karten aus seinem Blatt hervor. „Diese hier setze ich alle verdeckt. Mein Zug wäre dann auch beendet.“
      Mit dem Kartenrücken nach oben erschien die Reihe jener drei Zauber oder Fallen vor seinen Füßen.

      „Wenn da genauso'n Mist liegt wie dein Monster, ist das Duell schneller vorbei als du 'Gnade' schreien kannst, wenn ich dir anschließend unsere Klobürste in den Hals stecke! Draw!“
      Abby flüsterte zu Nick: „Ihre Gewaltfantasien werden aber auch immer extremer. Was haben ihre Eltern nur mit ihr falsch gemacht?“
      „Hehe, sie haben sie auf die Welt gebracht.“
      „Nick, das war heute das erste Mal, dass du etwas halbwegs Kluges von dir gegeben hast“, meinte Abby anerkennend, auch wenn sie sich schämte, so über ihre Freundin zu reden. Aber die war ohnehin in ihrem berühmt-berüchtigten Zerstörungswahn und bekam kaum etwas von den Dingen mit, die hinter ihrem Rücken geschahen.
      „Jetzt zeig ich dir mal, wie richtig coole Monster aussehen!“, rief Anya selbstverliebt. „[Gem-Knight Fusion]! Damit verschmelze ich [Gem-Knight Tourmaline] und [Gem-Knight Sapphire]! Tourmaline, du bist das Herz, Sapphire, du die Rüstung!“
      In einem Wirbel voller Edelsteine wurden Abbilder der Karten gezogen. Aus ihm heraus trat unter Blitz und Donner ein völlig neuer Ritter in goldener Rüstung. Mit wehendem blauem Umhang hielt er zwei Schwerter in den Händen, deren Klingen richtige Blitze waren. Auf seiner Brust prangerte ein bräunlicher Topas.
      „[Gem-Knight Topaz]!“, betitelte Anya ihn auch genau danach.

      Gem-Knight Topaz [ATK/1800 DEF/1800 (6)]

      „Sieht für ein Fusionsmonster aber ziemlich unscheinbar aus“, meinte Henry unbeeindruckt.
      „Weil du keine Ahnung hast, du Dumpfralle!“, erwiderte Anya und zückte eine Zauberkarte aus ihrem Blatt. „Jetzt rüste ich Topaz mit [Fusion Weapon] aus. Fusionen der Stufe 6 oder weniger erhalten durch sie ganze 1500 Angriffs- und Verteidigungspunkte!“
      Eine der Klingen verschwand aus Topaz' Hand, welche sich plötzlich verformte und zu einem Elektroschocker wurde.

      Gem-Knight Topaz [ATK/1800 → 3300 DEF/1800 → 3300 (6)]

      „Okay. Jetzt sieht die Sache schon etwas anders aus“, musste Henry kleinlaut zugeben.
      „Alter, die 'Sache' ist gleich vorbei! Los Topaz, Thunder Strike First!“
      Anyas Krieger schoss auf den Schildkrötenpanzer ihres Gegners zu und wollte ihn gerade zerschlagen, als zwei von Henrys Fallenkarten aufsprangen.
      „Bevor du das tust, aktiviere ich [Next To Be Lost]! Damit wähle ich eines meiner Monster und lege ein gleichnamiges Exemplar von meinem Deck auf den Friedhof!“ Er zog eine [Don Turtle]-Karte hervor und schob sie in den Friedhofsschacht von Abbys Duel Disk.
      „Diese Viecher würde ich auch loswerden wollen“, höhnte Anya. „Und wenn wir schon dabei sind, kannst du diese nutzlose Falle gleich mit entsorgen! Hast du überhaupt eine gute Karte in deinem Deck!?“
      „Jede Karte in diesem Deck ist gut“, erwiderte Henry trocken. „Jetzt zu meiner zweiten Falle, [Generation Shift]. Sie zerstört [Don Turtle] und gibt mir das dritte Exemplar davon von meinem Deck auf die Hand.“
      Die ominöse Schildkröte zersprang und Topaz' Klinge glitt ins Leere. Anya bekam regelrecht einen hysterischen Lachkrampf. „Oh mein Gott, das wird ja immer besser!“
      Henry, der die [Don Turtle]-Karte zu seinen anderen beiden Handkarten steckte, verzog keine Miene.
      „Aber wenn du es so haben willst, bitteschön! Denn jetzt kann Topaz dich direkt angreifen! Also los, nochmal Thunder Strike First!“, bellte Anya und streckte den Arm aus.
      Ihr Ritter erschien vor Henry und holte zum Schlag aus. Doch der war schneller und aktivierte seine letzte Fallenkarte. „[Defense Draw]! Durch sie kann ich den Kampfschaden dieses Angriffs auf 0 setzen und eine Karte ziehen!“
      Der Schlag der Blitzklinge prallte einfach an ihm ab, als wäre der junge Mann aus Stahl. Dann zog er von seinem Deck und lächelte verschmitzt.
      „Pah! Fühl' dich bloß nicht zu sicher, Burschi! Denn [Gem-Knight Topaz] kann zweimal pro Runde angreifen! Thunder Strike Second!“
      Das Lächeln verflog aus Henrys Gesicht, als ihm der Elektroschocker in den Magen gerammt wurde. Glücklicherweise waren es nur Hologramme, sodass Anyas Ritter durch ihn hindurch reichte. Trotzdem schien er für einen Augenblick so erschrocken, als fürchte er tatsächlich um sein Leben.

      [Anya: 4000LP / Henry: 4000LP → 700LP]


      Henry rieb sich tief durchatmend den Bauch.
      „Wow“, lachte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Wäre meine Falle nicht gewesen, hättest du mich in nur einem Zug fertig gemacht.“
      Ja, das hätte sie, dachte Anya wutentbrannt. Aber dieser Idiot hatte ihr gehörig die Tour vermasselt! Dafür würde sie ihn noch bluten lassen! Wortwörtlich!
      „Ich beende meinen Zug“, herrschte sie ihn an.

      „Okay, dann mache ich weiter! Draw!“ Er nahm eine Zauberkarte aus seinem Blatt und zeigte sie vor. „Mit [Salvage] hole ich jetzt die beiden [Don Turtle] von meinem Friedhof, da sie Wasser-Monster mit weniger als 1500 ATK sind!“
      „Ja, ja, spiel' ruhig so viele Witzfiguren wie du willst“, spottete Anya.
      „Ganz genau das tu ich auch. Ich beschwöre [Don Turtle], welcher durch seinen Effekt die anderen beiden von meiner Hand ruft.“ Henry ließ sich von den Gebärden seiner Gegnerin nicht beeindrucken.
      Vor ihm erschienen die drei Schildkrötenpanzer, in denen sich ihre Bewohner versteckt hielten.

      Don Turtle x 3 [ATK/1100 DEF/1200 (3)]

      „Von meiner Hand als Spezialbeschwörung: [Gilasaurus]! Da ich ihn auf diese Art gerufen habe, kannst du eines der Monster von deinem Friedhof reanimieren!“, erklärte Henry, während neben seinen Schildkröten ein brauner Velociraptor erschien.

      Gilasaurus [ATK/1400 DEF/400 (3)]

      „Alter, auf welcher Seite bist du eigentlich?“, fragte Anya ungläubig. Jetzt schenkte der ihr auch noch ein Monster! Aber umso besser für sie. „Fein, Sapphire im Verteidigungsmodus!“
      Ihre Edelsteinritterin in blauer Rüstung kniete neben ihr nieder und erzeugten einen Wall aus gefrierendem Wasser, welcher sie vor Angriffen schützen sollte.

      Gem-Knight Sapphire [ATK/0 DEF/2100 (4)]

      „Gut, dann wäre jetzt wohl der ideale Zeitpunkt.“
      „Und für was?“, fragte Anya ihren Gegner desinteressiert. „Etwa aufzugeben?“
      „Ich erschaffe das Overlay Network! Zwei Level 3 [Don Turtles] werden zu einem Rang 3 Xyz-Monster! Der Level 3 [Gilasaurus] und der Level 3 [Don Turtle] ebenso! Kommt herbei, [Black Ray Lancer] und [Grenosaurus]!“
      Anya traute ihren Ohren kaum. Dieser Kerl besaß tatsächlich Xyz-Monster? „Kumpel, von wem hast du die denn gestohlen!?“
      Ein schwarzes Loch machte sich vor ihnen auf und verschluckte Henrys Monster, die zu drei blauen und einem braunen Strahl geworden waren. Dann traten aus dem Strom zwei neue Kreaturen auf.
      Die erste, [Black Ray Lancer], war eine schwarze, amphibische Gestalt mit zwei großen Schwingen aus Schwimmhäuten und einer großen Lanze in der Hand. Die andere ein roter Dinosaurier auf zwei Beinen, aus dessen Kopf ein flammender Schopf entsprang. Um beide schwebten je zwei leuchtende Sphären.

      Black Ray Lancer [ATK/2100 DEF/600 {3}]
      Grenosaurus [ATK/2000 DEF/1900 {3}]

      „Bwahahaha!“ Anya konnte sich kaum halten vor Lachen. „All die Mühe für DAS!?“
      „Zauberkarte! [Xyz Gift]! Damit entferne ich, wenn ich mindestens zwei Xyz-Monster kontrolliere, zwei Materialien von ihnen und darf zwei Karten ziehen. Ich hänge je von [Grenosaurus] und [Black Ray Lancer] eines ab!“
      Um jede der beiden Kreaturen verschwand eines der Lichter. Henry zog zwei neue Karten und nahm dann eine andere aus seinem Blatt hervor. „Und jetzt der Gegenangriff! [Union Attack]! Dafür, dass diese Runde nur [Grenosaurus] angreifen und keinen Kampfschaden zufügen kann, erhält es die Angriffskraft von [Black Ray Lancer]!“
      „Huh?“

      Grenosaurus [ATK/2000 → 4100 DEF/1900 {3}]

      „Oh shit! Jetzt ist das Teil ja stärker als-“
      „Als [Gem-Knight Topaz]! Vollkommen richtig!“ Henry strahlte zufrieden und streckte den Arm aus. „Los, Ancient Fire Blast!“
      Wie von der Tarantel gestochen stampfte der massige Dinosaurier auf Anyas Ritter zu und blies aus seinen Nüstern eine feurige Wolke, in der der Krieger zu Staub zerfiel.
      „Selbst wenn [Grenosaurus] durch seinen Angriff keinen Schaden zufügen kann, hat er einen Effekt, der sich aktiviert, wenn er ein Monster zerstört“, erklärte Henry hitzig. „Wenn ich ein Xyz-Material abhänge, erleidest du 1000 Lebenspunkte Effektschaden! Nimm das!“
      Anya sah ungläubig in das Antlitz des Dinos, welcher plötzlich vor ihr stand und sie geifernd anstarrte. Dann schoss er aus seinen Nüstern eine weitere Flamme, die Anya vollkommen eindeckte.

      [Anya: 4000LP → 3000LP / Henry: 700LP]


      „Geht's noch?“, begehrte die Blondine im Anschluss aufgebracht auf.
      „Die Frage sollte man wohl eher dir stellen“, meinte Henry ernst. Eine Spur Enttäuschung schwang in seiner Stimme mit. „Du machst dich über mich lustig, ohne mich und meine Strategie zu kennen. Wie kann man nur mit solchen Scheuklappen durch die Gegend laufen? Wie du solche netten Freunde haben kannst, ist mir ehrlich gesagt unbegreiflich.“
      Anya knirschte mit den Zähnen. Was bildete der Typ sich eigentlich ein? Der wusste wohl immer noch nicht, mit wem er da überhaupt redete!

      Auf der anderen Seite schenkte Abby dem jungen Mann ein vergnügtes Lächeln. Wenigstens einer, der ihre Person zu schätzen wusste. Aber sie nahm es Anya nicht übel, dass sie so war, wie sie war. Ein wenig tat Henry ihr auch Unrecht, denn schließlich hatte Anya sie und Nick vor Alastair gerettet, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Bloß das durfte er nicht wissen. Um ein Haar hätte Anya sich verplappert. Seit sie die Realität akzeptiert hatte, ging sie damit ziemlich leichtfertig um, dachte Abby besorgt.

      „Ich setze meine beiden restlichen Handkarten verdeckt und gebe an dich ab“, sprach Henry tonlos.

      Grenosaurus [ATK/4100 → 2000 DEF/1900 {3}]

      Anya zog mit mehr Schwung, als nötig gewesen wäre und stolperte dabei beinahe. Ärgerlich runzelte sie die Stirn. „Was du kannst, kann ich auch und besser sowieso! Ich beschwöre [Gem-Turtle]!“
      Neben ihrer Ritterin erschien eine große Schildkröte, deren Panzer ganz aus einem Smaragd bestand, der in einem goldenen Rahmen gefasst war.

      Gem-Turtle [ATK/0 DEF/2000 (4)]

      Anya streckte plötzlich den Arm in die Höhe und grinste. Das Mal an ihrem Arm begann leicht bräunlich zu glimmen, was Henry zurückschrecken ließ. „Was!?“
      „Ich erschaffe das Overlay Network! Meine beiden Stufe 4-Monster werden zu einem Rang 4 Xyz-Monster! Komm herbei, [Gem-Knight Pearl]!“
      Der schwarze Wirbel mitten im Spielfeld tat sich wieder auf und sog das braune Licht, zu dem Anyas Monster geworden waren, in sich auf. Aus dem Strom heraus trat ein ehrwürdiger, schlichter Ritter in weißer Rüstung, um den ein Ring riesiger Perlen tanzte.

      Gem-Knight Pearl [ATK/2600 DEF/1900 {4}]

      „Da staunst du, was?“, prahlte Anya großmäulig. „So muss ein Xyz-Monster aussehen!“
      Doch Henry hatte nur Augen für das Mal an Anyas rechtem Unterarm. Das leichte Glühen verschwand, aber er wandte den Blick nicht ab. Tatsächlich schien er mit den Gedanken an einem völlig anderen Ort zu sein.
      Anya bekam davon gar nichts mit. Sie streckte den Arm aus und zeigte auf Henrys Dinosaurier. „Los Pearl, schick das Ding zurück in die Steinzeit! Blessed Spheres of Purity!“
      Die Perlen um Anyas Ritter begannen zu leuchten und wurden zu grellen Lichtsphären, die auf [Grenosaurus] zuschossen und ihn in einer Explosion vernichteten. Das Werk verrichtet, fanden sie zu ihrer alten Gestalt zurück und schwebten wieder um [Gem-Knight Pearl]!

      [Anya: 3000LP / Henry: 700LP → 100LP]


      „Dein Zug, Nervensäge!“
      Henry hörte sie jedoch nicht, sondern starrte Anyas Ritter mit offenem Mund an. Erst, als sie ihm diverse Beleidigungen an den Kopf knallte, wachte er aus seiner Trance auf.
      „Schlottern dir jetzt so die Knie, dass dein Krümelhirn auf Durchzug steht?“, zischte Anya erfüllt von Ungeduld.
      „Ah … nein. Ich war nur gerade abgelenkt gewesen. Woher hast du diese Karte?“
      „Sie hat sie von mir zum Geburtstag geschenkt bekommen!“, antwortete Abby eilig, ehe Anya sich wieder verplapperte.
      „Häh?“, machte Nick und kratzte sich am Kopf. „Ich dachte wir wollten sagen, dass sie sie einem Unterstufler abgenommen hat?“
      „Nick!“, fauchte Abby wütend und grinste Henry hilflos an. „Nimm ihn nicht ernst, er ist ein wenig durcheinander, ha ha.“
      Henry nickte, doch seinem verhärteten Gesichtsausdruck konnte man entnehmen, dass er ihnen kein einziges Wort davon abkaufte. „Ist ja auch nicht weiter wichtig. Ich war dran, richtig?“
      „Auch schon bemerkt? Bravo!“ Anya klatschte zum Spott in die Hände.
      Mit nachdenklicher Mimik zog Henry eine Karte und strahlte dann. „Perfekt!“ Er hob seinen Kopf und sah Anya an. „Da ich nicht weiß, über welchen Effekt dein Monster gebietet, hänge ich nun von [Black Ray Lancer] das letzte Xyz-Material ab. Dadurch wird der Effekt deines Monsters negiert!“
      Die leuchtende Kugel, welche um seine Unterwasserkreatur schwebte, verschwand. Doch ansonsten geschah gar nichts. Verwirrt blinzelte Henry und betrachtete seinen Lancer. „Was ist los? Wieso funktioniert das nicht?“
      Anya ballte eine Faust und presste zornig hervor: „Weil Pearl effektlos ist …“
      Plötzlich brach Henry in herzliches Gelächter aus. „Ach so? Das erklärt natürlich einiges. Tut mir leid, mein Fehler!“
      Alles was er dafür erntete, war ein kehliges Knurren. Schließlich fing Henry sich wieder und schien bessere Laune zu haben als jemals zuvor. Im Gegensatz zu Anya, deren lebhafte Fantasie sich bereits unschöne Dinge mit ihm ausmalte.
      „Also gut, weiter im Text. Ich aktiviere jetzt meine verdeckte Zauberkarte, [Earthquake]! Sie wechselt alle Monster in den Verteidigungsmodus.“
      Ein Ruck erschütterte den Ritter und die Amphibie, woraufhin beide schützend ihre Arme vor sich hielten.

      Gem-Knight Pearl [ATK/2600 DEF/1900 {4}]
      Black Ray Lancer [ATK/2100 DEF/600 {3}]

      „Und nun aktiviere ich sofort darauf meinen zweiten gesetzten Zauber, [Shield Crush]! Damit zerstöre ich ein Monster in Verteidigungsposition und Pearl scheint mir da bestens geeignet.“
      Ehe Anya auch nur widersprechen konnte, zerschepperte ihr Monster in tausend Stücke. Auf einmal stand sie völlig schutzlos vor Henry. Dieser drehte den [Black Ray Lancer] auf Abbys Duel Disk wieder in den Angriffsmodus. „Da seine Position durch einen Effekt geändert wurde, kann ich sie für diesen Zug noch manuell wechseln“, erklärte er dabei.

      Black Ray Lancer [ATK/2100 DEF/600 {3}]

      „Oh shit!“ Anya runzelte die Stirn. „Aber warte ab, nächste Runde-“
      „Es wird keine nächste Runde mehr geben. Denn genau wie ich [Black Ray Lancers] Position wechseln konnte, kann ich noch genauso gut ein Monster als Normalbeschwörung rufen. Und ich habe eines gezogen. [Grass Phantom]!“
      Anya klappte die Kinnlade hinunter, als sie den grünen Kohlkopf erscheinen sah, aus dessen Mund Tentakel ragten.

      Grass Phantom [ATK/1000 DEF/1000 (3)]

      Sie rechnete nach. Mit 3000 Lebenspunkten würde sie so schnell nicht- doch sie würde! Die kombinierte Angriffsstärke seiner Monster reichte knapp aus, damit sie … damit sie …
      „Oh verdammte Dreckskacke!“, schoss es aus Anya heraus. Sie würde verlieren! Sie! Wo verlieren doch gar nicht in ihrem Wortschatz existierte!
      „So kann man es auch ausdrücken“, lachte Henry. „Ich mach es auch kurz, versprochen! Also dann, [Grass Phantom], [Black Ray Lancer], Doppelangriff auf meine Gegnerin!“
      Die Tentakel des Kohlkopfs schlossen sich um die Amphibie, welche die Kraft der Pflanze in sich aufsog. Dann wirbelte er mit der Lanze und verpasste Anya einen Hieb, der durch das erstarrte Mädchen hindurch glitt.

      [Anya: 3000LP → 0LP / Henry: 100LP]


      Die Hologramme verschwanden und Anya stand da, als hätte Marc Butcher Valerie Redfield gerade vor ihren Augen einen Heiratsantrag gemacht. Diese Niederlage war einfach zu viel für sie. Wie konnte sie von solchen Billigkarten fertig gemacht worden sein? Nicht einmal zu fluchen vermochte sie noch.

      Henry ging auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Gutes Duell.“
      Anya zwinkerte erst einen Augenblick, ehe sie sich seiner gewahr wurde. Dann schlug sie seine Hand weg. „Verdammter Glückspilz! Fein, ich hab verloren, na und? Ich habe mir ja auch überhaupt keine Mühe gegeben!“
      Abby trat neben Anya und warf Henry einen entschuldigenden Blick zu. Mit den Lippen formte sie stumm die Worte „Sie ist eine schlechte Verliererin“ und deutete dabei auf Anya. Die wandte sich trotzig ab.
      „Ich gehe jetzt!“, raunte sie missmutig.
      „Und unsere Abmachung?“, hakte Henry nach. Dann aber änderte er urplötzlich seine Meinung. „Ist ja auch egal. Ich denke, ich weiß schon alles, was ich wissen wollte. Wenn ihr meiner Schwester begegnet wäret, hättet ihr es mir bestimmt gesagt.“
      Abby nickte heftig. „Natürlich. Tut mir leid, dass wir dir nicht helfen konnten.“
      „Macht nichts“, sagte er und lächelte wieder. Er gab Abby und dann Nick die Hand, während Anya mit hinter dem Kopf verschränkten Armen mit dem Rücken zu ihnen stand und schwieg.
      „Es tut mir leid, dass ich euch belästigt habe. Vielleicht läuft man sich ja mal wieder über den Weg. Würde mich freuen. Aber jetzt muss ich weiter, also bis dann!“ Er nahm die Duel Disk von seinem Arm und gab sie Abby zurück.
      „Bye“, hauchte die ihm verzaubert hinterher, als er sich von ihnen schnellen Schrittes entfernte. Sie war einfach nur beeindruckt, wie sehr er sich um seine Schwester sorgte, wie stark er trotz seines auf den ersten Blick schwachen Decks war und wie spielerisch er mit Anyas Eskapaden umgehen konnte.

      „Bah, guckt mal, wie spät es ist“, murmelte jene schließlich und deutete auf den Himmel. Der war bereits orangerot, die Sonne stand schon tief am Horizont. „Wie lange haben wir überhaupt in dieser bekloppten Bibliothek gehockt?“
      „Bestimmt ein paar Stunden“, überlegte Abby, war aber mit den Gedanken noch bei Henry.
      „Was für eine Zeitverschwendung! Ich haue ab. Man sieht sich!“, brummte Anya frustriert und trottete ebenfalls, in die entgegengesetzte Richtung, von dannen.
      Nun waren es nur noch Nick und Abby. Letztere sah den hochgewachsenen, zerzausten jungen Mann fragend an. „Was hältst du von Henry?“
      „Nicht mein Typ.“
      „So meinte ich das nicht! Er ist ziemlich cool, oder? Aber“, sie zögerte, „war er nicht ein wenig seltsam? Ich meine, wie er Anyas Mal angestarrt hat?“
      Nick gluckste. „Er hatte bestimmt Angst, dass sie ihn verprügelt. Geht mir auch immer so.“
      Du gibst einem auch allen Anlass dazu, dachte Abby schelmisch. Trotzdem! Etwas an Henry war seltsam. Zumal er ihr so verdammt bekannt vorkam!


      Turn 06 – Victim's Sanctuary
      Abbys neuestem Einfall folgend, besuchen die drei Freunde die Irrenanstalt Victim's Sanctuary am Rande der Stadt. Schnell wird klar, dass die dort untergebrachten Schüler keine Hilfe sein werden. Als sie das Gebäude wieder verlassen wollen, treffen sie unerwartet auf Valerie, die ihre Freundin Caroline besucht. Gerade als zwischen Anya und Valerie ein neuer Streit aufzuflammen droht, gibt es einen Stromausfall und die Vier werden von den Patienten angegriffen. Dabei geht Anya KO, sodass es nun an Valerie liegt, sich einem gefährlichen Spiel zu stellen …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Sapphire
      Gem-Knight Tourmaline
      Gem-Turtle

      Gem-Knight Fusion
      Fusion Weapon

      Gem-Knight Pearl
      Gem-Knight Topaz

      Henry

      Don Turtle x3
      Gilasaurus
      Grass Phantom

      Salvage
      Xyz Gift
      Union Attack
      Earthquake
      Shield Crush

      Next To Be Lost
      Generation Shift
      Defense Draw

      Black Ray Lancer
      Grenosaurus

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      Die Folge war etwas anders als die vorherigen. Nicht ganz so viel Schlag auf Schlag/action passiert wie in den vorherigen Folgen. Zumindest hatte man das Gefühl. Aber das heißt ja nicht, dass keine Handlung da war. Fokus war ganz klar darauf gerichtet, zu ergründen, was es mit diesem Eden auf sich haben könnte. Aber natürlich bleibt eine Menge davon immer noch unklar, aber sonst würde die Spannung am Ende noch einbrechen ^^
      Das Duell startete zunächst auch etwas gemächlicher, zog dann aber an und endete recht schlagartig. Besonders schön war dabei, wie Henry mit solchen Underdog-Karten Anya gut Paroli bieten konnte. Und hurra, endlich die erste 'echte' Niederlage Anyas ;)

      Lustig war die Folge allemal. Besonders wie der Anfang mit dem Gezänke zwischen Anya und Sheryl. Ich glaub die hätte jede Form von Tattoo verstanden, aber Kreuz und Rosenkranz, das war selbst für diese bereits schwer gebeutelte Frau einfach zu viel xD (Btw, in dem Zusammenhang die Frage, da man das Paktmal wie ein Tattoo nicht entfernen könnte, was passiert eigentlich, wenn man den Arm mit dem Mal abtrennen würde? Der Pakt bleibt da sicher immer noch erhalten, oder? Nicht, dass Anya auf ihren Arm verzichten würde oder so xD)

      Ansonsten: Die Hologramme verschwanden und Anya stand da, als hätte Marc Butcher Valerie Redfield gerade vor ihren Augen einen Heiratsantrag gemacht
      <- Einfach Roflmao :rofl:

      Und @ Preview
      Genau so muss das sein, endlich kriegt Valerie ihr Rampenlicht :D
      Auf der Suche nach den neusten Infos oder Bildern zu Yu-Gi-Oh!-Karten aus Japan? =>> Spoiler-Forum


      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gerutscht. ^^
      Danke an meinen Stammleser/-poster und natürlich auch alle anderen, die hier lesen. ^^

      @Evil Bakura
      Joa, muss eben auch mal sein. Ist natürlich schön, dass man selbst mit alten Underdog-Karten recht nette Duelle schreiben kann. Aber Anya zu besiegen ist zu diesem Zeitpunkt leider noch nichts, womit man sich brüsten muss. xD
      Aber schön, dass du dir das WTF-Face so lebhaft vorstellen kannst. ^^

      Wenn der Arm ab wäre, würde das Mal an einer anderen Stelle wieder auftauchen. Der Arm ist der Platz, wo ein Paktmal normalerweise auftaucht. Das ist aber keinesfalls fix, sonst könnten Armlose keinen Pakt eingehen. xD

      Turn 06 – Victim's Sanctuary



      „Ich schwöre euch, eines Tages wird ihr Kopf in unserem Flur an der Wand hängen!“, zischte Anya hasserfüllt und schielte mit zusammengekniffenen Augen zu Valerie herüber, die Seite an Seite mit Marc – ihrem Marc! – über das Campusgelände schritt. Dabei unterhielten sie sich derart ausgelassen, das Anya schon Pläne schmiedete, wie sie unbemerkt an die Knarre ihres Vaters herankommen könnte.
      Abby lugte über ihre Zeitung. „Würde ich dir nicht empfehlen. Mord wird in unserem Bundesstaat schwer bestraft. … Wie überall auf der Welt. Außerdem, erinnerst du dich noch an letztes Mal, als du dich mit Valerie angelegt hast?“
      „Das ist doch Schnee von vorvorgestern!“, raunte Anya und biss so zornentbrannt in ihren Apfel, dass es aussah, als würde sie sein Fleisch wie ein Wolf herausreißen.

      Die beiden Mädchen und Nick saßen auf der roten Wolldecke, die Abby mitgebracht hatte, damit sie im Schatten der großen Eiche bei den Sporthallen ihre Mittagspause verbringen konnten. Es war extrem heiß an diesem Sommertag, sodass selbst Anya ausnahmsweise ein Tanktop trug und Schultern zeigte. Natürlich war das Kleidungsstück pechschwarz, man könnte demnach behaupten, passend zu Anyas Seele. Und dass ihr Mal mittlerweile immer wieder neugierige Blicke auf sich zog, war der jungen Frau dabei völlig gleich.
      „Ich habe mich darum kümmert. Unser Besuch wird genehmigt“, meinte Abby schließlich. Ein gewisses Unbehagen lag dabei in ihrer Stimme. „Vielleicht sollten wir das nochmal überdenken, ha ha … ?“
      „Masters, sag jetzt bloß nicht, du hast Schiss?“, murrte Anya. „Das war doch deine Idee gewesen, schon vergessen?“ Mit alberner Stimme äffte sie Abbys Worte von neulich nach. „'Vielleicht finden wir ja dort etwas über Eden heraus? Schließlich sind unsere Mitschüler erst verrückt geworden, als Levrier aufgetaucht ist.'“
      „Na ja, manchmal macht man eben Fehler“, reagierte das Mädchen heiser, welches aussah, als würde sie einen Kartoffelsack tragen. Selbst an den heißesten Tagen musste es immer ein Kleid sein – in dem Fall vom langweiligsten Grau. „Schau dir Nick doch an!“

      Der war gerade dabei, eine Wespe streicheln zu wollen, die sich über seinen Pudding hermachte. Wenige Sekunden später geschah das Unvermeidliche: „Au! Die hat mich gestochen! Böse Wespe!“
      Anya interessierte das gar nicht. Sie starrte Abby finster an. „Wir gehen dahin und gut ist! Nachdem deine grandiose Idee mit der Bibliothek so ein Reinfall war, bist du mir das schuldig! Wenn ich noch ein Buch sehe, muss ich kotzen!“
      Plötzlich hatte sie das Buch ihres Englischkurses vor den Augen, welches Nick sich grinsend von Abby geschnappt hatte. Als er das Buch senkte, um zu sehen, ob Anya ihre Worte wahr gemacht hatte, funkelte die finster über den Rand, riss es ihm aus den Händen und zog es ihm über den Schädel.
      „Au! Böse Anya!“, jammerte er liegend.
      „Darf ich zutreten?“, fragte die Blondine bitterböse und wollte aufstehen, doch ein mahnender Blick Abbys ließ sie verharren.
      „Na schön“, lenkte die schließlich ein. „Also dann heute nach der Schule vor Victim's Sanctuary. Eigentlich bin ich ja neugierig, was mit unseren Klassenkameraden ist. Immerhin sehen und hören sie immer noch Dinge. Aber …“
      „Nichts aber!“, protestierte Anya. „Mir läuft die Zeit davon! In zwei Monaten bin ich entweder eine bescheuerte Stadt oder weiß-der-Geier-was-sonst-noch! In Victim's Sanctuary spukt es nicht, okay? Das erzählt man kleinen Kindern, damit sie nicht über den Stacheldrahtzaun klettern!“
      Einmal hatte sie es versucht, doch leider war sie dabei unangenehm gescheitert. Seitdem hasste Anya Stacheldrahtzäune.
      „Und was ist mit den Experimenten?“, fragte Nick enttäuscht.
      „Wenn es da jemals Experimente gab, dann höchstens an dir!“, meinte Anya abweisend und verschränkte die Arme. „Wir gehen dahin und gut is'!“

      ~-~-~


      Als sie die örtliche Irrenanstalt am späten Nachmittag erreicht hatten, war von schönem Wetter keine Spur mehr zu sehen. Es goss wie aus Eimern und so teilten die Drei sich einen Regenschirm, welchen Anya sich von Willow mit 'freundlichen Worten' 'geborgt' hatte. Und während die beiden Mädchen dadurch nicht nass wurden, musste Nick ihnen als Größter den Schirm halten – durfte aber gleichwohl nicht darunter stehen und war bereits vollkommen durchnässt.
      „Komisch, schon wieder so ein Wetterumschwung“, meinte Abby dazu nachdenklich.

      Sie hielten vor den Toren der Anstalt, die direkt am Waldrand auf einem Hügel lag. Überall um sie herum standen bereits vereinzelt Fichten und andere Gewächse, die Anya nicht zu benennen wusste. Das Gelände war umringt von einem hohen Stacheldrahtzaun, der dafür sorgen sollte, dass niemand es ohne Erlaubnis betreten oder verlassen konnte. Neben dem schwarzen Tor befand sich ein kleines Pförtnerhäuschen, zu dem sich die Drei begaben.

      Nachdem man sie hereingelassen hatte, strebten sie der riesigen Villa entgegen, in der die Patienten untergebracht waren. Einst hatte sie einer reichen Schauspielerin gehört, doch nachdem die sich im Foyer erhängt hatte, wollte niemand mehr dort einziehen. So hatte die Stadtverwaltung beschlossen, das Gebäude zu renovieren und eine Irrenanstalt daraus zu machen.
      Düster erhob sich das mehrstöckige Anwesen vor ihnen. Während Abby sich an Anya schmiegte, die aus purer Boshaftigkeit dazu geneigt war, ihre Freundin in eine Pfütze zu schubsen, lachte Nick plötzlich los.
      „Was ist?“, fragte Anya genervt.
      „Nichts“, meinte er. „Mir geht’s gut.“
      „Glaub ich eher weniger“, brummte seine Freundin und machte mit ihrem Zeigefinger eine Kreisbewegung um ihre Schläfe. Was war denn mit dem plötzlich los?
      Zusammen stiegen sie die kurze Treppe zum Eingang hinauf und schoben eine der Flügeltüren beiseite.

      Sie gelangten in die große Eingangshalle, die als Aufnahme umfunktioniert worden war. Die roten Teppiche hatte man längst entfernt und gegen Laminatboden ausgetauscht. Die Wände waren weiß gestrichen und insgesamt wirkte das Foyer, abgesehen von ein paar willkürlich verteilten Stühlen und Topfpflanzen, ziemlich leer. Zwei Treppen, die an ihrem Ende ineinander verliefen, führten in das nächstgelegene Stockwerk zu den Patientenzimmern.
      Abby geleitete ihre Freunde herüber zu den beiden Krankenschwestern, die zusammen an dem Tresen in der rechten Ecke des Saals arbeiten. Sie räusperte sich, ehe sie die beiden schwatzenden Damen mittleren Alters ansprach. „Ähm, Entschuldigung?“
      Die korpulentere der beiden Krankenschwestern sah auf. „Kann ich euch helfen?“
      „Ja. Wir suchen nach unserem Freund und Mitschüler, Ernie Winter. Ich hatte unseren Besuch angekündigt gehabt.“
      Kurz sah die Frau auf ihren Computer, dann meinte sie: „Zimmer 1.13, erstes Stockwerk. Einfach die Treppe hoch, den Gang geradeaus entlang, dann findet ihr es.“
      „Danke.“
      Tief durchatmend drehte sich Abby zu ihrem Freunden um. Dann schritten sie zusammen durch das Foyer – Nick hinterließ einen regelrechten Fluss aus Wassertropfen – nahmen die Treppen und gelangten in einen spärlich beleuchteten Gang, von dem links ein weiterer Korridor abging. Dass es hier so dunkel war, lag vornehmlich daran, dass zwei der insgesamt sechs Lampen ihren Dienst verweigerten.
      „Seltsam still für eine Irrenanstalt“, meinte Anya enttäuscht, als sie nach Ernies Zimmer suchten. Sie hatte mit Verrückten gerechnet, die überall herum rannten, Blödsinn schwafelten und nach Leibeskraft schrien. Die bittere Realität sah da ganz anders aus: langweilig.
      „Von mir aus kann das auch so bleiben“, erwiderte Abby ängstlich. „Immerhin herrscht hier Ruhe und Frieden. Da kriegt man ja glatt Angst um sein Karma.“
      „Peace!“, gluckste Nick und drängte sich mit erhobenen Mittel- und Zeigefingern zwischen die Mädchen.

      Letztlich waren sie vor Zimmernummer 13 angelangt. Hinter ihr war es mucksmäuschenstill.
      „Ähm Ern-“
      Doch Anyas Faust trommelte schon gegen die Tür. „Aufmachen, Winter! Wir haben da was zu klären! Wenn du nicht gleich aufmachst, tret' ich die Tür ein!“
      Abby, die es erst auf die freundlich Art hatte versuchen wollen, warf Anya einen finsteren Blick zu.
      „Was denn!?“
      Aber es gab auf Anyas Drohungen keine Antwort. Was höchst ungewöhnlich war, konnte man Ernie schließlich als größten Feigling ihres Jahrgangs bezeichnen. Schmächtig wie er war, wurde er seither von seinen Mitschülern als Spielball für allerlei Gemeinheiten benutzen. Wenn Anya etwas von ihm verlangte, tat er das in der Regel auch ohne Widerspruch.
      „Vielleicht schläf- Anya!“

      Jene hatte einfach die Tür geöffnet und trat in das kleine Zimmer ein. Außer einem Bett, einem Fernseher an der Wand, einem Nachttisch und einem Regal mit Büchern befand sich hier nicht viel. Die Vorhänge des Fensters waren zugezogen. Die Lampe auf dem Nachttisch brannte nicht, es war also noch dunkler als im Gang hinter ihnen.
      Eine kleine, gebeugte Gestalt hockte auf dem Bett und verharrte in eisiger Stille. Wie gebannt starrte Ernie regungslos in die Leere. Dass er Besuch hatte, nahm er anscheinend gar nicht wahr.
      „Hey Winter, aufwachen!“, raunte Anya und baute sich vor dem Jungen auf.
      „Ich glaube nicht, dass das so funktioniert“, beschwerte sich Abby wütend und schob ihre Freundin beiseite. Sie beugte sich zu Ernie herab und lächelte freundlich. „Hallo Ernie, erkennst du mich? Ich bin es, Abigail Masters. Du hast manchmal Mathematiknachhilfe bei mir genommen, erinnerst du dich?“
      Weder eine Antwort, geschweige denn eine Regung des Jungen verriet, dass er überhaupt zuhörte.
      Wütend darüber, ignoriert zu werden, griff Anya den Blonden am Kragen und zog ihn zu sich hoch.
      „Jetzt hör' mir mal zu, du Napfsülze! Du wirst uns jetzt sagen, was du die ganze Zeit anstarrst, oder ich schmeiß' dich achtkantig aus dem Fenster und ziehe dich solange an den Beinen durch den Schlamm draußen, bis du nicht mehr weißt, ob du Männlein oder Weiblein bist!“
      „Anya!“, schrie Abby regelrecht, was vollkommen überraschend kam und zerrte ihre Freundin von dem Jungen weg, der wieder auf sein Bett plumpste und vor sich hin starrte, als wäre nichts geschehen. „So kannst du doch nicht mit einem Kranken umgehen!“
      „Aber-!“
      „Du siehst doch, dass wir für ihn gar nicht da sind! Egal wie sehr du ihn anbrüllst, er wird nicht antworten!“
      „Deswegen will ich es ja mit ein wenig Gewalt probieren, vielleicht-“
      „Nein!“ Abby trat zwischen Ernie und Anya. „Du wirst ihm kein Haar krümmen!“
      Mit den Zähnen knirschend, machte die Blondine auf dem Absatz Kehrt und machte ein paar Schritte durch das Zimmer. „Von mir aus … Und was jetzt?“
      „Vielleicht können wir jemand anderes fragen? Ich glaube, Lily McDonald ist auch hier irgendwo. Wir sollten uns mal nach ihr erkundigen.“ Abby seufzte. „Ich hatte gehofft, dass wir mehr über die Dinge erfahren können, die unsere Mitschüler sehen, seit sie hier eingeliefert worden sind. Das hat doch gewiss etwas mit Eden und Levrier zu tun.“
      Anya grunzte missmutig: „Die sind einfach nur balla balla, das ist alles!“
      Zusammen verließen die Drei Ernies Zimmer, aber nicht, ohne dass Anya die Tür zuknallte. Es war nicht zum Aushalten! Sie hatte mit Dummschwätzern gerechnet, aber dass die Bekloppten hier gar nichts sagten, machte das Mädchen rasend.

      Als das kleine Grüppchen zurück ins Foyer gelangte, bemerkten sie am Tresen der Krankenpflegerinnen eine schwarzhaarige Gestalt, die auf etwas zu warten schien.
      „Ich denke, ich verschwinde“, meinte Anya verstimmt. „Bringt ja doch nichts, sich hier zu langweilen. Ihr könnt ja gerne weitermachen, wenn ihr wollt.“
      „Anya?“ Die junge Frau mit den langen Haaren drehte sich um und entpuppte sich als niemand anderes, als-
      „Redfield?“, schoss es wie eine Kanonenkugel aus der Blondine. „Und ich dachte, der Tag kann nicht mehr beschissener werden!“
      „So gut gelaunt wie eh und je, huh?“, erwiderte Valerie kühl. In der Hand hielt sie ihren Regenschirm. „Was wollt denn ausgerechnet ihr hier?“
      „Dasselbe wie du, was sonst?“, zischte Anya giftig.
      „Caroline Mayfield besuchen? Aber ihr kennt sie doch gar nicht.“
      Abby drängte sich zwischen die beiden Mädchen, um das drohende Blutbad zu verhindern. „Hi Valerie! Nein, wir sind wegen Ernie Winter hier.“
      Die Schwarzhaarige nickte verständig. „Ach so.“ Dann sah sie zurück zum Tresen, nur um sich wieder der Gruppe zuzuwenden. „Sagt mal, habt ihr die Schwestern gesehen? Ich warte hier schon seit über fünf Minuten. Oder wisst ihr zufällig, wo sich Carolines Zimmer befindet?“
      „Im Keller“, antwortete Anya heimtückisch. Da gab es bestimmt Ratten und sie wollte dabei sein, wenn Valerie schreiend das Gebäude verließ.
      „Also irgendwo auf den oberen Etagen“, schloss Valerie kühl aus Anyas Worten.
      „Soll das heißen, dass ich lüge!?“, fauchte Anya, sich insgeheim fragend, was sie wohl verraten hatte.
      Ihr Gegenüber nickte. „Dir traue ich das sogar zu! Als ob ich nicht merken würde, dass du etwas gegen mich hast!“
      „Verdammt richtig, Bambi! Am liebsten würde ich-“

      Urplötzlich fiel die Deckenbeleuchtung aus, sodass es ziemlich düster im Foyer wurde. Draußen donnerte es laut.
      „Na klasse“, raunte Anya.
      „Ich hab Angst im Dunkeln“, jammerte Nick und zwängte sich an Anya … und lag kurz darauf am Boden.
      Erschrocken half Valerie ihm wieder auf. „Was hat er dir denn auf einmal getan?“
      „Er lebt?“, antwortete Anya zynisch. „Misch dich nicht in Sachen ein, die dich nichts angehen, Redfield!“
      Abby, die sich wieder zwischen die beiden Streithähne drängen musste, versuchte zu schlichten. „Bitte, hört auf! Wir sollten uns hier nicht streiten! Lasst uns doch für einen Moment alle tief durchatmen, dann nehmen wir einander bei den Händen und-“
      „Verdammt richtig, Masters! Ich geb' mir diesen Scheiß nicht länger!“
      Aufgebracht stampfte Anya davon und steuerte auf die große Flügeltür zu. Doch als sie diese öffnen wollte, rührte die sich keinen Millimeter. Egal wie sehr Anya auch daran rüttelte und dagegen trat, die Tür blieb verschlossen.
      Schnaubend drehte sie sich zu den anderen um, die sie alle verwirrt anstarrten. „Sieht so aus, als sitzen wir hier fest, hmpf!“
      „Natürlich … Willst du uns veräppeln?“, fragte Valerie bissig, schritt zu Anya und probierte es selbst. Erfolglos. Und musste deshalb ein triumphierendes Grinsen übelster Sorte über sich ergehen lassen.

      „Toll, und was machen wir jetzt?“, fragte Anya, als die beiden Mädchen wieder beim Rest der Gruppe angelangt waren.
      „Wir gehen einfach jemanden suchen, der uns das Tor wieder aufschließt“, meinte Valerie unbekümmert. „Bestimmt haben sie abgeschlossen, damit die Patienten nicht in den strömenden Regen laufen.“
      „Und das hast du nicht bemerkt, während du die ganze Zeit hier gewartet hast?“
      Auf Anyas Frage hin schüttelte Valerie den Kopf und erwiderte pampig: „Natürlich nicht! Vielleicht geht das auch automatisch?“
      „Also ich weiß nicht“, murmelte Abby ängstlich. Sie richtete sich an Anya und Nick. „Ist euch nicht aufgefallen, dass wir mit Ausnahme der Schwestern keinem einzigen Pfleger begegnet sind? Und die beiden sind jetzt auch verschwunden. Als ob …“
      „Oh, komm schon Masters! Du glaubst doch nicht im Ernst, was du gerade aussprechen willst!“, höhnte Anya und verschränkte entschieden die Arme. Dabei fiel Valeries Blick auf ihr Mal.
      „Was ist das da an deinem Arm?“
      „Geht dich gar nichts an, Redfield!“
      „Hört auf“, bat Abby eindringlich und deutete auf einen Gang links von den Treppen, welcher zu einem anderen Teil des Gebäude führte. „Wenn wir nach jemandem suchen wollen, sollten wir es mal da versuchen.“
      „Aber da ist es dunkel!“, jammerte Nick.
      „Nein, da sind ein paar Fenster“, meinte Valerie einfühlsam und streichelte seine Schulter.
      Anya biss sich auf die Lippen. Diese schleimscheißerische, selbstverliebte, dummlallende Valerie! Wenn sie doch nur unbemerkt einen 'kleinen' Unfall arrangieren könnte! Dann wäre sie diese Pest von Weib endlich los!
      „Tch, dann gehen wir jetzt jemanden suchen“, sagte Anya und begann zu laufen. Die anderen folgten ihr und schon bald hatten sie den Gang erreicht.

      Früher war er eine Galerie gewesen, denn noch immer schmückten schöne, hohe Fensterbögen den sterilen, weißen Gang. Draußen konnte man den Vorhof und die Straße sehen, über die sich ein regelrechter Sturmregen ergoss. Hin und wieder blitzte und donnerte es.
      Immer wieder riefen Abby und Valerie nach dem Personal, ohne jedoch gehört zu werden. Anya machte dabei nicht mit, ihr war das zu blöde. Und Nick lief ganz zusammengekauert hinter ihnen, schreckte bei jedem kleinsten Geräusch zusammen.
      Schließlich erreichten sie eine Abzweigung nach rechts. Anya, die sowieso schon so schlecht gelaunt war, dass sie immer wieder genervt mit der Faust gegen die weiße Tapete rechts von sich schlug, erreichte die Abbiegung als Erste. Und kaum war sie dort angelangt, sah sie nur noch einen Schatten und spürte, wie sie von den Füßen gerissen wurde und stürzte. Alles wurde dunkel.

      „Anya!“, schrie Abby erschrocken und hielt sich die Hände vor den Mund.
      Da lag ihre Freundin am Boden, mit einer kleinen Platzwunde am Kopf und rührte sich nicht mehr.
      Um die Ecke trat plötzlich ein Mädchen mit honigblondem Haar, ein wenig jünger als Abby selbst und lächelte böse. In der Hand hielt sie ein Stuhlbein, mit dem sie Anya KO geschlagen hatte.
      „Caroline!?“, rief Valerie völlig verwundert und ließ vor Schreck ihren Regenschirm fallen.
      Doch ihre Freundin war nicht allein. Plötzlich kam eine ganze Gruppe von Patienten in grünen Nachthemden oder auch alltäglichen Kleidungsstücken um die Ecke, stellte sich hinter Caroline wie eine undurchdringliche Mauer auf.
      Derweil eilten Abby und Nick Anya zu Hilfe und schleppten sie zurück zu Valerie. Caroline ließ sie gewähren und sagte: „Wir haben schon auf euch gewartet.“
      Valerie wirbelte um. Auch hinter ihnen stand mindestens ein Dutzend Patienten. Sie kannte fast alle von ihnen, waren es doch diejenigen, die nach dem Vorfall in der Eissporthalle hierher eingeliefert worden waren. Auch Ernie Winter war unter ihnen. Doch was im Moment viel entscheidender war: die hatten sie umzingelt!
      „Caroline, was ist los mit dir?“, fragte Valerie aufgebracht. „Wieso greifst du Anya an?“
      „Damit sie uns nicht angreift natürlich“, antwortete ihre Freundin mit einem Hauch von Boshaftigkeit in der Stimme. „Sie ist gefährlich. Deswegen möchten wir sie gerne hier behalten. Ihr habt doch nichts dagegen, oder?“
      „Ich verstehe nicht“, wandte Valerie verwirrt ein. „Warum … was ist mit euch los? Wo ist das Personal?“
      „Im Keller“, erwiderte Caroline gelangweilt. „Ist das Beste für sie. Und für uns selbstverständlich auch. Also? Gibst du uns Anya? Oder müssen wir Gewalt anwenden?“ Demonstrativ schlug sie mit ihrer Waffe auf die Handfläche.
      „Wir müssen hier weg“, flüsterte Abby ihr ängstlich zu. „Irgendetwas stimmt mit denen nicht. Ich glaube, sie sind … besessen.“

      Unter normalen Umständen würde Valerie sich Gedanken um Abigails geistigen Gesundheitszustand machen. Da sie allerdings mit unantastbarer Sicherheit wusste, dass ihre Freundin Caroline niemals jemandem absichtlich weh tun würde, musste sie ihrer Klassenkameradin zustimmen. Auch wenn Besessenheit etwas weit hergeholt anmutete.
      Nur war an eine Flucht nicht zu denken, denn der Gang war in beide Richtungen blockiert. Und sich aus dem Fenster zu stürzen war zu riskant, auch wenn sie sich auf dem Erdgeschoss befanden. Zu groß war das Risiko, sich an den Scherben schwer zu verletzen, nur um dann zu verbluten.

      „Und? Ich warte auf deine Antwort, Val.“
      Valerie schloss die Augen. Caroline nannte sie sonst nie 'Val'. Was war nur mit den Leuten hier geschehen, dass sie sich so feindselig verhielten? Und warum wollten sie ausgerechnet Anya Bauer?
      „Hegt ihr etwa Rachegedanken?“, fragte Valerie scharf. „Hat Anya euch etwas so Schlimmes angetan, dass ihr sie gleich KO schlagen musstet?“
      „Aber nein, Val. Sie ist einfach nur … ein Dorn im Auge. Und ich bin mir sicher, dass du bestens weißt, was ich damit meine.“
      Die Schwarzhaarige blickte zu Anya herüber, die bewusstlos in Nicks Armen lag. Natürlich war Anya ein Ekelpaket, aber das hatte sie nicht verdient. Wer wusste schon, was die mit ihr anstellen würden, wenn sie sie ihnen aushändigen würde.
      Sie wandte sich an Caroline. „Tut mir leid, aber meine Antwort ist nein. Anya bleibt bei uns!“
      „Oh? Also stellst du ihr Leben über deines? Wie nobel. Aber so warst du ja schon immer, nicht wahr, Val?“
      Valerie ballte unbewusst eine Faust. Das war nicht Caroline, die da redete. Es mochten zwar ihr Körper und ihre Erinnerungen sein, doch nicht ihr Wesen. Sie war die Güte in Person und würde niemals jemandem nach dem Leben trachten!
      „Wer bist du wirklich?“, wollte Valerie wissen. Konnte es wirklich sein, dass Abigail recht hatte und alle hier besessen waren? Aber so etwas gab es nur in Geschichten!
      „Deine liebe Freundin Caroline, hast du das vergessen? Aber nein … eigentlich bin ich das nicht. Oder doch? Wenn ich es doch nur wüsste …“, murmelte das blonde Mädchen verspielt. „Ich bin ja nicht nur Caroline. Auch Ernie. Und Lily. Debbie auch. Du siehst? Ich bin überall um euch herum!“
      „Was immer du bist, lass diese Leute gehen!“
      „Oh? Warum denn? Ich werde sowieso verschwinden, wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe.“
      Valerie runzelte die Stirn. „Aufgabe?“
      „Anya zu töten, was sonst? Ich wurde einzig zu diesem Zweck geschaffen. Und wenn mein Werk getan ist, werde ich verschwinden. So funktionieren solche wie ich.“
      „Ich sagte bereits, dass du Anya nicht bekommen wirst!“
      Caroline lachte schrill. „Natürlich. Das war zu erwarten. Und was hindert mich daran, euch alle zu töten? Denk doch mal nach, Anya kannst du sowieso nicht retten. Warum nicht wenigstens deines und das Leben deiner übrigen Freunde? An euch haben wir kein Interesse.“
      „Weil das ungerecht wäre!“
      Tatsächlich war Valerie aber dazu geneigt, über das Angebot nachzudenken. Wäre es denn gerecht, Nick und Abigail nur um Anyas Willen mit ins Verderben zu stürzen? Aber andererseits, wie konnte sie jemanden verraten, der absolut wehrlos war?

      Die falsche Caroline trat einen Schritt vor. „Wenn du meinst? Dann haben wir uns wohl nichts weiter zu sagen.“
      Die Reihen der Besessenen gerieten in Bewegung. Immer enger zog sich die Schlinge um den Hals der Gruppe. Nick wimmerte vor Angst, während Abby sich an Valeries Rücken drückte.
      Doch plötzlich stieß Caroline gegen etwas und fiel zurück. Verwirrt legte sie ihre Hände auf etwas mitten in der Luft, welches wie eine unsichtbare Barriere anmutete. „Verdammt!“
      „Was?“, murmelte Valerie verwirrt.
      „Das … das muss Levrier sein!“, rief Abby überglücklich.
      „Levrier?“
      „Er ist so etwas wie Anyas … Freund. Er beschützt uns! Aber man kann ihn nicht sehen, weil er keinen Körper besitzt.“
      Carolines schnarrende Stimme erklang. „Und wenn schon, dieser Schutzschild ist schwach! Lange wird er nicht halten. Wir müssen nur ein wenig warten … “
      Valerie starrte Nick und Abby an, die sich um Anya kümmerten. Wenn sie bei Bewusstsein wäre, hätten sie vielleicht eine Chance und könnten sich einen Weg durch die Besessenen bahnen. Aber gegen so viele war wohl selbst eine Anya Bauer machtlos.
      Was sollte sie nur tun?

      Kämpfe, solange sein Schild euch beschützen kann!

      Valerie schreckte zusammen. „Habt ihr das auch gehört?“
      „Was?“, wollte Abby wissen.
      „Diese … Frau?“
      „Nein. Oder meinst du Caroline?“
      „N-nein, schon gut.“ Valerie blinzelte verdutzt. Wen oder was hatte sie da gerade gehört? Sie solle kämpfen? Gegen wen? Caroline?
      Die wartete samt ihrer Anhängerschaft mit einem finsteren Lächeln. Aber gesagt schien sie nichts zu haben. Und auf einmal kam Valerie eine Idee. „Hör zu! Ich mache dir einen Vorschlag! Wir duellieren uns um Anya!“
      „Ach wirklich? Warum sollte ich das wollen? Ich hab sie doch schon und muss nur darauf warten, dass diese Barriere verschwindet. Was nicht lange dauern wird.“
      „Bist du dir da wirklich so sicher? Wenn Anya erstmal aufgewacht ist, wird die Barriere viel stärker werden. Außerdem wird sie dann in der Lage sein, dich zu vernichten!“
      Was redete sie da eigentlich, fragte sich Valerie irritiert.
      „Du lügst.“ Doch hundertprozentig überzeugt hörte sich Caroline dabei nicht an.
      „Ach ja? Die Chancen stehen 50/50. Klar, wenn Anya nicht aufwacht, sind wir alle verloren. Tut sie es aber, seid ihr die Dummen. Ich möchte mich aber nicht auf Eventualitäten verlassen! Entweder du trittst gegen mich in einem Duell an und lässt uns gehen, wenn du verlierst, oder wir warten jetzt schön ab und fordern das Schicksal heraus. Was sagst du dazu?“
      Caroline legte ihre Stirn in tiefe Falten. Dann nickte sie. „Mir gefällt deine Denkweise. Nun gut, lass uns sehen, ob du deines Glückes Schmied sein kannst.“

      Einer der Besessenen reichte Caroline eine Duel Disk. Valerie trug ihre bereits um den Arm, denn sie hatte ursprünglich vorgehabt, ihrer Freundin damit eine Freude zu bereiten. Sie hätte nie damit gerechnet, dass das Duell unter diesen Umständen stattfinden würde.
      Die Schwarzhaarige wusste, dass dieses Wesen sich nicht an die Abmachung halten würde, wenn der Schutzschild erst einmal verschwunden war. Deswegen waren es tatsächlich Anya und ihr geheimnisvoller Freund, auf den sich Valerie verließ. Vielleicht konnte sie durch dieses Duell genug Zeit erkaufen, bis Anya aufwachte. Denn das Mädchen bezweifelte nicht, dass Caroline bereits versuchte, die Barriere zu knacken. Was ihr in einem Duell womöglich schwerer fallen würde. Einen Versuch war es zumindest wert.

      Von der unsichtbaren Mauer getrennt, bezogen die beiden jungen Frauen schließlich Stellung.
      „Du wirst nicht gegen mich bestehen“, hauchte Caroline bittersüß.
      „Wenn du dich so duellierst wie die echte Caroline es tut, dann würde ich keine solche Aussagen treffen!“
      „Ich kann dir versichern, dass ich nicht wie sie bin. Also, fangen wir an?“
      Valerie nickte und so riefen sie: „Duell!“

      [Valerie: 4000LP / Caroline: 4000LP]


      Nachdem beide ihre Starthand gezogen hatten, sprach Caroline: „Da du mich herausgefordert hast, möchte ich dieses Spiel beginnen.“
      Valerie musterte skeptisch ihr Blatt und nickte. Sie hatte schon bessere Hände gehabt, aber vielleicht war das gar nicht so verkehrt, denn immerhin musste sie auf Zeit spielen.
      „Ich setze eine Karte verdeckt. Damit beende ich meinen Zug“, rief Caroline. Vor ihr tauchte die gesetzte Karte auf.

      Wortlos zog nun Valerie auf. Nur eine verdeckte Karte? Das bedeutete nichts Gutes. Vermutlich sann dieses Wesen darauf, dass sie kopflos Monster beschwor und angriff. Das wäre, was Anya tun würde. Aber die Gelegenheit war zu günstig, um sie einfach verstreichen zu lassen. Schon jetzt einen direkten Treffer zu landen, würde ihr einen großen Vorteil verschaffen.
      Sollte sie es wagen? Valerie beschloss, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Früher oder später würde Caroline die Karte ohnehin aktivieren und da war ihr 'früher' lieber, wenn sie noch genug Ressourcen besaß.
      „Ich rufe [Gishki Noellia]!“
      Vor Valerie erschien eine finstere Zauberin mit feuerrotem Haar, die einen Stab schwang. Mit diesem zeigte sie auf die blaue Duel Disk ihrer Besitzerin.

      Gishki Noellia [ATK/1700 DEF/1000 (4)]

      „Noellia wird nun die obersten fünf Karten meines Decks kontrollieren und alle Gishki-Monster und Ritualkarten auf den Friedhof schicken. Der Rest jener Karten wird danach unter mein Deck gelegt!“
      Die Abbilder von fünf Karten erschienen vergrößert vor Valerie. Sie zeigten die Vorderseite beidseitig, damit auch Caroline alles mitverfolgen konnte.
      Die Karten hießen, von links nach rechts, [Poseidon Wave], [Gishki Beast], [Evigishki Soul Ogre], [Mystical Space Typhoon] und [Gishki Aquamirror].
      Sehr gut, dachte Valerie zufrieden und legte die drei Gishki-Karten auf ihren Friedhof, während sie die restlichen Karten unter ihr Deck schob. „Nun aktiviere ich den Effekt des Zeremonienspiegels auf meinem Friedhof! Ich schicke ihn in meinen Kartenstapel zurück und darf dafür ein Gishki-Ritualmonster vom Friedhof auf die Hand nehmen! Und die einzige mögliche Wahl ist [Evigishki Soul Ogre]!“
      Nun hielt Valerie sechs Karten auf der Hand und besaß ein relativ starkes Monster auf dem Spielfeld. Trotzdem mangelte es ihr an dem nötigen Ritualzauber, um ihren Oger beschwören zu können.
      Aber auch so würde sie es wagen und angreifen. Ohne mit der Wimper zu zucken, zeigte sie auf ihre besessene Freundin. „Noellia, direkter Angriff!“
      Ihre Magierin richtete den Stab auf Caroline und ließ eine Wasserfontäne daraus hervor spritzen, die durch ihr Zielobjekt hindurch schoss.

      [Valerie: 4000LP / Caroline: 4000LP → 2300LP]


      Valerie war verwirrt. Sie hatte mit einem Konter gerechnet, doch dieses Wesen hatte den Angriff geschehen lassen. Sein Blatt konnte unmöglich so schlecht sein, dass es nicht einmal ein Monster zu seinem Schutz einzusetzen vermochte. Was also plante es?
      „Ich setzte eine Karte verdeckt“, rief Valerie. Sie würde es sowieso herausfinden. Aber sie würde darauf vorbereitet sein! „Damit beende ich diesen Zug.“
      „Bevor du das tust, aktiviere ich meine Schnellzauberkarte. [Fires of Doomsday]!“
      Zwei kleine Gestalten aus schwarzen Flammen entstiegen aus dem Boden. Jedes von diesen puppenhaften Wesen besaß ein Auge, welches finster Valerie anstarrte.

      Doomsday-Token x2 [ATK/0 DEF/0 (1)]

      „Wie du siehst, hat meine Zauberkarte zwei Spielmarken erschaffen“, sagte Caroline von sich eingenommen. „Und wie ihr Name schon sagt, werden sie dein Untergang sein.“
      Valerie kräuselte die Stirn. Warum hatte ihre Gegnerin diese Spielmarken nicht dazu benutzt, ihre Lebenspunkte zu schützen? Die Antwort war im Grunde simpel. Sie wollte sie für etwas Größeres opfern. Aber das Mädchen sah darin keine Bedrohung. Sollte Caroline es doch versuchen.
      Stattdessen warf sie einen Blick auf Anya. „Wie geht es ihr?“
      „Die ist vollkommen weggetreten“, meinte Abby besorgt. „Dass ich Anya mal so sehen würde … Ich möchte nicht dabei sein, wenn sie aufwacht.“
      Falls sie denn noch aufwachen würde, dachte Valerie nervös. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Spielfeld.

      „Ich ziehe!“, kündigte Caroline an und lächelte dabei derart boshaft, dass Valerie eine Gänsehaut bekam. „Nun denn, sicher hast du es dir schon gedacht, aber ich werde meine Monster opfern! Sieh her, wie schwarzes Licht diese Welt regieren wird! Erscheine, [The Supremacy Sun]!“
      Valerie wich zurück. Die Spielmarken lösten sich auf und gleichzeitig wurde es immer dunkler. Das ging soweit, dass sie ihre eigene Hand nicht mehr Augen sehen konnte. Dann leuchtete ein Symbol in der Ferne. Eine stilisierte Sonne. Es wurde wieder heller und man konnte sehen, dass sie inmitten des Körpers eines großen Wesens steckte. Mit ausgebreiteten, klauenbesetzen Händen erschien dieses schwebende Wesen wie ein finsterer Engel, denn leuchtende Schwingen traten aus dem schwarzen Leib hervor. Tatsächlich sah es in seiner Körperhaltung einer stilisierten Sonne ebenso ähnlich, wie das Pendant in seiner Körpermitte.

      The Supremacy Sun [ATK/3000 DEF/3000 (10)]

      „Siehe, wie die Macht der schwarzen Sonne alles verbrennt!“, rief Caroline hysterisch.
      „Dann löschen wir sie doch einfach!“, erwiderte Valerie entschlossen. Sie schwang den Arm aus. „Verdeckte Falle, [Torrential Tribute]! Wenn ein Monster beschworen wird, kann ich hiermit das gesamte Spielfeld von unseren Kreaturen befreien! Ich fürchte, deine Arbeit hat sich nicht ausgezahlt!“
      Eine gewaltige Sturmflut schoss aus Valeries Falle und riss sowohl [Gishki Noellia], als auch [The Supremacy Sun] mit sich. Das Feld war wieder vollkommen leer.
      Caroline schaute erstaunt auf die Stelle, die ihr Monster soeben noch eingenommen hatte. Dann sprach sie: „Gut gemacht. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich setzte eine Karte verdeckt und lass dich gewähren!“

      Valerie atmete tief durch. Das hatte doch wunderbar geklappt. Wenn das so weiter ging, konnte sie das Feld für eine Weile dominieren. Hoffentlich lange genug, damit Anya aufwachen konnte. Sie würde einen Ausweg finden, da war Valerie sich sicher. Denn ein Dickkopf wie sie würde sich bestimmt nicht von ein paar Zombies, oder was auch immer sie waren, einschüchtern lassen. Und wenn Abigail wirklich recht hatte, verfügte Anya über Kräfte, die vielleicht denen von Caroline gleich kamen. Es musste einfach so sein, denn warum sonst würde dieses Ding Anya umbringen wollen?
      Das Mädchen musste schmunzeln. Obwohl eigentlich sie hier kämpfte, war es nicht ihre Rolle, die große Heldin zu sein. So war es schon auf dem Eis gewesen, als man Anya ihretwegen auf die Reservebank gesetzt hatte. Das hatte Valerie nicht gewollt. Aber damit war Anya den Kämpfen entkommen, während sie selbst um ihr Leben gefürchtet hatte. Es war nicht anders als jetzt.
      Schade … in einem anderen Leben wären sie vermutlich die besten Freundinnen.

      Schließlich widmete sie sich wieder dem Duell. Caroline würde bestimmt nicht so schnell aufgeben, dachte sie bitter. Das war bisher zu leicht.
      „Alles klar“, rief Valerie erhaben, „ich ziehe!“
      Mit Schwung nahm sie die nächste Karte auf. Doch bevor sie nur einen Blick darauf werfen konnte, wurde es wieder pechschwarz um sie herum. In der Dunkelheit war nur der Regen und Donner zu hören, doch selbst das Licht der Blitze konnte diese Finsternis nicht durchdringen.
      Und dann war es wieder da! Das Symbol der Sonne!
      Valerie schreckte auf, als das Licht zurückkehrte. Und mit ihm war die Kreatur gekommen, die sie eben erst vernichtet hatte!

      The Supremacy Sun [ATK/3000 DEF/3000 (10)]

      Caroline lachte hysterisch und steckte eine ihrer Handkarten in den Friedhofsschacht ihrer Duel Disk. „Es ist zwecklos, Val! Egal wie oft du [The Supremacy Sun] vernichtest, sie wird jedes Mal während der Standby Phase vom Friedhof auferstehen, solange ich nur eine Karte abwerfe. Ein endloser Kreis aus Tod und Wiedergeburt!“
      Schweiß stand auf Valeries Stirn. Der Anblick dieser finsteren Kreatur ließ sie erschaudern. War dieses Ding wirklich unsterblich? Nein! Sie würde einen Weg finden, wie sie diesen Kreis durchbrechen konnte!
      „Du hattest die Wahl, Val. Nun sieh, wofür du dich entschieden hast!“, rief Caroline höhnisch.
      Valerie musste grinsen. Sie hatte sich für das Leben entschieden. Und diesen Pfad würde sie mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft beschreiten, egal wer sich ihr da in den Weg stellte!


      Turn 07 – The Holy Maiden
      Valerie wird immer mehr von ihrer besten Freundin Caroline und deren Monster [The Supremacy Sun] in die Ecke gedrängt. Alle Versuche, diese mächtige Karte zu vernichten, scheitern kläglich. Doch plötzlich spricht eine Stimme zu Valerie, die sich als niemand anderes vorstellt als Joan of Arc – die heilige Johanna von Orléans – und ihre Hilfe anbietet. Ein Fünkchen Hoffnung entflammt in Valerie, die entschlossen ist, Anya und ihre Freunde zu beschützen.



      Verwendete Karten:

      Spoiler anzeigen
      Valerie

      Evigishki Soul Ogre
      Gishki Noellia
      Gishki Beast

      Gishki Aquamirror
      Mystical Space Typhoon

      Poseidon Wave
      Torrential Tribute

      Caroline

      The Supremacy Sun

      Fires Of Doomsday

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von -Aska- ()

      @analog:
      Dann ist es schön, dass du diese Geschichte jetzt gefunden hast, denn sonst würdest du definitiv etwas verpassen. Und keine falsche Scheu, deine Meinung zu den Folgen zu posten, wenn du nach und nach aufholst und auf den aktuellen Stand kommst :)

      @-Aska-
      Keine Sorge, ich halte wacker das Banner in Vertretung für alle Leser hoch, die lieber anonym bleiben wollen xD

      Und joa, das mit dem Mal hab ich mir auch so gedacht, glaub aber dass wir nie darüber geredet haben. Aber wäre irgendwie ein interessanter Gedanke, wenn sich einer versucht den Arm abzuhacken um sein Mal loszuwerden, nur um es dann an einer anderen Stelle zu haben, der arme Tropf.

      @Folge
      Den ersten Gedanken, den ich beim Namen Victim's Sanctuary hatte war: Eine Irrenanstalt mit dem Namen, besteht da ein Zusammenhang mit Anyas Opfern? Und Tatsache, da waren sogar einige darunter, naja, auch wenn sie dort wegen einem 'ganz' anderem Grund waren. Aber meine Güte, kam mir das nur so vor, oder war gefühlt ne ganze Klasse von Anyas Schule in dem "Irrenknast" unterwegs, bei den ganzen wandelnden Halbleichen? xD

      Die Beschreibung von VS hat mir aber gut gefallen. Besonders hervorzuheben war aber der prima Sprung von Anyas auktorialer Erzählperspektive auf Valeries. Das hat sich richtig gut gelesen. Während Anyas Perspektive immer durch ihr gewaltbetontes und plumpes Wesen sowie die zahlreichen Sprüche und Gags eine ganz eigene Art entwickelt hat, so konnte auch Valeries mit ganz persönlichen, typischen Merkmalen aufwarten. Bei ihr war es jedoch mehr eine durchdachte Denkweise und kesse Art, und stellte so deutlich einen Kontrast zu Anya da.

      Und ich würd ja noch liebendgern das GX-Klischee kritisieren, aber die "Duellzombies" sind dir ganz gut gelungen. Gerade diese ganzen Besessenen wenn man so will, die einen gegebenen Befehl ausführen und dabei komplett eigenständig agieren können, war okay. Aber auch, dass du das ganze etwas ins Witzige gezogen hast, da Valerie selbst den Vergleich mit Zombies zieht, war lustig.

      Aber die Folge hat sich von Anfang bis Ende zunehmend steigern können finde ich. Natürlich würde mir gerade Anya das krumm nehmen, wenn man berücksichtigt, dass nach etwa der Hälfte der Folge die Perspektive auf Valerie übersprang. In dem Sinne freu ich mich natürlich nochmal auf Part 2, wo das fortgesetzt wird. :^^:
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      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Wie immer vielen lieben Dank an alle, die hier lesen.

      @analog
      Dein Kommentar sagt mir ebenso wenig.

      @Evil Bakura
      Tja, wer weiß, vielleicht kommt irgendwann mal jemand auf den Gedanken? xD
      Die Preisfrage is ja: welche von den Victims waren schon vorher dort, sozusagen eingeliefert von Anya höchstpersönlich? xD
      Ich finds sehr angenehm, auch mal andere Sichtweisen darzustellen, etwas, das dir sicherlich bekannt vorkommen dürfte. :) Wobei der Sprung von Anya zu Val ja wirklich ein enormer ist.
      Aber naja ... Anya wirds abkönnen müssen, dass sie mal nicht im Rampenlicht steht. Gibt Schlimmeres ... z.B. wenn Val im Rampenlicht steht. :D


      Turn 07 – The Holy Maiden



      Schweiß rann über Valeries sonst so makelloses Gesicht. Wie konnte sie bloß gegen eine Kreatur bestehen, die derart stark war und dazu noch fast unsterblich?
      Da war es, vor Caroline, das schwarze Ungetüm mit den leuchtenden Schwingen, welches in seiner Körperhaltung wie eine dunkle Sonne wirkte. Daher auch sein Name.

      The Supremacy Sun [ATK/3000 DEF/3000 (10)]

      Darüber hinaus verfügte die blonde Caroline noch über eine verdeckte Karte, wohingegen Valeries Spielfeldseite völlig leer war.
      Das Mädchen sah auf ihren Lebenspunktezähler. Immerhin hier war sie im Vorteil.

      [Valerie: 4000LP / Caroline: 2300LP]


      Sie warf einen Blick über die Schulter. Anya war immer noch bewusstlos und von Nick und Abby umringt. Hinter der unsichtbaren Mauer, die im Moment das Einzige war, was sie schützte, lauerte eine ganze Horde Besessener. Dasselbe Schauspiel auf der anderen Seite der ehemaligen Galerie, die nunmehr nur noch ein steriler, weißer Gang war. Allen voran stand dort Caroline mit einem finsteren Lächeln und duellierte sich mit ihr. Nach wie vor war der Strom ausgefallen, dafür erhellten gelegentlich Blitze die Räumlichkeiten der Irrenanstalt Livingtons.

      „Du siehst so nervös aus. Stimmt etwas nicht?“, säuselte Caroline hämisch.
      „Alles bestens“, log Valerie. Gar nichts stimmte! Wenn Anya nicht bald aufwachte, würden sie alle sterben! Damit jene genug Zeit dafür bekam, duellierte sie sich schließlich. Denn sie wusste, dass das Duell um Anya nur eine Farce war und dieses Wesen sie alle töten würde, selbst im Falle von Valeries Sieg.
      Diese warf einen Blick auf ihr Blatt. Immerhin war es ihr Zug. Und sie hatte etwas Großartiges gezogen!
      „Okay, ich werfe jetzt [Gishki Shadow] von meiner Hand ab“, rief sie und hielt die Karte zwischen ihren Fingern. Wie gut, dass sie dieses Monster gezogen hatte! „Damit kann ich einen [Gishki Aquamirror] von meinem Deck auf die Hand nehmen!“
      Und mit der Ritualzauberkarte in ihrem Besitz hatte sie alles, was sie brauchte, um sich gegen Carolines Monster zur Wehr zu setzen. „Diesen aktiviere ich jetzt! Und indem ich [Gishki Vision] als Tribut für das Ritual anbiete, brauche ich keine weiteren Monster opfern, denn [Gishki Vision] füllt trotz seiner niedrigen Stufe den Rest der benötigten Level durch seinen Effekt aus! Komm nun aus endlosen Kristallfontänen herbei, [Evigishki Soul Ogre]!“
      Zufrieden betrachtete Valerie, wie immer mehr Wassersäulen um sie herum aus dem Boden schossen. Aus dem entstehenden Kreis tauchte eine Kreatur auf, die auf zwei Beinen stand und in ihrer amphibischen Erscheinungsform auf so manchen furchteinflößend wirken mochte.

      Evigishki Soul Ogre [ATK/2800 DEF/2800 (8)]

      „Monstereffekt!“, rief Valerie und deutete mit ihrem Arm auf das Ritualmonster. „Indem ich ein Gishki-Monster, wie zum Beispiel [Evigishki Mind Augus] von meiner Hand abwerfe, kann ich eine deiner offenen Karten zurück auf dein Deck legen. Und dreimal darfst du raten, wer-“
      „Nicht so schnell. Willst du das wirklich tun? Also ich für meinen Teil würde das eher ungern sehen. Deswegen aktiviere ich meine verdeckte Schnellzauberkarte: [Forbidden Chalice]! Damit wird der Effekt deines Ogers diese Runde negiert, wofür er aber 400 Angriffspunkte erhält.“
      Valerie erschrak, als die Karte vor Carolines Füßen aufsprang. Auf ihr war eine junge Frau in weißer Tunika abgebildet, die einen goldenen Kelch in der Hand hielt. Besagter Kelch erschien plötzlich in der Hand ihres Monsters und töricht wie es war, trank das Amphibienwesen gierig daraus. Nur um anschließend zu würgen.

      Evigishki Soul Ogre [ATK/2800 → 3200 DEF/2800 (8)]

      Wütend ballte Valerie eine Faust. Das wäre die Gelegenheit gewesen, [The Supremacy Sun] außer Gefecht zu setzen, da diese nur vom Friedhof zurückkehren konnte. Doch Caroline hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht.
      Die Schwarzhaarige betrachtete ihre letzten beiden Handkarten. Mit ihnen würde sie nichts gegen dieses Wesen ausrichten können. Alles was sie im Moment tun konnte war anzugreifen. Also befahl sie: „Los Soul Ogre, Fountain of Destruction! Vernichte ihr Monster!“
      Ihr Oger hob die Arme und ließ unter [The Supremacy Sun] eine glühend heiße Fontäne sprießen, die das Wesen mit sich riss und verbrannte. Caroline blieb völlig unbeeindruckt.

      [Valerie: 4000LP / Caroline: 2300LP → 2100LP]


      „Mein Zug ist damit beendet“, sagte Valerie bitter.
      Ihr Oger spuckte plötzlich den Wein aus, den er zu sich genommen hatte. Zwar konnte er seinen Effekt nun wieder aktivieren, doch würde er gewiss nicht lange genug leben, um noch einmal die Gelegenheit dazu zu bekommen …

      Evigishki Soul Ogre [ATK/3200 → 2800 DEF/2800 (8)]

      „Mein Zug“, sprach Caroline gelangweilt und zog. Dann nahm sie eine Karte aus ihren Blatt und schickte sie auf den Friedhof. „Indem ich als Kosten diese hier abwerfe, wird [The Supremacy Sun] während der Standby Phase wiedergeboren!“
      Der Gang der Irrenanstalt verfinsterte sich derart, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Dann leuchtete das Siegel in der Körpermitte und die Schwingen des schwarzen Wesens zeichneten sich immer deutlicher in der Dunkelheit ab, ehe das Licht zurückkehrte und mit ihm [The Supremacy Sun].

      The Supremacy Sun [ATK/3000 DEF/3000 (10)]

      „Egal, wie oft du es auch versucht“, höhnte Caroline, „meine Kreatur der Finsternis wird immer wieder zurückkehren, und wenn du sie noch so oft zerstörst. Gib auf und erspare dir unnötige Qualen!“
      „Niemals!“ Aufgeben würde sowieso nichts an den Tatsachen ändern. Außerdem wollte Valerie die anderen nicht im Stich lassen. Das hatte sie sich geschworen und nun würde sie sich daran halten. Bis zum bitteren Ende, wenn es sein musste!
      „Gut, wie du willst. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, törichtes Weibsbild! Ich beschwöre [Double Coston] im Angriffsmodus!“
      Zwei tanzende Schatten erschienen, die ineinander verkeilt waren. Beide hatten Schlitzaugen und kleine Münder, aus denen blaue Zungen ragten, mit denen sie ihre Feindin verhöhnten.

      Double Coston [ATK/1700 DEF/1650 (4)]

      „Und nun, [The Supremacy Sun], vernichte [Evigishki Soul Ogre]! Solar Flare!“
      Die finstere Kreatur streckte seinen Körper durch und schoss aus dem Sonnenemblem auf seiner Brust einen gewaltigen Lichtstrahl, der Valeries Monster binnen eines Herzschlags versengte.
      Das Mädchen spürte die Hitze am ganzen Leib und wandte sich aufgrund der Intensität des Strahls geblendet ab. Dabei schrie sie, denn das Licht schmerzte auf ihrer Haut – was vollkommen unmöglich war!

      [Valerie: 4000LP → 3800LP / Caroline: 2100LP]


      „Oh, hat das ein wenig gebrannt?“, fragte Caroline zuckersüß. „Das tut mir leid. Eigentlich solltest du vor Schmerzen wahnsinnig werden. Aber dafür haben wir ja noch [Double Coston]. Direkter Angriff auf ihre Lebenspunkte!“
      Valerie schreckte auf. Sie sah nur noch, wie die Schattenzwillinge durch sie hindurch schossen und sie dadurch zu Boden warfen. Hart kam sie auf ihrem Hinterteil auf und spürte gleichwohl Übelkeit in sich aufwallen. Wie ein Schwall ergoss es sich über sie, sie konnte nur noch den Mund öffnen, aus dem endlos viele Würmer auf ihr weißes Kostüm fielen.
      Schreiend sprang sie auf, fasste sich in den Mund, wischte die Würmer von sich und schrie mit Tränen in den Augen.
      Caroline lachte dabei nur hysterisch.

      [Valerie: 3800LP → 2100LP / Caroline: 2100LP]


      „Sieh an, sieh an. Ist das nicht eklig?“
      Nachdem Valerie glaubte, keine Würmer mehr im Mund zu haben, sah sie ihre Gegnerin fassungslos an. Heiser brach sie hervor: „Wie geht das!? Das wirkte so real!“
      „Schätzchen, das war real. Oder seit wann schmecken Hologramme nach Verwesung?“
      Im Zuge dessen übergab sich Valerie noch einmal, dieses Mal jedoch richtig.
      „Ich hatte dich gewarnt, Val, aber du wolltest ja nicht hören. Glaub mir, ich habe noch viel Schlimmeres parat. Noch kannst du es dir anders überlegen. Bis dahin beende ich meinen Zug aber.“

      Mit zitternder Hand wischte sich Valerie über den Mund. Noch immer hatte sie den widerlichen Geschmack der Würmer auf den Lippen. Und Furcht breitete sich in ihr aus. Was, wenn diese Dinger noch in ihr waren? Wieder wurde ihr übel, doch sie konnte sich mit aller Mühe beherrschen.
      Das war bestimmt nur ein Trick von diesem Ding!
      „M-mein Zug“, stammelte sie und zog.
      „Bist du okay“, fragte Abby sie besorgt.
      „Geht schon, danke … Was ist mit Anya?“
      Der brünette Hippie schüttelte den Kopf. „Immer noch nichts.“
      „Werden die uns fressen?“, fragte Nick ängstlich. „Ich bin viel zu jung zum Sterben! Mach was, Valerie!“
      „Ich versuche es“, sprach diese und fühlte sich dabei schrecklich hilflos. Wie konnte sie gegen ein Wesen wie dieses bestehen? Sie war nur ein Mensch! Und dass sie die Verantwortung für mindestens drei weitere Leben trug, machte alles nur noch schlimmer.

      Sie betrachtete ihr Blatt. Nichts Gutes war dabei. „Also gut. Ich aktiviere [Hand Destruction]! Damit werfen wir beide zwei Karten ab und ziehen dann zwei neue!“
      Beide Mädchen legten aufgrund des Effekts von Valeries Zauberkarte ihr gesamtes Blatt ab, welches ironischerweise aus je genau zwei Karten bestand, und zogen auf.
      „Schon besser“, murmelte Valerie. „Ich aktiviere [Salvage]! Damit kann ich zwei Wasser-Monster mit höchstens 1500 Angriffspunkten von meinem Friedhof bergen und auf die Hand nehmen! Ich entscheide mich für [Gishki Vision] und [Gishki Shadow]!“
      Kaum hatte sie die beiden Monster auf der Hand, zückte sie die nunmehr dritte Zauberkarte in diesem Zug. „[Pot of Avarice]! Ich mische fünf Monster in mein Deck zurück und ziehe danach zwei Karten.“
      Das Problem war, dass auf ihrem Friedhof sechs Monster lagen. Zwei davon waren Evigishki-Ritualmonster, die sie durch den Zeremonienspiegel auf ihrem Friedhof zurück auf die Hand erhalten, und mit den beiden Gishki-Monstern auf ihrem Blatt auch beschwören konnte. Die Frage war nur, für welches sollte sie sich entscheiden? Denn auf eines würde sie verzichten müssen und sie wusste nicht, was sie anschließend ziehen würde. Beide waren von der Angriffskraft her zu schwach, um sich mit [The Supremacy Sun] zu messen.
      Mit Soul Ogre könnte sie Carolines finstere Kreatur ins Deck zurückschicken. Doch brauchte sie hierfür eine glückliche Hand, denn dazu müsste sie zusätzlich ein Gishki-Monster nachziehen. Mind Augus auf der anderen Seite konnte [The Supremacy Sun] vom Friedhof ins Deck mischen, womit dieses Wesen sicher nicht rechnete. Bloß dazu müsste Valerie etwas ziehen, womit sie Carolines Monster zerstören konnte.
      Beide Karten bargen demnach ein gewisses Risiko, doch da Soul Ogre bereits einmal versagt hatte und Caroline diesen bereits kannte, wollte sie es nun mit ihrem anderen Ritualmonster versuchen! Hoffentlich war sie dieses Mal erfolgreicher …

      „Okay“, rief sie und zeigte die fünf gewählten Monster vor. „Ich mische [Gishki Noellia], [Gishki Beast], die eben abgeworfenen [Gishki Reliever] und [Gishki Emilia] sowie [Evigishki Soul Ogre] in mein Deck zurück und ziehe zwei Karten!“
      Und als sie dies getan hatte und die neuen Karten in ihrer Hand ansah, wusste sie, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte! In ihrem Inneren spürte sie etwas, es war wie eine Kraft, die ihr den Weg wies. Wenn sie ihr weiter folgen würde, konnte sie das Spiel vielleicht noch für sich entscheiden!
      „Nun schicke ich [Gishki Aquamirror] von meinem Friedhof in mein Deck zurück, um das Ritualmonster [Evigishki Mind Augus] von dort auf meine Hand zu bringen. Doch da wird mein Spiegel nicht lange bleiben, denn ich werfe [Gishki Shadow] ab, um ihn mir sogleich wieder auf die Hand zu holen!“
      Mit der Ritualzauberkarte in den Händen hatte sie nun alles beisammen, um [The Supremacy Sun] zu besiegen.
      „Was immer du auch tust, du wirst scheitern“, versprach Caroline hochmütig. „Ein schwacher Mensch wie du kann gegen solche wie mich nicht bestehen. Und das weißt du auch.“
      „Probieren geht über studieren sagt man doch immer! Deswegen würde ich mich gerne selbst davon überzeugen“, erwiderte Valerie entschlossen. Es gehörte bei Duel Monsters praktisch zum guten Ton, seinen Gegner psychisch unter Druck zu setzen, deswegen machte sich das Mädchen nichts aus den Worten dieses Dings. Sie hatte ein Ziel vor Augen und würde es verfolgen, egal was dieses Wesen sagte. „Und jetzt aktiviere ich den Zauber [Smashing Ground]! Er zerstört das Monster mit der höchsten Verteidigung auf deiner Spielfeldseite! Und das ist eindeutig [The Supremacy Sun]!“
      In einer Explosion ging die schwarze Sonne unter. Doch wie nicht anders zu erwarten war, berührte dies Caroline nicht weiter. Hatte sie schließlich keinen Grund zur Sorge – noch nicht!
      „Nun aktiviere ich [Gishki Aquamirror]! Mit ihm beschwöre ich jetzt [Evigishki Mind Augus], indem ich [Vision Gishki] als Opfer anbiete. Dabei trägt es abermals alle Kosten des Rituals! Entsteige aus der Tiefe, Mind Augus!“
      Aus dem Boden begann Wasser zu schwappen. Es überflutete kurzerhand den gesamten Gang, ehe aus einer Fontäne ein riesiger Fisch, dessen Seitenflossen wie Flügel wirkten, die ihn durch die Lüfte trugen. Auf ihm saß eine blauhaarige Zauberin, welche ihn kontrollierte.

      Evigishki Mind Augus [ATK/2500 DEF/2000 (6)]

      „Effekt von Mind Augus aktivieren!“, befahl Valerie gebieterisch. „Ich kann nun fünf Karten von beiden Friedhöfen in die Decks ihrer Besitzer zurückschicken! Und du weißt, was das heißt!“
      „Natürlich“, antwortete Caroline leise. „Und genau deswegen werde ich es nicht zulassen! Ich aktivere [Effect Veilers] Fähigkeit von meiner Hand!“
      Valerie sah fassungslos mit an, wie eine winzige Fee ganz in Weiß vor ihrer Fischkreatur auftauchte und ihre kleine Hand auf ebenjene legte.
      „Indem ich sie abwerfe, werden die Effekte deines Monsters bis zum Ende des Zuges annulliert! Dachtest du, ich wüsste nicht, wie dein Deck funktioniert? Immerhin kann ich frei auf die Erinnerungen deiner kleinen Freundin zugreifen!“
      Die Schwarzhaarige starrte aufgelöst ihre besessene Freundin an. Draußen schüttete es wie aus Gießkannen, es blitzte und donnerte. Doch sie hörte es nicht. Denn ihre Gedanken kreisten sich allein darum, wieder am Versuch, dieses grässliche Wesen zu versiegeln, gescheitert zu sein. Vielleicht gab es gar keinen Weg [The Supremacy Sun] endgültig zu vernichten?
      Caroline schien ihre Gedanken gelesen zu haben, denn sie sagte: „Verstehst du es endlich? Der Kreislauf von Tod und Wiedergeburt darf nicht unterbrochen werden. Genau wie der Wechsel zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Wer sich daran zu vergehen versucht, wird seines Lebens nie wieder froh werden. Und solche wie du, die nicht einmal die Kraft besitzen, die Gesetze der Natur zu brechen, sollten es auch gar nicht erst versuchen.“
      „Nein!“, donnerte Valerie. „Nein! Ich kann jetzt nicht aufgeben! Das wäre Verrat an Abigail, Nick und auch an Anya! Und 'er' würde mir auch sagen, dass ich mein Bestes geben soll! Also werde ich das auch! [Evigishki Mind Augus], zerstöre [Double Coston]! Serenade of the Abyss!“
      In der Hand der blauen Zauberin auf dem Fischwesen erschien eine goldene Harfe. Auf ihr spielte sie eine wunderschöne Melodie, welche das Monstrum dazu brachte, einen gewaltigen Wasserstrahl auf die Schattenzwillinge abzufeuern. Diese verschwanden einfach innerhalb des Stroms.

      [Valerie: 2100LP / Caroline: 2100LP → 1300LP]


      Valerie sah ihre letzte Handkarte an. Die Falle war keine Lösung für ihr Problem, aber zumindest konnte sie sich damit vielleicht noch einen oder zwei Züge erkaufen. Sie legte die Karte in ihre Duel Disk ein, worauf sie vor ihren Füßen erschien, und rief: „Damit bin ich fertig!“
      „Oh, glaub mir, das bist du in der Tat“, murmelte Caroline bitterböse.

      Plötzlich erklang Gestöhne hinter Valerie, die regelrecht herumwirbelte.
      Blinzelnd schlug Anya die Augen auf und fasste sich an den Kopf. „Ich fühle mich, als hätte mich ein Laster überrollt …“, krächzte sie dabei.
      „Anya!“, strahlte Abby überglücklich und half ihr, sich aufzurichten. „Oh dem Himmel sei Dank, du bist wach! Ich dachte schon-“
      Doch das Gesicht ihrer Freundin verfinsterte sich plötzlich, denn die Erinnerungen kehrten zurück.
      „Okay, Masters, wer wird jetzt gleich ins Gras beißen!?“, fragte Anya herrisch und hielt sich ihre pochende Stirn. Als sie dann Blut an ihren Fingern sah, war es vorbei. Mit einem Wutschrei, der eher einem verletzten Tiger denn einer jungen Frau gehören sollte, sprang die Blondine auf und torkelte flankiert von Nick und Abby zu Valerie.
      „Alter, war sie das!?“, wollte sie dabei wissen und zeigte auf Caroline.
      Doch Valerie konnte nur lächeln. Anya war wach! Es gab also noch Hoffnung!
      „Ja, sie hat dich angegriffen. Aber irgendetwas hat von ihr und den anderen Besitz ergriffen. Sie wollen dich töten!“
      „Mich? Töten!? Niemand tötet eine Anya Bauer, ja wagt es auch nur daran zu denken! Wenn ich mit diesem Püppchen fertig bin, passt sie wieder in den Uterus ihrer Mutter!“
      „Wirst du jetzt deine Kräfte einsetzen?“, fragte Valerie in einer Mischung aus Freude, Faszination aber auch Zweifel, denn sie hatte keine Ahnung, zu was Anya überhaupt imstande war – abgesehen von einer Vielzahl an kreativen Beleidigungen und Gewaltakten natürlich. „Aber bitte, du darfst die Leute hier nicht verletzten, sie sind unschuldig!“
      „Kräfte? Klar! Denen schraube ich die Schädel ab und benutz' sie als Deko für Halloween! Und aus den übrigen Knochen baue ich mir einen Thron, den ich mit ihren Häuten überspannen werde!“
      Die Schwarzhaarige schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, nicht diese Art von Kraft! Deine … anderen Kräfte. Du weißt schon, die, die diese Barriere erzeugen?“
      Anya blinzelte sie voller Unverständnis an. „Andere Kräfte? Barriere? Sag mal, Redfield, hat diese Dumpfralle dir auch was übergezogen? Ich versprühe keinen Feenstaub, so wie du! Höchstens Terror!“
      „Aber- Ich dachte, du kannst-“
      „Hast du was an den Ohren, Redfield?“, herrschte Anya sie an. „Ich sagte gerade, dass ich keine anderen Kräfte habe! Wie kommst du überhaupt auf diese seltendämliche Annahme? Außerdem werde ich auch gar keine Zauberkräfte brauchen, um dieser Hupfdohle und ihrer kleinen Privatarmee die Lichter auszuknipsen!“
      Um ihre Drohung möglichst schnell wahr zu machen, stampfte Anya auf Caroline zu. Doch auf halben Wege knickte sie zur Seite und wurde gerade noch rechtzeitig von Nick aufgefangen.
      „Anyas fallen vom Himmel“, gluckste der.
      „Ich glaub ich muss kotzen“, meinte Anya mit schwacher Stimme. „Mein Schädel platzt gleich. Scheiß Gehirnerschütterung!“

      Valerie indes war fassungslos. Anya war ihre einzige Hoffnung gewesen und jetzt behauptete sie, keine besonderen Fähigkeiten zu besitzen?
      Das Mädchen betrachtete ihre Hände. Dann war ihr Kampf sinnlos. Sobald die Barriere zerstört war, würde dieses Wesen sie alle töten. … Wie hatte sie nur so naiv sein können!? Natürlich hatte Anya keine Superkräfte, wie kam sie überhaupt auf diesen Gedanken? Sie fühlte sich so dumm!

      Niedergeschlagen ließ sie den Kopf hängen.
      „Sieht ganz danach aus, als ob du dich verschätzt hast, Val“, flötete die besessene Caroline triumphierend. „Deine Geheimwaffe hat sich als Niete erwiesen.“
      „Komm her, du Miststück, dann zeige ich dir, wer hier 'ne Niete- Ohhhhh!“ Anya hielt sich den Kopf und fluchte leise, weil sie in ihrem Zustand nicht in der Lage war, ihren Drohungen Taten folgen zu lassen.
      „Es dauert nicht mehr lange, dann ist die Barriere fort“, sprach Caroline weiter. „Bis dahin werde ich dich noch etwas quälen. Du bist schon viel zu lange ein Hindernis und jene mag ich gar nicht. Draw!“
      Sogleich fügte sie die aufgezogene Karte ihrem Blatt hinzu, nahm die andere ihrer beiden Handkarten und legte sie anschließend auf den Friedhof. „Wirf dein schwarzes Licht über uns, [The Supremacy Sun]!“
      Wie schon zuvor, wurde es wieder dunkel und aus der Finsternis erschien die düstere Kreatur, deren gleißende Schwingen ganz im Kontrast zum schwarzen Körper standen.

      The Supremacy Sun [ATK/3000 DEF/3000 (10)]

      „Jetzt vergehe in Verzweiflung“, rief Caroline schrill. „Ich aktiviere [Axe of Despair]! Damit kann ich [The Supremacy Sun] ausrüsten, um ihre Angriffskraft um weitere 1000 Punkte zu erhöhen! Nun ist sie unbesiegbar!“
      In der rechten Hand des Wesens erschien eine Axt aus Holz, auf deren Blatt das Gesicht einer dämonischen Kreatur abgebildet war, welche hinterlistig kicherte.

      The Supremacy Sun [ATK/3000 → ATK/4000 DEF/3000 (10)]

      „Nun vernichte [Evigishki Mind Augus]! Solar Flare!“, brüllte Caroline hysterisch und zeigte auf den überdimensionalen Fisch und seine Reiterin.
      Valerie sah auf, wie die schwarze Sonne in ihrer Brust Licht auflud. Mit ihrer Falle könnte sie den Angriff verhindern und ihnen allen zumindest noch ein wenig Zeit erkaufen. Genug Zeit, um sich mit ihrem bevorstehenden Schicksal auseinander zu setzen …

      Tu es nicht!

      Valerie schreckte auf. Diese Frauenstimme hatte sie schon einmal gehört. Sie warf einen Blick auf Nick und Abigail, die mit Anya zu ringen hatten, weil jene sich nicht mit ihrer gesundheitlichen Lage anfreunden konnte. Die Drei schienen nichts gehört zu haben.

      Lass den Angriff geschehen und folge meinen Anweisungen. Ich werde dich beschützen!

      Irritiert fasste das Mädchen sich am Kopf. Hatte sie während ihres Duells auch etwas abbekommen, so wie Anya sagte? Vielleicht war es auch ein Trick von Caroline, die irgendetwas plante?

      Vertraue mir, egal wie schwer es dir auch fällt. Ich wurde gesandt, um dich zu leiten!

      „Gesandt? Von woher?“, fragte Valerie leise.
      Dann sah sie, wie der Lichtstrahl auf ihr Monster abgefeuert wurde. Sie musste sich jetzt entscheiden. Entweder tat sie, was diese Frau von ihr verlangt hatte, oder sie kämpfte weiter gegen Windmühlen an. Daraufhin erinnerte sich die junge Frau an ihren Schwur, nichts unversucht zu lassen, um die Drei zu beschützen. Also warum sich nicht darauf einlassen, wenn man ihr schon Hilfe in einer aussichtslosen Lage anbot?
      Ihre Fischkreatur wurde durch den Strahl regelrecht vaporisiert, der diesmal so extrem war, dass Valerie vor Hitze nicht mehr atmen konnte. Die Explosion ihres Monsters löste eine Druckwelle aus, die sie von den Beinen riss. Und während ihr schwarz vor Augen wurde, hörte sie nur noch ein grausames Lachen und die Worte: „Zug beendet.“
      Die Rufe der anderen nahm sie nicht mehr wahr.

      [Valerie: 2100LP → 600LP / Caroline: 1300LP]


      Wo war sie? War sie tot?
      Valerie stand inmitten einer Welt aus purer Finsternis. Das einzige Licht drang durch ein Mosaik zu ihren Füßen, das eine goldene Sonne darstellte. Die vielen gelben und orangefarbenen Steine glühten regelrecht und Valerie befürchtete, dass ihre Hitze die Sohlen ihrer weißen Stiefel verbrennen könnte.

      Du bist nicht tot. Ich habe dich zu mir gerufen.

      Aus dem Nichts schritt eine Gestalt über das Mosaik, direkt auf sie zu. Die Frau besaß dunkelblondes, kurzes Haar, welches sie durch ihren markanten Schnitt wie einen Jungen aussehen ließ. Generell wirkte die Fremde sehr burschikos, denn sie trug eine Ritterrüstung und hielt ihren mit weißen Federn verzierten Helm unter dem Arm. An ihrer Hüfte hing ein Waffengurt, dessen Höhepunkt ein langes Schwert in seiner Scheide war.
      „Wer bist du?“, schoss es ehrfürchtig aus Valerie heraus.
      „Eine Gesandte des Herrn. Mein Name lautet Joan of Arc.“ Sie lächelte freundlich. „Vielleicht hast du schon von mir gehört?“
      Und ob Valerie das hatte! Aber sie konnte es nicht glauben. Vor ihr stand Jeanne D'Arc, die heilige Johanna von Orléans! Eine der größten Märtyrerinnen der katholischen Kirche, welche zu Lebzeiten behauptet hatte, Gottes Stimme hören zu können und schließlich als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen hingerichtet worden war.
      „W-wieso bist du hier? I-ich muss träumen, oder?“
      „Nein.“ Die junge Frau schüttelte betrübt den Kopf. „Was um dich herum geschieht, ist traurige Wahrheit. Deine Heimat wird von Dämonen heimgesucht, die finstere Absichten hegen.“
      „W-was für Absichten?“
      Die Heilige schloss die Augen. „Ich weiß es nicht. Das weiß nur Gott und in seiner unendlichen Weisheit hat er mich nicht in seine Pläne eingeweiht.“
      Valerie verstand nicht. Warum war ihr Johanna von Orléans erschienen? Ausgerechnet ihr? An ihr war doch gar nichts Besonderes!
      „Der Herr hat mich geschickt, dich durch die Finsternis zu geleiten“, erklärte die Ritterin nun ernst, fast als habe sie Valeries Gedanken gelesen. „Ich werde dir eine Kraft verleihen, die stark genug ist, um den Willen des Dämons aus deinen Freunden zu vertreiben.“
      „W-Wille des Dämons?“
      Johanna nickte. „Das, gegen welches du kämpfst, ist nicht der wahre Dämon. Es ist nur einer seiner Abkömmlinge, dem die Aufgabe zugewiesen wurde, Anya Bauer zu töten. Wenn er diesen Zweck erfüllt, wird er verschwinden und alle Seelen mit sich nehmen, die er besetzt hält. Deswegen darfst du jetzt nicht aufgeben!“
      „Was was kann ein normaler Mensch wie ich schon tun?“, fragte Valerie verzweifelt und legte ihre Rechte auf die Brust. „Ich bin schwach!“
      „Niemand ist schwach, Valerie“, sagte Johanna sanft, trat zu ihr und nahm ihre Hand. „In dir brennt eine starke Seele, die im Sinne der Gerechtigkeit kämpft. Gott hätte mich nicht zu dir geschickt, wenn er nicht wüsste, dass du deine Freunde retten kannst. Alles was du brauchst ist ein Hoffnungsschimmer und diesen will ich dir geben.“
      Valerie nickte, wobei ihr Tränen in den Augen standen. „Danke, Joan of Arc!“
      Die heilige Ritterin lächelte gütig. „Danke nicht mir, sondern unserem Schöpfer. Nun, Valerie, nimmst du sein Geschenk an?“
      „Natürlich!“, rief sie entschlossen.
      „So sei es!“

      Gleißendes Licht blendete Valerie. Dabei spürte sie eine Kälte ihren Arm hoch kriechen, die sie so noch nie gespürt hatte. Obwohl sie glaubte, zu Eis zu erstarren, fühlte es sich nicht unangenehm an.
      Als das Licht verschwand, war auch die heilige Johanna verschwunden. Erst wusste Valerie nicht, was geschehen war, doch dann fiel ihr Blick auf ihren rechten Unterarm.
      „Was!?“
      Ein blaues Symbol zierte nun jenen. Es war ein fünfzackiger, marineblauer Stern, um den zwei Kreise gezogen waren. Unter ihrer Haut leuchtete er noch ein wenig, doch der Schimmer erlosch schnell. Und als er das tat, zersprang das Mosaik der Sonne in tausende Stücke und Valerie begann zu fallen.

      Fürchte dich nicht! Du bist stärker als du es dir vorstellen kannst!

      Die Worte der heiligen Johanna hörend, schloss Valerie die Augen und ließ sich im ungewissen Nichts treiben. Sie wusste nun, dass ihr nichts geschehen konnte.

      Valerie schlug die Augen auf. Sie lag am Boden, umringt von Abigail und Nick, die ihr langsam aufhalfen, während im Hintergrund Anyas hämisches Gelächter ertönte.
      „Was ist das?“, fragte Abigail verwundert und deutete auf Valeries Arm. „Das sieht doch aus wie-“
      Die Schwarzhaarige bemerkte es auch. Das Mal auf ihrem Unterarm war immer noch da. Und in ihrer Hand, da hielt sie eine Karte.
      „Das kann doch nicht-!“, erschrak sie und betrachtete das Monster genauer. Mit ihm konnte sie-!
      „Steh auf“, herrschte Caroline sie an. „Oder willst du das am Ende gar nicht mehr? Auch gut!“
      „Nichts dergleichen!“, donnerte Valerie selbstbewusst und stand auf. Sie fühlte sich stark wie nie zuvor, als sie sich schwor, alle Anwesenden hier zu beschützen. Wenn Gott an sie glaubte, konnte sie gar nicht verlieren!

      Sie schob Johannas Geschenk in den Schacht ihres Extradecks und trat einen Schritt vor.
      „Mein Zug!“, rief Valerie entschlossen. Sie riss die Karte von ihrem Deck und musste sie nicht einmal ansehen, um zu wissen, was sie gezogen hatte. Denn sie konnte es fühlen. „Verdeckte Falle! [Curse Of Anubis]! Mit ihr wechsle ich alle Effektmonster auf dem Spielfeld in die Verteidigungsposition und lasse ihre Verteidigungspunkte für diesen Zug auf 0 sinken!“
      Hinter [The Supremacy Sun] erschien das durchsichtige Abbild einer riesigen Statue, die einen liegenden, schwarzen Schakal zeigte. Dessen Augen blitzten rot auf und sorgten so dafür, dass Carolines Kreatur seine Arme gekreuzt vor seine Brust hielt und aufhörte zu leuchten.

      The Supremacy Sun [ATK/4000 DEF/3000 → 0 (10)]

      „Was auch immer“, meinte Caroline arrogant. „Selbst wenn du die schwarze Sonne zerstört, wird sie schon bald wieder aufgehen und dich endgültig verschlingen!“
      „Das bezweifle ich stark!“, rief Valerie entschieden und knallte ihre gezogene Karte auf die Duel Disk. „Komm herbei, [Gishki Beast]! Wenn es beschworen wird, kann ich ein Gishki-Monster der Stufe 4 oder weniger von meinem Friedhof in Verteidigungsposition beschwören. So wie [Gishki Shadow], ich rufe dich!“
      Eine amphibische Gestalt erschien vor Valerie, halb Seeungeheuer, halb Echse. Um seinen Hals trug das Ungetüm ein Pendant, welches es berührte und brüllte. Kurz darauf erschien neben ihm ein alter Fischmann, gekleidet in einer schwarzen Robe.

      Gishki Beast [ATK/1500 DEF/1300 (4)]
      Gishki Shadow [ATK/1200 DEF/1000 (4)]

      „Und jetzt“, sprach Valerie ganz ruhig und fixierte den Blick auf ihre nichtsahnende Gegnerin, „erschaffe ich das Overlay Network! Aus meinen beiden Stufe 4-Monstern wird ein Monster vom Rang 4! Xyz-Beschwörung! Höre meinen Ruf, oh Wesen aus tausend Legenden! Zeige dich, [Evigishki Merrowgeist]!“
      Ein schwarzer Wirbel tauchte mitten auf dem Spielfeld auf. Valeries Monster wurden zu blauen Strahlen, die in das Loch gezogen wurden, aus dem nun eine völlig neue Gestalt trat. Wehendes, rotes Haar schmückte das Antlitz der Meerjungfrau, die auf ihrem Rücken zwei Flossen besaß, welche breit wie die Schwingen eines Vogels waren. Wütend peitschte sie mit ihrer Schwanzflosse und richtete ihren Zauberstab entschlossen auf Carolines Monster. Um sie herum tanzten zwei Lichtkugeln.

      Evigishki Merrowgeist [ATK/2100 DEF/1600 {4}]

      Doch die Besessene brach nur in schallendes Gelächter aus. „Mehr hast du nicht auf Lager? Oh du dummes Kind, wann wirst du es endlich lernen? Du kannst mich niemals besiegen!“
      Valerie schüttelte den Kopf. „Ich werde dich nicht nur besiegen, sondern auch den Körpern dieser unschuldigen Menschen vertreiben! Los, [Evigishki Merrowgeist], greife [The Supremacy Sun] an! Sceptre of Foresight!“
      Ihre Meerjungfrau hob den Stab in ihren Händen in die Höhe und ließ daraus ein blaues Licht hervortreten. Dieses schoss auf Carolines Kreatur zu und ließ sie in einer lauten Explosion untergehen.
      „Du Närrin! Nächste Runde wird [The Supremacy Sun] wiederkehren und dann ist dein Leben verwirkt!“, begehrte das Wesen in ihrer Freundin auf.
      „Da liegst du gar nicht so falsch“, meine Valerie selbstsicher, „aber es wird etwas anders ablaufen, als du es geplant hast! Ich aktiviere den Effekt von Merrowgeist! Indem ich jetzt, da sie ein Monster im Kampf zerstört hat, eines ihrer Xyz-Materialien abhänge, kann ich besagtes Monster auf das Deck seines Besitzers legen!“
      „WAS!?“
      Valerie lächelte zufrieden. „Ganz genau. Es sieht wohl ganz danach aus, als hätte ich den endlosen Kreis aus Tod und Wiedergeburt durchbrochen. Los, Merrowgeist!“
      Wieder hielt ihre Meerjungfrau ihr Zepter in die Höhe und absorbierte nun eine der beiden Lichtkugeln um sich herum, ehe sie mit ihrer Waffe auf Carolines Deck zeigte. Dieses leuchtete bläulich auf, dann war das Werk vollendet.
      „Damit beende ich meinen Zug“, sprach Valerie zuversichtlich. Sie hatte es tatsächlich geschafft! Sofort sprach sie ein stilles Gebet an den Herrn, welcher ihr dies erst ermöglicht hatte.

      „Das ist unmöglich“, schrie Caroline förmlich mit bebender Stimme und betrachtete ihr Deck. Sie hatte keine anderen Handkarten und konnte somit [The Supremacy Sun], welche sie nachziehen würde, nicht beschwören. „Du- du hast-!“
      Als sie die Karte gezogen hatte, starrte sie die schwarze Sonne fassungslos, die in Form eines Stücks Pappe nutzlos war.
      „Gewonnen?“, hakte Valerie nach. „Ganz recht! Da du nichts tun kannst, bin ich so frei, und führe das Duell mit meinem Zug fort!“
      Sie zog eine Karte, doch beachtete sie gar nicht. Stattdessen zeigte sie unbarmherzig mit dem Finger auf ihre besessene Freundin. „Du hast Caroline lange genug besetzt! Jetzt ist es Zeit, dass du sie und alle anderen gehen lässt! [Evigishki Merrowgeist], beende dieses Duell! Sceptre of Foresight!“
      „Nein!“, brüllte Caroline, doch das Monster ihrer Gegnerin hatte schon das Zepter erhoben und schoss eine blaue Lichtkugel auf sie, was in einer heftigen Explosion endete.

      [Valerie: 600LP / Caroline: 1300LP → 0LP]


      Caroline lag regungslos am Boden.
      Es dauerte einen Augenblick, bis Valerie realisierte, dass sie es geschafft hatte. Sie hatte tatsächlich gewonnen!
      „Unglaublich!“, frohlockte Abigail mit klatschenden Händen und fiel Valerie von hinten um den Hals. Die beiden lachten fröhlich und Nick jubelte darüber, doch nicht als Dämonensnack enden zu müssen.
      Nur eine hatte schlechte Laune. „Ach, jetzt spiele dich nicht so auf, Redfield! Das hätte doch jeder gekonnt! Wenn ich-!“ Doch Anyas Schädel brummte so sehr, dass sie wieder nach hinten kippte und von Nick gehalten werden musste.

      Plötzlich richtete [Evigishki Merrowgeist] ihr Zepter abermals in die Höhe und löste eine Welle des Lichts aus, die sämtliche Anwesenden auf dem Gang erfasste. Und während Anya, Valerie, Nick und Abby davon völlig unberührt blieben, kippten die Patienten samt Caroline um wie Dominosteine. Letztere schrie ein letztes Mal, wobei aus ihrem Mund ein schwarzer Schatten quoll, ehe auch sie das Bewusstsein verlor. Der Schatten löste sich in Rauch auf, genau wie Valeries Monster, welches zu schwarzen Partikeln zerfiel und verschwand.
      „Sind sie jetzt wieder normal?“, fragte Abigail besorgt.
      „Ich … ich denke schon“, antwortete Valerie.
      Und als Caroline sich regte und sie verwirrt ansah, wusste das Mädchen, dass der Wille des Dämons fort war. Sie machte sich von Abigail los und kam der verdutzen Caroline überglücklich entgegen, umarmte sie fest. „Ich bin so froh, dass es dir gut geht!“
      „Aber Valerie, was ist denn passiert? Warum bin ich nicht in der Schule?“
      „Ich werde es dir später erklären! Alles wird gut“, hauchte Valerie in das Ohr ihrer Freundin und strich über ihr blondes Haar.

      Auch die anderen Patienten kamen langsam zu sich. Lautes Gemurmel ertönte von den verwirrten jungen Menschen, die nicht wussten, wie sie hierher gelangt waren.
      Mittlerweile hatte es auch aufgehört zu regnen, sodass einzelne Lichtstrahlen von draußen in das Gebäude fielen.
      „Ob sie sich wohl erholen werden?“, fragte Abby besorgt und sah sich um. „Sieht ganz danach aus, als könnten sie sich an nichts vom dem erinnern, was nach dem Eishockeyspiel geschehen ist.“
      „Die Glücklichen“, brummte Anya und erhob sich. Denn was sie anging, würde sie am liebsten sämtliche Erinnerungen bezüglich Valeries Heldentat unwiderruflich aus ihrem Gedächtnis streichen.
      „Anya!“, rief Abby schließlich erschrocken und deutete auf die Stirn ihrer Freundin. „Wir müssen dich ins Krankenhaus bringen. Das muss genäht werden!“
      „Hab dich nicht so, Masters, das ist nur'n Kratzer!“
      „Aber eine Gehirnerschütterung ist eine ernstzunehmende Sache! Du könntest-!“
      Anya schnaufte wütend, während sie Nick von sich weg schubste, da sie auch sehr gut alleine stehen konnte. „Nichts aber, da kommt'n Pflaster drauf und gut is'!“ Mehr entgegen kommen konnte Anya ihnen nun wirklich nicht!
      Ihre Freundin seufzte resignierend. Es war sinnlos, diesen Dickkopf vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Sollte sie doch sehen, was sie davon hat!
      Derweil raunte Anya wütend: „Das alles wäre gar nicht erst passiert, wenn Levrier uns vorgewarnt hätte! Wieso hat der sich nicht eingemischt und diese Napfsülzen zu Stein erstarren lassen oder so!?“

      Ich habe die Präsenz dieses Wesens nicht bemerkt. Seit wir unseren Pakt geschlossen haben, haben meine Kräfte stark abgenommen, da sie mein Einsatz unseres Vertrags sind. Einzig eine Barriere zu eurem Schutz konnte ich errichten. Es tut mir leid.

      „Es tut dir leid!?“, donnerte Anya zornig. „Alter, du bist ja mal so was von nutzlos! Das nächste Mal, wenn mir irgendein Spinner 'nen Pakt, Vertrag oder was-auch-immer andrehen will, werd' ich ihn ausweiden und seine Organe an Abbys Katze verfüttern!“
      „Nein!“, protestierte Abby entsetzt mit offen stehendem Mund.
      Caroline und Valerie traten zu ihnen. „Spricht Anya mit ihrem … Freund?“, fragte Letztere.
      Nick gluckste. „Ja. Aber manchmal glaub ich, sie führt nur Selbstgespräche.“
      „Das sind wohl die Momente, in denen sie mein Ableben plant?“, hakte Valerie gut gelaunt nach.
      „Vollkommen richtig, Redfield!“, zischte Anya sie an und bespuckte sie dabei wieder einmal 'versehentlich'.
      Sich das Gesicht angewidert mit einem Stofftaschentuch aus der Tasche ihres Kostüms abwischend, meinte ihre Erzfeindin: „Ich habe jetzt auch ein ähnliches Mal wie du. Und eine neue Freundin!“
      „Schön für dich, Redfield! Mich kannst du damit wohl kaum meinen! Und die zwei hier stehen auch nicht zum Verkauf!“, fügte Anya noch hinzu und drückte ihre beiden Freunde fest an sich, als würden sie andernfalls wegrennen.
      Valerie lachte. „Nein, meine neue Freundin … ach egal. Wir sollten jetzt erst einmal das Personal befreien. Über die Dinge, die heute geschehen sind, reden wir ein anderes Mal, okay?“ Ihr Ausdruck wurde ernst. „Da gibt es so Einiges, was ihr mir erklären müsst …“
      „Keine Lust!“, murrte Anya und zog eine trotzige Schnute. Dabei dachte sie noch: alles bloß das nicht!


      Turn 08 – Murphy's Law
      Nachdem Valerie nun die heilige Johanna von Orléans an ihrer Seite hat, ist Anyas Konkurrenzdenken schlimmer denn je. Um Marcs Aufmerksamkeit zu gewinnen, ohne dabei in einem schlechten Licht dazustehen, schreibt sie ihm in ihrer emotional unbeholfenen Art einen Liebesbrief. Unzufrieden damit, schmeißt sie ihn weg, nur damit er Nick in die Hände fällt. Der jedoch denkt, der Brief sei für ihn bestimmt und versucht Anya nahezukommen. Und sorgt im Zuge dessen dafür, dass Marc Anyas geschriebenes Wort hört. Was folgt, ist ein Duell um Nicks Leben.



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Valerie

      Evigishki Soul Ogre
      Evigishki Mind Augus
      Gishki Shadow
      Gishki Noellia
      Gishki Beast
      Gishki Reliever
      Gishki Emilia
      Vision Gishki

      Gishki Aquamirror
      Hand Destruction
      Salvage
      Pot Of Avarice
      Smashing Ground

      Curse Of Anubis

      Evigishki Merrowgeist

      Caroline

      The Supremacy Sun
      Double Coston
      Effect Veiler

      Forbidden Chalice
      Axe Of Despair
      Du meinst eher, wenn -nur- Val in einer Folge im Rampenlicht steht? :D

      Was die jüngste Folge angeht, bin ich immer noch der Meinung, sie müsste "The Unholy Maiden" heißen, gemäß der Vorstellung, was passiert, wenn Anya aus ihrer Zwangspause aufwacht. Aber wir wissen ja, dass Anya alles andere als mädchenhaft ist. xD

      Im Vordergrund stand hier der Kampf gegen die 'unbesiegbare' Sonne. Finde das kam sehr gelungen rüber, gerade die Mühen Valeries, diese wiederholt zu beseitigen, dem die besessene Caroline einen Riegel vorschob. Dadurch war auch ihre Xyz super in das Duell eingebunden, da es eine gewisse Antikarte gegen die Sonne darstellte, indem sie sie nicht in den Friedhof zurückschickt. Deshalb Lob für das Duell, das war sehr schön aufgebaut.

      Auch Valerie, auf der der zweite Fokus der Folge lag, kam sehr gut rüber. Gerade in Angesicht des ganzen übernatürlichen Krams, mit dem sie ja bisher noch gar nicht konfrontiert worden ist. Zudem konnte man mit Valerie in dieser Folge Mitleid empfinden, so wie Caroline sie aufs Korn genommen und gequält hat. Zumindest anders als wenn es Anya gewesen wäre, der man das in gewisser Weise sogar 'gegönnt' hätte.
      Vielleicht könnte man aber drüber diskutieren, wie schnell Valerie den Pakt angenommen hat. Ich mein auf imaginäre Stimmen hören ist eigentlich nie was Gutes. Aber das hat ihr den Sieg gebracht und vermutlich das Leben gerettet, also war es das im ersten Moment wert. Trotzdem muss man schon sagen, die gute Seite arbeitet echt unfair. Levrier musste Anya tagelang bearbeiten und förmlich in den Pakt drängen, und die bekam am Ende ein 'nutzloses' Xyzmonster, während Valerie direkt was richtig vernünftiges erhält. Aber zum Glück ist das eine FF, unter realen Bedingungen ist es leider ja nicht mehr möglich, eine Karte nachträglich Out of Game dem Deck hinzuzufügen - stell dir mal vor, die Duel Disk hätte sich beim Versuch die Karte ins Extra zu stecken abgeschaltet und Valerie disqualifiziert xDDD

      Was die nächste Folge angeht, wird das richtigen Kuddelmuddel geben wenn Anya versucht ihre Gefühle zu gestehen. Reality Soap, nuff said xD Aber was mich richtig freut ist, dass Anya jetzt für immer damit klarkommen muss, dass sie von der verhassten Redfield gerettet worden ist, während sie einen abgeratzt hat. Das war die Demütigung pur. Aber was Anya angeht, die ist sehr gut darin, unliebsame Dinge effektiv auszublenden xD
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      .:: Cold Desire - Reboot in Arbeit ::.
      Zunächst danke an alle un' so, kennt ihr ja schon. :)

      @Evil Bakura
      Tja, da Anya entgegen ihrem Willen durch viel weniger Screentime als die eigentliche Holy Maiden (Val :D) glänzte, ist's klar, warum der Titel so ist wie er ist.
      Vielen Dank für das Lob. Normal ist die Merrowgeist vom Effekt her ja eher selten brauchbar, aber in Vals Duellen ist sie doch meist sehr praktisch. ^^
      Anya und gönnen? Die gönnt dir gleich was. xD Ne, hast schon recht, bei Val sollte der Leser ganz anders empfinden als bei Anya.
      Joa, das mit dem nachträglich ins Deck einfügen ist so'ne Sache, die sich einfach irgendwann zwischen GX und 5D's etabliert hat. DM brauchte so etwas meines Wissens nach nicht, aber danach wurde es zunehmend schlimmer. ZeXal glänzt ja durch nichts anderes mehr (C-Numbers), ganz zu schweigen davon, dass manche ihr Extradecklimit dadurch ganz schön strapazieren. xD
      Jedenfalls vielen Dank. ^^


      Turn 08 – Murphy's Law



      „Joan of Arc!?“, polterte Anya und fiel aus allen Wolken. Dann brummte sie grimmig: „Nie von gehört. Wer soll das sein?“
      „Passt du denn nie in Geschichte auf?“, fragte Valerie mit klagendem Tonfall und ließ ihre Hand durch das seidige, endlos lange, schwarze Haar gleiten.
      Nein, dachte Anya boshaft, das geht schließlich schlecht, wenn ich mir ausmale, wie ich dir dummen Pute den Hals umdrehe, dich dann die Toilette herunterspüle und anschließend aus der Kloake fische, nur um dich an den weißen Hai zu verfüttern.
      Ihre tatsächliche Antwort fiel aber um einiges kürzer aus. „Nein.“
      Abby räusperte sich besserwisserisch. „Joan of Arc, oder auch Jeanne D'Arc, ist eine-“
      „Mir doch egal, komm zum Punkt, Redfield!“

      Zusammen saßen die Drei und Nick unter der großen Eiche auf Abbys roter Wolldecke. Dass der Sommer allmählich zu Ende ging, schien in Livington noch nicht angekommen zu sein. Seit Tagen litt die kleine Vorstadt wieder unter sengender Hitze. Was besonders Anya ein gewaltiger Dorn im Auge war, trug ihre Erzfeindin nun bauchfreie Tops mit Ausschnitten, aus denen Mann, wenn Mann erst einmal hineinfiel, nie wieder herausfinden würde. Und Nick schien bereits seine Bergsteigerausrüstung im Gedanken zusammenzupacken, wenn man seinen geifernden Blicken folgte.

      „Der Punkt ist, dass sie uns gerettet hat! Ich meine … wir haben es hier mit einer Gesandten von Gott zu tun! Ist das nicht total aufregend?“, fragte Valerie begeistert und faltete die Hände ineinander. Etwas geknickt fügte sie hinzu: „Schade, dass wir das für uns behalten müssen.“
      Anya hingegen blieb wortkarg. „Nein, ist es nicht.“
      „Es ist schon erstaunlich. Erst schließt Anya einen Pakt mit Levrier und nun steht Joan of Arc an Valeries Seite. Dazu tragen beide ein Mal, auch wenn sie ganz verschieden aussehen“, meinte Abby und durchsuchte nebenbei ihr Geschichtsbuch nach Bildern der heiligen Johanna.
      „Mir doch egal, welche Dumpfralle euch gerettet hat!“, tönte Anya miesepetrig. „Ich für meinen Teil hätte diese Zombies auch ohne göttlichen Schnickschnack umgepustet!“
      Valerie spitzte die Lippen abfällig. „Nachdem sie dich zuerst umgepustet haben?“
      „Na und? Hat fast gar nicht weh getan! Außerdem geht’s mir wieder gut!“
      Schwer seufzend, legte Abby ihr Buch beiseite. „Sollte es aber nicht. Die Prellungen an deiner Stirn waren am nächsten Morgen verschwunden, oder? Das ist höchst ungewöhnlich, normalerweise kann das Wochen dauern.“
      „Ich bin eben gut“, brummte Anya und verschränkte die Arme hinter ihrem Kopf.
      „Komisch ist nur, dass Joan sich seitdem nicht mehr bei mir gemeldet hat“, sprach Valerie mit unterschwelliger Besorgnis.
      „Immerhin sind unsere Mitschüler jetzt wieder sie selbst und konnten Victim's Sanctuary verlassen.“ Abby blickte nachdenklich in den blauen Himmel. „Irgendwie hab ich mittlerweile richtig Angst vor schlechtem Wetter. Jedes Mal, wenn ein Gewitter über unsere Stadt zieht, passiert etwas Schreckliches. Ob das Omen sind?“
      „Nein, Wolken! Mit viel Wasser drin!“, raunte Anya gallig und wandte sich an Valerie. „So, da wir jetzt wissen, was uns sowieso nie interessiert hat, könntest du jetzt endlich mit deinem Schickimickiarsch abheben und Leine ziehen?“
      „Ich dachte, wir wären jetzt Freunde?“, empörte Valerie sich und sprang mit verschränkten Armen auf.
      „Das ist dein Problem, Schneewittchen. Du denkst zu viel!“
      „Lieber zu viel, als gar nicht, so wie du! Aber wenn du unbedingt darauf bestehst, werde ich jetzt gehen!“, erwiderte Valerie beleidigt und zog wie ein Sommergewitter von dannen. Sie hatte es satt, sich immer wieder Anyas Frechheiten ausgesetzt zu sehen.
      Vorwurfsvoll sah Abby ihre Freundin an. „War das jetzt wirklich nötig? Du solltest dankbar sein, dass sie und Joan uns gerettet haben! Stattdessen bist du noch ekliger zu ihr denn je!“
      Anya gab nur ein böswilliges Grunzen von sich.

      Denn seit Valerie göttliche Unterstützung an ihrer Seite hatte, war sie in Anyas Gunst noch tiefer gesunken. Was bisher als unmöglich galt. Nicht nur, dass sie seit den Erlebnissen in Victim's Sanctuary einen auf gläubig machte – Anya wusste schließlich nicht, dass Valerie seither Katholikin war – nein, sie fühlte sich nun auch noch unbesiegbar und war dadurch mehr als nur unerträglich! Sie war vernichtungswürdig, um es in den Worten dieses Dämonjägers Alastair auszudrücken.
      Das Ganze wurde auch nicht dadurch besser, dass alle Valeries Mal bewunderten, während keiner auch nur ein Wort über ihres verlor. Anya war frustriert, denn mit Jeanne D'Arc auf ihrer Seite, stand Valerie jetzt eine Stufe über ihr im Highschool-Kastensystem. Ein Zustand, den das Mädchen so nicht dulden wollte. Nicht etwa weil sie beliebt sein wollte, nein! Aber niemand stand über ihr, absolut niemand!
      Außerdem sah die Sachlage so aus, dass Valerie eine Art Engel an ihrer Seite hatte. Und die letzte Person, die so etwas von sich behauptete, hatte sie umbringen wollen! Demnach waren Anya und Valerie sozusagen Feinde. Selbst das Schicksal wollte es so! Was insofern natürlich gar nicht so übel war, denn dann konnte Anya vor Gericht auf Notwehr plädieren, während die Gerichtsmediziner das einzig von Valerie übrig gebliebene Körperteil – ihre falschen Fingernägel – auf Anyas DNA-Spuren testeten.
      Und dann war da natürlich noch Marc – ihr Marc! – der nur noch Augen für Valerie, oh Valerie hatte. Die konnte man mittlerweile nicht mehr von seinem Schatten unterscheiden, ergo nicht mehr von ihm wegdenken, wenn sie nicht gerade Anya und ihren Freunden mit ihrer Gerechtigkeitskacke auf den Keks ging. Alleine traf man Marc praktisch nicht mehr an. Das Dumme an der Sache war, dass Anya sie nicht einfach so aus dem Weg räumen konnte, denn der Verdacht würde sofort auf sie fallen. Demnach hatte sie ihren Plan, welcher einen Mixer und einen Backofen beinhaltete, leider aufgeben müssen. Aber es gab immer noch die Möglichkeit mit der Notwehr durch Schicksalsergebenheit!

      „Anya, wir müssen zum Unterricht. Die Pause ist vorbei“, meinte Abby und packte ihre Sachen in ihre Beuteltasche.
      Die Blondine verzog finster das Gesicht. Irgendetwas musste ihr einfallen, um ihre Erzfeindin in Punkto Marc auszustechen. Abzustechen stand ja leider nicht zur Auswahl. Doch ihren Freunden konnte sie sich nicht anvertrauen. Da war guter, diskreter Rat wirklich teuer. Man sollte schließlich nicht denken, dass sie sich nicht selbst zu helfen wusste.
      Doch Anya musste insgeheim verbittert zugeben, dass genau dies der Fall war.

      ~-~-~


      Frustriert pfefferte Anya ihren Rucksack in die Ecke. Was waren schon 21 von 100 Punkten im Mathetest? Nick hatte ganze zwei Punkte erreicht und war somit als Einziger noch schlechter als sie. Immerhin war in dieser Hinsicht Verlass auf den Trottel.
      Trotzdem, dachte sie und ließ sich dabei auf ihrer schwarze Ledercouch in der Ecke des Zimmers fallen. Um wen hatten sich mal wieder alle gedrängt, weil sie eine volle Punktzahl erreicht hatte? Valerie Redfield! Dabei hatte Abby dasselbe Ergebnis erreicht, aber für sie interessierte sich nur der pickelige Adam. Es war zum Haare raufen! Valeries, verstand sich.
      „Warum bist du nicht irgendso'ne Supertussi, die vor ein paar hundert Jahren mal Hallus hatte?“, richtete Anya wütend ihre Worte an Levrier. Denn sie war sich sicher, dass Valerie Marc alles erzählt hatte, nur um vor ihm anzugeben.

      Weil ich offensichtlich zu dieser Zeit nicht in Frankreich war.

      „Hast du nicht auch irgendwelche tollen Tricks auf Lager? Irgendwas Cooles?“ Anya verschränkte die Arme und grübelte. „Und wenn du nur ihre Euter schrumpfen lässt!“

      Selbst wenn ich das könnte, würde ich es nicht tun. Kräfte wie die meinen sind nicht dazu gedacht, andere Menschen zu terrorisieren. Und ich glaube, dieses Handwerk beherrscht du auch ohne meine Unterstützung bestens.

      „Danke für das Lob“, brummte Anya beiläufig. Aber ihre Laune besserte das kein bisschen. Sie hatte überhaupt keine Ahnung, wie sie Marcs Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte, ohne dass dabei Valeries Knochen zu Bruch gingen.
      „Hast du nicht 'ne Idee?“, sprach sie in einem Moment tiefster Verzweiflung und bereute es sofort. Eine Anya Bauer bat nicht um Hilfe, sie half dir nur – ins Grab! Aber der Schaden war schon angerichtet …

      Besitzt du denn ein besonderes Talent?

      „Eishockey, zocken, fernsehen, Leute verdreschen …“ Anya überlegte. Hatte sie etwas vergessen? Nein, eigentlich nicht.

      Ich dachte da eher an etwas Brauchbares. Kannst du singen? Oder beherrscht du zumindest ein Instrument?

      „So'n High Society-Bockmist hab ich nicht nötig!“

      Verstehe. Hast du wenigstens eine schöne Handschrift?

      Anya schnaufte. „Man kann es lesen.“

      Sehr gut. Dann schreib deinem Geliebten doch einen Brief. Das ist etwas Persönliches und macht besonders in deinem Falle einen guten Eindruck. Der Autor offenbart durch das geschriebene Wort einen Teil seiner Seel-

      „Ja, ja, ich hab's kapiert.“
      Eigentlich war die Idee gar nicht so übel, sagte sich Anya. Auch wenn sie noch nie einen Brief geschrieben hatte – Erpresserbriefe mal außen vor gelassen. Bloß was sollte sie Marc schreiben? Wenn sie ihn beeindrucken wollte, musste es schon etwas Längeres sein.
      Sie nickte. Ihr würde schon etwas einfallen.

      Und so kramte sie aus ihrem Rucksack einen Schreibblock, ein paar Stifte und setzte sich an ihren Schreibtisch vor dem Fenster. Welcher schon Staub angesammelt hatte, weil er nie eingeräumt, geschweige denn häufig benutzt worden war.

      Normalerweise nimmt man dafür richtiges Briefpapier.

      „Na und? Ich nehme eben dieses! Wen interessiert schon, dass da am Rand ein paar Bildchen sind?“
      Es würde schon keiner erkennen, dass das Valerie sein sollte, die gerade durch einen Fleischwolf gedreht wurde.

      Wenn du meinst.

      „Ja, tu ich!“
      Also machte sich Anya an die Arbeit. Sie starrte auf ihr Blatt … und starrte … und wartete darauf, dass irgendwas geschah.

      Du bist wirklich ahnungslos, oder? An deiner Stelle würde ich mit einer Anrede und anschließenden Einleitung beginnen. Der arme Kerl soll doch nicht ins kalte Wasser geschmissen werden.

      „Halt die Klappe, ich kann das selbst!“
      Das Privileg mit dem kalten Wasser galt wenn, dann nur Valerie.
      Und so machte sich Anya über den Brief her und schrieb einfach alles auf, was ihr dabei einfiel.

      Etwa sechs Stunden später, es war längst nach Mitternacht, hatte sie ihr Werk nach mehreren Korrekturen vollendet und hielt den Brief samt Eselsohr, Tintenflecken, hauseigenen Milben und kleinen Bildchen stolz in den Händen.
      „Den parfümiere ich morgen früh mit Mums 'Oh de Tolett' noch ein bisschen ein und dann gebe ich ihn Marc“, sagte sie so gut gelaunt, wie schon lange nicht mehr.

      An deiner Stelle würde ich ihn zumindest einmal laut vorlesen.

      „Huh? Wozu soll das gut sein?“ Sie runzelte die Stirn. „Na ja, von mir aus …“
      Also legte sie den Brief vorsichtig wieder auf den Schreibtisch und begann zu lesen.

      „Hey Alter,

      ich muss dir sagen, dass ich dich voll in Ordnung finde. War schon immer so, besonders weil du verdammt genial aussiehst. Besonders nach dem Training, wenn du völlig verschwitzt bist. Dieser Moment ist echt das Beste am Eishockey. Na ja, außer wenn ich Valerie 'nen deftigen Hieb verpassen kann, aber das mache ich ja schon lange nicht mehr. Ich finde es nicht fair, dass ich mich nicht bei den Jungen umziehen darf, denn eigentlich bin ich das einzige Mädchen im Team, was uncool ist. Valerie zählt nicht. Dabei spiele ich besser als die meisten Jungen aus unserem Team, wobei du natürlich eine Ausnahme bist. Bloß so können wir uns leider nie unterhalten, weil du immer so schnell weg bist. Scheiße, ich verlange Gleichberechtigung!
      Was ich sagen wollte ist, dass dein Tackle letzten Monat gegen diesen bekloppten Typen von den Queensport Champions echt rattenscharf war. Ich hätte ja mit dem Eishockey-Schläger nachgesetzt, aber leider habe ich damals zu dem Zeitpunkt mit Coach Bergmann diskutiert, weil ich Valerie versehentlich den Puck gegen den Helm gedonnert hatte. Ich schwöre dir, das war keine Absicht, aber sie stand halt im Weg! Wie soll ich auf diese Entfernung auch treffen können, wenn diese dumme Pute will, dass ich ihr einen Pass zuspiele?
      Egal, Schnee von gestern. Was ich dich fragen wollte war, ob du nicht mal Lust hättest, etwas mit mir zu unternehmen? Ich würde ja Kino vorschlagen, aber das klingt so kitschig. Außerdem hasse ich Kino wie die Pest, denn dauernd muss man den Saal verlassen, weil irgendwelche Vollidioten nicht auf meine freundlichen Anmerkungen hin still sein wollen, da sie zu sehr damit beschäftigt sind, sich und ihre blondierte Assifreundin zu fotografieren. Und dann krieg' ich den Anschiss, weil ihre 400$ teuren Extentions überall im Saal verteilt liegen. Ich frag dich, ist das fair?
      Deswegen wollte ich vorschlagen, dass wir einen cooleren Ort aufsuchen. Ich kenne da einen tollen Schrottplatz, gleich um die Ecke vom Einkaufszentrum. Da hole ich immer Sachen für Barbie. Das ist mein Baseballschläger, weißt du? Und Barbie mag es, wenn man ihr ein paar hübsche Nägel mitbringt, um sie neu einzukleiden.
      Überleg' es dir einmal. Würde mich echt freuen.

      Hau rein,
      Anya“


      „Na, wie findest du ihn?“, fragte Anya stolz.

      … kreativ.

      „Sag ich doch, ich kann das!“
      Ungeschickt faltete Anya den Brief und stopfte ihn in ihren Rucksack. Wollen doch mal sehen, wer dann die Nase vorn haben würde, dachte sie schadenfroh.

      ~-~-~


      Egal wie sehr sie das Papier auch drückte und quetschte, es fühlte sich einfach nicht wie Valerie Redfields Hals an.
      Anyas Lippen waren so schmal, dass man meinen konnte, sie würden jeden Moment verschwinden. Mit hasserfüllten, kleinen Augen beobachtete sie Valerie, wie sie Marc heimlich einen kleinen Zettel reichte, während Mr. Gibson irgendetwas Belangloses schwafelte und dabei an der Tafel schrieb. Anya wusste nicht einmal, was für ein Kurs das überhaupt war.
      Ihre Fingernägel krallten sich in ihr Pult, doch leider weigerte sich das Holz, ihrem Druck nachzugeben. Diese dämliche Ziege war ihr wieder einmal zuvorgekommen! Und dieser Blick, den die beiden sich dabei zuwarfen! Die sahen doch eindeutig verliebt aus! Oh, sie würde Redfield-

      Es klingelte.
      „Denkt an eure Referate“, mahnte Mr. Gibson die Schülerschaft eindringlich.
      Die Jungs und Mädchen erhoben sich daraufhin. Nur Anya blieb sitzen und stellte sich vor, was sie alles tun würde. Schade, dass es nur eine Valerie Redfield auf diesem Planeten gab, denn ihr Einfallsreichtum reichte aus, um einen ganzen Bundesstaat voller Valeries in eine unbewohnbare Ruine zu verwandeln. Mindestens!
      Als Anya schließlich frustriert ihre Sachen eingepackt hatte, gluckste plötzlich jemand hinter ihr und hielt ihr die Augen zu. „Wer bin ich? Ein Tipp: ganz bestimmt nicht Nick!“
      Anya riss an seinem Arm, schleuderte ihn zu Boden und stampfte mit geschultertem Rucksack wortlos über ihn hinweg.
      „Woher hast du das gewusst?“, röchelte er ihr hinterher.
      Frustriert warf Anya das, was einmal ihr Brief gewesen war, in den Papierkorb und verließ das Klassenzimmer. Sie musste sich jetzt dringend an jemandem abreagieren.

      Derweil erhob sich Nick und lief verwundert zu besagten Papierkorb. Er zog eine Bananenschale hervor, doch schüttelte den Kopf. „Neee, davon hab ich schon welche.“
      Dann hielt er Anyas Brief in den Händen. „Hehe, wieder was für meine Sammlung!“
      Was besagte Sammlung anging, besaß er schon Anyas Radiergummi, den sie in der Fünften weggeschmissen hatte, weil er nicht in Lily McDonalds Ohr gepasst hatte oder auch, sein persönliches Highlight, ein unangerührtes Sandwich von Anya. Jenes würde in so manchen Ländern schon als volljährig betrachtet werden.
      Neugierig friemelte er den Brief auseinander und begann zu lesen, wobei er einige Passagen selektiv ausblendete. Und als er geendet hatte, strahlte er wie ein Honigkuchenpferd in der Zuckerfabrik.

      ~-~-~


      „Bitte lass mich gehen, ich hab doch nur noch 23 Zähne!“, jammerte Ernie Winter, während Anya ihm am Kragen gepackt hielt und zuschlagen wollte.
      „Ich hab dich über mich lästern hören! Du hast über mich gelästert, huh? Sag, dass du über mich gelästert hast!“
      „Aber ich hab doch Anna gesagt und nicht Anya!“
      Anya schnaufte und ließ das schmächtige Weichei los. Selbst das machte ihr keinen Spaß mehr! Wie sollte sie denn ihre Wut auslassen, wenn sämtliche 'Sportarten', die sie in den letzten 19 Jahren erfunden hatte, sie auf einmal nur noch langweilten?
      Während Ernie eilig davon krabbelte und seine Hose einsammelte, verschränkte Anya die Arme und ging an den Schülern vorbei, die zugesehen hatten. Unnötig zu erwähnen, dass die einen nicht zu verachtenden Sicherheitsabstand hielten.
      Anya sah sich auf dem Campusgelände um. Wo zur Hölle war Abby, wenn man sie mal brauchte? Ihr würde bestimmt etwas Kluges einfallen, wie Anya sich ihre Zeit vertreiben konnte. Oder, nein, ihre Ideen wären nur noch langweiliger. Aber wo war sie? Den ganzen Tag schon bekam man sich nicht zu Gesicht!

      „Oh holde Maid~“
      Anya überlegte. Ob Abby sich mal wieder in der Bibliothek verschanzt hatte? Aber nein! Abby und Schule schwänzen in einem Satz zu nennen war wie Valerie Redfield die Haare anzuzünden. Leider unmöglich. Was trieb das Mädel also?
      „Im schönsten Sommerkleid~ äh Hose~“
      Ob sie-
      „Frisch aus der Dose~“
      Jetzt reicht's!

      Anya wirbelte um, damit sie diesem Schreihals eins auf die Zwölf geben konnte. Hinter ihr kniete Nick, mit Hand auf der Brust, die sinnlosesten Textzeilen trällernd.
      „Was soll das denn!?“, herrschte sie ihn an und stellte verärgert fest, dass man rings um sie herum schon neugierige Blicke auf sie beide warf.
      „Na ich werbe um dich~“
      Anya kratzte sich an der Stirn, da ihre rhetorischen Fähigkeiten nicht ausgeprägt genug waren, um Nicks Worte in ihrer vollen Grausamkeit zu verinnerlichen. „Häh?“
      „Weil ich dich liebe~“
      Fassungslos starrte sie ihren -ehemaligen- Freund an. „Todessehnsucht, du?“
      „Und verehre~“
      „Wie kommst du auf die grenzdebile Idee, mir so etwas zu sagen, du Holzkopf!? Alter, ehe ich mit dir gehe, zieh ich in'n Kloster und werd' ne beschissene Nonne!“
      „Aber“, stammelte Nick jetzt getroffen und holte den Brief aus seiner Hosentasche. Mittlerweile hatte sich eine ganze Traube von Schülern um sie gebildet und zu Anyas Leidwesen waren auch Valerie und Marc darunter. „Aber hier steht, dass du mit mir zum Schrottplatz willst!“
      Anya klappte die Kinnlade hinunter. Der Trottel hatte doch tatsächlich … ! „Gib diesen Brief her!“
      „Da steht, dass du gerne mit mir in der Männerumkleide duschen würdest!“
      „Der ist doch nicht für dich, du Blödian!“, fauchte Anya und schnappte nach dem Brief, doch da Nick über einen Kopf größer war als sie, bekam das Mädchen ihn nicht zu fassen, als er ihn hochhielt.
      „Aber, aber … und dass du mich magst?“ Nick schien den Tränen der Enttäuschung nahe. Er wedelte mit dem Brief. „Das steht doch da!“
      „Gib-her!“, brüllte sie, gab ihm einen saftigen Tritt gegen das Schienbein, gefolgt von einem Schlag in die Nieren und riss ihm den Brief in seinem schwachen Moment aus der Hand.
      „Sag bloß, der ist … der ist für Marc?“, stammelte Nick unter höllischen Schmerzen frustriert.

      Es war mucksmäuschenstill. Jeder der Anwesenden wusste, dass es gleich sehr laut werden würde. Das war wie bei einem Vulkan, der kurz davor stand auszubrechen. Aber statt Lava würde in diesem Falle Nicks Blut fließen.
      Selbst dieser erkannte, dass er gerade sein Todesurteil unterschrieben hatte. Er rannte weg, Anya folgte ihm nicht. Sie ballte eine Faust. Dann nahm sie ihre Duel Disk aus dem Rucksack und schleuderte sie selbst auf große Distanz mit vollem Karacho zwischen Nicks Beine. Dieser fiel, stand wieder auf und rannte um sein Leben, als Anya ihn wie von der Tarantel gestochen verfolgte.

      Die Jagd erstreckte sich über den Hof, das Gebäude der Unterstufe, dann das der Oberstufe, um den Sportplatz und die beiden Hallen herum zurück zum Campusgelände. Und würden dabei Sägeblätter um Anyas Körper kreisen, hätte sie eine blutige Schneise durch die ganze Schule gezogen. Aber auch so konnten sich genug Schüler, die nicht schnell genug ausgewichen waren, über ungewollten Zwangsurlaub aufgrund diverser Prellungen freuen.

      „Komm … her … ich krieg' dich … ja doch!“, brüllte Anya und staunte, wie gut Nicks Beine doch funktionierten. Dahinter steckte vermutlich jahrelange Übung, was in direktem Kontakt mit Anya wohl unvermeidlich war.
      Erschöpft blieb das Mädchen vor der Traube Schaulustiger stehen, keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nick fiel etwas weiter weg von ihr auf die Knie. „Oh man! Fangen spielen ist ganz schön anstrengend.“
      „Ich … würde dich ja vernichten … aber … ich kann nicht mehr“, presste Anya hervor. Neben ihr lag die Duel Disk, die sie nach Nick geworfen hatte. Sollte sie wirklich noch weiter hinter ihm her rennen? So ungern sie es auch zugab, war Nick aufgrund seiner langen Beine und seiner Erfahrung in Punkto Abhauen ihr gegenüber arg im Vorteil. Wenn das so weiterging, würde sie ihn nie zu fassen kriegen. Aber sie musste sich abreagieren, jetzt, sofort! Außerdem war dieser Idiot den Schweiß auf ihrer Stirn nicht wert! Ein weiterer, missmutiger Blick fiel auf die Duel Disk. Also blieb nur eines. „Wir … duellieren uns … und wenn du stirbst … ich meine verlierst … stirbst du.“
      Nick sprang auf und strahlte. „Cool! Ich glaube, ich habe mich noch nie mit dir duelliert!“
      Was vornehmlich daran lag, dass jeder, dem etwas an seiner Gesundheit lag, darauf verzichtete, sich mit Anya zu duellieren. Gewann sie, hatte man seinen Stolz verloren. Verlor sie aber, konnte man froh sein, wenn am Ende wenigstens noch der Stolz von einem übrig war. Anya hasste es zu verlieren.
      „Könnt ihr euch nicht vertragen?“, mischte Valerie sich ein. „Er hat dich doch nicht absichtlich blamieren wollen.“
      „Schnauze, Redfield!“ Denn grundsätzlich glaubte Anya nicht an Zufälle. Wenn jemand ihr ein Leid zufügte, dann ausschließlich mit Absicht!

      Indes hatte Nick sich schon eine Duel Disk ausgeliehen und umgeschnallt. „Ich bin fertig!“
      Anya nahm die ihre und schob ihr Deck in den dazugehörigen Schacht. „Du bist nicht nur fertig, du bist reif fürs Recycling, wenn ich dich auseinander gerupft habe!“
      „Cool!“
      Dann riefen beide: „Duell!“

      [Anya: 4000LP / Nick: 4000LP]


      „Ich fang' an“, verkündete Nick freudig und hatte Glück. Denn Anya war zu sehr damit beschäftigt, Marc anzustarren, der ihr einen undeutbaren Blick zuwarf, um zu widersprechen.
      „Äh, wie macht man das? Ich rufe … ahja, genau, ich rufe jetzt erstmal meine Mum an und frag sie, was ich spielen soll!“
      „Harper!“
      „Hehe, nur'n Witz! Ich rufe [Wind-Up Soldier]!“
      Ein kleiner, futuristischer Spielzeugsoldat erschien vor Nick. Aus seinem Rücken ragte ein großer Aufziehschlüssel.

      Wind-Up Soldier [ATK/1800 DEF/1200 (4)]

      „Dann setze ich noch eine Fallenkarte verdeckt!“, rief Nick gut gelaunt und legte sie auf die Monsterkartenzone der Duel Disk. Und während Marc ihn freundlich darauf hinwies, wie er es richtig zu machen hatten, stöhnte Anya laut auf. Wenn das so weiter ging, würde das selbst für ihren Geschmack zu leicht werden.

      „Ich bin dran“, zischte sie im Anschluss böse und zückte ihre Lieblingskarte. „[Gem-Knight Fusion]! Aus [Gem-Knight Garnet] und [Gem-Knight Emerald] wird [Gem-Knight Citrine]!“
      Vor ihr tauchte aus einem Wirbel aus Edelsteinen ein Ritter in einem blauen Umhang auf, welcher mit seinen rot glühenden Armen ein riesiges Breitschwert schulterte – einhändig.

      Gem-Knight Citrine [ATK/2200 DEF/1950 (7)]

      „Falle aktivieren“, rief Nick fröhlich. „[Fissure]!“
      Vor ihm sprang eine Karte auf … mit grünem Rand.
      „Du Volltrottel, das ist 'ne Zauberkarte!“, donnerte Anya, während Nicks Zauber wieder mit dem Kartenbild nach unten glitt. Lautes Gestöhne ging durch die Zuschauerschar.
      Die Blondine schwang den Arm aus. „Citrine, mach Hackfleisch aus dieser Witzfigur von Monster!“
      Mit nur einem Schwerthieb wurde Nicks Spielzeug in seine Einzelteile zerlegt.

      [Anya: 4000LP / Nick: 4000LP → 3600LP]


      „Ohhhhhh …“, jammerte Nick und trauerte seiner Karte nach.
      Anya indes nahm eine Karte von ihrem Blatt und setzte sie verdeckt. Sie erschien vor ihrem Füßen, während das Mädchen sprach: „Dein letztes Stündlein hat geschlagen, Harper! Mach deinen letzten Zug!“

      Der junge Mann schien sich der Gefahr, in der er schwebte, gar nicht bewusst zu sein. Er zog und drückte dann einen Knopf an seiner Duel Disk. „Aber jetzt! [Fissure]! Damit zerstöre-“
      „Gar nichts zerstörst du! Konterfalle! [Paradox Fusion]! Indem ich ein Fusionsmonster, wie Citrine eines ist, für zwei Runden aus dem Spiel entferne, kann ich die Aktivierung einer Karte annullieren! So bringe ich Citrine vor deiner Karte in Sicherheit!“
      Ihr Ritter löste sich in Luft auf, während Nicks Zauberkarte in tausend Stücke zersprang. „Ohh! Dann spiele ich jetzt [Wind-Up Magician] verdeckt!“
      Vor Nick tauchte ein Aufziehmagier auf, welcher mit seinen Zangenhänden einen Zauberstab hielt. Lautes Gemurmel erklang um die beiden Duellanten herum und ein paar mutige Seelen wagten es sogar zu lachen.

      Wind-Up Magician [ATK/600 DEF/1800 (4)]

      „Zug beendet!“

      Anya ballte eine Faust. Es war wohl nicht genug, dass dieser Idiot sie vor allen gedemütigt hatte. Nein, das hätte sie ihm noch verzeihen können, nachdem sie seine Haut abgezogen und als Bettvorleger benutzt hätte. Aber dass er sich nicht die geringste Mühe gab, sein kümmerliches Leben zu retten, machte sie rasend.
      „Wie kannst du es wagen …“, murmelte sie vor sich hin. Die Wut in ihr war so groß, dass sie sie förmlich greifen konnte. Wie ein Licht erschien sie ihr und alles, was sie zu tun hatte, war zuzupacken. Und wenn man es hielt, fühlte man die Kraft in sich pulsieren. Ein großartiges Gefühl.
      „Draw!“, schrie sie laut. „Von meinem Friedhof: [Gem-Knight Fusion], für die ich Emerald entferne, damit ich sie auf die Hand bekomme! Und ich aktiviere sie, um [Gem-Knight Sapphire] und [Gem-Knight Iolite] von meiner Hand zu verschmelzen und dadurch [Gem-Knight Amethyst] zu beschwören!“
      Aus dem funkelnden Edelsteinwirbel tauchte ein blauer Ritter auf, aus dessen Handrücken eine riesige Lanze aus Eis wuchs. Zu seinem Schutz trug er in der anderen Hand einen großen Rundschild.

      Gem-Knight Amethyst [ATK/1950 DEF/2450 (7)]

      „Als Normalbeschwörung rufe ich jetzt [Gem-Knight Alexandrite]! Aber er wird nicht lange bleiben, denn ich biete ihn durch seinen eigenen Effekt als Opfer an und rufe so [Gem-Knight Crystal] von meinem Deck!“
      Der Ritter in weißer Rüstung, welcher vor Anya erschien, verschwand kurz darauf wieder und hinterließ einen stolzen Krieger in Weiß, welcher seine Hände in die Hüften stemmte.

      Gem-Knight Crystal [ATK/2450 DEF/1950 (7)]

      „Oh oh“, nuschelte Nick ängstlich. „Verliere ich jetzt?“
      „Verdammte Scheiße, ja!“, fauchte Anya ihn in ihrer Rage an. „Du hast alles versaut, alles! Jetzt denkt auch der Letzte, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe! Wegen dir habe ich jede Chance … jede … Chance, ihn …“
      Die Wut pulsierte so sehr in Anya, dass sie kaum mehr Luft bekam. „Los, Amethyst, vernichte dieses Drecksvieh von Magier!“
      Ihr Ritter holte mit seiner Lanze zum Schlag aus und spießte die kleine Kreatur vor Nick gnadenlos auf. Heftiger Wind fegte über das Gelände und ließ Anyas Pferdeschwanz wild durch die Luft tänzeln.

      [Anya: 4000LP / Nick: 3600LP → 2250LP]


      „Ich werde dir nie verzeihen, was du heute getan hast“, sprach sie hasserfüllt. „Nie, hörst du!?“
      „Aber-!“
      Sie hielt es nicht mehr aus. Das, was in ihr steckte, musste einfach hinaus! „Los Crystal, beende diesen Scheiß! Clear Punishment!“
      Ihr stolzer Ritter schlug mit seiner Faust auf den Boden und ließ die Erde erzittern. Überall brach sie donnernd auseinander, sodass einige Schüler umkippten. Auf Nick zischte unter lautem Getöse in ungeahntem Tempo ein Riss im Boden zu, aus dem kurz darauf endlos viele Kristalldornen schossen und ihn an Armen und Beinen trafen.

      [Anya: 4000LP / Nick: 2250LP → 0LP]


      Keuchend atmete Anya und hielt sich ihr Mal, welches auf einmal fürchterlich brannte. Die Hologramme verschwanden … doch der Schaden nicht! Überall war die Erde aufgerissen, der Rasen glich einem Schlachtfeld.
      Und Nick? Er sank auf die Knie, gezeichnet von etlichen Schnittverletzungen. Irritiert und zugleich auch vorwurfsvoll sah er Anya an, ehe er den Kopf hängen ließ und sich wimmernd die blutenden Stellen hielt.
      Anya wandte sich gleichgültig von ihm ab und schritt davon. Jeder, dem sie zu nahe kam, ging ihr mit Angstschreien fluchtartig aus dem Weg. Sie realisierte es gar nicht, das Chaos um sie herum, fasste keinen klaren Gedanken. Zu groß noch war der Zorn, der in ihr pulsierte und weiter herumwüten wollte.

      Sie achtete kaum auf den Weg und fand sich irgendwann in einem der Gänge des großen Schulgebäudes wieder. Hier war sie zumindest allein mit sich selbst.
      Erschöpft lehnte sie sich gegen die Wand neben den Spinden und hielt sich ihren Arm. Er brannte nicht mehr. Erst jetzt realisierte sie, was tatsächlich geschehen war. Sie hatte … den halben Schulhof zertrümmert!
      „Genial!“, entfleuchte es ihr ehrfürchtig.
      Wie hatte sie das angestellt? Doch nicht etwa wegen diesem Ding? Sie betrachtete das schwarze Kreuz mit dem Dornenring neugierig. War das etwa auch in dem Pakt mit Levrier inbegriffen? Wenn ja, bereute sie nun keine Sekunde mehr, ihn abgeschlossen zu haben. Damit konnte sie-

      „Anya?“
      Das Mädchen schaute auf und erschrak. „Marc!?“
      Vorsichtig näherte er sich ihr. Wie immer sah er so verdammt gut aus in seiner Sportjacke, mit diesen wunderschönen Augen und seinem Kinnbart. Anya spürte, wie es nun eindeutig ihr Herz war, das pulsierte.
      „Was ist da gerade passiert?“, fragte er etwas unsicher und deutete auf den Ausgang, welcher zum Sportplatz führte. „Nick braucht einen Krankenwagen.“
      „Ich habe … keine Ahnung“, log sie. „Muss wohl … an den Rohren gelegen haben. Unten … in der Erde … und so.“
      „Ah“, gab er einsichtig von sich. „Das also war es.“ Er lachte zögerlich. „Stimmt, eigentlich ist das logisch. Hologramme können keinen realen Schaden anrichten, nicht wahr?“
      „N-nein.“
      Warum fühlte sie sich auf einmal so schwach? Plötzlich fiel ihr nicht ein einziger Spruch oder auch nur eine coole Beleidigung ein, die sie in das Gespräch mit einfließen lassen konnte!

      Marcs Gesicht nahm plötzlich betrübte Züge an. Er atmete tief durch und sagte dann: „Hör mal, ich … also es geht um diesen Brief.“
      Anya erstarrte. Selbst Denken fiel ihr plötzlich unendlich schwer – dabei wollte sie es dieses eine Mal sogar! Jetzt durfte sie sich keinen Fehler erlauben!
      Sichtlich schien ihr Gegenüber mit sich zu ringen, ehe er schließlich ihren Blick mied. „Es ist sehr lieb von dir, dass du mir das geschrieben hast. Ich hab ihn gelesen, nachdem du gegangen bist.“
      „O-oh! Nein, nein, nein, ich-!“
      Marc lachte, doch es klang künstlich. „Er war sehr … interessant. Und ich weiß die Mühe zu schätzen, die du dir damit gemacht hast. Aber …“
      Aber? Aber! Abers waren nie gut!
      Er seufzte. „Es ist nicht so, dass ich dich nicht mag. Du bist anders, als die anderen Mädchen an dieser Schule. Jemanden wie dich trifft man sonst nirgendwo und irgendwie bist du auf deine Weise beeindruckend.“
      Strike!
      „Aber-“
      Shit!
      „Nun, ich würde gerne hinter deine Fassade blicken. Bloß bin ich mir nicht sicher, ob ich dahinter überhaupt etwas finden werde. Ob da überhaupt eine Fassade ist. Denn wenn dem nicht so wäre, also …“
      Anya verstand kein Wort. Fassade? Wovon redete Marc da überhaupt?
      Der schwarzhaarige Footballspieler fasste sich. „Ich denke, wir sollten unsere Beziehung so lassen, wie sie ist. Das wäre wohl das Beste für uns alle. Dass du Valerie nicht magst, kann ich irgendwo nachvollziehen. Doch lass sie in Zukunft bitte in Ruhe, denn sie ist ein aufrichtiger, wundervoller Mensch und hat es nicht verdient, so behandelt zu werden.“
      „'kay“, murmelte Anya tonlos und ballte hinter ihrem Rücken eine Faust.
      „Ich denke, das war alles, was ich dir sagen wollte“, meinte Marc. Er wollte Anya eine Hand auf die Schulter legen, doch sie wich zurück. „Tut mir leid. Hier, dein Brief. Ich … gehe dann besser.“
      „Tu das …“, antwortete Anya tonlos und nahm das zerknüllte Stück Papier entgegen.

      Und so drehte er Anya den Rücken zu und ging. Sie sah ihm nicht hinterher, sondern starrte mit gesenktem Haupt ihre Schuhe an. In ihrem Kopf herrschte Stille. Da waren weder Beleidigungen noch Gewaltfantasien. Nichts. Nicht einmal Wut. Da war etwas noch viel Schrecklicheres, nämlich gar nichts zu fühlen. Und Anya wollte etwas fühlen, irgendetwas, nur nicht nichts.

      Sie schrie, was die Lungen hergaben und schlug mit der Faust die Tür des nächstgelegenen Spinds ein. Das dünne Metall gab nach, also ging sie zum nächsten und zertrümmerte auch ihn. Keinen ließ sie aus, auch als ihre Knöchel schon bluteten. Sie machte weiter, solange, bis die Wut zurückkehrte und sie noch mehr antrieb.
      Als sie ihr Werk getan hatte, verließ Anya seelenruhig das Gebäude. Und hinterließ dabei ein regelrechtes Schlachtfeld aus zerfetzten Büchern, ausgerissenen Spindtüren und anderen Gegenständen, die überall auf dem Boden verstreut lagen.


      Turn 09 – Abby
      Nachdem Abby auch am nächsten Tag nicht in der Schule aufgetaucht ist und nicht an den Nachforschungen rund um Anyas neuen „Mitbewohner“ Levrier teilnimmt, geht Anya alleine auf die Suche nach ihr. Als sie Abbys Zuhause verlassen und völlig chaotisch vorfindet, beschleicht sie ein schrecklicher Verdacht.



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Garnet
      Gem-Knight Sapphire
      Gem-Knight Crystal
      Gem-Knight Emerald
      Gem-Knight Alexandrite
      Gem-Knight Iolite

      Gem-Knight Fusion

      Paradox Fusion

      Gem-Knight Citrine
      Gem-Knight Amethyst

      Nick

      Wind-Up Soldier
      Wind-Up Magician

      Fissure
      @-Aska-
      Naja, das mit dem Extradeck und der unmöglichen Größe kennen wir ja auch schon von GX mit all den Elementarhelden. Wundert mich bis heute, dass es keine Folge gab, in der mal mehr als 15 Fusionen ohne sie zu recyclen gespielt wurden xD

      Und jop, das gefällt mir hier auch, obwohl wie du richtig sagst Merrow nicht so nützlich wie andere Xyz ist, kommt sie in den Verläufen der Duellen trotzdem immer gut zur Geltung. Denke aber, das macht genau eine Keykarte in einer Fanfic aus, dass sie so in Szene gesetzt ist.

      @Folge:

      Bei der Preview hätte man ja mit etwas Kitschigem rechnen können, aber in der Hinsicht wurde man nicht enttäuscht, da du was deutlich Besseres ablieferst.

      Gerade Anyas Gefühle wirkten authentisch rüber gebracht und wie sie ihre Mühen mit dem Liebesbrief hatte war fast schon niedlich. Aber auch die Wut auf Nick und die Hilflosigkeit gegenüber Marc waren sehr schön dargestellt. Bei Letzterem insbesonders wenn ich mir die Stelle ansehe, als sie hinter ihrem Rücken die Faust vor Frust ballt, die kleinlaute Art, aber so richtig das bloße Zurückweichen in dem Moment, als Marc sie berühren wollte, da fand ich war das eine ihrer wenn nicht die aufrichtigste Reaktion von ihr, die sie bisher gezeigt hat. Es machte sie regelrecht 'menschlich'. Während ihr Kopf sie bereits verarbeitete, wollte ihr Körper die bittere Wahrheit noch nicht akzeptieren. Und auch die Wut danach demonstrierte nur noch mehr ihre absolute Hilflosigkeit und Überforderung mit der Situation.

      Die Überleitung zu dem Duell nach der Verfolgungsjagd klang im Rahmen der FF auch plausibel. Anya erkennt, dass sie das Ganze auf einen Bereich verlegen muss, wo sie Nick überlegen ist, und das war eben nicht (Weg-)Rennen. Natürlich hätte man theoretisch auch ganz auf ein Duell verzichten können, aber ich denke es war sehr gut, um Anyas schließlichen Kontrollverlust darzustellen.
      Auch Nicks Dämlichkeit, so überspitzt wie sie immer ist, kam mir dieses Mal nicht ganz so schlimm vor, sie fügte sich wohl dezenter ins Gesamtbild ein. Davon abgesehen war die Folge sowieso von Witzen und Schenkelklopfern geprägt. Schon der zweite Absatz der Folge war für mich wohl der genialste, der bringt mich bei jedem erneuten Lesen wieder zum Lachen. Aber eigentlich fand ich die ganze Unterhaltung am Anfang sehr lustig, wie auch diverse Stellen im Verlauf der Folge.
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