Yu-Gi-Oh! PHOENIX (Serie 1 - Komplett)

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      Leseleff schrieb:

      Sirup tropfte von dem Stück Pfannkuchen auf Alex’ Gabel auf deren Teller

      Wow, du hast mich erwähnt - Danke :klatsch:

      Ich bin aktuell mit dem Duell fertig und werde mir gleich noch den Rest durchlesen.
      Die Kampfroboter fand ich persönlich aber sehr gut, deshalb bislang ein duckes Plus von mir :daumen:

      MfG
      ~Pfannkuchen~


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      Pfannkuchen schrieb:


      Wow, du hast mich erwähnt - Danke :klatsch:

      Dann bin ich wohl nicht der einzigste, der das in diesem Moment im Kopf hatte...
      nur war das Tropfen in dieser Sekunde leider etwas "rötlicherer" Sirup :P

      Leseleff schrieb:

      Zum Schluss noch einmal eine Frage an euch: Wie findet ihr meine selbst ausgedachten Karten? In diesem Kapitel kamen ja extrem viele vor und ich habe mir erstmals ein ganzes Themendeck selbst ausgedacht. Fandet ihr das gut, kann ich das mal wieder machen?
      Oder allgemein: Findet ihr Misch- oder Themendecks besser?
      Für ein paar Figuren der 2. Staffel stehen nämlich noch nicht die Decks, bzw. nur die Bossmonster fest, deshalb dachte ich, frage ich euch mal, was ihr am besten findet.
      Also ich habe zwar noch nicht alles durch(
      Spoiler anzeigen
      bin jetzt an der Stelle, wo er wegen 8 Handkarten 2 abwerfen musste
      ), doch bis jetzt lief es recht flüssig ab. Auch wenn man später dann merkt, das sich die Buchstabendreher/fehlende Buchstaben etwas mehr häufen. Aber Logiktechnishc ist alles in Ordnung.

      Ausgenommen an einer Stelle(da bin ich mir aber auch nicht ganz so sicher, und würde diese Regel wohl vorher 5-mal nachschlagen):
      Spoiler anzeigen

      In dem Moment, wo statt dem Robo-Irgendwas das Equip-Monster auf den Friedhof gesendet wird, zieht dein Charakter wegen Nachschubtrupp 1 Karte. Doch hier müsste ich mir den genauen Wortlaut des Equip-Monsters angucken[mache ich erst, wenn ich durchgelesen habe]. Denn wenn dort senden statt zerstören steht, dann ist das ein Logikfehler.

      EDIT: Es ist tatsächlich ein weiterer Regelfehler drinne, der sogar bestätigt ist:
      yugioh.wikia.com/wiki/Card_Rulings:Supply_Squad
      Hier wäre dann natürlich interessant, wie genau der Effektwortlaut deiner Karte ist. Wenn auf ihr stehen würde, das dies in dem Moment trotzdem gilt, habe ich nichts gesagt. Doch da ich davon ausgehe, dass das nicht der Fall ist, da man sowas dann gar nicht erst so einbauen würde, vermute ich mal, das diese "Klausel" in deinen selbst entworfenen Karten fehlen.

      Aber allgemein ist das Deck gut entwickelt, und passt zum Charakter. Bloß das er später keine Verteidigung in Form von Z/Fs aufbaut, und stattdessen lieber Handkarten, ohne entsprechenden Bonuseffekt, abwirft, macht die Charakter <-> Deck-Beziehung kaputt. Also falls du wieder eigene Decks entwirfst, solltest du diese beiden Punkte(Logik- und Regelfehler) beachten.


      ps: Heute wird es wohl nicht mehr zuende gelesen, doch dafür sollte ich bis morgen abend durch sein. Vielleicht habe ich dann noch ein paar Kommentare, die ich dir geben kann.



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      Spieler aus Hameln/Minden und Umgebung?:
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Deckcreator16 ()

      Danke für die Kommis :)

      @Deckcreator: Ich hab noch mal nachgesehen und deinen "Regelfehler" konnte ich nirgends finden. Es gibt zwei Situationen, in denen Roboter-Modul YZ54 statt seines ausgerüsteten Monsters zerstört wird:
      Spoiler anzeigen
      - Gegen Mitte des Duells, als Alex den OTK abwehrt, greift Seiyou zuerst mit Kampfroboter Zenturio ihren Phönix an, sie nutzt dessen Effekt, zahlt 2100 LP, um einen Doppel-K.O. zu erreichen. Anschließend zieht Seiyou eine Karte für Supply Squad, da sein kleineres Monster durch Kampf zerstört wurde. In der End Phase würde sein großes Monster dann dank des Drawbacks von Limiter Removal zerstört werden. Da springt dann das Modul ein und Seiyou zieht für dessen Zerstörung keine Karte wegen Supply Squad (Was ja zusätzlich zur Equip-Regel auch gegen die OPT-Klausel verstoßen würde)
      - Gegen Ende greift Alex mit ihrem Phönix Seiyous Bossmonster an, jedoch wird anstelle des Bossmonsters das Modul zerstört. Auch hier kommt Supply Squad nicht zum Einsatz.
      Oder meinst du noch eine andere Stelle? ?(

      Dass Seiyou am Ende unendlich viele Karten hat, aber nichts damit anstellt, stört mich auch ein wenig. Zwei Alibi-Erklärungen habe ich dennoch:
      - Seine Zauber- und Fallenzonen sind mit Supply Squad und den ganzen Modulen vollgestopft. Er kann also gar nicht unendlich Backrow legen, weil er nur 5 Zonen hat.
      - Er spielt sehr reaktiv und sehr sparsam. Er spielt keine Karten aus, wenn er auch ohne locker gewinnen kann (oder zumindest glaubt, dass er es kann)
      Letzendlich liegt es aber wohl eher daran, dass seine Draw-Engines ein wenig aus dem Ruder gelaufen sind und ich das Duell nicht noch komplizierter gestalten wollte, als es sowieso schon ist. Da die Ressourcen bei den Duellen aber in der Regel eher knapp sind, ist das wohl ein Problem, das so schnell nicht wieder auftreten wird.

      Meine Fan Fiction auf eTCG - Yu-Gi-Oh! PHOENIX
      Serie 1 / Serie 2
      Joa, sry, mein Fehler, habe mich verlesen :doh: :
      Spoiler anzeigen

      An der Stelle, wo er das erste mal eine Karte ziehen durfte durch den Effekt eines seiner Monster. Dachte irgendwie, die hätte sich in dem Moment selbst zerstört(bzw. als SixSamurai-Safe-Effekt), und du hättest durch Supply Squad gezogen.

      Aber im Grunde kam die Botschaft ja an:
      1. Keine zu OPen Decks entwickeln(war hier ja nicht der Fall)(ausgenommen es ist in diesem Moment unbedingt notwendig. Bspw. wenn der Gegner eine Bossgegner darstellt)
      2. Besonders Rulings beachten(Zwar war dieser Fehler keiner, aber nicht das sich irgendwann einer reinschleicht)

      Insbesondere der 2. Punkt verleitet mich immer, lieber von ausgedachten Karten fern zu bleiben


      @Seiyou:
      Spoiler anzeigen

      -Also mit dem vollen Feld kann ich nur abstreiten: In 80% des Duells hat er nur 3-4 Backrow-Karten(ausgenommen ich habe mich verzählt). Nur im letzten/vorletzten Zug hatte er eine volle Zone.
      -Also wenn er als "Genie" betitelt wird, dann sollte ihm seine Draw-Engine nicht aus dem Ruder laufen. Das passiert zwar selbst im RL häufig mal(obwohl 8 HK dann doch ausnahmen sind), doch da du hier ja die überspitzte Figur des "nerdigen" Genies anbringst, ist das doch grob "fahrlässig"
      -Auch wenn er recht sparsam spielt, kann ich mir nicht vorstellen, das er unter 8 HK keine NS-Monster hat, die wenigstens etwas Schaden drücken können. Schließlich will er ja gewinnen, und nicht wie Nightstroud(oder wie der Spieler in dem Untergrund hieß) seinen Gegner quälen.

      Aber wo ich gerade dabei bin: verstehe mich nicht falsch, doch man muss nicht jedes Negativ-Argument an der eigenen FF unbedingt versuchen zu negieren(merkt man einfach an deinem 2. Argument, welches nicht sehr aussagekräftig ist). Ich will dir jetzt nicht verbieten, auf die Kommentare zu antworten, die du bekommst, nur ist mir halt auch aufgefallen, das du scheinbar zu allen Negativ-Argument (ähnlich) schwache Gegenargumente bringst. Dann würde ich lieber den Schaden fressen. Schließlich soll man ja auch daraus lernen, und nicht nur ausweichen.
      Aber wie gesagt, verstehe jetzt den letzten Absatz nicht falsch. Kommentieren auf die Kommentare ist immer gut, da dann auch der Leser, wenn er sich schon traut(macht ja im grunde nur 1/10) zu kommentieren, merkt, das auf seine Aussagen auch reagiert wird. Nur ist mir halt auch aufgefallen, das du diese scheinbar nur selten annimmst, und es erstellt den Eindruck, als sei dein Leser dein Feind, den du bezwingen müsstest(Was natürlich dazu führt/führen kann, das man sich lieber überlegt nichts mehr zu posten, oder einfach nur ein einfaches "ist alles Top" rausgibt. Und das letzteres halt schlecht dafür ist, wenn man sich verbessern will, sollte selbstverständlich sein).



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      Wie immer vielen Dank an alle Leser ^^

      @Deckcreator
      Ähnliches hat vor langer Zeit auch schon -Aska- kritisiert. Sorry dafür, ich kann's wohl einfach nicht lassen.

      Fakt ist: Du hast Recht und ich hätte von Anfang an aufrichtig sein sollen. Seiyous Draw-Engine ist aus dem Ruder gelaufen und ich wollte das Duell nicht unnötig kompliziert machen. Punkt. Aus. Ende.


      So, nachdem ich mit meinem Platzhalter-Post falsche Hoffnungen geweckt habe gibt es doch noch heute Abend das erste Kapitel im Februar und nach dem Foren-Update. Viel Spaß!
      Kapitel 1.13 - Drachen-Duell
      „Sie brauchen noch mehr Zeit?!“, fragte Christopher aufgebracht und seine Hand auf der polierten Oberfläche des gigantischen Schreibtisches ballte sich zur Faust.

      „Es t-tut mir leid…“, stotterte der alte Mr. Lloyd auf dem unbequemen Holzstuhl vor dem Schreibtisch und sah seinem Vorgesetzten eingeschüchtert in die ungleichen Augen. „Es ist nur… Die Hologramm-Software der neuen Modelle macht immer noch Probleme…“

      „Ach ja?“, meinte Christopher. „Wie schwer kann es denn sein, die zum Laufen zu bringen?!“

      „Nun beruhig’ dich…“, meldete sich Mr. Steele zu Wort, der mit den Rücken zu seinen Gesprächspartnern in einem hohen, ledernen Bürostuhl saß, durch die riesigen Fenster an der Westseite seines Büros die morgendliche Skyline der City beobachtete und gebieterisch die Hand hob. Er drehte sich in seinem Stuhl um, sodass er wieder Blickkontakt zu den beiden anderen Männern aufbauen konnte.
      „Wenn Mr. Lloyd und sein Team noch mehr Zeit brauchen, dann geben wir ihnen mehr Zeit“, sagte er und legte die Kuppen seiner langen Finger aneinander.

      „Aber wenn wir den angestrebten Termin einhalten wollen, muss Projekt Hybris es spätestens Ende September zur Produktionsreife schaffen!“, entgegnete Christopher, der sich immer noch nicht setzen wollte und sich mit beiden Händen auf dem Schreibtisch abstützend zu Mr. Steele vorbeugte.

      „Also haben Lloyd und sein Team immer noch über vier Wochen zeit, um die Fehler in Ordnung zu bringen“, sagte dieser gelassen und schenkte seine Aufmerksamkeit einer eigentümlichen Metallvorrichtung in der Ecke seines Schreibtischs: Eine Art Stativ mit einem flachen Teller voll feinem Quarzsand darunter, an dessen oberen Ende ein dünner Kunststofffaden mit einem frei schwingbaren, spitz zulaufenden Pendel am Ende befestigt war. Mr. Steele hob das Pendel an und brachte es zum Schwingen, wobei es ovale Bahnen in den Sand zeichnete. „Schaffen Sie es bis dahin, Lloyd?“

      „Nun ja…“, begann der alte Mann vorsichtig. „Ich bin nicht sicher… Wir wissen nicht, wie tief dieser Softwarefehler sitzt…“

      „Warum lassen Sie nicht Takamoto die Sache machen?“, knurrte Christopher, der zum wiederholten Male in diesem Meeting damit angefangen hatte, im Raum auf und ab zu laufen.

      „Haben wir schon versucht…“, versicherte der alte Lloyd und seine runzligen, grauen Augen hinter dicken Brillengläsern verfolgten gebannt den auf und ab schreitendem Christopher. „Er meinte, er hätte zurzeit mit eigenen Projekten zu tun.“

      „Lassen Sie mich raten…“, sagte Christopher kühl und stützte sich wieder mit den Händen auf dem Schreibtisch ab. „Er will immer noch herausfinden, wie dieses Gör aus Newhaven es schafft, Flammen aus ihren Händen sprießen zu lassen, richtig? Dann sagen Sie ihm gefälligst, dass er seine Pflichten gegenüber der Firma nicht zu Vernachlässigen hat, um Sagen und Mythen nachzugehen. Andernfalls könnten wir darüber nachdenken, ihm die Kooperation zu kündigen, klar?“

      „Die Hektik der Jugend…“, meinte Mr. Steele mit einem leichten Kopfschütteln und seine kalten, blauen Augen folgten weiter wie hypnotisiert dem Pendel. Dann riss er sich jedoch von der Vorrichtung los und sah dem alten Lloyd direkt in die Augen.
      „Ich erwarte von Ihnen, dass Sie dem Projekt Hybris ab sofort höchste Priorität zuschreiben“, sagte er eindringlich. „Verschieben Sie andere Veröffentlichungen nach hinten, falls nötig. Denn es ist absolut wichtig, dass wir zum angestrebten Termin ein perfektes Produkt vorzeigen können. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

      „Na-natürlich, Sir“, stammelte Lloyd.

      „Gut“, meinte Mr. Steele. „Sie können gehen. Das Meeting ist beendet.“

      Dankbar stand Mr. Lloyd auf, machte eine kleine Verbeugung in Richtung Mr. Steele und verließ eilig das Büro. Mr. Steele versetzte sein Pendel wieder in Schwung und Christopher folgte dem alten Techniker.
      Kaum hatte er die Tür seines eigenen Büros am anderen Ende des Ganges geöffnet, wurde er von Sylvia, seiner hübschen, jungen Sekretärin aufgehalten, die ein Telefon zwischen Kopf und Schulter geklemmt hatte.

      „Da sind Sie ja, Mr. Allington…“, fing sie an.

      „Herr Gott…“, unterbrach sie Christopher genervt. „Ist es zu viel verlangt, mal fünf Minuten lang in Ruhe seiner Arbeit nachzugehen?“

      „E-es tut mir wirklich leid“, stotterte Sylvia eingeschüchtert. „Es ist nur, ich habe hier einen jungen Mann am Telefon, der Sie sprechen möchte.“

      „Wen?“, fragte Christopher barsch.

      „D-das wollte er nicht sagen, aber er meint, er hätte brisante Informationen über einen Turnierteilnehmer…“

      Entnervt fasste sich Christopher an die Schläfen. „Na von mir aus“, sagte er erschöpft. „Stellen Sie ihn durch.“

      Er betrat sein Büro durch eine Schiebetür aus getrübtem Glas, stellte die Lautsprechanlage an seinem Telefon an und setzte sich mit dem Rücken zum gewaltigen Fenster an seinen Schreibtisch.

      „Was wollen Sie?“, meldete er sich unfreundlich zu Wort.

      Die kalte, schnarrende Stimme eines jungen Mannes drang aus dem Telefon: „Spreche ich mit Christopher Allington von der Turnierverwaltung?“

      „Mit wem denn sonst?“, entgegnete Christopher kühl und verdrehte die ungleichen Augen.

      „Mein Name ist Devon Stone“, sagte jener. „Ich bin zusammen mit Alexandra Whitman zur Schule gegangen.“

      „Und Sie sind neidisch, weil sie im Gegensatz zu Ihnen Mr. Steeles erste Wahl für das Duellakademie-Stipendium war und wollen mir jetzt mitteilen, dass Miss Whitman unter dem Namen ‚Phoenix’ an illegalen Untergrund-Duellen teilgenommen hat“, beendete Christopher gelangweilt die Vorstellung und kramte in den Schubladen seines Schreibtisches nach den Akten, die es zu bearbeiten galt.

      „Was…“, fauchte der Junge am Telefon überrumpelt. „Woher wissen Sie das?“

      „Die Quellen meiner Informationen sind für Sie irrelevant, möchte ich meinen“, antwortete Christopher, der die Akten gefunden hatte und anfing, darin zu blättern, kühl. „Nun denn, wenn das alles ist, was Sie mir zu sagen haben…“

      „Nein warten Sie!“, unterbrach ihn der Junge am Telefon und Christopher konnte den unterdrückten Zorn in seiner Stimme wahrnehmen. „Wenn Sie es wissen, wieso ist sie dann immer noch im Turnier?“

      Christopher hörte auf, in seinen Akten zu blättern und lehnte sich über die Antwort nachdenkend in seinem Schreibtischstuhl zurück.
      „Weil es allein das Recht des Inhabers einer Information ist, zu entscheiden, ob und wann er diese preisgibt“, sagte er schließlich.

      „Und was wenn ich selbst damit an die Öffentlichkeit gehe?“, fragte der Junge herausfordernd.

      „Dann wünsche ich Ihnen viel Glück bei der Suche nach Beweisen“, antwortete Christopher gleichgültig und schenkte sich aus einer großen Glaskaraffe auf seinem Schreibtisch ein Glas Wasser ein. „Nun, im Gegensatz zu Ihnen habe ich wichtige Dinge zu erledigen. Einen angenehmen Tag wünsche ich. Und eine schöne Zeit an der Duellakademie…“

      Und mit diesen Worten und einem Gefühl, seine Zeit verschwendet zu haben, legte Christopher auf und vertiefte sich wieder in seine Akten.

      ~

      „Und jetzt heißen Sie mit mir herzlich die Duellanten des heutigen Halbfinales willkommen!“, heizte MC Arthur sein Publikum an. „Zunächst unser Profi! Der amtierende Champion, Meister der Drachen und der Damenherzen! Evan Drake! Und sein Gegner: Im Alter von gerade einmal siebzehn Jahren hat er von der Vorrunde bis ins Halbfinale dieses Turniers geschafft! Der Sohn von Mr. Steele persönlich! Richard!“

      Mit einem für die Zuschauer auf den Tribünen nicht hörbaren Zischen ging an der Westseite des gigantischen Stadions eine stählerne Doppelschiebetür auf und zwei junge Männer, der eine lang und dünn mit stahlgrauem Haar, das ihm die Blassgrünen Augen fiel, der andere eher stämmig gebaut mit wilder, rot-blauer Haarmähne und vernarbtem Gesicht, betraten jenes.
      Als eine der Kameradrohnen Evans Gesicht auf die riesigen Monitore im Stadion übertrug, zwinkerte dieser und ließ einen seiner langen Eckzähne aufblitzen.
      Als er und sein Gegner schließlich das erhöhte Duellfeld in der Mitte des Stadions erreicht hatten, gab Evan ein Signal, das Mikrofon am Kragen seiner dunkelblauen Jacke einzuschalten, sodass das ganze Publikum ihn würde hören können.
      „Meister der Drachen und der Damenherzen…“, wiederholte er kopfschüttelnd. „MC, Sie schaffen es immer wieder aufs Neue, mich in Verlegenheit zu bringen.“

      „Ich mache nur meinen Job“, gluckste der Kommentator über das Gelächter des Publikums hinweg.

      „Und das wie kein Zweiter“, schmeichelte Evan.

      „Nun ist es aber an mir, in Verlegenheit zu geraten“, meinte MC Arthurs Stimme. „Aber nun zurück zu dem, weswegen Sie alle hier sind: Duellanten, geben Sie sich die Hand!“

      Evan gab Richard einen herzlichen Händedruck.
      „Nun, da wären wir“, sagte Ersterer. Sein Mikrofon war wieder abgeschaltet worden, sodass nur Richard ihn hören konnte.

      „Da wären wir“, bestätigte der mit einem ernsten Nicken.

      „Enttäusch’ mich nicht.“

      „Habe ich nicht vor.“

      Mit diesen Worten lösten die beiden Männer ihren Händedruck und nahmen ihre Positionen an den Enden des Duellfelds ein.

      „Und jetzt schenken Sie Ihre Aufmerksamkeit bitte den Monitoren, auf denen der Zufallsgenerator entscheiden wird, wer den ersten Zug macht!“

      Auf besagten Monitoren erschienen Porträtbilder der beiden Duellanten, die in rascher Frequenz schwarzweiß und wieder farbig wurden.

      „Und der erste Zug gehört… Evan Drake!“, verkündete MC Arthur, als Evans Bild farbig blieb. „Möge das Spiel beginnen!“

      „Duell!“, riefen die beiden Kontrahenten im Chor und zogen ihre Starthände auf.

      „Weißt du, derjenige, der als zweiter startet, hat statistisch gesehen eine höhere Chance, das Duell zu gewinnen, da er eine zusätzliche Karte ziehen darf“, merkte Evan an.

      „Ach wirklich?“, entgegnete Richard.

      „Ja, allerdings, bestätigte Evan.
      „Aber das gilt natürlich nur, wenn die beiden Duellanten einander auch ebenbürtig sind“, fügte er mit einem neckischen Grinsen hinzu und legte eine Karte von seiner Hand auf seine Duel Disc.
      „Hier kommt ein Klassiker: Der gute, alte Sonneneruptions-Drache!“

      Auf seinem Feld erschienen Hals und Kopf eines gehörnten Drachen, der ganz aus Feuer zu bestehen schien und dessen Körper in einem Teich aus holografischer Lava verborgen war. (ATK: 1500)

      „Und weil er nicht gerne alleine ist, aktiviere ich jetzt den Zauber Zwei vom gleichen Schlag! Indem ich mein Monster in den Verteidigungsmodus wechsle, kann ich ein anderes Monster mit gleichem Namen von meinem Deck beschwören, ebenfalls im Verteidigungsmodus!“

      Der Lavasee wurde breiter und fauchend stieg ein weiterer, brennender Drachenkopf daraus hervor. (DEF: 1000)

      „Ich beende meinen Zug, aber zuerst aktivieren sich noch die Effekte meiner Drachen und du erhältst für jeden von ihnen 500 Punkte Schaden!“

      In den Mäulern der Drachen bildeten sich glühend heiße Feuerbälle, die sie auf Richard spien. Der zuckte jedoch nicht mit der Wimper, als sie ihn trafen.
      (LP: 4000 -> 3000)

      „Meine Damen und Herren, dies ist wohl Evans meistgefürchtete Eröffnung!“, erklärte MC Arthur. „Denn sobald er zwei Sonneneruptions-Drachen kontrolliert, fügen diese seinem Gegner nicht nur in jeder End Phase 1000 Punkte Schaden zu, ihre Effekte verhindern auch jeweils, dass sie angegriffen werden, solange sich ein anderes Monster vom Typ Pyro auf Evans Feld befindet, was unterm Strich bedeutet, dass sein Gegner nicht angreifen kann!“

      „Ach, das war doch keine große Sache…“, entgegnete Evan. „Also, Richard, zeig’, wie viel du gelernt hast!“ [Hand: 3 / Backrow: 0]

      „Wie du willst…“, erwiderte Richard ruhig und zog lässig eine Karte von seinem Deck. „Ich beschwöre Alexandrit-Drache im Angriffsmodus.“

      Er legte die Karte auf seine Duel Disc und auf seinem Feld erschien das Hologramm eines großen, aufrecht stehenden Drachen, dessen Körper über und über mit bunten Edelsteinen bedeckt war. (ATK: 2000)

      „Da ich dank der Effekte deiner Monster, wie MC gesagt hat, nicht angreifen kann, setze ich eine Karte verdeckt und beende meinen Zug.“

      Vor Richard erschien das vergrößerte Hologramm einer braunen Kartenrückseite. [Hand: 4 / Backrow: 1]

      „Dann bin ich dran“, sagte Evan und zuck ruckartig eine Karte auf. „Ich aktiviere den Effekt von Stream, Drachenherrscher der Tröpfchen in meiner Hand! Ich werfe ihn zusammen mit Blaster, Drachenherrscher des Infernos ab, um Tidal, Drachenherrscher der Wasserfälle als Spezialbeschwörung von meinem Deck zu beschwören!“

      Er steckte zwei Karten von seiner Hand in den Friedhofsschlitz seiner Duel Disc. Anschließend griff er nach der Karte die aus dem Deck hervorgeschoben wurde und klatschte sie auf die Oberfläche der Duel Disc. Vor ihm erschien daraufhin das Hologramm eines kleinen, blauen Drachen, der seine Form veränderte und um ein Vielfaches wuchs. Hinterher stand da ein riesiges Geschöpf, dessen Körper komplett aus blauem Eis zu bestehen schien. Der Drache hatte lange, dünne Arme, einen mit Eiszapfenartigen Dornen bestückten Rücken sowie zwei lange, gebogene Hörner auf der Stirn. (ATK: 2600)

      „Dein Glück, dass Tidal, Drachenherrscher der Wasserfälle in dem Zug, in dem er durch den Effekt seines kleinen Freundes beschworen wurde, nicht angreifen kann. Deshalb setze ich eine Karte verdeckt und betrete die End Phase! Jetzt aktiviere ich den Schnellzauber Superverjüngung! In meiner End Phase kann ich dadurch für jedes Monster vom Typ Drache, das in diesem Spielzug als Tribut angeboten oder von meiner Hand abgeworfen wurde, eine Karte ziehen! Mit Stream, Drachenherrscher der Tröpfchen und Blaster, Drachenherrscher des Infernos macht das zwei!“

      Evan steckte die Zauberkarte in seine Duel Disc und kurz erschien ein vergrößertes Hologramm jener neben ihm, während er seiner leeren Hand zwei neue Karten hinzufügte.

      „Aber da kommt noch mehr! Denn bevor mein Zug endet, fügen dir meine Sonneneruptions-Drachen noch einmal jeweils 500 Punkte Schaden zu!“

      Erneut bildeten sich glühende Feuerbälle in den Mäulern der Drachen. Richards Hand zuckte zu seiner verdeckten Karte, doch er entschied, dass es das nicht wert war. Deshalb sah er mit zornig verengten Augen zu, wie die Drachenköpfe ihre Feuerbälle auf ihn schleuderten. (LP: 3000 -> 2000) [(Evan) Hand: 2 / Backrow: 1]

      „Mein Zug!“, rief Richard entschlossen, als es vorbei war, und zog ruckartig eine Karte auf.

      „Ich aktiviere den Zauber Schatz der Drachen! Indem ich ein Monster vom Typ Drache der Stufe 4 oder niedriger mit 2000 oder mehr Angriffspunkten, zum Beispiel meinen Höhlendrachen, abwerfe, kann ich zwei neue Karten ziehen!“

      Er zeigte die Karte kurz seinem Gegner und schob sie dann in den Friedhofsschlitz seiner Duel Disc. Anschließend stockte er seine Hand mit zwei neuen Karten von seinem Deck auf.
      „Als Nächstes aktiviere ich den Effekt von Redox, Drachenherrscher der Felsen von meiner Hand! Ich werfe ihn zusammen mit einem Erde-Monster, in diesem Fall Golemdrache, von meiner Hand ab, ein Monster von meinem Friedhof als Spezialbeschwörung zu beschwören! Und ich entscheide mich für Höhlendrache!“

      Er schickte zwei Karten von seiner Hand auf den Friedhof und vor ihm erschien das Hologramm eines dicken, grünen Drachen mit gelbem Bauch und trägem Gesicht. (ATK: 2000)

      „Nicht übel“, befand Evan. „Das hast du von mir gelernt, wenn ich mich nicht sehr irre. Aber warum nur habe ich das Gefühl, dass er nicht lange bleiben wird?“

      „Gut erkannt!“, meinte Richard. „Ich mische Redox, Drachenherrscher der Felsen und Golemdrache vom Attribut Erde von meinem Friedhof sowie Höhlendrache vom Typ Drache von meinem Feld ins Deck zurück, um eine Titanen-Beschwörung durchzuführen!“

      Der dicke, grüne Drache nahm die Gestalt einer braunen Monsterkarte an und zusammen mit zwei weiteren Karten von Richards Friedhof schraubte er sich hoch in die Luft. Es gab einen Lichtblitz und von dem Punkt aus, an dem dieser in die Erde einschlug, taten sich tiefe Risse im Boden auf. Die Erde brach auf und ein gewaltiger Drache kämpfte sich daraus hervor, dessen Körper, von den gewaltigen, ledrigen Flügeln einmal abgesehen, komplett mit einer silbernen Metallrüstung bedeckt war, aus der an verschiedensten Stellen lange, scharfe Klingen wucherten. (ATK: 3000)

      „Willkommen, alter Freund“, begrüßte Evan das gegnerische Monster. Dann fuhr er an Richard gewandt fort: „Die Frage ist nur, wie willst du jetzt an meinen Sonneneruptions-Drachen vorbeikommen?“

      „Na so!“, antwortete Richard und drehte seine verdeckte Karte um. „Ich aktiviere meine Falle Durchbruchfähigkeit! Dadurch wird der Effekt eines deiner Monster bis zum Ende des Zuges annulliert!“

      Einer der brennenden Drachenköpfe leuchtete in einem gelben Licht auf, das Feuer auf seiner Körperoberfläche erlosch und hinterließ einen dunklen, ledrigen Hals.

      „Und jetzt, da dein Monster nicht mehr durch seinen Effekt beschützt wird, kann ich es nach Lust und Laune angreifen! Umfassende Zerstörung!“

      Der riesige, gepanzerte Drache stürmte los verpasste dem erloschenen Drachenkopf einen vernichtenden Stoß mit den schwertartigen Klingen, die aus den Knöcheln seiner Klauenhände ragten.

      „Wenn Metallrüstungs-Drache ein Monster im Verteidigungsmodus durch Kampf zerstört, kann er ein weiteres Mal angreifen! Los, vernichte auch den zweiten!“

      Der gepanzerte Drache wirbelte herum und mit Cathys klaren, blauen Augen erfasste er sein nächstes Ziel. Er brüllte zornig und schlug dann mit seinem langen, an der Spitze mit beilartigen Klingen bestückten Schwanz nach dem brennenden Drachenkopf, dessen Hologramm sich sofort in Luft auflöste.

      „Damit hat Metallrüstungs-Drache schon wieder ein Monster im Verteidigungsmodus durch Kampf zerstört, dass heißt, er hat noch einen Angriff gut! Diesmal lautet dein Ziel Tidal, Drachenherrscher der Wasserfälle!“

      Erneut ließ Richards Monster ein zorniges Brüllen hören und warf seinen Kopf in den Nacken, woraufhin sich eine blaue Energiekugel in seinem Maul bildete, die er nach Evans verbliebenen Monster schleuderte, dessen Hologramm sich beim Aufschlag in Luft auflöste. (Evan: LP 4000 -> 3600)

      „Und jetzt, da deine Monster alle aus dem Weg geschafft sind: Alexandrit-Drache! Greif’ ihn direkt an!“

      Der aufrecht stehende, juwelenbesetzte Drache setzte sich in Bewegung und einer seiner kurzen, in Klauenhänden endenden, holografischen Arme glitt direkt durch den Evans, den dieser schützend vor sein Gesicht hielt. (LP: 3600 -> 1600)

      „Ich setze zwei Karten verdeckt und beende meinen Zug“, schloss Richard und vor ihm erschienen zwei neue, holografisch vergrößerte Kartenrückseiten.
      [Hand: 1 / Backrow: 2]

      „Nicht schlecht, nicht schlecht…“, räumte Evan ein. „Wie es aussieht, bist du mir einen Schritt voraus, was die Beschwörung von Lieblingsmonstern angeht, deshalb sollte ich schnell nachziehen! Mein Zug!“

      Er zog ruckartig eine Karte auf und griff dann mit einem grimmigen Lächeln nach seinem Friedhof.

      Tidal, Drachenherrscher der Wasserfälle ist vom Attribut Wasser und vom Typ Drache. Ich mische ihn zusammen mit meinen beiden Sonneneruptions-Drachen vom Attribut Feuer von meinem Friedhof ins Deck zurück, um eine Titanen-Beschwörung durchzuführen!“, erklärte Evan und steckte die Karten zurück in sein Deck, welches sich automatisch mischte. Währenddessen stiegen holografische Ausgaben der Karten hoch in die Luft und umkreisten sich.

      „Mit diesen drei Karten erwecke ich eine Kreatur, die die Mächte des Feuers und des Wasser in sich vereint! Erscheine, Zweielemente-Drache!“

      Gerade hatten die drei Karten den höchsten Punkt ihres Fluges erreicht, da bildete sich um sie eine leuchtende Lichtsphäre, aus der ein blendend heller Lichtblitz in das Duellfeld einschlug. Vom Einschlagkrater aus breitete sich ein Wirbel aus roten und blauen Flammen aus. Als dieser sich gelegt hatte, offenbarte er den Blick auf ein riesiges Ungeheuer.
      Der Drache stand aufrecht auf zwei Beinen und wirkte wie zweigeteilt: Die Teile seines Körpers rechts des gelben Bauchs waren hellorange, der rechte, fedrige Flügel erinnerte an Alex’ Phönix der Wiedergeburt, während seine linke Körperhälfte einen dunklen Blauton hatte. Auch war sein linker Flügel nicht gefiedert, sondern wie man sich einen Drachenflügel vorstellte gezackt und ledrig. Der Kopf auf dem kurzen Hals war klein, lang, dreieckig und wies an der Oberseite die blaue Farbe der linken Körperhälfte auf. Umgeben war der Kopf von einem Kranz aus langen, blauen und orangefarbenen Dornen, zwischen denen sich wie bei einem Kragen orangefarbene Flughäute spannten. Außerdem hatte das Monster zwei lange Schwänze – einen in jeder Farbe seiner Körperhälften – die sich hinter dem Rücken überkreuzten und deren Enden, an denen Flammen entsprechend der Farbe des Schwanzes loderten, über den Flügelansatz der jeweils anderen Körperhälfte hinweg ragten. Auch seine Klauenhände und –Füße standen in gelben und blauen Flammen. (ATK: 2900)
      ~

      „Weiter so, Evan!“, jubelte Mia über das Brüllen von Evans Drachen hinweg.

      „Hey! Wieso bist du für Evan?“, mahnte Alex. Die beiden saßen – Alex durfte als Teilnehmerin bis zu zwei Angehörige einladen, sich mit ihr zusammen die Duelle anzusehen, an denen sie nicht selbst beteiligt war – zusammen in der Ehrenloge des Steele-Stadions in knapp zehn Metern Höhe an dessen Kopfende und teilten sich einen riesigen Eimer gezuckerten Popcorns. „Teilen“ war dabei Alex’ Wort dafür, bei der Bezahlung fifty-fifty zu machen, dann aber alles allein aufzufuttern und ihrer Freundin nur hin und wieder widerwillig zu gestatten, etwas von „ihrem“ Popcorn zu essen. An diesem Nachmittag war nur Mia mit ins Stadion gekommen, da Alex’ Mutter, deren Gemüseladen in letzter Zeit schon oft genug geschlossen bleiben musste, arbeiten musste und Sarah musste auf ihre Geschwister aufpassen.

      „Wieso nicht?“, antwortete Mia auf Alex’ Frage hin.

      „Weil wir Richard unterstützen müssen!“, entgegnete Alex energisch. „Weißt du eigentlich, wie viel ich ihm zu verdanken habe?“

      „Also bist du nur für Richard, weil du’s ihm schuldig bist?“, fragte Mia mit hochgezogenen Brauen.

      „Nun… ja. Deswegen, und weil ich mit ihm befreundet bin…“

      „Und treffen diese beiden Punkte zufällig auch auf Evan zu?“, hakte Mia nach.

      Damit sie ihrer Freundin vor den Kopf gestoßen. Alex hielt mit leicht geöffneten Mund inne, in der rechten Hand ein Stück Popcorn, das sie gerade zum Mund hatte führen wollen.

      „Worauf willst du hinaus?“, fragte sie langsam.

      „Ach Alex…“, meinte Mia mit einer Spur von Enttäuschung in der Stimme. „Wann siehst du endlich ein, dass da mehr zwischen euch läuft als nur Freundschaft?“

      Alex’ Gesicht wurde ganz heiß. „Waas? Da… da läuft nichts… wir sind nur…“, sprudelte es aus ihr heraus, aber das Geschehen hinter ihr unterbrach ihr Gestammel…

      Ein junger Mann mit Hemd und Krawatte, dicken Brillengläsern und rotbraunem Lockenhaar kam aus dem Korridor im Inneren des Stadiongebäudes in die Ehrenloge gestürmt, scheinbar in Panik.

      „Mr. Steele!“, rief der Mann auf seinem Weg zu jenem, der links vor Alex ganz vorne in der Mitte der Loge saß und, die Kuppen seiner langen Finger aneinander gelegt, das Duellgeschehen beobachtete.

      „Ist es zu viel verlangt…“, fauchte Mr. Steele ungeduldig, als der Mitarbeiter von Steele Industries ihn erreicht hatte. „…meinem eigenen Sohn in Ruhe beim Duell zuzusehen?“

      „Es tut mir wirklich sehr leid, Sir“, versicherte der Mitarbeiter. „Aber es ist sehr wichtig.“

      Mr. Steele nahm die Finger auseinander und wandte sich vom Duellgeschehen ab.
      „Also schön, was gibt es denn?“, fragte er genervt. Der andere Mann beugte sich vor, sodass nicht jeder das Kommende würde hören können. Die meisten Anwesenden wandten höflich die Köpfe ab, um den beiden Männern ihre Privatsphäre zu gewähren, aber Alex beugte sich schräg nach vorne, um zu lauschen.

      „Die Filiale in Newhaven wird gerade geplündert. Sie berichten ihm Fernsehen davon“, flüsterte der Mitarbeiter.

      Mr. Steeles harte Gesichtszüge erstarrten. Alex’ Augen weiteten sich und sie lehnte sich wieder zurück in ihren Sitz. Wenn mit „Filiale“ ein Duel Monsters-Kartenladen gemeint war, dann musste das jener sein, den Alex und Mia in glücklicheren Tagen jeden Donnerstag nach der Schule besucht hatten…

      „Bringen Sie mich zum nächsten Fernseher“, befahl Mr. Steele ruhig und stand auf. Der andere Mann nickte.
      „Christopher, komm’ mit“, fuhr Mr. Steele mit einem Nicken in Richtung Christopher Allington, der neben ihm saß, fort und mit einem höflichen „Entschuldigen Sie mich bitte“ für die anwesenden Geschäftsleute verließ er mit Christopher im Schlepptau hinter dem Boten, der die Nachricht überbracht hatte, die Ehrenloge.

      „Ich bin gleich wieder da“, flüsterte Alex Mia zu, als Mr. Steele die Loge verlassen hatte, stellte den halb vollen Eimer Popcorn auf dem Schoß ihrer Freundin ab und stand auf. Die wieder gespannt dem Duell folgende Mia nickte beiläufig und nahm sich abwesend ein Stück Popcorn, während Alex Mr. Steele hinterher ins innere des Stadiongebäudes verschwand.
      ~

      „Nun, da unsere beiden Drachen sich gegenüber stehen, aktiviere ich den Effekt meines Monsters!“, kündigte Evan an. „Ich nehme ein Wasser-Monster von meinem Friedhof und wähle ein Monster, das du kontrollierst, um beide aus dem Spiel zu entfernen! Ich entferne also Stream, Drachenherrscher der Tröpfchen und dafür kannst du dich von deinem Metallrüstungs-Drachen verabschieden!“

      Der Zweifarbige Drache ließ ein heiseres Brüllen hören, seine linke Klauenhand leuchtete in einem blauen Licht auf, er rammte sie in den Boden und verursachte damit einen tiefen Riss in der Erde, aus dem ebenfalls blaues Licht schien. In Schlangenlinien wurde der Riss länger und erreichte schließlich Richards Monster, unter dem sich plötzlich ein gewaltiges, blau leuchtendes Loch auftat, in dem der riesige, gepanzerte Drache mit einem zornigen Brüllen verschwand. Mit grimmiger Miene nahm Richard die Karte von seiner Duel Disc und steckte sie sich in die Jackentaschen, während Evan mit seiner Karte das Gleiche das machte.

      „Wenn das so ist aktiviere ich meine Fallenkarte!“, rief Richard, sobald sein Monster weg war, und drehte jene um. „Angsteinjagendes Gebrüll! Dadurch kannst du diese Runde nicht angreifen!“

      Ein vergrößertes Hologramm der Fallenkarte klappte neben ihm hoch und neben einem ohrenbetäubenden Brüllen drangen stilisierte, gelbe Schallwellen daraus hervor.

      „Ich dachte mir schon, dass was in der Richtung kommt“, kommentierte Evan gelassen. „Aber so einfach lasse ich dich nicht davonkommen! Denn mein Drache hat noch einen Effekt: Ich entferne ein Feuer-Monster von meinem Friedhof aus dem Spiel, um dir Schaden in Höhe der Hälfte seiner Angriffspunkte zuzufügen! Blaster, Drachenherrscher des Infernos hat 2800 Angriffspunkte, das macht 1400 Punkte Schaden!“

      Die gelben Flammen am orangefarbenen rechten Arm des zweigeteilten Drachen wuchsen um ein Vielfaches, er hielt sich die brennende Klauenhand an das Kinn und blies einen gewaltigen Stoß Flammen hinüber zu Richard, der sich schützend einen Arm vors Gesicht hielt. (LP: 2000 -> 600)

      „Und damit sich das ganze auch lohnt, aktiviert sich jetzt der Effekt von Blaster, Drachenherrscher des Infernos!“, fuhr Evan fort, der sichtlich Spaß bei der Sache hatte. „Wenn er aus dem Spiel entfernt wird, kann ich meiner Hand ein Feuer-Monster vom Typ Drache von deinem Deck hinzufügen! Und ich entscheide mich für Lavadrache, den ich auch gleich als Normalbeschwörung beschwöre!“

      Evan griff nach der Karte, die seine Duel Disc hervorschob und klatschte sie auf deren Oberfläche. An der Seite seines großen, zweifarbigen Drachen erschien nun ein etwas kleinerer. Dieser hatte acht Beine, eine rosafarbene Haut und fiese, leuchtend grüne Augen. Über seinen Rücken zog sich ein Kamm, der orange glühte wie flüssiger Stahl. (ATK: 1600)

      „Zu schade, dass deine Falle mich am Angreifen hindert, deshalb bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als meinen Zug mit einer weiteren verdeckten Karte zu beenden. Du bist dran“, schloss Evan und steckte eine weitere Karte in die Zauber- und Fallenschlitze seiner Duel Disc, womit sich die Anzahl der braunen Kartenrückseiten vor ihm auf zwei erhöhte. [Hand: 2 / Backrow: 2]

      „Freunde, es sieht nicht gut aus für Richard!“, meldete sich MC Arthur zu Wort. „Zwar ist es ihm gelungen, Evans Sonneneruptions-Drachen zu beseitigen, aber der in nur einer Runde ist es unserem Profi gelungen, das Spiel erneut zu dominieren!“

      „Mein Zug“, entgegnete Richard knapp und tat so, als würden die Worte des Kommentators ihm nichts ausmachen. In Wirklichkeit konnte er jedoch nicht anders, als ihm zuzustimmen und das entmutigte ihn. Aber er dachte an Alex und konnte nicht umhin, sie für ihren Kampfgeist zu bewundern. Sie kämpfte immer weiter, egal wie aussichtslos die Situation schien und genau das würde auch er tun…
      Er zog wortlos eine Karte von seinem Deck und sobald er erkannt hatte, welche es war, steckte er sie reflexartig in seine Duel Disc.

      „Ich aktiviere Topf der Gier. Dieser erlaubt es mir, zwei neue Karten zu ziehen.“

      Vor ihm erschien ein grüner Topf mit einem hässlichen Grinsen und Richard stockte seine Hand auf. Als er die gezogenen Karten begutachtete, zuckte unwillkürlich ein Lächeln über sein sonst so ernstes Gesicht.

      „Gut gezogen?“, fragte Evan, dem es nicht entgangen war.

      „Ich kann nicht klagen“, bestätigte Richard. „Ich beschwöre Drache, der in der Höhle haust im Angriffsmodus!“

      Er legte die Karte auf seine Duel Disc und vor ihm erschien das Hologramm eines schlafenden, grünen Drachen. (ATK: 1300)

      „Aber er wird nicht lange bleiben, denn jetzt aktiviere ich meinen Zauber Fusionsersatz! Er funktioniert genau wie die normale Fusion und erlaubt es mir, meine beiden Normalen Monster zu verschmelzen, um ein Fusionsmonster zu beschwören!“

      Die Hologramme seiner beiden Monster Alexandrit-Drache und Drache, der in der Höhle haust, bewegten sich aufeinander zu und verschmolzen miteinander, was aussah, als würde man Farben mischen. Zusammen würden sie ein viel mächtigeres Monster ergeben…

      „Erscheine, Der Erste Drache!“
      ~

      Leise folgte Alex den drei Männern durch die Gänge im Inneren des Stadiongebäudes. Schließlich hielten sie in einem Korridor voller Büroräume inne, Alex flüchtete sich hinter eine Ecke, damit man sie nicht entdeckte, und lauschte.

      „Würden Sie uns bitte allein lassen?“, ertönte die kalte Stimme Mr. Steeles, der nun nicht mehr so höflich klang.

      „Natürlich Sir“, antwortete der Mann, der die Nachricht überbracht hatte und Alex schaltete gerade noch rechtzeitig, um um eine weitere Ecke zu flüchten. Sie hielt den Atem an, in der inständigen Hoffnung, der Mann würde den gleichen Weg nehmen, den er gekommen war.
      Als die Schritte des Mannes verhallten, ohne dass Alex etwas von ihm zu sehen bekam, stürmte sie zurück in den Gang mit den Büros und schlich anschließend an den Eichentüren entlang, bis sie hinter einer die Stimme einer Fernsehreporterin vernahm. Im Hintergrund waren das Rufen von Menschen und das Bersten von Glas zu hören.

      „Wir senden immer noch live aus Newhaven, wo eine Gruppe Aufständigen den hiesigen Kartenladen gestürmt hat und ausplündert, während die Polizei versucht, die Lage in den Griff zu bekommen. Die Demonstranten haben den Besitzer des Ladens bedroht, die Vitrinen mit Vorschlaghammern zertrümmern und verteilen die erbeuteten Karten an die Menge.“

      Die Reporterin verstummte, die Hintergrundgeräusche von Aufstand und Zerstörung wurden lauter und Alex vermutete, dass Aufnahmen der Plünderung gezeigt wurden.

      Schließlich meldete sich die tiefe, raue Stimme eines aufgebrachten Mannes zu Wort, der, wie Alex annahm, für ein Interview vor die Kamera geholt wurde: „Über Nacht sind Preise für die Karten explodiert, die Alex in ihren Duellen verwendet. Die spielen mit unserer Hoffnung und schlagen ihren Profit daraus! Aber wir lassen uns das nicht länger gefallen! Wir wollen nicht länger Figuren im Spiel der Machthaber sein! Heute holen wir uns, was uns zusteht!“

      Die Geräusche des Fernsehers verstummten; offenbar hatte Mr. Steele ihn ausgeschaltet.

      „Diese Dummköpfe!“, erzürnte er sich. „Haben die noch nie von Angebot und Nachfrage gehört? Natürlich steigen die Preise an, wenn die Nachfrage zunimmt!“

      „Glaubst du, Miss Whitman hat sie mit ihrem Interview dazu angespornt?“, meldete sich Christopher zu Wort.

      „Möglich…“, antwortete Mr. Steele. Seine Stimme war jetzt wieder ruhiger und Alex sah ihn vor ihrem inneren Auge, wie er sich in einem Bürostuhl zurücklehnte und wieder seine Fingerkuppen aneinander legte. „Anscheinend konnte sie mit ihrer Mitleidstour doch mehr Menschen erreichen, als wir bisher annahmen. Wie es aussieht, haben wir unsere kleine Miss Makellos unterschätzt…“
      ~

      „Und er ist wieder im Spiel!“, verkündete MC Arthur, während das Publikum den gigantischen, blauen Drachen bestaunte, der fast den gesamten Luftraum des Stadions in Anspruch nahm. Sein Körper war schlangenartig und komplett mit Dornen bedeckt, sein grausamer Kopf mit einem Kranz aus unregelmäßigen, langen, gebogenen Hörnern umgeben. (ATK: 2700)
      „Mit einer Fusionsbeschwörung gelingt es Richard, ein neues mächtiges Monster aufs Feld zu rufen! Doch wird damit auch an den verdeckten Karten seines Gegners vorbeikommen?“

      Richard schmunzelte nur. Er machte sich keine Sorgen, was Evans verdeckte Karten anging. Er wusste genau, dass sein Gegner damit für gewöhnlich viel lieber sein eigenes Spiel voranbrachte, statt das seines Gegners einzuschränken.

      „Als Nächstes aktiviere ich meine verdeckte Karte!“, rief Richard und drehte jene um. „Die permanente Falle Schloss der Drachenseelen! Einmal pro Spielzug kann ich ein Monster vom Typ Drache von meinem Friedhof aus dem Spiel entfernen, um einem Monster meiner Wahl 700 Extra-Angriffspunkte zu verschaffen! Ich entferne also Drache, der in der Höhle haust von meinem Friedhof aus dem Spiel, um Der erste Drache ein wenig aufzupowern!“

      Eine vergrößerte Ausgabe der Fallenkarte klappte vor Richard hoch. Darauf zu sehen war eine Burg auf einem hohen Hügel, die von mehreren Drachen umkreist wurde. Eine mitsamt Hügel knapp fünf Meter hohe Ausgabe dieser Burg ragte nun auch neben Richard in die Luft und warf einen langen Schatten quer über das Duellfeld. Plötzlich brach ein durchsichtig weißes Ungetüm, wie der Geist eines Drachen, aus den Dächern der Burg hervor und breitete seine Schwingen aus. Kurz darauf leuchtete das gigantische Ungetüm in der Luft in einem weißen Licht auf und stieß ein kreischendes Brüllen aus. (ATK: 2700 -> 3400)

      „Los! Greif’ Zweielemente-Drache an! Antike Flamme!“, forderte Richard sein Monster auf, in dessen Maul sich ein scharlachroter Feuerball bildete, den das gigantische Monstrum kurz darauf auf den zweifarbigen Drachen schleuderte. Beim Aufprall gab es eine Explosion und Evan hielt sich den Arm mit der Duel Disc vors Gesicht, um sich vor den losen Funken Scharlachroten Feuers zu schützen.
      (LP: 1600 -> 1100)

      „Nicht schlecht“, knurrte Evan. „Du bist also meinen Drachen losgeworden. Soll mir recht sein, ich hatte nach meinem letzten Zug schon befürchtet, dass Duell wäre zu Ende…“

      „Ganz so einfach ist es dann doch nicht“, antwortete Richard. „Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug.“ [Hand: 0 / Backrow: 1] (Der erste Drache: ATK 3400 -> 2700)

      „Alles klar, dann zeige ich dir jetzt mal, warum sie immer noch mich den Champion nennen!“, versprach Evan, nachdem zu Richards Füßen eine neue braune Kartenrückseite erschienen war, und zog ruckartig eine Karte auf.

      „Zeit, ein paar Fallenkarten zu aktivieren“, kündigte er daraufhin an und begann mit der rechten. „Die Erste heißt Drachen-Reinkarnation und erlaubt es mir, eins meiner aus dem Spiel entfernten Monster vom Typ Drache wieder meiner Hand hinzuzufügen! Und ich entscheide mich für Stream, Drachenherrscher der Tröpfchen!“

      Ein vergrößertes Hologramm der Fallenkarte klappte vor Evan hoch, das verschwand, nachdem er eine Karte aus seiner Jackentasche gezogen und seiner Hand hinzugefügt hatte.

      „Und da er jetzt wieder in meiner Hand ist, kann ich noch einmal den Effekt von Stream, Drachenherrscher der Tröpfchen aktivieren! Ich werfe ihn zusammen mit Hydrogeddon von meiner Hand ab, um Tidal, Drachenherrscher der Wasserfälle von meinem Deck zu beschwören!“

      Abermals erschien das Hologramm eines kleinen, blauen Drachen auf Evans Spielfeldseite. Er veränderte seine Form, als würde er in Zeitraffer altern; der Körper wurde größer und lange Hörner wucherten aus seiner Stirn. (ATK: 2600)

      „Jetzt, wo das geschafft ist, kommt meine zweite Fallenkarte! Sie nennt sich Wiedergeburt des Drachen und erlaubt es mir, sofern ich ein Monster vom Typ Drache von meinem Feld aus dem Spiel entferne, dafür ein anderes von meinem Friedhof als Spezialbeschwörung zu beschwören! Tidal, Drachenherrscher der Wasserfälle kann diese Runde sowieso nicht angreifen, ich opfere ihn also, um dafür einen alten Bekannten zu rufen: Zweielemente-Drache!“

      Der große, blaue Drache sank leblos zu Boden und die flammende Silhouette eines anderen Drachen brach aus seinem Körper hervor. Jener veränderte seine Form, bis sein Umriss dem von Evan zweifarbigen Lieblingsmonster glich, der mit einem Brüllen aus der Stichflamme hervorbrach. (ATK: 2900)

      „Aber es wird noch besser, denn weil Tidal, Drachenherrscher der Wasserfälle aus dem Spiel entfernt wurde, kann ich meiner Hand ein Wasser-Monster vom Typ Drache von meinem Deck hinzufügen!“, fuhr Evan fort, seine Duel Disc schob eine Karte hervor und er griff danach.
      „Dabei handelt es sich um Blizzarddrache, den ich auch gleich als Normalbeschwörung beschwöre!“

      Er klatschte die Karte auf seine Duel Disc und vor ihm erschien das Hologramm eines blauen Drachen mit langen Flughäuten an den Vorderläufen. (ATK: 1800)

      „Da nun auch das geschafft ist, mach’ dich auf was gefasst, denn nun hat der letzte Akt begonnen! Ich aktivere den Zauber Zweielemente-Angriff! Wenn ich ein Monster mit Doppelattribut kontrolliere, zerstört diese Karte eins deiner Monster und mein Monster mit dem Doppelattribut erhält Angriffspunkte in Höhe der Hälfte der Angriffspunkte des zerstörten Monsters! Und mein Zweielemente-Drache ist vom Attribut zur Hälfte Wasser und zur Hälfte Feuer!“

      Der zweifarbige Drache schrie, sank auf alle Viere und schlug mit den Spitzen seiner Schwänze auf den Boden. Anschließend warf er den Kopf in den Nacken und spie einen spiralförmigen Stoß roter und blauer Flammen auf Richards in der Luft fliegendes, gigantisches Ungetüm, dessen Hologramm sich beim Einschlag von der Körpermitte aus in Luft auflöste. Als Evans Monster sich schließlich wieder aufrichtete, loderten die Flammen an seinen Klauenhänden heller denn je.
      (ATK: 2900 -> 4250)

      „Unglaublich, was unser Profi hier veranstaltet!“, verkündete MC Arthur. „Ich sage euch, Freunde: Richard hat bestimmt kein einfaches Los gezogen, gegen Evan Drake antreten zu müssen!“

      „So sieht es aus!“, entgegnete Evan und streckte den Arm aus. „Zweielemente-Drache, beende dieses Duell! “

      Der riesige, zweifarbige Drache bäumte sich vor Richard auf, brüllte und warf den Kopf in den Nacken, bereit zum Angriff…

      „Nicht so schnell!“, forderte Richard und griff nach seiner verdeckten Karte. „Ich aktiviere die Falle Kein Zutritt!! Dadurch werden alle Monster vom Angriffs- in den Verteidigungsmodus geändert!“

      „Du schaffst es echt immer wieder, deinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, du bist ja fast schlimmer als Alex“, meinte Evan schmunzelnd und mit einem leichten Kopfschütteln, während er die Karten auf seiner Duel Disc um 90 Grad drehte. Die Hologramme seiner Monster gingen danach entweder in die Knie oder kauerten sich auf dem Boden zusammen. (Zweielemente-Drache: DEF 2300; Blizzarddrache: DEF 1000; Lavadrache: DEF 1200)
      „Aber ewig kannst du dich so nicht über Wasser halten, also komm’ besser zur Sache. Du bist dran.“ [Hand: 1 / Backrow: 0]

      „Alles klar…“, meinte Richard. „Mein Zug!“

      Er zog eine Karte auf und betrachtete sie etwas enttäuscht. Ein Monster war nicht unbedingt das, was er jetzt gebrauchen konnte, aber einen Versuch hatte er ja noch…

      „Zunächst aktiviere ich den Effekt von Fusionsersatz in meinem Friedhof! Ich entferne die Karte aus dem Spiel und lege ein Fusionsmonster von meinem Friedhof zurück ins Extra Deck, um eine Karte zu ziehen!“

      Er tat wie geheißen, zog erwartungsvoll eine Karte und… wurde enttäuscht.
      Nichts! Ihm war, als würde er ein tiefes Loch der Hoffnungslosigkeit fallen. Das war’s nun also… er würde die Hauptrunde ohne einen echten Sieg verlassen, dann würde Alex, sofern sie nicht auch ihr Halbfinale verlor, im Finale auf Evan treffen…
      Richard hatte sich gerade damit abgefunden, ein Monster im Verteidigungsmodus zu beschwören und an seinen Gegner abzugeben, als seine Aufmerksam wieder von der Burg auf dem Turmartigen Hügel neben ihm geweckt wurde und es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel…

      „Ich beschwöre Reactan, Drachenherrscher der Kiesel im Angriffsmodus!“, rief er entschlossen und klatschte die Karte auf seine Duel Disc. Auf seinem Feld erschien daraufhin das Hologramm eines Dinosaurierähnlichen, grauen Drachen, der von einer felsigen Panzerung umgeben war. (ATK: 1800)
      „Und da ich jetzt wieder einen Drachen kontrolliere, kann ich die hier aktivieren!“, fuhr er fort und steckte seine verbliebene Handkarte in seine Duel Disc. „Den Zauber Stampfende Zerstörung! Der zerstört eine Zauber- oder Fallenkarte und fügt deren Besitzer 500 Punkte Schaden zu!“

      „Aber ich kontrolliere doch überhaupt keine Zauber- oder Fallenkarten!“, meinte Evan verwirrt.

      „Du nicht, aber ich schon!“, erwiderte Richard. „Ich zerstöre Schloss der Drachenseelen!“

      Der graue Drache wirbelte herum und bäumte sich vor dem vergrößerten Hologramm der Fallenkarte auf. Anschließend plumpste er nieder, wobei er mit den Vorderläufen direkt durch die Karte fiel, die wie eine Fensterscheibe in Scherben zerbrach und verschwand. Nun begann auch die Burg auf dem Hügel zu bröckeln.
      (Richard: LP 600 -> 100)

      „Was ist das denn?!“, fragte MC Arthur mit gespieltem Entsetzen das Publikum. „Wieso zerstört Richard seine eigene Karte, nur um darüber hinaus auch noch Schaden zu erhalten?“

      „Manchmal muss man eben Opfer bringen, um weiter zu kommen“, antwortete Richard über den Lärm der einstürzenden Burg hinweg. „Denn wenn Schloss der Drachenseelen auf den Friedhof geschickt wird, kann ich eins meiner aus dem Spiel entfernten Monster vom Typ Drache als Spezialbeschwörung zu beschwören! Und ich glaube, du kannst dir denken, welches ich nehme: Willkommen zurück, Metallrüstungs-Drache!“

      Mit einem zornigen Brüllen erhob sich der gewaltige, gepanzerte Drache aus den Trümmern der Burg, die daraufhin verschwanden. Mit grimmiger Entschlossenheit sah Richard hinauf in das Gesicht seines Monsters, in Cathys klare, blaue Augen…

      „Du weißt, was jetzt kommt! Wenn Metallrüstungs-Drache ein Monster im Verteidigungsmodus durch Kampf zerstört, kann er noch einmal angreifen! Umfassende Zerstörung!“

      Der gepanzerte Drache stürmte auf Evans Monsterreihen zu und nahm sie sich eins nach dem anderen vor: Zuerst stach er mit den langen Klingen an seinen Knöcheln auf den achtbeinigen, rosa Drachen ein, dann fiel der blaue Drache den sensenartigen Klingen an den Ellenbogen seines Widersachers zum Opfer. Schließlich schlug der gepanzerte Drache mit rollenden Augen mit seinem langen, ebenfalls mit gebogenen Klingen versehenen Schweif nach seinem zweifarbigen Artgenossen, dessen Hologramm sich ebenfalls in Luft auflöste.

      „Und noch hat mein Drache einen Angriff übrig, und der ist für dich bestimmt!“, rief Richard mit ausgestrecktem Arm und sein Monster bäumte sich vor Evan auf, in dessen vernarbten Gesicht sich eine Mischung aus Beeindruckung und Ungläubigkeit abzeichnete. Eine blaue Energiekugel bildete sich im Maul des gepanzerten Drachen und Evan hielt sich gerade noch rechtzeitig einen Arm vors Gesicht, bevor das Monster die Kugel auf ihn schleuderte, um seine Lebenspunkte mit einem Schlag auf 0 zu senken… (Evan: LP 1100 -> 0)

      „Und es ist passiert!“, verkündete MC Arthur, während das Publikum – selbst viele von denen, die eben noch Evan angefeuert hatten – jubelte. „Richard konnte tatsächlich den amtierenden Meister Evan Drake besiegen! Damit hätte wirklich keiner gerechnet! Somit ist unser erster Finalteilnehmer auch gleichzeitig einer unserer Newcomer!“

      Die gigantischen Monitore im Stadion zeigten Bilder aus dem Publikum und kurz erhaschte Richard einen Blick auf Mia, Alex’ schrille, braunhaarige Freundin, die von ihrem Platz aufgesprungen war und etwas rufend die Arme in die Luft streckte. Doch es war nicht Mia, die Richards Aufmerksamkeit weckte, es war der leere Platz zu ihrer linken. Alex war nicht da. Enttäuschung und Verwunderung machten sich in Richard breit, sodass er kaum merkte, wie Evan wie ein nasser Hund seine Haarpracht schüttelte, hinüber zu Richard schritt und ihm kräftig die Hand schüttelte.

      „Gut gespielt, Kumpel“, meinte Evan, packte das Handgelenk des immer noch geistig abwesenden Richard und riss es hoch, sodass die beiden Seite an Seite in einer triumphierenden Pose die Arme hochhielten.

      „Dass nenne ich Sportsgeist, Freunde!“, rief MC Arthur über den erneut aufflammenden Jubel des Publikums hinweg. „Evan scheint sich richtig für seinen Bezwinger zu freuen!“

      ~

      „Habe ich es dir nicht gesagt? Habe ich nicht von Anfang an gesagt, dass sie eine Bedrohung für uns ist?“, meinte Christopher Allington mit einem Hauch von Selbstgefälligkeit in der Stimme.

      „In der Tat, das hast du“, bestätigte Mr. Steele ruhig. Die beiden Männer berieten einander immer noch in dem Büroraum, an dessen Tür Alex lauschte und keiner der drei bekam etwas von dem Trubel draußen auf dem Duellfeld mit. „Es ist ein Fehler des Alters, die Macht der Jugend zu unterschätzen. Ich bin da keine Ausnahme. Und man sollte meinen, ich hätte aus dem Fehler gelernt, meinen Sohn den letzten Turnierteilnehmer auswählen zu lassen. Schließlich wäre es gar nicht so weit gekommen, würden seine Hormone nicht mit ihm durchgehen…“

      „Was wirst du jetzt tun?“, fragte Christopher Allington nach einer kurzen, nachdenklichen Pause.

      „Zumindest können wir nicht zulassen, dass sie es in diesem Turnier noch weiter bringt. Ich frage dich: Wirst du sie morgen besiegen?“

      Eine erneute Pause entstand, während der Christopher offenbar über seine Antwort nachdachte.

      „Ich bin nicht sicher…“, antwortete dieser schließlich zögerlich. „Natürlich sollte es normalerweise kein Problem sein, eine Sechzehnjährige mit einem solch erbärmlichen Deck zu besiegen, aber irgendetwas an ihr ist ungewöhnlich… Mit ihrem Glück hat sie es auch geschafft, Takamoto zu besiegen…“

      „Mr. Takamoto hat einen entscheidenden Fehler begangen“, entgegnete Mr. Steele. „Den selben Fehler wie ich: Er hat dieses Mädchen unterschätzt. Er hat nicht sein volles Potenzial entfaltet. Wie auch immer: Wenn du dir nicht sicher sein kannst, dass du morgen gewinnst, dann sorge dafür! Überleg’ dir was, um ihren Kampfgeist zu brechen, falls nötig, aber ich will sie nicht im Finale sehen! Hast du mich verstanden?“, schloss er eindringlich.

      Draußen vor der Tür stockte Alex der Atem. Also war es so weit: Sie war zu weit gegangen…
      Hinter der Tür waren die Männer unterdessen erneut in Schweigen verfallen. Dieses wurde schließlich von Christopher gebrochen: „Selbstverständlich, Richard."


      Meine Fan Fiction auf eTCG - Yu-Gi-Oh! PHOENIX
      Serie 1 / Serie 2

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      Kartenliste
      Evan:

      - Sonneneruptions-Drache (2x)
      - Stream, Drachenherrscher der Tröpfchen
      - Tidal, Drachenherrscher der Wasserfälle
      - Blaster, Drachenherrscher des Infernos
      - Superverjüngung
      - Lavadrache
      - Drachen-Reinkarnation
      - Hydrogeddon
      - Wiedergeburt des Drachen
      - Blizzarddrache

      Richard:

      - Alexandrit-Drache
      - Höhlendrache
      - Redox, Drachenherrscher der Felsen
      - Golemdrache
      - Durchbruchfähigkeit
      - Angsteinjagendes Gebrüll
      - Topf der Gier
      - Drache, der in der Höhle haust
      - Fusionsersatz
      - Der erste Drache
      - Schloss der Drachenseelen
      - Kein Zutritt!
      - Reactan, Drachenherrscher der Kiesel
      - Stampfende Zerstörung

      Neue Karten:

      - Zwei vom gleichen Schlag

      Normale Zauberkarte

      Du kannst nur 1 „Zwei vom gleichen Schlag“ pro Spielzug aktivieren. Wähle ein Monster der Stufe 4 oder niedriger, das du kontrollierst. Ändere das gewählte Ziel in die offene Verteidigungsposition und beschwöre 1 Monster als Spezialbeschwörung von deinem Deck in die offene Verteidigungsposition, das den gleichen Namen wie das gewählte Monster hat. Du kannst in dem Speilzug, in dem du diesen Effekt aktivierst, keine Monster als Spezialbeschwörung beschwören, außer durch den Effekt von „Zwei vom gleichen Schlag“.

      - Zweielemente-Drache

      Monster / Titan / Effekt / Wasser/Feuer / Drache / Gold-Sterne: 3 / 2900 ATK / 2300 DEF

      Du kannst jeden der folgenden Effekte einmal pro Spielzug aktivieren:
      O Wähle 1 WASSER-Monster in deinem Friedhof und 1 Monster, das dein Gegner kontrolliert; entferne die gewählten Ziele aus dem Spiel.
      O Entferne 1 FEUER-Monster in deinem Friedhof aus dem Spiel; füge deinen Gegner Schaden in Höhe der Hälfte der ATK des Monsters zu

      Zweielemente-Angriff

      Normale Zauberkarte

      Wähle 1 Monster mit mehreren Eigenschaften auf deinem Spielfeld; Zerstöre 1 auf der Spielfeldseite deines Gegners. Dann erhält dein gewähltes Monster ATK in Höhe der Hälfte der ATK des zerstörten Monsters.

      Schatz der Drachen

      Normale Zauberkarte

      Wirf’ ein Monster vom Typ Drache der Stufe 4 oder niedriger mit 2000 oder mehr ATK ab; ziehe 2 Karten von deinem Deck.

      Metallrüstungs-Drache

      Monster / Titan / Effekt / Erde / Drache / Gold-Sterne: 3 / 3000 ATK / 2500 DEF

      Wenn diese angreifende Karte ein Monster in Verteidigungsposition durch Kampf zerstört; sie kann sofort noch einmal anreifen.
      Anmerkungen
      - Als Richard in Kapitel 4 das erste Mal "Der erste Drache" beschworen hat, war dessen offizieller deutscher (und englischer) Name noch nicht bekannt. Ich habe ihn deshalb frei mit "Lindwurm der ursprüngliche Drache" übersetzt. Ich werde das korrigieren.

      - In der Ur-Verision dieses Kapitels (die hier in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar zu lesen war), nenne ich "Wiedergeburt des Drachen" noch fälschlicherweise "Drachenseelen-Wanderung". Keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin. Auch das wird korrigiert.
      Preview: Kapitel 1.14 - Wahr gewordener Albtraum
      In der Nacht vor ihrem Halbfinal-Duell gegen Christopher Allington plagen Alex schreckliche Albträume. Vollkommen aufgelöst weckt sie schließlich Richard auf und überredet ihn zu einem nächtlichen Spaziergang. Die beiden kommen sich näher, aber ihr Glück wird nur von kurzer Dauer sein...

      Meine Fan Fiction auf eTCG - Yu-Gi-Oh! PHOENIX
      Serie 1 / Serie 2

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Leseleff ()

      Ich bin letztens auf diese Fan Fiction gekommen und war wortwörtlich hingerissen. Innerhalb von 5 Stunden hatte ich sämtliche von dir bereits veröffentlichten Folgen verschlungen und hab mich eigentlich nur gefragt: "Wie schreibt man so etwas Großartiges?"

      An deiner Saga ist, wie ich finde, alles fabelhaft gelungen. Dein ganzer Schreibstil und deine Art, an die anderen Yu-Gi-Oh! Animes anzuknüpfen und die Duelle zum Ausdruck zu bringen mit all ihren Vielseitigkeiten und Eigenheiten hat mich derart fasziniert, dass ich dich dir das einfach mal schreiben musste.
      Das Tollste von allem war für mich deine neue Beschwörungsmechanik, die Titanenbeschwörung. Dazu hätte ich ein paar Anmerkungen:

      Spoiler anzeigen
      Aus rein theoretischer Sicht betrachtet ist die Titanenbeschwörung gegenüber Xyz- und Synchrobeschwörung mit weit weniger Kartennachteil verbunden, da man sich des Friedhofs bedienen kann. Dafür ist sie allerdings spezieller als die beiden anderen Beschwörungen, da man Typ und Eigenschaft abdecken muss. Das wiederum sollte aber eigentlich kein Problem sein, wenn man genug Titanen-Monster besitzt, da man dann die Wahl zwischen den verschiedenen Kombinationen hätte.
      Mir ist aufgefallen, dass eine Deckart genz besonders von der Titanenbeschwörung profitieren könnte, wenn die den nötigen Titanen-Support hätten: Lichtverpflichete. Sie millen dauernd Monster und könnten dadurch die Titanen nur so swarmen. Um also eine Art Bossgegner oder sehr starken Gegner, den es in Yu-Gi-Oh! PHOENIX von den Protagonisten zu besiegen gälte, mit einem richtig fiesen Deck auszustatten, könnte man erwägen, ihn Lichtverpflichtete spielen zu lassen. Hier ein paar Vorschläge für möglichen Lightsworn-Titanen-Support:

      PHNX-000 Kalya, Lichtverpflichtete Erzherrin
      Hexer / Titan / Effekt / LICHT / Goldstufe 2 / ATK 2000 / DEF 0
      Während deiner Main Phase kannst du jeden dieser Effekte einmal pro Spielzug aktivieren:
      o Füge deiner Hand 1 "Urteilsdrache" von deinem Deck hinzu. Du kannst in dem Spielzug, in dem du diesen Effekt aktivierst, keine weiteren Monster als Spezialbeschwörung beschwören und keinen Angriff deklarieren.
      o Lege diese Karte vom Spielfeld auf den Friedhof; beschwöre 2 "Lichtverpflichtet"-Monster der Stufe 4 oder niedriger als Spezialbeschwörung von deinem Deck. Sie können in diesem Spielzug nicht direkt angreifen.
      Während deiner End Phase: Lege die obersten 6 Karten deines Decks auf den Friedhof.

      PHNX-001 Lichtsäulen-Paladin
      Krieger / Titan / Effekt / LICHT / Goldstufe 3 / ATK 2700 / DEF 2000
      Einmal pro Spielzug, während deiner Main Phase: Du kannst diesen Effekt aktivieren; in diesem Spielzug wird "Urteilsdrache" nur Karten auf der Spielfeldseite deines Gegners zerstören.
      Während der End Phase des Spielzugs, in dem du diesen Effekt aktiviert hast: Zerstöre diese Karte und lege die obersten 4 Karten deines Decks auf den Friedhof.

      PHNX-002 Ensus, Lichtverpflichteter Vasall
      Krieger / Effekt / LICHT / Stufe 4 / ATK 1200 / DEF 1200
      Wenn diese Karte vom Friedhof ins Deck zurückgelegt wird: Du kannst diesen Effekt aktivieren; Lege diese Karte auf dein Deck und, während der End Phase: Lege die obersten 3 Karten deines Decks auf den Friedhof.

      Ich hoffe, dir gefallen meine Vorschläge und ich würde mich sehr freuen, wenn diese Karten irgendwann in der Geschichte vorkommen würden.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von VBC ()

      @VBC: Wow... vielen Dank. Ich fühle mich jetzt echt geschmeichelt :saint:

      Deine Bemerkungen über die Titanen-Monster entsprechen auch meinem Konzept: Einfacher als alles Bisherige, aber auch spezieller. Da das ganze auf Attribut und Typ basiert, würde es nicht sowas wie Staples geben, die in jedem Deck gespielt werden können, sondern jedes Deck hätte nur Zugriff auf ein paar wenige Titanen, was den Spam-Faktor niedrig hält.
      Danke auch für deine Kartenvorschläge, auch wenn ich das erste schon leicht OP finde. Schließlich steht da drauf: "Mathematiker = Urteilsdrache/Zwei Monster fast ohne Drawback + 6er-Mill". Gut, ein potenzieller Lightsworn-Spieler in meiner Fanfic würde wahrscheinlich keinen Mathematiker spielen, aber dennoch könnte die Karte so nie in echt erscheinen.
      Was die Unterbringung angeht, muss ich mal gucken. Meistens schneidere ich meinen Charakteren ja ihr Deck direkt auf den Leib und für die ganzen Antagonisten stehen die Decks auch schon fest. Aber tatsächlich gibt es ab der zweiten Staffel eine Figur, die durchaus Lightsworn spielen könnte, die gehört dann allerdings zu den Guten. Mal sehen, was sich da machen lässt.

      So, und jetzt Überraschung! Da das aktuelle Kapitel irgendwie sowohl in Sachen Umfang als auch Bearbeitungszeit deutlich länger ausfällt als erwartet, habe ich mich entschlossen, spontan einen Zweiteiler draus zu machen. Den ersten Teil gibt's schon jetzt, bevor ich mich morgen erstmal in den Süden absetze. Viel Spaß!
      Kapitel 1.14 - Wahr gewordener Albtraum; Teil 1
      Feuer! Panisch rannte Alex durch ihre brennende Wohnung, die ihr vorkam wie ein gigantisches Labyrinth. Sie folgte den Schreien ihrer Schwester, die von überall her zu ihr durchdrangen, einzig und allein von dem Drang getrieben, sie zu erreichen, bevor es zu spät war. Aber sie hatte die Orientierung verloren, um sie herum sah sie nur noch orange leuchtende Flammen…
      Sie schrie den Namen ihrer Schwester, bekam ein schmerzerfülltes Stöhnen zur Antwort und irrte durch das Inferno, nicht auf den sengenden Schmerz an ihren Fußknöcheln achtend, wenn sie über einen brennenden Teppich stolperte.
      Schließlich stieß sie auf gut Glück eine Tür auf und fand ihre Schwester am Boden liegen, bewusstlos.
      Sie stürmte herüber und versuchte, Lily wachzurütteln. Mehrmals sagte sie ihren Namen, bekam jedoch keine Antwort und wuchtete den kleinen Körper schließlich hoch, sodass sie ihre Schwester huckepack aus der brennenden Wohnung tragen konnte. Sie rannte so schnell, wie es die Umstände zuließen und nahm den gleichen Weg zurück, den sie gekommen war, nur um anschließend festzustellen, dass nicht nur die Wohnung brannte: Das ganze Haus stand in Flammen und wohin Alex auch blickte, nirgends konnte sie einen Fleck erkennen, der nicht von riesigen, leuchtenden Flammen verschlungen wurde…
      Sie rannte weiter, rannte ohne Pause zu machen und ohne das Gewicht des Mädchens auf ihren Schultern wahrzunehmen, das Treppenhaus hinab, hinunter in den Flur, wo sie die Eingangstür aufstieß, auf dem Weg nach draußen…
      Doch auch hier gab es kein Entrinnen: Die Welt stand in Flammen und aus den Fenstern und Türen sämtlicher Häuser, die die Seiten der Menschenleeren Straßen säumten, quollen dichter Schwarzer Rauch und orange leuchtende Flammen…
      Also rannte sie weiter. Rannte, ohne das Ziel zu kennen, nur von ihrem Fluchtinstinkt getrieben und wurde erst gestoppt, als sie stolperte…

      Sie fiel bäuchlings zu Boden und schürfte sich an der asphaltierten Straße das Kinn auf, während vor ihr der Körper ihrer Schwester auf den Boden kullerte und reglos auf dem Rücken liegen blieb.
      „Lily!“, rief Alex, sobald sie sich aufgerappelt hatte, krabbelte auf allen Vieren zu ihrer Schwester hinüber und versuchte erneut, sie wachzurütteln, vergeblich. Also versuchte sie wieder, ihre Schwester auf die Schultern zu hieven, um ihre Flucht fortzusetzen, aber auch diese Bestrebungen scheiterten. Es war, als wäre Lily am Boden festgeklebt. Panisch suchte Alex nach der Ursache für diese Eigenart und fand sie auch rasch: Dicke, braune Wurzeln waren aus dem Boden hervorgebrochen und hatten sich wie Fesseln um Lilys Hand- und Fußgelenke geschlungen…

      „Lily!“, schrie Alex abermals und versuchte, die botanischen Fesseln zu lösen, doch genau so gut hätte sie versuchen können, ihre Schwester mitsamt der ganzen Straße davonzutragen. Denn statt dass die bisherigen Wurzeln nachgaben, brachen weitere aus dem Boden hervor. Wie in Zeitraffer überwucherten sie den kleinen Körper, schlangen sich um Arme und Beine, verschnürten die Brust, verdeckten Mund und Nase...

      „Nein!“, schrie die hilflose Alex, der nichts anderes übrig blieb, als immer wieder den Namen ihrer Schwester zu wiederholen, als könnte sie deren Schicksal damit hinauszögern, während sie selbst sich die Finger beim Kampf gegen die Wurzeln wund scheuerte, die jedoch unnachgiebig wie Stahl waren. Sie tat dies so lange, bis außer den kalten, starren Fingerspitzen, den geschlossenen Augen und des flammend roten Haares, Lilys ganzer Körper überwuchert war und die Wurzeln begannen, sie unter die Erde zu ziehen…
      Alex schrie umso lauter, forderte Hilfe von Leuten ein, die nicht da waren und setzte ihren aussichtslosen Kampf fort, bis Lily schließlich komplett vom Erdboden verschluckt worden war; nur den makellosen Asphalt der Straße und ein Haufen Elend namens Alex zurücklassend, das auf die Knie sank und weinend das Gesicht in den Händen begrub, nicht merkend, dass die Feuer um sie herum erloschen waren und das verzweifelte Mädchen allein in der Dunkelheit zurückgelassen hatten.

      „Es ist deine Schuld“, sprach eine unbarmherzige Stimme von hinten. Alex, die die Stimme erkannte, wirbelte herum, stand auf und hörte auf, zu weinen.

      „Richard!“, rief sie erleichtert und eine Flut von Fragen, Berichterstattungen und verzweifelten Bitten um Hilfe sprudelte aus ihrem Mund, doch es schien, als könnte er sie nicht hören.

      „Es ist deine Schuld“, wiederholte Richard in dem gleichen, kalten, unbarmherzigen Ton und schritt näher an sie heran. „Du hättest alles haben können, aber du hast versagt. Du wolltest zu viel. Und jetzt wirst du alles verlieren.“

      Plötzlich traten zwei weitere, wesentlich kleine Körper hinter Richards Rücken hervor: Lily, die ungewöhnlich blass war und ein böses, schadenfrohes Grinsen aufgesetzt hatte und Billy, Alex’ Gegner aus der ihrem ersten Vorrunden-Duell, der ihretwegen vor einem Millionenpublikum einen Korb bekommen hatte.

      „Alles verlieren. Alles verlieren“, wiederholten die Neuankömmlinge immer wieder, was zu einer Art unheimlichen Singsang wurde.
      Voller Angst wich Alex ein paar Schritte zurück und stieß in die Falle gelockt mit dem Rücken gegen eine Wand, die eben noch nicht dagewesen war. Schließlich sank sie eingeschüchtert auf ihren Hintern, während Richard, begleitet vom Singsang seiner Kameraden, ihr ganz nahe kam. Er setzte ein hässliches Grinsen auf – eine Mischung aus Verachtung und unverhohlener Begierde – Und streckte seine Hand nach Alex’ linker Brust aus. Einen Moment lang dachte sie, er wolle grabschen, aber dann glitt seine Hand direkt durch Kleidung und Haut, in ihren Körper hinein. Dort verweilte sie eine Weile, doch als Richard sie schließlich wieder hinauszog, hielt er ein Herz in der Hand. Kein stilisiertes Zeichentrickherz, wie Mia sie über ihre „i“s malte, sondern ein echtes, anatomisch korrektes, menschliches Herz, groß wie ein Apfel mit Aderansätzen, die wie die Triebe einer Kartoffel aus der Oberseite sprossen. Es zuckte schwach und Blut sickerte daraus hervor und lief an Richards Handgelenk herunter. Analog dazu sog sich Alex’ weißes Oberteil von dem Punkt aus, wo Richards Hand in sie eingedrungen war, in alarmierender Geschwindigkeit mit klebrigem, scharlachrotem Blut voll.
      Sie protestierte lautstark und sprang an Richard hoch, um zurückzuholen, was ihr gehörte, doch er war viel größer als sie und hielt das Herz hoch in die Luft , sodass sie nicht herankam.

      „Nein!“, schrie sie letzter Kraft, während das Atmen ihr zunehmend schwerer fiel. Aber Richard lachte nur höhnisch, stimmte in den anhaltenden „Alles verlieren“-Singsang seiner Mitstreiter ein und zu dritt begannen sie, sich im Kreis um das hilflose, blutende Mädchen zu drehen, als würde dieses in einem Karussell sitzen.
      Verzweifelt folgte Alex mit den Augen Richard, der plötzlich in seinen Umkreisungen immer größer wurde… Oder war es Alex, die schrumpfte? Jedenfalls kam sie sich immer kleiner vor, während sie dazu verdammt war, zuzusehen, wie das lebenswichtige Organ, das man ihr gestohlen hatte, in immer weitere Ferne rückte, bis sie sich so klein vorkam wie eine Ameise und schließlich ganz allein in völliger Dunkelheit war…
      Sie sank auf die Knie, atmete flach und schmerzhaft und hielt sich die linke Brust, aus der immer noch heißes, klebriges Blut sickerte wie Wasser aus einem vollgesogenen Handtuch und ihr Oberteil durchweichte.
      Doch die Stille hielt nicht lange an. Plötzlich begann der Boden unter ihr zu leben; hunderttausende von Skorpionen, die aus ihrem Schlaf erwachten und begannen, an ihrem Körper empor zu krabbeln…
      Panik und Ekel machten sich in Alex breit und sie versuchte, die kleinen, schwarzen, sechsbeinigen Kreaturen abzuschütteln, aber es waren zu viele. Wenn es ihr gelang, ein paar abzuschütteln, dann wurden diese sofort durch neue ersetzt, die ihren Weg Alex’ Körper hinauf zielstrebig fortsetzten und diesen bald komplett bedeckten. Sie krabbelten ihren Hals hinauf, erreichten ihr Gesicht, würden jeden Moment in Augen und Mund eindringen…

      ~

      Alex schrie. Schrie sich die Seele aus dem Leib und wusste nicht, wo sie war. Es war irgendwie weich und heiß und nass…
      Es dauerte eine Weile, bis sie begriff. Sie saß schweißgebadet und kerzengerade im Bett ihres Hotelzimmers. Das alles war nur ein Traum gewesen, Lily wurde nicht vom Erdboden verschluckt, sie war im Krankenhaus. Da war kein Feuer, keine Skorpione und auch Alex’ Herz war zweifellos immer noch da. Es hämmerte gegen ihren Brustkorb, als wolle es sämtliche Schläge eines langen Lebens in einer Nacht schaffen. Auch gab es keine Spur von Blut auf ihrer Kleidung.
      Ihre Kehle brannte vor Durst, sie kämpfte sich aus den unendlich weichen Federn frei und begab sich ins vom Zimmer abgetrennte Bad, um ein Glas Leitungswasser hinunterzustürzen.
      Anschließend zog sie sie sich im Dämmerlicht an, weil sie genau wusste, dass es keinen Sinn hatte, zu versuchen, wieder einzuschlafen. Ihr gelang es jetzt im wachen und beschäftigten Zustand ja schon kaum, das soeben Gesehene zu verdrängen. Was sie jetzt brauchte, war ein guter Freund, jemand, dem sie sich anvertrauen konnte, jemand, der stärker war als sie…

      Minuten später klopfte sie energisch gegen die Tür von Richards Hotelzimmer. Es dauerte eine Weile, bis sich im Inneren etwas regte, aber schließlich öffnete sich die Tür und ein äußerst verschlafener Richard im Schlafanzug stand darin, der sich die Augen rieb.

      „Alex…“, gähnte er. „Was gibt es denn?“

      „Hast du kurz Zeit?“, antwortete sie ein wenig schroff.

      „Klar…“, meinte Richard perplex, verkniff sich ein weiteres Gähnen und kratzte sich am Hinterkopf. „Komm rein…“

      Alex schüttelte den Kopf. „Nicht hier“, sagte sie. „Können wir einen kleinen Spaziergang machen?“

      Richard blinzelte das Mädchen an, das mit zersausten Haaren und dunklen Schatten unter den Augen vor seiner Tür stand. „Natürlich…“, sagte er schließlich. Offenbar hatte er erkannt, dass etwas nicht stimmte. „Warte kurz, ich zieh’ mir was an.“

      Alex wartete also im Gang, während Richard wieder im Zimmer verschwand, um kurze Zeit später in seiner üblichen dunklen Jacke wieder daraus aufzutauchen. Ohne weitere Worte zu wechseln ging Alex voraus und Richard folgte ihr.
      Gemeinsam verließen sie das Hotel durch die riesige Lobby und betraten die Straße, die im goldenen Licht der Straßenlaternen lag und von einem einsamen Mann mit Hut und Trenchcoat einmal abgesehen vollkommen ausgestorben schien.
      Es war eine milde Augustnacht und der am pechschwarzen Himmel hing ein schmaler, Sichelförmiger Mond. Zielstrebig steuerte Alex die nächste U-Bahnstation an. Sie wollte jetzt nicht hier sein, im Zentrum der Stadt, wo die Reichen lebten und arbeiteten, sondern sie wollte dahin, wo ihre Wurzeln waren, wo sie hingehörte…
      Sie stiegen in eine Bahn, nicht merkend, dass auch der Mann im Trenchcoat zur
      U-Bahnstation gegangen war und in den Wagon hinter ihnen einstieg. Während der ganzen, etwa halbstündigen Fahrt sprachen sie kein Wort. Richard fragte nicht einmal, wohin sie fuhren. Schließlich hatten sie ihr Ziel erreicht und Alex gab Richard zu verstehen, dass sie aussteigen wollte. Sie verließen die U-Bahnstation und nachdem sie noch durch ein paar schmale, dunkle und dreckige Gassen gelaufen waren, hatten sie schließlich den Ort erreicht, nach dem Alex sich sehnte: Den Platz, den Sarah ihr einst gezeigt hatte, über der Einmündung eines riesigen
      U-Bahntunnels, hinter dem sich die nackten Gleise zwischen hässlichen Betonbauten in der Dunkelheit verloren, ausgerichtet auf einen bunten, leuchtenden Fleck, der Domino City war.

      „Da wären wir“, brach Alex das Schweigen und deutete überflüssigerweise auf den leuchtenden Punkt in der Ferne. „Die Stadt, wie ich sie ein Leben lang gesehen habe.“

      „Warst du denn nie dort?“, fragte Richard, stellte sich neben sie an die Balustrade und ließ die Aussicht auf sich wirken.

      Alex zuckte mit den Schultern. „Wozu? Meine Schule ist hier. Na ja, nicht direkt hier, aber da gibt es kaum einen Unterschied. Wir bekommen hier alles, was wir brauchen und in den Läden im Zentrum können wir uns eh nichts leisten. Das da…“, sie deutete Abermals auf den Lichtfleck in der Ferne, „ist nicht das Domino City, aus dem ich komme. Sondern das hier“, sie deutete auf die hässlichen Betonbauten im Umkreis, „Ich bin hier geboren. Und bis vor ein paar Wochen war ich mir absolut sicher, dass ich auch hier sterben würde. Ohne jemals etwas bewirkt zu haben. So wie Millionen Andere auch.“

      „Wolltest du deshalb mit mir sprechen?“, fragte Richard behutsam und sah ihr in die leuchtend grünen Augen.

      Sie schüttelte den Kopf, drehte sich von der Aussicht weg, rutschte die Balustrade hinab und setzte sich schließlich mit dem Rücken dagegen auf den Boden. Richard tat es ihr gleich.

      „Ich hatte diesen Traum…“, fing sie an und ihre Stimme begann, zu beben. Anschließend schilderte sie ihm in allen Einzelheiten, was sie gesehen hatte.
      „…und dann“, schloss sie, „hast du mir das Herz gestohlen.“

      „Ich habe dir das Herz gestohlen?“, wiederholte er mit dem Anflug eines Lächelns.

      „Na ja, mehr rausgerissen...“

      Richard gab sich einen Moment Zeit, um zu antworten. Schließlich streichelte er ihre Schulter und sagte mit einem Lächeln: „Dann habe ich mir nur zurückgeholt, was du vorher mir genommen hast…“

      Alex’ Augen wurden feucht. „Richard… das ist… das ist nicht lustig!“, klagte sie.

      „Natürlich. Tut mir leid“, entschuldigte sich Richard und setzte sofort eine todernste Miene auf.
      „Hey… Es war nur ein Traum…“, versuchte er, sie zu trösten und legte einen Arm um ihre Schulter.

      „Es war nicht bloß ein Traum!“, erzürnte sich Alex und schüttelte seinen Arm ab. Tränen liefen jetzt ihre Wangen herunter. „Na gut, eigentlich schon, aber um den Traum geht es mir doch gar nicht!“

      „Worum dann?“, fragte Richard, der mit der Situation sichtlich überfordert war.

      „Versteh’ doch… Ich habe Angst!“, gestand sie daraufhin lautstark. Sie sprang auf und fing an, hin und her zu gehen. Plötzlich sprudelten all ihre Sorgen aus ihr heraus: „Was, wenn ich morgen versage? Dann war alles umsonst. Und wenn nicht? Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte! Dein Vater will mich nicht im Turnier haben und wie lange glaubst du dauert es noch, bis er etwas gegen mich unternimmt? Versteh’ doch, ich mache mir einfach solche Sorgen, dass ich zu weit gehen könnte und dann letztendlich alles verliere…“

      Bei diesen letzten Worten sackte Alex wieder neben Richard an der Brüstung zusammen und begrub weinend das Gesicht in den Händen. Richard schloss sie wieder fest in die Arme.
      „Kein Angst“, flüsterte er. „Du brauchst dich nicht zu sorgen. Was soll denn groß passieren? Mein Vater hat doch gar nichts gegen dich in der Hand…“

      „Hat er doch“, unterbrach ihn Alex schluchzend. „Richard, sie wissen es! Sie wissen von… Phoenix. Als du dich mit Jessica duelliert hast, habe ich im Stadion Devon getroffen und die Beherrschung verloren. Mittlerweile wird er es ihnen gesagt haben…“

      Dieses Geständnis machte Richard für einen Moment sprachlos. Er starrte nach vorne in die Leere und streichelte mechanisch ihren Kopf.

      „Ich will doch nur, dass meine Schwester wieder gesund wird!“, schluchzte Alex, das Gesicht wieder in den Händen verbergend.

      „Ich weiß“, flüsterte Richard. Und das wird sie, auch wenn du das Turnier nicht gewinnst. Dafür sorge ich schon, und wenn ich meinen Vater eigenhändig bestehlen muss. Und wenn er dir etwas antun will, dann muss er erstmal an mir vorbei.“

      Alex hob das feuchte Gesicht aus den Händen und blinzelte Richard an. „Aber das kannst du doch unmöglich ernst meinen…“

      „Kann ich nicht?“, entgegnete Richard und sein Gesicht nahm einen harten, ernsten Ausdruck an. „Mein Vater bedeutet mir nichts. Er hat mein Vertrauen vor langer Zeit verloren.“
      Seine Züge wurden wieder weicher und er sah Alex sanft in die Augen. „Aber du, du bedeutest mir alles. Es gibt nichts, was ich nicht für dich tun würde.“

      Ihre Augen schwammen wieder in Tränen. „Das habe ich nicht verdient“, schluchzte sie. „Du bist als Mensch so viel besser als ich. Ich habe dich nicht verdient. Was, wenn ich dich enttäusche? Ich will nicht, dass du dann alles für mich aufgegeben hast.“

      „Du kannst mich doch gar nicht enttäuschen“, antwortete Richard und fing an, ihre Hand zu halten.

      Alex antwortete zunächst nicht. In einer Geste der Dankbarkeit legte sie entspannt ihren Kopf auf seine Schulter und starrte eine Weile lang in die Leere. Schließlich fand sie ihre Stimme in Form eines sachlichen Flüsterns wieder: „Vorhin, als Mia und ich dir bei deinem Duell gegen Evan zugesehen haben, da hat sie mich gefragt, wann ich endlich einsehen würde, dass da mehr zwischen uns ist als nur Freundschaft.“

      „Und?“

      „Ich glaube, es ist endlich so weit.“

      Und während Alex die letzten Worte aussprach, wurde ihr plötzlich eins klar: Dieses Mal war da keine Mia, die plötzlich reinplatzen konnte. Sie und Richard waren vollkommen allein, niemand würde sie stören…
      Langsam drehte sie ihren Kopf, sah ihm direkt in die wachsamen, blassgrünen Augen, reckte das Kinn nach oben, schloss die Augen, kam ihm immer näher.
      Und als ihre Lippen sich endlich berührten, war es, als würde ein Feuer in ihr auflodern. Ihr wurde ganz heiß und die Finsternis vor ihren geschlossenen Augen wurde viel heller, nahm ein sattes orange an. Sie konnte sogar das Rauschen der Flammen hören…
      Die beiden schreckten urplötzlich auseinander und mit einer Wucht wie von einer Abrissbirne holte die Realität Alex ein. Dieses Feuer war keine hormongesteuerte Empfindung, ausgelöst durch ihren ersten Kuss, es war echt! Überall um sie herum stand plötzlich alles in riesigen, orange leuchtenden Flammen!
      Ihr ohnehin schon schnell schlagendes Herz begann zu rasen, als sie aufsprang und sich nach einer Lücke im Inferno suchend hektisch umsah. Doch da war keine: Die Welt um sie herum hatte Feuer gefangen und die Flammen bildeten eine undurchdringliche Mauer, die einen perfekten, etwa zehn Meter breiten Kreis beschrieb, in dessen äußersten Ende sich Alex und Richard befanden. Angst stieg in Alex auf wie eine ätzende Säure, während sie Zuflucht suchend einen Schritt rückwärts hin zur Balustrade machte, die jedoch auch angefangen hatte, zu kokeln. Keine Frage: Sie saßen in der Falle.

      Plötzlich tauchte in den endlosen Flammen am anderen Ende des Kreises der Schatten eines riesigen, breit gebauten Mannes in einem langen, schwarzen Kapuzenumhang auf.
      „Wie romantisch…“, höhnte dieser mit unnatürlich tiefer Stimme. „Es tut mir ja unendlich leid, euer kleines Rendezvous stören zu müssen…“

      Scheinbar unbeschadet verließ der Mann das Feuer und betrat ebenfalls den Kreis, sodass Alex das Gesicht unter der Kapuze erkennen konnte. Oder zumindest könnte sie dies, wäre es nicht vom kantigen, schlecht rasierten Kinn einmal abgesehen komplett mit einer scheußlichen, silbernen Totenkopfmaske verdeckt. Am ausgestreckten Arm des Mannes war eine aktivierte Duel Disc befestigt.

      „Nightmare…“, hauchte Alex und starrte gebannt zu dem Mann hinüber, der sie in den letzten Wochen immer wieder in ihren Albträumen verfolgt hatte.

      „Ganz recht“, antwortete jener. „Erfreut, mich wiederzusehen?“

      „Nicht wirklich, nein…“, antwortete Alex, die wie üblich ihre Angst mit Dreistigkeit kaschierte.

      Nightmare lachte spöttisch auf. „Unverschämt wie eh und je, aber das werde ich dir schon noch austreiben. Denn heute Nacht ist endlich der Zeitpunkt meiner Rache gekommen. Und ob du willst oder nicht, wir befinden uns mitten in einem Duell. Die Flammen, die du um dich herum siehst sind die Auswirkungen meiner permanenten Zauberkarte Brennendes Land.“

      Alex blickte an ihrem eigenen linken Arm hinab, wo sich ihre Duel Disc, die sie aus Gewohnheit mitgenommen hatte, wie von Geisterhand aktiviert hatte. Ein grünes Blinklicht zeigte an, dass sie in Betrieb war.
      „Also sind das nur Hologramme?“, fragte sie.

      „An deiner Stelle würde ich nicht drauf wetten…“, erwiderte Nightmare und bestätigte damit die Erkenntnis, die Alex gewonnen hatte, als sie ihre Hand über das Feuer gehalten und unverkennbar die aufsteigende Hitze wahrgenommen hatte.

      „Also schön, wie du willst“, meinte Alex, deren Hass auf die Person gegenüber zu groß war, um sich groß mit der Frage zu beschäftigen, woher diese Flammen kamen. „Duell!“, rief sie und zog fünf Karten von ihrem Deck.

      „Noch ist es mein Zug“, erinnerte Nightmare. „Lass mich dir einen Freund vorstellen: Geschmolzener Zombie!“

      Hätte man Alex aufgefordert, an das schrecklichste Bild zu denken, das sie sich vorstellen konnte, dann wäre womöglich das Monster dabei herausgekommen, das in diesem Moment auf Nightmares Feld auftauchte. Es handelte sich dabei um einen brennenden Mann, nackt und kahlköpfig, das Schädelartige Gesicht grausam verzerrt, der geschundene Körper mit Brandblasen übersät. (ATK: 1600)
      Angewidert versuchte Alex, wegzusehen, aber sie schaffte es nicht. Das entstellte Monster zog ihren Blick wie magisch an.

      Nightmare, dem es nicht entgangen war, lachte höhnisch auf. „Du wirst dich wohl an ihn gewöhnen müssen, denn er wird uns noch einige Male besuchen. Vorerst aktiviere ich jedoch noch den permanenten Zauber Ektoplasmer!“

      Er steckte die Karte in seine Duel Disc und ein vergrößertes Hologramm jener erschien vor ihm. Darauf zu sehen war ein Mensch, aus dem scheinbar unter Qualen eine weiße Energie aufstieg.

      „Ich setze noch eine Karte verdeckt und beende meinen Zug. Jetzt aktiviert sich der Effekt von Ektoplasmer! In jeder End Phase muss der Spieler, dessen Zug zu Ende ist, ein Monster als Tribut anbieten. Anschließend erhält sein Gegner Schaden in Höhe der Hälfte der Angriffspunkte des als Tribut angebotenen Monsters!“

      Der brennende Mann brach zusammen und eine weiße, leuchtende Substanz schien aus seinem entstellten Körper zu sickern und in die Luft zu steigen, wo es eine flüssige Kugel bildete wie Wasser in der Schwerelosigkeit.
      Fasziniert starrte Alex das Gebilde an, das unvermittelt platzte und eine Druckwelle erzeugte, die das rothaarige Mädchen hart erfasste.

      Alex schrie. Plötzlich hatte ein Schmerz von ihr Besitz ergriffen, der nicht von dieser Welt war. Er schien von keiner bestimmten Region ihres Körpers zu kommen, er war einfach in ihr und nagte dort an jeder Faser. Sie fing an, zu taumeln und plötzlich wurde ihr schwarz vor Augen…

      Verzweifelt rannte sie durch die brennende Wohnung, auf der Suche nach einem Ausweg, aber da war keiner. Flammen verschluckten alles in ihrer Umgebung und dichter, schwarzer Rauch raubte ihr die Sicht. Und von irgendwoher, wo sie nicht hin konnte, hörte sie Lily schreien…

      Als die Vision zu Ende war, schlug Alex die Augen auf und stand schwer atmend und recht wacklig auf den Beinen inmitten eines Kreises aus Feuer, ihr gegenüber Nightmare neben seinen zwei permanenten Zaubern. (Alex: LP 4000 -> 3200)

      „Was ist passiert?“, fragte Richard, der immer noch bei ihr war.

      „Der Schaden… er war… echt“, krächzte Alex zur Antwort, was Nightmare wieder ein fieses Lachen entlockte.

      „Ein kleiner Vorgeschmack meiner neuen Fähigkeiten. Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug“, erklärte er düster, wobei neben seinen beiden permanenten Zaubern noch eine braune Kartenrückseite erschien.
      [Hand: 1 / Backrow: 1]

      „Du Mistkerl!“, fluchte Richard und funkelte den riesigen Kapuzenträger angriffslustig an.

      „Zügle dein Mundwerk!“, polterte jener.
      „Mit dir habe ich auch noch eine Rechnung offen. Um dich kümmere ich mich dann, wenn ich mit deiner kleinen Freundin fertig bin…“, fügte er bedrohlich hinzu.

      Richard wollte gerade etwas erwidern, als Alex wie ein nasser Hund den Kopf schüttelte und ihn mit einer Geste zum Schweigen brachte.
      „Lass mal, ich kann das schon selbst“, flüsterte sie und fügte dann lautstark, sodass auch ihr Gegner sie hören konnte, hinzu: „Solche billigen Tricks werden dir auch nichts bringen. Ich habe dich einmal besiegt und ich schaffe es wieder!“

      Sie zog eine Karte von ihrem Deck, als Nightmare antwortete: „Offenbar hast du noch nicht genug. Nun, dir wird das Lachen schon noch vergehen. Deshalb ist es Zeit für eine weitere Kostprobe: In jeder Standby Phase erhält der Spieler, der am Zug ist, dank meines Zaubers Brennendes Land 500 Punkte Schaden!“

      Ein großer Funke löste sich aus dem Feuer um sie herum und traf Alex hart. Erneut brannte ein unnatürlicher Schmerz in ihrem gesamten Körper, sie stöhnte gequält auf und ihr wurde schwarz vor Augen…

      Sie irrte immer noch durch das Inferno ihrer Wohnung und fand plötzlich eine Tür. Sie stürmte hindurch und fand Lily auf dem Boden liegen, kalt, bewusstlos…


      Sie schlug die Augen auf und fand sich von Richard abgestützt inmitten des Feuerkreises vor. Der Schmerz klang immer noch an ihren Nerven nach.
      (LP: 3200 -> 2700)

      „Alex, lass’ dir das nicht gefallen…“, meinte Richard eindringlich, aber die schüttelte den Kopf.

      „Ich beschwöre Blaugeflügelte Krone im Angriffsmodus!“, presste sie hervor und klatschte die Karte auf ihre Duel Disc. Vor ihr erschien daraufhin das Hologramm eines großen, blauen Vogels, dessen Stirn ein brennendes V zierte. „Angriff!“

      Alex streckte den Arm aus und der große, blaue Vogel flatterte los, direkt auf Nightmare zu.

      „Nicht so schnell!“, entgegnete dieser mit einem schmutzigen Lächeln und griff nach seiner verdeckten Karte. „Ich aktiviere die Falle Sumpfspiegler! Diese Karte wird nach ihrer Aktivierung zu einem Monster, dessen Attribut und Typ ich bestimmen darf!“

      Die Fallenkarte klappte neben Nightmare hoch und nahm rasch die Gestalt eines Monsters an, das dem letzten in Sachen Hässlichkeit durchaus Konkurrenz machte: Es war ein Mann mit einem verzerrten, grünen Gesicht, dessen Körper ohne erkennbare Beine komplett aus schleimigen, grünen Ranken und Moos zu bestehen schien. (ATK: 1800)

      „Als Typ wähle ich Unterweltler und als Attribut würde ich sagen Feuer…“, fuhr der Maskierte Riese heimtückisch fort, während sein Monster in Flammen aufging und ihm Teufelshörner aus der Stirn wucherten, was es in Alex’ Augen nur noch furchteinflößender machte. Blaugeflügelte Krone unterdessen schreckte im Flug plötzlich vor dem unvermittelt auftauchenden Monster zurück und flatterte zurück zu ihrer Besitzerin.

      „Dann beende ich meinen Zug“, meinte Alex widerwillig.

      „Nicht so schnell, meine Liebe“, höhnte Nightmare mit vorgetäuschtem Wohlwollen. „Denn bevor du deinen Zug beendest, zwingt dich mein Zauber Ektoplasmer dazu, eins deiner Monster als Tribut anzubieten!“

      „Dann soll es so sein“, antwortete Alex und nahm die einzige Karte auf ihrer Duel Disc wieder von deren Oberfläche, um sie auf den Friedhof zu schicken. Der große, blaue Vogel auf ihrem Feld sank daraufhin leblos zu Boden und sonderte eine weiße Substanz ab, die sich in der Luft in einer nach kurzer Zeit platzenden Blase sammelte.
      Der von der Druckwelle erfasste Nightmare brüllte vor Schmerz auf, aber das schien ihn in seiner Rachsucht nur noch zu stärken. (LP: 4000 -> 3200)
      [(Alex) Hand: 5 / Backrow: 0]

      „Mein Zug!“, rief er und zog ruckartig eine Karte auf. Anschließend ließ er es wortlos über sich ergehen, als ein großer Funke sich aus dem umliegenden Feuer löste und ihn an der Schulter traf, um ihm für den Effekt seiner eigenen Zauberkarte 500 Lebenspunkte abzuziehen. (LP: 3200 -> 2700)
      „Ich beschwöre Verdorbene Weisheit im Angriffsmodus!“

      Der Maskierte legte die Karte auf seine Duel Disc und eine weitere Abscheulichkeit erschien vor ihm: Ein riesiges, dunkelbraunes Gehirn, aus dem an verschiedenen Stellen wurmähnliche Tentakel wucherten. (ATK: 1250)
      Angewidert starrte Alex das neue Monster an, das jedoch schon nach kurzer Zeit die Gestalt einer braunen Monsterkarte annahm und sich zusammen mit Nightmares anderem Monster, das die Gestalt einer magentafarbenen Fallenkarte angenommen hatte, in den schwarzen Himmel schraubte.

      „Eine Titanen-Beschwörung?!“, fragte Alex entsetzt.

      „Ganz Recht“, bestätigte Nightmare. „Ich mische Verdorbene Weisheit vom Attribut Finsternis und Sumpfspiegler vom Typ Unterweltler ins Deck zurück, um eine Kreatur zu erwecken, die selbst deine schrecklichsten Träume überbietet! Den einen, den einzig wahren Albtraumherrscher!“

      Es gab einen Lichtblitz und kaum war dieser eingeschlagen, breitete sich ein schwarzer Nebel auf dem Kampffeld aus, der so dicht war, dass Alex schnell nicht mehr das Geringste sehen konnte. Hektisch sah sie sich um, aber da war nichts als Schwärze. Schwärze und…
      Ein Auge! Ein riesiges Auge von knapp einem halben Meter Durchmesser, mit senkrechten Lidern und einer blutroten Iris, war in der totalen Finsternis vor ihr erschienen und starrte sie an. Verängstigt starrte sie zurück.
      Der Nebel legte sich so plötzlich, wie er gekommen war. Der Kreis aus Feuer um sie herum war wieder aufgetaucht, ebenso wie Richard, Nightmare und dessen Monster.
      Jenes war so schwarz, dass es wie ein Loch in der Landschaft wirkte. Außerdem hatte es keine klar umrissene Form; es wirkte am ehesten wie eine gigantische Nacktschnecke, aus deren Rücken eine Vielzahl von gebogenen, weißen Hörnern wucherte. Das Monster war nicht klar vom Betonboden getrennt, es verlief sich in unregelmäßigen Bahnen, ähnlich wie ein Farbklecks und sein eines, gigantisches Auge starrte immer noch ohne zu blinzeln zu Alex hinüber, als würde es sie röntgen. (DEF: 2600)

      „Ich aktiviere den Effekt meines Monsters!“, kündigte Nightmare an und Alex ahnte Übles.
      „Einmal pro Spielzug kann ich ein Monster von meinem Friedhof als Spezialbeschwörung beschwören! Willkommen zurück, Geschmolzener Zombie!“

      Das riesige, rote Auge begann, wild in seiner Höhle zu rollen und plötzlich sprossen lange, schwarze Tentakel aus dem Körper des Monsters, deren Enden es in den Boden stieß. Als sie schließlich wieder auftauchten, hatten sich die Enden der Tentakel um die Arme des brennenden, geschundenen Mannes von vorhin geschlungen, der von Nightmares Titanen-Monster hochgehoben und neben ihm abgesetzt wurde. (ATK: 1600)

      „Und es kommt noch besser, denn wenn Geschmolzener Zombie als Spezialbeschwörung vom Friedhof beschworen wird, kann ich eine Karte ziehen!“

      Nightmare stockte seine Hand auf, während sein abscheuliches Monster erneut den Blick seiner widerwilligen Gegnerin auf sich zog. Anschließend fuhr der Maskierte wieder mit gespieltem Wohlwollen fort: „Aber ich bin ja kein Unmensch. Jedes Mal, wenn ich den Effekt meines Albtraumherrschers aktiviere, werden dir 1000 Lebenspunkte gutgeschrieben. Außerdem erhältst du in diesem Spielzug keinen Kampfschaden.“

      Alex verengte zornig die Augen und ballte die Faust. Nightmare machte es schon wieder: Er schenkte ihr Lebenspunkte, nur um sie länger quälen zu können…
      (LP: 2700 -> 3700)
      „Du wirst es noch bereuen, mir diese Punkte geschenkt zu haben!“, verkündete sie lautstark.

      „Bezweifle ich…“, gab Nightmare zu verstehen. „Aber ich sehe schon: Dein Kampfgeist ist ungebrochen. Dann wird es wohl Zeit für eine weitere Kostprobe meiner Macht…“

      Er steckte seine soeben gezogene Karte in seine Duel Disc und ein vergrößertes Hologramm jener erschien neben ihm. Erschrocken erkannte Alex, was darauf zu sehen war: Ein brennendes Haus.

      „Der Zauber Ookazi fügt dir 800 Punkte Schaden zu!“

      Ein Stoß Flammen schoss aus dem Hologramm der Zauberkarte auf Alex zu und erfasste sofort ihren Körper. Sofort schrie sie unter unerträglichen Qualen auf und wieder wurde ihr schwarz vor Augen…

      Mit ihrer Schwester auf den Schultern rannte Alex durch die Gänge der brennenden Wohnung, die nun wieder so verwirrend waren wie die eines Labyrinths. Sie irrte umher, auf der verzweifelten Suche nach einem Ausweg aus der Feuerhölle, aber da war keiner…


      Sie kam wieder zu sich und zusätzlich zu dem nachklingenden Schmerz vom genommen Schaden taten ihr nun auch die Knie weh, auf die sie offenbar gestürzt war.
      „Wie… geht das?“, krächzte sie, immer noch auf allen Vieren. (LP: 3700 -> 2900)

      „Alles ist möglich, wenn man nur weiß, wie…“, antwortete Nightmare kaltschnäuzig.

      Alex blickte auf, fasste sich und sah fast schon wahnsinnig zu ihrem Gegner hinüber. Denn eins war ihr jetzt klar: Nightmares neues Deck war einzig und allein darauf ausgelegt, sie fertig zu machen. Und diese Tatsache machte sie so zornig, dass ihr Kampfgeist mit einem Schlag wieder geweckt wurde und ihr ganzer rechter Arm lichterloh in Flammen aufging.
      „Aber du weißt es nicht, oder?“, sagte sie verächtlich, immer noch unter Schmerzen zitternd. „Du hast keine Ahnung, genau wie ich. Ich habe dich durchschaut: Du bist nur ein Loser aus dem Ghetto, der eine schwere Kindheit hatte. Dann hat dir dein Auftraggeber diese Karten angeboten und du hast angenommen, um deinen Blutdurst zu stillen…“

      Hinter der silbernen Totenkopfmaske weiteten sich Nightmares blutunterlaufene Augen erschrocken.
      „Schweig…“, drohte er.

      Leicht taumelnd stellte sich seine Gegnerin wieder auf die Füße und in ihren smaragdgrünen Augen zeichnete sich immer noch der Wahnsinn ab.
      „Und was, wenn nicht?“, fragte sie mit einem hysterischen Lachen, am ganzen Leib bebend. Richard versuchte, sie zu beschwichtigen, aber sie wedelte unwirsch mit der Hand, um ihn abzuschütteln.

      „Dann wirst du meinen ganzen Zorn zu spüren bekommen!“, polterte Nightmare.

      „Als ob das jetzt noch eine Rolle spielt“, schnaubte Alex, die nur noch von ihrem Zorn auf den Beinen gehalten wurde.

      „Wir werden ja sehen!“, entgegnete der Maskierte. „Ich beende meinen Zug. Du weißt, was das heißt: Mein Zauber Ektoplasmer zwingt mich dazu, Geschmolzener Zombie als Tribut anzubieten, um dir Schaden in Höhe der Hälfte seiner Angriffspunkte zuzufügen!“

      Erneut brach der geschundene Körper zusammen und eine weiße Substanz sickerte daraus hervor. Jene stieg anschließend in die Luft und bildete eine schwebende Blase.
      Wieder schrie Alex wie am Spieß, als die Druckwelle der platzenden Blase sie erfasste und der Schaden sich in ihrem gesamten Körper als unerträglicher, sengender Schmerz manifestierte…

      Endlich hatte sie ihn gefunden! Den Ausgang aus der Feuerhölle! Sie rannte mit ihrer Schwester auf den Schultern durch den Flur der brennenden Wohnung, so schnell, wie sie es nach all der Anstrengung nicht mehr für möglich gehalten hätte, auf die rettende Tür zu…
      Aber plötzlich stolperte sie. Sie krachte hart auf den Fußboden und Lily flog über einen Meter weit von ihrer Schulter in den Gang hinein, ihr Körper überschlug sich mehrmals und kam schließlich leblos außerhalb von Alex’ Reichweite zum Liegen…


      Als Alex inmitten des Feuerkreises wieder zu Bewusstsein kam, lag sie abermals flach auf dem kalten Betonboden und atmete schwer. (LP: 2900 -> 2100) [(Nightmare) Hand: 1 / Backrow: 0]
      „Und ich bin immer noch da“, sagte sie mühsam, gegen den nachklingenden Schmerz ankämpfend, dann griff sie immer noch auf dem Boden nach ihrem Deck und zog eine Karte.
      Sie hatte mit dem folgenden gerechnet, aber trotzdem musste sie vor Schmerz laut aufstöhnen und wieder zusammenzusacken, als sich ein riesiger Funke aus dem umliegenden Feuer löste, der sie hart am Rücken traf.

      „Lily!“, schrie Alex und wollte sich nach vorn werfen, um ihre Schwester zu erreichen, aber sie schaffte es nicht. Das Etwas, über das sie gestolpert war, hatte sie an den Knöcheln gepackt und hinderte sie am Vorankommen…
      Sie blickte hinter sich und starrte direkt in das riesige, blutrote Auge von Nightmares Monster, das hinter ihr aufgetaucht war und ihre Fußgelenke mit langen, schwarzen Tentakeln fest umwickelt hatte.
      Sie schrie panisch auf und kämpfte gegen die Fußfesseln an, aber es war zwecklos. Schon hatte das Monster begonnen, sie mit seinen Tentakeln zu sich zu ziehen, weg von Lily. Alex schrie mehrmals den Namen ihrer Schwester und krallte sich mit den Fingern im Boden fest, wurde aber unaufhaltsam weiter zurück gezogen, hin zu dem pechschwarzen Ungetüm, unter dessen Auge sich jetzt ein langes Maul mit riesigen, dreieckigen, makellos weißen Zähnen auftat…


      Als sie ihre Augen wieder öffnete, schwammen diese in Tränen. Richard, in dessen aschfahles Gesicht seit Beginn des Duells das blanke Entsetzen geschrieben stand, half ihr auf und stützte sie ab, sodass sie nicht gleich wieder auf den Boden fiel. Sie hatte das Gefühl, jeden Moment vor Schmerz in Ohnmacht zu fallen. Oder war es weniger ein Gefühl, als ein Wunsch?
      „Wer von uns ist jetzt der Schwache?“, fragte sie, denn sie musste reden, um bei Bewusstsein zu bleiben. In einem warmen Rinnsaal liefen jetzt Tränen ihre Wangen herunter. „Das Opfer, das immer wieder aufsteht, auch wenn es dafür die Hilfe eines Freundes braucht, oder der Peiniger, der auf manipulierte Karten setzen muss, um seinem Gegner zuzusetzen und der sogar zu feige ist, um sein wahres Gesicht zu zeigen?“

      Nightmare antwortete nicht, sondern starrte sie nur hinter seiner Maske hasserfüllt an und bleckte die Zähne wie ein Raubtier. Alex unterdessen betrachtete endlich ihre gezogene Karte und konnte ein kleines Schmunzeln nicht unterdrücken.

      „Ich beschwöre Feuervogel im Angriffsmodus! Aber ich nehme ihn sogleich wieder zurück, weil ich ihn zusammen mit Blaugeflügelte Krone vom Typ Geflügeltes Ungeheuer von meinem Friedhof ins Deck zurückmische, um eine Titanen-Beschwörung durchzuführen!“

      Der soeben erschienene, brennende Vogel (ATK: 1000) nahm die Gestalt einer braunen Monsterkarte an, die sich zusammen mit einer gelblichen von Alex’ Friedhof in den schwarzen Himmel schraubte.

      „Erscheine, Phönix der Wiedergeburt!“

      Es gab einen Lichtblitz und aus einer Stichflamme schoss ein riesiger, brennender Vogel mit einem kraftvollen Schrei in die Luft. (ATK: 2500)
      Der Anblick ihres Monsters, dessen Augen denen Lilys so ähnlich waren, war wie Balsam für Alex’ Seele und auf einmal schienen ihrer Schmerzen viel weniger unerträglich. Sie löste sich von Richard, denn jetzt konnte sie wieder auf eigenen Beinen stehen, und mit grimmiger Vorfreude steckte sie ihre eben gezogene Karte in ihre Duel Disc.
      „Ich aktiviere Rückenwind!“, kündigte sie an und ein vergrößertes Hologramm der Zauberkarte erschien neben ihr. „Erinnerst du dich? Das habe ich auch zu Beginn unseres letzten Duells gemacht, um es meinem Phönix der Wiedergeburt zu erlauben, dich direkt anzugreifen! Los, Brennender Zorn! Und mach diesem Namen alle Ehre!“

      Ein starker Wind tat sich hinter Alex’ Rücken auf und brachte ihre Haare dazu, wild um ihr Gesicht zu flattern. Ihr Phönix unterdessen stieg mit einem erneuten Schrei höher in Luft und setzte in Flammen aufgehend zum Sturzflug auf den Maskierten Riesen an, wobei er geschickt um dessen Monster herumflog. Beim Aufprall brüllte Nightmare vor Schmerz laut auf und sank tatsächlich in die Knie, doch nur Sekunden später war er wieder auf den Beinen und funkelte Alex hinter seiner Maske an wie ein wütender Stier. (LP: 2700 -> 200)

      „Ich beende meinen Zug“, fuhr Alex unbeeindruckt fort. „Und Hoppla, da war ja was: Dein komischer Ektoplasmer zwingt mich dazu, ein Monster als Tribut anzubieten, um dir Schaden in Höhe der Hälfte seiner Angriffspunkte zuzufügen! Du weißt ja, wie es heißt: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!“ [Hand: 5 / Backrow: 0]

      Es schmerzte zwar, mit anzusehen, wie der riesige, orange-rote Vogel unter offensichtlichen Qualen auf dem Boden zusammensackte und eine weiße Substanz absonderte, aber trotzdem konnte Alex ihren Triumph kaum fassen: Sie hatte das Duell gewonnen, und Nightmare wurde sogar von seiner eigenen Karte besiegt! Grinsend fing Alex Richards Blick auf, während die große, weiße Blase platzte und Nightmare von der Druckwelle erfasst wurde, doch schnell beschlich sie das Gefühl, dass etwas schief gelaufen war. Nightmare hatte nicht vor Schmerz gebrüllt oder sonst irgendeinen Mucks von sich gegeben.
      Das Lächeln auf Alex’ Gesicht erstarb und sie drehte sich langsam zu ihrem Gegner um, der immer noch auf den Beinen war, neben seinem Titanen-Monster stand und kaltherzig lachte.

      „Es tut mir ja wirklich leid, dich in deiner Illusion enttäuschen zu müssen“, höhnte er. „Aber wir beide sind noch lange nicht fertig. Dein Albtraum hat gerade erst begonnen…“ (LP: 200 -> 1450)


      Meine Fan Fiction auf eTCG - Yu-Gi-Oh! PHOENIX
      Serie 1 / Serie 2

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Leseleff ()

      Kartenliste
      Alex:

      - Blaugeflügelte Krone
      - Feuervogel

      Nightmare:

      - Brennendes Land
      - Geschmolzener Zombie
      - Ektoplasmer
      - Sumpfspiegler
      - Verdorbene Weisheit
      - Ookazi

      Neue Karten:

      - Phönix der Wiedergeburt

      Monster / Titan / Effekt / Feuer / Geflügeltes Ungeheuer / Gold-Stufe 2 / 2500 Atk / 2000 Def

      Während des Spielzugs eines beliebigen Spielers, wenn diese Karte gegen ein Monster kämpft, dessen ATK höher sind als die ATK dieser Karte; du kannst Life Points in Höhe der Differenz bezahlen und wenn du das tust: Diese Karte nur während des Damage Steps ATK in Höhe der Menge an Life Points, die du bezahlt hast. Während der End Phase eines beliebigen Spielers, wenn sich diese Karte in deinem Friedhof befindet, weil sie in diesem Spielzug durch Kampf zerstört und dorthin gelegt wurde; Du kannst diese Karte als Spezialbeschwörung vom Friedhof beschwören.

      - Rückenwind

      Normale Zauberkarte

      Wähle 1 offenes Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer, das du kontrollierst; in diesem Spielzug kann das gewählte Ziel deinen Gegner direkt angreifen, aber andere Monster, die du kontrollierst, können keinen Angriff deklarieren.

      - Albtraumherrscher

      Monster / Titan / Effekt / Finsternis / Unterweltler / Gold-Stufe 2 / 0 ATK / 2600 DEF

      [???] Einmal pro Spielzug: Du kannst 1 Monster von deinem Friedhof wählen; beschwöre das gewählte Ziel als Spezialbeschwörung und dein Gegner erhält 1000 LP. Dein Gegner erhält in dem Spielzug, in dem dieser Effekt aktiviert wurde, keinen weiteren Kampfschaden.
      Preview: Kapitel 1.15 - Wahr gewordener Albtraum; Teil 2
      Nachdem Alex' erster Versuch, Nightmares Lebenspunkte auf 0 zu senken, auf mysteriöse Weise gescheitert ist, geht ihr Duell weiter. Wie lange kann Alex diese seelische und körperliche Tortur noch durchstehen?

      So, das war's erstmal wieder von mir. Wie immer vielen Dank an alle Leser. Man sieht sich ;)

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      Serie 1 / Serie 2
      Ja, das ist richtig. Kalya, Lichtverpflichtete Erzherrin besitzt einen sehr mächtigen Effekt. Den Effekt habe ich deswegen so konzipiert, weil ich der Ansicht bin, dass die zusätzliche Geschwindigkeit, die man durch das Suchen von einem Urteilsdrachen bzw. der Spezialbeschwörung von 2 weiteren Monstern aus dem Deck erhält, dem Lichtverpflichteten-Deck ganz gut tun könnte.
      So, wie Kalyas Effekt anfänglich war, wollte ich ihn dann aber doch nicht haben, denn er erlaubt ihr, den zweiten Teileffekt beliebig oft pro Spielzug zu benutzen, vorausgesetzt, Kalya verlässt das Feld immer wieder. Nachdem sie ihren zweiten Teileffekt benutzt hat, könnte eine weitere Kalya vom Extra Deck beschworen werden (vorausgesetzt da ist auch eine), indem man die Kalya im Friedhof und z.B. ein herbeigerufenes Monster ins Deck zurücklegt. Die neue Kayla könnte das ganze dann nochmal tun, weil sich ja wieder ein Exemplar im Extra Deck befindet. Und so könnte man dann das gesamte Deck aufs Feld beschwören.
      Das und ein paar andere Kleinigkeiten, von denen du auch einige erwähnt hast, haben mich veranlasst, ihren Effekt noch einmal ein bisschen zu verändern.
      Spoiler anzeigen

      Neuer Text:

      PHNX-000 Kalya, Lichtverpflichtete Erzherrin
      Hexer / Titan / Effekt / LICHT / Goldstufe 2 / ATK 2000 / DEF 0
      Während deiner Main Phase kannst diese Effekte aktivieren:
      • Füge deiner Hand 1 "Urteilsdrache" von deinem Deck hinzu. Du kannst in dem Spielzug, in dem du diesen Effekt aktivierst, keine weiteren Monster als Spezialbeschwörung beschwören und keinen Angriff deklarieren.
      • Lege diese Karte vom Spielfeld auf den Friedhof; beschwöre 2 "Lichtverpflichtet"-Monster der Stufe 4 oder niedriger als Spezialbeschwörung von deinem Deck. Sie können in diesem Spielzug nicht angreifen.
      Du kannst diese beiden Effekte dieser Karte nur jeweils einmal pro Spielzug erhalten.
      Während deiner End Phase: Lege die obersten 4 Karten deines Decks auf den Friedhof.

      Was den Mathematiker angeht, kann ich nur sagen, dass er in alle Decks, die Titanen benutzen, sehr gut hineinpasst, einfach weil er sozusagen der Tourguide der Titanendecks ist.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von VBC ()

      @VBC: Der Loop, der mit der ursprünglichen Kalya möglich war, ist mir gar nicht aufgefallen. Ich fand die Karte auch so ziemlich stark. Was den Mathematiker als über-Staple angeht, so muss man aber bedenken, dass er nur Instant Hexer- oder Erd-Titanen ermöglicht. Beim Design jener muss man dann aber aufpassen. ;)

      So, geht weiter. Viel Spaß mit dem neuen Kapitel, dem bislang mit Abstand düstersten...
      Was bisher geschah
      In der Nacht vor ihrem Halbfinal-Duell gegen Christopher Allington plagen Alex schreckliche Albträume. Sie wacht auf und sucht die Gesellschaft Richards, um sich mit ihm über ihre Sorgen auszusprechen. Gemeinsam suchen sie den Ort über dem U-Bahnhof auf, den Sarah einst Alex gezeigt hatte, kommen sich während des Gesprächs näher und küssen sich schließlich. Doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer: Nightmare, der sadistische Untergrund-Duellant, der Alex mit seinen makabren Duellstrategien einst bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert hatte und anschließend von Richard in die Schranken gewiesen wurde, taucht auf und sinnt auf Rache, im Gepäck eine Reihe neuer, grausamer Tricks. Die Beiden beginnen ein Duell, das Alex fast nach einer Großoffensive ihres Phönix der Wiedergeburt für sich entscheidet. Aber aus unbekannten Gründen übersteht Nightmare den Schaden, den sein eigener Zauber Ektoplasmer ihm zufügen würde...
      Kapitel 1.15 - Wahr gewordener Albtraum; Teil 2
      „Wie… wie ist das möglich?“, krächzte Alex, den Mund immer noch ungläubig geöffnet. Nightmare ließ ein böses, herzloses Lachen hören.
      [(Alex) Hand: 5 / Backrow: 0]

      „Oh, tut mir leid, habe ich doch tatsächlich vergessen, dir den anderen Effekt meines Albtraumherrschers zu erklären…“, spottete er mit seiner unnatürlich tiefen Stimme. „Solange er offen auf meinem Feld liegt, werden meine Lebenspunkte, jedes Mal, wenn ich durch einen Karteneffekt Schaden erhalten würde, stattdessen um den selben Betrag erhöht!“

      „Nein…“, hauchte seine Gegnerin, mehr zu sich selbst als zu irgendwem anders.

      Nightmare lächelte zähnebleckend.
      „Mein Zug…“, er zog gelassen eine Karte von seinem Deck. „Wie du weißt, aktiviert sich jetzt der Effekt von Brennendes Land und würde mir 500 Punkte Schaden zufügen. Wie gut, dass mein Monster da auch noch ein Wort mitzureden hat!“

      Ein großer Funke löste sich aus den umliegenden Flammen, doch anstatt den muskelbepackten Mann in dem schwarzen Kapuzenumhang zu treffen, wurde er vom Auge seines Monsters wie von einem riesigen Magneten angezogen.
      Nachdem der Funke das Auge erreicht hatte, schloss dieses sich, um sich sofort darauf wieder zu öffnen, wobei der gesamte Augapfel rot glühte und wild in seiner Höhle rollte, bis das rote Leuchten verschwunden war. (Nightmare: LP 1450 -> 1950)

      „Und nun, wo das geschafft ist, aktiviere ich den zweiten Effekt meines Albtraumherrschers! Kehre zurück, Geschmolzener Zombie!“

      Erneut wurde das Hologramm des geschundenen Mannes mithilfe der schwarzen Tentakel des Titanen-Monsters auf das Spielfeld gehoben. (ATK: 1600)
      (Alex: LP 1600 -> 2600)

      „Da Geschmolzener Zombie wieder als Spezialbeschwörung vom Friedhof beschworen wurde, kann ich eine Karte ziehen“, erinnerte der Maskierte und stockte genüsslich seine Hand auf. Anschließend steckte er die gezogene Karte in seine Duel Disc.
      „Zeit für eine weitere Kostprobe Schmerz! Ich aktiviere den Zauber Schreckliches Feuer! Er fügt dir 1000 und mir 500 Punkte Schaden zu! Moment, sagte ich Schaden? Ich bekomme die Lebenspunkte natürlich stattdessen zurück!“

      Ein glühender Feuerring breitete sich auf dem Duellfeld aus, mit dem vergrößerten Hologramm der Zauberkarte, auf deren Bild drei Elfen im Inferno tanzten, als Zentrum. Doch anstatt Nightmare zu treffen, verschwand das Feuer des Rings kurzzeitig um den Maskierten und seine Monster herum und tauchte erst hinter ihren Rücken wieder auf.
      Alex jedoch stieß ihren bislang lautesten Schrei aus, als die Flammen sie im Bauch trafen und dort einen Schmerz auslösten, als würde jener von einem brennenden Holzpflock durchbohrt. Sofort sank sie zurück auf ihre Knie.

      Sie fiel. Fiel von Nightmares Monster verschlungen immer tiefer, durch unendliche Finsternis. Eine Ewigkeit, wie es ihr vorkam, bis sie mit dem Rücken voran auf harten Beton aufschlug, mit so viel Wucht, dass sie meinte, es würde ihr das Rückgrat brechen…

      Alex’ Augen schwammen in Tränen, als sie auf den Knien wieder zu sich kam. Es war zum Verzweifeln: Ihre Lebenspunkte schwanden immer weiter, und Nightmare gewann sogar noch welche hinzu, sodass die Differenz immer größer wurde.
      (Alex: LP 2600 -> 1600 / Nightmare: LP 1950 -> 2450)
      Alex wollte nicht mehr kämpfen. Sie wollte nicht mehr hier sein, wollte nicht mehr leben in einer Welt, die ihr immer nur Steine in Weg legte, so lange, bis sie stolperte und auf den Boden fiel, wo die Leute auf ihr herumtrampeln konnten. Sie konnte das nicht mehr ertragen; sie wollte nur noch zerbrechen, aufhören zu funktionieren, in ewige Dunkelheit entschwinden…

      „Alex… Gib’ nicht auf!“

      Etwas an der Stimme rüttelte an ihrem Gedächtnis. Richard war immer noch bei ihr. Sie war nicht allein…

      Abwesend schüttelte sie den Kopf.

      „Wie rührend…“, höhnte Nightmare. „Aber es ist zwecklos. Ich sag’ dir was, Kleiner: Deine Geliebte hat längst aufgegeben. Sie hat keine Angst mehr, zu sterben. Sie wünscht es sich sogar! Bald habe ich sie…“

      „Das ist nicht wahr!“, rief Richard. Dann kniete er sich neben Alex hin und fügte verzweifelt hinzu: „Alex… bitte sag’ ihm, dass das nicht wahr ist…“

      Alex, immer noch unfähig zu sprechen, schloss gequält die Augen. Es schüttelte sie am ganzen Leib und erneut liefen Tränen ihre Wangen herunter, als sie abermals sachte den Kopf schüttelte.

      „Sag’ ich doch“, meinte Nightmare. „Dann wird es Zeit, ihr den Wunsch zu erfüllen! Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug! Du weißt, was das heißt: Ich biete Geschmolzener Zombie als Tribut für meinen Zauber Ektoplasmer an, um dir 800 Punkte Schaden zuzufügen!“ [Hand: 1 / Backrow: 1]

      Ein weiteres Mal brach der geschundene Körper zusammen und sonderte eine weiße Substanz ab. Alex nahm kaum wahr, wie jene eine schwebende Kugel bildete und platzte. Sie war gefangen in einer Welt aus Verzweiflung und Schmerz und alles um sie herum kam ihr unwirklich vor, so als würde sie das Geschehen nur im Fernsehen verfolgen, anstatt es selbst zu erleben. Plötzlich wurde sie von der Druckwelle der platzenden Blase erfasst und eine neue Woge des Schmerzes überrollte sie, sodass sie stöhnend auf den Boden sank. Doch auch der Schmerz kam ihr unwirklich vor, so als hätte sie ihr Leben lang nichts Anderes kennengelernt und sich daran gewöhnt. Mit Freude empfing sie die Dunkelheit, die von ihr Besitz ergriff…

      „Richard!“, rief Alex. Sie hatte seine Gestalt inmitten der Dunkelheit und des Nebels erkannt, die sie umgaben. Sie rannte zu ihm hin, in der naiven Hoffnung, er würde sie retten.
      „Richard, hilf mir!“, flehte sie verzweifelt, als sie ihn erreicht hatte. Aber er antwortete nicht. Stattdessen streckte er seine Hand aus, welche kurz darauf in ihren Brustkorb eindrang…


      Auf kaltem Beton kam sie wieder zu Bewusstsein. Sie wollte nicht aufstehen. Wieso auch? Sie würde eh wieder fallen, da war es einfacher, einfach liegen zu bleiben…

      „Alex! Bitte, steh’ auf!“, flehte Richard. Er kniete immer noch neben ihr und rüttelte an ihrer Schulter.
      Alex regte sich zunächst nicht. Sie fühlte nur seine Hand auf ihrer Haut, unablässig rüttelnd hielt er sie bei Bewusstsein. Schließlich richtete sie sich auf, sodass sie wieder auf den Knien war.

      „Mein Zug“, sagte sie mit tonloser Stimme und zog mechanisch eine Karte von ihrem Deck. Anschließend schloss sie die Augen in Erwartung an das Kommende.
      Ohne dass sie es sah löste sich ein riesiger Funke aus den umliegenden Flammen und traf sie hart am Rücken. Ein letztes Mal stöhnte sie vor Schmerz auf, aber sie brach nicht wieder zusammen. Der Schmerz war ein Teil von ihr geworden, ihr war, als hätte sie nie etwas Anderes gekannt. Wieder wurde ihr schwarz vor Augen…
      (LP: 800 -> 300)

      Richard hielt Alex’ blutendes Herz in die Höhe, welches er aus ihrem Brustkorb gerissen hatte. Seine riesenhafte Gestalt drehte sich zusammen mit den verzerrten Ebenbildern von Lily und Billy um sie und wieder gaben sie ihren stetigen Abgesang zum Besten: „Alles verlieren… Alles verlieren…“
      Aber dieses Mal versuchte Alex nicht, das lebenswichtige Organ zurückzuerobern, das man ihr gestohlen hatte. Sie wusste, dass sie nicht dazu bestimmt war, es wiederzubekommen. Es war ihr Schicksal; ihr Leben hatte keinen Wert, sie war wie eine Kuh, die gezüchtet wurde, um zu sterben, die ihr kurzes, elendes Leben lang nur das Innere ihres Stalls zu sehen bekam und nur existierte, um denjenigen zu dienen, die über ihr standen. Denn für das Wohl Weniger mussten viele leiden…


      „Ich beende meinen Zu…“, begann Alex, als sie wieder zu sich gekommen war mit der gleichen, tonlosen Stimme wie zuvor, ohne die gezogene Karte auch nur anzusehen. Aber dann packte Richard plötzlich unsanft ihr Handgelenk.

      „Alex, nein!“, sagte er. Alex antwortete nicht.
      „Gib’ nicht auf!“, flehte Richard jetzt. „Versuch’ es doch wenigstens… Wenn du nicht weißt, was du wegen seines Ektoplasmers tun sollst: Denk’ dran, dass sein Effekt nur für offene Monster gilt.“

      Es dauerte eine Weile, bis die Worte zu ihr durchdrangen. Er hatte Recht, vielleicht gab es ja doch noch Hoffnung…
      Zum ersten Mal seit langem betrachtete sie wieder ihre Handkarten.
      „Zuerst setze ich diese Karte verdeckt!“, kündigte sie an, nun wieder mit belebterer Stimme und steckte die Fallenkarte in ihre Duel Disc, woraufhin deren vergrößerte Rückseite holografisch neben ihr dargestellt wurde.
      „Und dann setze ich noch ein Monster verdeckt im Verteidigungsmodus und beende meinen Zug!“, fuhr sie fort und immer noch auf den Knien platzierte sie eine weitere Karte mit dem Bild nach unten horizontal auf ihrer Duel Disc. Doch Nightmare lachte nur kaltherzig.

      „Und du glaubst wirklich, du könntest dein Schicksal dadurch hinauszögern…“, höhnte er und griff nach seiner eigenen verdeckten Karte.
      „Ich aktiviere die Falle Augenschatten! Wenn du ein Monster im Verteidigungsmodus setzt, ändert diese Karte es in den offenen Angriffsmodus!“

      „Was?!“, rief Alex entsetzt, als überall in der Luft um sie herum sich plötzlich Ebenbilder des riesigen, blutroten Auges von Nightmares Monster öffneten und einen Kreis um sie und ihr Feld herum bildeten. Kurz darauf klappte die waagerechte, holografisch vergrößerte Kartenrückseite auf Alex’ Feld auf und offenbarte die braune Monsterkarte darunter, die anschließend die Gestalt eines großen, hellorangenen Vogels annahm. Alex hatte Kleiner Phönix gesetzt. (ATK: 1600)
      Kaum war das Monster aufgedeckt, schon sank es unter Qualen zu Boden und eine weißliche Flüssigkeit sickerte aus unter seinem Gefieder hervor, zusammen mit sämtlicher Hoffnung aus Alex’ Körper… [Hand: 4 / Backrow: 1]

      Es war ein Gefühl, als würde sie in einem See aus klebrigem Harz stecken bleiben. Langsam erstarrte ihr Körper, sie verlor jeglichen Antrieb, jegliche Bewegungsfähigkeit. Das Feuer der Hoffnung und Wut, das kurz in ihrer Brust gebrannt hatte, war erloschen und hatte nichts zurückgelassen als ein dunkles Loch der Verzweiflung. Langsam sank sie auf den Boden, zuerst auf alle Viere, dann flach auf den Bauch. Der Schmerz kehrte zurück und nagte an jeder Faser ihres Körpers, aber sie war zu erschöpft, um gegen ihn anzukämpfen.
      „Alex! Alex, was ist mit dir?“, sagte Richard zutiefst besorgt. Er kniete sich neben sie hin und versuchte, sie zum Aufstehen zu bringen.

      „Richard…“, antwortete Alex. Ihre Stimme war unendlich schwach, ein heiseres Flüstern. „Ich… ich kann nicht mehr…“
      Dies war das Ende. Sie würde dies nicht überstehen. Die Dunkelheit griff mit langen Armen nach ihr, und Alex ließ es geschehen…

      ~

      „Alex!“, schrie Richard aus Leibeskräften, aber das Mädchen, das ohnmächtig auf dem kalten Betonboden lag, regte sich nicht. Er packte sie an den Schultern, richtete sie auf und stützte sie an seinem Arm ab. Alex’ rotes Haar fiel ihr wie ein Vorhang um das Gesicht und ihr Kopf sank lose auf ihre Schulter. Ihr Atem war schwach.

      „Oh wie schade…“, höhnte der Maskierte vom anderen Ende des Feuerkreises, der von der Schockwelle der platzenden Blase weißlicher Flüssigkeit unberührt blieb. (LP: 2450 -> 3250)
      „Sieht aus, als könnte deine kleine Freundin nicht mehr. Tja, dann habe ich wohl gewonnen…“

      „Hast du nicht…“, flüsterte Richard, den Kopf dicht an Alex’ leblosen Körper.

      „Wie bitte?“, fragte Nightmare mit spöttischen Unterton. Offenbar hatte er nicht verstanden, was sein Gegenüber genuschelt hatte.

      „HAST DU NICHT!“, brüllte dieser nun lautstark. Er hatte noch nie so einen Zorn gefühlt. Er wollte nichts mehr, außer Rache an dem Mann zu nehmen, der Alex zwei Mal bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert hatte, ihn zerstören, ihm sämtliche Knochen brechen. Aber zuerst musste Richard noch das zu Ende bringen, wozu Alex nicht mehr in Lage war…

      Er legte sie vorsichtig auf den Rücken und zog sich die Jacke aus, um ihren Kopf damit abzustützen. Anschließend nahm er ihr die Duel Disc vom Arm, um sie sich selbst anzulegen.
      „Ich mache für sie weiter! Du wirst noch für das bezahlen, was du ihr angetan hast!“

      „Ach wirklich? Nun, das will ich sehen…“, höhnte Nightmare.
      „Also gut, mir soll’s recht sein, geht unser Spiel eben noch ein wenig weiter. Und wenn du dann erstmal K.O. bist und nicht mehr dazwischenfunken kannst, vielleicht komme ich dann nochmal auf die Kleine zurück…“, fuhr er mit einem Blick zu der am Boden liegenden Alex fort, wobei er sich widerlich über die Lippen leckte, was Richard in seinem Hass nur noch weiter anstachelte.

      „Halt die Klappe und mach deinen Zug!“, fuhr er den Maskierten an.

      „Na gut, wie du willst...“, erwiderte der und zog lässig eine Karte von seinem Deck. „Ich aktiviere den Effekt von Albtraumherrscher, um einen alten Bekannten zurückzuholen: Geschmolzener Zombie!“

      Mit steifer Miene sah Richard dabei zu, wie Nightmares scheußliches Monster von schwarzen Tentakeln zurück auf das Spielfeld gehoben wurde. (ATK: 1600)
      (Richard: LP 300 -> 1300)
      „Deine komische Freakshow jagt mir keine Angst ein“, sagte er schließlich, während Nightmare seine Hand durch den Effekt seines soeben beschworenen Monsters um eine Karte erweiterte.

      „So, wir machen auf mutig, wie?“, entgegnete der Maskierte, nachdem er seiner Hand durch den Effekt seines Monsters eine weitere Karte hinzugefügt hatte. „Dann wollen wir mal sehen, wie mutig du noch nach einer gesunden Portion Schmerz bist! Ich aktiviere Ewige Flamme, die dir 600 Punkte Schaden verpasst!“

      Ein vergrößertes Hologramm der Zauberkarte erschien neben Nightmare im Boden daneben taten sich zwei riesige Säulen Scharlachroten Feuers auf, die auf Richard zusteuerten. Doch anstatt ihn zu treffen, wurden sie rechts und links von ihm abgelenkt, als hätte eine kreisrunde, unsichtbare Mauer sie aufgehalten.

      „Wie ist das möglich?“, wunderte sich Nightmare.

      „Ich habe die Fallenkarte Mystische Lebensbarriere aktiviert“, antwortete Richard, wobei ein Hologramm der Karte neben ihm erschien. „Zum Preis von einer Handkarte wird dadurch jeder Schaden, den ich diese Runde erhalte, zu 0!“

      „So ist das also…“, meinte der Maskierte missmutig. „Gut, dann beende ich meinen Zug.“

      Von beiden Parteien unkommentiert brach das von Brandblasen übersäte Monster zusammen und sonderte eine weiße Substanz ab. Die Druckwelle der platzenden Blase, die diese kurz darauf bildete, verpuffte ohne Auswirkungen.

      „Ich bin dran“, sagte Richard ruhig und zog genauso gelassen auf wie zuvor Nightmare eine Karte von Alex’ Deck. Jedoch hielt seine Gelassenheit nicht lange an…

      Urplötzlich kam ein riesiger Funke aus den Flammen geschossen, die immer noch einen Kreis um die Duelllanten bildeten und traf Richard hart im Nacken.
      Er stöhnte laut auf, denn ein unmenschlicher Schmerz entstand plötzlich am getroffenen Nacken und breitete sich in seinem ganzen Körper aus. Auf einmal wurde ihm Schwarz vor Augen… (LP: 1300 -> 800)

      Von irgendwo aus den Trümmern tönten die schmerzerfüllten Schreie eines Mädchens, die Erde bebte und Richard rannte so schnell er konnte durch die einstürzenden Säulenarkaden, die zum Hauptportal der Duellakademie führten. Schließlich hatte er den Trümmerhaufen erreicht, der einmal das letzte Säulenpaar vor jenem gewesen war und unter dem ein schlanker Frauenarm hervorlugte.
      Hastig legte sie den ganzen Körper frei, doch es war nicht Cathy, die dort mit begraben lag, sondern Alex. Mit panisch rasendem Herzen zog er sie aus den Trümmern und beugte sich über sie. Ihre linke Gesichtshälfte war mit Blut bedeckt, das aus einer Platzwunde an ihrer Stirn strömte und nahtlos in ihr scharlachrotes Haar überging, Das rechte Auge war weit aufgerissen, die Pupille so sehr geweitet, dass von der Iris nur noch ein ganz schmaler, smaragdgrüner Ring übrig war, wie die Korona bei einer Sonnenfinsternis…


      Richard öffnete unter nachklingenden Schmerzen die Augen. Hatte auch Alex das jedes Mal durchstehen müssen, wenn sie durch Nightmares Karten Schaden nahm? Hatte auch sie ihre schlimmsten Momente noch einmal durchleben müssen? Bei diesem Gedanken konnte er nicht anders, als sie dafür zu bewundern, wie lange sie durchgehalten hatte…
      „Was ist das für ein Spiel?“, fragte er herausfordernd.

      „Es ist mein Spiel“, antwortete Nightmare düster.

      Richard kommentierte dies nicht weiter und wandte sich mit zornig verengten Augen seinem Blatt zu. Es war ungewohnt, sich mit Alex’ Karten zu duellieren, zumal er von seinen Drachen eine viel höhere Angriffskraft gewohnt war. Aber wofür hatte er die letzten drei Jahre so viel Zeit in den Hörsälen der Duellakademie verbracht?
      „Ich setze ein Monster verdeckt im Verteidigungsmodus!“, entschied er und legte die Karte auf Alex’ Duel Disc, woraufhin vor ihm das horizontal ausgerichtete Hologramm ihrer Rückseite erschien.
      „Dazu setze ich noch eine Karte verdeckt und beende meinen Zug.“
      [Hand: 3 / Backrow: 1]

      „Der gleiche erbärmliche Trick…“, kommentierte Nightmare geringschätzig und zog eine Karte von seinem Deck. Anschließend löste sich ein Funke aus den umliegenden Flammen, wurde jedoch vom Auge des pechschwarzen Monsters auf seiner Spielfeldseite absorbiert. (Nightmare: LP 3250 -> 3750)

      „Ich aktiviere den Effekt von Albtraumherrscher! Geschmolzener Zombie kehrt auf mein Feld zurück und du erhältst im Gegenzug 1000 Lebenspunkte!“

      Unbeeindruckt sah Richard dabei zu, wie der geschundene Mann noch einmal von schwarzen Tentakeln auf das Spielfeld gehoben wurde. (ATK: 1600) Es war schon fast zu einfach… (Richard: LP 800 -> 1800)

      „Wenn Geschmolzener Zombie als Spezialbeschwörung vom Friedhof beschworen wird, kann ich eine Karte ziehen“, erinnerte Nightmare mit seiner unnatürlich tiefen Stimme und füllte seine Hand auf. „Und jetzt los, greif’ sein verdecktes Monster an!“

      Schlurfend setzte sich der Untote in Bewegung und in einer schwingenden Bewegung seiner verbrannten Arme langte er nach der verdeckten Karte, die aufklappte und die Gestalt eines rothaarigen Mädchens in einem braunen Mantel annahm, das einen brennenden Zauberstab in der Hand hielt. (DEF: 1500)

      „Und damit bist du genau in meine Falle getappt!“, verkündete Richard triumphierend. „Du solltest aufhören, dich von schlechten Horrorfilmen inspirieren zu lassen, denn die sind genau so vorhersehbar wie dein Spiel! Ich wusste genau, dass du wieder deinen Geschmolzenen Zombie rufen wirst und jetzt bezahlst du den Preis dafür! Wenn Hiita die Feuerverzauberin aufgedeckt wird, gibt sie mir die Kontrolle über eins deiner Feuer-Monster, so lange sie offen auf meinem Spielfeld liegt! Und damit sie auch so bleibt, kette ich die hier an!“, Richard drehte die Karte um, die er verdeckt gesetzt hatte, wobei ein vergrößertes Hologramm jener neben ihm erschien. Darauf zu sehen waren verschiedene Kreaturen, darunter ein Fuchs, ein Drache und ein Krokodilmensch, die sich offenbar gemeinsam einem Feind stellten. „Die permanente Fallenkarte Unvertraut! Die verhindert, dass meine Verzauberin zerstört wird!“

      „Unmöglich!“, polterte Nightmare.

      „Und ob es möglich ist!“, erwiderte Richard, während die Zauberin auf seinem Feld in einem blauen Licht aufleuchtete. Anschließend hob sie ihren Zauberstab in die Luft, woraufhin dieser in Flammen aufging und Nightmares Monster mit schlurfenden Schritten einen Platz neben ihr einnahm. „Dein Geschmolzener Zombie hört nun also auf mein Kommando! Du weißt was das heißt: Am Ende dieses Zuges zwingt dich dein Zauber Ektoplasmer dazu, ein Monster als Tribut anzubieten. Und dir bleibt nichts anderes übrig, als deinen Albtraumherrscher zu wählen!“

      „Nein…“, flüsterte der Maskierte in sich hinein. „Das kann doch nicht sein… Nein, das darf nicht sein!“, er brüllte die letzten Worte laut, sodass sein Gegner sie klar verstehen konnte. „Du kannst dieses Duell nicht gewinnen! Mit meinen neuen Fähigkeiten bin ich unbesiegbar! Ich muss nur noch rausfinden, was deine Schwachstelle ist… Sag’ mir, wovor hast du Angst, Junge?“

      Bei den letzten Worten war Nightmares Stimme wieder umgeschlagen: Sie war zu einem bedrohlichen, fast schon beschwörerischen Flüstern geworden. Doch Richard ließ sich nichts anmerken und tat, was er die letzten siebzehn Jahre perfektioniert hatte: Schweigend, mit unergründlicher, steinerner Miene starrte er seinen Gegner an. Und doch machte er den entscheidenden Fehler: Für den Bruchteil einer Sekunde huschte sein Blick zu der immer noch bewusstlos am Boden liegenden Alex. Genug für Nightmare.
      „Das Mädchen also…“, hauchte er und grinste zähnebleckend. „Nun, das lässt sich einrichten. Ich aktiviere den Zauber Verbergende Schwerter!“

      Der Maskierte Riese, der die letzten Worte wieder laut ausgerufen hatte, steckte eine Karte in seine Duel Disc und eine vergrößerte Ausgabe seines dritten permanenten Zaubers erschien neben ihm. Darauf zu sehen war ein schwarzer Himmel mit einem riesigen Totenschädel im Hintergrund sowie drei makellos schwarze, schwebende Schwerter, hinter denen ein unheilvolles, grünes Licht hervordrang.
      Selbige erschienen nun auch über Nightmares Spielfeld. Sie waren knapp drei Meter lang und bildeten ein Dreieck um das Feld, mit der Spitze direkt hinter seinem Rücken und den anderen beiden Ecken an den äußeren Enden der Monsterzone.
      Doch damit nicht genug: Auf die Aktivierung der Zauberkarte hin erhob sich Alex’ lebloser Körper in die Luft und begann, in Richtung von Nightmares Spielfeld zu schweben.

      „Alex!“, rief Richard und rannte zu ihr, versuchte, sie in ihrem unheimlichen Flug aufzuhalten, zwecklos. Ihre Knöchel rutschten durch seine Finger und unaufhaltsam schwebte sie weiter. Richard rannte ihr nach, wurde aber in der Mitte des Spielfelds aufgehalten. Eine unsichtbare Macht hinderte ihn daran, die Seite seines Gegners zu betreten, bis das Duell zu Ende war. Und so war er gezwungen, hilflos mit anzusehen, wie der Körper des rothaarigen Mädchens sich bei Nightmare angekommen majestätisch in der Luft aufrichtete, die Arme in die Luft gehoben wurden und sie schließlich wie gekreuzigt an dem schwarzen Schwert hinter dem Rücken ihres Peinigers hing, den schönen Kopf schlaff auf der Schulter liegend, den Mund leicht geöffnet.

      „Wenn Verbergende Schwerter aktiviert werden, werden alle deine Monster in den verdeckten Verteidigungsmodus geändert, außerdem kann ihre Kampfposition nicht mehr geändert werden“, erklärte der Maskierte und tatsächlich: Jetzt wo er es sagte, bemerkte Richard, dass vor ihm statt einer rothaarigen Zauberin und eines von Brandblasen übersäten Untoten nur noch zwei braune, horizontal ausgerichtete Kartenrückseiten waren, aber das interessierte ihn nur wenig. Er hatte versagt. Er hatte es nicht geschafft, Alex zu beschützen, nun konnte Nightmare mit ihr tun, was er wollte.

      Betäubt von seinem Misserfolg sank Richard auf die Knie. „Alex…“, sagte er verzweifelt und spürte, wie eine Träne seine Wange hinunterlief.

      „Wie rührend…“, spottete Nightmare.
      „Weißt du, jetzt wo ich sie so aus der Nähe betrachte, kann ich verstehen, was du an ihr findest. Sie ist wirklich ein hübsches Ding“, fuhr er mit einem gierigen Blick zu der über ihm am Schwert hängenden Alex fort.

      „Halt den Mund…“, flüsterte Richard am Boden und ballte die Fäuste.

      „Wie bitte?“

      „ICH SAGTE HALT DEN MUND!“, brüllte Richard, sprang auf und wischte sich unwirsch die Tränen aus den Augen. Zorn und Verachtung stiegen in ihm auf wie eine ätzende Säure, die seine Kehle verbrannte.
      „Du verstehst nicht, was ich wirklich für sie empfinde! Du wirst nie verstehen, dass es hier nicht um ihr Aussehen geht! Du wirst nie wissen, was Liebe ist. Du bist erbärmlich! Für dich sind Menschen nur Objekte; du quälst sie, weil es dir Spaß bereitet! Du bist Abfall! Wie eine Kakerlake, und wie eine Kakerlake werde ich dich zertreten! Wenn du nichts mehr tun kannst, aktiviert sich der Effekt deines Ektoplasmers und dein Albtraumherrscher ist Geschichte!“

      Nightmare sagte nichts. In die Blutunterlaufenen Augen hinter der Maske stand die pure Verachtung geschrieben. Für diese Ansprache würde Richard bezahlen müssen. Aber dem sollte es recht sein. Soll er nur kommen! Nichts wäre ihm lieber, als diese Sache von Mann zu Mann zu klären, Alex’ Peiniger sämtliche Zähne einzeln auszuschlagen…
      Aber zuerst musste das Duell zu Ende gebracht werden. Nightmares pechschwarzes Monster sank in sich zusammen wie ein missratenes Soufflé, sein Auge zuckte wild umher und es sonderte beim Eingehen eine weißliche Substanz ab. Aber diese formte keine schwebende Blase, denn das Monster hatte keine Angriffspunkte gehabt, die in Schaden umgewandelt werden könnten. Stattdessen verschwand die Substanz einfach zusammen mit dem Monster, dessen Karte Nightmare zornig von seiner Duel Disc nahm.

      „Mein Zug!“, rief Richard entschlossen und zog ruckartig eine Karte von Alex’ Deck. Anschließend löste sich ein riesiger Funke aus den umliegenden Flammen und furchtlos in Erwartung auf Schmerz ballte er eine Faust.
      Doch da kam nichts. Stattdessen flog der Funke quer über das gesamte Spielfeld auf Alex zu und traf sie direkt in der Brust…
      Urplötzlich hob sie ihren Kopf, riss ihre leuchtend grünen Augen auf und fing an, wie am Spieß in unerträglicher Qual zu schreien, mehrere Sekunden lang, bis sie schließlich wieder leblos mit baumelnden Kopf in sich zusammensackte.
      (Richard: LP 1800 -> 1300)

      „Alex…“, klagte Richard mit nutzlos ausgestrecktem Arm. Nightmare lachte kaltherzig.

      „Tja, wie du siehst, ist deine kleine Freundin noch lange nicht in Sicherheit“, sagte er. „Wann immer du ab jetzt Schaden nimmst, kriegt sie ihn stattdessen ab, schließlich ist es ihr Duell. Wenn du sie also nicht weiter leiden sehen willst, du kannst jederzeit aufgeben…“

      Richard sagte nichts. Er senkte den Kopf, sodass ihm seine Haare in die Augen fielen. Nightmare hatte Recht… Wenn er weiter machte, brachte er Alex damit nur in Gefahr. Er konnte unmöglich zulassen, dass sie weiter solche Todesqualen erlitt. Andererseits, er blickte in seine Handkarten, wenn sein Plan aufging, würde er keinen weiteren Schaden nehmen. Wenn nicht, dazu war er entschlossen, würde er aufgeben. Aber davon musste Nightmare ja zunächst nichts wissen…

      „Träum’ weiter!“, rief er. „Ich beschwöre Roter Totenkopfvogel im Angriffsmodus!“

      Er klatschte die Karte auf Alex’ Duel Disc, woraufhin auf seiner Feldseite das Hologramm eines gespenstischen, roten Vogels erschien, der auf einem Totenkopf saß. (ATK: 1550)
      „Aber er wird nicht lange bleiben, denn jetzt aktiviere ich den permanenten Zauber Im Ascheregen! Dadurch werden erstmal alle Monster, die ich kontrolliere, zerstört!“

      Drei orange glühende Kugeln schossen aus dem vergrößerten Hologramm der Zauberkarte und trafen den unheimlichen, roten Vogel sowie die beiden horizontal ausgerichteten Kartenrückseiten auf seiner Feldseite. Letztere zersprangen in Scherben wie braune Glasplatten, während Ersterer einen qualvollen Schrei ausstieß, der fast klang wie der einer Frau und sie alle anschließend in einer einzigen, gigantischen Stichflamme aufgingen. Kurz nachdem diese vergangen war, fielen Ascheflocken langsam vom schwarzen Himmel wie grauer Schnee.

      „Aber dafür erhalten ab sofort alle Feuer-Monster, die ich beschwöre, 500 zusätzliche Angriffspunkte! Und da kommt noch mehr: Wenn ein Monster, dass ich kontrolliere, zerstört wird, kann ich durch den Effekt meiner Fallenkarte Unvertraut ein Monster vom Typ Hexer mit 1500 Verteidigungspunkten und einer anderen Eigenschaft als das zerstörte Monster als Spezialbeschwörung von meinem Deck beschwören! Roter Totenkopfvogel war vom Attribut Wind, deshalb beschwöre ich jetzt Hiita mit ihrem Vertrautem im Angriffsmodus!“

      Richard nahm die Karte entgegen, die Alex’ Duel Disc ihm anbot und legte sie auf deren Oberfläche. Auf seinem Feld erschien daraufhin eine weitere holografische Ausgabe jener rothaarigen Zauberin, die das Feld soeben verdeckt verlassen hatte. Jedoch wirkte dieses neue Monster älter und zorniger. Ihr brennender Zauberstab kam in Kontakt mit der vom Himmel fallenden Asche und loderte daraufhin noch heller. (ATK: 1850 -> 2350)

      „Und da ich jetzt wieder ein Monster vom Typ Hexer kontrolliere, kann ich Inari-Feuer als Spezialbeschwörung von meiner Hand beschwören!“, fuhr er fort und klatschte eine weitere Monsterkarte auf Alex’ Duel Disc. Das Hologramm eines großen, wild aussehenden Fuchses mit brennendem Schweif und roten Zeichen auf Kopf und Beinen erschien vor Richard. Er schmiegte sich an das Bein der Zauberin, die ihn daraufhin hinter den Ohren kraulte.
      „Nun erhält auch Inari-Feuer dank meines Zaubers Im Ascheregen 500 Angriffspunkte hinzu!“

      Ein paar der Ascheflocken kamen in Kontakt mit dem orangefarbenen Fell des Fuchses, was das Feuer an seinem Schweif dazu brachte, noch heller und kräftiger zu lodern. Anschließend heulte er wie ein Wolf den schwarzen Himmel an.
      (ATK: 1500 -> 2000)

      „Nein…“, flüsterte Nightmare.

      „Doch!“, rief Richard. Los, Monster! Zum Angriff!“

      Herrin und Gefährte setzten zum direkten Angriff auf den Maskierten Riesen an, der Fuchs mit einem gewaltigen Sprung, die Zauberin mit einem Stoß Flammen aus ihrem Zauberstab, um diesen Albtraum endgültig zu beenden…
      (Nightmare: LP 3750 -> 1400 -> 0)

      Das Feuer, das die Duellanten umgeben hatte, erlosch und urplötzlich lag die Szenerie in vollkommener Dunkelheit. Die schwarzen Schwerter verschwanden und wie eine Marionette, deren Fäden durchgeschnitten wurden, fiel die reglose Alex zu Boden und blieb dort seltsam verrenkt liegen.
      „Alex!“, rief Richard und rannte zu ihr hinüber, aber Nightmare war schneller.

      „Keinen Schritt weiter, oder du wirst sehen, ob ihr Blut genau so rot ist wie ihre Haare!“, drohte er. Er hatte den einen baumstammdicken Arm um Alex’ Bauch geschlungen und das bewusstlose Mädchen so mühelos in die Luft gehoben. Seine andere Hand ruhte über ihrer Kehle und Richard bekam eine Gänsehaut, als er bemerkte, dass Nightmare zwischen Mittel- und Zeigefinger eine dünne, silberne Rasierklinge geklemmt hatte, nur Millimeter von Alex’ Hals entfernt. Sofort brach Richard seinen Lauf ab und blieb wie erstarrt stehen.

      „Du bluffst doch!“, erwiderte er.

      „So, das denkst du also?“, meinte Nightmare bedrohlich. „Aber warum sollte ich? Mir liegt nichts am Leben deiner kleinen Freundin, genau so wenig wie meinen Auftraggebern. Und das beweise ich dir jetzt…“

      Er nahm die Hand mit der Klinge von ihrer Kehle und bewegte sie stattdessen auf ihre linke Schulter zu. Langsam senkte er die Hand ab und ritzte mit der Klinge einen schmalen Schnitt in die zarte Haut, aus dem ein dünnes Rinnsaal Blut den Arm hinunterlief.

      Richard reagierte sofort. „Nein!“, brüllte er und streckte blitzschnell den rechten Arm aus. Die metallene Rasierklinge glitt Nightmare aus den Fingern und flog direkt auf Richard zu, der sie lässig auffing und anschließend weit hinter sich warf, sodass sie über die Balustrade und auf die Bahngleise darunter flog.

      Außer sich vor Zorn brüllte der Maskierte laut auf. Er ließ Alex fallen und stürmte auf Richard zu, bereit zum Angriff. Der duckte sich jedoch blitzschnell unter der herabsausenden Faust hindurch und verpasste Nightmare seinerseits einen saftigen Faustschlag in die Magengegend.
      Der Riese in dem schwarzen Umhang heulte vor Schmerz auf, wirbelte herum und holte erneut zum Schlag aus, aber sein flinker Gegner wich abermals aus.

      „Du wirst bezahlen für das, was du ihr angetan hast!“, rief Richard, richtete sich auf und legte alle Kraft, die er aufbringen konnte, in einen mächtigen Kinnhaken.
      Erneut brüllte Nightmare vor Schmerz auf und Richard wollte sich gerade wieder wegducken und die Flucht ergreifen, als ihn eine schwere Faust mit der Wucht einer Abrissbirne am Hinterkopf traf.
      Unter unsäglichen Schmerzen stöhnte Richard laut auf und fiel zu Boden. Benommen stemmte er sich wieder hoch. Ihm war schwindelig, seine Sicht verschwamm immer wieder kurzzeitig und er fühlte, wie an seinem Hinterkopf eine dicke Beule anschwoll.
      Plötzlich spürte er einen starken Zug an seinem Hals und er wurde wieder auf die Füße gerissen. Nightmare hatte Richard an der Vorderseite seines T-Shirts gepackt und zog so fest daran, dass der Kragen ihm schmerzhaft in den Nacken schnitt.
      Richard konnte vor sich die glänzende Totenkopfmaske und die blutunterlaufenen Augen dahinter erkennen und nahm einen Gestank nach schalem Schnaps wahr. Das Gesicht seines Feindes teilte sich vor ihm in zwei und setze sich wieder zusammen. Richards Kopf pochte so sehr, dass er sich nicht auf eine mögliche Gegenwehr konzentrieren konnte und so war er dem riesigen Mann schutzlos ausgeliefert, der mit der Faust ausholte, bereit, seinem Gegner den Schädel einzuschlagen…

      Doch dann drang auf einmal eine verrauschte Stimme unter der Kapuze des Maskierten hervor: „Verschone den Jungen!“

      Nightmare reagierte zunächst nicht. Er starrte weiter hasserfüllt den benommenen Jungen an, den er in seiner Gewalt hatte, die Faust in der Luft. Doch dann ließ er sie langsam sinken und löste seinen Griff vom T-Shirt des Jungen, sodass dieser vor ihm auf die Knie sank.
      „Du hast Glück, dass gewisse Leute es gut mit dir meinen“, sagte er verächtlich.
      „Aber was deine Freundin angeht“, fuhr er mit einem Blick auf Alex fort, die immer noch bewusstlos auf dem Boden lag, „so habe ich denke ich meine Arbeit getan. Viel Glück dabei, sie wieder zusammenzuflicken…“

      Mit diesen Worten machte Nightmare mit flatterndem Umhang auf der Stelle kehrt und schritt von dannen, verschwand in der Dunkelheit.

      Es dauerte eine Weile, bis Richards von Schmerzen benebeltes Gehirn die Situation verarbeitet hatte. Als es jedoch so weit war, krabbelte er so schnell er konnte auf allen Vieren zu Alex hinüber und drehte sie auf den Rücken.

      „Alex… Alex… wach auf, es ist vorbei!“, flüsterte er und rüttelte energisch an ihren Schultern, wobei er sich noch einmal nach Nightmare umsah, doch von dem fehlte jede Spur.

      „Richard…“, kam es mit unendlich schwacher Stimme zur Antwort. Alex hatte ihre Augen einen Spalt weit geöffnet und stemmte sich ein bisschen auf den Ellenbogen hoch, um sich umzusehen. „Was ist passiert? Wo ist Nightmare?“

      „Er ist weg“, antwortete Richard, unendlich erleichtert darüber, dass sie wieder bei Bewusstsein war. „Es ist vorbei.“

      Alex seufzte und sank wieder flach auf den Rücken. Mit glasigen Augen starrte sie in den Nachthimmel. „Geht es dir gut?“

      „Mir fehlt nichts“, log Richard, obwohl er glaubte, sein Kopf würde jeden Moment platzen und Alex’ Gesicht vor seinen Augen immer wieder kurzzeitig verschwamm. „Und dir? Ist alles okay bei dir?“

      „Nein…“, entgegnete Alex ehrlich mit zittriger Stimme. Offenbar hatten diese winzigen Lebenszeichen sie wieder vollkommen entkräftet, sie rollte sich auf die Seite, atmete flach und fing plötzlich an, am ganzen Leib zu zittern.

      „Du frierst ja…“, meinte Richard besorgt und krabbelte ein Stück weiter, um seine Jacke aufzuheben und zu Alex zu bringen. Anschließend half er ihr, sich aufzusetzen, wobei ihr erstmals der schmale Schnitt in ihrem linken Oberarm auffiel, aus dem immer noch langsam Blut sickerte. Fragend sah sie Richard an.

      „Nightmare hat dir das angetan, nachdem ich das Duell für dich gewonnen habe“, erklärte er und machte Anstalten, das Blut wegzuwischen.

      „Ist schon okay“, entgegnete Alex, fischte sich eine der reichlich vorhandenen Tränen aus dem Auge und ließ sie auf die Wunde tropfen. Augenblicklich gab es ein Zischen wie von einem Tropfen Wasser, der in Kontakt mit einer heißen Herdplatte kam und das Stück Arm fing an, von innen heraus golden zu leuchten. Als das Leuchten aufgehört hatte, ließ es ein makelloses Stück Haut zurück, an dem nur noch das getrocknete Blut von dem tiefen Schnitt zeugte, der eben noch da gewesen war.

      Mit großen Augen starrte Richard Alex an. „Ich wusste gar nicht, dass du das kannst“, hauchte er.

      „Ich bin eben immer für eine Überraschung gut“, entgegnete Alex schwach, während Richard ihr in seine Jacke half. Sie war ihr viel zu groß, aber wenigstens zitterte sie nicht mehr.
      „Ich wollte immer so eine Jacke haben“, fuhr sie fort und das erste Mal zuckte kurz so etwas wie ein winziges Lächeln über ihre Lippen. „Dabei steht die mir gar nicht.“

      „Sprich nicht zu viel. Schone dich“, flüsterte Richard fürsorglich, als er bemerkte, wie blass sie war. „Kannst du stehen?“

      „Ich… ich glaub schon.“

      Er half ihr auf die Beine, sie taumelte und wäre bestimmt wieder gefallen, würde Richard sie nicht abstützen. Und so machten sie sich wie bei einem Dreibeinlauf aufeinander gestützt schweigend auf den Weg zur U-Bahn und fuhren zum Hotel zurück, wo Richard Alex bis in ihr Zimmer begleitete und ihr ins Bett half.

      „Bleib bei mir“, flüsterte sie, als sie im schwach beleuchteten Hotelzimmer inmitten der weichen Decken und Kissen lag und Richard auf ihrer Bettkante saß. Mit einer Geste gab sie ihm zu verstehen, dass er sich zu ihr legen sollte.
      Sein Herz schlug ein wenig schneller als sonst, als sie sich auf die Seite drehte und er ihrer Bitte nachkam. Er legte einen Arm um ihre Hüfte und schmiegte sich an sie, das Kinn auf ihrer Schulter.
      Eine Weile lang lagen sie schweigend so da. Er konnte spüren, wie ihr Körper bebte, wusste, dass sie gegen die Tränen ankämpfte, mit denen sich ihre Augen füllten.

      „Warum immer ich?“, fragte sie schließlich mit erstickter Stimme. Sie schluchzte laut und ohne hinzusehen wusste Richard, dass die Tränen nun doch in Strömen flossen. „Warum tut man mir sowas an?“

      „Ich weiß es nicht“, antwortete Richard voller Mitgefühl. „Ich weiß es wirklich nicht.“

      Meine Fan Fiction auf eTCG - Yu-Gi-Oh! PHOENIX
      Serie 1 / Serie 2
      Kartenliste
      Nightmare:

      Geschmolzener Zombie

      Ektoplasmer
      Brennendes Land
      Schreckliches Feuer
      Augenschatten
      Ewige Flamme
      Verbergende Schwerter

      Alex/Richard:

      Mystische Lebensbarriere

      Hiita die Feuerverzauberin
      Hiita mit ihrem Vertrauten
      Inari-Feuer
      Unvertraut
      Roter Totenopfvogel

      Neue Karten:

      Albtraumherrscher

      Monster / Titan / Effekt / Finsternis / Unterweltler / Gold-Stufe 2 / 0 ATK / 2600 DEF

      Solange diese Karte offen auf dem Spielfeld liegt: Jedes Mal, wenn du durch einen Karteneffekt Schaden erhalten würdest: Erhöhe deine Life Points stattdessen um denselben Betrag. Einmal pro Spielzug: Du kannst ein Monster in deinem Friedhof wählen; erhöhe die Life Points deines Gegners um 1000 und beschwöre das gewählte Ziel als Spezialbeschwörung auf deine Spielfeldseite. Dein Gegner erhält für den Rest des Zuges keinen weiteren Kampfschaden, nachdem du diesen Effekt aktiviert hast.

      Kleiner Phönix

      Monster / Effekt / Feuer / Geflügeltes Ungeheuer / Stufe 4 / 1600 Atk / 1200 Def

      Einmal pro Spielzug, wenn diese Karte zerstört und auf den Friedhof gelegt wird (außer als Ergebnis eines Kampfes): Du kannst diese Karte als Spezialbeschwörung von deinem Friedhof beschwören.

      Im Ascheregen

      Permanente Zauberkarte

      Wenn diese Karte aktiviert wird: Zerstöre alle Monster, die du kontrollierst. Solange diese Karte offen auf dem Spielfeld liegt; wenn ein FEUER-Monster als Normal- oder Spezialbeschwörung beschworen wird: Es erhält 500 ATK. (Diese Erhöhungen halten auch an, nachdem diese Karte das Spielfeld verlassen hat.)
      Preview: Kapitel 1.16 - Licht und Schatten
      Nach der wohl schlimmsten Nacht ihres Lebens ist es Zeit für Alex, sich ihrem Duell gegen Christopher Allington zu stellen. Wird sie nach den Schrecken, die sie durchlebt hat, noch in der Lage sein, einen Profi zu besiegen? Und was, wenn sie es schafft? Wo Mr. Steele doch um jeden Preis versucht, sie aus dem Turnier fliegen zu lassen...

      So, das war's für's Erste wieder, ab jetzt geht es dann in großen Schritten auf das große Staffelfinale zu. Sorry übrigens, dass ich die Illusionen erst jetzt komplett kursiv gesetzt habe. ich werde das im letzten Kapitel nochmal überarbeiten. Wie immer vielen Dank an alle Leser und lasst mal wieder was hören, wenn es euch gefallen -oder nicht gefallen- hat. Man sieht sich ;)

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      Serie 1 / Serie 2
      Lang lang ist's her, dass du von mir gehört hast. Von daher wirds langsam Zeit, dass ich mal etwas aufhole mit den Folgen. ^^

      Mein Post bezieht sich daher auf Folge 12, die ich ja nur zur Hälfte korrigiert hatte.

      Spoiler anzeigen
      Also ich finde, du bist wirklich enorm besser geworden in der kurzen Zeit, in der du jetzt schreibst. Alles liest sich wunderbar flüssig. Dadurch werden auch Beschreibungen zunehmend unwichtiger, auch wenn du auf diese natürlich nicht verzichten solltest. Aber diese natürliche Art, auf die sich Evan, Richard und Alex am Anfang der Folge unterhalten haben, war wirklich gut getroffen!
      Das mit Jessica war natürlich abzusehen. Insofern würde ich mich an Evans Stelle auch nicht zu sicher fühlen. Wer weiß, was Steele so alles gegen ihn unternehmen könnte, ohne, dass er das überhaupt ahnt.
      Seinen Einwand, in Gegenwart von Seiyou nicht zu redselig zu sein, fand ich auch gut. Theoretisch. Aber dazu (leider) im Kritikteil des Posts mehr ...
      Was Seiyou angeht, denk ich, hast du ihn bewusst unsympathisch dargestellt. Ich werd ihm keiner Träne nachweinen, sollte er nach dieser Folge nie wieder auftauchen. Aber sein Deck fand ich gut! Vielleicht hat er ja ne kleine Nerd-Schwester, die dasselbe Deck spielt? ... nein? .__.
      Um mal vorweg zu greifen, du fragtest ja, ob Misch-Decks oder Themen besser bei einem ankommen. Also ich persönlich mag beides, tendiere aber mehr zu Themen, wie du weißt. (Ich würd gerne mehr Mischdecks in meiner Fanfic bringen, aber die wenigsten können heutzutage noch mit richtigen Themen mithalten ...)
      Jedenfalls würd ich sagen - Achtung, schlechter Wortwitz incoming - die Mischung machts. Ausgedachte Themen begrüße ich in jedem Fall sehr gern, denn so kann man die Duelle schlechter vorhersehen.
      Wo wir schon dabei sind, dieses Duell war okay, aber du hattest schon bessere. Man fragt sich, was Seiyou alles auf der Hand hatte, aber nicht ausgespielt hat. Die Idee, Alex dadurch seine Überlegenheit zu zeigen, war cool, aber wenn er nicht grade vier von fünf Exodia-Teilen auf der Flosse hatte, war es doch etwas ... seltsam. Auch hätte ich mir gewünscht, dass Alex auf clevere Weise gewinnt, am Ende war es aber dem standardmäßigen Topdecker-Syndrom zu verdanken. Ist aber kein Weltuntergang. Die Robos haben das wett gemacht.

      Jetzt aber zur eigentlichen Kritik. Das Meiste davon ist aber eher nur Ningelnörglerei. ;)

      Seiyous Arroganz wirkte teilweise fehl am Platz. Meiner Meinung nach ist es kindisch, Sprüche ala "ich erwarte sowieso nicht, dass Sie den Unterschied [zwischen Mathematiker und Physiker] verstehen." rauszuhauen. Aber das ist meine persönliche Auffassung, sicherlich gibt es solche abgehobenen Leute auch unter den Hochintelligenten. Nur laufen solche dann blindlings in ihr Verderben, weil sie ihr Gegenüber unterschätzt haben. Was sie widerum doch nicht so klug macht. Seiyou ist das Paradebeispiel dafür. Ja, er hat eine gute Strategie mit dem ewigen Nachschub und war ebenso gut auf Alex vorbereitet, aber seine Verteidigung war alles andere als berauschend. Besser gesagt, nicht existent. Und das ist schon schade irgendwo ...

      Ich finds auch schade, dass du meine Kritik bezüglich der Fanbase anderer Spieler nicht ernst genommen hast. Im ganzen Duell gab es nur für Alex Applaus und Jubel, für Seiyou nie. Das ist einfach so ... unecht. Denn wenn keiner ihn sehen will, hätte Steele keinen Grund, so jemanden überhaupt zu engagieren.

      Die Idee, Alex durch ihre eigene Wortwahl in Verruf zu bringen, finde ich - wie schon gesagt - nicht übel. Leider hast das nicht in die Richtung aufgezogen, die ich mir gewünscht / die ich erwartet hatte. Es ist eine Sache, jemanden vor einem Millionenpublikum dümmlich wirken zu lassen - und nicht einmal das ist rübergekommen, wurde Alex nicht einmal ausgelacht oder dergleichen. Eine andere dagegen ist es, jemandem bewusst Worte entlocken zu wollen, die ihm im größeren Rahmen schaden. So etwas hätte ich mir hier gewünscht bzw. zumindest den gerade so missglückten Versuch dessen. Es hätte auch Evans Warnung mehr Geltung verliehen, der so etwas ja hatte kommen sehen, der ja gesagt hat, dass Lügen entlarvt werden können. Aber was ist, wenn es die eigenen, ernst gemeinten Worte sind? Hier hast du echt Potential ohne Ende verschenkt.

      Eine weitere Kleinigkeit wären Kautionen. Kautionen zu bezahlen heißt nicht, dass du um die Verhandlung drum herum kommst. Es heißt nur, dass du bis dahin auf freiem Fuß bist. Als Alex über die Meinung ihrer Mutter nachdachte, hast du aber genau das beschrieben.

      Kleiner Fehler btw, aber siehste sicher selber. ^^

      Alex’ Augen verengten sich zornig, als sie nach ihrem Phönix der Wiedergeburt griff und ihn zurück ins Extra Deck steckte.
      „Na von mir aus“, knurrte sie. „Ich bin dran! Ich ziehe!“
      [(Seiyou) Hand: 5 / Backrow: 1]


      Okay, nun aber genug gemeckert für heute.

      Trotz des teilweise doch vergeudeten Potentials, das die Folge bot, hat sie mir dennoch gut gefallen. Gerade das Interview war ja nochmal eine Sache für sich. Man hat ja schon die betroffenen Gesichter gesehen, aber was ist mit denen, die denken, die Newhavener verdienen nichts anderes? Generell frage ich mich, wie die Reaktionen ausfallen werden, besonders von Steele Senior.
      Aber gut, schauen wir mal, wie das Turnier weitergehen wird. Auf Allington bin ich schon mal sehr gespannt.
      Soooo... Kapitel 16 ist gut geflossen, deshalb geht es jetzt fast pünktlich weiter! :) Wer hatte sich nochmal Chaos Dragon gewünscht?

      @Aska
      Erstmal vielen Dank, dass du auch mich in deiner "Ein Tag - Ein Kommentar im Fan Stuff"-Aktion bedacht hast. Aber wenn es nach mir ginge, hättest du ruhig noch ein wenig weiterlesen können, da ich persönlich Kapitel 12 im Vergleich zu anderen neueren Kapiteln sehr schwach finde. Wie du gesagt hattest, dass Seiyou ständig hunderttausend Handkarten hat und nichts damit anstellt, stört mich ungemein. Ich hätte echt nicht gedacht, dass Supply Squad so reinhaut 8| Das gilt aber auch für das verschenkte Potenzial an anderer Stelle.
      Schön, dass die Folge dir trotzdem einigermaßen gefallen hat und vielen Dank für das Lob.

      Für Seiyou sind tatsächlich (zumindest in Staffel 2) keine weiteren Auftritte geplant. Für Staffel 3 ist noch alles offen. Aber wenn man ihn nicht vermissen wird, umso besser.

      Ansonsten: Das Alex eher durch Luck als durch Skill überzeugt, ist durchaus beabsichtigt. Ich schreibe ihre Gegner mit Absicht etwas geskillter (immerhin waren viele ja im Gegensatz zu ihr an der Duellakademie), um zu unterstreichen, dass Alex eigentlich fehl am Platz ist und vieles nur Glück und Zufall zu verdanken hat. Und ganz ehrlich: Wenn ich will, dass sie mit ihrem Haufen gegen richtige Themendecks gewinnt, muss sie auch ziemlich Luck haben, anders geht das gar nicht.
      Wenn du gespannt auf Allington bist, im heutigen Kapitel 16 ist es endlich soweit.

      Kapitel 1.16 - Licht und Schatten
      „Du wolltest mich sprechen, Richard?“, fragte Christopher.

      „In der Tat“, bestätigte Mr. Steele. Christophers Halbfinal-Duell würde in wenigen Minuten beginnen und Mr. Steele hatte ihn kurz zuvor noch für ein Vieraugengespräch in ein leeres Büro im Stadion gebeten. Das Büro war abgedunkelt und nur durch die Spalten in den Jalousien fiel etwas Tageslicht hinein. Mr. Steele saß in seiner üblichen Pose mit aneinander gelegten Fingerkuppen zurückgelehnt im Stuhl hinter dem Schreibtisch, sodass Christopher in der Dunkelheit nur seine Silhouette erkennen konnte, beugte sich jedoch vor, sodass die beiden Männer sich beim Gespräch in die Augen sehen konnten.
      „Also“, fuhr er fort. „Ist dir etwas eingefallen, um deine Chancen auf den Sieg zu erhöhen?“

      Christopher, der ihm gegenüber vor dem Schreibtisch stand, nickte. „Sie hat wahrscheinlich die schlimmste Nacht ihres Lebens hinter sich. Ich glaube kaum, dass sie noch zu einem gescheiten Duell in der Lage ist.“

      „Gut…“, entgegnete Mr. Steele, nahm wieder die Pose vom Beginn des Gesprächs ein und verschwand so wieder im Schatten.
      „Aber wie du weißt, können wir uns in dieser Sache absolut keine Fehltritte mehr erlauben. Deshalb wollte ich auch noch meinen Beitrag leisten“, setzte er nach einer Weile wieder an, rückte seinen Drehstuhl näher an den Schreibtisch und öffnete eine Schublade. Heraus holte er eine kleine, schwarze Schachtel, die aussah wie eine Schmuckschatulle. Er legte das Ding in die Mitte der Tischplatte und klappte behutsam den Deckel auf. In der Schachtel lag in roten Samt gebettet eine einzige braune Monsterkarte, deren Rand, Namenszug und Kartenbild golden glitzerten.

      Christophers natürliches Auge weitete sich aufgeregt, als er glaubte, die Karte zu erkennen.
      „Aber das ist doch…“, sagte er und streckte seine Hand ungefragt nach dem Stück Pappe aus, um es in dem wenigen Licht, das der Raum bot, genau in Augenschein zu nehmen.

      „Genau der“, bestätigte Mr. Steele. „Ist das nicht die Karte, nach der du dich schon so viele Jahre sehnst?“

      „Aber wie ist das möglich?“, wollte Christopher wissen. „Ich dachte, er existiert nicht mehr…“

      „Nun, das hat er auch nicht. Zumindest bis gestern“, antwortete Mr. Steele. „Es hat seine Vorteile, die Firma zu besitzen, die die Dinger herstellt.“

      Christopher hatte ein Gefühl, dass die Höflichkeit es verlangte, die Karte zurückzulegen, aber er konnte es nicht. Zu berauscht war er von der Tatsache, sie endlich in Händen zu halten.

      „Nur keine falsche Bescheidenheit. Sie gehört dir“, sagte Mr. Steele, als hätte er Christophers Gedanken gelesen. „Aber du musst mir eins versprechen: Es könnte verdächtig wirken, wenn auf einmal Karten wieder auftauchen, die seit zwanzig Jahren als verschollen gelten. Die Leute könnten dahinter kommen, dass ich dich bevorteilige. Nichts, was meine Anwälte und Presseschreiber nicht wieder hinkriegen würden, aber dennoch ein unnötiger Fleck auf der nicht mehr ganz so weißen Weste. Benutze ihn also nur, wenn es absolut notwendig ist. Wenn du andernfalls verlieren würdest. Verstanden?“

      Christopher nickte abermals. „Ich werde dich nicht enttäuschen“, versicherte er. Dann holte er sein Deck hervor und platzierte die neue Karte ganz oben. Sie würde das neue Prunkstück seiner Sammlung sein…

      ~

      Eine Etage tiefer starrte eine hochnervöse Alex im Warteraum der Duellanten ins Leere. Ihre Mutter, Sarah und Mia hatten jenen gerade verlassen, um ihre Plätze einzunehmen und hatten sie zusammen mit Richard zurückgelassen. Die beiden saßen zusammen auf einer lederbespannten Sitzbank und in einer beruhigenden Geste hatte er eine Hand auf ihr Knie gelegt.
      Die vergangene Nacht steckte Alex immer noch in den Knochen. Ihr Kopf schmerzte, genau wie ihre Beine vom vielen hinfallen und wieder aufstehen. Noch stundenlang hatten die beiden wach gelegen, eng aneinander geschmiegt, während Richard versucht hatte, sie zu beruhigen. Schließlich war sie in einen unruhigen Schlaf verfallen und es hatte Richard einiges an Mühe gekostet, sie dazu zu bringen, aufzustehen, zu duschen und ein paar Stücke Toast mit Marmelade herunterzuwürgen, bevor sie sich ihrem heutigen Duell stellte.

      „Alex?“, fing er an.

      „Ja?“

      „Wegen letzter Nacht…“

      Alex seufzte und fasste sich an die Stirn. Wann immer sie an diesem Morgen allein gewesen waren, hatte er versucht, mit ihr darüber zu sprechen.
      „Richard…“, antwortete sie. „Bitte… muss das sein? Ich habe gerade echt größere Sorgen…“

      Richard wirkte geknickt.
      „Aber das kann dir doch unmöglich egal sein“, sagte er und nahm seine Hand von ihrem Bein.

      „Hör mal…“, begann Alex und massierte sich die Schläfen. „Ich weiß ja nicht, was du dir erhofft hast, aber ich weiß echt nicht, was da mit mir los war…“

      Richards Miene versteinerte. „Du hast gesagt, da sei mehr zwischen uns als nur Freundschaft…“

      „Ich weiß…“, gestand Alex schuldbewusst. „Und das tut mir echt leid. Aber verstehst du? Ich brauche einfach mehr Zeit, um das alles zu überdenken, aber erstmal muss ich sehen, wie ich dieses Duell überstehe…“

      Richard sah beleidigt drein und verschränkte die Arme.

      „Bitte…“, fügte Alex hinzu. „Kann ich mal das Mädchen sein?“

      Richard antwortete nicht, bekam jedoch auch keine weitere Gelegenheit dazu, denn in diesem Moment sprang die Ampel neben der Tür ins Stadion auf gelb um und als hätte Alex auf einem Seeigel gesessen, sprang sie augenblicklich auf. Gleichzeitig betrat Christopher Allington mit wehender Jacke den Warteraum. Er taxierte Alex kurz und als diese seinen Blick erwiderte und ängstlich in seine schrecklichen, ungleichen Augen starrte, nickte er anerkennend und stellte sich dann mit eiserner Miene vor die Tür. Wortlos umarmte Alex Richard, der immer noch eingeschnappt wirkte, und stellte sich ebenfalls vor die Tür.

      Die Ampel schaltete auf grün und zischend glitt die Doppeltür ins Stadion auf. Als Alex zusammen mit ihrem Gegner dieses betrat, überkam sie das vertraute Gefühl, unter einer Welle aus Lärm erstickt zu werden. Der Jubel des Publikums – ihre eigenen Fans und die Christophers – hämmerte in ihrem ohnehin schon schmerzenden Schädel, sodass sie sich am liebsten die Hände gegen die Ohren gepresst und sich mit geschlossenen Augen auf den Boden gehockt hätte, aber sie riss sich zusammen und setzte mit starrer Miene ihren Marsch zum Duellfeld fort.
      Das strahlende Sommerwette, das die ganzen vergangenen Wochen über geherrscht hatte, hatte sich an diesem Vormittag verzogen. Es war kühl und der Himmel war von einem durchgängigen, trüben Hellgrau. Über den Lärm des Publikums hinweg kommentierte MC Arthur das Geschehen: „…der amtierende Vizechampion, dessen Monster genau so chaotisch sind wie seine Frisur! Der gnadenlose Christopher Allington! Und seine Gegnerin: Die Sensation dieses Turniers! Aus den Straßen von Newhaven hat sie es bis ins Halbfinale geschafft! Das Mädchen, dessen Temperament genau so heiß ist wie die mysteriösen Flammen, die sie zu erzeugen vermag! Alex Whitman!“

      Der ohrenbetäubende Applaus aus Alex’ Fanmeile wurde nach dieser Ansprache noch lauter und ihr Name schallte aus verschiedensten Ecken des Stadions. Aber es motivierte sie nicht. Im Gegenteil: Sie wünschte sich, sie würden alle die Klappe halten. Alex wäre jetzt am liebsten überall, nur nicht hier.

      „Duellanten, gebt euch die Hand!“, gebot MC Arthur, als Alex und Christopher das Duellfeld erreicht hatten. Sie ergriff mechanisch die Hand ihres Widersachers und versuchte dabei, beim Anblick seiner Augen nicht zusammenzuzucken. Christopher hatte eine ähnliche Statur wie Richard: Mager und hochgewachsen. Sein Gesicht mit den ungleichen Augen war vollkommen ausdruckslos, sein Händedruck schwach und sehr kurz.

      „Und jetzt schenken sie Ihre Aufmerksamkeit den Monitoren, auf denen der Zufallsgenerator entscheiden wird, wer den ersten Zug macht!“, fuhr der Kommenator fort, als die Duellanten ihre Positionen an den Enden des Duellfelds eingenommen hatten. Porträtbilder der beiden erschienen auf besagten Bildschirmen und wechselten in rascher Frequenz zwischen Schwarzweiß und farbig, bis schließlich Alex’ Bild farbig blieb.
      „Und die Entscheidung lautet, dass Alex den Anfang machen darf! Lasst das Duell beginnen!“

      „Los, Duell!“, riefen Alex und Christopher im Chor und zogen jeweils fünf Karten von ihren Decks.

      „Sie sehen erschöpft aus, Miss Whitman“, fuhr Letzterer fort. „Schlecht geträumt?“

      Alex erstarrte und sah entsetzt zu ihrem Gegner herüber. „Woher wissen Sie das?“

      „Ihre Augen. Dunkle Schatten liegen darunter. Sie sehen nicht aus, als hätten Sie viel geschlafen“, antwortete der Profi gelassen und Alex atmete erleichtert auf.

      „Wie auch immer…“, meinte Alex und ihre Stimme festigte sich. Sie war im Duell-Modus. „Mein Zug! Ich setze ein Monster verdeckt im Verteidigungsmodus!“

      Sie legte die Karte waagerecht auf ihre Duel Disc, woraufhin vor ihr die Holografisch vergrößerte Rückseite einer horizontal ausgerichteten Karte erschien.

      „Das reicht fürs Erste. Ich beende meinen Zug!“

      „Ich hatte ein wenig mehr von Ihnen erwartet“, entgegnete Christopher geringschätzig, aber Alex entging nicht das zufriedene Lächeln, das bei diesen Worten über seine schmalen Lippen zuckte. Anders als bei Evan, dessen vernarbtes Gesicht durch ein Lächeln gleich viel einladender wirkte, ließ jenes Christophers Gesicht mit dem schrecklichen Haifischauge nur noch bedrohlicher wirken.
      „Nun, dann zeige ich Ihnen jetzt, wie ein richtiger Duellant das macht! Mein Zug! Ich aktiviere den Zauber Drachenschrein! Dieser erlaubt es mir, ein Monster vom Typ Drache von meinem Deck auf den Friedhof zu schicken! War es ein normales Monster, kann ich ein weiteres Monster auf den Friedhof schicken. Ich wähle also Jagddrache und Eklipsen-Lindwurm!“

      Er griff nach den beiden Karten, die seine schwarze Duel Disc aus seinem Deck hervorschob und zeigte sie seiner Gegnerin, um zu beweisen, das eine tatsächlich gelblich umrandet war. Anschließend steckte er sie in den Friedhofsschlitz. Alex sah grimmig zu und sagte nichts. Zwei beliebige Monster vom Deck auf den Friedhof schicken, war zu Zeiten der Titanen-Monster ein unglaublich starker Effekt. Wenn es so etwas doch auch nur für Geflügelte Ungeheuer gäbe…

      „Wenn Eklipsen-Lindwurm auf den Friedhof geschickt wird, kann ich ein Monster vom Typ Drache der Stufe 7 oder höher von meinem Deck aus dem Spiel entfernen, sofern sein Attribut entweder Licht oder Finsternis lautet! Aber warum denn nur eins von beidem? Ich wähle Drache des Lichts und der Finsternis!“

      Er griff nach einer weiteren Karte von seinem Deck und steckte sie sich in eine Tasche seiner langen, schwarzen Jacke. Plötzlich erschien hoch über seinem Kopf eine Sonne, holografisch, da die echte hinter einer dicken Wolkendecke versteckt war, und tauchte das Duellfeld in strahlendes Licht.
      Alex hielt sich wie ein Seemann die Hand an die Stirn, um in die künstliche Sonne zu blicken. Doch auf einmal schob sich langsam ein schwarzer Kreis vor den Himmelskörper, bis dieser komplett bedeckt war und von ihm nur noch ein heller Rand zu erahnen war, sodass das Duellfeld wieder im Dunkeln lag.

      „Und was hat dir diese Lightshow jetzt gebracht?“, fragte Alex herausfordernd. „In deiner Jackentasche bringt das Ding dir doch genau so wenig wie im Deck!“

      „Abwarten…“, antwortete der Profi schlicht und mit einem heimtückischen Grinsen fuhr er fort: „Denn ich bin noch lange nicht fertig! Als Nächstes beschwöre ich diese beiden Kameraden hier: Schwarzer Drache Kollapschlange und Weißer Drache Lindwurmstrahl! Kollapschlange wird beschworen, indem ich ein Licht-Monster – wie Eklipsen-Lindwurm – von meinem Friedhof aus dem Spiel entferne, Lindwurmstrahl erfordert hingegen ein Finsternis-Monster wie meinen Jagddrachen!“

      Er nahm die beiden Monsterkarten von seinem Friedhof und steckte sie sich ebenfalls in die Jackentasche. Anschließend zückte er zwei andere Monsterkarten von seinem Blatt und platzierte sie in einer fließenden Bewegung nebeneinander auf der schwarzen Hochglanzoberfläche seiner Duel Disc.
      Augenblicklich tauchten die Hologramme zweier bizarrer, kleiner Drachen auf seinem Feld auf. Der eine war beinlos, hatte einen harten, Eidechsenähnlichen Kopf, einen dunkelgrauen, von groben Schuppen bedeckten Rücken und dornenbewährte Flügel. In seinem orangefarbenen Bauch war auf Brusthöhe ein großes Loch, in dem eine schwarze Energiekugel rotierte. (ATK: 1800)
      Der andere jedoch hatte einen blauen Körper und kräftige Hinterläufe. Kopf, Bauch und Flügel waren von einer weißen Panzerung geschützt und an seiner Brust glühte eine blaue Energiekugel. (ATK: 1700)
      „Aber das war noch nicht alles! Weil Eklipsen-Lindwurm von meinem Friedhof aus dem Spiel entfernt wurde, aktiviert sich sein Effekt und ich kann meiner Hand das Monster hinzufügen, dass ich zuvor für seinen Effekt aus dem Spiel entfernt habe!“

      Der schwarze Schatten vor der holografischen Sonne zog sich zurück und legte den Himmelskörper dahinter frei, der das Feld wieder in strahlendes Licht tauchte. Geblendet hielt Alex sich einen Arm vors Gesicht und konnte gerade noch Christophers lange, schwarze Silhouette erkennen, die eine Karte aus seiner Jackentasche seinem Blatt hinzufügte.
      „Und ich habe immer noch meine Normalbeschwörung!“, rief der Profi, als die künstliche Sonne schließlich verschwunden war, sodass sich wieder eine ungewohnte Dunkelheit über das Duellfeld gelegt hatte. „Ich biete jetzt also Schwarzer Drache Kollapschlange und Weißer Drache Lindwurmstrahl als Tribut an, um stattdessen ein Monster zu beschwören, das die Mächte von Licht und Schatten in einem Körper vereint! Drache des Lichts und der Finsternis!“

      Die beiden Drachen verschwanden, um stattdessen einem viel größeren Platz zu machen, der aussah, als wäre er in der Mitte geteilt. Die rechte Hälfte seines Körpers mit dem langen Hals, den klauenbewährten Händen und Füßen und den zwei Schwänzen war schneeweiß, der rechte Flügel war gefiedert und ähnelte dem eines Schwans. Die linke Hälfte jedoch war pechschwarz, der dazugehörige Flügel ähnelte dem einer Fledermaus. (ATK: 2800)

      „Greif’ ihr verdecktes Monster an! Chaosstrom!“

      Der zweifarbige Drache stieß einen Schrei aus und warf den Kopf in den Nacken. Anschließend schoss er einen Strahl schwarzer Energie aus seinem Maul, der die braune Kartenrückseite auf Alex’ traf.
      Die Karte klappte um und enthüllte kurz das schöne, blau gefiederte Hologramm ihres gesetzten Glaubensvogel, der einen gequälten und gleichzeitig anmutigen Schrei ausstieß und anschließend vom schwarzen Energiestrahl aus dem Maul des Drachen zerfetzt wurde.

      „Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug“, schloss Christopher und neben ihm erschien ebenfalls eine holografisch vergrößerte, braune Kartenrückseite.

      „Dann bin ich dran!“, rief Alex. „Ich ziehe! Und ich beschwöre Jägereule im Angriffsmodus!“

      Sie klatschte die Karte auf ihre Duel Disc und vor ihr erschien das Hologramm einer Eule mit humanoiden Körperbau, die in der linken Klauenhand eine Art Spitzhacke trug. (ATK: 1000 -> 1500)

      Jägereule erhält für jedes Wind-Monster auf meinem Feld 500 Angriffspunkte hinzu. Das schließt sie selbst mit ein, deshalb hat sie 1500 Angriffspunkte! Aber im Grunde spielt das eh keine Rolle, denn jetzt mische ich sie zusammen mit Glaubensvogel, der ebenfalls das Attribut Wind und den Typ Geflügeltes Ungeheuer hat, von meinem Friedhof ins Deck zurück, um eine Titanen-Beschwörung durchzuführen! Erscheine, Sturmvogel!“

      Die beiden Karten schraubten sich in den grauen Himmel, es gab einen Lichtblitz und dort, wo dieser einschlug, entfachte sich ein auf dem Kampffeld ein starker Wirbelsturm. Als dieser sich legte, enthüllte er den riesigen, schwarz-weißen Vogel mit orange glühenden Augen, der sich in seinem Inneren verborgen hatte und jetzt einen schrillen Schrei ausstieß. (ATK: 2100)

      „Ich aktiviere den Effekt meines Monsters!“, fuhr Alex fort. „Einmal pro Zug kann ich eine deiner offenen Karten wählen, die dann ohne Umwege zurück in dein Deck befördert wird! Tut mir ja wirklich leid um deinen Drachen…“

      Der monströse Vogel stieß einen weiteren, markerschütternden Schrei aus und eine stilisierte Schallwelle flog aus seinem Schnabel auf den zweifarbigen Drachen zu. Der erzeugte jedoch eine Art blasse, kuppelförmige Lichtbarriere, die sich um ihn herum ausbreitete. Die Schallwelle verschwand bei Kontakt mit der Barriere und der riesige, schwarz-weiße Vogel stand da, als hätte man ihm nie befohlen, etwas zu tun.

      „Was ist passiert?“, wollte Alex verunsichert wissen.

      „Der Effekt meines Drachen!“, antwortete Christopher. „Wann immer wir einen Karteneffekt aktivieren, egal ob Monster, Zauber oder Falle, annulliert Drache des Lichts und der Finsternis den Effekt! Anschließend verliert er 500 Angriffs- und Verteidigungspunkte. Zumindest normalerweise, denn jetzt aktiviere ich die hier…“

      Er griff nach seiner verdeckten Karte und drehte diese um. Anschließend erschien ein Hologramm der Fallenkarte neben ihm, auf der ein fies grinsendes Männchen, das Alex irgendwie an einen bösen Lebkuchenmann erinnerte, zu sehen war.
      „Der Effekt meines Drachen kann nur einmal pro Kette aktiviert werden. Da wir uns immer noch in der selben Kette befinden, wird der Effekt meiner Umkehrfalle nicht annulliert und kehrt alle Änderungen in den Angriffs- und Verteidigungswerten meiner Monster um! Das heißt, statt 500 Punkte zu verlieren, bekommt mein Drache sie jetzt hinzu!“

      „Was?!“, meinte Alex erschrocken, während rote Energiestrahlen aus dem Hologramm der Fallenkarte in die Luft stiegen, der Drache sie aufsog und anschließend zornig brüllte. (ATK: 2800 -> 3300)
      „Ich beende meinen Zug…“, schloss sie unsicher, vom Effekt des Drachen in die Enge getrieben.

      „Gute Entscheidung“, erwiderte der Profi mit einem fiesen Grinsen, das seine ernsten Gesichtszüge verzerrte. „Mein Zug!“

      „Ein raffiniertes Spiel bekommen wir hier von Christopher zu sehen!“, unterbrach MC Arthur diesen. „Nicht nur schafft er es, in seinem spektakulären ersten Spielzug ein im höchsten Maße unbequemes Monster zu beschwören, er nutzt sogar ein Schlupfloch in seinem Effekt aus, um es noch stärker zu machen! Keine Frage, unser Profi macht Ernst!“

      Jener lächelte nur geheimnisvoll und zog lässig eine Karte auf. Er beachtete sie kaum – schließlich konnte er sie sowieso nicht aktivieren – sondern ging gleich zum Angriff über: „Drache des Lichts und der Finsternis! Vernichte Sturmvogel mit Chaosstrom!“

      Erneut warf das zweifarbige Ungetüm den Kopf in den Nacken und schoss einen schwarzen Energiestrahl aus seinem Maul auf den riesigen schwarz-weißen Vogel. Dieses Mal tat er dies jedoch in einem flacheren Winkel, sodass sich nicht nur das Hologramm von Alex’ Monster sich mit einem Schrei in Luft auslöste, sondern auch das rothaarige Mädchen selbst etwas von dem Strahl abbekam und sich schützend einen Arm vors Gesicht hielt. (LP 4000 -> 2800)

      „Ich beende meinen Zug“, schloss Christopher. [Hand: 3 / Backrow: 0]

      „Dann bin ich dran!“, entgegnete Alex und wie üblich, wenn ihre Lage aussichtslos erschien, rief sie es umso lauter und zorniger. Dies brachte das Feuer an ihrer rechten Hand wieder zum Auflodern, woran sich jedoch mittlerweile alle gewöhnt hatten. Mit brennenden Fingern zog sie schwungvoll eine Karte von ihrem Deck.
      Doch die Ernüchterung folgte, sobald es an der Zeit war, etwas zu machen. Wie sollte sie gegen diesen Drachen anspielen, wenn der doch alle Effekte aufheben würde? Wenn sie nur genügend Effekte als Köder aktivieren könnte, dann wären seine Angriffspunkte irgendwann niedrig genug, um ihn im Kampf zu zerstören, aber dafür hatte sie einfach nicht genügend Karten… Keine Frage, die musste erstmal in die Defensive gehen…
      „Ich beschwöre Feuervogel im Angriffsmodus!“

      Sie legte die Karte auf ihre Duel Disc und auf ihrem Feld erschien das Hologramm eines großen Vogels, dessen Kopf und Flügel in Flammen standen. (ATK: 1000)

      „Da damit ein Feuer-Monster das Feld betreten hat, kann ich es zusammen mit Sturmvogel von meinem Friedhof ins Deck zurückmischen, um eine Titanen-Beschwörung durchzuführen! Komm raus, Phönix der Wiedergeburt!“

      Die beiden Karten – braun und grün – stiegen in die Höhe und umkreisten sich dabei majestätisch. Es gab einen Lichtblitz und als dieser einschlug eine gewaltige Stichflamme. Doch schoss daraus kein brennender Vogel schreiend in die Höhe, sondern das riesige Geschöpf setzte sich mit vor der Brust verschränkten Flügeln schützend vor seine Besitzerin. (DEF: 2000)
      „Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug!“, schloss Alex und hinter ihrem Phönix erschien eine vergrößerte, braune Kartenrückseite.
      [Hand: 3 / Backrow: 1]

      „Ein ungewöhnlich defensives Spiel bekommen wir hier von Alex zu sehen!“, kommentierte MC Arthur. Währenddessen übertrugen die riesigen Monitore im Stadion Bilder aus Alex’ Fanmeile, wo verunsicherte, fast schon enttäuschte Gesichter überwiegten, was ihre Motivation nur noch weiter in den Keller sinken ließ. „Aber vielleicht würden wir alle so spielen, wenn wir mit einem Monster wie dem von Christopher konfrontiert würden!“

      „Sich in der defensive zu verstecken wird Ihnen auch nichts nützen“, entgegnete jener gelassen. Ich bin dran“, er zog mit desinteressierter Miene ein Karte von seinem Deck, „Drache des Lichts und der Finsternis! Greif’ ihren Phönix an. Chaosstrom!“
      Zum dritten Mal in diesem Duell schoss der Drache einen schwarzen Energiestrahl aus seinem Maul und Alex hätte schwören können, dass ihr Phönix seinen schönen Kopf kurz zu ihr drehte und ihr ermutigend zunickte, bevor sein Hologramm sich unter dem Beschuss in Luft auflöste.

      „Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug“, schloss Christopher und neben ihm erschien aufs Neue das vergrößerte Hologramm einer braunen Kartenrückseite. [Hand: 3 / Backrow: 1]

      „Dann bin ich dran!“, rief Alex und zog mit Schwung eine Karte auf, als MC Arthurs Stimme sie unterbrach: „Freunde, ich werde das Gefühl nicht los, dass Alex heute nicht richtig bei der Sache ist! Da Phönix der Wiedergeburt durch Kampf zerstört wurde, hätte Alex eigentlich seinen Effekt aktivieren können, um ihn als Spezialbeschwörung von ihrem Friedhof zu beschwören. Natürlich hätte Christophers Drache den Effekt annulliert, aber es wäre zumindest eine Gelegenheit gewesen, seine Angriffspunkte um 500 zu senken!“

      Innerlich klatschte sich Alex eine Hand ins Gesicht. Sie war so sehr am Zwickmühleneffekt des gegnerischen Monsters verzweifelt, dass sie die besten Gelegenheiten verpennte…
      Sie war wirklich nicht ganz bei der Sache. Es kam ihr aber auch irgendwie unwirklich vor. Sie fühlte sich albern dabei, jetzt, nachdem sie in einer Nacht die Leiden vieler Jahre durchlebt hatte, in einem Stadion vor tausenden von Menschen ein Kartenspiel zu spielen, als gäbe es nichts Wichtigeres in der Welt. Innerlich hatte sie längst verloren. Sie bezweifelte, dass es, so dringend, wie Mr. Steele sie aus dem Turnier haben wollte, eine Chance für sie gab, letztendlich als Sieger hervorzugehen. Aber sie durfte nicht einfach so aufgeben. Das war sie all den Menschen schuldig, die wahrscheinlich ihre letzten Ersparnisse geplündert hatten, um ihr, ihrer Heldin, ihrer Hoffnungsträgerin, beim Duell zuzusehen…

      „Ich bin dran! Ich ziehe!“, rief sie, scheinbar über die Worte des Kommentators erhaben, und zog mit brennenden Fingern eine Karte von ihrem Deck. Anschließend starrte sie scharf nachdenkend in ihr Blatt, wobei sich eine ungewohnte Stille über das Stadion legte. Gespannt warteten Alex’ Fans darauf, wie ihr Idol sich aus dieser Situation herausfinden wollte. Schließlich machte es in Alex Kopf „Klick“ und sie steckte die frisch gezogene Karte in die Armatur an ihrem Arm.
      „Ich aktiviere den Zauber Ruf des Windes! Dieser erlaubt es mit, ein Geflügeltes Ungeheuer der Stufe 4 oder weniger als Spezialbeschwörung von meiner Hand zu beschwören!“

      Drache des Lichts und der Finsternis annulliert den Effekt“, entgegnete Christopher gelangweilt.

      „Ich weiß! Und genau wie du eben mache ich mir jetzt zu Nutze, dass er dies nur einmal pro Kette kann! Ich kette die Falle Windsturm der Phönixflügel an! Zum Preis von einer Handkarte wird dein Monster oben auf dein Deck zurückgelegt!“

      „Was?!“, fragte Christopher scharf und der Zorn machte ihn noch furchteinflößender. Aber Alex hatte schon nach ihrer verdeckten Karte gegriffen, diese umgedreht und sich dafür von einer ihrer Handkarten getrennt. Prompt entfachte sich ein gelber Wirbelsturm aus dem Hologramm der Fallenkarte, zerstörte die blasse Lichtbarriere, die Christophers Monster erschaffen hatte, um Alex’ Zauberkarte zu annullieren und erfasste jenes, wodurch sich das Hologramm des zweifarbigen Drachen in Luft auflöste und der Profi die Karte mit grimmiger Miene auf sein Deck zurücklegte.

      „Und sie schafft es doch!“, verkündete MC Arthur und ohrenbetäubender Jubel brach in Alex’ Fanmeile aus. „Offenbar hatte sie eben nur einen kleinen Durchhänger, denn kaum ist sie selbst an der Reihe, schafft sie es, das unbequeme Monster ihres Gegners mit einem cleveren Zug zu beseitigen! Denn weil in einer Kette immer der Effekt zuerst ausgeführt wird, der zuletzt der Kette hinzugefügt wurde, wird Drache des Lichts und der Finsternis zuerst auf das Deck seines Besitzers zurückgelegt und weil er dann nicht mehr offen auf dem Spielfeld liegt, kommt auch der Effekt von Alex’ Zauberkarte durch!“

      Jene machte ein recht überraschtes Gesicht. Das hatte sie gar nicht gewusst… Na ja, umso besser!
      „Ganz genau!“, heuchelte sie und schaffte es gerade noch rechtzeitig, einen entschlossenen Gesichtsausdruck zu machen, bevor sie wieder auf den Monitoren zu sehen war, die bis eben den zornig dreinblickenden Christopher übertragen hatten. „Deshalb beschwöre ich jetzt Regenbogen-Phönix im Verteidigungsmodus!“

      Sie klatschte die Karte auf die Oberfläche ihrer Duel Disc, woraufhin vor ihr das Hologramm eines Phönix erschien, dessen Gefieder in allen Farben des Regenbogens glänzte und der schützend die Flügel vor der Brust verschränkte. (DEF: 900)

      „Und weil ich immer noch meine Normalbeschwörung nutzen kann, beschwöre ich jetzt Adlerauge im Angriffsmodus!“

      Sie legte ihre letzte Handkarte neben das soeben beschworene Monster. Auf ihrem Feld erschien anschließend das Hologramm eines braunen Adlers mit gelben Federn an Kopf und Schwanz, der einen goldenen Helm trug. (ATK: 1300)
      Ab jetzt sah sie alles vor sich: Zuerst würde sie Sturmvogel beschwören und so Phönix der Wiedergeburt zurück ins Extra Deck befördern, damit dieser gleich folgen konnte…

      „Nicht so schnell!“, unterbrach Christopher ihre Gedanken. Er hatte offenbar durchschaut, was seine Gegnerin vorhatte und griff nach seiner verdeckten Karte. „Ich aktiviere die Fallenkarte Flutstopper!“

      Besagte magentafarbene Karte klappte auf. Auf dem Kartenbild war ein brüchiger Staudamm zu sehen, aus dessen tiefen Rissen schon Wasserstrahlen schossen.
      „Ich kann diese Karte aktivieren, wenn du mindestens zwei offene Monster kontrollierst! Dann kannst du für den Rest des Spielzugs keine Monster als Spezialbeschwörung beschwören!“

      „Was?!“, machte Alex überrascht, fasste sich aber sogleich wieder: „Na gut! Dann greift Adlerauge dich jetzt eben direkt an!“

      Der braun-gelbe Adler stieg in die Höhe und setzte zum Sturzflug auf Christopher an, um ihm eine Kopfnuss mit seinem gehörnten, goldenen Helm zu verpassen. Der Profi hob einen Arm, um den herabsausenden Vogel abzuwehren. (LP: 4000 -> 2700)

      „Ich beende meinen Zug!“, schloss Alex, als der Adler zu ihr zurückgeflattert war. [Hand: 0 / Backrow: 0]

      „Dann bin ich dran!“, rief Christopher lautstark und fügte seiner Hand den aufs Deck zurückgelegten Drache des Lichts und der Finsternis hinzu. „Du denkst, du hättest das Schlimmste überstanden, dabei war es gerade einmal der Anfang! Da Drache des Lichts und der Finsternis mich nicht mehr daran hindert, Karteneffekte zu nutzen, aktiviere ich D.D.R. – Reinkarnation aus einer anderen Dimension! Zum Preis von einer Handkarte kann ich eines meiner aus dem Spiel entfernten Monster als Spezialbeschwörung beschwören und mit dieser Karte ausrüsten! Ich werfe Drache des Lichts und der Finsternis ab, um Eklipsen-Lindwurm als Spezialbeschwörung zu beschwören!“

      Erst jetzt fiel Alex auf, dass der Profi sie nicht mehr siezte. Christopher war bekannt dafür, zwei Persönlichkeiten zu haben. Meist wirkte er überaus höflich und intelligent und war deshalb das öffentliche Aushängeschild von Steele Industries, aber wenn er im Duell richtig gefordert wurde, vergaß er schnell jede Höflichkeit. Dann war er reizbar und hitzig und viele meinten, dass dann sein wahres Ich zum Vorschein komme. Manche fanden dies cool, die meisten, darunter Alex, Mia und Lily, aber eher unheimlich.
      Der in Rage versetzte Christopher steckte den Ausrüstungszauber in seine Duel Disc und ein vergrößertes Hologramm erschien neben ihm.
      Gleichzeitig spielt sich in der Luft über ihm ein Eigenartiges Schauspiel ab: Der Raum wurde eigenartig verzerrt und ein Gebilde, das aussah wie ein Strudel in einer Badewanne, die abgelassen wurde, entstand.
      Im Herz des Strudels war ein winziges, schwarzes Loch, aus dem sich mühsam ein kleiner, aber furchteinflößender Drache zwängte. Er hatte einen langen, rundlichen Kopf mit rot glühenden Augen und einen schwarz-weißen Körper, der mit leuchtenden, roten Verzierungen gemustert war. Sein Rücken war mit langen Dornen bestückt und statt Vorderläufen hatte er große, weiße Flügel, wobei der rechte ein rotes Flammenmuster hatte. (ATK: 1600)

      „Und jetzt ist es an der Zeit, den wahren Kampf zu eröffnen!“, kündigte der Profi an. „Ich mische Eklipsen-Lindwurm von meinem Feld sowie Drache des Lichts und der Finsternis und Schwarzer Drache Kollapschlange von meinem Friedhof ins Deck zurück, um ein Titanen-Monster zu beschwören, dass gleichzeitig den Attributen Licht und Finsternis angehört! Erscheine, Zweiköpfiger Chaosdrache!“

      Die drei braunen Monsterkarten schraubten sich einander umkreisend in die Höhe und am höchsten Punkt angekommen gab einen Lichtblitz, der in das Duellfeld einschlug.
      Dort, wo der Blitz eingeschlagen war, erschienen sofort darauf zwei schwebende Leuchtkugeln, die eine schwarz-violett und die andere in einem warmen hellgelb, die einander zunächst langsam, dann immer schneller im Kreis jagten, bis von ihnen nur noch ein violetter Wirbel zu erkennen war.
      Plötzlich gewannen die Kugeln an Höhe und der Abstand zwischen ihnen verringerte sich, als würden sie sich auf einmal anziehen.
      Unvermeidbar kam es nach kurzer Zeit zum Zusammenstoß der beiden Kugeln, was zu einem lauten Knall und einem weiteren Lichtblitz führte, so hell, dass Alex sich geblendet den rechten Arm vors Gesicht schlug.
      Als sie ihn wieder herunternahm und auf Christophers Feld blickte war dort ein riesiger Drache erschienen.
      Auch dieses Ungetüm sah aus, als wäre es der Länge nach geteilt. Es hatte, wie der Name verriet, zwei Köpfe: Der eine schneeweiß mit hellblauen Augen und einem mit dünnen Flughäuten bespannten Kragen um den Hals, der andere war pechschwarz, hatte leuchtend rote Augen und einen Kranz aus langen, scharfen Dornen um den Hals.
      Statt Vorderläufen hatte das Ungetüm riesige, ledrige Flügel in den Farben der jeweiligen Körperhälfte, in deren Mitte er jeweils drei lange Klauen hatte, mit denen er sich wie eine überdimensionale Fledermaus auf dem Boden abstützte.
      Das Monster drückte sich flach an den Boden und streckte die Hälse aus, um ein mächtiges, zweistimmiges Brüllen auszustoßen. (ATK: 2800)

      „Ich aktiviere den Effekt meines Monsters!“, verkündete der Profi und Alex machte sich auf das Schlimmste gefasst. „Indem ich ein Licht-Monster – etwa Weißer Drache Lindwurmstrahl – von meinem Friedhof aus dem Spiel entferne, kann es in diesem Spielzug zweimal angreifen, dafür aber nicht direkt angreifen! Los, Doppelte Schockwelle!“

      Der zweiköpfige Drache bäumte sich auf und in seinen Mäulern bildete sich jeweils eine Energiekugel in der Farbe der Augen des jeweiligen Kopfes, die das Ungetüm anschließend gleichzeitig auf Alex’ zwei Monster abschoss.
      Der braun-gelbe Adler löste sich mit einem Schrei in Luft aus, als er von der blauen Energiekugel getroffen wurde, was eine spürbare Druckwelle auslöste.
      (Alex: LP 2800 -> 1300)
      Gleichzeitig traf die rote Kugel Regenbogen-Phönix, der seinen schönen Kopf schützend unter einen bunt gefiederten Flügel steckte und anschließend in einer Stichflamme aufging. Als er verschwunden war, hinterließ er eine einzige, bunte Feder, die zu Boden schwebte und dort angekommen langsam verglühend zusammenschrumpfte.

      „Wenn Regenbogen-Phönix im Kampf zerstört wird, aktiviert sich sein Effekt und ich kann ein anderes Feuer-Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer von meinem Friedhof als Spezialbeschwörung beschwören!“, rief Alex und griff nach dem Friedhofsschlitz ihrer Duel Disc. „Komm zurück, Phönix der Wiedergeburt!“

      Aus der kokelnden Feder am Boden entstand plötzlich eine ausgewachsene Stichflamme, aus deren Inneren mit einem lauten Schrei ein riesiger, orange-roter Vogel in der Höhe schoss, dessen Rücken, Flügel und Schwanzfedern in Flammen standen. (ATK: 2500)
      Alex’ Fans bejubelten die Rückkehr ihres stärksten Monsters, das zu einem Symbol der Hoffnung geworden war, während gleichzeitig einige Christopher-Fans buhten, weil sie es offenbar langweilig fanden, dass Alex sich immer auf das gleiche Monster verließ.

      „Das wird dir auch nichts nützen“, meinte der Profi geringschätzig. „Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug.“ [Hand: 1 / Backrow: 1]

      „Freunde, Christopher lässt seine Gegnerin wahrhaftig nicht zur Ruhe kommen!“, kommentierte MC Arthur. „Kaum hat der eine große Drache das Feld verlassen, schon liegt da der Nächste! Aber auch Alex steht dem in Nichts nach! Auch ihr Phönix der Wiedergeburt hat den Weg zurück aufs Feld gefunden! Somit steht dem Showdown der Titanen nichts mehr im Weg!“

      „Ich bin dran!“, rief Alex. „Ich ziehe!“

      Sie betrachtete die gezogene Karte. Diese hatte ihr zwar schon mehrmals aus der Patsche geholfen, aber im Moment nützte sie ihr nur wenig. Deshalb beschloss sie, gleich zum Angriff überzugehen: „Los, Phönix der Wiedergeburt! Greif’ Zweiköpfiger Chaosdrache an mit Brennender Zorn!“

      Mit einem weiteren, entschlossenen Schrei stieg der riesige, brennende Vogel höher und wollte gerade zum Sturzflug auf Christophers Monster ansetzen, als dieser das Wort ergriff: „Nicht, wenn ich es verhindern kann!“, rief er und griff nach seiner verdeckten Karte. „Ich aktiviere den Schnellzauber Buch der Verfinsterung! Dadurch werden alle Monster auf dem Spielfeld in den verdeckten Verteidigungsmodus geändert und können folglich nicht mehr angreifen!“

      Er drehte die Karte um und vor ihm erschien ein uraltes Buch, dessen schwarzer Einband mit ägyptischen Hieroglyphen verziert war.
      Plötzlich schlug das Buch auf und als hätte ein starker Wind es erfasst, blätterten sich die vergilbten Seiten von selbst flatternd um, bis eine Doppelseite aufgeschlagen war, auf der Skizzen von verschiedenen Stadien einer Sonnenfinsternis abgebildet waren.
      Gleichzeitig erschien über Christophers Kopf wieder eine holografische Sonne, vor die sich eine schwarze Scheibe schob, sodass nur noch ein schmaler Ring aus Licht übrig blieb und es merklich dunkler wurde.
      Alex’ Phönix sank daraufhin zu Boden und nahm wie Christophers Drache die Gestalt einer waagerecht platzierten, braunen Kartenrückseite an.

      „Ich beende meinen Zug“, meinte Alex widerwillig.

      „In der End Phase des Spielzugs, in dem Buch der Verfinsterung aktiviert wurde, werden deine Monster wieder in den offenen Angriffsmodus geändert. Außerdem ziehst du für jedes Monster eine Karte. Betrachte es als kleines… Abschiedsgeschenk“, erklärte Christopher. Das verdeckte Monster auf Alex’ Feld klappte um und nahm wieder die Gestalt des riesigen, brennenden Vogels an, der die Flügel entfaltete und einen entschlossenen Schrei ausstieß. (ATK: 2500) Wortlos zog Alex eine Karte von ihrem Deck.
      „Ich bin dran!“, fuhr Christopher fort und zog ruckartig ebenfalls eine Karte von seinem Deck, die ihn, als er sie betrachtete, dazu brachte, heimtückisch zu Grinsen. „Ich ändere Zweiköpfiger Chaosdrache in den offenen Angriffsmodus.“

      Er drehte die Karte auf seiner schwarzen Duel Disc um, woraufhin vor ihm wieder der große, zweiköpfige Drache erschien und zornig brüllte. (ATK. 2800)
      „Als Nächstes aktiviere ich Begräbnis aus einer anderen Dimension! Dieser Schnellzauber erlaubt es mir, bis zu drei aus dem Spiel entfernte Karten in die Friedhöfe zurückzulegen! Ich wähle meine beiden Monster Jagddrache und Weißer Drache Lindwurmstrahl!“

      Ein vergrößertes Hologramm der Zauberkarte erschien neben dem Profi, als dieser sie in seine Duel Disc steckte und anschließend die beiden Monsterkarten aus seiner Jackentasche holte und zurück auf seinen Friedhof verfrachtete.
      „Und jetzt, da ich wieder Monster in meinem Friedhof habe, aktiviere ich den Effekt von Zweiköpfiger Chaosdrache, nur dass ich dieses Mal ein Finsternis-Monster von meinem Friedhof aus dem Spiel entferne, sodass mein Drache dich diese Runde direkt angreifen kann!“

      Kaum im Friedhof angekommen, schon griff Christopher wieder nach seinem Jagddrachen und steckte ihn sich zurück in die Jackentasche. Die Minderheit der Zuschauer, die Christopher anfeuerten, jubelte, während aus Alex’ Fanmeile ein großes, entsetztes Keuchen zu hören war. Doch das Mädchen blieb ganz ruhig und lächelte stumm in sich hinein.

      „Dein Selbstgefälliges Grinsen wird dir schon noch vergehen!“, versprach der Profi, dem ihr Lächeln nicht entgangen war, was ihn scheinbar noch zorniger machte. „Zweiköpfiger Chaosdrache, beende dieses Duell mit Finsterer Schlag!“

      Der zweifarbige Drache entfaltete die mächtigen Schwingen und mit einem gewaltigen Flügelschlag erhob er sich hoch in die Luft, wo er Flügelschlagend und leicht auf- und abhüpfend an einer Stelle verharrte. Anschließend steckte er die Köpfe zusammen und als sich in seinen Mäulern aufs Neue Energiekugeln bildeten, waren diese so dicht beieinander, dass sie zu einer großen verschmolzen, die eine lila Färbung hatte.

      „Wahrhaft geschickt, wie Christopher den Effekt von Alex’ Phönix umspielt!“, lobte MC Arthur. „Zuerst wehrt er ihren Angriff mit seinem Buch der Verfinsterung ab und jetzt greift er sie direkt an, um nicht in Kontakt mit ihrem Monster zu geraten! Bleibt nur zu hoffen, dass unsere Newcomerin etwas in der Hinterhand hat, denn sonst ist ihr Traum vom Finale gelaufen!“

      Der Drache schleuderte die zu einem verschmolzene Energiekugel, die inzwischen ihre volle Größe erreicht hatte, direkt über den Rücken des Phönix hinweg auf dessen Besitzerin und Christophers Fans jubelten umso lauter, als die Energiekugel Alex traf, während in deren Fanmeile eisiges Schweigen ausgebrochen war.

      Christopher lachte triumphierend auf, verstummte jedoch, sobald die Energiekugel seines Drachen verschwunden war und eine komplett unversehrte Alex Whitman zurückgelassen hatte, die in entschlossener Pose eine Karte zwischen den Fingern hielt.
      „Was ist passiert?“, fragte er, während der Fanblock seiner Gegnerin explodierte.

      „Du wirst dich noch etwas gedulden müssen, denn ich hatte Schützling des Phönix auf der Hand!“, antwortete Alex und schob die Karte auf ihren Friedhof. „Ich kann diese Karte abwerfen, wenn du mich mit einem Monster mit mindestens 2000 Angriffspunkten direkt angreifst, um den Angriff zu annullieren! Außerdem kann ich, da Schützling des Phönix auf den Friedhof geschickt wurde, meiner Hand durch ihren Effekt ein Feuer-Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer von meinem Deck hinzufügen! Und ich wähle Kleiner Phönix!“

      „Unglaublich, wie Alex sich immer wieder aus scheinbar aussichtslosen Situationen rettet!“, verkündete MC Arthur der jubelnden Menge, während Alex nach der Karte griff, die ihre Duel Disc ihr anbot. „Das Glück ist einfach immer mit ihr! Aber ich will mich nicht beschweren, denn so können wir noch ein wenig länger Zeuge dieses spannenden Duells werden!“

      „Ich beende meinen Zug“, presste Christopher mühsam hervor, das entstellte Gesicht zu einer zornigen Grimasse verzerrt.

      „Dann bin ich dran!“, stellte Alex fest. „Ich beschwöre Kleiner Phönix im Angriffsmodus!“

      Sie klatschte die Karte, die sie sich eben auf die Hand gesucht hatte, mit brennenden Fingern auf ihre Duel Disc, woraufhin auf ihrem Feld neben dem riesigen, brennenden Phönix der Wiedergeburt ein kleineres Exemplar mit hellorangenem Gefieder erschien. (ATK: 1600)

      „Und jetzt los! Phönix der Wiedergeburt, greif’ sein Monster an mit Brennender Zorn!“

      Der riesige, brennende Vogel stieg hoch in die Luft und setzte zum Sturzflug auf den gegnerischen Drachen an.

      „Wenn Phönix der Wiedergeburt gegen ein Monster kämpft, dessen Angriffspunkte höher sind als seine eigenen, kann ich Lebenspunkte in Höhe der Differenz bezahlen und mein Monster genau so viele Angriffspunkte hinzu erhalten lassen! Flamme der Aufopferung!“ (Alex: LP 1300 -> 1000 / Phönix der Wiedergeburt: ATK 2500 -> 2800)

      Mitten im Sturzflug fing der riesige Vogel plötzlich Feuer, sodass er wie ein Komet einen langen Feuerschweif nach sich zog und auf diese Weise mit voller Wucht in Christophers Drachen stürzte, wodurch sich beide Hologramme in Luft auflösten.

      „Als Nächstes du, Kleiner Phönix! Greif ihn direkt an!“

      Der hellorangefarbene Vogel erhob sich in die Luft und flog hinüber zu dem Profi, um ihn mit einem kräftigen Flügel hart am Kopf zu treffen. Anschließend kehrte er zu Alex zurück. (Christopher: LP 2700 -> 1100)

      „Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug“, schloss Alex und neben ihr erschien die vergrößerte braune Rückseite einer Karte. „Jetzt aktiviert sich der Effekt meines Phönix im Friedhof und er kehrt zu mir zurück! Flammende Rückkehr!“

      Sie holte die grüne Karte von ihrem Friedhof und platzierte sie erneut auf ihrer Duel Disc. Anschließend gab es eine Stichflamme, aus der mit einem kraftvollen Schrei der riesige, orange-rote Vogel in die Luft schoss. (ATK: 2500)
      [Hand: 1 / Backrow: 1]

      „Die Duellanten geben sich hier wirklich nichts!“, kommentierte MC Arthur über das Gejubel von Alex’ Fans hinweg, die wieder ihr Lieblingsmonster begrüßten. „Nachdem Christopher Allington das Duell über weite Strecken dominierte, konnte Alex es schaffen, zurückzukehren nach einer Großoffensive sind die Kontrahenten in Sachen Lebenspunkte wieder fast gleich auf! Allerdings ist Christophers Feld jetzt komplett leer gefegt! Es sieht tatsächlich so aus, als könnte Unsere Aufsteigerin aus Newhaven es tatsächlich bis ins Finale schaffen!“

      Alex lächelte von den Weihräucherungen des Kommentators gestärkt in die Kameras. Christopher unterdessen war vollkommen verstummt und hatte den Kopf mit geschlossenen Augen gesenkt.

      „Sie sind so dumm…“, flüsterte er verächtlich, hob den Kopf und riss die ungleichen Augen auf, seine Gegnerin anstarrend. „Glauben Sie wirklich, Sie könnten dieses Duell gewinnen? Ihre Niederlage stand fest, noch bevor Sie dieses Stadion betreten haben! Und das beweise ich Ihnen jetzt! Ich bin dran!“

      Er hatte die letzten beiden Sätze laut gebrüllt und zog jetzt ruckartig eine Karte von seinem Deck. Er betrachtete die gezogene Karte und als hätte er von Anfang an gewusst, welche es war, lächelte er bei ihrem Anblick heimtückisch und nickte bestätigend.

      „Das Duell ist vorbei“, meinte er ruhig und Alex sah aufgrund der Bestimmtheit, mit der ihr Gegner diese Worte ausgesprochen hatte, verunsichert drein. Was konnte das nur für eine Karte sein?
      „Sie haben sich lange genug in dem Ruhm gesonnt, den Sie nur Glück und Zufall zu verdanken haben!“, fuhr der Profi hitzig fort. „Aber jetzt ist Schluss damit! Ich wollte dies nicht tun, aber Sie zwingen mich dazu! Zweiköpfiger Chaosdrache ist vom Attribut sowohl Licht als auch Finsternis, das heißt, ich kann ihn als beides verwenden! Ich behandle ihn als Finsternis-Monster und entferne ihn zusammen mit Weißer Drache Lindwurmstrahl vom Attribut Licht von meinem Friedhof aus dem Spiel, um eine Macht zu entfesseln, die alles übersteigt, was Sie sich vorstellen können! Nutze die Macht von Licht und Schatten, um herabzusteigen und alles zu vernichten, was nicht würdig ist, zu existieren! So leih’ mir deine Kraft und hilf’ mir, diesem Mädchen ihre gerechte Strafe zu erteilen! Erscheine, Chaos-Imperatordrache, Gesandter des Endes!“

      „Wie bitte?!“, fragte Alex schockiert. Das konnte nicht sein… Sie musste sich verhört haben…

      „Du hast richtig gehört!“, entgegnete Christopher mit einem wahnsinnigen Grinsen im furchteinflößenden Gesicht. „Deine Zeit in diesem Turnier ist vorbei! Sieh’ her!“

      Er schien wirklich ernst zu machen, denn plötzlich zogen schwarze Wolken auf und verdunkelten den Himmel, während rings um das Stadion Blitze über den Horizont zuckten. Gleichzeitig zog ein kalter, kräftiger Wind auf und brachte Alex’ lange, rote Haare dazu, wild um ihren Kopf zu flattern.
      Es war unmöglich, zu unterscheiden, was Realität und was Hologramm war. Auf Christophers Feld bildete sich unterdessen eine schnell rotierende, schwarze Energiekugel, die die Luft in ihrer Umgebung aufzusaugen schien und immer größer wurde, bis sie schließlich mit einem blenden hellen Lichtblitz explodierte.

      Sobald das Licht verschwunden war und Alex wieder auf das Feld ihres Gegners blicken konnte, war dort ein gigantischer Drache erschienen, hinter dem Christopher kaum noch auszumachen war.
      Er war haushoch und hatte türkisgrüne Haut. Sein ganzer Körper mit den gewaltigen Schwingen, dem langen Schwanz und die klauenbewährten Händen und Füßen, war zum Teil mit metallenen Rüstungsteilen bedeckt, was den Eindruck vermittelte, er würde sein Skelett außen tragen. Sein grausamer Kopf war ebenfalls in solche spitz zulaufenden Metallpanzerungen gehüllt, er hatte orange glühende Augen, vier lange Metallhörner im Nacken sowie kurioserweise einen langen, orangefarbenen Haarschopf, der wild in dem Wind flatterte, den das Monster heraufbeschworen hatte. Keine Frage, dies war niemand Geringeres als der berüchtigte Chaos-Imperatordrache, das Monster, dessen Macht nur von den ägyptischen Götterkarten übertroffen wurde… (ATK: 3000)

      „Aber wie ist das möglich?“, sprach MC Arthur die Frage aus, die das ganze Stadion plagte. „Chaos-Imperatordrache, Gesandter des Endes ist eines der mächtigsten Monster aller Zeiten, aber er gilt seit über zwanzig Jahren als verschollen! Und doch ist er hier! Christopher Allington hat ihn tatsächlich…“

      Weiter kam der Kommentator nicht, denn in diesem Moment warf das gigantische Ungetüm, das die ganze Situation offenbar für unter seiner Würde hielt, den Kopf in den Nacken und stieß einen schrillen Schrei wie von Fingernägeln auf einer Kreidetafel aus, der so laut und widerlich war, dass Alex sich beide Hände an die Ohren pressen musste. Gleichzeitig schien die Technik im Stadion zu versagen; der schreckliche Pfeifton eines versagenden Mikrofons war zu hören, wodurch niemand die restlichen Worte des Kommentators hören würde, die Hologramm von Alex’ Karten flackerten und die vier gigantischen Monitore, die eben noch verängstigte Gesichter im Publikum gezeigt hatten, sendeten nur noch eine Rauschbild.

      „Ich aktiviere den Effekt meines Monsters!“, rief Christopher euphorisch. Er schien vollkommen neben sich zu sein. „Ich kann in diesem Spielzug zwar sonst keine Effekte aktivieren, aber das ist es allemal wert! Zum Preis von 1000 Lebenspunkten werden alle Karten auf dem Feld und in unseren Händen auf en Friedhof geschickt! Anschließend erhältst du 300 Punkte Schaden für jede deiner Karten, die davon betroffen war! Du hast drei Karten auf dem Feld, eine in der Hand, das macht vier! Du erhältst also 1200 Punkte Schaden! Genug, um dieses Duell hier und jetzt zu beenden!“

      Der legendäre Drache bäumte sich zu seiner vollen Größe auf und warf noch einmal den Kopf in den Nacken, wobei sich langsam eine riesige, violette Energiekugel in seinem Maul bildete. Gleichzeitig wurde der Wind immer stärker und immer mehr Blitze zuckten über den schwarzen Himmel. Der Donner folgte sogleich.

      „Hör auf damit!“, brüllte Alex gegen den Sturm an. „Siehst du denn nicht, dass du die Kontrolle verloren hast? Bitte, hör auf! Bevor noch etwas Schlimmes passiert!“

      „Netter Versuch!“, entgegnete der Profi in seinem Wahn. „Aber daraus wird nichts! Ich habe die Kontrolle nicht verloren! Ich bin nicht schwach, so wie du! Ich werde alles geben, um dieses Duell zu beenden! Chaos-Vernichtung!“ (LP: 1100 -> 100)

      „Nein!“, schrie Alex, aber zu spät: Schon hatte die Energiekugel im Maul des Drachen ihre volle Größe erreicht und das Ungetüm schleuderte sie zu Boden, was eine Explosion auslöste, bei der Alex alle Sinne vergingen…

      Sie war geblendet von einem Lichtblitz, der mehrere Sekunden anhielt und scheinbar alle Geräusche schluckte. Als das Licht schließlich nachließ, Alex Hörvermögen mit einem monotonen Pfeifen in ihren Ohren zurückkehrte und sie wieder sehen konnte, hatten sich die schwarzen Wolken verzogen, der Wind sich gelegt und die Monitore zeigten wieder Teile des verängstigten und irritierten Publikums.
      Auf der anderen Seite des nun komplett leeren Duellfelds stand in gebückter Haltung schwer atmend Christopher Allington, der den Kopf hob und mit einen triumphierenden Grinsen seine Gegnerin ansah. Das Grinsen verschwand jedoch sofort, als der Profi feststellte, dass das rothaarige Mädchen immer noch auf den Beinen war, neben sich das vergrößerte Hologramm einer magentafarbenen Fallenkarte. Eine einzige, orange-rote Feder sank vor ihr zu Boden und blieb vor ihren Füßen liegen.

      „Was ist passiert…“, flüsterte er fassungslos.

      „Dein Plan ist gescheitert!“, entgegnete Alex. „Ich weiß zwar nicht, wo du diese Karte her hast, aber auch sie reicht nicht aus, um mich zu schlagen! An den Effekt deines Monsters habe ich meine Fallenkarte Feder der Hoffnung angekettet! Ich kann sie aktivieren, wenn ich während deines Spielzugs Schaden nehmen würde, um ebendiesen Schaden abzuwehren!“

      „Test, test… ist das Ding an?“, ertönte MC Arthurs Stimme, die vollkommen anders klang, wenn er nicht wie ein aufgeregter Zwölfjähriger sprach. Als er jedoch merkte, dass sein Mikrofon wieder funktionierte, fuhr er wie üblich fort: „Verzeihen Sie bitte die technische Störung. Es ist unglaublich! Nicht einmal ein Chaos-Imperatordrache vermag es, Alex zu besiegen! Wie immer hatte sie genau die richtige Karte zum richtigen Zeitpunkt parat und dank ihrer Falle ist sie immer noch im Spiel! Jetzt hängt alles von ihrem nächsten Zug ab! Schafft sie es nur, irgendwie ein Monster zu beschwören, dann wird sie ins Finale einziehen!“

      „Nein…“, keuchte Christopher, während Alex’ Fanmeile erneut förmlich explodierte. „Das ist nicht möglich… Das kann doch nicht sein!“

      Er schrie die letzten Worte förmlich und brach anschließend erschöpft zusammen. Auf allen Vieren kauerte er schwer atmend auf dem Duellfeld. [Hand: 0 / Backrow: 0]

      Alex lächelte grimmig. „Ich bin dran!“, rief sie, da ihr Gegner keinerlei Karten mehr besaß, mit denen er etwas hätte machen können, und zog schwungvoll eine Karte auf, beachtete sie jedoch gar nicht.
      „Jetzt kann ich den zweiten Effekt meiner Feder der Hoffnung aktivieren! In meiner Main Phase, falls ich keine Monster kontrolliere und diese Karte während deines letzten Zugs aktiviert habe, kann ich sie vom Friedhof aus dem Spiel entfernen, um ein Feuer-Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer als Spezialbeschwörung von meinem Friedhof zu beschwören! Und ich glaube, du kannst dir denken, welches ich wähle! Komm zurück, Phönix der Wiedergeburt!“

      Sie nahm die magentafarbene Karte von ihrem Friedhof und steckte sie sich in die Hosentasche. Unterdessen fing die große, orange-rote Feder, die in der Runde zuvor vor Alex auf den Boden gesunken war, plötzlich Feuer, was schließlich zu einer gewaltigen Stichflamme wurde, aus der der riesige Vogel mit einem lauten Schrei in die Luft schoss. (ATK: 2500)

      „Und jetzt los! Beende dieses Duell mit Brennender Zorn!“

      Der Phönix stieg höher und schoss auf den Profi hinab, der immer noch auf allen Vieren war und leise in sich hinein murmelte, sodass er kaum merkte, wie der riesige Vogel ihn mit brennenden Schwingen attackierte, um seine Lebenspunkte endgültig auf Null zu senken… (Christopher: LP 100 -> 0)

      Augenblicklich brach ohrenbetäubender Jubel im Großteil des Publikums aus und MC Arthur sprach gegen den Lärm an: „Und es ist passiert! Christophers Versuch, das Duell mit Chaos-Imperatordrache zu gewinnen ist sensationell gescheitert, da er so sämtlichen Schutz verloren hat! Und jetzt ist tatsächlich das eingetreten, womit niemand gerechnet hat: Alle Profis sind noch vor dem Finale aus dem Turnier geflogen und übrig sind nur noch zwei überragende Talente aus der Vorrunde: Richard Steele Jr. und Alex Whitman!“

      Letztere grinste breit und ihr glückliches Gesicht wurde auf die riesigen Monitore im Stadion übertragen. Triumphierend stieß sie die Faust in die Luft. Es war vorbei! Sie hatte den Gegner, vor dem sie am meisten Angst gehabt hatte, bezwungen! Es war, als wäre die letzte Nacht nie gewesen.
      Sie war so überwältigt von ihrem Erfolg, dass sie gar nicht bemerkte, wie Christopher auf der anderen Seite des Feldes aufstand und sich mit wutverzerrtem Gesicht davon stahl…

      ~

      Noch eine Weile lang ließ Alex sich sorglos feiern, bis sie sich schließlich mit federnden Schritten zurück in den Warteraum der Duellanten begab, wo sie jedoch sofort überwältigt wurde…

      „Wie haben Sie das gemacht?“, fragte Christopher Allington zornig. Er hatte hinter der Tür auf sie gelauert, packte sie unsanft an der Schulter und drückte sie gegen eine Wand.

      „Was… was ist… was wollen…“, stammelte Alex konfus, aber der Profi unterbrach sie.

      „Antworten Sie mir!“, brüllte er sie an, beugte sich vor und funkelte Alex aus seinen schrecklichen, ungleichen Augen an. „Wie ist das möglich? Wie können Sie immer noch zu so etwas in der Lage sein? Hat dieser Tölpel von Nightmare, den ich auf Sie angesetzt habe, etwa nicht gereicht?“

      Christophers Augen zuckten wild in ihren Höhlen, während er Alex anschrie. Er hatte vollkommen die Beherrschung verloren. Aber Alex war das alles egal. Für sie zählte nur das Geständnis, das ihrem Gegenüber soeben herausgerutscht war.
      „Das waren Sie?“, fragte sie zornig und ballte die Faust.

      „Selbstverständlich war das ich!“, fuhr Christopher sie an. „Was blieb mir denn anderes übrig? Sie sind eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit!“

      „Sie Mistkerl!“, brüllte Alex und wollte sich gerade frei kämpfen, um Christopher mit brennenden Fingern an die Gurgel zu fahren, aber der Profi drückte sie noch fester gegen die Wand, um sie zum verstummen zu bringen.

      „Wissen Sie denn nicht, in welcher Gefahr Sie schweben?“, sagte er. „Ich bitte Sie, benutzen Sie ihren gesunden Menschenverstand! Es gibt noch andere Wege, um ihre Schwester zu retten!“

      Alex starrte ihn verächtlich an. „Darum geht es doch gar nicht“, entgegnete sie. „Zumindest nicht mehr.“

      Christopher lockerte seinen Griff, schloss die Augen und holte tief Luft. Als er die Augen wieder öffnete und erneut das Wort ergriff, hatte sich seine Stimme ein wenig beruhigt: „Ich sehe schon, Sie bevorzugen es, den beschwerlichen Weg zu nehmen, auch wenn Sie dadurch alles verlieren werden. Sie sind genau wie Ihr Vater.“

      Damit hatte Alex nicht gerechnet. Wusste er etwas, das sie nicht wusste?
      „Was wissen Sie über meinem Vater?“, fragte sie im Befehlston.

      „Nur, was man mir erzählt hat“, entgegnete Christopher. „Etwas, das wir beide gemeinsam haben, würde ich meinen…“

      Alex wollte gerade den Mund aufmachen, kam aber nicht dazu, etwas zu sagen, da in diesem Moment eine andere Stimme von irgendwo hinter Christophers Rücken ertönte: „Was geht, Chris? Jagen wir wieder kleinen Mädchen Angst ein?“

      Evan hatte den Raum betreten, offenbar um Alex zum Sieg zu gratulieren. Hinter ihm standen Mia mit verängstigter Miene, Alex’ Mutter, die Hand vor den Mund geschlagen, eine grimmig dreinblickende Sarah und Richard, mit zornigem Gesicht, eine Hand zur Faust geballt.

      Christopher ließ Alex los und zwang sich offenbar dazu, ruhig zu bleiben.
      „Ich habe Miss Whitman nur den Ernst der Lage erklärt“, meinte er mit unterdrücktem Zorn.

      „Ich denke, Alex ist alt genug, um dies selbst einzuschätzen“, erwiderte Evan kühl und machte ein paar Schritte auf Christopher zu. Beim Weitersprechen klang er enttäuscht: „Was ist nur aus dir geworden? Wir waren schließlich mal Freunde…“

      „Das ist Vergangenheit“, entgegnete Christopher schlicht und ohne irgendwen von Alex’ Angehörigen eines weiteren Blickes zu würdigen, schlängelte er sich an ihnen vorbei und verließ leise fluchend den Raum.


      Meine Fan Fiction auf eTCG - Yu-Gi-Oh! PHOENIX
      Serie 1 / Serie 2

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      Kartenliste
      Alex:

      Glaubensvogel
      Jägereule
      Feuervogel
      Windsturm der Phönixflügel
      Adlerauge

      Christopher:

      Drachenschrein

      Jagddrache
      Eklipsen-Lindwurm
      Schwarzer Drache Kollapschlange
      Weißer Drache Lindwurmstrahl
      Drache des Lichts und der Finsternis
      Falle umkehren (Umkehrfalle)
      D.D.R. – Reinkarnation aus einer anderen Dimension
      Buch der Verfinsterung
      Begräbnis aus einer anderen Dimension
      Chaos-Imperatordrache, Gesandter des Endes (Mit Erratum)

      Neue Karten:

      Sturmvogel

      Monster / Titan / Effekt / Wind / Geflügeltes Ungeheuer / Gold-Stufe: 2 / 2100 Atk / 1700 Def

      Einmal pro Spielzug: Du kannst eine offene Karte auf dem Spielfeld wählen; mische das gewählte Ziel ins Deck zurück. Diese Karte kann in dem Spielzug, in dem du diesen Effekt aktivierst, nicht angreifen.

      Phönix der Wiedergeburt

      Monster / Titan / Effekt / Feuer / Geflügeltes Ungeheuer / Gold-Stufe 2 / 2500 Atk / 2000 Def

      Während des Spielzugs eines beliebigen Spielers, wenn diese Karte gegen ein Monster kämpft, dessen ATK höher sind als die ATK dieser Karte; du kannst Life Points in Höhe der Differenz bezahlen und wenn du das tust: Diese Karte nur während des Damage Steps ATK in Höhe der Menge an Life Points, die du bezahlt hast. Während der End Phase eines beliebigen Spielers, wenn sich diese Karte in deinem Friedhof befindet, weil sie in diesem Spielzug durch Kampf zerstört und dorthin gelegt wurde; Du kannst diese Karte als Spezialbeschwörung vom Friedhof beschwören.

      Ruf des Windes

      Normale Zauberkarte

      Beschwöre 1 Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer der Stufe 4 oder niedriger als Spezialbeschwörung von deiner Hand.

      Regenbogen-Phönix

      Monster / Effekt / Feuer / Geflügeltes Ungeheuer / Stufe 3 / 1300 Atk / 900 Def

      Wenn diese Karte durch Kampf zerstört und auf den Friedhof gelegt wird: Du kannst 1 FEUER Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer in deinem Friedhof wählen, außer „Regenbogen-Phönix“; beschwöre das gewählte Ziel als Spezialbeschwörung.

      Schützling des Phönix

      Monster / Effekt / Feuer / Hexer / Stufe 3 / 900 Atk / 1100 Def

      Wenn dein Gegner dich mit einem Monster mit 2000 oder mehr ATK direkt angreift: Du kannst diese Karte von deiner Hand abwerfen; annulliere den Angriff. Wenn diese Karte auf den Friedhof gelegt wird: Du kannst deiner Hand 1 FEUER Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer von deinem Deck hinzufügen. Du kannst jeden Effekt von „Schützling des Phönix“ nur einmal pro Spielzug aktivieren.

      Kleiner Phönix

      Monster / Effekt / Feuer / Geflügeltes Ungeheuer / Stufe 4 / 1600 Atk / 1200 Def

      Einmal pro Spielzug, wenn diese Karte zerstört und auf den Friedhof gelegt wird (außer als Ergebnis eines Kampfes): Du kannst diese Karte als Spezialbeschwörung von deinem Friedhof beschwören.

      Feder der Hoffnung

      Normale Fallenkarte

      Während des Spielzugs deines Gegners, wenn du Schaden erhalten würdest: Du kannst diese Karte aktivieren. Der Schaden, den du erhalten würdest, wird 0.
      Während deiner Main Phase, wenn diese Karte in deinem Friedhof liegt, weil du sie während des letzten Spielzugs deines Gegners aktiviert hast: Du kannst diese Karte aus dem Spiel entfernen; Wähle ein FEUER-Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer in deinem Friedhof; Beschwöre das gewählte Ziel als Spezialbeschwörung.

      Flutstopper

      Normale Fallenkarte

      Aktiviere diese Karte nur, wenn dein Gegner zwei oder mehr offene Monster kontrolliert. Dein Gegner kann für den Rest des Zuges keine Monster als Spezialbeschwörung beschwören.

      Zweiköpfiger Chaosdrache

      Monster / Titan / Effekt / Licht/Finsternis / Drache / Gold-Stufe 3 / 2800 Atk / 2400 Def

      Einmal pro Spielzug, während deiner Main Phase 1: Du kannst einen der folgenden Effekte aktivieren:
      O Entferne 1 LICHT-Monster von deinem Friedhof aus dem Spiel; Während jeder Battle Phase dieses Zuges kann diese Karte bis zu zwei Mal angreifen, aber keinen direkten Angriff deklarieren.
      O Entferne 1 FINSTERNIS-Monster von deinem Friedhof aus dem Spiel; Während jeder Battle Phase dieses Spielzugs kann diese Karte deinen Gegner direkt angreifen, aber andere Monster, die du kontrollierst, können keinen Angriff deklarieren.
      Anmerkungen zum Kapitel
      - Euch ist sicher aufgefallen, dass Christopher und Alex sich manchmal siezen und manchmal duzen. Dies ist jedoch volle Absicht. Bei Christopher soll es die Zerrissenheit seiner Persönlichkeit unterstreichen (zwischen höflich-zurückhaltend und hitzig-aggressiv), bei Alex ist es schlicht der Umstand, dass es unüblich ist, sich während eines Duells zu siezen. Wenn ihr ein YGO-Turnier besuchen würdet, würdet ihr dort doch auch jeden Gegner duzen, egal wie viel älter er ist als ihr.

      - Zufälligerweise hat Christophers Signaturmonster „Zweiköpfiger Chaosdrache“ exakt die gleichen Werte wie Drache des Lichts und der Finsternis. Dies ist mir auch erst im Nachhinein aufgefallen. Zu den Werten des Chaosdrachen bin ich gekommen, weil er eine Art Partner zu Evans Zweielemente-Drache sein soll. Zweiköpfiger Chaosdrache hat 100 ATK weniger als jener, dafür aber 100 DEF mehr.
      Preview: Kapitel 1.17 – Tag der Abrechnung; Teil 1
      Im dreiteiligen Finale der ersten Serie kommt es zum erneuten Aufeinandertreffen von Alex und Richard, bei dem entschieden werden soll, wer als Sieger der Duel Monsters Newcomer’s Championship hervorgehen wird. Aber nicht nur das: Vor dem Stadion sammeln sich all jene von Alex’ Fans, die sich ein Ticket für das Finale nicht leisten können. Sie wollen nicht länger der Bodensatz der Gesellschaft sein und sich endlich an denjenigen rächen, die sie so lange unterdrückt haben. Am Ende des Tages wird nichts mehr so sein, wie es einmal war…

      So, das war's erstmal wieder. Wie immer vielen Dank an alle Leser und viel Spaß beim Lesen. Man sieht sich! ;)

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      Serie 1 / Serie 2
      So, geht endlich weiter. Sorry für die Verzögerung.

      Vielleicht kann ich ja mit dem Finale mal wieder ein paar Leser unter dem Herd für ein bisschen Feedback hervorlocken ;)

      Kapitel 1.17 - Tag der Abrechnung; Teil 1
      We stormed the gates,
      Raised new flags
      Just the same old story.
      We seized the throne, subjugate
      We should have burned it to the ground.

      Some might say we’ve lost our way,
      But I believe we haven’t gone far enough.

      And how long will we fall for this?
      And how long will we fall for that?
      How long will we fall for this?
      How long will we fall?

      [Rise Against – „A Gentlemen’s Coup“]

      ~

      Durch die Lücken in den heruntergelassenen Jalousien des Krankenhauszimmers drang das Tageslicht und in den hellen Strahlen konnte man den Staub wirbeln sehen. Die grauen Wolken des letzten Tages hatten sich verzogen. Es war der schönste Sommertag.
      Leise bewegte sich die Klinke der Tür nach unten und sie öffnete sich einen Spalt breit, gerade genug, dass eine schlanke Sechzehnjährige hindurchschlüpfen konnte.

      „Hey Lil’“, sagte Alex. Sie war an diesem Morgen extra früh aufgestanden, um noch vor ihrem Duell hierher zu kommen. Niemand wusste, dass sie hier war. Diese Zeit sollte nur ihr und ihrer Schwester gehören…
      Alex schritt hinüber zum Bett, wo das kleine, rothaarige Mädchen lag, mit Schläuchen, die an ihrem Körper hingen und einer Plastikmaske über Mund und Nase. Lily rührte sich nicht. Sie lag mit geschlossenen Augen da und ihre flache Brust hob und senkte sich durch die künstliche Beatmung gleichmäßig.

      „Tja, heute ist es soweit….“, fuhr Alex flüsternd fort und griff nach der kalten, kleinen Hand ihrer Schwester. „Heute wird alles entschieden…“

      Sie wandte sich von Lily ab, ging hinüber zum Fenster und sah durch eine Spalte in den Jalousien hindurch auf die sonnenbeschienene, kleine Parkanlage hinter dem Krankenhaus.
      „Ich habe schon einmal gegen Richard verloren“, setzte sie nach einer kurzen Pause wieder an, kehrte dem Fenster den Rücken zu und ging wieder hinüber zum Bett ihrer Schwester. „Wer sagt mir, dass ich nicht noch einmal verliere?“

      Bei diesen Worten füllten sich ihre Augen mit Tränen, sie griff rasch nach Lilys Hand und packte sie fest.
      „Bitte, gib’ mir ein letztes Mal Kraft…“

      Alex schluchzte und Tränen liefen ihre Wangen herunter. Eine davon tropfte ihr vom Gesicht herab direkt auf Lilys Wange, sodass es aussah, als würde auch sie weinen.
      Mit verquollenen Augen sah Alex auf. Sie hatte nie versucht, ihre Schwester mit ihren Tränen zu heilen. Aber irgendwie hatte sie von Anfang an gewusst, dass es nicht funktionieren würde. Lily hatte keine offenen Wunden, die sie hätte schließen können, keine Narben, die sie zum Verschwinden hätte bringen können.

      Noch eine Weile verblieb Alex schweigend die Hand ihrer Schwester haltend an deren Seite und wünschte sich, dass sie ewig so verharren könnte. Aber ein Duell wartete auf sie. Und was danach kam, das stand in den Sternen…

      Als sie schließlich mit dem Versprechen, das Alles gut werden würde, das Krankenhauszimmer ihrer Schwester verließ, fühlte sie sich wie eine zum Tode Verurteilte, die ihren letzten Gang machte. Alles kam ihr auf einmal unwirklich vor, so, als würde sie ihre Entscheidungen nicht selbst treffen, sondern irgendjemand sie fernsteuern. Wie programmiert verließ sie so das Krankenhaus, stieg in die U-Bahn und fuhr zum Hotel, während ihre Gedanken sich einzig und allein diverse Szenarien ausmalten, was vor, während oder nach dem Duell passieren könnte.
      Zum tausendsten Mal überdachte sie ihre Situation: Um Lily aufzuwecken, brauchte sie Geld. Das Preisgeld, sollte sie das Duell gewinnen, würde ausreichen. Aber bestand überhaupt eine Chance, das Preisgeld auch wirklich zu erhalten? Mr. Steele wollte sie nicht im Turnier haben. Christopher Allington hatte deshalb Nightmare beauftragt, um ihren Kampfgeist zu brechen. Sie hatte ihn trotzdem besiegt. Mr. Steeles Plan war gescheitert. Er würde sich gewiss nicht damit abfinden, verloren zu haben. Er würde es weiter versuchen. So lange, bis es ihm endlich gelang...
      Alex wog ihre Chancen ab. Konnte sie das unabwendbare doch noch verhindern? Würde eine Niederlage gegen seinen Sohn reichen, um Mr. Steele zu besänftigen? Sollte sie vielleicht, wenn Richard nicht sowieso stärker war als sie, absichtlich verlieren? Sie dachte an das, was Christopher ihr gesagt hatte: „Es gibt andere Wege, Ihre Schwester zu retten“. Das stimmte. Sie konnte wieder in den Untergrund gehen. Wieder dort anfangen, wo sie aufgehört hatte…
      Allein der Gedanke daran widerte sie an. Nie wieder wollte sie so tief sinken. Und selbst wenn sie bereit dazu wäre, konnte sie überhaupt absichtlich verlieren? Sollte sie so werden wie Jessica, die Richard gewinnen ließ, aus Angst, Mr. Steele könnte ihre Geheimnisse ausplaudern?
      Nein, dachte Alex. Genau wie Jessica, die es sich nach dem Duell anders überlegt und beschlossen hatte, allen die Wahrheit zu sagen, was es auch kosten möge, war Alex viel zu stolz dafür. Schließlich war sie auch nicht in der Lage gewesen, Devon gewinnen zu lassen…

      In der Lobby des Hotels angekommen wurde sie von einer irritierten Schar ihrer Angehörigen bestehend aus ihrer Mutter, Mia, deren Brüder und Mutter, Nick und Sarah, in Empfang genommen, die natürlich sofort fragten, wo Alex gewesen ist.
      Sie erzählte es und sofort wurden ihre Angehörigen mit Ausnahme der achtjährigen Zwillinge, die in der Lobby umherliefen und den Luxus bestaunten, ganz still.
      Dabei wussten sie nicht einmal, wie aussichtslos Alex’ Lage wirklich war. Keinen von ihnen hatte sie von den Intrigen erzählt, die gegen sie im Gange waren. Sie dachten, alles was Alex belaste, wäre der Druck, das Duell gewinnen zu müssen. Und doch reichte es aus, um sie alle zum Verstummen zu bringen…

      ~

      Gemeinsam gingen sie zum Stadion, wo sie überrascht feststellten, dass sich auf dem kunstvoll gepflasterten Platz mit dem gigantischen Springbrunnen davor eine riesige Menschentraube gebildet hatte.

      „Was ist denn hier los?“, wunderte sich Mia und ließ den Blick über die Menge schweifen.

      „Sieht aus wie eine Demonstration“, antwortete Alex’ Mutter, als sie bemerkte, dass einige der Leute Plakate und Schilder in die Höhe hielten.

      „Leute, seht mal, es ist Alex!“, rief ein Mann aus der Menge, als jene anfing, sich mit ihrer Gefolgschaft einen Weg durch die Masse der Demonstranten zu bahnen. Anschließend hallte der Name wie ein Echo durch die Menge.

      Plötzlich wurde Alex sanft gepackt und auf eine Art provisorische Bühne aus Holzpaletten und Bananenkisten ein paar Schritte weiter bugsiert, sodass sie über die Köpfe der Menge hinweg blicken konnte. Der Demonstrant, der sie hierher verfrachtet hatte, stellte sich als ein beleibter Mann mit dichtem, schwarzem Bart heraus, der ihr vage bekannt vor kam.
      „Hi. Ich bin Paul“, stellte er sich mit tiefer, rauer Stimme vor und bot ihr einen knochenbrecherischen Handdruck an.

      „Alex…“, antwortete die perplex und renkte ihre schmerzende rechte Hand wieder ein. Paul lachte herzlich.

      „Ich weiß natürlich, wer du bist“, gluckste er. Dann wandte er sich der Menge vor der Bühne zu und brüllte auf einmal so laut, dass Alex zusammenzuckte: „Wir alle wissen, wer du bist! Du hast uns allen neue Hoffnung gegeben! Bitte erlaube mir, dir im Namen aller hier Anwesenden zu danken!“

      Die Demonstranten jubelten und jetzt wurde Alex klar, woher sie Paul kannte: Er war ein schreiender Verkäufer auf dem Großmarkt von Newhaven, den sie manchmal mit ihrer Mutter besucht hatte. Und er musste es auch gewesen sein, der das Fernsehinterview über die Plünderung des Kartenladens in Alex’ Viertel gegeben hatte…
      Nervös und vollkommen irritiert starrte Alex in die Menge, deren absolute Aufmerksamkeit jetzt ihr galt. Sie suchte nach einem bekannten Gesicht und fand weniger Meter vor ihr Mia, die, als sie ihren Blick erwiderte, ratlos mit den Schultern zuckte.
      „Ähm… Keine Ursache“, erwiderte Alex ein wenig plump. Paul lachte erneut laut auf und die Menge stimmte mit ein. Alex lächelte nervös.

      „Bescheiden wie immer“, lachte Paul, als ob er Alex schon jahrelang kennen würde.
      „Heute holen wir uns all das zurück, was uns genommen wurde!“, brüllte er anschließend wieder ins Publikum, das mit Jubel antwortete. Erklärend wandte er sich halb Alex zu, verringerte dabei aber nicht seine Lautstärke: „Die wollen uns nicht ins Stadion lassen!“, er nickte in Richtung des riesigen Bauwerks, dessen Eingang, wie Alex jetzt bemerkte, von einem riesigen Bataillon Polizisten in schwarzen Uniformen flankiert wurde, die mit Schlagstöcken und Plexiglasschilden bewaffnet waren.
      „Sie labern irgendeinen Müll von wegen Brandschutzbestimmungen, aber in Wirklichkeit wollen die nur verhindern, dass irgendein reicher Arsch in der Luft bleiben muss!“, fuhr Paul fort und stieß eine Faust in die Luft. Die Demonstranten jubelten kämpferisch.
      „Viel zu lange haben wir die mit uns machen lassen, was sie wollten! Aber jetzt ist Schluss damit! Ab jetzt lassen wir uns nichts mehr gefallen! Du hast uns daran erinnert, dass wir verdammt noch mal genau so viel wert sind wie jeder andere auch! Wir können genau so viel erreichen, wenn wir nur dafür kämpfen! Und genau dafür sind wir heute hier, um zu kämpfen! Wir sind alle Menschen, und als solche haben wir Rechte! Rechte, die wir heute zurückerobern werden!“
      Er stieß erneut die Faust in die Luft und erntete abermals lautstarken Beifall. Dann wandte er sich wieder Alex zu: „Also, Alex, gibt es etwas, das du uns sagen willst?“

      Alex, die immer noch nicht Herrin der Lage war und überrascht, dass auf einmal wieder sie das Wort hatte, zögerte: „Ähm…“
      Sie schluckte und fasste sich. Als sie sprach, tat sie dies mit ihrer kraftvollen, entschlossenen Duellstimme. Und sie sagte einfach das, was ihr gerade einfiel: „Was immer passiert, ich werde nicht aufgeben! Ich werde weiterkämpfen, für meine Schwester! Für Jessica, die durch die Hölle geht, nur weil sie den Mut hatte, die Wahrheit zu sagen! Für all diejenigen, die Leiden müssen, damit ein paar Wenige ein Leben in Luxus führen können! Das bin ich euch schuldig. Ich werde euch nicht enttäuschen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“

      Für diese Ansage bekam Alex den lautesten Beifall von allen, während Paul ihr ermutigend auf die Schulter klopfte, sodass sie fast das Gleichgewicht verlor.
      „Unsere Herzen sind mit dir, Alex Whitman“, sagte er, etwas leiser als zuvor. „Und nun geh’ da raus und gewinne, um der ganzen Welt zu zeigen, wozu jemand aus einfachen Verhältnissen fähig ist!“

      Erleichtert darüber, dass sie offenbar entlassen war, stolperte Alex von der improvisierten Bühne, zurück zu ihren Freunden, um sich mit ihnen einen Weg durch die Menge zu bahnen, in der auf einmal hunderte Menschen ihre Hand schütteln und ihr persönlich Glück wünschen wollten.
      Als sie den Mob schließlich hinter sich gelassen hatten, stellte Alex fest, dass ihre Mutter ein besorgtes Gesicht aufgesetzt hatte.
      „Was ist mit dir?“, fragte Alex. Ihre Mutter blieb stehen und gemeinsam fielen sie zurück, damit sie ungestört reden konnten.

      „Mir gefällt das nicht…“, antwortete Caroline beunruhigt. „Früher hat es oft solche Demonstrationen gegeben. Und das ist nur selten gut ausgegangen. Bitte, Alex, pass’ auf, was du sagst…“

      Alex’ Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Alles was ich sage, ist die Wahrheit“, entgegnete sie trotzig.

      „Ich weiß…“, antwortete ihre Mutter und Alex spürte, dass ihr das Gespräch unangenehm war, auch wenn sie nicht verstand, warum. „Aber das ist nicht dein Kampf…“

      „Wenn es nicht meiner ist, wessen Kampf ist es dann? Wie soll sich denn jemals etwas ändern, wenn niemand es versucht?“, brauste Alex auf.

      „Aber du bist noch viel zu jung! Tu’ nichts, was du später noch bereust! Du weißt gar nicht, wie gefährlich es sein kann, sich die falschen Leute zum Feind zu machen…“, ermahnte Caroline. Ihre hellbraunen Augen füllten sich mit Tränen und sie wandte ihr Gesicht von ihrer Tochter ab.
      Alex verstand die Welt nicht mehr. Woher kamen diese plötzlichen Ansichten ihrer Mutter? Alex hatte ihr, damit sie sich keine Sorgen machte, nichts von ihrem Konflikt mit Mr. Steele erzählt. Aber warum fürchtete Caroline dann, Alex könne sich die falschen Leute zum Feind machen? Und warum mied sie den Blick ihrer Tochter? Von früheren Gesprächen wusste Alex, dass ihre Mutter dies meistens tat, wenn sie nicht wollte, dass Alex’ leuchtend grüne Augen in ihr Erinnerungen an ihren Verstorbenen Mann hervorriefen.

      „Sag mal, verheimlichst du mir was?“, wollte Alex unvermittelt wissen. Aber Caroline blieb es erspart, darauf eine Antwort zu finden, denn in diesem Moment erreichten sie reichlich spät den Warteraum für die Duellanten und mit einem Schreck stellte Alex fest, dass Mr. Steele auch dort war. Er stand mit Richard in einer Ecke und als Alex mit ihrer Gefolgschaft eintraf, klopfte er seinem Sohn gerade väterlich auf die Schulter. Richards Gesicht war vollkommen ausdruckslos.
      Mr. Steele wandte sich gerade zum Gehen, da bemerkte er Alex, die wie zu Stein erstarrt dastand, und schritt geradewegs auf sie zu.
      „Ah, Miss Whitman…“, sagte er wohlwollend und bot ihr einen Händedruck an, den sie mechanisch erwiderte. Sein Mund lächelte, aber in seine kalten, dunkelblauen Augen stand die Abneigung geschrieben und Alex kam es vor, als würde er sie mit seinem Blick röntgen. „Sie haben es wahrhaft weit geschafft, wenn man bedenkt, dass die Umstände nicht gerade für Sie sprachen. Sie sollten diesen Moment des Ruhms genießen, wer weiß, er könnte schon bald vorüber sein.“
      Er sagte dies alles vollkommen höflich und beiläufig, als würde er nur Smalltalk machen. Er war ein exzellenter Schauspieler, dachte Alex grimmig. Aber das war sie auch…

      „Vielen Dank, Sir“, antwortete sie, nicht minder höflich. „Es ist mir eine Ehre, an Ihrem Turnier teilzunehmen.“

      Der grauhaarige Mann im Anzug, der der Scheinheiligkeit dieses Gesprächs offenbar etwas komisches abgewinnen konnte, lächelte amüsiert, nickte Alex’ Angehörigen zum Gruß kurz zu und verließ dann in seiner merkwürdigen, federnden Gangart den Raum. Eine Weile lang sah Alex ihm mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube nach, wurde jedoch von Evan abgelenkt, der die Tür des Warteraums zeitgleich mit Mr. Steele erreichte, sich um diesen herumdrückte und lächelnd auf Alex zuschritt.

      „Kann ich kurz mit dir und Richard allein reden?“, flüsterte er ihr im Vorbeigehen ins Ohr und sie folgte ihm in die Ecke, wo Richard mit den Taschen seiner Jacke vergrabenen Händen wartete.
      Richard nickte Alex zum Gruß nur beiläufig zu und starrte dann weiter auf den Fußboden. Seit Alex ihm gegenüber den Wunsch nach mehr Abstand geäußert hatte, hatten sie kaum miteinander gesprochen.
      „Also, heute ist der große Tag, was?“, fuhr Evan fort. Richard und Alex nickten stumm. Alex schluckte. „Ich bin echt unglaublich stolz auf euch. Ich habe gleich gewusst, dass ihr es ins Finale schaffen könnt. Und ihr habt mächtig Eindruck hinterlassen. Ich denke, dir ist nicht entgangen, was da draußen vor sich geht…“

      Er hatte diese letzten Worte an Alex gerichtet, die, ohne Richard anzusehen, abermals nickte. „Was glaubst du, wird Mr. Steele dazu sagen?“, fragte sie.

      Evan setzte eine ernste Miene auf. „Zumindest wird er nicht besonders glücklich darüber sein, so viel ist sicher“, meinte er düster und bestätigte damit Alex’ Vermutung. Dann sah er Richard an, als erwartete er, dass dieser ihm genaueres berichten würde.

      „Ich weiß nicht, was mein Vater denkt“, sagte Richard mit einem Schulterzucken und ergriff damit das erste Mal in diesem Gespräch das Wort. Seine Stimme war vollkommen gleichgültig. „Er hat mir schon ewig nichts Persönliches mehr erzählt. Er vertraut mir nicht mehr.“

      Evan machte ein verständnisvolles Gesicht und wandte sich dann wieder an Alex: „Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich finde, dass du genau das Richtige getan hast. Es ist an der Zeit, dass sich endlich mal etwas ändert. Du hast dem Widerstand neues Leben eingehaucht und wie auch immer Steeles Rache ausfallen wird, wir drei stehen das zusammen durch.“

      Unfähig, zu sprechen, nickte Alex erneut. Sie spürte, dass Richard ihren Blick suchte, aber sie wandte sich ab. Also war auch Evan sich sicher, dass es ein Nachspiel geben würde…

      „Also dann“, fuhr jener mit einem Seufzen fort. „Ich wünsche euch viel Glück.“

      Er setzte ein Lächeln auf, breitete seine Arme aus und klopfte Alex und Richard gleichzeitig mit je einer Hand auf eine Schulter. Gleichzeitig sprang die Ampel neben dem Eingang auf gelb um und Evan entfernte sich, sodass Alex sich von ihren Angehörigen umarmen und Glück wünschen lassen konnte. Anschließend stellte sie sich zusammen mit Richard vor die Tür.

      „Tja, jetzt ist es wohl soweit…“, sagte sie, nachdem sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.

      Richard nickte. „Sieht ganz so aus“, bestätigte er. „Viel Glück.“

      „Dir auch“, entgegnete Alex in dem Moment, als die Ampel auf grün umsprang und die Tür mit einem Zischen aufging.
      Geblendet vom strahlenden Sonnenlicht kniff Alex die Augen zu, als sie zum letzten Mal unter ohrenbetäubendem Beifall das Stadion betrat. Es war komisch, das Publikum zu hören. Wie es jubelte; sorglos, glücklich. Sie wussten nicht, ahnten nicht, was sich alles hinter den schillernden Kulissen dieses Turniers abspielte. Sie freuten sich nur darauf, ein gutes Duell zu sehen…
      Und das, so war Alex entschlossen, würde sie ihnen auch geben. Während sie neben Richard zum Duellfeld schritt, hob sie den rechten Arm, um zu winken. Aber sie brachte kein Lächeln zustande und so übertrugen die Kameradrohnen ihr ernstes Gesicht, ihren leicht nach oben gerichteten Blick.

      Über den Tumult des Publikums im Stadion und der Demonstranten davor dröhnte MC Arthurs aufgeregte Stimme: „Fast zwei Wochen ist es nun her, dass die ersten Duelle der Vorrunde dieses Turniers stattgefunden haben! Und was das für Wochen waren! Sechzehn ausgezeichnete junge Talente waren es zu Beginn des Turniers und die beiden strahlendsten Sterne darunter sehen Sie hier vor sich! Aus der Vorrunde haben sie sich bis ins Finale gekämpft und nicht einmal eingestandene Profis konnten sie dabei aufhalten! Hier sind sie, das unbezwingbare Mädchen aus Newhaven, das den allerletzten Teilnahmeplatz überhaupt ergattern konnte und nur auf persönlichen Wunsch ihres heutigen Gegners überhaupt Teil dieses jetzt schon legendären Turniers wurde! Alex Whitman! Und ihr Gegner! Der Sohn des Chefs von Steele Industries persönlich! Er gilt schon als potenzieller Duell-Star von morgen, seit er mit Bestnote an der legendären Duellakademie aufgenommen wurde! Und dass er diesem Ruf gerecht wird, hat spätestens sein phänomenaler Halbfinalsieg gegen den ehemaligen Meister Evan Drake bewiesen! Richard Steele!“

      Der Jubel des Publikums schwoll nach dieser umfassenden Ansage noch weiter an und wenig später hatten Alex und Richard das Duellfeld erreicht.

      „Duellanten, gebt euch die Hand!“, gebot MC Arthur und die Kontrahenten taten, wie ihnen geheißen. Es war das erste Mal an diesem Morgen, dass Alex und Richard sich richtig in die Augen sahen. In beide Augenpaare stand Sorge geschrieben.

      „Und jetzt schenken Sie ihre Aufmerksamkeit den Monitoren, wo der Zufallsgenerator entscheiden wird, wer den ersten Zug machen wird!“, fuhr der Kommentator fort, als die Duellanten ihre Positionen an den Enden des Duellfelds eingenommen hatten. In dem kurzen Moment der Stille, der folgte, konnte man deutlich die zornigen Rufe der Demonstranten vor dem Stadion vernehmen, auch wenn man nicht verstehen konnte, was sie sagten. Auf den vier riesigen Bildschirmen im Stadion blieb schließlich Alex’ Porträt farbig.
      „Und wieder einmal wird Alex den ersten Zug machen! Freunde, ihr wisst, was das heißt: Das Finale der ersten Duel Monsters Newcomer’s Championship hat hiermit offiziell begonnen!“

      „Los, Duell!“, riefen Alex und Richard im Chor, aktivierten ihre Duel Discs und zogen geübt fünf Karten von ihren Decks.

      „Mein Zug!“, fuhr Alex fort. Komischerweise war sie überhaupt nicht nervös. Ihr Herz raste nicht, es war wie bei jemanden, dem alles egal war. Sie betrachtete ihr Blatt und stellte mit einem milden Lächeln fest, dass dieses ausgezeichnet war.
      „Hier kommt Kleiner Phönix im Angriffsmodus!“

      Sie legte die Karte auf die Oberfläche ihrer Duel Disc und vor ihr erschien das Hologramm eines Phönix mit hellorangenem Gefieder, der einen anmutigen Laut, halb Schrei, halb Gesang, ausstieß. (ATK: 1600)

      „Aber er geht auch gleich wieder, denn wenn ich ihn zerstöre, kann ich Schülerin des Phönix als Spezialbeschwörung von meiner Hand beschwören!“

      Der große Vogel ging in Flammen auf und aus einem Wirbel aus Feuer erschien auf ihrem Feld stattdessen das Hologramm einer entschlossen dreinblickenden, jungen Frau, deren rotes Haar zu einer kunstvollen Zopffrisur hochgesteckt war. Ihre Kleidung bestand lediglich aus ein paar wenig zweckmäßig, dafür aber freizügig angeordneten, roten Tüchern. An ihren Händen loderten leuchtende, gelbe Flammen. (ATK: 2100) Aus dem Publikum ertönte Jubel und mitunter ein kokettes Pfeifen von besonders wagemutigen Männern.

      „Nicht schlecht“, kommentierte Richard. „Die kannte ich noch gar nicht.“

      „Ich habe sie mir extra hierfür aufgehoben“, erwiderte Alex. „Und es wird noch besser! Denn weil mein Kleiner Phönix soeben zerstört wurde, ohne dass er vorher gekämpft hat, kann ich ihn jetzt als Spezialbeschwörung vom Friedhof beschwören!“

      Es gab eine Stichflamme und neben der rothaarigen Zauberin erschien wieder der orangefarbene Phönix und breitete die Schwingen aus. (ATK: 1600)

      „Jetzt aktiviert sich der Effekt meiner Schülerin!“, fuhr sie fort. „Einmal pro Zug, wenn ein Feuer-Monster als Spezialbeschwörung vom Friedhof auf meine Spielfeldseite beschworen wird, kann ich eine Karte ziehen!“

      Die freizügig gekleidete Zauberin führte ihre Hände über dem Kopf zusammen und ballte sie anschließend in einer schnellen Bewegung zu Fäusten. Das gelbe Feuer an den Fingern loderte hell auf und wuchs zu einer riesigen Stichflamme heran, die ihre Urheberin kurz in Gänze verhüllte und schließlich über ihrem Kopf die Gestalt eines Phönix’ aus purem Feuer einnahm, der die Flügel ausbreitete und funkensprühend verschwand.
      Unterdessen zog Alex ruckartig auf und betrachtete ihre neue Karte. Perfekt, dachte sie.
      „Als Nächstes aktiviere ich den Zauber Instantfusion! Zum Preis von 1000 Lebenspunkten kann ich ein Fusionsmonster von meinem Extra Deck beschwören, solange es höchstens Stufe 5 hat! Ich entscheide mich für meinen Mavelus!“

      Sie steckte die frisch gezogene Karte in ihre Duel Disc, woraufhin neben den beiden Hologrammen ihrer bisherigen Monster noch das eines großen, roten Vogels mit gelben Flügeln und Schwanzfedern erschien. (ATK: 1300) (Alex: LP 4000 -> 3000)

      „Und jetzt, da das geschafft ist, mische ich Kleiner Phönix vom Attribut Feuer und Mavelus vom Typ Geflügeltes Ungeheuer von meinem Feld ins Deck zurück, um eine Titanen-Beschwörung durchzuführen! Erscheine, Phönix der Wiedergeburt!“

      Die beiden Karten, braun und lila, stiegen in die Höhe und umkreisten sich dabei majestätisch. Es gab einen Lichtblitz und kurze Zeit später schoss aus einer gewaltigen Stichflamme der riesige, brennende Vogel in die Luft und stieß einen entschlossenen Schrei aus, der sich mit dem Jubel von Alex’ Fans vermischte.
      (ATK: 2500)

      Alex sah empor zu ihrem Monster, das ihren Blick mit Lilys Haselnussbraunen Augen erwiderte. Bestärkt vom Gedanken an ihre Schwester steckte sie eine weitere Karte von ihrer Hand in ihre Duel Disc.
      „Ich setze die hier verdeckt und beende meinen Zug!“, rief sie entschlossen.
      [Hand: 2 / Backrow: 1]

      Eine holografisch vergrößerte, braune Kartenrückseite erschien neben ihr und läutete das Ende ihres Spielzugs ein, als erneut MC Arthurs euphorische Stimme ertönte: „Ein beeindruckendes Tempo legt Alex hier vor! Sie schafft es, gleich im ersten Zug ihr Lieblingsmonster Phönix der Wiedergeburt zu rufen und legt auch noch ein anderes starkes Monster daneben! Freunde, das nenne ich eine Eröffnung, die einem Finale würdig ist!“

      „Ich bin dran!“, rief Richard, als der Jubel, der auf die Durchsage des Kommentators folgte, verstummt war, und zog lässig eine Karte von seinem Deck. Mit einem zufriedenen Lächeln legte er anschließend eine Monsterkarte auf seine Duel Disc.
      „Ich beschwöre Vorhut der Drachen im Angriffsmodus.“

      Vor Richard erschien das Hologramm eines aufrecht stehenden, blau-grauen Drachen mit langem, stachligem Schwanz, der mit einer Lanze und einem ovalen Armschild bewaffnet war. (ATK: 1700)

      „Ich aktiviere den Effekt meines Monsters!“, fuhr Richard fort. „Ich kann ein normales Monster vom Typ Drache von einer Hand auf den Friedhof schicken, um ihm 300 zusätzliche Angriffspunkte zu verschaffen! Ich kann das Ganze so oft machen, wie ich will, deshalb werfe ich jetzt Schimmerdrache und Drache, der in der Höhle haust ab für 600 Extra-Angriffspunkte!“

      Während Richard sich seiner Handkarten entledigte, stach sein Monster mit seiner Lanze in den Boden, woraufhin zwei graue, steinerne Statuen von anderen Drachen hinter seinem Rücken erschienen. Die eine lag auf dem Boden. Das Geschöpft, das sie darstellte, schien zu schlafen. Die andere Statue hockte auf den Hinterbeinen, hatte einen rundlichen Kopf, klobige, unförmige Vorderläufe und merkwürdige, sichelförmige Flügel. Der lebendige Drache, der die Statuen heraufbeschworen hatte, zog seine Waffe aus der Erde und stieß einen heiseren Schrei aus.
      (ATK: 1700 -> 2300)

      Alex ahnte, was als Nächstes kam und setzte ihren rechten Fuß kampfbereit einen Schritt nach vorne wie eine Sportlerin, die zum Wurf ausholte.

      „Und jetzt, da mein Friedhof voller Drachen ist, mische ich Schimmerdrache und Drache, der in der Höhle haust von meinem Friedhof zusammen mit Vorhut der Drachen vom Attribut Erde von meinem Feld ins Deck zurück, um auch eine Titanen-Beschwörung durchzuführen Erschein, Metallrüstungs-Drache!“, fuhr Richard wie erwartet fort. Sein Drache nahm die Gestalt einer braunen Monsterkarte an, wobei die Steinstatuen verschwanden, die er erzeugt hatte. Zusammen mit den beiden gelblichen normalen Monstern von Richards Friedhof schraubte er sich in die Höhe und einen Lichtblitz später war das Hologramm eines gigantischen Drachen auf dem Feld erschienen, dessen Körper komplett mit einer silbernen Rüstung überzogen war, die an verschiedensten Stellen mit mächtigen Klingen verlängert war. Er streckte sich, warf den Kopf in den Nacken, öffnete sein schreckliches Maul und stieß ein markerschütterndes Brüllen aus.
      (ATK: 3000)

      „Und tatsächlich!“, kommentierte MC Arthur begeistert. „Richard zieht nach und auch er beschwört in seinem ersten Zug sein mächtiges Titanen-Monster! Freunde, dies verspricht, ein knallharter Kampf zu werden!“

      Auch Richard erntete für seine Leistung Beifall vom Publikum, auch wenn er nicht ganz so lautstark ausfiel wie zuvor der für Alex. Als die Zuschauer sich beruhigt hatten, ergriff die das Wort: „Ich aktiviere meine verdeckte Karte!“, kündigte sie an und griff danach. „Mein Pixie-Ring beschützt die Schwachen! Solange diese permanente Fallenkarte offen auf meinem Feld liegt und ich mindestens zwei Monster im Angriffsmodus kontrolliere, kannst du mein Monster mit den niedrigsten Angriffspunkten nicht als Angriffsziel wählen! Das heißt, du kannst nur noch Phönix der Wiedergeburt angreifen!“

      Ein vergrößertes Hologramm der Fallenkarte klappte neben Alex hoch und gleichzeitig tauchten drei winzige Feen in bunten Kleidern auf, die auf Bauchhöhe im Kreis um Schülerin des Phönix flogen und so einen schützenden Ring bildeten.

      „Wenn das so ist…“, meinte Richard und steckte eine Karte von seiner Hand in seine Duel Disc. „Ich aktiviere den Zauber Schlag mit voller Kraft! Wenn Metallrüstungs-Drache jetzt gegen ein Monster kämpft kann er nicht durch Kampf zerstört werden! Außerdem erhalten wir beide keinen Schaden aus dem Kampf und dein Monster wird am Ende des Damage Steps zerstört!“

      „Aber das heißt ja…“, warf Alex kalt erwischt ein.

      „Richtig. Dein Phönix wird durch einen Karteneffekt zerstört, nicht durch Kampf. Er kehrt in der End Phase also nicht auf dein Feld zurück! Und jetzt los, Umfassende Zerstörung!“

      Es juckte Alex zwar danach, den Effekt ihres Phönix zu aktivieren, aber da sie eh keinen Schaden nehmen würde, wären das nur unnötig verschwendete Lebenspunkte. Deshalb musste sie tatenlos zusehen, wie der gigantische Drache mit einer Klauenhand ausholte wie ein Boxer, der sich zum Schlag bereit machte. Die Hand leuchtete dabei in einem blauen Licht auf und eine Art weißer Wirbel bildete sich darum. Schließlich stürmte das Ungetüm los und sein Schlag pulverisierte das Hologramm des riesigen, brennenden Vogels, mit dem zusammen auch die Feen verschwanden, die eben noch Schülerin des Phönix umgeben hatten.

      „Einen raffinierten Spielzug sehen wir hier von Richard!“, kommentierte MC Arthur. „Er weiß genau, wie man den Effekt von Alex’ Phönix der Wiedergeburt umspielen kann! Es ist, als würden die beiden sich schon jahrelang kennen!“

      Richard lächelte. „Das sollte fürs Erste reichen“, sagte er. „Du bist dran.“
      [Hand: 2 / Backrow: 0]

      „Wie du meinst…“, entgegnete Alex. „Mein Zug!“

      Sie zog schwungvoll eine Karte auf und betrachtete sie schmunzelnd. Die würde sie sich für den Überraschungsmoment aufheben…

      „Zeig’, was du drauf hast, Fushi No Tori!“, fuhr sie vorerst fort. Auf ihrem Feld erschien daraufhin das Hologramm eines großen, rosanen mit Flügeln aus Feuer. (ATK. 1200) Gleichzeitig tauchten die drei winzigen Feen wieder auf und umkreisten jetzt das neue Monster.

      „Und damit er auch an deinem Drachen vorbeikommt, aktiviere ich den Zauber Rückenwind! Dadurch können meine anderen Monster zwar diese Runde nicht angreifen, mein Fushi No Tori dich aber dafür direkt! Leg los, mein Monster!“

      Ein kräftiger Wind entstand plötzlich hinter Alex’ Rücken und brachte ihre Haare zum Flattern. Durch die Zufuhr an frischem Sauerstoff angefacht loderte das Feuer am Körper des rosanen Vogels kräftiger als zuvor, als er an Richards Drachen vorbeiflog und stattdessen gleich dessen Besitzer ins Visier nahm. (Richard: LP 4000 -> 2800)

      „Wenn Fushi No Tori deinen Lebenspunkten Schaden zufügt, werden meine eigenen Lebenspunkte um den selben Betrag erhöht!“, erklärte Alex, als der brennende Vogel zu ihr zurückgekehrt war. (LP: 3000 -> 4200)
      „Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug. Aber vorher kehrt Fushi No Tori noch auf meine Hand zurück, weil er ein Spirit-Monster ist!“

      Alex nahm die Karte zurück auf die Hand und in einer orangenen Stichflamme verschwand das Hologramm des brennenden Vogels und mit ihm der Ring aus Feen. [(Alex) Hand: 1 / Backrow: 1]

      „Dann bin ich dran“, entgegnete Richard und zog ruckartig eine Karte von seinem Deck. „Ich rüste Metallrüstungs-Drache mit meiner Drachenrüstung aus!“

      Er steckte die Karte in seine Duel Disc und an den Körper seines ohnehin schon lächerlich stark gepanzerten Drachen schmiegten sich an Schulter, Brust und Kopf überflüssigerweise noch fein gearbeitete, weißsilberne Rüstungsteile mit roten Verzierungen.

      „Ich kann nur Monster vom Typ Drache mit 2500 oder mehr Angriffspunkten mit dieser Karte ausrüsten. Diese können dann nicht durch Kampf zerstört werden und nicht als Ziel für die Effekte von Monstern gewählt werden, die weniger Angriffspunkte haben als sie selbst! Und jetzt los! Greif’ Schülerin des Phönix an! Umfassende Zerstörung!“

      Das gewaltige Ungetüm setzte sich in Bewegung und stürmte auf die rothaarige Zauberin auf Alex’ Feld zu. Kurz vor dieser angekommen hob er einen seiner mächtigen Vorderläufe an, bereit, Alex’ Monster mit den schwertartigen Klingen an seinen Knöcheln aufzuspießen…

      „Nicht so schnell!“, forderte Alex und griff nach ihrer verdeckten Karte. „Ich aktiviere den Schnellzauber Plötzliche Wiedergeburt! In der Battle Phase kann ich damit ein Feuer-Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer als Spezialbeschwörung von meinem Friedhof im Angriffsmodus beschwören! Willkommen zurück, Phönix der Wiedergeburt!“

      Es gab eine riesige Stichflamme und aus dieser schoss der riesige, brennende Vogel mit einem entschlossenen Schrei in die Höhe. (ATK: 2500) Gleichzeitig tauchten auch die Feen wieder auf und umkreisten aufs Neue den nackten der Bauch von Schülerin des Phönix.

      „Da ich jetzt wieder ein Monster mit höheren Angriffspunkten als Schülerin des Phönix kontrolliere, kannst du sie dank meines Pixie-Rings nicht mehr angreifen! Außerdem kann ich, da ich ein Feuer-Monster vom Friedhof als Spezialbeschwörung beschworen habe, durch den Effekt meiner Schülerin des Phönix eine Karte ziehen!“, erklärte Alex und stockte ihre Hand auf, während das Hologramm der rothaarigen Zauberin wieder Kunststücke mit den Flammen an ihren Händen vollführte.

      „Dann soll es so sein!“, entgegnete Richard. „Umfassende Zerstörung!“

      Der riesige Drache, der sich nach seinem gescheiterten Angriff kurz irritiert umgesehen hatte, streckte sich und stieß ein zorniges Brüllen aus. Anschließend holte er mit einer der mächtigen, gebogenen Klingen an seinen Ellenbogen nach Alex’ Phönix aus.

      „Ich aktiviere den Effekt meines Phönix!“, rief die, obwohl es nur eine Sache der Ehre war, die Lebenspunkte würde sie sowieso verlieren. „Ich zahle Lebenspunkte in Höhe der Differenz der Angriffspunkte unserer Monster, um meines genau so viele Angriffspunkte hinzu erhalten zu lassen! Flamme der Aufopferung!“

      Der riesige Vogel wich mit einer Art Flugrolle geschickt der Klinge des Drachen aus und schoss unter dessen Arm hindurch hoch in den strahlend blauen Himmel, von wo aus er zum Sturzflug ansetzen konnte.
      Als er schließlich die Flügel anlegend auf Richards Monster hinabsauste, ging das Geschöpf auf einmal in Flammen auf und zog wie ein Komet, der auf die Erde stürzte, einen langen Feuerschweif nach sich.
      Der gerüstete Drache, der erneut seines Opfers beraubt wurde, wirbelte herum, brüllte zornig und mit seinen klaren, blauen Augen erfasste er den glühenden Feuerball, der drohte, auf ihn zu stürzen. Sofort stieß er eine Klauenhand in die Luft, sodass das gegnerische Monster genau in die Bajonette auf seinen Knöcheln raste, wodurch sich das Hologramm des Phönix in Luft auflöste und der Drache, der dank seiner Rüstung keinen Kratzer davongetragen hatte, triumphierend aufbrüllte.
      (Alex: LP: 4200 -> 3700)

      „Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug“, schloss Richard und neben ihm erschien das vergrößerte Hologramm einer braunen Kartenrückseite.
      [Hand: 1 / Backrow: 1]

      "Phönix der Wiedergeburt wurde durch Kampf zerstört, dass heißt, er kehrt jetzt auf mein Feld zurück! Außerdem kann ich durch den Effekt meiner Schülerin des Phönix eine Karte ziehen!", entgegnete Alex. Erneut schoss der riesige, brennende Vogel aus einer Stichflamme in den Himmel und Alex stockte ihre Hand auf.
      „Und jetzt bin ich dran!", fuhr sie fort. "Ich ziehe! Da Fushi No Tori am Ende meines letzten Spielzugs auf meine Hand zurückgekehrt ist, kann ich ihn jetzt erneut als Normalbeschwörung beschwören!“, fuhr sie fort und vor ihr erschien erneut das Hologramm des rosa Vogels mit den brennenden Flügeln: (ATK. 1200)
      „Aber diesmal wird er nicht lange bleiben, denn jetzt aktiviere ich den Zauber Schnellzauber Schwalbennest! Indem ich ein Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer als Tribut anbiete, kann ich ein anderes von meinem Deck beschwören, solange es die gleiche Stufe hat! Ich biete Fushi No Tori als Tribut an, um Blaugeflügelte Krone als Spezialbeschwörung zu beschwören!“

      Alex steckte die frisch gezogene Karte in ihre Duel Disc und ein vergrößertes Hologramm des Zaubers erschien kurz neben ihr. Währenddessen verschränkte der rosa Vogel die brennenden Flügel vor der Brust und verwandelte sich in ein riesiges Ei. Als dessen Schale kurz darauf aufbrach, schlüpfte daraus jedoch stattdessen das Hologramm eines großen, blauen Vogels, dessen Stirn ein brennendes „V“ zierte. (ATK: 1600)

      „Und da ich jetzt wieder ein Wind-Monster kontrolliere, kann ich Blaugeflügelte Krone zusammen mit Fushi No Tori von meinem Friedhof ins Deck zurückmischen, um einen weiteren alten Freund zu rufen! Los, Sturmvogel!“

      Die beiden Karten schraubten sich zusammen in den Himmel und einen Lichtblitz später war das Hologramm eines gigantischen, schwarz-weißen Vogels mit orange glühenden Augen auf dem Kampffeld erschienen, der die mächtigen Schwingen ausbreitete und einen markerschütternden Schrei ausstieß. (ATK: 2100)
      Um ihn herum tauchten nun drei weitere, winzige Feen auf und umkreisten ihn, da er genau so viele Angriffspunkte wie Schülerin des Phönix hatte.

      „Ich aktiviere den Effekt meines Monsters!“, fuhr Alex fort. „Einmal pro Spielzug kann ich eine offene Karte auf deinem Spielfeld wählen, die du dann zurück ins Deck mischen musst!“

      Metallrüstungs-Drache hat mehr Angriffspunkte als Sturmvogel, das heißt, du kannst ihn dank Drachenrüstung nicht als Ziel für dessen Effekt wählen“, erklärte Richard ruhig.

      „Schon klar“, entgegnete Alex. „Aber niemand schreibt mir vor, dass ich ein Monster wählen muss! Deshalb wähle ich die Drachenrüstung selbst!“

      Der gewaltige Vogel stieß erneut einen schrillen Kreideschrei aus und stilisierte Schallwellen drangen aus seinem Schnabel hinüber auf Richards Spielfeldseite. Dort fing das vergrößerte Hologramm des Ausrüstungszaubers plötzlich an, immer stärker zu vibrieren bis es schließlich wie ein zertrümmertes Fenster zersprang. Richard unterdessen nahm mit unergründlicher Miene die Karte von seiner Duel Disc und steckte sie zurück in sein Deck, das automatisch gemischt wurde.

      „Und da dein Drache jetzt ungeschützt ist, kann Phönix der Wiedergeburt ihn nach Lust und Laune angreifen! Brennender Zorn!“

      Der riesige, brennende Vogel stieg abermals höher und setzte zum Sturzflug auf den nun wieder Rüstungslosen Drachen an.

      „Du kennst das Spiel ja: Wenn Phönix der Wiedergeburt ein Monster mit mehr Angriffspunkten angreift, kann ich seine Angriffspunkte denen deines Monsters angleichen, indem ich Lebenspunkte in Höhe der Differenz bezahle! Flamme der Aufopferung!“

      Die Szene wiederholte sich. Wie ein Komet einen Schweif aus Feuer hinter sich herziehend stieß der Phönix auf den gigantischen Drachen hinab, der versuchte, das gegnerische Monster mit den scharfen Bajonetten an seinen Knöcheln aufzuhalten, nur das sich diesmal beide Hologramm in Luft auflösten. (Alex: LP 3700 -> 3200)

      „Und jetzt, da du vollkommen schutzlos bist, kann meine Schülerin dich direkt angreifen! Los, Phönix-Flamme!“

      Das gelbe Feuer, das die knapp bekleidete Zauberin umgab, loderte heller auf denn je, sie führte die Hände über dem Kopf zusammen und schloss die Augen.
      Kurz darauf nahm sie Arme in einer ruckartigen Bewegung wieder herunter, wobei sie ihre Augen öffnete, die jetzt nur noch ein weißes Leuchten waren. Gleichzeitig loderte eine gewaltige, gelbe Stichflamme ihren Körper hinauf und nahm oberhalb der kunstvollen Frisur die Gestalt eines Vogels aus purem Feuer an, der die Flügel ausbreitete.
      Dieser löste sich anschließend vom Körper der Frau und glitt mit ausgebreiteten, feurigen Schwingen auf Richard zu, um direkt durch jenen hindurch zu fliegen, wobei der Junge mit den stahlgrauen Haaren sich schützend den Arm mit der Duel Disc vors Gesicht hielt. (LP: 2800 -> 700)

      „Einen heftigen Schlag musste Richard hier einstecken!“, kommentierte MC Arthur. „Er steht jetzt ohne Monster da, während Alex’ Feld immer noch voll ist! Für den Moment sieht es so aus, als wäre sie klar im Vorteil, aber wie diese beiden Duellanten uns in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen haben, muss dies noch nichts heißen!“

      „Du hast Glück, das Sturmvogel nicht in dem Spielzug angreifen kann, in dem er seinen Effekt aktiviert hat“, sagte Alex, während ihre Fans jubelten. „Ich beende meinen Zug. Das heißt, mein Phönix kehrt jetzt wieder auf mein Feld zurück, weil er durch Kampf zerstört wurde! Etwas, das du von deinem Drachen nicht behaupten kannst.“

      Ein neues Hologramm einer braunen Kartenrückseite erschien neben ihr und kurz darauf schoss aus einer riesigen Stichflamme wieder der brennende Vogel mit einem lauten Schrei in den Himmel. (ATK: 2500) Aber Richard lächelte nur.

      „Kann ich nicht?“, sagte er und griff nach seiner verdeckten Karte, um diese umzudrehen. Ein vergrößertes Hologramm der Fallenkarte erschien kurz neben ihm.
      „Kennst du die noch? Meine Falle Doppelte Wiedergeburt! Wenn du ein Monster als Spezialbeschwörung vom Friedhof beschwörst, kann ich das selbe machen und darüber hinaus eins deiner Monster in den Verteidigungsmodus zwingen! Und ich wähle Phönix der Wiedergeburt! Und welches Monster ich beschwöre, brauche ich wohl nicht zu erwähnen!“

      Die Erde brach auf und erneut kämpfte sich der gewaltige, gepanzerte Drache ans Tageslicht. (ATK: 3000) Als das Ungetüm mit beiden Beinen auf dem Boden stand und von jenem die Risse verschwanden, bäumte es sich zur vollen Größe auf, warf den Kopf in den Nacken und stieß sein bisher lautestes Brüllen aus. Eingeschüchtert flatterte der Phönix zu Boden und verschränkte die Flügel vor der Brust. (DEF: 2000)

      „Da ich ein Feuer-Monster als Spezialbeschwörung vom Friedhof beschworen habe, kann ich dank des Effekts meiner Schülerin eine Karte ziehen“, erinnerte Alex mit unterdrücktem Ärger und tat dies. Als sie erkannte, welche Karte sie gezogen hatte, musste sie unweigerlich schmunzeln.
      „Du bist dran.“ [Hand: 2 / Backrow: 0]

      „Wie du willst“, meinte Richard und zog ruckartig eine Karte von seinem Deck. „Ich aktiviere Schatz des Drachen! Indem ich Edelmetall-Drache abwerfe, kann ich zwei Karten von meinem Deck ziehen!“

      Er schob die Karte auf seinen Friedhof und stockte seine Hand auf. Anschließend steckte er eine der neuen Karten direkt in seine Duel Disc. „Ich habe Topf der Gier gezogen. Das heißt noch mal zwei Karten für mich.“

      Das Hologramm eines hässlich grinsenden, grünen Topfs erschien vor ihm und Richard füllte seine Hand aufs Neue auf, woraufhin der Topf klirrend explodierte. Intuitiv wusste Alex, dass er jetzt zum Gegenschlag ausholen würde.

      „Na geht doch!“, sagte er, womit er Alex’ Vorahnung bestätigte, und klatschte eine weitere Zauberkarte auf seine Duel Disc, welche kurz darauf holografisch neben ihm vergrößert wurde.
      „Ich aktiviere Erdbeben! Diese Zauberkarte zwingt alle offenen Monster in den Verteidigungsmodus, sofern sich nicht sowieso schon in diesem befinden!“

      Die Hologramme der Karten auf dem Feld fingen an zu vibrieren, was die täuschend echte Illusion erzeugte, die Erde würde beben. Wie schon in seinem Duell gegen Jessica schloss Richard währenddessen konzentriert die Augen als würde er meditieren. Als er die Augen wieder öffnete, hatte sein Drache eine kniende Haltung eingenommen (DEF: 2500), Alex’ Sturmvogel hatte ebenso wie Phönix der Wiedergeburt die Flügel angelegt und saß da, als würde er ein Ei ausbrüten (DEF: 1700). Schülerin des Phönix hatte sich wie Richards Drache hingekniet und die Arme die Arme verschränkt (DEF: 1300). Die Feen, die eben noch ihre beiden schwächeren Monster umgeben hatten, verschwanden.

      „Aber weil ich Metallrüstungs-Drache nicht in diesem Spielzug beschworen haben, kann ich ihn gleich wieder in den Angriffsmodus wechseln“, fuhr Richard fort und richtete die dunkelgrüne Karte auf seiner Duel Disc wieder vertikal aus, woraufhin das Hologramm des riesigen Drachen sich wieder brüllend zu seiner vollen Größe aufbäumte. (ATK: 3000)

      „Und ich bin noch nicht fertig! Als Nächstes aktiviere ich den Effekt von Redox, Drachenherrscher der Felsen von meiner Hand! Ich werfe ihn zusammen mit Golemdrache ab, um Edelmetall-Drache von meinem Friedhof zurückzuholen!“

      Er schob zwei weitere Karten von seiner Hand auf den Friedhof, wodurch diese jetzt komplett leer war. Im Gegenzug holte er eine andere Karte von seinem Friedhof und klatschte sie auf die Oberfläche seiner Duel Disc.
      Vor Richard erschien daraufhin das Hologramm eines riesigen, gepanzerten Drachen, der große Ähnlichkeit zu einem Nashorn aufwies. (ATK: 2400)

      „Und jetzt los, Metallrüstungs-Drache! Erledige Sturmvogel mit Umfassende Zerstörung!“

      Unter zornigem Gebrüll stampfte der größere der beiden Drachen los, auf den riesigen, schwarz-weißen Vogel zu. Dort angekommen drehte er seinen Oberkörper zur Seite und traf das Geschöpf auf Halshöhe mit einer der riesigen Sensenklingen, die seine Ellenbogen verlängerten, wobei sich das Hologramm des Opfers in Luft auflöste.

      „Du kennst das Spiel! Wenn Metallrüstungs-Drache ein Monster im Verteidigungsmodus durch Kampf zerstört, kann er sofort noch einmal angreifen! Mach’ weiter! Diesmal lautet dein Ziel Schülerin des Phönix!“

      Der Drache brüllte lautstark auf und nahm die knapp bekleidete Zauberin ins Visier, die insgesamt kaum länger war als sein Kopf. In blinder Zerstörungswut stieß das Monstrum seine Faust mit den Bajonettähnlichen Klingen hinab, wodurch auch das Schicksal von Alex’ zweitem Monster besiegelt war.

      „Und da aller guten Dinge drei sind, besiegt Metallrüstungs-Drache jetzt auch noch deinen Phönix der Wiedergeburt! Umfassende Zerstörung!“

      Das Ungetüm ließ ein weiteres triumphierendes Brüllen hören und seine klaren, blauen Augen erfassten das letzte Monster seiner Gegnerin. Diesmal fiel die Wahl der Waffe auf seinen langen Schwanz, mit dem er nun zum Schwung ausholte. Die Schwanzspitze mit den vier Klingen, die wie Beile gebogen waren, traf den Phönix in der Magengegend, wodurch sich auch dieser mit einem gequälten Schrei in Luft auflöste.

      „Und der letzte Angriff ist immer für dich bestimmt! Metallrüstungs-Drache, beende dieses Duell!“

      Ein letztes Mal stieß der gewaltige Drache ein mächtiges Brüllen aus und bäumte sich vor Alex auf.
      Eine Stille breitete sich unter Alex’ Fans im Publikum aus, als Richards Monster den Kopf in den Nacken warf und sich eine blaue Energiekugel in seinem Maul bildete, wodurch der Lärm der Demonstranten lauter zu vernehmen war als bisher. Es klang, als versuchten sie, sich Zutritt zum Stadion zu verschaffen.
      Vollkommen furchtlos starrte das rothaarige Mädchen hinauf in die Augen des Ungetüms, die so unglaublich menschlich wirkten, während die Energiekugel in seinem Maul immer größer wurde. Genau so hatte ihr letztes Duell gegen Richard geendet…

      Schließlich hatte die Energiekugel ihre volle Größe erreicht und der Drache schleuderte sie auf Alex, die gerade noch rechtzeitig eine Karte aus ihrem Blatt zog, woraufhin die Energiekugel über ihr platzte wie von einer unsichtbaren Kuppel abgewehrt und ihr Ziel vollkommen unversehrt zurückließ. Aus Alex’ Fanmeile war daraufhin ein einheitliches, erleichtertes Aufatmen zu hören, dass in tosenden Beifall überging.

      „Diesmal kriegst du mich nicht so leicht“, rief Alex, nachdem der Beifall abgeschwollen war. „Ich hatte nämlich Schützling des Phönix auf der Hand! Wenn du mich mit einem Monster mit 2000 oder mehr Angriffspunkten direkt angreifst, kann ich diese Karte von meiner Hand abwerfen, um den Angriff abzuwehren!“
      Sie schob die treue Karte mit dem rothaarigen Mädchen, das in einer Eierschale saß, auf den Friedhof. „Und wenn sie auf den Friedhof geschickt wird, kann ich meiner Hand ein Feuer-Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer von meinem Deck hinzufügen! Komm zurück zu mir, Kleiner Phönix!“

      „Ich dachte mir schon, dass die kommen würde“, entgegnete Richard gelassen, während Alex nach der Karte griff, die ihre Duel Disc hervorschob. „Immer zur Stelle, wenn’s brenzlig wird, was? Aber ich habe ja immer noch Edelmetall-Drache! Angriff!“

      Richards anderes Monster, der nashornähnliche, vierbeinige Drache, stürmte los. Zunächst trottete er langsam, dann wurde er jedoch immer schneller und mit gesenktem Kopf preschte er auf Alex zu, die nichts mehr hatte, um sich zu verteidigen und folglich vom holografischen Horn durchbohrt wurde.
      (LP: 3200 -> 800)

      „Und das war der Gegenangriff!“, kommentierte MC Arthur besonders lautstark, um den Lärm der Demonstranten zu übertönen, der immer lauter wurde. Es klang, als wären sie endlich ins Innere des Stadiongebäudes eingedrungen. „Auch wenn sein Versuch, das Duell zu beenden, gescheitert ist, schafft es Richards zweites Monster, fast einen Ausgleich zu erzielen! Freunde, ich sage euch: Dieses Finale bleibt bis zur letzten Sekunde spannend!“

      „Ich beende meinen Zug“, sagte Richard ruhig. [Hand: 0 / Backrow: 0]

      „Das heißt, Phönix der Wiedergeburt kehrt jetzt auf mein Feld zurück, da er in diesem Zug durch Kampf zerstört wurde!“, entgegnete Alex lautstark und klatschte die Karte erneut mit brennenden Fingern auf ihre Duel Disc. Kaum war der riesige, brennende Vogel aus der Stichflamme wiederauferstanden und mit tosendem Applaus begrüßt worden, da passierten eine Menge Dinge gleichzeitig…

      Durch den Eingang, den die Duellanten benutzten, strömten hunderte Demonstranten unter ohrenbetäubendem Schlachtgeschrei in den Innenhof des Stadions. Parallel dazu öffneten sich überall am Rand des Innenhofs kleinere Personaleingänge, durch die bewaffnete Sicherheitsleute in Formation in die Sonne traten, um die Demonstranten in Schach zu halten. Die Hologramme der Monster auf dem Duellfeld verschwanden und eine Stimme halte verstärkt über das Stadion. Nicht MC Arthurs aufgeregte, jungenhafte Stimme, sondern die tiefe, kalte Stimme eines anderen Mannes. Die selbe, die vergangenen Montag aus dem Walkie-Talkie des Sicherheitsmannes gedrungen war, der Jessica aus dem Stadion geschleift hatte: „Meine Damen und Herren, hier spricht der Chef der Stadionsicherheit. Das Duell wird aufgrund von unvorhergesehenen Umständen abgebrochen. Wir bitten Sie um Verzeihung und darum, Ruhe zu bewahren und das Stadion so schnell wie möglich zu verlassen.“

      Was nun folgte, war das pure Chaos. Der Rasen rund um die erhöhte Plattform mit dem Duellfeld war voll mit kämpfenden Paaren von Demonstranten und Sicherheitsleuten, während auf den Rängen ein Höllenlärm ausgebrochen war, weil tausende Menschen panisch aufsprangen und versuchten, zur nächsten Treppe ins Stadioninnere zu gelangen. Aber nicht alle Zuschauer leisteten der Aufforderung des Sicherheitschefs Gehorsam. Alex sah, wie einige ihrer Fans auf den vordersten Rängen sich weigerten, den Anweisungen der Sicherheitsleute Folge zu leisten und stattdessen über die Balustrade in den Innenhof sprangen, um die Demonstranten zu unterstützen. Alex selbst war das alles vollkommen egal. Für sie zählte jetzt nur noch eins: Sie musste so schnell wie möglich hier weg…

      Ohne groß nachzudenken deaktivierte sie ihre Duel Disc und sprang mit einem langen Satz von der Plattform mit dem Duellfeld in die Menge. Denn eins wusste sie genau: Sie allein war schuld an diesem Chaos. Und sie würde dafür bezahlen, wenn man sie fasste…
      Von ihrem Fluchtinstinkt getrieben rannte Alex in gebückter Haltung los, sodass ihr leuchtend roter Haarschopf möglichst im Tumult unterging, und suchte sich einen Weg durch die kämpfende Menge.
      Immer, wenn ein Demonstrant sie bemerkte, wollte dieser natürlich sofort mit ihr sprechen, aber Alex beachtete keinen von ihnen und rannte einfach weiter.
      Doch kaum hatte sie zehn Schritte im Chaos zurückgelegt, schon hatte sie die Orientierung verloren. Sie reckte den Kopf nach oben und stellte sich auf die Zehenspitzen, auf der Suche nach einem bekannten Ort oder Gesicht. Sie sah das Duellfeld, zwanzig Meter hinter ihr, das nun auch voll mit kämpfenden Demonstranten, darunter Paul, und Sicherheitsleuten war. Richard konnte sie nirgends entdecken.

      „Richard?“, schrie sie über die Köpfe der Menge hinweg, entdeckte dann jedoch einen Sicherheitsmann, der auf sie zugeeilt kam, und rannte schnurstracks in gebückter Haltung in eine andere Richtung.

      Das Gerangel wurde immer heftiger und unübersichtlicher, das Stadion immer voller. Es war eine gewaltige und sinnbefreite Massenschlägerei. Überall standen sich faustschwingende Demonstranten und Sicherheitsleute mit Schlagstöcken und Plastikschilden gegenüber, Zornige Rufe und Schmerzensschreie waren zu hören, der beißende Gestank von Tränengas lag in der Luft. Und mittendrin war Alex, die auf der Suche nach einem Ausweg aus der Hölle gebückt umherrannte und die Hände über den Kopf gelegt hatte, halb, um sich zu schützen und halb, um ihre Haarpracht zu verdecken, die inmitten der braunen und schwarzen Haare der Demonstranten und der schwarzen Uniformen der Sicherheitsleute wie ein Leuchtfeuer wirken musste…
      Sie rannte immer weiter und meinte, gerade den Ausgang aus dem Innenhof gefunden zu haben, als sie plötzlich abrupt von hinten gepackt wurde und beinahe das Gleichgewicht verlor. Panisch strampelte sie um sich und versuchte, sich zu befreien, aber der Griff des Sicherheitsmannes, der sie gepackt hatte und ihr nun die Hände auf den Hintern presste, war zu stark.
      Sie strampelte heftiger und trat um sich, aber der Mann ließ nicht locker und kurze Zeit später spürte Alex, wie ein dünner Plastikriemen ihr schmerzhaft in die Handgelenke schnitt. Man hatte sie mit einem Kabelbinder gefesselt.
      Mit nutzlos hinter den Rücken gebundenen Armen trat sie weiter um sich und als sie sich nach ihrem Peiniger umsah, erkannte hinter sich aus der Menge der Kämpfenden Mr. Steele hervortreten, flankiert von zwei weiteren Sicherheitsmännern, die ihre Plexiglasschilde im Anschlag hielten.

      „Wo wollen Sie denn hin, Miss Whitman?“, fragte er mit kalter, schnarrender Stimme, als er nah genug war, dass Alex ihn hören konnte. Die wurde daraufhin von ihrem Sicherheitsmann herumgedreht, sodass sie direkt in Mr. Steeles spitzes Gesicht blicken konnte. Er war ihr jetzt ganz nah und sie erwiderte seinen Blick mit purer Angst.
      „Sie haben wahrhaft genug Schaden angerichtet“, fuhr er bedrohlich fort und wandte sich dann an den Sicherheitsmann, der Alex in seiner Gewalt hatte: „Gut gemacht, Riley.“

      Anschließend gab er den anwesenden Sicherheitsleuten mit einem Winken zu verstehen, dass sie weitergehen sollten und ging mit seiner Leibgarde voran.

      „Richard!“, schrie Alex noch einmal panisch und so laut sie konnte in die Menge, woraufhin Riley, der Sicherheitsmann, sie mit einem leichten aber dennoch schmerzhaften Hieb seines Schlagstocks auf ihren Hinterkopf zum Schweigen brachte. Es war das einzige, was sie so hoffnungslos gefesselt noch tun konnte, bevor sie von dem Sicherheitsmann Mr. Steele hinterher aus dem Stadion geschleift wurde...

      Meine Fan Fiction auf eTCG - Yu-Gi-Oh! PHOENIX
      Serie 1 / Serie 2
      Kartenliste
      Alex:

      Instantfusion

      Mavelus
      Pixie-Ring
      Fushi No Tori
      Schwalbennest

      Richard:

      Vorhut der Drachen

      Schimmerdrache
      Drache, der in der Höhle haust
      Schlag mit voller Kraft
      Topf der Gier
      Erdbeben
      Redox, Drachenherrscher der Felsen
      Golemdrache
      Edelmetall-Drache

      Neue Karten:

      Kleiner Phönix

      Monster / Effekt / Feuer / Geflügeltes Ungeheuer / Stufe 4 / 1600 Atk / 1200 Def

      Einmal pro Spielzug, wenn diese Karte zerstört und auf den Friedhof gelegt wird (außer als Ergebnis eines Kampfes): Du kannst diese Karte als Spezialbeschwörung von deinem Friedhof beschwören.

      Schülerin des Phönix

      Monster / Effekt / Feuer / Hexer / Stufe 5 / 2100 ATK / 1300 DEF

      Du kannst 1 FEUER-Monster zerstören, dass du kontrollierst: Beschwöre diese Karte als Spezialbeschwörung (von deiner Hand). Einmal pro Spielzug; wenn 1 FEUER-Monster als Spezialbeschwörung vom Friedhof auf deine Spielfeldseite beschworen wird: Ziehe 1 Karte.

      Phönix der Wiedergeburt

      Monster / Titan / Effekt / Feuer / Geflügeltes Ungeheuer / Gold-Sterne: 2 / 2500 Atk / 2000 Def

      Während des Spielzugs eines beliebigen Spielers, wenn diese Karte gegen ein Monster kämpft, dessen ATK höher sind als die ATK dieser Karte; du kannst Life Points in Höhe der Differenz bezahlen und wenn du das tust: Diese Karte nur während des Damage Steps ATK in Höhe der Menge an Life Points, die du bezahlt hast. Während der End Phase eines beliebigen Spielers, wenn sich diese Karte in deinem Friedhof befindet, weil sie in diesem Spielzug durch Kampf zerstört und dorthin gelegt wurde; Du kannst diese Karte als Spezialbeschwörung vom Friedhof beschwören.

      Rückenwind

      Zauber / Normal

      Wähle 1 offenes Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer, das du kontrollierst; in diesem Spielzug kann das gewählte Ziel deinen Gegner direkt angreifen, aber andere Monster, die du kontrollierst, können keinen Angriff deklarieren.

      Plötzliche Wiedergeburt

      Zauber / Schnell

      Aktiviere diese Karte nur während der Battle Phase. Wähle ein FEUER-Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer in deinem Friedhof; beschwöre das gewählte Ziel als Spezialbeschwörung.

      Sturmvogel

      Monster / Titan / Effekt / Wind / Geflügeltes Ungeheuer / Gold-Sterne: 2 / 2100 Atk / 1700 Def

      Einmal pro Spielzug: Du kannst eine offene Karte auf dem Spielfeld wählen; mische das gewählte Ziel ins Deck zurück. Diese Karte kann in dem Spielzug, in dem du diesen Effekt aktivierst, nicht angreifen.

      Schützling des Phönix

      Monster / Effekt / Feuer / Hexer / Stufe 3 / 900 Atk / 1100 Def

      Wenn dein Gegner dich mit einem Monster mit 2000 oder mehr ATK direkt angreift: Du kannst diese Karte von deiner Hand abwerfen; annulliere den Angriff. Wenn diese Karte auf den Friedhof gelegt wird: Du kannst deiner Hand 1 FEUER Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer von deinem Deck hinzufügen. Du kannst jeden Effekt von „Schützling des Phönix“ nur einmal pro Spielzug aktivieren.

      Metallrüstungs-Drache

      Monster / Titan / Effekt / Erde / Drache / Gold-Sterne: 3 / 3000 ATK / 2500 DEF

      Wenn diese angreifende Karte ein Monster in Verteidigungsposition durch Kampf zerstört; sie kann sofort noch einmal anreifen.

      Drachenrüstung

      Zauber / Ausrüstung

      Rüste nur 1 Monster vom Typ Drache mit 2500 oder mehr ATK mit dieser Karte aus. Es kann nicht durch Kampf zerstört werden und nicht als Ziel für die Effekte von Monstern gewählt werden, die weniger ATK als das ausgerüstete Monster haben.

      Doppelte Wiedergeburt

      Falle / Normal

      Du kannst diese Karte aktivieren, wenn dein Gegner ein Monster als Spezialbeschwörung von seinem Friedhof beschwört; Wähle 1 Monster von deinem Friedhof und beschwöre es als Spezialbeschwörung. Dann kannst du 1 Monster in offener Angriffsposition wählen, das dein Gegner kontrolliert; ändere das gewählte Ziel in die offene Verteidigungsposition.

      Schatz der Drachen

      Zauber / Normal

      Wirf’ ein Monster vom Typ Drache der Stufe 4 oder niedriger mit 2000 oder mehr ATK ab; ziehe 2 Karten von deinem Deck.
      Preview: Kapitel 1.18 – Tag der Abrechnung; Teil 2
      Nachdem das Finale des Turniers von Alex’ Fans ins Chaos gestürzt wurde, ist Mr. Steeles Geduld mit ihr am Ende. Er bringt sie in sein Büro und zwingt sie dazu, die Fernsehsendung anzusehen, die ihren Ruf endgültig runieren wird. Im anschließenden Gespräch kommt es endlich zum Zusammenprall der beiden Widersacher, die unterschiedlicher kaum sein könnten, wobei unter Anderem das Geheimnis von Alex’ Vater gelüftet wird. Und wieder einmal ist es Richard, der für sie in die Bresche springen muss…

      So, das war's erstmal wieder. Ich hoffe, das nächste Kapitel kommt früher (Ich habe auf jeden Fall schon mal 10 Seiten vorgearbeitet.) Wie immer Danke an alle Leser. Ich hoffe, ihr habt immer noch Spaß an meiner Fanfic.

      Also dann: Man sieht sich! ;)

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      Serie 1 / Serie 2
      Och Leute... Das ist das Finale! Na ja, ich interpretiere es einfach mal so, dass viele noch nicht auf dem neuesten Stand sind...

      Wie auch immer, geht diesmal pünktlich weiter. Viel Spaß, vielen Dank an alle Leser und Sechsfachpost ahoi!

      Was bisher geschah
      Als Alex am Tag des Finales zum Stadion geht, um sich ihrem Duell gegen Richard zu stellen, wird sie von einer Horde Demonstranten empfangen, die das Stadion belagern. Angespornt durch Alex’ Erfolge im Turnier, mit denen sie den armen Menschen wieder Hoffnung gebracht hat, kündigen sie an, sich nicht mehr von der Obrigkeit unterdrücken zu lassen und stattdessen gegen diese zu kämpfen.
      Während die Demonstranten versuchen, sich gewaltsam Zutritt ins Stadion zu verschaffen, liefern sich Alex und Richard ein intensives Duell, dessen Ausgang unklar bleibt. Denn gerade, als Richard es schafft, einen Stand von 700 zu 800 Lebenspunkten zu erreichen, stürmen die Demonstranten das Stadion und liefern sich rund um das Duellfeld eine heftige Schlacht mit den Sicherheitspersonal, weshalb das Duell abgebrochen wird.
      Alex taucht anschließend in der Menge unter und versucht, zu fliehen, wird aber von Sicherheitsmann geschnappt und gefesselt. Plötzlich taucht Mr. Steele von zwei weiteren Sicherheitsmännern flankiert auf und lässt Alex abführen, denn er ist gar nicht erfreut darüber, dass sie mit ihrem Aufstieg sein Turnier dermaßen aus dem Ruder hat laufen lassen…
      Kapitel 1.18 - Tag der Abrechnung; Teil 2
      „Lass mich los, du verdammter…“, keifte Alex und wand sich wie eine wütende Schlange, um dem Griff des Sicherheitsmannes namens Riley, der sie in seiner Gewalt hatte, zu entkommen. Aber genau so gut hätte sie versuchen können, sich wegzuteleportieren, so wenig brachte es. Sie war ein dünnes, nicht besonders großes, sechzehnjähriges Mädchen, er ein großer, kräftiger Mann, der ihren Bemühungen keinerlei Beachtung schenkte und stur geradeaus blickte.
      Schon nach wenigen Sekunden war Alex vollkommen entkräftet und gab ihre Fluchtversuche auf. Sie ließ sich also schweigend und mit grimmiger Miene hinter Mr. Steele und seiner Leibgarde her über den Platz vor dem Stadion schleifen, der von den Demonstranten verlassen worden war, und versuchte dabei nicht an ihre Mutter, Mia oder deren Brüder zu denken. Sicher waren sie jetzt alle in Panik und versuchten, heil aus dem Stadion zu kommen. Vielleicht waren sie auch verzweifelt auf der Suche nach ihr...
      Sie erreichten die Straße, wo schon zwei schwarze Limousinen mit verdunkelten Fenstern bereitstanden. Mr. Steele stieg mit einem seiner Sicherheitsmänner in die erste ein, während die zweite Leibwache draußen blieb. Alex wurde anschließend von ihrem Sicherheitsmann unsanft in die zweite Limousine bugsiert und auf der Rückbank angeschnallt. Eine äußerst unbequeme Angelegenheit, da ihre Hände immer noch mit einem Kabelbinder hinter den Rücken gebunden waren. Aber statt zu klagen blieb sie stumm wie ein Fisch und bedachte Riley, den Sicherheitsmann, nur mit ihrem giftigsten Blick, während der neben ihr auf der Rückbank Platz nahm.

      Der Konvoi setzte sich in Bewegung und während der ganzen Fahrt schwiegen Alex und der Sicherheitsmann, wobei Erstere stur aus dem Fenster starrte. Es war kaum Verkehr auf den Straßen. Sicher, so dachte Alex grimmig, waren sie alle entweder in diesem Moment im Stadion oder verfolgten das dortige Geschehen auf ihren Fernsehern.
      Es war eine sehr kurze Fahrt und nach nicht einmal zehn Minuten kamen die Limousinen in einem Viertel voll gläserner Bürotürme zum Stehen. Riley stieg aus, ging hinten um das Auto herum und öffnete die Hintertür auf Alex’ Seite, um sie aus dem Wagen zu zerren.
      Draußen im Sonnenlicht wurde Alex abermals von hinten von dem Sicherheitsmann gepackt, der sie herum drehte, sodass sie freie Sicht auf das Gebäude hatte, auf das Mr. Steele und sein verbliebener Wachmann bereits zuschritten.

      Der Hauptsitz von Steele Industries war das höchste Gebäude der Stadt. Der futuristische Wolkenkratzer war komplett aus Glas erbaut, mit Ausnahme der Frontfassade mit dem gewaltigen Eingangsportal. Diese war bis zu etwa einem Drittel der Gesamthöhe des Bauwerks mit weißem Marmor verkleidet, auf dem sich über dem Eingang über fünf Stockwerke das gigantische Logo der Firma erstreckte.
      Rechts und links der Fassade erstreckten sich zwei gewaltige, schräg nach hinten verlaufende Gebäudeflügel. Insgesamt hatte das Monument einen Keilförmigen Grundriss, der an einen Flugdrachen erinnerte. Ganz oben auf der Spitze des Turms gab es dann noch einen schrägen Aufbau, der an eine gläserne Rampe oder ein Segel erinnerte.
      Riley schob Alex über den Platz vor dem Gebäude, in dessen Mitte ebenfalls ein gewaltiger Springbrunnen stand. Er bugsierte sie um diesen herum und folgte Mr. Steele ins Innere des Gebäudes.
      Das Atrium war ein riesiger, knapp drei Stockwerke hoher Raum, der hell erleuchtet und mit einem freundlichen Interieur aus hellem Holz ausgestattet war. In der Mitte des Raums stand ein ovaler Empfangsschalter mit einer überfordert wirkenden Frau daran, die, kaum hatte Mr. Steele das Gebäude betreten, diesen mit einer Flut von hastigen Fragen über die Vorfälle im Stadion überhäufte. Aber der Mann im Anzug machte nur eine ungeduldige Geste mit seiner Hand, um die Frau zum Verstummen zu bringen, und schritt geradewegs auf einen der Gänge zu, die schräg vom Atrium abzweigten und jeweils drei Aufzüge beheimateten. Er drückte den Knopf am Mittleren, wodurch dessen Türen sofort aufglitten.
      Die drei Männer und unwillentlich auch Alex betraten den Aufzug, sodass es darin schon recht eng wurde. Ohne ein Wort zu wechseln fuhren sie zwanzig Stockwerke hinauf und stiegen in einem schmalen Gang aus, der mit denen, die vom Atrium wegführten, komplett identisch war. Als sie den Gang verließen, fanden sie sich in etwas wieder, dass eine Art Erholungszentrum für die Mitarbeiter zu sein schien. Überall waren riesige Pflanztöpfe mit Grünanlagen angelegt, die Etage war durch eine vollverglaste Wand Sonnendurchflutet und überall waren Sitzgruppen und kleine Tische verteilt. Schilder leiteten den Weg zur Cafeteria. Nur war die Etage scheinbar vollkommen ausgestorben. Um diese Zeit machte wohl niemand Pause.
      Auch wenn Alex immer noch überaus schlecht gelaunt war, sie konnte nicht anders, als mit geöffnetem Mund von Riley geleitet durch das zu laufen, das wie eine überdachte Parkanlage aussah, und die Dekadenz zu bestaunen, in deren Genuss man als Mitarbeiter von Steele Industries kam, wenn man es weit genug brachte, um in einem Büro im Hauptsitz zu arbeiten.
      Doch man ließ ihr keine Zeit, um sich in Ruhe alles anzusehen, denn schnurstracks bewegten sich Mr. Steele und die Sicherheitsleute weiter fort und erreichten schließlich den quadratischen Anbau, der die beiden Hauptflügel des Gebäudes verband und von zwei Seiten aus komplett verglasten Wänden bestand. In diesem Anbau befand sich auch das Treppenhaus und Alex wurde ganz schwindelig beim Anblick der stählernen Treppen, die sich unter ihr sechzig Meter in die Tiefe wanden.
      Zwischen den beiden Treppenhäusern, die sich rechts und links von ihnen erstreckten, stand eine gewaltige, gläserne Säule, in der weitere Aufzugseile gespannt waren.
      Offenbar musste man eine spezielle Befugnis haben, um diesen Aufzug zu benutzen, denn jetzt holte Mr. Steele eine rechteckige Mitarbeiterkarte aus der Innentasche seines Jacketts und steckte sie in einen Schlitz neben den Aufzugknöpfen.
      Ein grünes Lämpchen leuchtete auf und wenige Sekunden später kam von unten eine runde Aufzugkabine geschossen und kam sanft vor ihnen zum Stillstand. Lautlos glitt die gebogene Tür zur Seite hin auf und die drei Männer betraten mit der gefesselten Alex den riesigen Fahrstuhl, der, so vermutete sie, auch in die Stockwerke fuhr, die für die einfachen Mitarbeiter nicht erreichbar waren.
      Mr. Steele gab in ein Tastenfeld die Nummer der Etage ein, in der fahren wollte, woraufhin der Aufzug sich sanft in Bewegung setzte und anschließend rasant beschleunigte. Ein beeindruckender Anblick bot sich den Insassen, als sie in die Höhe schossen: Durch die komplett verglasten Wände des Fahrstuhls und des Gebäudes, in dem er sich befand, konnte man den blauen Himmel sehen, die Wolkenkratzer und die Autos auf den Straßen, die wie bunte Ameisen dahinglitten.

      Obwohl sie bestimmt über hundert Höhenmeter zurücklegten, dauerte die Fahrt nur eine knappe Minute. Schließlich kam der Aufzug genau so sanft zum Stillstand, wie er angefahren war und die Tür glitt lautlos auf.
      Offenbar waren sie jetzt in jenem Dreieckigen Aufbau auf der Spitze des Turms angekommen, denn über ihnen erstreckte sich nur ein schräges Dach aus Glas und Stahl und darüber das endlose Blau des Himmels.
      Zielstrebig schritt Mr. Steele voran in einen hellen, menschenleeren Gang. Am Ende des Ganges wandte er sich nach rechts und öffnete eine Tür, die genau so aussah wie alle anderen im Gang. Riley und damit auch Alex folgten ihm durch die Tür, während der andere Sicherheitsmann davor wartete. Alex schluckte. Nun waren sie am Ziel ihrer Reise angekommen…
      Sie gingen durch ein kleines, unbesetztes Sekretariat, an dessen Ende Mr. Steele eine Schiebetür aus trübem Glas beiseite schob und für Riley offen hielt, der mit Alex zusammen den Raum dahinter betrat.
      Mr. Steeles Büro war größer als Wohnzimmer und Küche von Alex’ alter Wohnung zusammen. Zu beiden Seiten der Tür standen hohe Bücherregale, inmitten des Raums stand ein ovaler Tisch mit vier Stühlen und ein knapp zwei Meter breites, abstraktes Gemälde hing an einer Wand. Die Westwand des Raums gegenüber der Tür bestand komplett aus Glas und bot einen wunderschönen Ausblick auf den riesigen, grünen Stadtpark, an dessen Rand Alex eine Spielzeugausgabe des Steele-Stadions erkennen konnte, scheinbar völlig friedlich. Mit dem Rücken zum Fenster, hinter einem riesigen Schreibtisch, stand ein großer Bürostuhl mit Armlehnen, der mit schwarzem Leder gepolstert war, davor ein ziemlich unbequem aussehender Holzstuhl.
      Auf diesen zwängte Riley nun die immer noch äußerst grimmig dreinblickende Alex, während Mr. Steele die Schiebetür hinter ihnen schloss und auf seinem eigenen Bürostuhl Platz nahm.

      „Lassen Sie meinen Gast frei“, gebot Mr. Steele Riley mit unergründlicher Stimme. Es war das erste Mal, dass einer von ihnen sprach, seit sie das Stadion verlassen hatten. Der Sicherheitsmann zückte daraufhin ein Messer von seinem Gürtel.
      Panik stieg in Alex auf, als sie die lange, gezackte Klinge des Werkzeugs sah, aber Riley durchtrennte damit nur den Kabelbinder, mit dem sie gefesselt war.
      Erleichtert entfernte sie ihre schmerzenden Hände von ihrem Rücken und bewegte ihre Finger. Als wieder etwas Gefühl in diese zurückgekehrt war, sprang sie mit zorniger Miene auf und wollte auf den vollkommen unbeeindruckt wirkenden Mr. Steele mit ihren Fäusten attackieren, die nun wieder lichterloh in Flammen standen.
      Riley reagiert sofort. Er packte sie unsanft an den Schultern und presste sie zurück in den unbequemen Stuhl. Widerwillig, mit einem Blick auf das Messer, das am Gürtel des Sicherheitsmannes prangte, ließ sie es sich gefallen und blieb sitzen.

      „Danke…“, sagte Mr. Steele ruhig, während Riley sich wachsam neben die Tür stellte, und öffnete eine Schublade an seinem Schreibtisch, eine Fernbedienung hervor holend. Er deutete auf einen großen, flachen Fernsehbildschirm, der an der Wand gegenüber dem Gemälde hing und schaltete ihn an.
      „Hinsehen“, befahl Mr. Steele und mit verächtlicher Miene tat sie, wie ihr geheißen.

      „Wir senden immer noch live vor dem Steele-Stadion, wo sich die Lage allmählich beruhigt“, sagte die Stimme einer Frau, als das Bild aufgetaucht war, wobei Bilder von Demonstranten gezeigt wurden, die von Sicherheitsleuten abgeführt wurden und von verängstigten Zuschauern, die zu Hunderten aus dem Stadion quollen.
      „Vor etwa einer halben Stunde wurde dieses von Anhängern der Finalteilnehmerin Alexandra Whitman gestürmt, die sich gewaltsam Zutritt zum Stadion verschafft haben und sich daraufhin in dessen Inneren eine Schlacht mit dem Sicherheitspersonal geliefert haben…“
      Die Frauenstimme verstummte und stattdessen wurde Originalton gesendet, während Wiederholungsaufnahmen von besagten Ereignissen über den Bildschirm flackerten. Es waren Aufmerksamkeit heischende Bilder von Panik, Gewalt und Zerstörung. Nicht selten wurde ein Zeitlupeneffekt eingesetzt.
      „Für Sie vor Ort Jenna Mason von Domino News“, sagte die Urheberin der Stimme, die jetzt auf dem Bild zu sehen war. Es war eine attraktive, blonde Reporterin in einem roten Blazer, die scheinbar aus einem provisorischen Studio aus Pappaufstellern und einer blauen Leinwand als Hintergrund berichtete. „Mittlerweile wurde der Aufstand jedoch erfolgreich gestoppt und das Stadionpersonal stellt die Sicherheit wieder her. Was nun natürlich offen bleibt, ist die Frage, wie es mit der Duel Monsters Newcomer’s Championship weitergehen soll. Deshalb ist jetzt hier bei mir Christopher Allington, Vorsitzender der Turnierverwaltung und Sprecher von Steele Industries, der hoffentlich etwas Klarheit in diese Frage bringen wird. Hallo, Christopher.“

      Die Kamera schwenkte nach rechts und Alex’ Herz rutschte ihr in die Hose, als sie ein weiteres verhasstes Gesicht erblickte. Christopher Allington stand mit ausdruckslosem Gesicht an einem weiteren provisorischen Papppult, das schreckliche, künstliche Auge in die Kamera gerichtet.
      „Danke, Jenna“, sagte er.

      Nun war wieder die blonde Reporterin im Bild zu sehen: „Mr. Allington, das Finale musste abgebrochen werden. Wird es eine Wiederholung geben?“

      Christopher war wieder zu sehen und machte eine Pause. „Nein“, sagte er schließlich schlicht. Jenna Mason wirkte irritiert.

      „Aber…“, sagte sie. „Das Duell war zu dem Zeitpunkt, als die Demonstranten das Stadion stürmten, noch nicht zu Ende gebracht. Muss nicht ein Sieger bestimmt werden?“

      Christopher ließ sich erneut Zeit, um sich eine Antwort zu überlegen: „Mr. Steele ist der Sieger. Denn wie sich herausgestellt hat, hat Miss Whitman die ganze Zeit über betrogen.“

      Alex klappte der Mund auf. Betrogen? Sie? Wie wollte Christopher das erklären?

      Diese Fragen schienen auch die Reporterin zu beschäftigen, denn sie schaute genau so verwundert drein wie die Beschuldigte in Mr. Steeles Büro.
      „Betrogen?“, sprach sie Alex’ Gedankengang laut aus. „Wie das?“

      „Nun, Sie kennen doch sicher ihre Signaturkarte, Phönix der Wiedergeburt?“, antwortete Christopher. In einer Halbtotale waren nun beide Gesprächspartner auf dem Bildschirm zu sehen, sodass der Zuschauer sehen konnte, wie Jenna nickte.
      „Haben Sie jemals zuvor etwas von dieser Karte gehört?“

      Jenna wirkte überrascht: „Nun, nein, jetzt wo Sie es sagen…“

      „Natürlich nicht, schließlich existiert sie offiziell noch gar nicht“, antwortete Christopher geheimnistuerisch.

      Jenna wirkte immer noch ein wenig überrumpelt und schien sich zu bemühen, professionell zu bleiben.
      „Wollen Sie damit sagen, Alex hätte eine gefälschte Karte verwendet?“, fragte sie in sachlichem Tonfall.

      „Nein“, erwiderte Christopher schlicht. „Die Karte ist zweifellos echt, andernfalls könnte Miss Whitmans Duel Disc sie auch nicht holografisch darstellen. Die Wahrheit ist, so fürchten wir, noch viel schockierender“, er machte eine dramatische Pause, „Phönix der Wiedergeburt sollte in einem der kommenden Produkte erscheinen. Die Produktion dieser ist natürlich schon abgeschlossen. Deshalb müssen wir wohl oder übel davon ausgehen, dass Miss Whitman die Karte entwendet hat.“

      Bei diesen Worten erstarrte Alex in Mr. Steeles Büro. So wollten sie sie also rankriegen: Mit Phönix der Wiedergeburt. Ein Kloß steckte ihr im Hals. Wie sollte sie irgendjemanden vom Gegenteil überzeugen? Dass die Karte plötzlich in einer Stichflamme neben ihr aus dem Nichts erschienen war, war gewiss alles andere als glaubwürdig…

      Aber Jenna Mason wirkte nach wie vor skeptisch.
      „Aber Alex benutzt diese Karte doch schon, seit sie am Turnier teilnimmt… Wieso wird es jetzt etwas dagegen unternommen? Und überhaupt: Die unveröffentlichten Karten werden doch sicher strengstens überwacht. Wie kann Alex dann einfach eine Entwenden?“, sagte sie und Alex war überaus dankbar dafür, dass die Reporterin diese berechtigten Fragen stellte.

      Christopher unterdessen setzte ein beleidigtes Gesicht auf.
      „Glauben Sie mir nicht? Denken sie, wir irren uns, wenn wir glauben, dass uns etwas entwendet wurde? Welchen Grund hätten wir, so eine Geschichte zu erfinden?“, hetzte er und spielte damit seine angsteinjagende Wirkung auf die Menschen aus. Alex konnte nicht anders, als ihn für seine Scheinheiligkeit zu bewundern.

      Jenna machte ein schuldbewusstes Gesicht. „Doch, natürlich… Tut mir leid.“

      „Braucht es nicht“, erwiderte Christopher wohlwollend und tauschte seine zornige Grimasse gegen ein äußerst überzeugendes, schuldbewusstes Gesicht aus. „Natürlich sind Ihre Fragen durchaus berechtigt. Es ist nur so, dass diese Dinge Zeit brauchen, um bearbeitet zu werden. Wir müssen uns schließlich absolut sicher sein, bevor wir irgendjemanden dermaßen beschuldigen. Verstehen Sie? Wir wollten, dass die Öffentlichkeit möglichst nichts von dieser Angelegenheit erfährt, bis die letzten Zweifel vom Tisch sind. Wir wollten, dass das Turnier möglichst reibungslos abläuft.“

      Viele hundert Meter weiter lächelte Mr. Steele in seinem Büro, während er das Gespräch im Fernsehen verfolgte. Alex wusste auch, wieso. Sie hatte genug Erfahrung darin, in der Öffentlichkeit zu schauspielern, um zu erkennen, dass Christopher seine Sache geradezu grandios machte… Erst tut er so, als wären die kritischen Fragen der Reporterin unter seiner Würde und jagt ihr Angst ein, um anschließend zurückzurudern und es so darzustellen, als hätte seine Firma nur so gehandelt, um Niemanden zu schaden und als würde es ihm von tiefsten Herzen Leid tun, Alex zu beschuldigen…

      „Und zu Ihrer zweiten Frage“, fuhr Christopher im Fernseher fort. „Wie Sie vollkommen richtig gesagt haben, werden unveröffentlichte Karten strengstens bewacht. Es wäre für Miss Whitman allein unmöglich, sich eine zu beschaffen. Die Frage, wie sie es trotzdem geschafft hat, hat uns die ganzen letzten zwei Wochen beschäftigt. Und wir mussten leider zu dem Schluss kommen, dass sie Hilfe von Innen hatte…“

      Christopher verstummte und nun war wieder Jenna Mason im Bild zu sehen. Sie wirkte schockiert, so als wäre auch sie zutiefst fasziniert von Christophers Geschichte.
      „Denken Sie dabei etwa an Richard?“, fragte sie dennoch in einem professionellen, sachlichen Ton.

      Christopher schloss die Augen. Es wirkte wirklich, als würde ihm alles, was er sagte, zutiefst Leid tun.
      „Mr. Steele trifft keine Schuld“, sagte er schließlich. „Er ist nur auf die Tricks eines Mädchens hereingefallen, das er begehrte.“

      Alex schluckte. Jetzt geht es erst richtig los, dachte sie düster. Jetzt würde ihr Ruf endgültig zerstört werden…

      „Wir glauben, Miss Whitman hat das Alles lange geplant. Vor kurzem erreichten uns Aufnahmen, die beweisen, dass sie dazu wahrscheinlich in der Lage wäre. Sie zeigen Miss Whitman, wie sie an einer illegalen Duellart nachgeht, bei der die Duellanten mithilfe von Stromschlägen für den Schaden bestraft werden, den sie nehmen. Bei der Polizei spricht man von „Folterduellen“, eine Praktik, gegen die schon lange erfolglos vorgegangen wird“, erklärte Christopher und zeigte in die Kamera. Offenbar ein Signal an den Regisseur, denn kurz darauf verschwand Christophers Gesicht vom Bildschirm und besagte Aufnahmen wurden gezeigt.

      Es war eine dunkle und verwackelte Aufnahme, aber am Rand eines Duellfelds, das wie ein Boxring aussah, war deutlich ein maskiertes Mädchen mit leuchtend roten Haaren zu erkennen, dass eine Duel Disc am Arm hatte. Alex meinte zu erkennen, dass die Aufnahme während ihres ersten Duells gegen Nightmare gemacht wurde.
      Sie schämte sich ungemein dafür, sich selbst in ihrem selbstgeschneiderten, freizügigen Phoenix-Kostüm im Fernsehen zu sehen und versuchte dabei zu verdrängen, dass Millionen andere Menschen dies auch gerade sahen. Die Aufnahme zeigte sie leicht schräg von der Seite, an der sie den Stoff über ihrer Brust nur mit einer bei der schlechten Bildqualität unsichtbaren Angelschnur an ihrem Rock befestigt hatte, sodass ihr Oberkörper von dieser Seite komplett nackt war.

      „Ich mische Fushi No Tori vom Attribut Feuer von meinem Feld und Roter Totenkopfvogel vom Typ Geflügeltes Ungeheuer von meinem Friedhof ins Deck zurück! Die Kraft des Feuers und die Kraft der Vögel, vereint euch und entfesselt eine neue Kraft! Titanen-Beschwörung! Erscheine, Phönix der Wiedergeburt!“, rief die Alex im Fernsehen gerade, steckte zwei Karten in ihr Deck zurück und klatschte mit brennenden Fingern eine dritte auf ihre Duel Disc. Es gab einen Lichtblitz und Phönix der Wiedergeburt erschien über dem Boxring.

      „Aber da kommt noch mehr!“, fuhr Fernseh-Alex nach einem kaum verständlichen Kommentar Turners fort. „Ich aktiviere den Zauber Rückenwind! Damit kann ich eins meiner geflügelten Ungeheuer wählen, das dich in diesem Spielzug direkt angreifen kann! Also los, kümmere dich um ihn mit Brennender Zorn!“

      Der riesige, orange-rote Vogel stieg in die Höhe und flog davon, um Alex’ Gegner zu attackieren. Aber die Kamera blieb an dem Mädchen haften, das jetzt am Rand des Rings entlang ging, ein wenig mit den „Schwanzfedern“ wackelte und mit den Fingern Beifall einforderte. Dabei kam sie auch dem Standpunkt der Kamera einmal ganz nah, sodass sie in ihrem freizügigen Kostüm auch noch einmal frontal zu sehen war.

      Mit einem groben Schnitt endete die Aufnahme und in einer Halbtotale waren wieder Christopher und Jenna Mason zu sehen. Letztere wirkte verblüfft.
      „Aber inwiefern ist das ein Beweis dafür, dass Alex mit Richards Hilfe eine Karte gestohlen hat?“, fragte sie.

      „Es sagt viel über ihren Charakter aus“, entgegnete Christopher ruhig. „Einmal abgesehen davon, dass Miss Whitman mit ihren sechzehn Jahren die Etablissements, in denen diese Duelle abgehalten werden, eigentlich gar nicht betreten dürfte, die Frauen und Mädchen, die an diesen Duellen teilnehmen, nutzen freizügige Kostüme und andere Tricks, um von ihren männlichen Zuschauern mehr Trinkgeld zu erhalten. Sie verkaufen gewissermaßen ihren Körper.“

      „Aber vielleicht war Alex auch einfach nur verzweifelt, weil sie Geld für die Behandlung ihrer Schwester brauchte…“, warf Jenna ein und es gelang ihr nicht mehr ganz so perfekt, ihr eigenes Interesse für das Thema zu verbergen.

      Christophers Gesicht nahm nach dieser kritischen Frage wieder einen starren, zornigen Ausdruck an: „Also ist es der Zweck, der die Mittel heiligt? Es gibt andere Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Diese Aufnahmen entstanden nicht einmal zwei Wochen, nachdem Alex’ Schwester ins Koma verlegt wurde. Man kann also nicht behaupten, dass sie sonderlich lang nach diesen anderen Möglichkeiten gesucht hätte. Außerdem spricht die Tatsache, dass sie, auch nachdem sie mit Mr. Steele in Kontakt getreten war und sich Phönix der Wiedergeburt angeeignet hatte, weiterhin an diesen Duellen teilgenommen hat, dagegen, dass es eine reine Verzweiflungstat war.“

      Einen Moment lang schwiegen die beiden Interviewpartner, dann setzte Jenna von Neuem an: „Um zu Ihrem Punkt zurückzukommen, wonach die Teilnahme an den Untergrund-Duellen etwas über Alex’ Charakter aussagt: Glauben Sie also, sie hätte Richard verführt, damit er ihr hilft?“

      Christopher ließ sich wieder ein wenig Zeit damit, zu antworten.
      „Wir müssen wohl davon ausgehen“, sagte er schließlich. „Denn auch in diesem Fall haben wir Aufnahmen, die uns in dieser Annahme bestätigen.“

      Christopher zeigte erneut in die Kamera und Alex schwante Übles, als die Live-Übertragung erneut einem verwackelten, dunklen Bild wich.
      Alex, mit ihrer blassen Haut, ihrem hellen Oberteil und ihrem feuerroten Haar, war wie ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit der Aufnahme. Sie saß auf dem Boden, den Rücken gegen eine Balustrade gelehnt. Neben ihr hockte die lange, dunkle Gestalt Richards, ihren Kopf auf seiner Schulter…

      Nein, dachte Alex entsetzt. Das zeigt ihr nicht! Aber es war zwecklos, schon fing die Alex im Fernsehen an, zu sprechen.
      „Vorhin, als Mia und ich dir bei deinem Duell zugesehen haben, da hat sie mich gefragt, wann ich endlich einsehen würde, dass da mehr zwischen uns ist als nur Freundschaft.“

      Bei der schlechten Bildqualität konnte man nicht erkennen, dass Alex’ Gesicht während dieses Gesprächs tränennass gewesen war. So aus dem Kontext gerissen konnte man wirklich meinen, sie spiele ihm etwas vor…

      „Und?“, fragte Fernseh-Richard. Man konnte richtig die Aufregung in seiner Stimme hören.

      „Ich glaube, es ist endlich so weit“, entgegnete Fernseh-Alex, woraufhin die echte Alex gezwungen war, sich selbst in Anwesenheit ihres schlimmsten Feindes und eines fremden Sicherheitsmannes bei ihrem ersten Kuss zuzusehen. Auch dieses Mal kam die schlechte Bildqualität dem Zweck der Aufnahme zur Güte: Man erkannte in ihrem Gesicht nicht die Nervosität, die sie vor dem Kuss empfunden hatte, erkannte nicht, wie unbeholfen sie sich angestellt hatte. Aber was man sicher sah, war, dass der Kuss eindeutig von ihr ausging. Zorn kochte in ihr auf wie heiße Lava bei dem Gedanken, dass gerade die ganze Stadt den vielleicht intimsten Moment ihres Lebens beobachtete und dieser sogar gegen sie verwendet wurde…

      „Diese Aufnahmen beweisen eindeutig, es zwischen Miss Whitman und Mr. Steele zu intimem, körperlichen Kontakt gekommen ist“, meinte Christopher sachlich, als die Aufnahme erneut mit einem groben Schnitt endete und wieder er im Fernsehbild zu sehen war. „Unter Berücksichtigung ihrer Vorgeschichte müssen wir leider davon ausgehen, dass Richard nur ein weiterer Mann war, der von ihr zu ihrem Vorteil manipuliert wurde, wie hunderte Gäste der Duelist Clubs vor ihm.“

      Die Kamera schwenkte hinüber zu Jenna, die erstaunt ins Leere starrte. Nach einer Weile schien sie sich unwillkürlich an das zu erinnern, weswegen sie hier war, und fing plötzlich wieder an, zu sprechen: „Nun, es ist wohl das Beste, wenn wir jemanden zu Wort kommen lassen, der Alex und Richard gekannt hat. Ich spreche jetzt mit Evan Drake, der den beiden während des Turniers als Mentor zur Seite stand. Hallo, Evan.“

      Die Kamera schwenkte nach links, wo Evan hinter einem weiteren Papppult stand. Genau wie das von Christopher stand es leicht schräg zu dem von Jenna, sodass Evan und Christopher sich ansehen konnten.
      „Hallo“, sagte Evan steif. Er machte ein ungewöhnlich ernstes Gesicht, das ihm richtig Autorität verlieh.

      „Mr. Drake, wussten Sie, dass Alex sich vor ihrer Turnierteilnahme an Untergrund-Duellen beteiligt hat?“, fragte die Reporterin.

      „Ich hatte keine Ahnung“, erwiderte Evan mit einem leichten Kopfschütteln, was, wie Alex wusste, absolut der Wahrheit entsprach. „Aber was macht das schon für einen Unterschied? Wir haben alle Dinge getan, auf die wir nicht stolz sind! Verdammt, sie wollte doch nur ihre Schwester retten!“

      In einer größeren Aufnahme waren alle Gesprächspartner zu sehen. Christopher schüttelte fast mitleidig den Kopf.

      „Beruhigen Sie sich, Mr. Drake“, sagte Jenna mit sanfter Stimme. „Können Sie denn bestätigen, dass zwischen Alex und Richard eine romantische Beziehung vorlag?“

      „Was?“, fragte Evan barsch.
      „Hören Sie, ich werde hier nicht im Fernsehen über das Liebesleben meiner Freunde reden! Dass Sie das überhaupt von mir erwarten…“, fuhr er fort und eine Woge der Zuneigung für Evan überkam Alex. Unterdessen gab dieser dem Kameramann mit einer Geste zu verstehen, dass er ihn näher ranholen sollte, sodass Evans vernarbtes Gesicht in Nahaufnahme auf dem Bildschirm zu sehen war.
      „Bitte, lassen Sie das nicht geschehen!“, sprach er direkt zum Publikum. „Lassen Sie nicht zu, dass die Ihr Bild von Alex beschmutzen!“

      Mit einem herablassenden Lächeln schaltete Mr. Steele den Fernseher aus, legte die Kuppen seiner langen Finger aneinander und beugte sich zu Alex vor.
      „Nun, was sagen Sie?“, fragte er.

      Alex konnte es immer noch nicht fassen. Sie musste an die kleine Emma denken, deren Mutter ihr gerade erklären musste, dass ihr großes Idol die ganze Zeit über gelogen hatte, und es dabei wahrscheinlich selbst kaum glauben konnte…
      „Damit kommen Sie nicht durch“, meinte Alex mit einem Kopfschütteln. Es war die letzte, verzweifelte Hoffnung. „Das kaufen Ihnen die Leute nicht ab.“

      „Sie überschätzen die Gutgläubigkeit der Menge“, erwiderte Mr. Steele und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Aber Sie haben schon Recht, ein entscheidendes Puzzleteil fehlt noch. Sie selbst werden Ihre Tat in einem öffentlichen Statement gestehen."

      Es war kein Befehl, sondern eine Feststellung. Dies weckte Alex’ Widerstandskraft. „Und was, wenn ich mich weigere?“, fragte sie angriffslustig, wobei sie Mr. Steele verächtlich anstarrte.

      Der antwortete zunächst nicht und legte stattdessen wieder seine Fingerkuppen aneinander.
      „Lassen Sie es mich so sagen“, fing er an. „Eine gefälschte Karte zu benutzen, ist nur ein Verstoß gegen eine Spielregel. Aber eine Karte zu entwenden ist Diebstahl. Und deshalb strafbar. Und glauben Sie mir, ein Pflichtverteidiger, der kaum die Universität abgeschlossen hat, hat keine Chance gegen meine Anwälte…“

      „Sie Mistkerl“, giftete Alex und ballte auf ihrem Schoß die Fäuste.

      „Beleidigung… die Waffe der Einfallslosen“, entgegnete Mr. Steele unbeeindruckt und fing an, seinen Stuhl zum Vergnügen ein wenig hin- und herzudrehen.

      „Und was, wenn ich gestehe?“, erzürnte sich Alex und sprang auf, die Hände auf die Oberfläche des gewaltigen Schreibtischs gestützt. Sofort kam Riley, der Sicherheitsmann, aus seiner Ecke und zwängte sie wieder in den Stuhl.
      „Wahrscheinlich werden Sie so tun, als würden Sie mir verzeihen und mir dann offiziell die Karte schenken, die sowieso mir gehört, habe ich Recht?“

      Mr. Steele lächelte breit und hörte auf, mit seinem Stuhl zu wackeln.
      „Sieh an…“, meinte er amüsiert. „Und ich dachte immer, Sie wären ein wenig schwer von Begriff. Aber Sie hätten die richtige Denkweise, um es weit zu bringen…“

      Alex konnte nicht fassen, was sie gerade gehört hatte. Das war es also, was man tun musste, um es „weit zu bringen“? Lügen zu seinem eigenen Vorteil verbreiten? Als sie antwortete, legte sie so viel Verachtung in ihre Stimme, wie es ihr möglich war: „Wie können Sie nur mit sich selbst leben?“

      Mr. Steeles Gesicht verhärtete sich.
      „Glauben Sie, ich hätte es gern getan?“, fragte er. „Glauben Sie, es bereitet mir Freude? Was denken Sie, warum all diese Dinge erst jetzt an die Öffentlichkeit geraten? Ich wünschte, es hätte nicht so weit kommen müssen. Aber Sie haben mir nunmal keine Wahl gelassen…“

      „Na dann vielen Dank auch“, entgegnete Alex mit beißendem Sarkasmus. „Dass Sie damit gewartet haben, bis die Lage für Sie ungemütlich wurde, bevor Sie mein Leben zerstört haben!“, sie sprach die letzten Worte mit besonders viel Nachdruck aus. Dann fuhr sie in Rage versetzt fort: „Tun Sie nicht so, als würden Ihnen andere Menschen irgendetwas bedeuten! Sparen Sie sich das für die Kameras! Denn ich glaube Ihnen kein Wort! Ich weiß, wie Sie wirklich sind!“

      Mr. Steele, immer noch mit steinernem Gesicht, öffnete den Mund, aber Alex schnitt ihm das Wort ab: „Mein Mutter…“, begann sie lautstark und sprang erneut von ihrem Stuhl auf, um Sekunden später von Riley wieder in diesen gedrückt zu werden.
      „…hat früher jeden Sonntag Suppe für die Obdachlosen gekocht, aber mittlerweile tut sie das nicht mehr, weil sie es sich nicht leisten kann! Sie wollte nur denjenigen helfen, die noch schlechter dran waren als sie selbst und wurde dafür bestraft!“, fuhr sie hysterisch fort. Sie hatte sich in Rage geredet.
      „Und Sie?“, sie sprach das letzte Wort mit besonderer Verachtung aus und deutete dabei mit dem Finger auf Mr. Steele, „Was haben Sie je für andere Menschen getan?“

      Im Gegensatz zu Alex blieb Mr. Steele völlig ruhig. Fast schon gelangweilt betrachtete er seine Finger.
      „Ich biete tausenden Menschen einen Arbeitsplatz“, rechtfertigte er sich. „Sie kennen doch das Sprichwort: Gib dem Hungrigen einen Fisch, und er ist satt. Aber lehrst du ihm zu fischen, hat er nie wieder Hunger.“

      „Oh ja, Sie sind wirklich ein toller Arbeitgeber“, spottete Alex.
      „Einer, dem seine Angestellten nicht einmal genug bedeuten, um in seinen Fabriken für anständige Sicherheitsmaßnahmen zu sorgen!“, fuhr sie lautstark fort, in Gedanken an ihren Vater, der bei einem Fabrikunfall gestorben war.

      Mr. Steele schwieg und legte abermals die Kuppen seiner Finger aneinander.
      „Es gibt eine Menge Dinge, die Sie nicht verstehen“, sagte er ruhig, fast nachdenklich. „Aber ich bewundere Ihre Willensstärke. Ich frage mich, wie sind Sie noch dazu in der Lage, so viel Widerstand zu leisten? Ich dachte, Christopher hätte entsprechende Schritte gegen Sie unternommen…“

      Obwohl sie vielleicht noch nie in einer Situation gesteckt hatte, die weniger zum Lachen war, grinste Alex ein manisches Grinsen. Ein Wahn hatte von ihr Besitz ergriffen, ähnlich wie in der Nacht, als sie das letzte Mal auf Nightmare getroffen war.
      „Es war Ihr Sohn…“, antwortete sie voller Genugtuung. „Die ganze Zeit über. Ohne ihn wäre ich längst zerbrochen, in der Nacht, als ich mich das letzte Mal im Untergrund duelliert habe! Aber er hat mich wieder zusammengeflickt, wieder und wieder. Und jetzt bezahlen Sie den Preis dafür! Denn ich werde mich Ihnen nicht ergeben! Ich werde weiterkämpfen! Nicht für mich oder meine Schwester, sondern für all die Menschen, die unter Ihrer Gier zu leiden haben!“

      Mr. Steele antwortete zunächst nicht, sondern starrte nur nachdenklich auf seine Finger.
      „Wissen Sie, vielleicht war das, was im Fernsehen über Sie und meinen Sohn gesagt wurde, gar nicht so falsch“, sagte er schließlich leise, aber klar verständlich. „Er begehrt Sie, zweifellos. Und er hat sich verändert, seit er Sie kennengelernt hat. Nicht zum Guten, wie ich leider sagen muss. Es ist ein Jammer, dass seine Hormone ihn ausgerechnet an ein Mädchen bringen mussten, das einen so schlechten Einfluss auf ihn ausübt.“

      Alex grinste weiterhin in ihrem Wahn: „Sie sind derjenige, der nichts versteht! Sie selbst sind schuld daran, dass Richard Ihnen den Rücken zukehrt, weil Sie Ihre Frau auf dem Sterbebett im Stich gelassen haben!“

      Mr. Steeles Gesicht wurde rot vor Zorn, er knallte mit einer Faust auf den Tisch.
      „Was gibt Ihnen das Recht, so über meine Familie zu sprechen?“, fuhr er sie an. „Sprechen Sie nicht über Dinge, die Sie nichts angehen!“

      Alex war überrascht, dass Mr. Steele so empfindlich darauf reagierte. Sie hatte erwartet, dass er auch dies lässig abtun würde. Vor lauter Staunen vergaß sie glatt, ihn verächtlich anzufunkeln.
      Mr. Steele selbst schien zu bereuen, dass er laut geworden war. Er schloss die Augen und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Als er sprach, war seine Stimme wieder kalt und ruhig: „Aber ich sehe schon, Sie sind unverbesserlich. Sie ziehen es vor, für Ihre lächerlichen Ideale einzutreten, auch wenn Sie sich selbst damit zu Grunde richten. Sie sind wahrlich genau wie Ihr Vater.“

      Alex erstarrte, den Mund leicht geöffnet.
      „Was wissen Sie über meinen Vater?“, sagte sie eindringlich und wiederholte damit genau die Frage, die sie einen Tag zuvor Christopher gestellt hatte.

      „Ich könnte Sie das gleiche fragen“, entgegnete Mr. Steele gelassen und betrachtete wieder seine Finger.

      „Mein Vater war ein ehrlicher Arbeiter“, betete Alex herunter. „Er war ein sehr intelligenter Mann, aber er war arm, deshalb konnte er nicht an die Universität gehen und hat stattdessen in Ihrer Fabrik gearbeitet. Und dann ist er gestorben, weil Sie zu geizig waren, um für ausreichende Sicherheitsmaßnahmen zu sorgen!“

      Mr. Steele lächelte amüsiert.
      „Das hat man Ihnen also erzählt, ja?“, fragte er. „Nun, John Whitman war zweifellos überaus intelligent. Etwas, dass er wohl leider nicht an Sie weitergegeben hat. Aber Ihr Vater war viel zu talentiert, um ihn auf ewig in einer Fabrik versauern zu lassen. Ich habe sein Potenzial erkannt und habe ihn befördert. Er hat in der Wissenschaftsabteilung gearbeitet, an streng geheimen Projekten. So geheim, dass nicht einmal seine Familie davon erfahren durfte.“

      Dieser Bericht traf Alex wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Vater hatte ihr und ihrer Mutter immer erzählt, wie langweilig, anstrengend und eintönig seine Arbeit war. Deshalb haben sie ihn irgendwann gar nicht mehr danach gefragt. War es möglich, dass er in Wirklichkeit nur seine wahre Tätigkeit geheim halten wollte? Dann fiel Alex jedoch ein, warum es auf keinen Fall so sein konnte.
      „Wenn er Ihnen so wichtig war, wieso hat er dann so schlecht verdient?“, fragte sie triumphierend.

      „Oh, er hat nicht schlecht verdient“, meinte Mr. Steele beiläufig. „Im Gegenteil. Er hat besser verdient die meisten Mitarbeiter dieser Firma. Aber natürlich wäre es verdächtig, wenn ein einfacher Arbeiter so viel Geld verdienen würde. Wahrscheinlich hat er sich auf einem geheimen Konto einiges zurückgelegt…“

      Erneut kramte Alex in den wenigen Erinnerungen, die sie noch an ihren Vater hatte. Obwohl er arm gewesen war, war er immer so gut zu ihr und Lily gewesen. Oft hatte ihre Mutter ihn getadelt, weil er seinen Kindern ständig Karten und Eistüten kaufte, von denen sie glaubte, dass er sie sich nicht leisten konnte. Manchmal hatte es sogar einen richtigen Streit deshalb gegeben…
      War es möglich, dass das Geld bei ihm so locker gesessen hatte, weil er in Wahrheit mehr als genug davon besessen hatte?

      „Ja, er hätte es wirklich weit bringen können“, seufzte Mr. Steele. „Aber leider gab es da ein Problem…“

      „Und das wäre?“, fragte Alex barsch.

      „Genau wie Sie zog Ihr Vater es vor, alles, was er erreicht hatte, für seine Ideale aufs Spiel zu setzen. Ihr Vater war Sozialist…“, antwortete Mr. Steele und legte abermals die Kuppen seiner Finger aneinander.

      „Was wollen Sie damit sagen?“, warf Alex ein und versuchte, bedrohlich statt unwissend zu klingen.

      Aber Mr. Steele durchschaute es sofort und lachte schnaufend auf. „Es ist unglaublich… Große Reden schwingen und selbst keinen blassen Schimmer von Politik haben…“, spottete er.
      „Der Sozialismus ist eine politische Idee“, fuhr er erklärend fort. „Darin sind alle Menschen gleich und verfügen über exakt die gleichen Mittel.“

      „Und was soll daran falsch sein?“, entgegnete Alex herausfordernd. Für sie klang das einfach nur wunderbar.

      „Falsch daran ist, dass es nicht funktioniert“, erwiderte Mr. Steele. Er schob seinen Schreibtischstuhl anschließend ein Stück zur Seite und schenkte seine Aufmerksamkeit einer Konstruktion, die in der linken, hinteren Ecke seines Schreibtischs stand. Es handelte sich dabei um eine Art schweres, spitz zulaufendes Pendel, das mit einem durchsichtigen Faden an einem Stativ hing, unter dem ein Teller mit feinem Quarzsand stand.
      „Politische Systeme sind wie dieses Pendel“, erklärte er, hob jenes an und ließ es schwingen, wobei es ovale Spuren in den Sand zeichnete. „Sie brauchen eine Kraft, die sie antreiben, damit sie in Bewegung bleiben.“, er stupste das Pendel erneut an, sodass es weiter schwang und dabei seine Bahn ein wenig änderte.
      „In unserem System, dem Kapitalismus, ist diese Kraft der Wettbewerb“, fuhr er fort. „Und ohne Wettbewerb…“, er packte den Faden, an dem das Pendel hing, sodass jenes abrupt zum Stehen kam, „…Stillstand.“

      Er schob seinen Stuhl wieder in die Mitte des Schreibtischs, während das Pendel ein paar letzte, kleine Runden machte. Mr. Steele saß nun wieder genau gegenüber von Alex.
      „Ihr Vater hing der naiven Meinung nach, man könnte den Wettbewerb durch Nächstenliebe oder ein Streben nach Gerechtigkeit ersetzen“, fuhr er fort. „Aber dafür sind die Menschen viel zu nieder. In Wahrheit streben wir alle nur nach Selbsterhaltung. Jeder, der meint, andere Menschen seien ihm wichtiger als das eigene Wohl, macht sich nur selbst etwas vor. Neid und Gier sind es, die unsere Welt zusammenhalten. Nie könnte Liebe stärker sein als das Bedürfnis, sich selbst über andere zu stellen.“

      „Das mag vielleicht für Sie gelten“, entgegnete Alex angewidert. „Aber für mich sicher nicht!“

      Mr. Steele lächelte abfällig. „Und jetzt denken Sie noch einmal darüber nach, wer von uns derjenige ist, dessen Position mehr Macht innewohnt. Es gibt einen Grund dafür. Am Ende gewinnt immer der Egoist, weil dem Altruisten immer seine geliebten Menschen im Weg stehen werden. Daran können wir nichts ändern, es ist einfach der Lauf der Dinge. Aber Ihr Vater wollte das leider nicht einsehen. Irgendwann ist er dahinter gekommen, was ich wirklich mit den Technologien erzwecken wollte, die er entwickelte. Von da an wollte er nicht mehr für mich arbeiten. Er hat zum offenen Protest aufgerufen und eine Revolte unter meinen Angestellten angezettelt. Deshalb musste ich leider entsprechende Maßnahmen ergreifen…“

      „Was meinen Sie damit?“, drängte die zornige Alex.

      Mr. Steele blickte von seinen Fingern auf und lächelte sie bösartig an, als er antwortete: „Haben Sie sich nie gefragt, wie es in einer Papierfabrik zu einer Explosion kommen kann?“

      Alex verstand zunächst nicht. Aber dann dämmerte es ihr und ihr klappte ungläubig der Mund auf. Zorn kochte in ihr hoch wie eine brennende Glut und drohte damit, ihr gesamtes Inneres zu versengen.
      „Sie Mistkerl!“, fluchte die abermals und es kostete sie all ihre Willenskraft, ruhig sitzen zu bleiben.

      „Ich hatte keine Wahl“, entgegnete Mr. Steele. „Er hätte alles ruinieren können…“

      Und da sprengen Sie ihn einfach in die Luft?!“, brüllte Alex, nicht mehr dazu in der Lage, ruhig zu bleiben. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und Feuer loderte an ihren Händen auf, kräftiger denn je. Riley kam mit gezücktem Schlagstock auf Alex zugerannt, die sich gerade über den Tisch werfen wollte, um dem erschrockenen Mr. Steele mit beiden Händen an die Gurgel zu gehen, als sie alle plötzlich von dem Lärm abgelenkt wurden, der draußen im Flur ausgebrochen war.

      „Hey! Mr. Steele wünscht, nicht gestört zu werden!“, rief der andere Sicherheitsmann, der vor der Bürotür Wache stand.

      „Ach ja?“, entgegnete eine andere Stimme. „Dann richten Sie ihm das hier von mir aus!“

      Ein dumpfer Schlag von Haut auf Haut war zu hören, gefolgt vom widerlichen Knirschen einer gebrochenen Nase und einen Poltern, als der Kopf des Sicherheitsmannes gegen die Holztür krachte. Jene flog anschließend knallend auf.
      Sekundenbruchteile später wurde auch die Glasschiebtür, die das Büro vom Sekretariat trennte, beiseite gerissen und eine lange Gestalt kam hereingestürmt.

      „Hallo, Vater“, sagte Richard.
      ~

      Es war beängstigend. Richard stand da, schwer atmend, die Fäuste geballt. In seinem Gesicht ein wahnsinniges Grinsen, wie Alex es noch nie bei ihm gesehen hatte. An den Knöcheln seiner rechten Hand, mit der er die Nase des Sicherheitsmannes gebrochen hatte, klebte Blut.
      Riley, der wie Alex mitten in der Bewegung erstarrt war, erwachte aus seiner Trance und schritt mit gehobenem Schlagstock auf Richard zu, aber Mr. Steele gebot ihm mit erhobener Hand, aufzuhören.

      „Lassen Sie es gut sein, Riley. Gegen ihn haben sie sowieso keine Chance“, sagte er ruhig.
      „Also, was willst du?“, fügte er an seinen Sohn gewandt hinzu.

      „Was ich will?“, entgegnete Richard. In seiner Stimme lag so viel Hass, wie Alex es zuletzt erlebt hatte, als er sie gegen Devon verteidigt hatte, während er sich neben den Stuhl stellte, in den Alex sich wieder hatte sinken lassen.
      „Lass Alex frei!“, forderte er und legte seine Hände auf deren Schultern. Ob um sie zu schützen, oder um sie daran zu hindern, etwas Dummes zu tun, sie wusste es nicht. Wahrscheinlich beides, dachte sie.

      Ein fieses Lächeln breitete sich auf Mr. Steeles Gesicht aus: „Und warum sollte ich das tun? Sie hat mir eine Menge Probleme bereitet.“

      „Hat sie nicht“, entgegnete Richard aufgebracht und sein Griff an Alex’ Schultern wurde fester. „Alles, was sie getan hat, war den Menschen Hoffnung zu geben, die ohnehin schon deine Gegner waren!“

      „Exakt“, bestätigte Mr. Steele. Er stand auf und drehte den anderen Anwesenden den Rücken zu, um aus dem Fenster zu schauen.
      „Und das ist das Schlimmste, was sie hätte tun können. Hoffnung ist ein zweischneidiges Schwert. Ohne Hoffnung hören die Menschen auf, zu arbeiten und bringen das System zum Stillstand. Aber ist zu viel Hoffnung da, kommen sie zu der törichten Ansicht, sie könnten verändern, was die Natur für sie vorgesehen hat! Aber glücklicherweise ließ sich das Schlimmste noch abwenden. Den Medien sei dank wissen jetzt alle, was für ein falsches Spiel sie die ganze Zeit über gespielt hat, oder glauben zumindest, es zu wissen… Ich brauche sie also im Grunde nicht mehr. Sie muss nur noch eine Sache für mich erledigen, danach kannst du sie haben“, beendete er seinen Monolog. Er sprach dabei über Alex, als wäre sie ein Werkzeug, das er einmal brauchte und das danach für immer in einem Regal Staub fing…

      „Und das wäre?“, fragte Richard herausfordernd.

      Mr. Steele drehte sich um und sah nun, ohne von Alex Notiz zu nehmen, direkt in das Gesicht seines Sohnes. Er hatte immer noch ein bösartiges Lächeln aufgesetzt.
      „Sie wird öffentlich ihre Schuld gestehen und damit endgültig das Feuer der Hoffnung ersticken, das sie entfacht hat…“

      „Wird sie nicht!“, meinte Richard stur. „Wenn hier irgendjemand ein paar Geständnisse machen sollte, dann du!“

      Mr. Steeles Miene versteinerte und er stützte sich mit den Händen auf seinem Schreibtisch ab.
      „Jetzt sei nicht dumm“, fauchte er. „Es gibt eine Menge Mädchen. Such’ dir eine aus, die deinem Status gerecht wird!“

      „Nein, gibt es nicht“, entgegnete Richard. „Jedenfalls nicht für mich.“

      Mr. Steele nahm die Hände vom Tisch und fuhr sich entnervt mit einer an die Stirn.
      „Also bist du wirklich so dumm. Dumm und undankbar! Du hättest das alles hier unbeschadet überstehen können! Weißt du eigentlich, wie viel Mühe es mich gekostet hat, die Geschichte so zu drehen, dass du dabei unbefleckt bleibst?“, polterte er. „Aber gut, dann bleib’ bei deinem Mädchen und sieh’, was es dir bringt! Aber erwarte nicht, dass ich dann noch in irgendeiner Form Rücksicht auf dich nehme…“

      Er sprach über Alex, als wäre diese nicht da. Oder als wäre sie zwar anwesend, aber könnte ihn nicht verstehen. Wie ein unartiges Haustier, über dessen Schicksal entschieden wird…

      „Das gleiche gilt für mich“, erwiderte Richard kühl. Seine Miene war wie versteinert. „Ich weiß eine Menge Dinge über dich, Vater. Und das Wenigste davon wird hilfreich für jemanden sein, der als Bürgermeister kandidieren will…“

      Mr. Steeles Augen weiteten sich entsetzt und er stützte wieder seine Hände auf dem Schreibtisch ab.
      „Das wagst du nicht…“, flüsterte er bedrohlich.

      „Oh doch…“, antwortete Richard. „Wenn du mir keine andere Wahl lässt, dann schon. Aber natürlich wäre es mir lieber, das ganze unter uns zu klären. Wir duellieren uns, und wenn ich gewinne, dann lässt du Alex gehen und nimmst zurück, was du über sie gesagt hast!“

      Mr. Steeles versteinerte Miene taute auf und stattdessen zog sich wieder ein fieses Lächeln über sein spitzes Gesicht.
      „Und wenn ich gewinne?“, fragte er.

      „Dann werde ich mich dir nicht mehr widersetzen, was auch immer du mit mir vorhast“, entgegnete Richard ruhig.

      Das Lächeln auf Mr. Steeles Gesicht wurde breiter.
      „Einverstanden“, sagte er. „Gut, dann komm’ mal mit. Ich weiß den perfekten Ort dafür. Riley!“

      Er hatte das letzte Wort im Befehlston in Richtung des Sicherheitsmannes ausgesprochen und dabei zu Alex genickt. Der Sicherheitsmann kam daraufhin aus seiner Ecke und stellte sich neben ihren Stuhl.

      „Aufstehen“, befahl er und mit einem verächtlichen Blick gehorchte Alex. Riley zückte daraufhin einen weiteren der Kabelbinder, die in seinem Gürtel steckten, und wieder wurde Alex von dem schmerzhaft in ihre Handgelenke schneidendem Plastikriemen gefesselt, diesmal jedoch mit den Händen in ihrem Schoß.

      Mr. Steele verließ den Raum und ging am bewusstlosen zweiten Sicherheitsmann vorbei in Richtung des runden Glasaufzugs. Richard folgte ihm und das Schlusslicht bildete Riley, der über ein Walkie-Talkie Hilfe für seinen verletzten Kollegen bestellte und mit der anderen Hand Alex’ rechten Oberarm wie ein Schraubstock gepackt hielt.

      Gemeinsam betraten sie den Aufzug und fuhren in Windeseile hinab.
      Sie stiegen nicht in jenem Stockwerk in der Mitte des Komplexes aus, das wie eine überdachte Parkanlage aussah, sondern fuhren schweigend noch einmal etwa die gleiche Zeit weiter hinab, bis der Aufzug plötzlich von der Finsternis verschluckt wurde.
      Die Beleuchtung ging automatisch an und noch ein paar weitere Sekunden fuhren sie unterirdisch in völliger Dunkelheit weiter, bis der Fahrstuhl schließlich sanft zum Stehen kam und die Tür aufglitt.

      Der Gang, in dem sie sich jetzt befanden, hatte nichts von der hellen, minimalistischen Einrichtung der oberen Geschosse. Er bestand komplett aus grauem Beton. Es war kühl und dunkel.
      Mr. Steele schritt weiter voran und bog am Ende des Ganges nach rechts. Alex wurde ebenfalls von Riley dorthin geschleift und als sie ankam, klappte er erstaunt der Mund auf.
      Sie befanden sich jetzt in einer gewaltigen Halle aus grauem Beton. An der knapp zwanzig Meter hohen Decke ging stufenweise die Beleuchtung an und offenbarte den Inhalt der Halle.
      An einer Wand standen so etwas wie stählerne Zuschauertribünen, die Wand gegenüber war verglast. Hinter den Fenstern im Dunkel liegend befanden sich offenbar Büroräume voller Computer. Auf dem kalten Betonboden war in regelmäßigen Abständen ein Duellfeld nach dem anderen gezeichnet. Hier wurden also die neuen Produkte getestet, bevor sie auf den Markt kamen…

      Ihre Schritte hallten in der riesigen Halle nach und zielstrebig steuerte Mr. Steele auf das Ende der Halle zu. Sie gingen an ein paar klassischen Duellfeldern vorbei, aber dort, wo Mr. Steele schließlich stehen blieb, bemerkte Alex drei altmodische Duellarenen am Ende der Halle. Diese stammten wohl noch aus alten Zeiten, als es noch keine Duel Discs gab. Stattdessen standen an den Kopfenden des Duellfelds zwei kleine Türme, die aussahen wie Rednerpulte, auf deren Oberfläche jeweils eine Glasplatte mit darunterliegenden Sensoren angebracht war, die die Karten abtasteten, die man auf die Glasplatte legte.
      Alex, die nicht gewusst hatte, dass so etwas überhaupt noch existierte, bestaunte die veraltete Technik. Früher hätte sie sich gerne einmal in so einer Arena duelliert, einfach um der Nostalgie willen.
      Riley zwang sie dazu, auf der stählernen Zuschauertribüne Platz zu nehmen und setzte sich selbst neben sie. Unterdessen hatte Mr. Steele sich schon an den Duellantenturm an der gegenüberliegenden Seite der Halle gestellt, sodass er die verglasten Fassaden der Büros im Rücken hatte. Er gab gerade einen Code in ein Zahlenfeld ein, woraufhin aus einer Klappe auf der Oberfläche des Pults ein Kartenstapel auftauchte. Offenbar waren die Duellantentürme von innen hohl und so etwas wie Tresore, in denen verschiedene Decks zum Abruf bereit schlummerten.

      Währenddessen hatte Richard sich mit dem Rücken zu Alex und Riley an den anderen Duellantenturm gestellt, zog sein Deck aus seiner Duel Disc und legte es auf die dafür vorgesehene Stelle auf der Glasplatte seines Turms.

      „Was ist das für ein Feld?“, fragte Richard abfällig mit Blick auf das Duellfeld, das auf den Boden gezeichnet war. Alex sah ebenfalls hin, woraufhin es auch ihr auffiel.
      Duellfelder bestanden für gewöhnlich aus zehn Quadraten für jeden Spieler, angeordnet in zwei Fünferreihen. Aber die weißen Linien, die dieses Feld bildeten, umschlossen zusätzlich noch zwei weitere Rechtecke. Diese befanden sich an den äußersten Enden der beiden Fünferreihen, jeweils genau zwischen den beiden äußeren Quadraten, sodass die Mitte der längeren Seiten der Rechtecke genau an der Trennlinie der beiden äußersten Quadrate lag.

      „Tja, du kannst dich geehrt fühlen“, antwortete Mr. Steele am anderen Ende des Felds. Über sein Gesicht streckte sich wieder ein böses Grinsen.
      „Denn heute wirst du der erste Außenstehende sein, der die große, neue Innovation von Steele Industries zu sehen bekommt!“

      Richard wirkte unbeeindruckt. „Na von mir aus“, knurrte er. „Duellieren wir uns jetzt oder was?“

      „Na schön“, erwiderte Mr. Steele, mischte kurz sein Deck, legte es ebenfalls auf die Glasplatte seines Duellantenturms und nahm sich fünf Karten. „Duellieren wir uns.“

      „Geht doch“, fauchte Richard. „Ich fange an!“

      Er nahm sich ebenfalls fünf Karten von seinem Deck, betrachtete sie kurz und klatschte dann eine von ihnen in die Mitte der Glasplatte.

      „Ich beschwöre Golemdrache im Verteidigungsmodus!“, fuhr er fort und vor ihm auf in der Mitte seines Feldes erschien das Hologramm einer Kreatur, die mehr Statue als Drache zu sein schien. Sein breiter, flügelloser Körper sah aus, als bestünde er aus braunen Felsbrocken. Er kauerte auf dem Boden und hielt sich die mächtigen, Krallenbewährten Vorderläufe schützend vors Gesicht. (DEF: 2000)

      „Dann setze ich noch zwei Karten verdeckt und beende meinen Zug.“

      Während vor Richards Duellantenturm zwei holografisch vergrößerte Kartenrückseiten erschienen, wurde der gefesselten Alex auf der Zuschauertribüne bange. Wenn Richard auf eine so defensive Eröffnung zurückgreifen musste, konnte sein Blatt nicht besonders gut sein… [Hand: 2 / Backrow: 2]

      „Ich bin dran“, meinte Mr. Steele auf der anderen Seite des Felds ernst und zog eine Karte von seinem Deck. Als er sie betrachtete, lächelte er schadenfroh.

      „Na geht doch“, sagte er zufrieden, um dann laut fortzufahren: „Als Erstes aktiviere ich den permanenten Zauber Vorstoßzone!“

      Er legte die Karte auf seine Duelloberfläche, woraufhin eine vergrößerte Ausgabe des grünen Zaubers vor ihm erschien. Auf dem düsteren Kartenbild war im Hintergrund das Monster Stahlschar-Schabe zu sehen, ein unheimliches Mischwesen aus Mensch und Kakerlake, im Vordergrund ein kleineres, Schabenartiges Monster, das offenbar unter Stromschocks zu leiden hatte.

      „Er wird dir beweisen, was wahrer Fortschritt bedeutet! In jeder meiner End Phasen aktivieren sich andere Effekte, davon abhängig, wie viele Monster ich in dem Spielzug für Tributbeschwörungen geopfert habe!“, fuhr Mr. Steele fort. „Aber dazu kommen wir, wenn es soweit ist. Denn jetzt setze ich den Pendelbereich mit Qliphort-Kundschafter!“

      „Wie bitte?“, fragte Alex vom Rand des Spielfelds. Sie war sicher, sich verhört zu haben. Von etwas namens „Pendelbereich“ hatte sie noch nie gehört.

      „Sie haben richtig gehört, Miss Whitman!“, rief Mr. Steele am anderen Ende der Halle triumphierend. Er hatte inzwischen die Karte, die er zu Beginn seines Zuges gezogen hatte, an den äußersten linken Rand seiner Duelloberfläche gelegt. Daraufhin drang rotes Licht unter dieser hervor, wodurch Mr. Steeles spitzes Gesicht auf eine unheimliche Weise von unten beleuchtet wurde. Unterdessen tauchte eine blaue Lichtsäule von Alex aus gesehen rechts von Mr. Steele auf einem der Zusatzrechtecke am Rand des Spielfelds auf. Darin befand sich etwas, das einer fliegenden Untertasse nicht unähnlich sah. Es hatte die Form eines länglichen, spitz zulaufenden Ovals, der Rücken bestand aus einem bronzenen Gitter mit einer darunter liegenden Rechenplatine. Am Ende des Körpers hatte es drei paar dünner, metallener Beine, ähnlich denen eines Insekts und im hinteren Drittel des Rückens leuchtete wie ein Auge eine einzige, gelbe Lichtkugel. Vorne an der Spitze glitzerte ein blauer Kristall. (Scale: 9/9)
      „Das ist die die neueste Generation von Monsterkarten! Ich kann Pendelmonster von meiner Hand beschwören, wie jedes andere Monster auch. Oder aber ich setze mit ihnen den Pendelbereich, wodurch sie als Zauberkarte in meine Pendelzone wandern!“

      „Es ist Zauberkarte und Monster zugleich?“, hakte Alex ungläubig nach.

      „Ganz recht“, bestätigte Mr. Steele. „Das ist wahrer Fortschritt! Die Grenzen zwischen Monster- und Zauberkarten verschwimmen und machen das Spiel viel komplexer! Denn mit Pendelmonstern muss man sich immer entscheiden, wie man sie spielen will!“

      „Können wir die Dauerwerbesendung jetzt mal unterbrechen und mit dem Duell weitermachen?“, erwiderte Richard gereizt. Er verbarg sein Erstaunen über die neue Kartengattung ganz gut, dachte Alex.

      „Wie du willst…“, entgegnete Mr. Steele bedrohlich. „Dann aktiviere ich jetzt den Pendeleffekt meines Kundschafters! Dieser kommt immer dann zur Geltung, wenn er in meiner Pendelzone liegt und erlaubt es mir einmal pro Spielzug zum Preis von 800 Lebenspunkten eine Qli-Karte von meinem Deck meiner Hand hinzuzufügen! Und ich wähle Qliphort-Monolith!“

      Das gelbe „Auge“ des Monsters in der Lichtsäule färbte sich grün und Impulse in Form von gelben Lichtblitzen huschten über die Platine an seinem Rücken. Währenddessen nahm Mr. Steele sein Deck von der Duelloberfläche, suchte sich die Karte hinaus und mischte das Deck anschließend. (LP: 4000 -> 3200)

      „Als Nächstes setze ich auch meinen zweiten Pendelbereich, mit Qliphort-Monolith!“

      Er legte die Karte an den rechten Rand seiner Duelloberfläche, räumlich über sein Deck. Daraufhin entstand eine weitere Säule aus rotem Licht auf dem zweiten Zusatzrechteck des Duellfelds, darin eine Art flacher Steintafel. Sie war weiß und beige, mit einem roten Muster. In der Mitte der Frontseite befand sich außerdem eine Art lila leuchtender Bildschirm in Form eines vierzackigen Sterns und Alex wich auf ihrer Sitzbank erschrocken ein Stück nach hinten aus, als sich auf diesem Bildschirm das pixelige Abbild eines menschlichen Auges öffnete. (Scale: 1/1)

      „Und jetzt, da mein Pendelbereich gesetzt ist, ist es an der Zeit, dir die wahre Macht der Pendelmonster zu demonstrieren!“, fuhr Mr. Steele unheilvoll fort.
      Qliphort-Kundschafter hat Pendelbereich 9, Qlihport-Monolith Pendelbereich 1! Das heißt, ich kann jetzt beliebig Qli-Monster der Stufe 2 bis 8 als Pendelbeschwörung beschwören! Wir wollen ja klein anfangen, deshalb beschwöre ich Qliphort-Träger von meiner Hand!

      Während Mr. Steele diese Worte aussprach, hielt er die Karte in die Höhe. Plötzlich entstand in der Luft über dem Duellfeld ein riesiges, blaues Lichtgebilde in Form eines runden, blauen Netzes, wie ein gigantischer Traumfänger.

      „Das Pendel schwingt aus und zeichnet mir den Bogen zum Sieg!“, rief Mr. Steele und klatschte die Karte auf seine Duelloberfläche. Aus dem leuchtenden Traumfänger an der Decke stieg daraufhin ein gigantisches Flugobjekt hinab.
      Es hatte eine weiß-orangene Farbe und sein Rücken bestand aus einer riesigen Plattform, was ihm das Aussehen eines schwebenden Flugzeugträgers verlieh. An seiner Frontseite prangte eine grüne Platine in der Form eines spitzen, langgezogenen Ovals, die Alex als Kopf interpretierte. In dessen Mitte prangte wie bei Qliphort-Kundschafter eine Kugel als Auge, das jedoch nicht gelb leuchtete, sondern erloschen war. Generell drang kein Licht aus der Maschine hervor. Sie wirkte, als würde sie sich im Energiesparmodus befinden. (ATK: 2400 -> 1800)

      „Wenn Meine Qli-Monster als Spezialbeschwörung beschwören werden, werden ihre Angriffspunkte zu 1800 und ihre Stufe zu 4“, erklärte Mr. Steele. „Aber das ist nicht von Bedeutung, denn jetzt rüste ich Qliphort-Träger mit dem Ausrüstungszauber Qli-Opfer aus!“

      Er legte die Karte auf die Glasplatte neben seinen permanenten Zauber. Ein vergrößertes Hologramm des Ausrüstungszaubers erschien daraufhin neben dem von Vorstoßzone, wurde jedoch locker von dem riesigen Flugobjekt in der Luft überschattet.
      Dieses zeigte plötzlich erste Lebenszeichen. Das „Auge“ leuchtete blau auf und gelbe Lichtimpulse zuckten über die Platine. Aus Ritzen in der Oberfläche des Raumschiffs drang schwaches, blaues Licht. (ATK: 1800 -> 2100)

      „Ein Monster, das mit Qli-Opfer ausgerüstet wird, erhält 300 zusätzliche Angriffspunkte! Außerdem kann ich es, wenn ich ein anderes Qli-Monster als Tributbeschwörung beschwöre, als zwei Tribute behandeln! Und genau davon mache ich jetzt Gebrauch! Ich biete Qliphort-Träger als Tribut an, um Qliphort-Tarnkappe zu beschwören!“

      Mr. Steele nahm die Karte von seiner Monsterzone und legte sie stattdessen auf einen Platz unterhalb seines Qliphort-Kundschafter. Das riesige Raumschiff stürzte daraufhin zu Boden und wurde zu einem Trümmerhaufen. Langsam lösten sich die Trümmer in Luft auf und stattdessen erschien auf Mr. Steeles Feld ein neues Flugobjekt.
      Auf den ersten Blick sah Alex nur eine weitere Platine in Form eines spitzen Ovals, mit einem gelb leuchtenden Auge in der Mitte, die in der Luft schwebte. Dann sah sie jedoch genauer hin und erkannte merkwürdige Erscheinungen in der Luft.
      Der Großteil der riesigen, symmetrischen Maschine war, wie sie feststellte, fast unsichtbar. Doch wenn man genau hinsah, erkannte man in der Luft die vagen Umrisse eines rautenförmigen Rumpfs und zwei abgerundete Flügel, die wie Gondeln einer Schiffsschaukel geformt waren. (ATK: 2800)

      „Und jetzt, da ich ein Qli-Monster als Tributbeschwörung beschworen habe, wird es Zeit, ein paar Effekte zu aktivieren!“, fuhr Mr. Steele fort. „Zunächst wäre da der Effekt von Qliphort-Tarnkappe! Der zwingt dich dazu, eine deiner Karten auf die Hand zurückzunehmen! Und ich wähle deine rechte verdeckte Karte! Dann noch der Effekt von Qliphort-Träger! Der aktiviert sich nämlich, wenn er als Tribut angeboten wird und schickt ebenfalls eine deiner Karten zurück! Das geht jedoch nur mit Monsterkarten, deshalb wähle ich Golemdrache! Und zu guter letzt aktiviert sich auch noch der Effekt von Qli-Opfer, weil dieses zerstört wurde! Dadurch kann ich meiner Hand ein weiteres Qli-Monster von meinem Deck hinzufügen! Ich wähle Qliphort-Helix! Und das Beste daran: Dank des Effekts von Qliphort-Tarnkappe kannst du daran keinerlei Effekte anketten!“

      „Du kannst zwei Karten zurückgeben und dazu noch eine von deinem Deck auf die Hand suchen?!“, fragte Richard ungläubig und entsetzt starrte Alex zu Mr. Steele hinüber, der gerade genussvoll letzteres Tat. Währenddessen kamen plötzlich zwei Laserstrahlen, einer rot und einer blau, aus dem Nichts um den Kern von Mr. Steeles Monster geschossen und trafen die beiden Karten von Richard, die dessen Vater benannt hatte.

      „Gut erkannt, mein Sohn!“, entgegnete Mr. Steele gehässig, während Richard mit grimmiger Miene die Karten von seiner Duelloberfläche auf die Hand zurück nahm. „Dies ist das mächtigste Deck aller Zeiten!"


      Meine Fan Fiction auf eTCG - Yu-Gi-Oh! PHOENIX
      Serie 1 / Serie 2

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      Kartenliste
      Alex (Rückblende):

      - Fushi No Tori
      - Roter Totenkopfvogel

      Richard:

      - Golemdrache

      Mr. Steele:

      - Vorstoßzone
      - Qliphort-Kundschafter
      - Qliphort-Monolith
      - Qliphort-Träger
      - Qli-Opfer
      - Qliphort-Tarnkappe
      - Qliphort-Helix

      Sonstige:

      - Stahlschar-Schabe

      Neue Karten:

      - Phönix der Wiedergeburt

      Monster / Titan / Effekt / Feuer / Geflügeltes Ungeheuer / Gold-Sterne: 2 / 2500 Atk / 2000 Def

      Während des Spielzugs eines beliebigen Spielers, wenn diese Karte gegen ein Monster kämpft, dessen ATK höher sind als die ATK dieser Karte; du kannst Life Points in Höhe der Differenz bezahlen und wenn du das tust: Diese Karte nur während des Damage Steps ATK in Höhe der Menge an Life Points, die du bezahlt hast. Während der End Phase eines beliebigen Spielers, wenn sich diese Karte in deinem Friedhof befindet, weil sie in diesem Spielzug durch Kampf zerstört und dorthin gelegt wurde; Du kannst diese Karte als Spezialbeschwörung vom Friedhof beschwören.

      - Rückenwind

      Normale Zauberkarte

      Wähle 1 offenes Monster vom Typ Geflügeltes Ungeheuer, das du kontrollierst; in diesem Spielzug kann das gewählte Ziel deinen Gegner direkt angreifen, aber andere Monster, die du kontrollierst, können keinen Angriff deklarieren.
      Preview: Kapitel 1.19 – Tag der Abrechnung; Teil 3
      Im Kampf um Alex’ Freiheit duelliert sich Richard weiter gegen seinen Vater, wobei die haushohe Überlegenheit von Mr. Steeles Deck und den neuen Pendelmonstern jedoch immer offensichtlicher wird. Doch geht es in diesem Duell nicht nur um Alex: Beim direkten Kampf zwischen Vater und Sohn werden lange schlummernde Konflikte ausgesprochen…

      Also dann, ich hoffe, ich schaffe es, Teil 3 auch so pünktlich hochzuladen. Man sieht sich! ;)

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      Soo, pünktlich zum Monatsende gibt es heute das Finale vom Finale, bevor ich dann erstmal in Sommerpause gehe. Ist ein bisschen kürzer geraten als die ersten beiden Teile, aber ich denke, es lohnt sich trotzdem ;)

      An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an alle Leser, die sich mit meiner Fanfic beschäftigt haben und es hoffentlich immer noch tun und vielen Dank an unseren verschollenen Freund -Aska-, der mit seiner Unterstützung als Korrekturleser zwischen Kapitel 7 und 12 wesentlich zum Verbessern meiner Fähigkeiten als Autor beigetragen hat. :)

      Alles klar, los geht's!
      Was bisher geschah
      Nach der Eskalation des Turnierfinales wird Alex von Mr. Steele in dessen Büro gebracht. Dort wird sie gezwungen, eine Fernsehsendung anzusehen, in der Christopher Allington sie als Betrügerin darstellt, die Richard verführt hat, damit er ihr dabei hilft, die Karte Phönix der Wiedergeburt zu stehlen. In dieser Fernsehsendung wird außerdem öffentlich gemacht, dass Alex sich im Untergrund duelliert hat und eine Art romantische Beziehung zu Richard hatte.
      Nach der Sendung kommt es zum Streitgespräch zwischen Alex und Mr. Steele, wobei sich herausstellt, dass Alex’ Vater in Wirklichkeit ein gut verdienender Angestellter in der Wissenschaftsabteilung von Steele Industries war und das Mr. Steele die Fabrikexplosion, bei der Alex’ Vater starb, absichtlich herbeigeführt hat, um Alex’ Vater, der einen Aufstand gegen Mr. Steele plante, mundtot zu machen. Als Alex das herausfindet, ist sie kurz davor, Mr. Steele anzugreifen, aber dann taucht Richard auf, um sie zu retten. Richard und Mr. Steele beschließen, ein Duell um Alex’ Freiheit zu führen. Sie fahren hinunter in den Keller des Büroturms, wo die neuen Karten getestet werden und im Duell nutzt Mr. Steele eine neue Kartenart namens „Pendelmonster“, die sich aktuell in der Entwicklung befindet. Nach einer Demonstration der unglaublichen Macht dieser neuen Mechanik kontrolliert Mr. Steele eine offene Qliphort-Tarnkappe, während Richard mit einem fast komplett leeren Feld dasteht…
      Kapitel 1.19 - Tag der Abrechnung; Teil 3
      „Und Qliphort-Tarnkappe kann immer noch angreifen! Los, Tarnstrahl!“, rief Mr. Steele an dem Duellantenturm vor den gläsernen Bürowänden, in der düsteren Kellerhalle, tief unterhalb des Hauptsitzes von Steele Industries.
      Ein elektrisches Summen war zu hören, wie von einer Maschine, die sich auflud und nahe der spitze des Flugobjekts mit den unsichtbaren Flügel auf seiner Feldseite kam plötzlich ein gelber Laserstrahl aus dem Nichts geschossen, direkt auf Richard zu, der sich am anderen Ende der altmodischen Duellarena schützend einen Arm vors Gesicht schlug. Doch nicht nur das: Kaum hatte der Strahl Richard getroffen, schrie der plötzlich wie am Spieß und stützte sich anschließend schwer atmend mit beiden Armen auf seinem Duellantenturm ab. Sein Kopf war gesenkt und Strähnen seines stahlgrauen Haars fielen ihm wie ein Vorhang in die Augen. (LP: 4000 -> 1200)

      Alex, die immer noch gefesselt und vom Sicherheitsmann Riley überwacht hinter Richard auf einer unbequemen Zuschauertribüne aus Stahl saß, wusste, was das hieß: Der Angriff hatte Richard physische Schmerzen zugefügt.

      „Wirklich?“, fragte sie ungläubig an Mr. Steele gerichtet. „Ihr eigener Sohn?“

      Der angesprochene verzog wieder zornig das Gesicht. „Und Sie glauben, ich hätte es gern getan?“, fragte er. „Das habe ich nicht. Glauben Sie mir, es schmerzt mir genau so wie ihm. Aber irgendetwas muss ich doch tun, um ihn zur Vernunft zu bringen! Denn dank Ihnen ist er auf die falsche Bahn geraten!“

      Alex schüttelte angewidert den Kopf. „Sie sind widerlich“, sagte sie.

      Mr. Steele wollte gerade den Mund öffnen, da regte Richard sich ihm gegenüber wieder. Er hob eine Hand, um die beiden anderen zum Schweigen zu bringen.

      „Wie ist das überhaupt möglich?“, presste er hervor.

      Plötzlich breitete sich wieder ein gehässiges Grinsen auf Mr. Steeles Gesicht aus. „Weißt du, ein sehr weiser Mann hat einmal gesagt „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden““, zitierte er. „Ich beende meinen Zug. Das heißt, der Effekt von Vorstoßzone aktiviert sich! Ich habe in dieser Runde ein Monster als Tribut angeboten, deshalb kann ich jetzt eine deiner verdeckten Karten zerstören! Außerdem aktiviert sich der Pendeleffekt von Qliphort-Monolith, der mich eine Karte für jedes Qli-Monster ziehen lässt, das ich als Tribut angeboten habe!“

      Richard nahm das alles wortlos hin, nahm seine verdeckte Karte Durchbruchfähigkeit auf, deren vergrößerte Rückseite auf dem Feld kurz zuvor von einer finsteren Energie verschluckt wurde, und legte sie auf die Zone seiner Duelloberfläche, die für die Friedhofskarten vorgesehen war.
      Gleichzeitig verschwand das pixelige Auge aus dem Zentrum der Steintafel, die in der roten Lichtsäule zu Mr. Steeles Rechten schwebte, und stattdessen erschien auf dem lila Bildschirm flackernd eine weiße Ziffer 1, während Mr. Steele genau so viele Karten zog. [Hand: 3 / Backrow: 0]

      „Mein Zug!“, rief Richard entschlossen und griff nach der obersten Karte seines Decks. Obwohl er mit dem Rücken zu Alex stand, meinte die, aus seiner Körpersprache zu lesen, dass seine Hand immer noch nicht viel besser war.

      „Ich mache den selben Zug wie eben“, fuhr er fort und bestätigte damit Alex’ Verdacht. „Ich beschwöre Golemdrache im Verteidigungsmodus und setze zwei Karten verdeckt. Du bist dran.“

      Auf Richards Feld erschien erneut das Hologramm des braunen Felsendrachen (DEF: 2000), dahinter die vergrößerten Rückseiten zweier weiterer Karten. Alex wollte ihm etwas Ermutigendes zurufen, aber ihr viel einfach nichts ein. Zu Übermächtig schien Mr. Steeles Deck, zu aussichtslos ihre Lage. Deshalb starrte sie nur weiter gebannt zu Mr. Steele hinüber.

      „Oh bitte, das kannst du besser“, tadelte der und zog lässig eine Karte von seinem Deck.
      „Ich aktiviere den Pendeleffekt von Qliphort-Kundschafter!“, fuhr er dann lautstark fort. „Zum Preis von 800 Lebenspunkten füge ich meiner Hand eine Qli-Karte von meinem Deck hinzu! Und ich wähle Qliphort-Hülle!“

      Erneut leuchtete das Auge der Maschine in der blauen Lichtsäule grün auf und Mr. Steele griff nach seinem Deck, um sich die gewünschte Karte auf die Hand zu nehmen. (LP: 3200 -> 2400)
      „Und jetzt…“, fuhr er fort. „Pendelbeschwörung! Ich beschwöre Qliphort-Helix von meiner Hand! Außerdem noch Qliphort-Träger! Dieser wurde nämlich, statt auf den Friedhof zu wandern, auf mein Extra Deck gelegt, von wo aus ich ihn erneut als Pendelbeschwörung rufen kann!“

      „Wie bitte?“, fragte Alex entsetzt. Also waren diese Pendelmonster zu allem Überfluss auch noch unsterblich? Nein, das konnte doch nicht sein…

      „Genau so ist es!“, entgegnete Mr. Steele mit einem wahnsinnigen Grinsen. „Erscheint, meine Monster!“

      Erneut tat sich das blau leuchtende Netz unter der Decke auf und diesmal stiegen zwei riesige Flugobjekte daraus hinab. Das eine war das bereits bekannte Raumschiff mit dem abgeflachten Rücken (ATK: 2400 -> 1800), das andere war etwas kleiner und bestand aus zwei Strängen, gelb und Kupferfarben, die eine Spirale bildeten. Der gelbe Strang endete dabei in einer Art Kopf oberhalb des Rückens, auf dem eine weitere Platine in Form eines spitzen Ovals prangte, in der Mitte eine erloschene Leuchtkugel. (ATK: 2400 -> 1800)

      „Ich aktiviere eine Falle!“, rief Richard unvermittelt und drehte seine rechte verdeckte Karte um. „Sie nennt sich Dekadente Strafe und ich kann sie aktivieren, wenn wir beide Monster kontrollieren, du aber insgesamt mehr als ich! Dann kann ich eins deiner Monster wählen und aus dem Spiel entfernen!“

      „Es wird aus dem Spiel entfernt?“, fragte Mr. Steele kalt erwischt.

      „Ganz genau!“, entgegnete Richard. „So viel also zum Thema Pendelbeschwörung in der nächsten Runde! Ich wähle diesen komischen Träger!“

      Mit grimmiger Miene nahm Mr. Steele die Karte von seiner Duelloberfläche und steckte sie sich in die Brusttasche seines Jacketts.
      „Das ändert gar nichts!“, polterte er. „Ich biete Qliphort-Helix und Qliphort-Tarnkappe als Tribut an, um Qliphort-Hülle zu beschwören!“

      Die beiden Flugobjekte sanken zu Boden, wobei Qliphort-Helix in seine Einzelteile zerfiel und die Tarnung von Qliphort-Tarnkappe flackernd anfing, zu versagen, sodass man immer wieder für kurze Zeit die bräunlichen Flügel sehen konnte. Schließlich waren die beiden Monster verschwunden und stattdessen war ein neues auf Mr. Steeles Feld erschienen…
      Die riesige Maschine hatte die Gestalt des knapp fünf Meter hohen, schwebenden, gewundenen Gehäuses einer Meeresschnecke. Die grau-schwarze Oberfläche des Monsters war mit abgeflachten Stacheln übersät und wurde in der Mitte durch einen langen Spalt unterbrochen, aus dem lila Licht drang. Das Ding drehte sich langsam um die eigene Achse und enthüllte so eine weitere Platine in Form eines spitzen Ovals mit einer gelb leuchtenden Kugel in der Mitte, die dort saß, wo bei einer lebendigen Meeresschnecke der weiche Körper aus dem Gehäuse ragen würde. (ATK: 2800)

      „Der Effekt von Qliphort-Helix aktiviert sich!“, verkündete Mr. Steele. „Wenn sie als Tribut angeboten wird, kann ich eine Zauber- oder Fallenkarte wählen und zerstören! Verabschiede dich also von deiner gesetzten Karte!“

      „Nicht wenn ich sie ankette!“, entgegnete Richard und drehte sie um. „Ich aktiviere Halb verhindertes Zerbrechen! Dadurch kann Golemdrache in diesem Zug durch Kampf zerstört werden! Außerdem wird der Kampfschaden, den ich erhalte, halbiert!“

      „Trotzdem greift Qliphort-Hülle jetzt an!“, erwiderte Mr. Steele. „Denn weil sie als Tributbeschwörung beschworen würde, fügt sie dir, wenn sie ein Monster im Verteidigungsmodus angreift, dessen Verteidigungspunkte niedriger sind als ihre Angriffspunkte, den durchschlagenden Kampfschaden zu!“

      Das riesige Schneckenhaus fing wieder an, sich um die eigene Achse zu drehen und als die Öffnung mit der Platine wieder Richard zugewendet war, kam aus dem plötzlich lila leuchtendem „Auge“ ein ebensolcher Laserstrahl geschossen. Dieser prallte von der blauen Lichtsphäre, die sich um Richards Monster gebildet hatte, ab und wurde umgelenkt, sodass Richard ihn voll abbekam und vor Schmerz schrie. (LP: 1200 -> 800)

      „Und es kommt noch besser!“, rief Mr. Steele Unheil verkündend. „Denn Qliphort-Hülle kann zweimal angreifen!“

      „Was?!“, brachte Richard gerade noch hervor, doch schon hatte sich Mr. Steeles Monster erneut um die eigene Achse gedreht und schoss erneut einen violetten Laserstrahl aus seinem Auge ab, woraufhin sich die ganze Prozedur wiederholte. Schließlich stand Richard schwer atmend mit gesenktem Kopf an seinem Duellantenturm und stützte sich mit beiden Händen auf jenem ab. Er zitterte, offenbar vor Anstrengung, sich auf den Beinen zu halten. (LP: 800 -> 400)

      „Das ist doch Wahnsinn!“, schrie Alex auf der Zuschauertribüne hinter Richard. In ihren Augen glitzerten Tränen.

      „Wahnsinn?“, wiederholte Mr. Steele und in seinen Augen spiegelte sich ebendies wieder. „Nein, im Gegenteil! Ich bringe ihn zur Vernunft! Ich beende meinen Zug! Das heißt, der Effekt von Vorstoßzone aktiviert sich! Du hast zwar keine verdeckten Karten mehr, die ich zerstören könnte, aber weil ich in diesem Zug zwei Monster als Tribut angeboten habe, kann ich eine Karte ziehen! Zusammen mit Qliphort-Monolith ergibt das drei Karten!“

      Das pixelige Auge in der Mitte der Steintafel verschwand wieder und stattdessen erschien dort, wo es gewesen war, das Abbild einer Ziffer 2, während Mr. Steele insgesamt drei Karten von seinem Deck zog. [Hand: 6 / Backrow: 0]

      „Siehst du jetzt ein, dass es zwecklos ist, dich mir zu widersetzen?“, fuhr Mr. Steele fort. „Sei vernünftig, Junge! Ich will dir nicht weh tun. Können wir uns nicht auf andere Weise einigen?“

      „Nein…“, presste Richard hervor.
      „NIEMALS!“, rief er dann laut und zog ruckartig eine Karte von seinem Deck. „Ich bin dran! Ich aktiviere den Effekt von Reactan, Drachenherrscher der Kiesel in meiner Hand! Ich werfe ihn zusammen mit Edelmetall-Drache von meiner Hand ab, um Redox, Drachenherrscher der Felsen von meinem Deck als Spezialbeschwörung zu beschwören!“

      Aus der Entschlossenheit, mit der Richard seinen Spielzug schilderte, schloss Alex, dass er endlich eine gute Hand zu haben schien. Aber diese Erkenntnis stimmte sie nicht zuversichtlich. Sie war einfach nur verwirrt. Als Mr. Steele gesagt hatte, er wolle Richard nicht weh tun, hatte es durchaus aufrichtig geklungen. Als er nach einer anderen Möglichkeit zur Konfliktbewältigung gefragt hatte, fast hoffnungsvoll. Das alles passte nicht in das Bild des Mannes, den sie beschlossen hatte, über alles andere zu hassen…

      Für Richard schien Versöhnung jedoch keine Option zu sein. Grimmig legte er die beiden Handkarten auf seinen Friedhof und griff nach seinem Deck, um sich eine Karte herauszusuchen, die er gleich auf seine Duelloberfläche legte.
      Auf seinem Feld erschien daraufhin das Hologramm eines dinosaurierähnlichen, vierbeinigen Drachen mit einer Keule an der Schwanzspitze, der jedoch schon kurz darauf in einem weißen Licht aufleuchtete und um ein vielfaches wuchs. In seiner neuen Gestalt war der Drache riesig groß und sein Körper komplett von einem steinernen Panzer überzogen. Auf seinem breitem Rücken ragten mächtige Stalagmiten in die Höhe und an seiner Stirn hatte er zwei riesige, gebogene Hörner, die jedoch aussahen, als wären sie in der Mitte abgesägt worden, sodass sie zwei runde Stümpfe bildeten. (DEF: 3000)

      „Und jetzt…“, fuhr Richard fort und griff nach seinem Friedhof, „…mische ich Edelmetall-Drache vom Typ Drache sowie Golemdrache und Reactan, Drachenherrscher der Kiesel vom Attribut Erde ins Deck zurück, um eine Titanen-Beschwörung durchzuführen! Erscheine, Metallrüstungs-Drache!“

      Richard steckte die drei Karten in sein Deck zurück und mischte dieses kurz. Währenddessen stiegen holografische Ausgaben der Karten in die Höhe und umkreisten sich dabei. Am höchsten Punkt angekommen gab es einen Lichtblitz, die Erde riss auf und Richard gigantischer, gepanzerter Drache kämpfte sich an die Erdoberfläche. (ATK: 3000)

      „Aber da kommt noch mehr“, kündigte Richard an und legte seine letzte Handkarte, eine Zauberkarte, auf seine Duelloberfläche. „Denn jetzt aktiviere ich etwas, wovon du keine Ahnung hast! Das gerechte Mittel! Ich kann diese Karte aktivieren, wenn du fünf oder mehr Handkarten hast! Danach kann ich zwar keine Spezialbeschwörungen mehr durchführen, aber das ist es allemal wert! Denn jetzt mischen wir beide unsere gesamte Hand ins Deck zurück und ziehen dann Karten entsprechend der Hälfte der Karten, die zurückgemischt wurden! Du hast sechs Handkarten, ich gar keine. Das heißt, wir ziehen beide drei!“

      Mit äußerst grimmigem Gesicht mischte Mr. Steele seine volle Hand ins Deck zurück und musste sich mit der Hälfte an neuen Karten begnügen, während Richard seine eigene Hand wieder auffüllte.
      „Du kämpfst gegen Windmühlen“, meinte Mr. Steele kühl. „Selbst wenn du deinen Drachen meine Hülle angreifen lässt, als Pendelmonster geht sie auf mein Extra Deck, von aus ich sie zu jederzeit wieder als Pendelbeschwörung beschwören kann.“

      „Ach wirklich?“, entgegnete Richard und legte eine seiner neuen Karten auf seine Duelloberfläche. „Dann pass mal auf: Weil ich mit Redox, Drachenherrscher der Felsen ein Monster vom Typ Drache der Stufe 6 oder höher kontrolliere, kann ich es auf die Hand zurückgeben, um Flügelschlag des Drachengiganten zu aktivieren! Dadurch werden alle Zauber- und Fallenkarten auf dem Spielfeld zerstört! Und wenn ich mich richtig erinnere, zählen deine komischen Zungenbrecher-Monster in den Pendelzonen als Zauberkarten!“

      „Das ist doch nicht möglich…“, entgegnete Mr. Steele entsetzt.

      „Nun, ich fürchte doch!“, antwortete Richard, während sein riesiger Drache, der ironischerweise nicht einmal Flügel hatte, sich stattdessen auf die Hinterbeine stellte, um mit den Vorderbeinen kräftig aufzustampfen, wobei er zornig brüllte und anschließend verschwand, als Richard die Karte zurück auf seine Hand nahm. Die entstandenen Schall- und Druckwellen jedoch wurden holografisch dargestellt und sorgten dafür, dass Mr. Steeles Pendelmonster verschwanden, die Lichtsäulen erloschen und das Hologramm seines permanenten Zaubers Vorstoßzone wie eine zertrümmerte Fensterscheibe zersprang. Mr. Steele nahm die beiden Pendelmonster mit steinerner Miene auf und legte sie ebenfalls auf sein Extra Deck.
      Alex wollte Richard für seine Leistung loben, ihm Mut zusprechen, aber sie brachte kein Wort hervor. Stattdessen kaute sie angespannt auf ihren Fingernägeln herum.

      „Und jetzt los!“, fuhr Richard fort. „Metallrüstungs-Drache, gib meinem Vater, was er verdient hat und vernichte sein Monster! Umfassende Zerstörung!“

      Richards verbliebenes Monster gehorchte und warf seinen Kopf in den Nacken, wobei sich in seinem Maul eine blaue Energiekugel bildete, die es schließlich direkt auf Qliphort-Hülle schleuderte.
      Hart getroffen wurde die von der Energiekugel aus ihrer Bahn geworfen und blieb schließlich leicht schräg in der Luft stehen. Sie drehte sich weiter um die eigene Achse, jedoch immer langsamer, und präsentierte sein Rechenzentrum. Das Auge leuchtete scharlachrot und dichter, schwarzer Rauch quoll aus der Platine hervor. Wenig später implodierte das ganze Gebilde in einer riesigen Wolke aus Rauch, Splittern und Feuer und Alex musste sich einen Arm vors Gesicht halten, um nicht geblendet zu werden. (Mr. Steele: LP 2400 -> 2200)

      „Was ist nur los mit dir, Junge?“, fragte Mr. Steele und klang dabei wirklich so, als würde ihn diese Frage zutiefst beschäftigen. „Warum hasst du mich so?“

      Richard antwortete nicht. Er stand nur mit gesenktem Kopf da, die Faust auf der Oberfläche seines Duellantenturms geballt, scheinbar bemüht, ruhig zu bleiben. Aber dann brach es aus ihm heraus…
      „Du hast Mutter im Stich gelassen!“, schrie er. „Du hast gearbeitet, an dem Tag, als sie gestorben ist!“

      Mr. Steeles Gesicht wurde zu Stein. „Woher weißt du das?“, fragte er.

      „Das Kindermädchen hat es mir erzählt“, antwortete Richard bitter. „Wer denn auch sonst? Schließlich hast du nie mit mir geredet!“

      „Also glaubst du einem Kindermädchen eher als deinem eigenen Vater?“, entgegnete der zornig.
      „Ich schwöre dir, das war der schlimmste Tag meines Lebens!“, fuhr er fort, schloss die Augen und fasste sich an die Stirn. Leise fuhr fort: „Als ich gefahren bin, da sah es so aus, als wäre ihr Zustand stabil. Ich habe mit ihr geredet, sie wollte, dass ich gehe. Sie wollte nicht, dass ich all das, wofür ich so lange gearbeitet habe, für sie aufgebe. Also bin ich gefahren, habe mich beeilt und mir die ganze Zeit Sorgen gemacht. Ich war nicht einmal drei Stunden lang weg, nachdem ich nächtelang nicht von ihrer Seite gewichen war und nicht geschlafen hatte. Und genau während diesen drei Stunden ist es passiert…“

      Alex konnte den Schmerz in seiner Stimme hören und wusste, dass er echt war. Und ohne, dass sie es wollte, glitzerten ihr Tränen in den Augen. Passierte das alles hier wirklich? Empfand sie wirklich Mitleid mit dem Mann, den sie eigentlich über alles hassen sollte?

      Aber offenbar ließ Richard sich nicht so leicht erweichen. „Und trotzdem bist du gefahren!“, rief er. „Und das ist alles, was zählt. Denn ein echter Vater tut so etwas nicht! Einem echten Ehemann wäre seine Karriere egal, wenn seine Frau in Gefahr ist!“

      „Sie hat es so gewollt!“, rechtfertigte Mr. Steele sich lautstark. „Es war ihr Wunsch!“

      „WAR ES NICHT!“, brüllte Richard zurück. „Sie hat das nur gesagt, weil sie dir nicht zur Last fallen wollte!“

      Mr. Steele wirkte, als hätte man ihm einen Schlag ins Gesicht verpasst. „Du verstehst das nicht…“, flüsterte er verzweifelt.

      „WIE DENN AUCH?!“, schrie Richard und erschrocken stellte Alex fest, das hm Tränen die Wangen hinunterliefen. „Du redest ja nie mit mir! Wieso redest du nie mit mir? Wieso hast du Mutter nie wieder erwähnt, so als hätte sie nie existiert?“

      „Weil ich stark sein wollte!“, fiel ihm Mr. Steele ins Wort und klang wieder unfassbar zornig. „Ich wollte ein Vorbild für dich sein! Ich wollte dich nicht mit Dingen belasten, an die du dich nicht erinnerst!“

      Richard schwieg. Er hatte wieder seinen Kopf gesenkt, sodass ihm sein Haar wie ein Vorhang in die Augen fiel. Mr. Steele konnte dies anscheinend nicht ertragen.

      „Du hast ihre Augen“, sagte jener mit belegter Stimme und wirkte auf einmal viel älter als sonst, viel schwächer, viel menschlicher…
      „Immer, wenn ich dir in die Augen sehe, dann sehe ich sie. Und dann erinnert mich das an den größten Fehler meines Lebens…“

      Richard schwieg weiterhin. Schließlich ballte er wieder die Faust auf seiner Duelloberfläche. Er wirkte zornig, aber als er sprach, tat er dies vollkommen nüchtern: „Deswegen hast du dich also immer von mir fern gehalten. Du hast mich nie geliebt, sondern immer nur Mutter, stimmts? Ich war für dich nur ein Klotz am Bein. Eine Erinnerung an eine Zeit, die du am liebsten einfach vergessen würdest...
      Ich setze zwei Karten verdeckt und beende meinen Zug.“ [Hand: 1 / Backrow: 2]

      „Richard…“, fing Mr. Steele vorsichtig an.

      „SPAR DIR DAS!“, schnitt dieser ihm lautstark das Wort ab. Dann fuhr er etwas leiser fort: „Wir haben uns nichts mehr zu sagen, nichts! Noch dieses Duell, dann bist du mich endlich los. Mach also einfach deinen Zug, okay?“

      Mr. Steele schloss die Augen und atmete tief durch. Als er sie wieder öffnete, hatte spitzes Gesicht wieder einen harten, starren Ausdruck angenommen.
      „Na gut, wie du willst…“, sagte er und zog eine Karte von seinem Deck.
      „Ich tue das hier nicht gerne, aber wenn du mir keine Wahl lässt…“, fuhr er fort und zückte eine Karte aus seinem Blatt. „Ich aktiviere Topf der Reichtümer! Dieser Zauber erlaubt es mir, drei Pendelmonster von meinem Extra Deck ins Deck zurückzumischen und dafür zwei neue Karten zu ziehen! Ich wähle Qliphort-Kundschafter, Qliphort-Monolith und Qliphort-Hülle!“

      Vor Mr. Steele erschien das Hologramm eines großen, goldenen Topfes mit einem riesigen, dicklichen Gesicht, das breit lächelte. Mr. Steele griff unterdessen nach den Karten, die er bisher auf sein Extra gelegt hatte, legte die obersten drei davon auf sein Hauptdeck zurück und mischte dieses. Anschließend zog er zwei neue Karten.

      „Genau, wie ich es mir erhofft hatte!“, fuhr er fort. „Ich setze den Pendelbereich erneut mit Qliphort-Kundschafter!“

      „Sie haben ihn wieder gezogen?“, fragte Alex vom anderen Ende der Duellarena entsetzt. Es war das erste Mal seit langem, dass sie sprach.

      „Genau so ist es!“, antwortete Mr. Steele, während zu seiner linken wieder eine blaue Lichtsäule erschien, darin das Flugobjekt mit den sechs Insektenbeinen und dem gelben Auge. (Scale: 9/9) „Und jetzt, da ich ihn wieder kontrolliere, kann ich seinen Pendeleffekt aktivieren! Zum Preis von 800 Lebenspunkten füge ich meiner Hand eine Qli-Karte von deinem Deck hinzu!“
      Er griff ein weiteres Mal nach seinem Deck und suchte sich eine Karte daraus, die er gleich im Anschluss an den rechten Rand seiner Duelloberfläche legte. „Als Nächstes setze ich meinen anderen Pendelbereich mit Qliphort-Monolith!“

      Zu Mr. Steeles Linken erschien wieder eine rote Lichtsäule, darin die Flache Steintafel mit dem verpixelten Auge. (Scale: 1/1)

      „Und jetzt, da mein Pendelbereich bereit ist, kann ich eine Pendelbeschwörung durchführen! Steigt herab, Qliphort-Helix und Qliphort-Tarnkappe!“

      Zum dritten Mal in diesem Duell tat sich unter der Decke das riesige Lichtgebilde auf, das wie ein überdimensionaler Traumfänger aussah. Zwei riesige Flugobjekte stiegen daraus hinab, das spiralförmige (ATK. 2400 -> 1800) und das mit den unsichtbaren Flügeln (ATK: 2800 -> 1800), beide mit erloschenen Kugeln als Auge.

      „Aber ich bin noch nicht fertig!“, verkündete Mr. Steele. „Denn jetzt aktiviere ich den Schnellzauber Schwerter im Morgengrauen! Damit kann ich eins meiner Monster mit einem Ausrüstungszauber von meinem Friedhof ausrüsten! Ich rüste Qliphort-Helix mit Qli-Opfer aus!“

      Eine holografische Morgensonne erschien unter der Decke und tauchte den Kellerraum in ein rosafarbenes Licht. Gleichzeitig war das Klirren von Schwertern zu hören und Mr. Steele nahm die Karte von seinem Friedhof, um sie auf seine Duelloberfläce zu legen.
      Das runde Auge am „Kopf“ des spiralförmigen Monsters leuchtete daruafhin blau auf. (ATK: 1800 -> 2100)

      „Wie du dich sicher erinnerst, zählt ein Monster, das mit Qli-Opfer ausgerüstet ist, für die Tributbeschwörung eines anderen Qli-Monsters als zwei Tribute! Zusammen mit Qliphort-Tarnkappe ergibt das drei! Ich biete also meine beiden Monster als Tribut an, um meine stärkste Kreatur zu beschwören! Die ultimative Form von Technologie! Die allmächtigen Apoqliphort-Türme!“

      Die beiden Flugobjekte sanken zu Boden und zerfielen dort zu Trümmern, um stattdessen einem gewaltigen, stählernen Monstrum Platz zu machen. Dieses schwebte knapp einen Meter über dem Boden und reichte bis zur Decke, sodass man die spitze nicht sehen konnte.
      Das Zentrum des gewaltigen Gebildes bildete ein riesiger Turm, mit einem weiteren spitzen Oval an der Alex zugewandten Seite, dessen Auge gelb leuchtete.
      Um das Zentrum herum waren wie gigantische Krebsbeine symmetrisch vier Füße angeordnet, deren Außenseiten mit dicken, stachligen Panzerungen geschützt waren, während die Innenseiten aus bronzenen Gittern bestanden, zwischen denen buntes Licht hervordrang. (ATK: 3000)
      Obwohl das Monster an sich nicht besonders furchteinflößend war und vollkommen regungslos und friedlich in der Luft stand, ging eine erhabene und bedrohliche Aura von ihm aus, wie von einem schlafenden Riesen. Diese eigenartige Aura brachte alle anwesenden Menschen zum Verstummen, sodass sich eine unnatürliche Stille über dem Kellerraum legte. Und nach Mr. Steeles bisherigen Karten zu urteilen war Alex sich absolut sicher, dass dieses Monster über einen geradezu lächerlich starken Effekt verfügen musste…

      „Wenn Apoqliphort-Türme erstmal das Spielfeld betreten hat, bleibt er von den Effekten von sämtlichen Zauber- und Fallenkarten sowie von denen von Monstern unberührt, die eine geringere Stufe haben als er selbst! Da er Stufe 10 ist also quasi von allen Karteneffekten!“, brach die Stimme von Mr. Steele, der hinter seinem gigantischen Monster kaum zu sehen war, das Schweigen und riss Alex damit wieder zurück in die Realität, nachdem sie wie hypnotisiert sein Monster angestarrt hatte. „Außerdem verlieren alle als Spezialbeschwörung beschworenen Monster 500 Angriffs- und Verteidigungspunkte!“

      „Wie bitte?!“, fragte Richard entsetzt, während sein das Auge der Platine an der Frontseite von Mr. Steeles Monster kurz blau aufleuchtete. In einem solchen blauen Licht erstrahlte nun auch Metallrüstungs-Drache, der offenbar unter Schmerzen ein ersticktes Brüllen ausstieß. (ATK: 3000 -> 2500)
      Alex unterdessen sah sich selbst in ihren schrecklichsten Erwartungen übertroffen. Von sämtlichen Karteneffekten unberührt? Wie sollte das Ding dann jemals besiegt werden? Und wenn außerdem alle spezialbeschworenen Monster 500 Angriffspunkte verloren, war es auch fast unmöglich, es im Kampf zu zerstören…

      „Außerdem aktivieren sich noch die Effekte von Qliphort-Helix und Qli-Opfer!“, fuhr Mr. Steele fort. „Da Erstere als Tribut angeboten wurde, kann ich eine deiner Zauber- und Fallenkarten zerstören! Und weil Qli-Opfer zerstört wurde, kann ich meiner Hand ein Qli-Monster von meinem Deck hinzufügen! Ich wähle deine rechte verdeckte Karte und Qliphort-Hülle!“

      „Falsche Wahl!“, entgegnete Richard und griff nach der benannten verdeckten Karte, während Mr. Steele erneut sein Deck durchsuchte. „Ich kette meine Falle Angsteinjagendes Gebrüll an! Dadurch kannst du in diesem Spielzug nicht angreifen!“

      Ein vergrößertes Hologramm der Fallenkarte klappte neben Richard hoch und ein lautes Brüllen war zu hören, wobei stilisierte Schallwellen aus der Fallenkarte drangen.

      „Na gut, dann hast du dich eben noch für eine Runde gerettet, aber deine Falle hindert mich nicht daran, den Effekt von Apoqliphort-Türme zu aktivieren! Der zwingt dich einmal pro Spielzug dazu, eins deiner Monster auf den Friedhof zu schicken!“

      „Aber ich kontrolliere nur Metallrüstungs-Drache…“, entgegnete Richard überrumpelt. Mr. Steele unterdessen schwieg, während aus dem „Auge“ seines Monsters in der Mitte der Platine ein breit gefächerter, blauer Lichtstrahl drang, wie eine feste Mauer. Deren Ende wurde auf das Ende von Richards Feld projiziert und wanderte von dort aus an dem riesigen Drachen darauf empor. Es sah aus, als würde Mr. Steeles Monster das Feld seines Gegners „abtasten“.

      „Dann sollte die Wahl dir ja nicht besonders schwer Fallen“, sagte Mr. Steele schließlich kühl. Richard entgegnete darauf nichts weiter und legte mit grimmiger Miene seine Monsterkarte auf den Friedhof.
      Kaum war das geschehen, taten sich plötzlich unter den Füßen des riesigen Drachen tiefe Risse im Erdboden auf, aus denen buntes Licht drang. Schließlich explodierte der Erdboden regelrecht wie bei einem Vulkanausbruch und riss Richards Monster mit sich. Mr. Steeles Monster hatte es zerstört, ohne sich einmal merkbar bewegt zu haben…

      „Ich setze eine Karte verdeckt und beende meinen Zug“, schloss Mr. Steele und eine holografisch vergrößerte, braune Kartenrückseite erschien am Fuß seines Duellantenturms.
      „Das heißt, der Pendeleffekt von Qliphort-Monolith aktiviert sich und lässt mich eine Karte für jedes Qli-Monster ziehen, das in diesem Spielzug als Tribut angeboten wurde!“

      Eine weiße Ziffer 2 löste das pixelige menschliche Auge in der Mitte der Steintafel ab, die in der roten Lichtsäule gefangen war und Mr. Steele zog ebenso viele Karten. [Hand: 4 / Backrow: 1]

      „Mein Zug!“, entgegnete Richard zornig und zog ruckartig eine Karte von seinem Deck. „Ich aktiviere den Effekt von Redox, Drachenherrscher der Felsen in meiner Hand! Ich werfe ihn zusammen mit Vorhut der Drachen von meiner Hand ab, um Metallrüstungs-Drache wiederzubeleben!“

      Richard trennte sich auch noch von seinen letzten beiden Handkarten, woraufhin riesige, graue Stalagmiten auf seinem Feld erschienen. Diese zerbröckelten, als sich abermals ein riesiger, gepanzerter Drache an die Erdoberfläche zurückkämpfte und dort sofort unter dem blauen Licht von Mr. Steeles Monster Schmerzen litt.
      (ATK: 3000 -> 2500)

      „Aber da kommt noch mehr!“, kündigte Richard an und drehte seine verbliebene verdeckte Karte um. „Ich aktiviere Schloss der Drachenseelen! Indem ich ein Monster vom Typ Drache von meinem Friedhof aus dem Spiel entferne, erhält eines auf meinem Feld 700 Angriffspunkte hinzu!“

      Ein vergrößertes Hologramm der Fallenkarte klappte vor Richard hoch und daneben erschien das Hologramm einer auf einem knapp vier Meter hohen, turmartigen Hügel gelegenen Burg.
      Unterdessen griff Richard nach seinem Friedhof, um die Vorhut der Drachen-Karte von dort in seine Jackentasche zu stecken. Kurz darauf stieg die geisterhafte, weiße Silhouette eines Drachen aus der Burg empor, breitete die Schwingen aus und verschwand.
      Metallrüstungs-Drache schien durch diese Erscheinung gestärkt worden zu sein, spannte seine Muskeln an und brüllte entschlossen. (ATK: 2500 -> 3200)

      „Sehr gut, Richard!“, jubelte Alex ihm zu. Jetzt hatte sein Monster genug Angriffspunkte, um das von Mr. Steele zu besiegen.

      Richard lächelte. „Und jetzt los! Metallrüstungs-Drache, greif sein Monster an mit Umfassende Zerstörung!“

      Der riesige Drache brüllte zornig und warf den Kopf in den Nacken, wobei sich abermals eine blaue Energiekugel in seinem Maul bildete. Gespannt verfolgte Alex das Geschehen auf dem Schlachtfeld, die Daumen fest gedrückt.

      „Du kannst nicht gewinnen!“, entgegnete Mr. Steele vom anderen Ende des Spielfelds. „Ich aktiviere meine verdeckte Karte! Sie nennt sich Zwangsrettungsgerät und zwingt uns beide dazu, eins unser Monster ins Deck zurückzumischen! Nur leider bleibt Apoqliphort-Türme von den Effekten von Fallenkarten unberührt, weshalb er schön bleibt, wo er ist! Für deinen Drachen sieht es jedoch schlecht aus…“

      „Was…“, meinte Richard entsetzt, während vor Mr. Steeles Duellantenturm, hinter seinem gewaltigen Monster kaum zu sehen, ein Hologramm der Fallenkarte hochklappte.
      Eine Weile lang stand er wie vom Donner gerührt da, bis er sich schließlich zusammenriss und mit grimmiger Miene nach seinem Metallrüstungs-Drachen griff, um ihn zurück aufs Extra Deck zu legen. Das Hologramm des riesigen Drachen verschwand daraufhin, während das von Mr. Steeles Monster weiterhin vollkommen reglos in der Luft schwebte.

      Wie eine Guillotine sauste eine Erkenntnis auf Alex hinab: Richard hatte verloren. Er hatte keine Karten mehr auf der Hand, nur noch eine nutzlose permanente Fallenkarte auf dem Feld. Er konnte nichts mehr machen…

      Mit gesenktem Kopf stand Richard da, zögerte das unausweichliche hinaus. Augen und Mund weit geöffnet starrte Alex zu ihm hinüber, wollte etwas sagen, schaffte es nicht.
      „Ich beende meinen Zug“, sagte er bitter, tat dabei aber etwas Eigenartiges: er hob die linke Hand leicht und machte mit den Fingern eine kleine Geste, als würde er lautlos schnipsen. Sofort war Alex klar, dass diese Geste für sie bestimmt war. Sie wusste auch, was sie bedeutete: „Wir haben nur eine Chance. Pass auf und hör auf das, was ich sage.“

      Mr. Steele, der dank des riesenhaften Hologramms seines Monsters nichts mitbekommen hatte, nickte unterdessen bestätigend.
      „Ich bin dran“, sagte er entschieden und zog eine Karte von seinem Deck, der er jedoch keinerlei Beachtung schenkte.
      Apoqliphort-Türme! Beende dieses Duell mit Ausrottungsstrahl!“

      Das riesige Gebilde gab ein Summen von sich, wie ein Elektroschocker, der nach dem Einsatz wieder aufgeladen wurde und das Auge an der Frontseite leuchtete plötzlich rot auf. Sekundenbruchteile später kam ein dicker, gebündelter, roter Laserstrahl aus dem Auge geschossen und sauste einmal über Richards Feld hinweg, wobei unter ohrenbetäubenden Lärm die Erde aufriss und explodierte, sodass der vor echtem Schmerz schreiende Richard in einer Wolke aus rotem Licht, Staub und holografischen Trümmern verschwand. (LP: 400 -> 0)

      Als der Staub sich gelegt hatte, waren die Hologramme der Karten verschwunden und Richard stand schwer atmend mit gesenktem Kopf an seinem Duellantenturm. Mr. Steele am anderen Ende des Feldes hatte eine steinerne Miene aufgesetzt.
      „Siehst du es jetzt ein, Junge?“, fragte er. „Siehst du jetzt ein, dass du dich mir nie hättest widersetzen sollen?“

      Richard antwortete nicht. Er atmete weiterhin rasselnd, das stahlgraue hing ihm wie ein Vorhang im Gesicht.
      Aber dann riss er plötzlich den Kopf hoch und schrie aus Leibeskräften: „LAUF!“

      ~

      Alex reagierte sofort. Sie sprang auf und holte mit ihren gefesselten Händen nach Riley aus, verpasste ihm einen saftigen Kinnhaken.
      Der Sicherheitsmann wusste anscheinend nicht wie ihm geschah und blieb regungslos stehen, während Alex die Stufen der stählernen Zuschauertribüne hinunterhechtete.
      Sekundenbruchteile später erwachte Riley aus seiner Trance sprang mit gezücktem Messer Alex hinterher. Aber dann kam plötzlich Richard angerannt, der nur noch blitzschnell sein Deck gepackt und in seine Jacke gestopft hatte. Nun streckte er die linke Hand aus, woraufhin das Messer mit der langen, gezackten, stählernen Klinge aus der Hand des Sicherheitsmannes flog und Richard es geschickt auffing.
      Anschließend schlang Richard seinen rechten Arm um Alex’ Hüfte, damit diese schneller rennen konnte, und sie machten sich auf die Flucht.

      Gemeinsam rannten sie durch den hohen Kellerraum in Richtung des rettenden Aufzugs, Riley dicht auf den Versen und kurz dahinter auch Mr. Steele.
      Alex und Richard erreichten den Gang mit dem Aufzug zuerst und Richard löste sich von ihr, um seine längeren Beine auszunutzen, mit denen er die letzten zehn Meter in vier langen Schritten zurücklegen konnte, und hämmerte auf den Aufzugknopf.

      Die wenigen Sekunden, bis die Tür des runden Aufzugs aufglitt, reichten für Riley und Mr. Steele aus, um sie einzuholen.
      Richard schob Alex hinter sich und fuchtelte drohend mit dem Messer herum, das er nun in der rechten Hand trug. Als Riley jedoch keine Anstalten machte, anzuhalten, hielt Richard sich die gezackte Klinge stattdessen mit einem wahnsinnigen Gesichtsausdruck an seine eigene Kehle, wodurch Riley von Mr. Steele, der schnaufend aufholte, gestoppt wurde.
      Die Tür glitt auf und immer noch mit Selbstverletzung drohend schob Richard Alex in den Aufzug und tastete mit der linken Hand nach den Knöpfen, um die Türen wieder zu schließen.
      Kaum war dies geschehen, lächelte er mit grimmiger Zufriedenheit, während Mr. Steele verzweifelt gegen die runde Glaswand hämmerte.

      „Es gibt nur einen Aufzug hier unten“, sagte Richard schwer schnaufend, als ebenjener in der Decke verschwunden war und er und Alex allein durch vollkommene Dunkelheit fuhren. Anschließend nutzte er das erbeutete Messer, um den Kabelbinder zu durchtrennen, mit dem Alex immer noch gefesselt war. „Solange, bis wir ausgestiegen sind, sitzen sie in der Fallen, außer sie nehmen die Treppe, aber dann müssten sie erstmal dreißig Höhenmeter zu Fuß zurücklegen.“

      „Richard…“, schnaufte Alex und rieb sich die schmerzenden Handgelenke. Mehr brachte sie einfach nicht zu Stande. Zu überwältigt war sie von dem, was ihnen soeben gelungen war.

      Plötzlich schloss Richard schuldbewusst die Augen. „Tut mir leid, dass ich verloren habe.“

      „Schon okay“, entgegnete Alex und stemmte sich die Hände in die stechenden Seiten. „Sein Deck war…“

      „Beängstigend“, beendete Richard den Satz. Alex nickte.

      Es entstand eine Pause und eine Weile lang fuhren sie schweigend weiter, bis sie auf einmal wieder vom gleißendem Sonnenlicht der Oberwelt geblendet wurden. Sie befanden sich wieder im vollverglastem Treppenhaus der oberen Etagen.
      „Komm“, meinte Richard und drückte den roten Notstopp-Knopf. „Wir nehmen die Treppe ins Erdgeschoss. Geht schneller.“

      Sofort bremste der Fahrstuhl ab und kam quietschend im nächstbesten Stockwerk zum Stehen. Die Tür glitt auf, Richard ließ das Messer im Aufzug liegen und packte Alex am Handgelenk, um sie aus jenem zu ziehen.
      Rasch begaben sie sich ins nächste Treppenhaus und rannten geschwind die stählernen Stufen hinab. Anscheinend hatten Mr. Steele und der Sicherheitsmann wirklich die Nottreppe genommen, denn der Aufzug blieb dort stehen, wo sie ihn verlassen hatten.
      Sie stürmten etwa ein dutzend Treppen hinab, bis sie das Treppenhaus in einem hellen Gang im Erdgeschoss verließen.
      Wir müssen es nur nach draußen schaffen, ohne das sie uns sehen, dann haben wir eine Chance, dachte Alex verzweifelt und beschleunigte ihren Schritt. Sie flitzten durch ein paar enge Gänge, dann erreichten sie schließlich das Atrium, in dem weit und breit nichts von ihren Verfolgern zu sehen war.
      Ohne auf die völlig verdatterte Empfangsdame zu achten rannten sie durch die riesige Halle auf den Ausgang zu und schnappten schließlich frische Außenluft.

      Ihre Geschwindigkeit beibehaltend sprinteten sie über den gepflasterten Platz vor dem Büroturm, dabei achtlos Anzug tragende Mitarbeiter mit Kaffeebechern anrempelnd.
      Glücklicherweise beschäftigte der Hauptsitz von Steele Industries genug Menschen, um eine eigene U-Bahnstation zu haben, auf die Alex und Richard nun zielstrebig zusteuerten.

      Halb springend, halb rennend nahmen sie die steinernen Stufen zwischen den Rolltreppen und rannten auf den Bahnsteig zu, von dem die Züge nach Newhaven fuhren. Noch während sie lief, zog Alex ihre zerknitterte Monatskarte aus der Hosentasche und steckte sie in das Drehkreuz, dabei Richard packend, damit dieser sich mit ihr hindurchquetschen konnte.

      Keuchend und in vorgebeugter Haltung kamen sie schließlich am belebten Bahnsteig zum Stehen, die Hände auf den Oberschenkeln.
      Alex’ Seiten stachen fürchterlich und ihre Lunge schmerzte, als sie die kühle, abgestandene Luft einsog. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie keinen Meter weiter rennen konnte. Aber das musste sie auch nicht! Sie und Richard hatten es geschafft! Sie musste nur noch in diese U-Bahn steigen, dann wäre sie endgültig entkommen!

      „Nimm’ du den nächsten Zug und verschwinde“, sagte Richard. Stoßweise, weil auch er vollkommen erschöpft war.

      „Und was ist mit dir?“, fragte Alex besorgt.

      „Mach dir um mich keine Sorgen. Ich weiß genug über meinen Vater, damit er mir nichts antut. Du musst dich jetzt um dich selbst kümmern. Hast du einen Plan, wie du deine Schwester zurückholen kannst?“

      Alex nickte. „Wie sich herausgestellt hat, war mein Vater gar nicht arm. Er hat uns wahrscheinlich insgeheim einen Haufen Geld hinterlassen.“

      „Weißt du, wo das Geld ist?“, fragte Richard.

      Alex nickte abermals. „In der Bank. Er war einmal im Monat da. Manchmal hat er mich mitgenommen.“ Alex erinnerte sich an die sterbenslangweiligen Bankbesuche, bei denen sie in der Lobby warten musste, während ihr Vater mit einem Bankmitarbeiter im hinteren Bereich der Bank verschwunden war. Hinterher wurde ihre Geduld dann meist mit einem Eis belohnt. Die Erinnerung waren verschwommen, aber sie meinte sich daran zu erinnern, welche Bank es war. Aber jetzt im Nachhinein kam es ihr komisch vor, dass ihr Vater mit dem Bankmitarbeiter verschwunden war. Schließlich gab es in der Lobby auch Geldautomaten…
      „Ich glaube, es ist in einem Schließfach.“

      „Um ein Bankschließfach zu öffnen, braucht man einen speziellen Schlüssel und einen achtstelligen Zugangscode. Hat dein Vater euch kurz vor seinem Unfall irgendwas hinterlassen?“, hakte Richard nach.

      Alex korrigierte Richard nicht, indem sie erklärte, dass es gar kein Unfall gewesen war. Die Wahrheit schmerzte noch zu sehr.
      Stattdessen dachte sie zurück und erinnerte sich an die letzten Geschenke, die John Whitman seinen beiden Töchtern einen Tag vor seinem Tod überreicht hatte. Die damals eineinhalbjährige Lily hatte ihr bis heute heiß geliebtes Kuriboh-Stofftier bekommen. John hatte es ihr gegen das Versprechen geschenkt, dass sie es immer beschützen und nie verlieren würde, das sie bis heute eingehalten hatte, auch wenn sie sich nicht mehr erinnern konnte, es jemals gegeben zu haben.
      Später hatten Alex und ihre Mutter dann immer wieder eine eigenartige Naht am Rücken des Stofftiers bemerkt und etwas hartes, das sich offenbar im Inneren der flauschigen Füllung befand. Aber Lily hatte sich immer strikt dagegen gewehrt, ihr Lieblingsspielzeug aufzuschneiden. Deshalb hatten sie nie herausgefunden, was es mit dieser Eigenart auf sich hatte…

      „Ich weiß, wo der Schlüssel ist“, sagte die sechzehnjährige Alex am U-Bahnsteig bestimmt. Auf einmal bereute sie es kein Stück mehr, damals auf Lily gehört zu haben, als diese sie gebeten hatte, noch einmal in die brennende Wohnung zu rennen, um das Stofftier zu retten. Denn jetzt würde ebenjenes Stofftier, das in diesem Moment an Lilys Seite im Krankenhaus lag, für deren Rettung sorgen…

      „Und der Code?“, fragte Richard.

      Alex dachte erneut zurück an jenen Tag vor fast zehn Jahren, als Alex neidisch auf Lily und ihr Geschenk gewesen war, woraufhin John in seine Jackentasche gegriffen hatte, um auch ihr ein Geschenk zu überreichen, eine Duel Monsters-Karte…

      Die sechzehnjährige Alex holte aufgeregt ihr Deck hervor, um ebenjene Karte zu begutachten, die das letzte Geschenk ihres Vaters an sie gewesen war und die sie bis heute wie ihren Augapfel hütete: Alector, der Herrscher der Vögel, der, bevor sie ihren Phönix der Wiedergeburt erhalten hatte, immer ihr Ass gewesen war. Ihr Vater hatte ihn ihr damals mit den Worten gegeben, dass sie etwas ganz besonderes sei und ihr Exemplar einmalig auf der ganzen Welt war.
      Sie hob die Karte an und sah in die untere linke Ecke, wo in winzigen Ziffern jede Duel Monsters-Karte eine achtstellige Seriennummer aufgedruckt hatte. Sie las die Nummer: 03140927… Der 14. März und der 27. September – Die Geburtstage von Lily und Alex…
      Jetzt wurde ihr auch klar, was ihr Exemplar von den tausenden anderer Alector-Karten auf der Welt unterschied: John Whitman hatte sich die Seriennummer von dieser Sonderanfertigung selbst aussuchen dürfen. Wahrscheinlich ein Gefallen, den Mr. Steele ihm als Zeichen der Wertschätzung seiner Arbeit gewährt hatte, bevor John sich gegen ihn gewendet hatte…

      „Wir sind der Code“, sagte Alex. „Lily und ich.“

      Richard nickte. Dann lächelte er Alex an und sah ihr dabei tief in die Augen. Alex lächelte zurück, von dem Gedanken beflügelt, das Lily zurückkommen würde.
      Alex spürte, dass Richard sie küssen wollte, wurde jedoch vom plötzlichen, kühlen Windhauch abgelenkt, den die U-Bahn versuchte, als sie quietschend in den Bahnhof einfuhr, anhielt und die Türen sich zischend öffneten.

      „Vielen Dank für alles“, sagte Alex aufrichtig und wandte sich von Richard ab, in Richtung des Zuges, in den die Menschen jetzt ein- und ausstiegen.

      „Warte“, rief er ihr nach, sie drehte sich um und blieb zwei Meter von ihm entfernt stehen.

      „Was gibt’s?“, fragte sie.

      „Was wird jetzt aus uns?“, fragte Richard.

      Alex rutschte das Herz in die Hose. Jetzt war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt…
      „Was soll schon aus uns werden? Wir sind Freunde…“

      „Freunde…“, wiederholte Richard leise.

      Alex schaut ihn hilfesuchend an. „Richard…“, sagte sie im verzweifelten Tonfall.

      „Ach vergiss es!“, meinte der beleidigt. „Geh einfach. Geh, und rette deine Schwester! Schließlich ist das alles, was du die ganze Zeit über wolltest…“

      Etwas Bitteres lag bei diesen letzten Worten in Richards Stimme. Alex schaute weiter hilflos drein und warf einen Blick über die Schulter zur U-Bahn, in die jetzt keiner mehr einstieg. Verzweifelt schloss sie die Augen und öffnete sie kurz darauf wieder.
      „Ich… Ich muss jetzt gehen“, sagte sie, drehte Richard den Rücken zu und eilte in die U-Bahn. Keine Sekunde zu früh, denn kaum hatte die Verse ihres verschlissenen Turnschuhs die Türschwelle überquert, schon schlossen die Türen des Zuges sich zischend und er setzte sich ruckartig in Bewegung.

      Also blieb Alex nichts weiter übrig, als durch die Fenster dem enttäuschten Richard nachzuschauen, der regungslos am nun menschenleeren Bahnsteig stand. Als der Zug in den Tunnel einfuhr und Richard somit außer Sichtweite war, ließ sie sich seufzend in einen leeren Sitzplatz plumpsen.
      Und während sie so durch die Dunkelheit des Tunnels fuhr und die vorbeiziehenden Lichtstreifen der Tunnelbeleuchtung über ihr Gesicht flackerten, wurde ihr eins klar: Auch, wenn Lily aufwachen würde, nichts würde mehr so sein, wie es einmal war…





      - Ende der ersten Serie -


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