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Das Drumherum
von soulwarrior am 19.07.2010 um 18:50 Uhr
Vor rund 4 Jahren, als der erste Artikel als Teil dieser Kolumne erschien, schrieb ich über die geänderten Wertvorstellungen der Spieler. [1] Die Kernaussage des Artikels – der zugegebenermaßen nicht zu meinen besten Werken gehört, aber ich fange immer schwach an, um mich dann noch mühelos steigern zu können – war: Früher war es für einen Spieler das Größte, die Deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Mittlerweile stehen / standen die Pharaoh Tour / Fortune Tour Stopps in Konkurrenz dazu und viele Spieler waren sich schon gar nicht mehr so sicher, was denn nun wichtiger wäre; der Gewinn der DM oder des Finals der Tour. Mit der Einführung der Europameisterschaft erübrigte sich die Diskussion, denn plötzlich war das wichtigste Turnier des Jahres eben dieses Turnier. Nun steht die Europameisterschaft ein viertes Mal vor der Tür. Nach Deutschland, Italien und Frankreich macht sie diesmal Halt in Großbritannien, womit die 4 großen europäischen Yu-Gi-Oh! Nationen durch sind. [2]
An den Wertvorstellungen der Spieler hat sich in den 4 Jahren relativ wenig geändert. Die Europameisterschaft ist nach wie vor das Jahreshighlight der meisten deutschsprachigen Spieler. Vittorio Wiktor spielt beispielsweise sein Ausscheiden auf der Deutschen Meisterschaft damit herunter, dass sie ihm "nicht wichtig war", denn wie er sagt, wollte er nur die Quali für die Europameisterschaft und die hatte er ja. Das ganz große Ziel, das Licht am Ende des Tunnels, ist nämlich die Weltmeisterschaft. Und für die qualifiziert nunmal die Europameisterschaft und nicht (mehr) die Nationals. Ich bin wirklich gespannt auf das Wochenende, heute soll es aber um ein anderes Thema gehen. Einiges hat sich nämlich durchaus in den vergangenen 4 Jahren geändert: Das Drumherum.
Ist man vor 4 – 5 Jahren auf ein Yu-Gi-Oh! Turnier gegangen, hatte man dabei keinen (bevorzugt dunklen) Kapuzenpuli oder eine Jacke an und dazu noch eine Frisur, so fiel man schon auf. [3] Das war eigentlich ziemlich einfach. Als Hüllen hat man halt das erstbeste oder billigste genommen, was man gefunden hat und gespielt wurde entweder einfach nur direkt auf dem Tisch oder vielleicht noch auf einer Unterlage aus den Starter oder Structure Decks. Ich stelle es jetzt möglicherweise etwas überspitzt dar, doch so weit weg von der Wahrheit ist die Beschreibung gar nicht. Damals, da war der absolute Großteil der Yu-Gi-Oh! Spieler noch "nerdig" und das war irgendwie kein größeres Problem, das war einfach so. Betrat man mal als Außenstehender ein größeres Turnier – insbesondere auch im Sommer –, so trat man in eine andere Welt ein. Einmal durch den Eingang in die Location gestolpert, hatte man erstmal den Eindruck, dass die Temperatur im Raum gefühlte 5 Grad kälter als draußen war. Denn jeder zweite Spieler trug eine Jacke oder wie gesagt, einen Kapuzenpulli. Dazu hatte auch jeder noch einen dick gefüllten Rucksack mit am Start (einige Dinge ändern sich nicht), bei dem man fast schon den Eindruck hatte, hier würden sich noch ein Zelt und ein Schlafsack verstecken, falls draußen doch noch ein Temperatursturz einsetzen würde. Die gesammelte Meute sah aus, als würde jeden Moment ein Schulausflug nach Moskau anstehen... Heute sieht das ganz anders aus. Da betritt man ein Turnier und bekommt teilweise schon den Eindruck, man wäre auf einer Modenschau oder zumindest einer Jugendmesse gelandet. Viele der Spieler versuchen sich ganz bewusst trendig zu kleiden und das heißt eben, dass die Winterjacke und der dunkle Kapuzenpulli im Schrank verstaut werden und dafür lieber irgendwelche Shirts mit auffälligen Motiven raus gekramt werden. Armbändchen, Ringe, Uhren und Ketten sind allgegenwärtig. Einige Spieler setzen auf Piercings, andere haben extra ausgefallene Frisuren und wieder andere zeigen sogar stolz irgendwelche Tätowierungen. Hier und da haben wir ja schon gesagt, Yu-Gi-Oh! wäre mittlerweile in der Gesellschaft angekommen. Das Spiel ist also salonfähig geworden. Nun, anders herum gesehen verhält es sich genauso: Die Gesellschaft ist nun offensichtlich auch bei Yu-Gi-Oh! angekommen. Die ursprüngliche Einstellung, die bewusste Isolation von der Gesellschaft, wird indes verpönt. Zu den Notargumenten, die ein Spieler nach dem Verlust eines Spiels oder dem schlechten Abschneiden auf einem Turnier zückt, hat sich – neben den bekannten Oldies: "Du hast nur geluckt!" / "Du Topdecker!" / "Ich hab schlecht gezogen!" – auch das neue Argument: "Na und, wenigstens hab ich ein Real Life?!", gesellt. Sogar das kollektive Gruppenversagen von Deutschlands ehemals erfolgreichstem Team wird meist nur mit einem: "Die Jungs haben auch ein Real Life!", beantwortet. Neue Teams weisen als Unterscheidungsmerkmal ganz bewusst darauf hin, dass ihre Member "auch ein Real Life" haben und "auch außerhalb von Yu-Gi-Oh! Zeit miteinander verbringen", doch ganz ehrlich gesagt geht dieses "Unterscheidungsmerkmal" schon gar nicht mehr als "außergewöhnlich" durch. Irgendwie stellt es die gesamte Yu-Gi-Oh! Spielergemeinde so hin, als hätte sie plötzlich ein Leben aus dem Hut gezaubert. [4] Das neu gewonnene modische Bewusstsein beschränkt sich natürlich nicht nur auf Kleidung und Aussehen der Spieler. Man geht einfach den logischen nächsten Schritt und beginnt damit, die neuen Lehren auch auf das Spiel selbst zu übertragen. So werden eben nicht mehr irgendwelche Hüllen gespielt, rosa müssen sie sein. Oder in einigen Fällen auch gezielt blau, rot, gelb, grün oder schwarz. Alternativ spielt man ausgefallene Motive, die dann entweder ein wenig kindisch-cool (z. B. Pokémon-Motive) oder doch fetzig-modern (beispielsweise irgendwelche Drachen-Motive) anmuten. Um das Thema Spielmatten hat sich mittlerweile fast schon eine ganze Industrie gebildet. Da gibt es Verkäufer, die unbedruckte Spielmatten verkaufen, dann natürlich entsprechende Druckereien, die diese mit Wunschmotiven versehen können und eine große Nachfrage an Grafikern online, um die entsprechenden Motive auch zu erstellen. Jeder Thread, in dem eine Sammelbestellung von Spielmatten vorgenommen werden soll, erreicht mühelos mehrere Seiten, denn der Bedarf ist offensichtlich da. Abheben lautet das Zauberwort und wie gesagt, das fängt mit der Kleidung an, geht mit den Hüllen weiter und endet bei der Spielmatte. Wir hatten bei vergangenen Turnieren ein wenig auf diese Trends hingewiesen und reagiert, so gab es schon "Pimp my Deckbox" Contests oder eben auch Artikel über die coolsten Spielmatten-Motive. Das letzte Phänomen, das hier natürlich zumindest angeschnitten werden muss (eigentlich sollte dieses Thema eher in eigenen Artikeln behandelt werden), sind Teams. Gefühlte 50% aller Spieler auf einem Turnier gehören in der ein oder anderen Form zu irgendeinem Team. Es gibt wohl sogar Spieler, die in mehreren Teams sind. Morgen mache ich mit PJ gemeinsam Coverage und obwohl er eigentlich Artikelschreiber ist, ist er auch ein Mitglied der United Gosus. So verwirrend oder unlogisch das einerseits ist, so repräsentativ für diesen Wandel ist es andererseits auch. Diese ganzen Veränderungen des Drumherums haben sich auch in den inneren Strukturen der Community niedergeschlagen. Wenn sich plötzlich jeder irgendwie ganz bewusst vom Rest unterscheiden will, kommt es unweigerlich zu Überschneidungen. Und dann gründen eben die 7 Spieler auf einem Turnier in Landshut, die alle rosa Hüllen spielen, ein entsprechendes Team. Oder ein paar Jungs, die festgestellt haben, dass sie auch online immer miteinander zocken, die Awesome Aces. Oder oder oder... die Möglichkeiten sind hier eigentlich grenzenlos. Ja, es hat sich viel verändert in der Yu-Gi-Oh! Community. Während sich die Spieler sonst häufig immer nur mit den Änderungen des Metagames beschäftigen, lohnt sich auch ein Blick auf das gesamte Drumherum. Kaum etwas ist immer noch so, wie es vor einigen Jahren mal war. Achtet mal bei den Bildern von der Europameisterschaft etwas genauer auf die Spielmatten, die Hüllen, die Frisuren und die Kleidung der Spieler, die in den Fotos erscheinen. Und dann haltet mal ein paar Bilder "von damals" daneben. Das kommt dann in etwa so, wie wenn ihr euch ein paar YouTube Videos von den besten Fußballspielen aus den 80ern anseht; setzt man diese mit den aktuellen Bildern ins Verhältnis, so scheint die deutlich kürzere Hosenlänge damals indirekt proportional zur Haarlänge der Spieler gewesen zu sein. Solche Matten wie die von Netzer, Völler oder Beckenbauer findet ihr heute nämlich nur noch in der spanischen Abwehr. soul
Abgeschnitten seinDieser Artikel wurde auf dem Flug von Berlin nach Amsterdam begonnen und beim Flug von Amsterdam nach Birmingham fertig gestellt. Ich sollte häufiger mal den Stecker ziehen, denn ohne Internet bin ich immer sehr viel produktiver. Um meinen angefangenen Roman also endlich mal fertig zu bekommen, sollte ich mir die Bahn Card 100 kaufen und dann jeden Tag von A nach B in Deutschland fahren und immer den Laptop dabei haben. Das könnte klappen. Insel-KlimaDie Ansage eben verriet mir, dass in Birmingham vernünftige 21° Celsius sind. Deutschland, schneid dir eine Scheibe davon ab, das ist eine vernünftige Temperatur! Versuchungen widerstehenIch stand echt ne ganze Zeit im Duty Free Shop am Flughafen und es gab so einiges, das ich eigentlich gerne mitgenommen hätte. Ich widerstand aber der Versuchung und habe mir mal nichts mitgenommen – obwohl mich das ein oder andere "2 for 1" Angebot schon gereizt hatte. Mal sehen, ob die Abende in Birmingham dann so langweilig werden, dass ich diese Entscheidung im nachhinein doch noch bereuen werde... [1] Es ware jetzt nicht die schlechteste Idee, den Artikel zu verlinken. Einerseits sitze ich aber gerade im Flugzeug auf dem Weg nach Amsterdam (von wo aus es dann weiter nach Birmingham geht) und habe deshalb kein Internet. Andererseits ist es seit dem Relaunch der eTCG.de Hauptseite halbwegs schwer geworden, ältere Artikel zu finden. Da müsst ihr unbedingt noch mal Druck auf Harti machen, weil diese ganzen uralten Perlen von mir (dazu zähle ich jetzt mal den ersten Artikel nicht) wollt ihr bestimmt auch noch mal lesen. [2] No Offense Spanien, Holland, usw... aber so sieht's einfach aus. Wobei selbst England und Frankreich noch ein ganzes Stück hinter Deutschland und Italien zurück liegen, man könnte also sogar noch mehr Stufen einführen. [3] Also... es ging natürlich auch anders. So fiel Harti beispielsweise immer auf, obwohl er keine Frisur hatte. Er hat sich da einfach am anderen Extrem orientiert... [4] Kommentare dazu, was man eigentlich früher mal gemacht hat, gibt es nicht. Entweder weil die Antwort peinlich wäre, die Spieler es einfach nicht mehr wissen oder im Grunde schon immer alles so wie heute war und dadurch das tolle Argument, dass man ja jetzt "so anders" ist, weg fallen würde.
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