Rekrutieren ohne Ende!
von Goblinmeister am 31.10.2006 um 14:44 Uhr
Recruiter – ein Begriff, der die letzten Monate des Sommerformats 2006 elementar geprägt hat. Zwar haben die Bezeichnung, die damit verbundenen Deckideen und die damit verbundenen Spielweisen mit der Einführung der neuen Banned List an Beliebtheit eingebüßt, dennoch ist es in abgespeckter, abgeänderter Form noch immer ein ernstzunehmender Favorit. Doch was ist Recruiter eigentlich genau? In welchem Stil wird es gespielt? In welcher Form kann es gespielt werden – und in welcher Form kann es sich momentan beweisen?

Recruiter - eine Definition

Die Begrifflichkeit des „Recruiters“, wie uns der Name dieser Deckart von metagame.com nur so eingeflößt wurde, hat das Coverage-Team bei der Metagameanalyse für den PT Stopp Duisburg vor ein Problem gestellt, denn Wassergeist und ich, die wir uns um die Auszählung der Decklisten bemüht haben, legten bei der Bewertung verschiedene Maßstäbe an. Während Tim grundlegend Decks, die fünf oder mehr Swarmer enthielten, als Recruiter bezeichnete, betrachtete ich als solche nur Builds, die als grundsätzliche Basis
- aggressiv spielten
- offensive Swarmer enthielten (Tomate & Co., Hydrogeddon - dagegen nicht Apprentice Magician)
- auf ein Maximum an Creature Swaps zurückgriffen
- Decree oder Dust Tornado spielten.

Hier lässt sich nicht sagen, dass Tim falsch lag und genauwenig kann man behaupten, dass ich nicht richtig an die Sache herangegangen bin, dagegen können wir lediglich feststellen: Recruiter ist ein sehr schwammiger Begriff, dessen Definition zumindest hier in Deutschland nicht vollkommen geklärt ist. Auf welches Konzept beziehe ich mich in diesem Artikel? Auf das, auf das ich mich mit der Bezeichnung Recruiter schon immer bezogen habe, auf ein aggressives Swarm-Deck, das Kartenvorteil durch Feldkontrolle und Decrees generiert, den Gegner überläuft, bevor er sich von dem offensiven Early Game erholen kann.

Auch wenn ich jemand bin, der sich sehr stark gegen den Ausdruck „Meta“ für das effektivste Deck eines Formats ausspricht, hatte ich dennoch nie Probleme mit der Bezeichnung Recruiter, weil für mich selbst von Anfang an eine klare Definition des Wortes gegeben war – ich betrachtete Recruiter immer als ein Deck, dessen Aufbau dem von Adrians EM-Deck nahekam oder gar entsprach. Mit der neuen Banned List wandelten sich die Swarmer, es wandelten sich die Spezialbeschwörungen, es kamen neue Sucher dazu – doch das Grundprinzip und die Strategie blieben gleich. Aber niemand ist dazu gezwungen, sich so wie ich mit dem Begriff Recruiter anzufreunden – Alternativen sind gerade in dem Feld, in dem dieses Deck aktiv ist, zu Hauf gegeben, wie sich beim „Rumbrainen“ am Wochenende mit Huy und Edi schnell ergeben hat: Swarm, Rush, Aggro – alles Bezeichnungen, die ebenfalls auf das Recruiter zutreffen. Swarm trifft hier wohl vom Ausdruck her das Prinzip des Recruiters am ehesten, auch wenn sich das Wort „Swarm“ nicht unbedingt auf Swarmer beziehen muss, sondern prinzipiell das Feld auch durch andere Optionen (z.B. Ultimate Offering; Book of Life oder ähnliche Reborner) füllen kann. Dementsprechend lässt es sich – wie auch Rush als nächst übergeordnete Bezeichnung und Aggro als Beschreibung einer noch weitaus größeren Gruppe – als einen Überbegriff für Recruiter bezeichnen, wodurch sich eine Pyramide, die die Ordnung der Deckarten angibt, aufbauen lässt.

Hier würde beispielsweise Adrians Deck von der Europameisterschaft die kleinste Einheit darstellen, die Teil der Recruiter-Strategie ist (zugegeben, zu diesem Zeitpunkt stellte es fast 100% des Recruiter-Themenfeldes dar). Alle Versionen der Recruiter lassen sich unter die Gruppe der Swarm-Decks zählen – wie auch die Bezeichnung „Rush“ ungefähr auf gleicher Stufe steht, doch sie machen diese beiden Bezeichnungen nicht komplett aus, es gibt auch andere Varianten ein Swarm, ein Rush aufzubauen als ein Recruiter – nehme man nur Dark World oder das schon oben angeführte Ultimate Offering als Beispiel. Erneut untergeordnet sind all diese Decks der Aggro-Kategorie, deren offensives Spiel einen Gegensatz zu den Control-Elementen darstellt, die die zweite große Gruppe der Decks im Yu-Gi-Oh!-TCG ausmachen. Für die Bezeichnung des Recruiters ist dementsprechend keiner der Begriffe falsch, sie sind alle nur mehr oder weniger genau bzw. ungenau.

Nach Klärung dieses Definitionsproblems wollen wir uns aber nicht länger mit der Namensgebung der Deckgruppierung aufhalten, sondern stattdessen einen genaueren Blick auf die Strategie, die Optionen des Decks werfen.

Recruiter – Strategie

Auch wenn es im Deck Rating oft auf Aussagen wie: „Ich überrenne meine Gegner mit meinen vielen Monstern und wenn es mal schlecht läuft helfen mir meine Cyber Dragons und die Decrees, die schützen mich auch!“ abgekürzt ist, sind die Optionen des Recruiters doch vielfältiger. Auch wenn es sich grundsätzlich, wie ja schon vorhin ausgeführt unter die Gruppe der Aggro-Decks, der offensiven Deckarten zählen lässt, ist Recruiter kein Beatdown, wie es zum Beispiel Beast-Shift wäre. Angriffe stehen an der Tagesordnung, doch die für diese Attacken abkommandierten Monster sind keine Beatsticks, wie wir sie vom Beast-Shift her kennen – nehmen wir einmal Ausnahmen wir Cyber Dragon und Injection Fairy Lily außen vor – sondern im Normalfall Swarmer, die zwar nicht so viel Schaden anrichten wie ein Berserk Gorilla oder ein Gigantes, dafür jedoch größere Sicherheit gewährleisten als erstere, da sie bei ihrer Zerstörung durch ein größeres Monster keinen Kartennachteil verursachen. Hinzu kommt, dass sie nicht nur einem offensiven Zweck dienen können, sondern auch in der Verteidigung Sicherheit gewähren. Somit fungieren die Swarmer nicht nur als die Monster, die den meisten Schaden – und in Kombination mit Creature Swap auch den größten Kartenvorteil – erspielen, sondern auch als Schutzwall. Eine große Stärke des Recruiterprinzipis ist schon hier abzusehen: es ist zwar als aggressives Deck zu betrachten, schafft jedoch keinen Nachteil, wenn der Gegner die Feldkontrolle einmal an sich reißen kann, da die Beatsticks nicht nur dem Zuschlagen dienen, sondern auch noch Lösungen für Probleme auf der gegnerischen Seite aus dem Deck suchen können oder einfach durch ihre Stall-Option ein wenig Zeit schaffen.

Die zweite große Gemeinsamkeit, die bei erfolgreichen Recruitern auszumachen ist, sind die Fallen – hier ist Royal Decree nahezu immer elementar, auch wenn Versionen mit drei Dust Tornados denkbar sind, deren Effektivität jedoch nicht an die der Erlässe herankommt. Fallen stellen meist die einfachste Art der Monsterentsorgung dar: Monster Removals im Bereich der Monster erfordern Beschwörungen – wie Exiled Force oder Zaborg – und vebrauchen damit die wichtige Möglichkeit, den eigenen Feldaufbau zu schützen, während unter den Zauberkarten schlichtweg nicht viele gute Removals zu finden sind – sieht man von Smashing Ground und Nobleman of Crossout ab. Fallen dagegen eignen sich in jeder Hinsicht für die Zerstörung von Monstern. Nicht nur gibt es hier Massen an effektiven Karten – sieht man von den Staples mal ab – immer noch Sakuretsu Armor, Widespread Ruin, Bottomless Trap Hole und Trap Hole, außerdem kann mit diesen Karten ideal in einen Kampf eingegriffen werden – Fähigkeiten, mit denen Monster- und Zauberkarten schlichtweg nicht aufwarten können. So setzt Royal Decree im Normalfall mindestens 50% der gegnerischen Monster Removals außer Kraft und legt so den Grundstein für das Recruiter: Angriffe können nicht abgeblockt werden, wodurch das gegnerische Feld innerhalb weniger Züge zerbombt werden kann, während auch der Monsterzerstörung auf der eigenen Spielfeldseite vorgebeugt wird und man somit die Feldkontrolle wahrt. Decree bringt selbstverständlich auch Nachteile damit, insbesondere den Mangel an Monster Removals und Stall-Karten, was Enemy Controller und/oder Smashing Ground für nahezu jeden Recruiter-Build unverzichtbar macht.

Neben diesen drei Gemeinsamkeiten, die nahezu alle Recruiter haben, finden wir natürlich die verschiedensten Variationen vor, die sich in gespielten Attributen (und damit Swarmern), Typen und Zauberkarten unterscheiden – auch hier wollen wir noch einen Blick auf die effektivsten Optionen werfen:

Recruiter – die Ideen

Während das LIGHT-Element im aktuellen Format mit seinem Swarmer Shining Angel nicht allzu sehr begeistern kann, hat sich EARTH ganz nach oben gearbeitet. Die Umsetzung der Recruiteridee mit EARTH-Monstern hat uns beispielsweise Mahad „AkbaShaBashJenkins“ in Duisburg vorgestellt und hat sich damit einen Platz in den Top 16 gesichert (Link zur Deckliste). Er setzt auf Giant Rat und Nimble Momonga unter den Swarmern, letztere erlauben es ihm, effektiv drei Zaborgs zu spielen. Mit zusätzlichen Mystic Swordsman LV2 und Don Zaloog greift Mahad auch auf Reinforcement of the Army zurück, während sich die Nutzung von drei Smashing Grounds zur Wahrung der Feldsicherheit nahezu von selbst erklärt. Liu Xilians Insektenrecruiter greift auf eine ähnliche Strategie zurück: statt Nimble Momonga integriert er einen Insekten-Splash mit Howling Insect, der von seinen Flippinsekten (eine Besonderheit des Recruiters!) Man-Eater-Bug und Magical Merchant unterstützt wird. Dieses Deck gleicht durch die Spezialbeschwörung von Doom Dozer bedingt eher den früheren Versionen des Recruiters, die noch auf Chaos Sorcerer zurückgreifen konnten, hat aber, wenn es auch auf Ring of Destruction setzt, den gleichen Grundaufbau von drei Royal Decree, zwei Creature Swap und fünf Swarmern. Machen wir direkt weiter: beim Summer Cup Finale erreichte Steve Haberlandt ein Platzierung unter den besten acht – ebenfalls mit einem Recruiter, das auf Mystic Tomato und Giant Rat unter den Swarmern setzt, von denen letztere sogar eine Kartenvorteil schaffende Amazoness Chain Master suchen kann. Nicht zu vergessen sind auch Ideen, die in Richtung Maschine wirken: UFO Turtle wird hier als Swarmer für Cyber Phoenix genutzt und beide können Kartenvorteil mit Creature Swap schaffen, womit die Integration eines zweiten Swarmers eher unwichtig wird. Besonders ein solcher Build kann auf Sicherheit beim Angriff setzen, da Cyber Phoenix und Royal Decree in Kombination nahezu jede gegnerische Schutzkarte unnütz werden lassen.

Allein diese Kurzzusammenfassung beweist uns, dass Recruiter nicht tot, sondern mehr als lebendig ist, dass der Decktyp allerdings nicht mehr so einheitlich gespielt werden kann, wie das noch zu Zeiten von Chaos Sorcerer der Fall war, als LIGHT und DARK als Attribute alleine in Frage kamen. Inzwischen drängen sich andere Ideen in den Mittelpunkt – von EARTH und seinen vielfältigen Möglichkeiten über Insekten bzw. Wind mit Flying Kamakiri #1 bis hin zu FIRE mit Cyber Phoenix. Das Prinzip ist so effektiv wie zuvor, und auch mit dem Wegfall von Chaos Sorcerer können Recruiter noch in jeder Hinsicht überzeugen – und den die vorderen Plätze beherrschenden Monarchen Controls das Leben schwer machen.

Viel Spaß beim Rekrutieren,
Gobbo
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