Yu-Gi-Oh! The Last Asylum

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      Extra Turn 36.5 – Prankster
      „Matt!“
      Die gequälten Schreie des Mädchens ließen den jungen Mann auffahren. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass er sich in seinem Zimmer befand. Mit nacktem, schweißnassem Oberkörper saß er kerzengerade im Bett. Es war noch dunkel, Mondlicht schien in das kleine Zimmer.
      Im Bett nebenan lag Alastair und atmete leise. Aus den Augenwinkeln bemerkte Matt, dass sich eines der Kinder des Waisenhauses an den Rücken des Hünen gekuschelt hatte. Und trotz der Kälte des Winters hatte der Bursche sich nicht mal zugedeckt. Ein sanfter Seufzer entglitt Matts Kehle.

      Aber die Stimme seiner Kindheitsfreundin Tara Hartwell hallte immer noch in seinen Gedanken, wie sie verzweifelt nach ihm rief. Es war nun schon mehrere Wochen her, dass er sich am Bahnhof von Livington für immer von ihr verabschiedet hatte. Ohne ihr Wissen. Das war der Preis dafür, dass ihre Gesundheit vom Sammler nach dem Urila-Vorfall wiederhergestellt worden war.

      Matt fasste sich an die Stirn und stöhnte. Es fiel ihm schwer, nur darüber nachzudenken. Hatte es damals wirklich keinen anderen Weg gegeben?
      Er kam jedoch nicht dazu, nach einer Antwort zu suchen, denn ein leises Klappern erweckte seine Aufmerksamkeit. Er streifte die viel zu dünne Bettdecke von sich, stand auf und deckte zunächst den Kleinen mit Alastairs Bettdecke zu.
      Dabei jedoch all seine Sinne auf den Lärm gerichtet, der von der Kommode unter dem Fenster am Ende des Zimmers kam. Er schritt langsam zu jener herüber und erkannte, dass das Geräusch von einem Bilderrahmen stammte, welcher auf der Kommode stand.

      Irritiert griff der Schwarzhaarige danach, doch noch bevor seine Finger das Bild erreichten, wurde es still. Nach kurzem Zögern nahm er das eingerahmte Foto in die Hand. Auch im Dunkeln wusste er sofort, was er da in den Händen hielt. Es war ein Bild aus seiner Zeit an der High School, abgebildet waren er, Tara und seine jüngere, ebenfalls schwarzhaarige Schwester Sophie, wie sie allesamt in die Kamera grinsten und mit den Händen Siegesgesten machten. Matt hatte an diesem Tag seinem Basketballteam zum Sieg über eine andere Schule verholfen.
      Ein warmes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. Das waren noch Zeiten gewesen. Bitternis begann sich jedoch in seine Gedanken einzuschleichen, denn kurz darauf bemerkte er erstmals, dass sein Vater Sophie schlug. Die tragische Geschichte nahm in den kommenden Wochen ihren Lauf …

      Mit einem Schütteln seines Kopfs vertrieb er die Erinnerungen und setzte das Foto wieder ab. Es war das einzige auf der ganzen Kommode, denn Alastair besaß leider keine Erinnerungsstücke an seine Familie.
      „Matt?“, kam es müde vom anderen Bett. Fast als wäre das sein Stichwort gewesen.
      „Sorry“, entschuldigte sich der Jüngere leise, „bin von einem Geräusch wach geworden. Schlaf einfach weiter.“
      Woher war jenes eigentlich gekommen? Hatte die Erde kurzzeitig gebebt?
      „Du hattest wieder einen Albtraum“, stellte Alastair jedoch fest.
      „J-ja …“ Matt ging zurück zu seinem Bett. „Tara. Ich habe sie wieder gehört, aber nirgendwo finden können. Meinst du … meinst du, dass Verträge mit dem Sammler irgendwann 'auslaufen'?“
      Der Hüne mit der tiefen Stimme seufzte. „Matt, das Thema haben wir bereits genug besprochen. Diesen Teufel wirst du nicht austricksen können. Seine Abkommen sind endgültig, weshalb niemand je mit ihm handeln sollte!“
      „Y-yeah …“ Betrübt legte der Schwarzhaarige sich wieder ins Bett und zog die Decke über sich, meinte: „Aber ich hatte keine Wahl. Es hätte sogar noch viel schlimmer kommen können. E-egal, wir müssen morgen früh raus. Gute Nacht.“
      „Nacht …“

      Matt zog die Bettdecke bis ans Kinn. Tatsächlich wusste er noch gar nicht, -wie- schlimm alles eines Tages werden würde. Dann, wenn er das andere Versprechen gegenüber dem Sammler einlösen musste.

      ~-~-~

      Am nächsten Morgen setzte Matt sich halb verschlafen neben Alastair an den kleinen Tisch ganz am Ende des 'Saals'. Sie hatten die Wände der Küche durchbrochen, die sich hinter ihnen befand und so das einstmalige Wohnzimmer mit ihr verbunden. An den anderen Tischen saßen bereits haufenweise Kinder verschiedenen Alters. Die beiden Erzieherinnen huschten von einem Platz zum anderen, weil sie immer wieder gerufen wurden, was besonders der Seniorin schwer fiel. Aber sie beide lachten dabei.

      Matt wandte sich seiner Suppe zu. „Ugh, schon wieder?“
      Sein Freund, der bereits in seinem roten Mantel steckte und das lange, schwarze Haar heute offen trug, rümpfte die Nase. „Find' dich damit ab.“
      „Muss ich ja wohl.“ Matt nahm den Löffel neben der bereits leicht angerissenen Schüssel und begann die Gemüsesuppe zu schlürfen. Er machte das bewusst aus Trotz, weil es Alastair unheimlich nervte. Und die bösen Seitenblicke kündeten von seinem Erfolg dabei.

      Matt sah in die dünne, hellbraune Brühe, in der ein paar Gemüseteile und ein wenig Fleisch schwammen. Sie beide hatten zwar in San Augustino kleinere Jobs, mit der sie sich ein wenig Geld dazu verdienten, aber es reichte kaum für mehr als das hier. Sie waren einfach zu wenige Leute, um so vielen Kindern ein wenig mehr zu bieten.
      Der junge Mann seufzte betrübt. Alector war der mit dem Haupteinkommen, da er öfter anderen Dämonenjägern auf die eine oder andere Weise half. Manchmal war er für mehrere Wochen unterwegs, um irgendwelche Schätze, seltene Zutaten für Tränke oder gar Waffen zu finden und zu verscherbeln.
      „Alles in Ordnung?“, fragte Alastair.
      „N-nein.“
      Sein von Brandnarben gezeichneter Freund gluckste. „Wenigstens bist du ehrlich.“
      „Hab mich nur gefragt, ob wir nicht noch mehr tun können. Um Geld zu verdienen mein ich.“
      „Alector möchte nicht, dass wir uns wieder in Gefahr begeben. Und ich auch nicht.“
      Matt nickte. „Dann sind wir uns ja einig. Vergiss einfach, was ich gesagt habe …“
      „Alector bemüht sich um Spenden, aber bisher hat er nichts erreicht. Doch so wie ich ihn kenne, wird ihm irgendetwas einfallen“, sprach Alastair zuversichtlich, „und uns auch.“
      Nochmal nickte der Jüngere. „Yeah.“

      Es zauberte ihm ein kleines Lächeln aufs Gesicht, dass sein Freund inzwischen positiver eingestellt war. Die Kinder waren daran sicher nicht ganz unbeteiligt.
      Matt tunkte den Löffel in die Suppe. Da geschah es. Die Gemüse- und Fleischstücken bewegten sich. Formten vor seinen Augen ein Wort: „Hallo“.
      „W-was!?“ Sofort ließ Matt den Löffel fallen, welcher klimpernd auf den Teller schlug.
      Alastair sah ihn irritiert an. „Was ist?“
      Der Schwarzhaarige blickte seinen Teller irritiert an, doch das Wort war durch die Bewegung durcheinander gebracht worden. „N-nichts. Hab mir grad' eingebildet, da hätte 'Hallo' in meinem Teller gestanden. Ha ha.“
      Dass der Hüne nur schwieg interpretierte Matt als Duldung seiner hin und wieder auftauchenden, für Alastair unbegreiflichen, nervösen Ader. Ja, er war manchmal etwas paranoid. Zu seiner Anfangszeit als Dämonenjäger hatte er nach der traumatischen, ersten Begegnung mit Al hinter jedem Schatten ein Monster vermutet – ganz zum Ärgernis seines Partners. Inzwischen hatte sich das gelegt, doch manche Dinge überraschten ihn immer noch. Und Wörter in Suppen gehörten dazu – aber das hatte er sich wohl nur eingebildet.

      ~-~-~

      Einige Stunden später stand Matt unlängst hinter einer Kasse und nahm die Scheine einer alten Dame entgegen. Er arbeitete hin und wieder, so wie heute, in einem kleinen Supermarkt, dem einzigen in San Augustino. Aber er mochte das Geschäft.
      Es war hell, übersichtlich und einfach zu verstehen. Die Kasse befand sich direkt gegenüber vom Eingang, weiter ging es dann nach links zu den Regalen. Um die Mittagszeit war für gewöhnlich sehr wenig los, sodass er die derzeit einzige Kundin bediente und ihr das Wechselgeld reichte.

      „Zwei Dollar und elf Cent. Bitteschön!“, strahlte er sie an.
      Die bereits pensionierte Dame mit der grauen Lockenpracht sah ihn besorgt an. „Ach Mr. Summers, wie geht es den Kindern?“
      „Sehr gut, Mrs. Kramer“, erwiderte Matt freundlich, der er in einem weiß-hellblau gestreiften Hemd steckte, das farblich perfekt zum Laden passte. Sein sonst eher auf Schwarz ausgelegtes Erscheinungsbild hatte er auf Bitte des Besitzers während der Arbeitszeit ablegen müssen, aber das störte ihn nicht. Manchmal tat etwas Farbe ganz gut.
      „Hier, nehmen Sie das“, sprach die rundliche Frau und reichte ihm eine 20-Dollar-Note herüber, als sie das Wechselgeld in ihrem Portemonnaie verstaute.
      Matt schüttelte erschrocken den Kopf. „D-das geht nicht! Ich darf so etwas nicht annehmen!“
      „Aber die vielen Kinder“, jammerte Mrs. Kramer, „wie kommen Sie bloß über die Runden, wenn so viele Mäuler zu stopfen sind?“
      „E-es geht schon, irgendwie.“
      „Mr. Summers, ich bitte sie!“ Die ehemalige Lehrerin setzte eine strenge Miene auf. Sie nahm seine Hand mit der ihren und drückte ihm mit der anderen den Schein auf die Handinnenfläche. „Ich habe mein ganzes Leben lang mit Kindern zu tun gehabt. Über die Runden kommen zwei junge Männer und ein Rentner bei so vielen Waisen ganz gewiss nicht so einfach. Nehmen Sie es!“
      Matt umklammerte den Schein mit seinen Fingern. „D-danke …“
      Sofort hellten sich Mrs. Kramers Gesichtszüge wieder auf. „Na geht doch.“

      Gerade wollte Matt sich nochmals bei ihr bedanken, da fiel ihm etwas Merkwürdiges auf. Obwohl er ihr das Wechselgeld längst ausgehändigt hatte, wurde es auf der Kasse immer noch angezeigt.
      Nein … der Betrag war völlig absurd. 1337 Dollar, wie ging das denn!?
      „Ist alles in Ordnung?“, fragte die ergraute Dame irritiert.
      „Da stimmt was mit der Kasse nicht.“ Er tippte zweimal auf eine Taste, aber alles, was geschah, war dass der Betrag sich änderte und nicht zurückgesetzt wurde. Jetzt schuldete er ihr nur 07734 Dollar – wie auch immer das ging!
      Seine Kundin drehte den Kopf seitlich und kicherte. „Das kenne ich. Da steht 'Hallo'! Sie sind ja ein Scherzkeks, Mr. Summers.“
      „D-das war ich nicht!“
      Plötzlich drehten sich die Zahlen, flackerten und bildeten eine neue Kombination: 5318008. Mrs. Kramer reckte den Kopf hoch. Empört rief sie: „Mr. Summers!“
      „W-was …? Oh! Oh mein Gott, n-nein, d-das tut mir leid, oh Gott!“
      Aber die alte Dame lachte. „Sie sind mir einer. Aber sie haben mir den Tag erheitert. Dann lasse ich sie mal mit ihrer frechen Kasse alleine!“
      „T-tut mir leid!“

      Die Dame öffnete die Tür und schritt kichernd aus dem Laden. Matt war vollkommen verzweifelt, wollte das dämliche Ding neu starten, aber es funktionierte nicht.
      „W-was soll das, hey-!“ In dem Moment begann das Gerät Belege auszudrucken, auf dem nur die letzte Zahlenfolge stand, die Matt erneut erröten ließ.
      „V-verdammt!“ Er riss die ersten vier Rechnungen ab, aber die Kasse dachte gar nicht daran, mit dem Unsinn aufzuhören. Zumindest bis Matt sich nach einem Geistesblitz unter den Tresen bückte und kurzerhand den Stecker zog.
      Als er sich jedoch erhob, stellte er mit Schrecken fest, dass das überhaupt nichts gebracht hatte. Dabei fiel ihm auf, dass sich eine neue Zahlenfolge gebildet hatte: 1134206. Matt drehte den Kopf und schluckte: Go 2 hell. In dem Moment, als er die Nachricht verstand, wurde das Display schlagartig dunkel, der Rechnungswahnsinn hörte auf.

      Matt stand wie benommen da, vor einem Tresen, von dem eine ganze Schlange an Rechnungen bis zum Boden hinab hing. Irgendetwas stimmte hier nicht …

      ~-~-~

      Als der junge Mann am späten Nachmittag zurück kam – es dämmerte schon – steuerte er den kleinen Schuppen zur Linken des dreistöckigen, von außen etwas heruntergekommenen weißen Waisenhauses an.
      Aus diesem kam Alastair gerade heraus gestampft, doch statt ihn zu grüßen, schien er ihn gar nicht zu bemerken. Stattdessen machte er einen Bogen um das Anwesen, hinter dem sich ein kleines Gewächshaus befand.

      Matt folgte ihm. „Hey, Al!“
      Der Hüne drehte sich um. Doch statt ihn zu grüßen, wandte er sich wieder um und steuerte das Gewächshaus an.
      „Sag mal, ignorierst du mich!?“, empörte sich Matt.
      Keine Reaktion. Als der Schwarzhaarige seinem Freund ins Innere folgte, wurde er erstmal vom intensiven Geruch des Gemüses übermannt. Matt hasste diesen, was vielleicht an einer unschönen Begegnung mit einem Pflanzendämonen von vor etwa zwei Jahren lag, die viele Tentakel und Gemüse-Fütter-Orgien beinhaltete. Manche Dämonen waren einfach nur seltsam …

      „Alastair!“, donnerte Matt wütend.
      Erst jetzt bemerkte sein Freund ihn scheinbar. „Matt, was ist los?“
      „Hab' ich dir was getan?“
      „Nein. Ich dir, dass du mich so anschreist?“
      „Du hast mich ignoriert!“, klagte der Jüngere sauer. „Dreimal habe ich dich angesprochen, ohne dass du mir antwortest!“
      Sein Freund machte ein verwirrtes Gesicht. „Oh? Dann entschuldige. Ich war wohl ganz in Gedanken vertieft.“
      Zwar schnaubte Matt noch einmal, aber damit war der Ärger auch schon verflogen. Alastair zog an ihm vorbei herüber zur anderen Seite des Gewächshauses und bückte sich nach etwas. In feinen Reihen waren hier Tomaten, Gurken und andere Folterfrüchte angebaut. Neben Matt stand ein massiver Holztisch, der hier weder her- noch überhaupt richtig hineinpasste.

      „Mir ist heute im Laden was Seltsames passiert“; begann Matt zu erzählen, während Alastair am Boden Zugange war, „die Kasse hat rumgesponnen, als ich mich mit Mrs. Kramer unterhalten habe. Erst hat sie Hallo als Zahlenfolge angezeigt, dann … Brüste.“
      Alastair grunzte, aber wie das zu deuten war, wusste selbst Matt in diesem Moment nicht.
      „Als sie weg war, hat das Ding pausenlos Rechnungen ausgedruckt, mit … Letzterem als Nachricht. Selbst als ich den Stecker gezogen habe. Danach stand dann 'Fahr zur Hölle', im Anschluss war das Ding mausetot. Das ist es jetzt immer noch …“
      Alastair grunzte nochmal.
      „Sagst du auch was dazu?“
      „Hat einer deiner Kollegen dir vielleicht einen Streich spielen wollen?“
      „Wie denn? Man kann die Kasse nicht so programmieren. Glaube ich jedenfalls. Und wenn ja, hat derjenige seinen Job riskiert. Und meinen“, fügte Matt wütend hinzu. „Ich glaube, das Teil wird ersetzt werden müssen. Und mich verdächtigt man als Ursache dafür!“
      „Mach dir nichts draus. Dann war es defekt. Oder ein Trickster hat Besitz davon ergriffen und wollte dich ärgern. Stell sie dir wie Immaterielle vor, die nur Schabernack treiben, indem sie Objekte statt Menschen besessen.“
      „Großartig! Das kommt mir doch bekannt vor! Dann klebt mir schon seit heute Morgen einer an der Backe …“
      „Ignoriere ihn, die sind weitestgehend harmlos, wie du wissen solltest. Wenn du ihm zu langweilig wirst, sucht er sich jemand anderes.“
      Matt war aber nicht zufrieden mit der Aussage. „Ja, die Kinder. Wir müssen etwas tun.“
      „Nicht nötig, Trickster hassen Kinder für gewöhnlich. Warte einfach ab und wenn es nicht besser wird, iss etwas Knoblauch. Der Gestank wehrt sie komischerweise ab, obwohl sie nicht riechen können.“
      „Sie und sämtliche anderen Lebewesen“, murrte Matt unzufrieden.

      Alastair erhob sich. „Sei doch zufrieden, so erlebst du wenigstens mal etwas Aufregendes. Denkst du, ich merke nicht, dass du dich hier langweilst?“
      „D-das stimmt nicht!“, protestierte Matt, als sein Freund sich zu ihm umdrehte.
      Doch er seufzte schließlich und musste selbst zugeben, dass er sich selbst etwas vormachte, nachdem Alastair ihn strafend ansah und mit etwas in den Händen an ihm vorbei schritt.
      „Ok, manchmal ist es schon langweilig“, gestand Matt und sah ihm dabei über die Schulter, wie der ein großes Tablett mit kleinen Töpfen hinüber zum großen Tisch des Gewächshäuschens schleppte.
      Sein Freund und Mentor lachte sanft. „Du wirst dich schon dran gewöhnen. Ich sehe ebenso, wie sehr dir die Kinder ans Herz gewachsen sind.“
      Der Jüngere lächelte besonnen. „Yeah. Es ist schon ein ganz anderes Leben, das wir jetzt führen.“
      „Ich vermisse das alte nicht“, erwiderte Alastair, drehte sich zu Matt um, schritt aber an ihm vorbei. Er schnappte sich einen Stapel aus großen, grünen Blumentöpfen, der in der Ecke zum Eingang stand. „Ich bin froh, dass wir eine zweite Chance bekommen haben. Nach all dem, was wir getan haben.“
      „Nicht alles davon war schlecht.“
      „Aber vieles hätte besser abgewogen werden müssen.“ Der Schwarzhaarige stellte die Töpfe neben das Tablett mit den Tomatenpflanzen und griff nach einem großen Sack Erde. „Erscheinen dir manche Dinge heute nicht falsch, Matt?“

      Jener legte eine Hand ans Kinn und musste kurz überlegen, kam aber auf die Schnelle zu keiner wirklichen Antwort. So gab er ehrlich zu: „Ich habe mir darüber bisher keine Gedanken gemacht. Refiel – Another – hat dich geführt und ich bin dir gefolgt. Wir haben Menschen mit ihren Problemen geholfen, sie beschützt.“
      „Und dabei getötet.“ Alastair schaufelte den Kübel mit Erde voll, ohne seinen Freund dabei anzusehen. „Wobei dich keine Schuld trifft. Ich habe auf diese falsche Schlange gehört, wie sie mir süße Worte ins Ohr geflüstert hat. Ich dachte, ich tue etwas Heiliges. Wie es meine Familie seither für die Menschheit tat.“

      Traurig beobachtete Matt seinen Freund, wie er die Tomatenpflanzen nacheinander umtopfte. Eine Weile sagte keiner etwas. Bis Ersterer den Umhang des Schweigens nicht länger ertrug. „Muss schwer sein, mit einem so großen Namen-“
      Aber er brach ab und hätte sich selbst ohrfeigen können.
      „Die Van Helsings haben sich der Dämonenjagd seit Jahrhunderten verschrieben. Ich als der letzte Nachkomme hätte von ihren Erfahrungen am meisten profitieren sollen. Doch stattdessen wurde ich wie eine Schachfigur von A nach B gesetzt, ohne das überhaupt infrage zu stellen.“ Mit jedem Wort drang die Verbitterung, die Alastair quälte, mehr hindurch. Auch seine Stöße mit der Schaufel wurden heftiger und heftiger.
      Matt versuchte ihm gut zuzureden. „So ging es uns allen.“
      Vergeblich. „Aber ich war der Auslöser für alles. Und es ist nicht nur das. Schon davor habe ich alles getan, zu dem er mir geraten hat. Wesen vernichtet, von denen ich niemals wissen werde, wie viel Menschlichkeit womöglich in ihnen steckte.“
      „Wenn wir nichts getan hätten wäre alles vermutlich viel schlimmer für unsere Klienten gekommen.“ Matt trat selbstbewusst an seinen Freund heran und fasste ihm auf die Schulter. „Wir haben die Welt zu sehr in Schwarz und Weiß eingeteilt, das stimmt. Was wir bekämpft haben, waren fühlende Wesen. Doch was sie getan haben, war in fast allen Fällen trotzdem falsch.“
      Alastair drehte sich zu ihm herum und lächelte schwach. „Ich danke-“

      Der Moment der Freundschaft wurde durch ein jähes Klirren unterbrochen. Hinter den beiden zerbarst einer der Töpfe mit den Tomaten regelrecht, schwarze Erde spritzte durch das Gewächshaus.
      „Argh!“, stöhnte Matt, als er von einer Tonscherbe an der Stirn getroffen wurde.
      Auch Alastair wich erschrocken zurück. So schnell wie der Schrecken kam, war er allerdings auch schon wieder vorbei.
      Beide starrten völlig perplex den Tisch an, auf dem inmitten der intakten Töpfe die Reste des zerplatzten lagen.
      „Wie ist das passiert?“, wunderte sich Matt. „Sag nicht, dieser elende Trickster war das!?“
      Alastair fasste sich stöhnend an die Stirn. „So scheint es.“
      „Was für eine Sauerei. Au!“, jammerte der Jüngere, der nicht nur dreckig von all der Erde geworden war, sondern auch eine saftige Beule davongetragen hatte.
      „Geh das kühlen“, wies der Hüne ihn streng an. „Ich räume hier auf.“
      „Haben wir Knoblauch im Haus?“
      Doch Alastair schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn ich hier fertig bin, werde ich schnell losfahren und dir welchen besorgen. Du mach dich inzwischen erstmal sauber.“
      Der junge Mann winkte bereits ab und schlenderte dabei zum Ausgang. „Danke. Naja, wenigstens ist es jetzt nicht mehr langweilig …“

      ~-~-~

      Am Abend saß Matt wieder am kleinen Tisch für die Erwachsenen – alleine. Alle anderen hatten sich zu den Kindern gesetzt, denn die Knoblauchsuppe, die eine der Erzieherinnen ihm gekocht hatte, übte nicht nur auf Dämonen eine abschreckende Wirkung aus.
      „Du stinkst, Matt“, triezte ihn ein siebenjähriger Rotschopf, der hinter ihm stand.
      Ein kleines Mädchen lachte von einem anderen Tisch so laut, dass es fast vom Stuhl fiel. Nach und nach verfielen die Kleinen in einen Singsang, der nicht gerade schmeichelhaft für den ehemaligen Dämonenjäger war.

      Der schrumpfte immer mehr auf seinem Stuhl mit dem Löffel in der Hand zusammen.
      „Iss!“, befahl Alastair ihm aus sicherer Entfernung.
      „Dafür wirst du büßen“, knurrte Matt bitterböse mit zusammengekniffenen Augen, grinste dann aber, „denk dran, wer mit dir in einem Zimmer schläft.“
      „Ich habe deine Matratze bereits ins Gewächshaus gebracht.“ Der Ton des Hünen machte deutlich, dass es sich nicht um einen Scherz handelte.
      „W-was!? D-das kann nicht dein Ernst sein!“
      „Du wirst es überleben.“
      „Es ist verdammter Winter!“, fauchte Matt und wurde ob seines Fluchens böse von den beiden älteren Erzieherinnen angesehen. „Da hol' ich mir den Tod weg!“
      „Du bekommst eine zusätzliche Decke. Und jetzt iss!“
      Fassungslos und voller Wut im Bauch starrte Matt in die cremefarbene Suppe. „Ugh!“
      „Matt stinkt, Matt stinkt, Matt stinkt!“
      „Stinkematt, Stinkematt!“
      Wieso immer er, fragte sich der junge Mann schicksalsergeben und seufzte schwer. Dann nahm er den ersten Löffel und stellte fest, dass das Zeug nicht einmal schmeckte …

      Seine heimliche Hoffnung, Alastair könnte doch gescherzt haben, wurde unlängst zerstört, als er im Dunkeln im Gewächshaus vor seiner Matratze stand. Zum Glück waren die Winter hier relativ mild, aber dennoch war es kalt genug. Daran würden auch die diversen Decken nichts ändern, die die Kinder ihm mitgegeben hatten. Jene hatte er geschultert und warf sie auf sein Behelfsbett.
      „Hmpf. Iss Knoblauch, sagt er“, meckerte Matt dabei vor sich hin. „Vertreibt den Trickster.“
      Er steckte in einem gepunkteten Pyjama, den Alector ihm geliehen hatte und kroch schnaubend über die Bettdecken hinweg, unter denen er sich verkroch.
      Dabei bemerkte er, dass sein Freund ihm auch das Bild von ihm, Sophie und Tara sowie einen Wecker auf den Boden gestellt hatte. Da entfleuchte ihm doch ein warmes Lächeln. Eigentlich verstand er es auch. Alastair hatte ihn nicht wegen des Geruchs ausgesperrt, sondern wegen des Tricksters. Der sollte zwar längst fort sein – zumindest hatte Matt auch nichts Ungewöhnliches mehr erlebt – aber man konnte nie wissen. Manche von denen, so Alector, waren ziemlich anhänglich. Und mitunter mit ihren Streichen eine Gefahr für andere.
      „Na dann, gute Nacht“, wünschte er den beiden Mädchen auf dem Bild, was immer sie auch gerade taten. Es dauerte nicht lange, da drifteten seine Gedanken ab …

      ~-~-~

      … und er stand in seinem schwarzen Ledermantel mitten in der Finsternis. Genauer gesagt am Rand seines Elysions, das die Form einer großen, runden Mosaikscheibe innehatte, auf der zahlreiche graue Zahnräder abgebildet waren, die wohl das Innere einer antiken Maschine oder etwas Ähnliches darstellten.
      Matt fasste sich fassungslos an die Stirn. „Ugh! Jetzt willst du mich also hier nerven, was?“
      Er war nicht alleine. Auf der anderen Seite befand sich etwas, das ihn an einen überdimensionalen Scheißhaufen aus schwarzen Partikeln erinnerte, fast so groß wie er. Denn ja, er fand keine passendere Beschreibung für dieses Mistvieh von Trickster.
      „Okay, ich sage es jetzt einmal: Verschwinde!“
      Die Ansammlung aus Finsternis wobbelte still hin und her, ohne jedoch zu reagieren.
      „Ich finde das langsam nicht mehr lustig!“
      Keine Reaktion.
      „Hey!“
      „Du musst nicht so schreien!“, kam es plötzlich von der anderen Seite. Aus dem Haufen erhob sich eine lange Ranke, an dessen Spitze sich ein Paar Augen öffnete. „Du bist so herzlos!“
      „Verschwinde aus meinem Elysion! Und aus meinem Leben, wenn du schon dabei bist! Geh' jemand anderem auf die Nerven!“
      „Und das, obwohl wir uns gerade erst begegnet sind! Eiskalt! Ich friere regelrecht!“ Tatsächlich begann der Schattenscheißhaufen zu zittern, schrumpfte dabei langsam.
      Matt schnaubte. „Was willst du von mir!?“
      „Oh, ein bisschen dies, ein bisschen das-!“
      „Was genau!? Mich terrorisieren!? Das ist dir gelungen!“ Matt wusste genau, dass Alastair ihm dringend davon abgeraten hatte, mit diesem Wesen Kontakt aufzunehmen, weil es sich in seinem Tun nur bestätigt fühlen würde. Aber er konnte einfach nicht anders, als Dampf abzulassen.
      Jetzt, da er so einem Mistvieh wirklich gegenüber stand, erinnerte er sich an so ein Gespräch mit Alector vor ein paar Wochen. Schon damals hatte er vermutet, dass ein Trickster involviert sein könnte, als sich plötzlich seltsame Ereignisse in der Umgebung sowie merkwürdige Träume zu häufen begannen.

      Zunächst zaghaft die Faust vor der Tür haltend, klopfte Matt schließlich bestimmt an. Es dauerte einen Moment, ehe gedämpft ein 'Herein' geknurrt wurde. Vorsichtig öffnete der junge Mann die Tür und trat in das kleine Büro Alectors ein. Alastairs Ausbilder saß an seinem Schreibtisch vor dem alten Röhrenbildschirm. Zu Matts Rechten stand ein großer Aktenschrank, in der hinteren Ecke dagegen eine Stehlampe, die bereits Licht in das fensterlose Zimmer warf.
      Was ist?“, fragte Alector brummig.
      Na toll, dachte sich der Schwarzhaarige frustriert. Der Alte, dessen heraus stechende Merkmale eine Narbe über der rechten Augenbraue und ein kümmerlicher, grauer Haarkranz waren, hatte mal wieder schlechte Laune.
      „Ich muss mit dir über etwas reden“, sprach Matt trotzdem freundlich und trat einen Schritt nach vorne.
      „Sonst wärst du wohl nicht hier“, bemerkte sein Gegenüber bissig.


      Matt wusste nicht, wo er überhaupt anfangen sollte. Seine Träume waren das eine, die Dinge, die in San Augustino vor sich gingen und sogar hier im Waisenhaus, etwas ganz anderes.
      „Ich glaube, dass sich in der Nähe ein Dämon oder Geist aufhält“, sprach der junge Jäger seinen Gedanken daher frei heraus.

      Der Alte richtete sich auf. „Was?“
      „Im Ort kursieren so einige merkwürdige Geschichten“, begann Matt zu erklären und schilderte dem Mann, der ebenso wie Alastair sein Mentor war, die Dinge, die er aufgeschnappt und sogar miterlebt hatte. „… und hier sind mir ebenfalls Dinge aufgefallen. Dinge, die sich nicht erklären lassen. Wörter an den Wänden, die keinen Sinn ergeben, Albträume die unheimlich real sind, fliegende Gegenstände …“

      Und wie schätzt du die Lage ein?“, fragte Alector scharf.
      Matt verschränkte die Arme. „Könnte ein Poltergeist sein.“
      „Falsch“, wurde er sofort gescholten. „Poltergeister sind an einen bestimmten Ort gebunden.“
      „Ein Goblin-“
      Sofort wurde er durch ein höhnisches Lachen unterbrochen. „Und wie lange glaubst du, würde ich einen Goblin hier dulden? Sollte sich irgendetwas Nicht-Menschliches nähern, würden meine Resonanzchronosphären Alarm schlagen.“

      Der junge Mann keuchte, gab sich aber noch nicht geschlagen. „Sofern sie richtig funktionieren.“
      „Das tun sie.“
      „Sicher? Ich kenne eine Dämonengattung, die sie umgehen kann.“
      Alector drehte sich von seinem Bildschirm weg und faltete die Hände ineinander, stützte sich mit den Ellbogen gespannt nach vorne beugend ab. „Sprich.“

      Ein Trickster.“

      Tatsächlich kam dieses Mal kein Widerspruch. Aber Matt sah dem Alten an, dass er das für eine sehr gewagte Vermutung hielt.
      Trickster waren Meister der Täuschung und Illusionen, deren Lebenssinn darin bestand, Unordnung zu schaffen, Konflikte zwischen anderen Lebewesen zu provozieren. Allgemein galt, dass sie keinen eigenen Körper besaßen, sondern sich an ihre Opfer hefteten, bis sie ihnen zu langweilig wurden. Das erschwerte es erheblich, sie zu erforschen, da sie zudem eine äußerst seltene Spezies darstellten.


      Denkst du wirklich, ein Trickster würde seine Zeit mit uns verschwenden?“ Alector klang nicht vorwurfsvoll. Im Gegenteil, Sorge schwang in seinem ruhigen Ton mit. „Ich versichere dir, dass es sich bei den von dir geschilderten Vorkommnissen nicht um das Werk von Dämonen handelt.“
      Matt fühlte sich seltsam, dieses Wort aus dem Munde eines eigentlich erfahrenen Jägers zu hören. So sprach jemand, der nicht gelernt hatte, hinter die Fassade zu blicken. Aber das brauchte er hier wohl kaum anmerken.

      Wie kannst du dir so sicher sein?“ Erfahrung, natürlich. Etwas, an das es Matt noch sehr mangelte, wie dieser selbst wusste.
      Sein Gegenüber lehnte sich zurück. „Was hat Alastair dir relativ früh beigebracht?“
      „Uh.“ Matt überlegte. „Den Feind zu kennen?“
      „Ja. Aber dafür musst du zunächst die Augen offen halten. Alles beobachten, jedes Detail zu erfassen. Was siehst du, wenn du in San Augustino unterwegs bist.“
      Wieder stockte der Schwarzhaarige. „I-ich bin mir nicht sicher, worauf du hinaus willst. Armut?“
      „Das. Und Demut. Ein hartes, einfaches Leben.“ Alector seufzte. „Matt, diese Leute leben nahezu abgeschottet vom Rest der Welt. Missverstehe mich nicht, sie sind keine Bauern des 18. Jahrhunderts, aber die wenigsten von ihnen haben dieselbe Bildung wie du genossen.“

      Matt schüttelte langsam den Kopf. „Ich verstehe, worauf du hinaus willst, aber …“
      Wenn du diese Erklärung nicht akzeptierst, beweise das Gegenteil“, forderte Alector ihn heraus.
      Matt überlegte und wirbelte schließlich herum. „Also gut. Das werde ich!“
      Als er das Büro verließ, bemerkte er nicht, wie sein Mentor väterlich lächelte. Und kaum war die Tür geschlossen, flüsterte Alector betrübt: „Wie viel Wert hat eine Antwort, auf die du nicht aus eigener Kraft gekommen bist?“


      Nach diesem Gespräch war plötzlich alles zur Normalität zurückgekehrt. Dementsprechend erfolglos der Versuch, Alector von seiner Vermutung zu überzeugen. Matt begann an eine Verkettung unglücklicher Zufälle zu glauben. Ein Fehler, wie sich nun herausstellte.

      „Du könntest mich wenigstens ausreden lassen“, klagte der Trickster beleidigt und beugte seinen langen Auswuchs so weit vor, dass er Matt fast berührte. Die gelben Glubschaugen sahen ihn neugierig an. „So fies bist du nur zu mir!“
      „Es ergibt keinen Sinn, mich mit dir zu streiten!“ Matt schlug den Tentakel knallhart weg, sodass das ganze Gebilde drohte umzustürzen. „Verschwinde, sonst werde ich dich vernichten!“
      „Eiskalter Killer! Mörder!“, beschimpfte ihn das Unding und nahm in seiner partikelartigen Masse langsam die Gestalt eines zweibeinigen Wesens an. „Aber wie willst du das machen, hmm?“
      „Wenn du mich genau beobachtet hast, weißt du, was ich bin!“
      „Oh ja, das weiß ich! Aber das beeindruckt mich nicht. Bäh!“ In seiner humanoiden Form streckte die schwarze Masse ihm eine Zunge heraus.
      „Elender-!“
      Da klatschte der Trickster seine neugewonnenen Hände zusammen. „Ich habe eine Idee! Wie wäre es mit einem-“
      „Nein!“
      „Lass mich doch ausreden!“
      „Nein! Ich will es nicht hören!“
      Der Dämon schnaubte. „Hmpf! Musst du aber! Denn ich lasse dich erst hier raus, wenn wir uns unterhalten haben!“
      Matt schreckte innerlich zusammen. Das Ding wollte ihn in seinem eigenen Elysion einsperren!? Unmöglich, das war seine persönliche Gedankenebene! Doch als er versuchte, diese zu verlassen, gelang es ihm nicht. „W-was!?“
      „Siehst du? He he!“

      „Okay …“ Matt streckte den Arm vor sich aus. „Dann eben so!“
      An diesem manifestierte sich ein schwarzes, bereits aktiviertes D-Pad.
      „Oh! Duel Monsters! Na endlich! Und ich dachte schon, du fragst nie!“ Der Trickster klatschte in die Hände und ließ aus seinem rechten Arm eine Duel Disk wachsen, die Teil seines Körpers blieb.

      Eine andere Wahl hatte Matt nicht. Er musste dieses Biest bekämpfen und das gelang ihm am ehesten mit den Karten, die Urila ihm hinterlassen hatte …
      „Hör zu! Wenn ich gewinne, suchst du dir einen anderen Ort zum Austoben! Wenn du gewinnst, höre ich mir an, was du mir zu sagen hast!“
      „Oh? Mehr nicht? Nicht mal eine Einladung zu einem Rockkonzert oder so? Langweilig. Aber gut, damit kann ich leben. Erstmal …“
      Zwar fragte sich Matt, ob er hier wirklich das Richtige tat, doch etwas anderes kannte er im Grunde gar nicht. So rief er zornig aus: „Duell!“

      [Matt: 4000LP / Trickster: 4000LP]

      „Was ist das hier für dich überhaupt, ein Spiel!?“, klagte Matt mit ausgebreiteten Armen.
      Die schwarze, humanoide Partikelansammlung winkte mit der rechten Hand hin und her. „Vielleicht? Es -ist- unterhaltsam. Kann ja nicht jeder so'n verklemmter Langweiler wie du sein.“
      „Vor ein paar Wochen noch hast du hunderte Menschen terrorisiert. Darunter Kinder!“
      „Na und? Ist doch nur Spaß“, trällerte sein Gegenüber langgezogen, seufzte dann aber und zog sein Startblatt auf. „Die verstehen das – und wenn nicht, erklärst du es ihnen. Du schaffst das schon, Großer!“
      Matt tat es ihm gleich. „Ich lasse nicht zu, dass du damit weitermachst! Schon gar nicht, während du in mir steckst, du-“
      Sein Gegner beugte sich provokativ nach vorne. „Na sag schon! Was bin ich? Wenn du beim ersten Versuch richtig liegst, gibt’s den Hauptgewinn!“

      Dämon, zumindest wollte Matt das zwischen seinen Zähnen knirschen, verkniff es sich aber. Bei dem war sowieso nur jedes Wort wie Öl ins Feuer zu gießen. Und er durfte nicht vergessen, dass dieses Duell nicht nur dazu diente, diesem Spaßvogel das Handwerk zu legen – es ging hier ebenso um sein Wohlbefinden!

      Als schließlich beide sich ihrer Starthand zuwandten, geschah etwas Merkwürdiges. Beide stöhnten resignierend.
      Nur Zauber- und Fallenkarten, stellte Matt entsetzt fest. Damit konnte er nichts anfangen!
      „Oh Junge“, nuschelte die schwarze Gestalt am anderen Ende seines Elysions.
      „M-mach deinen Zug!“, befahl Matt.
      „Fang du doch an!“
      „Nein!“
      „Ich habe kein Problem damit, ehrlich.“
      Der ehemalige Dämonenjäger zischte: „Ich habe hier Hausrecht, also entscheide ich, wer zuerst am Zug ist. Du!“
      Da erhob die Schattengestalt die Hände. „Ist ja schon gut! Alter Miesepeter …“
      So zog sie auf und gab ein erleichtertes Glucksen von sich. Aufmüpfig meinte sie: „Damit kann ich deine Strategie ordentlich durcheinander bringen: [Card Destruction]!“
      Matts Herz machte einen Hüpfer, als die Zauberkarte sich vor seinem Gegner aufstellte. Eher schlecht als recht beschwerte er sich: „D-du falsche Schlange! Damit müssen wir unsere Hände abwerfen und dieselbe Anzahl an Karten neu ziehen.“
      „Ich kann mir das leisten, damit wir uns da nicht falsch verstehen!“, konterte der Trickster und schob seine fünf Handkarten, genau wie Matt, in den Friedhofsschlitz. Sofort zogen beide genauso viele neue Karten. Und atmeten synchron erleichtert auf. Nur um dann anschließend perplexe Blicke auszutauschen – sofern man irgendwo an dem Ding Augen erkennen konnte.
      Nach einem merkwürdigen Augenblick des Schweigens rief der Dämon schließlich aus: „Ich aktiviere den Spielfeldzauber [Magical Meltdown]! Dadurch erhalte ich von meinem Deck die Monsterkarte [Aleister The Invoker]!“
      Zu seinem Schrecken musste Matt feststellen, dass das Mosaik unter ihren Füßen rot aufzuleuchten begann, als strahle es eine immense Hitze aus. Tatsächlich bildete er sich ein, dass es wärmer wurde. Derweil zeigte der Trickster die gesuchte Karte vor: „Solange [Magical Meltdown] im Spiel ist, kannst du nicht mehr auf Fusionsbeschwörungen reagieren oder diese verhindern!“
      „Ein Fusionsdeck?“
      „Ja! Mit ihm in der Hauptrolle: [Aleister The Invoker]!“ Der Dämon knallte das Monster auf seine Duel Disk.
      Sofort erschien vor dem Wesen ein junger Mann, gekleidet in dunkler Hose und weißem Mantel, dessen Kapuze sein türkisfarbenes Haar bedeckte. In den Händen hielt er einen Zauberstab sowie ein Buch, aus welchem er in einer unverständlichen Sprache vorlas.

      Aleister The Invoker [ATK/1000 DEF/1800 (4)]

      „Wird mein Kumpel normalbeschworen, erhalte ich die Zauberkarte [Invocation] von meinem Deck! Und dreimal darfst du raten, was ich damit mache!“, trällerte der Trickster vergnügt, doch Matts grimmige Miene verhagelte ihm die Stimmung. „So gewinnst du keinen Preis! Ich aktiviere sie natürlich! [Invocation] funktioniert wie eine Fusionskarte, mit dem Unterschied, dass ich für Invoked-Fusionsmonster die Materialien vom Feld und Friedhof verbannen kann!“
      Der junge Zauberer hielt sein Buch in die Höhe und begann weitere Verse in zunehmender Lautstärke zu rezitieren. Unter ihm öffnete sich ein Portal, dass ihn in die Tiefe zog.
      „Ich verschmelze Aleister mit dem FINSTERNIS-Monster [Armageddon Knight] von meinem Friedhof!“ Der Trickster streckte die Arme weit von sich. „Öffnet die Pforte zum Abgrund! Fusion Summon! Erscheine, [Invoked Caliga]!“
      Matt verfolgte unter einem angespannten Stöhnen mit, wie aus dem Höllenschlund erst ein wahnsinniger Schrei drang, ehe sich aus ihr ein rötlicher, geflügelter Dämon mit geschwungenen Hörnern und hellblauem Haar erhob. Dabei hingen Fetzen von weißer Kleidung an seinem Leib und als er sich in geduckter Haltung vor seinem Besitzer positionierte, erkannte Matt, dass es die von Aleister waren – er war zu einem Monster mutiert!

      Invoked Caliga [ATK/1000DEF/1800 (4)]

      „Ich setze zwei Karten verdeckt und benutze den zweiten Effekt von [Invocation]!“ Während die zwei Karten sich vor dem Trickster manifestierten, zeigte der die Zauberkarte vor. „Ich mische sie einfach vom Friedhof ins Deck zurück, um den verbannten Aleister zurück auf die Hand zu nehmen! Und? Ich wette, jetzt möchtest du auch so ein cooles Deck spielen! Huh? Huh?“
      „Nein“, knurrte Matt, als sein Gegner dessen Blatt um den Beschwörer bereicherte.
      Ihm war spätestens jetzt klar, dass dieses Biest jede Runde ein neues Fusionsmonster aufs Feld bringen konnte, indem es die nötige Zauberkarte via [Aleister The Invoker] suchte. Dem musste er schnellstmöglich einen Riegel vorschieben!
      „Du bist so eine Spaßbremse!“, jammerte der Trickster. „Dann zeig wenigstens, dass die eine Hälfte vom Deppenduo zumindest im Duell ein bisschen was drauf hat. Dein Zug!“
      „Deppenduo!?“
      „Na du und Big Al! Es gibt keine Aufgabe, die ihr nicht in irgendeiner Form vergeigt!“ Der Trickster begann vergnügt zu kichern. „Na, hab ich einen wunden Punkt getroffen?“

      „Dir werd' ich's zeigen! Mein Zug!“, explodierte Matt förmlich vor Wut und zog rasch eine sechste Karte nach. „Und den Auftakt macht [Evilswarm Castor]! Wird er beschworen, kann ich noch einen Schwärmer rufen. Erscheine, [Evilswarm O'lantern]!“
      Vor ihm tauchte ein unheimlicher, vollkommen gepanzerter Krieger auf, dessen rechte Körperhälfte weiß und die linke schwarz war. Er streckte sein in zwei parallel verlaufende Klingen aufgeteiltes Schwert zur Seite aus, wo sich neben ihm ein Hüne manifestierte. Fast gänzlich aus verhärtetem, violettem Magmagestein bestehend, schloss sich um dessen Oberkörper und Beinen eine schwarze Panzerung, die etwas Insektoides an sich hatte.

      Evilswarm Castor [ATK/1750DEF/550 (4)]
      Evilswarm O'lantern [ATK/1650 DEF/1250 (4)]

      Matt kniff die Augen fest zusammen. Keines seiner beiden Monster war stark genug, [Invoked Caliga] im Kampf zu besiegen. Aber dafür gab es eine einfache Lösung! „Ich aktiviere den Effekt von O'lantern! Indem ich-“
      Schon ging der Hüne in blaue Flammen auf, die sogleich wieder verpufften. Matt weitete die Augen, als sein Widersacher trällerte: „Falsch, falsch, falsch! Liest eigentlich nie jemand die Effekte der Karten durch, die der Gegner spielt? Das solltet ihr wirklich!“
      „Was soll das heißen!?“
      „Oh?“ Die Schattenfigur ließ sich ein riesiges Ohr wachsen, hinter welches er seine Hand platzierte und beugte sich vor. „Analphabet -und- taub! Ganz blöde Mischung!“
      Matt schnaubte rasend vor Zorn. So musste sich wohl Anya fühlen, wenn sie wütend war. Also praktisch immer.
      „Und minderbemittelt noch dazu! Wie konntest du nur so lange überleben?“ Der Trickster kicherte böse und ließ sein Ohr wieder verschwinden. „Ok, ok, bevor du noch einen Herzkasper bekommst, erkläre ich den Effekt von Caliga – er verhindert die Aktivierung sämtlicher Monstereffekte!“
      Matt blinzelte. Dann streckte er wortlos den Arm aus. Vor ihm öffnete sich ein Schwarzes Loch, das seine beiden Schwärmer als violette Lichtstrahlen in sich aufnahm. Selbst als das Overlay Network explodierte und einen riesigen, pechschwarzen Drachen mit rot in hellblau übergehenden Eisflügeln hervor brachte, sprach er keinen Ton. Brüllend positionierte sich das Biest vor ihm.

      Evilswarm Ophion [ATK/2550 DEF/1650 {4} OLU: 2]

      „Ich werde dich töten“, nuschelte Matt für seine Verhältnisse untypisch aggressiv und schwang den Arm aus, „zerstöre sein Monster, Ophion!“
      Der Drache, um den zwei leuchte Sphären kreisten, spie eine mächtige, schwarze Flamme aus. Welche sich beim genauen Hinsehen als Schwarm winziger Partikel entpuppte, der die dämonische Kreatur beim Aufprall zerfraß.
      „Main Phase 2!“, verkündete der ehemalige Dämonenjäger lautstark. „Da Caliga fort ist, kann ich den Effekt von Ophion aktivieren-!“
      „Oh Baby, wie ich darauf gewartet habe“, hauchte der Trickster gespielt betört.
      Matt klappte die Kinnlade herunter, als über der schattenhaften Kreatur ein kleines, weißhaariges Mädchen in rot-schwarzem Kimono erschien. In ihrer Hand hielt sie eine Karte, die ähnlich aussah wie die, welche Dämonenjäger zum Wirken von Zaubern verwendeten. Jene ging in Flammen auf, als hinter ihr ein Geisterhase erschien, sofern man die langgezogene, weiße Kreatur überhaupt als solchen bezeichnen konnte.
      Jener zischte über das Feld in Ophion hinein. In dem Moment zerfiel die entflammte Karte in des Mädchens Händen und selbiges geschah auch mit dem mächtigen Drachen.
      Matt keuchte: „Ophion! Nein!“
      „Doch! Du warst so dumm, [Ghost Ogre & Snow Rabbits] Effekt von meiner Hand auszulösen, als du den Effekt deines Monsters aktivieren wolltest! Indem ich die hübsche Dame abwerfe, wird der Effekt gestoppt und die Karte, die ihren Effekt aktivieren wollte, zerstört! Booyah!“
      Ein unsichtbarer Wind wehte Ophions Asche fort. Matt knirschte mit den Zähnen, griff drei der vier verbliebenen Karten in seinen Blatt und spielte sie nacheinander verdeckt aus. Mit jenen drei Karten vor seinen Füßen liegend, maulte er: „Zug beendet!“

      „Keine Zeit zu verlieren! Draw!“, gluckste der Trickster vergnügt und zog. Kurz darauf legte er ein Monster auf seine Duel Disk. „Komm zu Papa, Aleister!“
      Schon war vor ihm der Beschwörer mit der weißen Kapuze erschienen, der aus seinem Buch vorlas.

      Aleister The Invoker [ATK/1000 DEF/1800 (4)]

      „Und wird er gerufen, gibt er mir [Invocation] von meinem Deck auf die Hand!“ Matt schnalzte mit der Zunge, hatte er doch eigentlich mit Ophions Präsenz verhindern wollen, dass Monster der Stufe 5 oder höher als Spezialbeschwörung beschworen werden. Sein Gegner schien denselben Gedanken zu haben. „Netter Versuch, Cowboy, ich weiß was du vorhattest. Deswegen habe ich ja Caliga als Köder gelegt!“
      „Es hat dich viel gekostet, nur um Ophion loszuwerden!“
      „Aber es war die Mühen wert! Sieh her, ich aktiviere [Invocation]! Und diesmal verschmelze ich Aleister mit dem LICHT-Monster [Ghost Ogre & Snow Rabbit] von meinem Friedhof!“
      Der Hexer stieg in die Höhe, wobei sich am Boden ein Runenzirkel bildete, der den Mann einholte und in einen silbernen Ritter transformierte, der ein mächtiges Schwert führte. Gleichzeitig rief der Trickster: „Öffne das Tor zum Himmel! Fusion Summon! Kämpfe, [Invoked Mechaba]!“
      Ein Brüllen erschütterte Matts Elysion und keinen Moment später stand der Krieger auf einem Streitwagen, der von einer merkwürdigen, weißen Kreatur gezogen wurde, die auf ihren Händen lief und deren Unterleib in besagtes Kriegsfahrzeug überging. Auch sie steckte in einer Rüstung, wirkte gleichzeitig edel und dämonisch.

      Invoked Mechaba [ATK/2500DEF/2100 (9)]

      Matt runzelte die Stirn. „Na toll, das Taxi der Engel …“
      „Oh? Hat da jemand seine Hausaufgaben gemacht?“ Sein Widersacher kicherte böse. „Du wirst doch nicht als nächstes sogar die Texte meiner Karten durchlesen, oder?“
      Der Dämonenjäger hatte längst den Arm angehoben und eine Taste an seinem D-Pad betätigt, woraufhin vor ihm ein vergrößertes Hologramm der Fusionsmonsterkarte erschien. „Schon dab-!“
      „Zu spät! Direkter Angriff auf seine Lebenspunkte! Muahahahaha!“
      Brüllend setzte sich das Biest mit seinem Streiter in Bewegung. Matt schreckte zurück, schwang den D-Pad-Arm zur Seite aus, woraufhin das Hologramm verschwand. Er sah nur noch, wie der Streitwagen auf ihn zuraste. „Falle! [Defense Draw]! Sie negiert den Schaden und lässt-!“
      „Falsch! Kontereffekt von [Invoked Mechaba]!“ Der Trickster zeigte eine Fallenkarte vor, die Matt nicht genau erkennen konnte. „Indem ich dieselbe Kartenart abwerfe, die du gerade nutzt, kann ich den Effekt negieren und die Karte zerstören! Pech gehabt!“
      „Was!?“ Matt hatte keine Zeit, das Erfahrene zu verarbeiten. Gerade noch so konnte er die Arme schützend vor sich halten, ehe er von dem massiven Gefährt gerammt wurde. „Argh!“
      Der Aufprall warf ihn weit zurück. Matt schlug auf dem Rücken auf und rutschte über das Elysion bis an dessen Rand, wo er stöhnend liegen blieb.

      [Matt: 4000LP → 1500LP / Trickster: 4000LP]

      Der junge Mann erhob sich keuchend, doch sein Feind gackerte förmlich. „Oh man, oh man, oh man! Das ist ja leichter als einem Kleinkind die Süßigkeiten wegzunehmen. Vielleicht nicht ganz so unterhaltsam, aber-“
      „Halt den Mund! Ich bin noch nicht besiegt!“
      „Oh?“, machte der Trickster langgezogen. „Ah! Ja! Das wollte ich dir auch noch sagen. Bleib am besten gleich liegen!“
      „Was!?“
      „Verdeckte Schnellzauberkarte, [The Book Of The Law]!“ Die Schattengestalt ließ die linke seiner beiden gesetzten Karten auffahren, auf dem das Buch Aleisters abgebildet war. „Damit opfere ich ein Invoked-Monster, um ein anderes von meinem Extradeck zu rufen! Und das wird sogar als Fusionsbeschwörung behandelt!“
      [Invoked Mechaba], der sich im Zentrum des Elysions befand, löste sich in gleißenden Funken auf, die wild im Kreis zu wirbeln begannen. In ihrer Mitte tauchte das Buch auf, um das sich die Partikel sammelten und eine neue Kreatur bildeten. „Öffne den Pfad zur Gewitterebene! Fusion Summon! Zerstöre, [Invoked Raidjin]!“
      In der Mitte des Mosaiks hatte sich ein neuer Ritter gebildet, auch in silberner Rüstung, doch jene leuchtete an Armen und Beinen, als wäre sie mechanischen Ursprungs. Auch trug dieser ein kurzes Cape. Von seiner rechten Schulterplatte ragte ein blau leuchtender Stab, der Elektrizität von sich gab.

      Invoked Raidjin [ATK/2200DEF/2400 (5)]

      „Was zum-!?“, keuchte Matt erschrocken.
      „Neidisch, huh?“, triezte sein Widersacher ihn kindlich. „Nicht jeder hat so coole Monster wie ich! Aber du hast immerhin das Privileg, ihn persönlich kennenzulernen: Direkter Angriff!“
      Raidjin streckte die Hand nach vorne aus, sammelte eine Sphäre elektrischer Energie an. Matt raffte sich auf und schwang den Arm aus, als der Mecharitter die Kugel auf ihn abfeuerte. „Hmpf! Eigentlich wollte ich mir das aufheben, aber es hilft nichts! Fallenkarte, [Trap Of Darkness]! Wenn meine Lebenspunkte unter 3000 liegen, kann ich 1000 zahlen, um eine Falle von meinem Friedhof zu aktivieren! [Defense Draw]!“
      Kurz bevor die Blitzkugel ihn erreichte, prallte sie an einer unsichtbaren Barriere ab.

      [Matt: 1500LP → 500LP / Trickster: 4000LP]

      Matt zuckte zusammen. Ihm wurde kurz schwarz vor Augen, aber er fing sich und erklärte: „Wie eben schon erklärt, annulliere ich damit den Schaden und ziehe!“
      Voller Inbrunst riss er eine Karte von seinem Deck.
      „Was soll's“, gab sich der Trickster gleichgültig, „das ist wie mit Hühnern. Auch wenn du ihnen den Kopf längst abgeschlagen hast, zucken sie manchmal trotzdem noch. Dein Zucken. Äh Zug.“

      Der Schwarzhaarige schleppte sich langsam zu seiner Ausgangsposition zurück und zog nebenher eine weitere Karte, was ihn auf insgesamt drei brachte. Dabei warf er einen kurzen Blick auf sein D-Pad und anschließend seine Hand.
      Kaum hatte er seine Position eingenommen, knallte er ein Monster auf den schwarzen Apparat. „Ich rufe dich, [Evilswarm Kerykeion]!“
      Über ihm materialisierte sich eine schwarze, engelhafte Gestalt, deren Schwingen ganz aus Eis bestanden. In beiden Händen führte sie Waffen, rechts ein Zepter mit dem Wappen der Gishki – einem gezackten Spiegel mit Totenkopf darin – sowie links einen langen Schlangenstab.

      Evilswarm Kerykeion [ATK/1600 DEF/1550 (4)]

      „Wirklich!?“, polterte der Trickster unvermittelt verärgert. „Hörst du mir wirklich nicht zu oder machst du das mit Absicht!?“
      Er streckte seinen finsteren Arm aus. „Lies-die-verdammten-Kartentexte-deiner-Gegner! Dachtest du, ich kenne Kerykeion nicht? Als Strafe bekommt sie einen Blitzschlag! Ins Gesicht, Fothermucker!“
      Raidjin hob seine Klinge in die Höhe und es geschah genau wie angekündigt. Aus der Endlosigkeit des Elysions schoss ein einsamer Blitz auf Kerykeion herab und brachte ihn zum Absturz. Verletzt am Boden liegend, verwandelte er sich in einen horizontal liegenden Kartenrücken.

      Evilswarm Kerykeion [ATK/1600 DEF/1550 (4)]

      „Ich spreche zwar kein Dumpfbäckisch, aber vielleicht verstehst du mich ja trotzdem: Einmal in jedem Zug kann [Invoked Raidjin] ein Monster auf dem Feld verdecken!“ Der Trickster pfiff verächtlich „Warum tue ich mir das doch gleich an?“
      Ihm entging anscheinend Matts hoch zuckender Mundwinkel. „Keine Ahnung wie Tricksters ticken. Zug beendet.“

      Das Wesen zog und schüttelte den Kopf. „Wer behauptet, dass ich ein Was-auch-immer bin?“
      „Hm?“ Der ehemalige Dämonenjäger horchte auf.
      „Hast du nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, -was- ich bin!? Was ich wirklich bin, Dumpfbacke!?“ Die humanoide Partikelansammlung streckte die Arme weit aus, ließ sie dann aber hängen und stöhnte. „Du bist hoffnungslos … Überraschung: Ich bin ein Immaterieller!“
      Langsam weitete Matt die Augen.
      „Genauer gesagt -dein- Immaterieller. Oder so ähnlich, die Details müssen wir noch ausarbeiten.“
      „Was soll das heißen!?“
      „Dass du ein Idiot bist!“ Vor Wut äffte das Wesen etwas nach, das Matt von der Bedeutung her einst zu Alastair gesagt hatte. „'Die Dunkelheit von Urila steckt noch in mir, ich bin gefährlich, geht weg!' Nein, das bin größtenteils ich, ihr Abkömmling Thoras! Nett dich kennenzulernen – oder auch nicht!“
      Den Kopf vor Verleugnung schüttelnd, wich der junge Mann zurück. „D-das kann nicht-!“
      „Nun mach dir nicht gleich in die Hosen, Smartypants, ich bin nicht hier, um das Werk meiner Schöpferin zu vollenden. Im Gegenteil, ich wurde von ihr erschaffen, um genau das zu verhindern: Das Ende dieser Welt!“
      Matt klappte langsam die Kinnlade hinunter.
      Thoras nahm vor seinen Augen eine stabilere Form an, die ganz klar einem Mann in einem zweigeteilten Cape glich. „Und zwar, indem ich denjenigen vernichte, mit dem du so schön zusammenarbeiten willst, Matt Summers: Den Collector!“

      Die beiden Kerzen in ihren hohen, goldenen Ständern flackerten leise neben dem Altar hin. Auf diesem lag ein Mädchen mit schulterlangem, blondem Haar. Zerzaust war es von all den Strapazen, die sie durch Urila hatte ertragen müssen. Kaum mehr war sie als ein blutiger Klumpen Fleisch, bedeckt von rot gefärbten Kleidungsstücken. Ihr Kopf war weggedreht von Matt, Anya – beide in sehr lädiertem Zustand – und dem Sammler, die sich allesamt in dem kleinen, aus grauem Stein bestehenden Raum versammelt hatten. Jener glich in seiner Aufmachung einer Kapelle.

      Ich kann Tara nicht einfach … aus meinem Leben verbannen“, klagte Matt verzweifelt an den Sammler gewandt und packte ihn an den Schultern. Dies konnte unmöglich der Preis sein, den er verlangte, um Taras zerstörten Körper wiederherzustellen!
      Dieser riss sich angewidert los. „Genau dies hast du bereits einmal getan, als du wegen Mordes untergetaucht bist.“
      „Aber das ist nicht dasselbe!“ Aufgebracht fuchtelte Matt mit den Armen. „Ich hab nie daran gedacht, für immer aus ihrem Leben zu treten!“
      „Sorry, Summers, aber irgendwo hat er Recht“, mischte sich Anya ein, „du musst doch gewusst haben, dass dein altes Leben in dem Moment vorbei ist, in dem du deinen Vater ins Jenseits geschickt hast. Jetzt tu nicht so, als wäre das so überraschend.“
      Matt schwang wütend den Arm aus. „Du hast keine Ahnung, Anya! Schon gar nicht, weil für mich immer Hoffnung bestand, in mein altes Leben zurückzukehren! -Ich- habe meinen Vater nicht ermordet, sondern meine Schwester! Wenn -sie- irgendwann ihre Tat gesteht, werde ich frei sein!“

      Das ist ja ein tolles 'Wenn'“, fauchte Anya ebenso hitzig zurück, „wie blöd bist du eigentlich!?“

      Ich unterbreche euren Streit nur ungern, aber ich bin noch nicht fertig. Es gibt noch einen Preis, den du zu zahlen hast, damit alles miteinander verbunden ist“, schritt der Sammler dazwischen und beugte sich mit seinem Satz an Matts linkes Ohr.
      Seine Worte ließen das Blut in Matts Adern gefrieren, so eisig waren sie. „Du wirst Anya Bauer bei ihrer nächsten Mission helfen, was auch immer komme. Kein Opfer wird groß genug sein, um ihren Erfolg und ihre Sicherheit zu gewährleisten.“
      Als der Sammler sich wieder zurück bewegte, sagte er: „Triff deine Wahl gut, denn dir bleibt nicht mehr viel Zeit für eine Entscheidung.“

      Warum ich!?“, begehrte Matt auf, wobei ihm die Stimme versagte. „Ich bin doch … der Falsche … für so etwas!“
      Der Sammler erwiderte: „Ich verstehe … dann soll es so sein.“

      Er wusste, welche Wahl Matt treffen würde. Als ob man überhaupt von einer Wahl reden konnte …

      „Die Prozedur wird einige Zeit beanspruchen. Ich bitte euch außerdem, den Raum zu verlassen, bis ich fertig bin“, wies der Sammler die beiden an, als er sich umdrehte.

      Anya stand inzwischen an die Wand gelehnt und atmete erleichtert durch. „Summers, du hast das Richtige getan, schätz' ich. Ist doch besser, als wenn sie ihr Leben lang als Krüppel vor sich dahinsiecht.“
      „Du!“ Matt wirbelte mit weit aufgerissenen Augen um die eigene Achse, holte mit der Faust aus und pfefferte sie Anya derart ins Gesicht, dass sie an der Wand entlang rutschte und zu Boden fiel.

      Was ist so besonders an ihr!?“, fauchte Matt mit Blick über der Schulter den Sammler an. „Wieso soll ich so einer wie ihr helfen!? Was hast du vor!?“
      Doch der rothaarige Brite mit der Narbe an der Wange schwieg.
      Anya, die auf der Seite lag, rieb sich perplex die ihre, ehe sie langsam zu Sinnen kam. „Summers … hast du Todessehnsucht oder was!?“
      „Sei still!“, fuhr Matt sie jedoch schrill an.

      Fuck you! Das kriegst du-“
      „Genug!“, gebot der Collector-Dämon ihnen jedoch mit autoritärer Stimme Einhalt. „Matt Summers, wenn du unbedingt deine Neugier befriedigen willst, sage ich dir, wofür ich Anya Bauer benötigte.“
      Die lädierte Blonde horchte auf. „Huh!? Was war das?“
      „Sie wird für mich sieben Artefakte sammeln. Sie und niemand anderes“, sprach er mit absoluter Gewissheit. „Dafür werde ich ihr ein Zeitlimit setzen, weshalb sie schon bald deine Hilfe in Anspruch nehmen wird. Natürlich lasse ich -sie- diese Unterhaltung im Anschluss vergessen.“
      „W-warte mal!“, stammelte das Mädchen und versuchte sich mit ihrem gesunden Arm an der Wand eher mit mäßigem Erfolg hochzuziehen. „I-ich soll-!?“
      Matt hörte gebannt zu. „Wozu?“
      „Um ein Ende einzuläuten. Und ein anderes zu verhindern“, lautete die düstere Erklärung dazu und er funkelte Matt dabei an. „Das ist seither mein, Strife Carringtons, Wunsch.“


      An mehr konnte Matt sich aus dieser Nacht nicht mehr erinnern, vermutlich hatte der Sammler danach auch seine Erinnerungen gelöscht. Aber was hatte der damals mit seinen kryptischen Worten gemeint? Das Ende der Welt? Oder etwas anderes und wenn ja, welches Ende wollte er verhindern?
      Es ergab alles keinen Sinn!
      Bisher hatte Anya sich nur via E-Mail ab und zu bei ihm gemeldet, aber nie um Hilfe gebeten …

      „Ich war damals ebenfalls anwesend, entgegen der Annahme des Sammlers, ich sei mit Urilas Tod verschwunden“, sprach Thoras eindringlich, „was immer er vor hat, es kann nichts Gutes sein! Du musst das verhindern! Mit mir zusammen!“
      „Ich glaube dir nicht!“, presste Matt wütend hervor. „Kein Wort!“
      „Es ist die Wahrheit! Seit diesem Tag habe ich mich in dir verborgen, um seinen Augen zu entgehen! Jetzt ist die Zeit reif, dir alles zu erzählen was ich weiß. Wir müssen ihn aufhalten!“
      Matt aber schüttelte den Kopf. „Ich-“
      „Hör gefälligst zu und unterbrich mich nicht!“ Thoras schwang den Arm aus. „Natürlich kannst du einem Abkömmling der Immateriellen, die die Welt ins Chaos stürzen wollte, nicht vertrauen. Ihr Wahnsinn war, auf einer Skala von eins bis zehn gemessen, irgendwo über neuntausend! Deshalb hat sie in einem Moment der Klarheit mich erschaffen, einen unbefleckten Abkömmling, um sie zu stoppen! Oder dachtest du nur für eine Sekunde, -du- hättest dich damals unter Kontrolle gehabt, als du ihr mit Anya Bauer entgegen getreten bist?“
      Immer mehr entgleisten Matts Züge. Thoras setzte nach: „Fehlanzeige, Muchacho, das war -ich-, der gegen ihren Einfluss angekämpft hat!“
      „Lügen …!“
      „Dann sag mir, ob du eher auf das Wort eines Mannes vertraust, der deine liebe Freundin Tara Hartwell erst nach Livington gebracht hat?“ Thoras ließ den Arm sinken. „Schließlich brauchte er etwas, um dich für das Kommende zur Kooperation zu zwingen.“
      „Was … was soll das heißen? Verdammt, ich will das nicht hören!“
      Thoras wollte wieder zu etwas ansetzen, atmete dann aber leise aus. „Fein. Du lässt mir gar keine andere Wahl. Wir haben uns unterhalten – das war der Preis, sollte ich das Duell gewinnen. Nun, da dies aber schon geschehen ist, muss es eine neue Abmachung geben.“
      Erschrocken horchte Matt auf und ließ die Hände von den Ohren sinken.
      „Wenn du dieses Duell verlierst, wirst du einen ewigen Pakt mit mir schließen, Matt Summers! Gewinnst du, verschwinde ich aus deinem Leben!“
      Aber der Dämonenjäger lachte bitterböse. „Ach ja? Ihr Immateriellen könnt die Leute doch sowieso in Pakte zwingen, genau wie es Another schon mit mir getan hat. Wieso überhaupt duellieren?“
      „Ich bin fair. Fairer, als du es momentan verdient hättest mit deinem kindischen Gehabe!“
      „Sagt der Klassenclown …“ Matt begann zu grinsen. „Aber da ich dich immer noch loswerden will, können wir das Duell gerne fortsetzen!“

      „Selbstverständlich“, entgegnete Thoras angespannt und nahm eine Karte aus seinem Blatt. „Ich beschwöre [Aleister The Invoker] und erhalte dadurch [Invocation] von meinem Deck!“
      Abermals erschien vor ihm der blauhaarige Hexer in weiß-grüner Kutte, der aus seinem Buch vorlas, während sein Besitzer die Zauberkarte vorzeigte.

      Aleister The Invoker [ATK/1000 DEF/1800 (4)]

      „Immer wieder dieselbe Nummer? Was würdest du bloß ohne ihn tun?“, fragte Matt provokativ.
      Er gab sich alle Mühe, nicht über das Gehörte nachzudenken. Auch wenn er dem Sammler misstraute, konnte er einem Immateriellen noch viel weniger Glauben schenken!
      „Einen anderen Weg finden! Und wenn wir gerade davon reden, hier etwas Neues! Die Zauberkarte [Double Summon]! Sie ermöglicht mir eine zweite Normalbeschwörung, die ich für [Homunculus The Alchemic Being] verwende!“
      Neben dem jungen Magier manifestierte sich ein Mann, der nur eine kurze Hose trug. Seine Haut war an manchen Stellen knallrot, an anderen schwarz und die Augen mit einer Binde bedeckt.

      Homunculus The Alchemic Being [ATK/1800 DEF/1600 (4)]

      „Der künstliche Mensch hat einen besonderen Effekt, den ich sofort nutzen werde!“, erklärte Thoras weiter und streckte den Arm aus. „Attributswechsel! Aus Licht mache Wasser!“
      Schon stieß der Homunkulus einen entsetzlichen Schrei aus, bei dem sich seine komplette Körperfarbe in ein tiefes Blau wandelte.

      Indes bemerkte Matt, dass sich Thoras seit seinen Enthüllungen wesentlich reifer benahm als vorher. Nicht, dass ihn das groß wunderte. Immaterielle schienen allesamt so etwas wie Selbstdarsteller zu sein, aber wenn es um ihre Aufgabe ging, war auf einmal nicht gut Kirschen essen mit ihnen.

      „Und da mein Homunkulus nun das passende Element besitzt, aktiviere ich [Invocation]!“
      Aleister begann aus seinen Buch laut vorzulesen. Kreischend zerplatzte sein Versuchsobjekt wie eine Wasserblase, deren zahlreiche Spritzer sich um den Alchemisten zu drehen begannen. Sie umschlossen ihn, während Thoras rief: „Öffne den Zugang zur Unterwelt! Fusion Summon! Ertränke, [Invoked Cocytus]!“
      Matt konnte es nicht genau erkennen, aber glaubte zu sehen, wie Aleister das Wasser nach und nach absorbierte und sich in einen ziemlich großen Drachen verwandelte. Und er hatte Recht, als sämtliches Wasser mit einem Mal verschwunden war. Schützend stand das silberne Biest vor Thoras und neben den Donnerkrieger. Blaue Wasservenen zogen sich durch die Ritzen zwischen seinen Schuppen, auch in den Schwingen. Alle Adern flossen zu einem Kern in seiner Brust zusammen.

      Invoked Cocytus [ATK/1800 DEF/2900 (6)]

      „Verteidigungsmodus, huh?“ Matt fasste sich ans Kinn. „Das kommt … unerwartet.“
      „An diesem Punkt spare ich mir weitere Kommentare zu den Dingen, die du tun solltest.“
      Schwang da etwa eine Spur von Trotz in der Stimme des Immateriellen mit?
      Jener schnippte mit der Hand. „Vernichte sein Monster, [Invoked Raidjin]!“
      Sein Schwert in die Höhe hebend, beschwor dieser einen Blitz herbei, der in die Klinge einschlug, aber dann nicht etwa verschwand, sondern unentwegt flackerte und Matt blendete. Der sah zwar weg, aber mit einem Grinsen. „Damit hast du meine Falle ausgelöst.“
      Die letzte, die noch zu seinen Füßen lag und aufsprang. „[Wall Of Disruption]! Bei einem Angriff verliert jedes deiner Monster im Angriffsmodus 800 Angriffspunkte mal der Anzahl an Monstern, die du kontrollierst! Das wäre ein Malus von 1600 für Raidjin!“
      Aus der aufrecht stehenden Falle schoss eine Schockwelle, die die Kacheln des Mosaiks hinter sich her riss. Thoras aber schüttelte nur den Kopf. „Wäre ist korrekt ausgedrückt. Ich sagte bereits, dass Raidjin einmal pro Zug ein Monster verdecken kann.“
      Jener, welcher immer noch den Blitz kontrollierte, schleuderte ihn nach oben, nur damit der direkt wieder in ihm einschlug. Danach war er nichts weiter als ein horizontal liegender Kartenrücken.

      Invoked Raidjin [ATK/2200 DEF/2400 (5)]

      „[Wall Of Disruption] schwächt lediglich Monster in Angriffsposition. Du hast ihren Effekt vergeudet“, erklärte Thoras, als die Falle von Matts Feld verschwand.
      Der, immer noch abgewandt, grinste jedoch. Davon war aber nichts mehr zu sehen, als er sich wieder zu dem Immateriellen drehte. „Kann ja keiner ahnen, dass du ein Monster im Verteidigungsmodus rufst.“
      „Du wirst jetzt erfahren warum. Cocytus kann aus der Verteidigung heraus angreifen! Los!“
      „Verdammt!“
      Der silberne Drache schoss aus seinem Brustkorb einen heftigen Wasserstrahl auf Matts gesetzten Kerykeion ab, welcher aus seiner Karte empor stieg und von dem Strom fortgerissen wurde.
      „[Invoked Cocytus] ist vielleicht das vielseitigste Monster meines Decks. Es kann-“
      „Danke. Ich lese mir den Effekt gleich durch“, murrte Matt dazwischen und sah kurz auf sein D-Pad. Im Anschluss entlockte ihm das ein leises Pfeifen. „Wow. Kann nicht mit Effekten zerstört, geschweige denn angezielt werden, kann selbst im Verteidigungsmodus angreifen und hat dazu noch so hohe Werte. Nicht schlecht.“
      Die Schattengestalt Thoras nickte. Dann griff er nach der Duel Disk, die eins mit seinem schwarzen Arm war. „Ich mische [Invocation] von meinem Friedhof ins Deck, um [Aleister The Invoker] zurück auf mein Blatt zu nehmen. Zug beendet!“

      Perfekt, dachte sich Matt, wie er seinen Gegner betrachtete, der nur noch diese eine Karte auf der Hand hielt. „Draw!“
      Er betrachtete seine eigenen drei Karten, konnte sich jedoch nicht wirklich darauf konzentrieren.

      „Was du über den Sammler sagtest, was meintest du da? Wieso ist er eine Gefahr, die die Welt bedroht?“, fragte Matt schließlich, obwohl es ihm eigentlich widerstrebte.
      „Ich … weiß es nicht. Es ist nur eine vorgeschriebene Emotion meiner Schöpferin.“ Thoras sah zur Seite. „Um zu verhindern, dass ihr Wahnsinn auf mich übergeht, musste sie sämtliche ihrer eigenen Erinnerungen von mir fernhalten. Stattdessen hat sie sie niedergeschrieben – im Turm von Neo Babylon.“
      Der Dämonenjäger horchte auf. „Hm?“
      „Ganz recht!“ Thoras wandte sich ihm zu. „Wir müssen dorthin zurück und ihre Erinnerungen finden. Sie werden uns Auskunft über die Absichten des Sammlers geben, dessen bin ich mir sicher.“
      Matt aber lachte hysterisch. „Sicher. Du willst, dass ich mit den Erinnerungen dieses Monsters in Kontakt komme. Wow, für eine Sekunde hätte ich dir fast geglaubt!“
      Aber davon ließ der Immaterielle sich nicht beeindrucken. „Nah, hör auf zu lügen. Urila wurde im Turm eingesperrt, weil er das sicherste Gefängnis darstellte und daher mit dem euch bekannten 400-Jahre-Zyklus versehen. Sie hatte viel Zeit, in lichten Momenten ihr Wissen dort gesammelt festzuhalten. Aus einer Zeit, bevor der -wahre Feind- sie berührt hat.“
      „Und du denkst, eingesperrt in einem Turm, der selbst für den Sammler unerreichbar war, wird er sie über all seine Pläne informiert haben?“ Matt fasste sich an die Stirn. „Ha ha, das wird ja immer besser.“
      „Was, wenn der Sammler es war, der sie korrumpiert hat?“, fragte Thoras düster.
      Matt ließ die Hand über die Wange fahren und verstummte.
      „Ich weiß nicht, was sie über ihn herausgefunden hat. Aber ich will es erfahren, unbedingt. Nein, ich muss, denn für diese Aufgabe wurde ich erschaffen! Und wenn du mir dabei nicht hilfst, muss ich dich dazu zwingen, denn ohne dich geht es nicht, Matthew Summers!“

      „Sei dir sicher, dass ich mich nie wieder einem Immateriellen unterwerfen werde“, hielt Matt dagegen und zückte eine Zauberkarte. „Ich aktiviere [Monster Reincarnation]! Indem ich eine Handkarte abwerfe, erhalte ich vom Friedhof eines meiner Monster zurück auf die Hand.“
      Er entledigte sich des Monsters [Evilswarm Ketos], zog [Evilswarm Kerykeion] aus dem Ablagestapel und zeigte jenen vor. „Und ich beschwöre ihn auch gleich! Erscheine, Kerykeion!“
      Über ihm tauchte die schwarze, engelhafte Gestalt mit den Eisflügeln auf, welche zwei verschiedene Stäbe mit sich führte.

      Evilswarm Kerykeion [ATK/1600 DEF/1550 (4)]

      „Heh“, grinste Matt plötzlich, „da du Raidjin mit seinem eigenen Effekt verdeckt hast, kannst du diesen jetzt nicht wieder nutzen, um mein Spiel zu behindern.“
      Thoras gab ein nachdenkliches Geräusch von sich. Dann nickte er. „Vielleicht ist bei dir ja doch nicht Hopfen und Malz verloren. Du hast alles von Anfang an so geplant, seit Raidjin das Feld betreten hat, nicht wahr?“
      Der schwarzhaarige Dämonenjäger grinste böse. „Du hast praktisch alles für mich vorbereitet.“
      Dann nahm er aus seinem Blatt die einzig verbliebene Karte. „Solang ich einen Schwärmer mit mindestens 1500 Angriffspunkten kontrolliere, kann ich ihn von meiner Hand spezialbeschwören: [Evilswarm Dullahan]!“
      Unter Kerykeion entstand finsterer Nebel und setzte eine kopf- und beinlose Kreatur zusammen, die aus grauem Metall mit schwarzen Streifen gemacht war. Zwei gewaltige, goldene Arme machten das Wesen regelrecht furchteinflößend.

      Evilswarm Dullahan [ATK/1150DEF/1550 (4)]

      „Und jetzt der Effekt von [Evilswarm Kerykeion]! Ich kann einen Schwärmer aus meinem Friedhof verbannen, um einen anderen von dort zu erhalten. Und er kann im selben Zug zusätzlich normalbeschworen werden!“ Matt steckte die Karte von [Evilswarm Ketos] in die Hosentasche und knallte das dritte Monster auf sein D-Pad. „Zeig dich, [Evilswarm O'lantern]!“
      Neben dem kopflosen Roboter tauchte der violett-schwarze Magmahüne auf.

      Evilswarm O'lantern [ATK/1650 DEF/1250 (4)]

      „Ich sagte dir bereits, dass [Invoked Cocytus] nicht durch Karteneffekte wie dem von [Evilswarm O'lantern] zerstört werden kann“, raunte Thoras grimmig. „Es ist die perfekte Barriere!“
      Aber Matt wackelte mit dem Zeigefinger. „Das hab ich nicht vergessen. Um ehrlich zu sein, werde ich erstmal die Finger von diesem Ding lassen. Mir schwebt momentan etwas anderes vor.“
      Er streckte die Hand nach vorne aus. „Ich erschaffe das Overlay Network! Aus meinen drei Stufe 4-Monstern wird ein Rang 4-Schwärmer!“
      Vor ihm öffnete sich ein Schwarzes Loch. Seine Monster verwandelten sich in violette Lichtstrahlen, die nacheinander in jenes hineingezogen wurden. In dem Moment zog es heftig in Matts Brust, so sehr, dass er sie sich halten musste und keuchte.
      Trotzdem sah er auf. „Xyz-Summon! Erscheine, oh Speerspitze der Dreiheit!“
      Tiefes Gebrüll mehrerer Bestien drang aus dem Überlagerungsnetzwerk. Erst ein maskierter Drachenkopf, dann zwei und schließlich ein dritter traten aus dem Wirbel hervor. Lange Hälse verbanden sie mit dem Körper, das schwarze Ungetüm spreizte seine Schwingen, die von hellem Eis durchzogen waren. Um jedes der Häupter kreiste eine Lichtsphäre, als der dreiköpfige Drache über Matt Position bezog.

      Evilswarm Ouroboros [ATK/2750 DEF/1950 {4} OLU: 3]

      Kaum war Ouroboros aus dem Wirbel empor gestiegen, streckte Matt, um den sich eine dünne, schwarze Aura bildete, in seiner gebeugten Haltung die andere Hand aus. „Effekt von Ouroboros! Jeder Kopf besitzt einen anderen und nur einen kann ich pro Zug aktivieren!“
      „Oh, Sillybilly, damit kannst du [Invoked Cocytus] nicht loswerden!“, trötete Thoras belustigt.
      Matt lachte bitterböse und richtete sich auf, ließ seine schmerzende Brust los. „Hörst du nicht zu? Wer sagt, dass der überhaupt das Ziel ist?“
      Die schwarze Gestalt auf der anderen Seite des Elysions atmete fast erleichtert auf. „Nicht?“
      „Nein. Es ist etwas ganz anderes! Mit dem Effekt des linken Kopfes zwinge ich dich dazu, eine Handkarte abzuwerfen! Deine einzige, [Aleister The Invoker]! Infestation's Rejection!“
      Der Immaterielle gab einen um mehrere Oktaven höheren Schrei als üblich von sich und wackelte mit seinem Körper hin und her, als besagter Drachenkopf eine pechschwarze Wolke ausspie. Jene umhüllte Thoras und zerfetzte die Karte in seiner Hand. Empört rief er: „Du Unmensch!“
      „Danke“, grinste Matt bösartig zurück und streckte den Arm aus, „und das war nicht alles! Da dein Raidjin sich selbst verdeckt hat, kann er seinen Effekt nicht mehr nutzen! Angriff auf ihn, [Evilswarm Ouroboros]!“
      Diesmal spien alle drei Köpfe zusammen schwarze Flammen aus winzigen Partikeln, die auf die gesetzte Karte neben Cocytus gerichtet waren. Auf ihrem Weg verschmolzen sie zu einer großen, die den auftauchenden Raidjin regelrecht zersetzte.
      „Ok, Auszeit!“, verlangte Thoras und bildete mit seinen Händen ein T. „Du hast das alles geplant, stimmt's? Die Falle war nicht deine Falle, sondern meine Reaktion darauf.“
      Der Schwarzhaarige nickte. „Ja.“
      „Und ich dachte, dein IQ läge unter Zimmertemperatur! Yay!“
      Was Matt völlig aus seiner düsteren, rachsüchtigen Rolle warf. „W-was? I-ich bin nicht Anya Bauer!“
      „Du meinst die freche Blonde, die du knutschen willst?“
      „… ich werde dich umbringen“, murmelte Matt heiser. „Langsam und qualvoll.“
      Thoras wirbelte zur Seite und schlug sich provokativ aufs Hinterteil. „Komm doch!“
      „Heh. Werde ich, früher als dir lieb ist. Cocytus kann dich beschützen, aber mehr auch nicht.“ Missmutig brummte er gezwungenermaßen, aufgrund mangelnder Ressourcen: „Zug beendet!“

      Thoras drehte sich wieder zu ihm um und griff nach seinem Deck. „Was jetzt kommt, dürfte dir wohl bekannt sein!“
      Das Deck des Immateriellen begann golden zu leuchten. Tatsächlich spürte Matt es sofort. Ein starkes Ziehen in seiner Brust, als würde jemand seine Seele herauszerren wollen. Mit mächtigem Schwung riss die Schattengestalt im Umhang eine Karte von seinem Deck und zog dabei eine goldene Schliere hinter sich her.
      „D-du hast-!“, keuchte der Ex-Dämonenjäger erschrocken.
      „Dem Schicksal einen neuen Pfad hinzugefügt. Das verursacht den Involvierten Schmerzen. Sorry! Aber wenn du diese Hürde nicht überwinden kannst, beweist das nur, dass du meine Unterstützung umso mehr benötigst.“
      Matt widersprach: „Überschätz' diese Fähigkeit nicht. Ich habe schon Schlimmeres überstanden!“
      „Finden wir es heraus“, hielt der Immaterielle frech dagegen und drehte die gezogene Karte zwischen seinen Fingern um, „sag hallo zu [Invocation]!“
      „Ohne den Beschwörer!?“
      „Und wieder stellst du dein Unvermögen unter Beweis, einfach nur zuzuhören. [Invocation] lässt mich die nötigen Materialien auch vom Friedhof entfernen“, erklärte Thoras trotzig. Dabei schloss sich ein Runenzirkel um seinen Silberdrachen. „Allerdings benötige ich diesmal andere Materialien als Big Al. Ein Monster, das als Spezialbeschwörung vom Extradeck beschworen wurde.“
      Der Kreis um [Invoked Cocytus] weitete sich aus. Der Körper des Ungetüms begann sich aufzulösen. Ein zweiter bildete sich auf dem Mosaik, unter Cocytus.
      „Das zweite Material ist ein Invoked-Fusionsmonster, welches ich hierbei vom Friedhof verbanne.“
      Der Schwarzhaarige stöhne genervt, nicht zuletzt ob des Seitenhiebes.
      In hellblauem Licht stieg der Geist von [Invoked Raidjin] aus dem zweiten Kreis empor und schob sich in die Reste von Cocytus, wodurch ein grelles Licht freigegeben wurde. Matt wandte sich geblendet ab.
      Thoras rief erwartungsvoll: „Öffne die Pforte in die Anderswelt! Erlöse, [Invoked Elysium]!“
      Ein Rascheln durchdrang Matts Elysion, es klang wie Blätter im Wind. Der Schwarzhaarige senkte den erhobenen Arm und sah über diesen hinweg. „W-was …?“
      Was er erblickte war eine riesige Kreatur, sofern man -es- überhaupt so nennen konnte. Durch eine Art Stamm oder eher die Wirbelsäule eines Lebewesens erhob sich das seltsame Gebilde hinter Thoras und überragte ihn um mehrere Meter. An seiner Spitze spannte sich ein gezackter Bogen, von dem eine durchsichtige Hautschicht sich wie ein Segel ausweitete. Und in der Mitte, am Ende des Stamms, ragte eine Blase, in der sich ein einzelner Laubbaum befand.

      Invoked Elysium [ATK/3200DEF/4000 (10)]

      „Was zur Hölle ist das?“, entfleuchte es Matt erschüttert. Er sah Thoras mit einer Schweißperle auf der Stirn an. „Nicht schlecht für einen Immateriellen, der mehr durch sein Gerede als seine Duellfertigkeiten auffällt.“
      Die Schattengestalt fasste sich getroffen ans Herz. „Wie bösartig! Du versuchst, unsere Rollen zu vertauschen, du abgebrühtes Luder! Aber nicht mit mir! Denn -das- da oben ist für dich vor allem eins: Eine böse Überraschung!“
      Das war es schon so, dachte Matt und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Nur knapp würde er einen Angriff von diesem Ding überstehen. Er ballte eine Faust. Aber wenn Thoras glaubte, damit hätte sich der Fall Ouroboros erledigt, irrte er sich gewaltig. Dafür würde [Evilswarm Dullahan] als Xyz-Material seines Drachen schon sorgen. Noch dazu würde der im nächsten Zug mit dem Effekt des mittleren Kopfes [Invoked Elysium] entsorgen und ihm den Sieg sichern!
      „Aha!“, machte Thoras da und kicherte heimtückisch.
      „Was!?“, fauchte Matt zurück.
      „Ich weiß, was du gerade machst! Du legst dir einen Plan zurecht, wie du mir im nächsten Zug zuvor kommen kannst.“ Die Schattengestalt im Umhang hielt die Hand vor den nicht existierenden Mund und lachte gespielt hochmütig. „Ha ha ha! Aber lass dir eins gesagt sein: Jeder, der das macht, erlebt am Ende genau das Gegenteil!“
      Er streckte die Hand aus. „Lerne vom großen Thoras, du Amateur! Ich aktiviere den Effekt von [Invoked Elysium]! Der entfernt ein Monster von meinem Friedhof und all deine Monster, die dasselbe Attribut haben wie das Monster, das ich verbannt habe!“
      Der Immaterielle griff nach seinem Deck und präsentierte stolz: „[Invoked Caliga]! FINSTERNIS!“
      „Nicht dein Ernst!“ Matt keuchte erschrocken beim Anblick des am Anfang des Duells gespielten Fusionsmonsters.
      „Do-hoch! Aber natürlich kannst du deinen großen, bösen Drachen mit dem Effekt von [Evilswarm Dullahan] reanimieren. Oh!“ Thoras gluckste. „Das heißt, du könntest, wenn Ouroboros auf dem Friedhof landen würde. Aber das tut er ja nicht. Badass Elysium 1, Matthew Summers 0!“
      Voller Schrecken verfolgte Matt mit, wie der Baum im Inneren der Blase des Gebildes zu leuchten begann. Gleichzeitig durchzog eine Lichtwelle in regelmäßigen Abständen das Membransegel des Dings, als wolle es ein Signal erzeugen. Immer schneller wurde es dabei.
      Der Schwarzhaarige ballte eine Faust. „Wirklich!?“
      „Keine Sorge, Matthew Summers, wir werden bestimmt allerbeste Freunde werden“, flötete Thoras.
      Doch die Worte entfachten nur Matts Zorn. „Nie im Leben! Und wenn ich mich in die tiefsten Abgründe der Finsternis stürzen muss, um das zu verhindern!“
      „Wie heißt es so schön? Manchmal muss man erst ganz unten landen, damit es bergauf gehen kann“, erwiderte sein Widersacher kryptisch.
      Eine schwarze Aura breitete sich unvermittelt um Matt aus. „Yeah …“
      Immer mehr Licht sammelte sich in der Blase Elysiums. Der ehemalige Dämonenjäger atmete tief durch. In dem Moment löste sich ein Lichtstrahl vom Baum im Inneren, schoss schräg herab auf den dreiköpfigen Drachen. „Yeah!“
      Matt blickte der Attacke kämpferisch entgegen, die schwarze Aura um ihn explodierte förmlich. Dann schwang er den Arm aus. „Aus meinem Rang 4-Schwärmer wird die erste Saat geboren. Rank Up-Incarnation!“
      Unterhalb des dreiköpfigen Drachen öffnete sich ein Schwarzes Loch und zog jenen trotz heftigen, lautstarken Protests in sich hinein. Matt grinste bitterböse, während sich die Aura um ihn immer mehr ausweitete. Der Sog seinerseits wurde regelrecht von Innen zerschmettert, das Elysion begann stärker und stärker zu vibrieren. „Dominiere, [Primalswarm Yggdrasil]! Inkarnationseffekt: Chain Annihilator!“
      Noch gar nicht richtig erschienen, kehrte Matts Kreatur die Umgebung in negative Farben um. Der Lichtstrahl von [Invoked Elysium] stoppte kurz vor dem Einschlag, als wäre die Zeit eingefroren. In Matts rechtem Auge leuchtete in Rot eine geschwungene Fünf, die unterstrichen war.
      „Oops!“, entfleuchte es Thoras noch trocken, kurz bevor eine Schockwelle sein Monster auseinander riss.
      „Chain Annihilator setzt sofort bei der Beschwörung Yggdrasils ein und annulliert wie zerstört alle anderen Teile der Kette“, erklärte Matt seelenruhig, als sich jener ganz langsam vor ihm erhob, „ in die er hineinbeschworen wurde.“
      Wie ein Turm entfaltete sich der mächtigste Schwärmer vor dem Schwarzhaarigen. Der Unterleib bestand aus neun Drachenköpfen an langen Hälsen, die wie Wurzeln von Yggdrasil herab hingen und, je höher der Blick wanderte, umeinander geschlungen waren. Ab der Hüfte begann nur noch ein schwarzer Torso einer humanoid wirkenden Kreatur, ausdruckslos, da sämtliche Merkmale eines Gesichts fehlten. Sie hatte Arme und an diversen Stellen zogen sich dünne Fäden in alle Himmelsrichtungen und verschwanden im Nichts. Die Haut der Kreatur schien in Bewegung zu sein, da sie an einigen Stellen manchmal unter der schwarzen Schicht violett hervor schimmerte.

      Primalswarm Yggdrasil [ATK/3050 DEF/1650 {12} OLU: 3]

      Thoras schüttelte seinen Kopf. „Dummkopf. Ist dir klar, dass du gerade wie ein Wecker aussiehst?“
      „W-was?“
      „In deinem Auge leuchtet eine Zahl!“ Der Immaterielle seufzte und zuckte mit den Schultern. „Du beschwörst Urilas Geheimwaffe zum ersten Mal. Oh Junge, typisch …“
      Was sollte diese Aussage? Ja, es stimmte. Damals, im Kampf gegen dieses Miststück, hatte Matt sich mit der Beschwörung dieser Kreatur zurückgehalten. Denn wenn Ouroboros schon so eine starke Wirkung auf ihn hatte, hätte Urila ihn mit dieser Kreatur gewiss übernehmen können.
      „Hör mal, ich sag's ja nicht gern, aber du hast die Gebrauchsanleitung nicht gelesen?“, begann Thoras vorsichtig zu erklären. Er deutete auf Yggdrasil. „Das Ding da ist eindeutig zu viel für dich. Je öfter du es benutzt, desto mehr wird es dich zerstören. Genau wie Urila den Körper deiner Freundin durch ihre reine Anwesenheit zersetzt hat.“
      „W-was!?“
      Thoras nickte und zeigte seine Hand mit gespreizten Fingern, die er nach und nach beim Erklären runterzählte. „Wenn die Zahl in deinem Glubscher auf 0 fällt, heißt's bye bye schnöde Welt. Also überlege dir in Zukunft gut, ob du dein Leben wegschmeißen willst.“
      „Ich brauche deine Ratschläge nicht!“, fauchte Matt zornig zurück, schloss aber das Auge, welches brannte und legte die Hand darauf. War das wieder so ein Trick?
      Ein weiteres Seufzen verließ derweil die Kehle seines Widersachers. „Wieso geb' ich mich überhaupt mit dir ab …? Du wirst es früher oder später selber merken.“
      „Keiner zwingt dich! Wenn du nichts mehr tun kannst, beende deinen Zug!“, schnappte Matt zornig.
      „Nö! Ich aktiviere meine Falle [Omega Summon]!“ Jene klappte vor der Schattengestalt auf.
      Aus ihr schossen drei Runenzirkel, die sich nebeneinander vor ihm positionierten. Aus dem ersten schoss die dämonenhafte Gestalt Aleisters heraus, neben ihr der Blitzritter und ganz rechts schließlich der Silberdrache.

      Invoked Caliga [ATK/1000 DEF/1800 (4)]
      Invoked Raidjin [ATK/2200 DEF/2400 (5)]
      Invoked Cocytus [ATK/1800 DEF/2900 (6)]

      „Ugh!“, ächzte Matt. Er hatte ganz vergessen, dass Thoras ja noch eine gesetzte Karte liegen hatte.
      „Das ist der Effekt von [Omega Summon]: Sie beschwört verbannte Invokeds mit unterschiedlichen Elementen in Verteidigungsposition auf mein Feld! Und damit habe ich die perfekte Abwehr!“
      Der ehemalige Dämonenjäger stöhnte noch lauter. Caliga konnte Monstereffektaktivierungen verhindern, Raidjin Angreifer in verdeckte Verteidigung bringen und Cocytus war nur durch Kampf zu zerstören. „Großartig …“
      „Ich hoffe du bist stolz, deine Lebenskraft verschwendet zu haben!“, rief Thoras ihm verspielt, aber mit dunklem Unterton zu. „Zug beendet!“

      Matt griff nach seinem Deck und wollte bereits ziehen, hielt jedoch plötzlich inne.
      Er kannte den Effekt seines Monsters, wusste doch ansonsten nichts darüber. Konnte es sein, dass Thoras Recht haben und [Primalswarm Yggdrasil] ihm seine Energie raubte? Er spürte nichts Ungewöhnliches. Nein, das war Unsinn! Matt schüttelte den Kopf.
      „Du solltest dir etwas einfallen lassen, sonst wird dieser Zug dein letzter sein“, triezte sein Gegner ihn herausfordernd. Er stemmte beide Hände in die Hüften. „Hah! Ein Immaterieller -könnte- dir in so einer Situation aus der Patsche helfen.“
      „Ich brauche keinen!“
      Trotzdem war sich Matt dem Ernst der Lage bewusst. Zwar mochte er das mächtigste Monster auf dem Feld haben, aber er konnte seine Effekte nicht nutzen, solange [Invoked Caliga] auf dem Spielfeld lag. Er musste aber jetzt den finalen Schlag ausführen, sonst würde er nächste Runde vermutlich wieder [Invoked Elysium] gegenüber stehen, dank des „Cheat Draws“, was das Ende seines Verstands bedeuten würde.
      „Verdammt!“, fluchte er leise. Aber er durfte nicht aufgeben. Es gab eine Karte in seinem Deck, die ihm helfen konnte! Auch wenn die Chance gering war sie zu ziehen. „Hilft alles nichts … Draw!“
      Voller Inbrunst rief er seine Worte und zog schwungvoll die Karte von seinem Deck. Ja, ein Immaterieller hätte das Schicksal für ihn ändern könnte. Matt sah aus dem Augenwinkel die Karte an. Und grinste. Zur Not tat es aber auch die Glücksgöttin! „Nicht das, was ich mir vorgestellt hatte, aber erledigt den Job ebenso gut! Ich aktiviere den Schnellzauber [Xyz Supression]!“
      Die einzelnen Drachenköpfe, die wie Wurzeln von seinem Yggdrasil herunterhingen, bäumten sich allesamt auf.
      „Uh-oh!“ Thoras schluckte. „H-hey, ein Immaterieller hätte dir zuverlässig-“
      Matt aber schnitt ihm harsch ins Wort. „Diese Karte kann nicht aufgehalten werden, wenn sie einmal aktiviert wurde. Sie senkt die Angriffskraft eines meiner Xyz-Monster auf 0, dafür halbiert sie ebenso die Offensive all deiner Monster, sofern sie schwächer als Yggdrasil sind und versiegelt ihre Effekte!“
      Nacheinander schrien die Köpfe und sendenden wiederkehrende Schallwellen aus, welche die drei Monster von Thoras nacheinander erreichten. Erst brach der Silberdrache zusammen, dann ließ der Ritter sein Schwert fallen, verlor das Bewusstsein und letztlich kippte auch der Dämon Caliga um.

      Invoked Caliga [ATK/1000 → 500 DEF/1800 (4)]
      Invoked Raidjin [ATK/2200 → 1100 DEF/2400 (5)]
      Invoked Cocytus [ATK/1800 → 900 DEF/2900 (6)]
      Primalswarm Yggdrasil [ATK/3050 → 0 DEF/1650 {12} OLU: 3]

      Der Immaterielle reckte panisch den Kopf von links nach rechts zu seinen Monstern. „Hey, Leute, d-das ist nicht gut! Steht auf! Na los!“
      „Werden sie nicht. Und du auch nicht!“ Matt streckte den Arm aus. „Jetzt kann ich den Effekt von [Primalswarm Yggdrasil] aktivieren, der ihm eine Overlay Unit direkt vom meinem Deck gewährt! Black Law!“
      Die dämonische, gesichtslose Kreatur tat es seinem Herrn gleich und erschuf über seiner Handfläche aus dem Nichts eine schwarze Sphäre, die um ihn zu kreisen begann wie die anderen drei, die bei seiner Beschwörung bereits vorhanden waren. Derweil schob Matt [Evilswarm Coppelia] unter die schwarz-umrahmte Karte.

      Primalswarm Yggdrasil [ATK/0 DEF/1650 {12} OLU: 3 → 4]

      „Ich habe leider schlechte Neuigkeiten für dich. Mein Monster besitzt noch einen Effekt.“ Matt zog die vier Xyz-Materialien unter ihm wieder hervor: Die Schwärmer Ouroboros, Dullahan, O'lantern und Coppelia. „Indem ich all seine Overlay Units entferne, entfesselt Yggdrasil einen vernichtenden Angriff! Die addierten Angriffswerte seiner Overlay Units werden gegen die Gesamtoffensive deiner Monster gerichtet. Dabei werden deine Monster nicht nur zerstört, sondern dir auch die Differenz des Ganzen als Schaden zugefügt!“
      Thoras senkte sein Haupt. „Ich weiß …“
      „Gut“, murmelte Matt düster. Dann schwang er den Arm aus. „Beende es! Blackening Infestation Stream Of Destruction!“
      Alle neun erhobenen Drachenköpfe öffneten ihr Maul und absorbierten Partikel der vier schwarzen Sphären, die den Unterleib des Scheusals wie auf einer Umlaufbahn umkreisten.
      Der Immaterielle reckte den Kopf samt erhobenem Zeigefinger hoch. „Kann ich noch was sagen?“
      Matt reagierte nicht, sondern blickte seinen Widersacher nur düster an. Thoras seufzte und ließ den Kopf wieder hängen. Dann feuerten die Drachenköpfe zeitgleich pechschwarze Strahlen auf ihn und seine Monster ab, die auf halbem Wege miteinander zu einer gebündelten, pechschwarzen Säule verschmolzen. Nacheinander wurden Caliga, Raidjin und Cocytus zerfetzt, dann verschwand Thoras in dem Angriff.

      [Matt: 500LP / Thoras: 4000LP → 0LP]

      Während der entstandene Rauch sich auflöste, lag der Immaterielle mit ausgestreckten Gliedern reglos am Rande des Elysions. Matt wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nachdem die Hologramme verschwanden, löste sich auch die Aura um ihn herum auf.
      Haltung annehmend, schritt er langsam über das Mosaik der Zahnräder. Als er Thoras fast erreicht hatte, hustete der etwas Qualm aus.
      „Entsprechend unserer Abmachung lässt du mich in Zukunft in Frieden“, murmelte Matt. „Ein Pakt zwischen uns wird nicht zustande kommen.“
      „Ja …“

      Matt wartete. Und wartete. Und wartete. Aber der Quälgeist regte sich nicht. Auch nicht, als der Schwarzhaarige sich sehr bestimmend räusperte. „Ahem.“
      „Was?“
      „Du weißt, 'was'!“
      Thoras stöhnte und richtete seinen Oberkörper auf. „Du gönnst einem auch gar keine Pause! Du hättest mich beinahe gegrillt!“
      Matt sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Leider nur 'beinahe'!“
      „Wie kannst du so etwas sagen!?“, jammerte der Immaterielle theatralisch. „Jetzt, wo wir einander näher sind als nie zuvor! Du bist mein bester Freund, mein Seelenpartner, mein-“
      „Halt den Mund …“
      „D'oh …“
      Der Vorhang des Schweigens legte sich über die beiden, obwohl Matt eher ein Leichentuch über dieser Nervensäge gesehen hätte.
      „Weißt du eigentlich, wie grausam du bist!?“, klagte die plötzlich. „Jetzt muss ich mich nach jemand anderem umsehen, der mir hilft, den Sammler zu entlarven! Welcher halbwegs talentierte Eingeweihte würde einen Pakt mit mir eingehen!?“
      „Keiner“, wusste Matt ganz genau. Stille. Er räusperte sich. „Du wartest ernsthaft darauf, dass ich Mitleid mit dir habe?“
      Thoras' Stimme hellte sich auf. „Ein bisschen? Bitte?“

      In dem Moment kam Matt eine schwer zu verdauende Einsicht. Er mochte zwar das Duell gewonnen haben, aber die Schlacht verloren. So groß seine Abneigung gegen Thoras auch war, bereiteten ihm seine Worte Unbehagen. Einerseits weil sie wahr, andererseits weil sie genau so gut eine Falle sein könnten. Und wenn er dieses Ding jetzt auf die Menschheit losließ und Letzteres der Fall war, wäre er für alles Kommende mitverantwortlich.
      Aber sein Gewissen verbat es ihm, Thoras zu vernichten, obwohl er es dank Yggdrasil gekonnt hätte. Was sollte er tun?
      Die Antwort darauf kannte er tief in seinem Inneren bereits. Sie zu akzeptieren und auszusprechen aber widerstrebte ihm zutiefst. Es gab eine Möglichkeit, die Nervensäge im Auge zu behalten, ohne einen Pakt mit ihr einzugehen. Anya hatte es mit Levrier bereits bewiesen.

      Matt schluckte schwer. „Okay! Einigen wir uns auf einen Kompromiss!“
      „Du gehst mit mir einen Pakt ein und wir leben glücklich bis an dein, uhm, unser Ende?“ Thoras gluckste, als der Schwarzhaarige die Augen so fest zusammenkniff, dass er nur noch aus engen Schlitzen lugen konnte. „Hey, den konnt' ich mir nicht verkneifen! Lach doch mal!“
      Stattdessen aber griff Matt nach dem Deck in seinem D-Pad und suchte eine Karte daraus hervor.
      „Hier!“
      „Was soll ich damit?“
      „Das ist dein neues Zuhause.“
      Wieder Stille. Thoras war zum ersten Mal so geschockt, dass er nichts erwidern konnte.
      „Wenn du mich begleiten willst, dann wohnst du in Zukunft in dieser Karte.“ Matt hielt sie der schwarzen Gestalt vor die Nase. „Und vielleicht, nur vielleicht, sehe ich mir die Sache mit Urilas Hinterlassenschaft an. Wenn ich Zeit dazu habe.“
      „… du bist grausam.“
      „Und du hast es nicht anders verdient!“
      In diesem Moment verwandelte sich die Gestalt in einen schwarzen Kakerlakenmann, dessen Cape tatsächlich Schwingen waren. Genauso wie sein Helm glänzten sie golden. Matt reichte dem Immateriellen die Hand, welcher sie ergriff und sich aufhelfen ließ.
      „Fortan bist du im wahrsten Sinne des Wortes eine Kakerlake“, murrte Matt. „Und solltest du mich jemals hintergehen, zerreiße ich deine Karte wie eine Niete beim Loseziehen!“

      ~-~-~

      Und Gott, wie oft war er inzwischen schon in Versuchung geführt worden, dachte Matt eines Nachts einige Monate später. Er stand auf einem Hügel neben einem Baum und sah durch ein Nachtfernglas hinab auf eine Militäranlage herab. Neben ein paar Zelten, Containern und einem gegenüber liegenden, großen, L-förmigen Hauptgebäude erspähte er vor allem eins: zahlreiche bewaffnete Soldaten.
      „Und hier soll es immer noch sein?“

      Ja, ich bin ganz sicher! Irgendetwas Übernatürliches ist dort! Ich hoffe, du hast diesmal eine Kiste mit dabei, unter der du dich verstecken kannst. Du wirst sie brauchen.

      Neben der Recherche für Anya bezüglich der Hüterrelikte hatte Matt ebenso Nachforschungen zum Turm von Neo Babylon angestellt. Das Militär hatte dessen Bruchstücke, Kristalle von der oberen Ebene, aber auch einen geheimnisvollen Gegenstand hierher transportiert und untersuchte sie seitdem in dem subterranen Labor dieser Anlage, welche circa achtzig Kilometer von Livington entfernt lag.
      „Ich kann heute Nacht unmöglich dort einbrechen! Erst muss ich mir ein Bild von allem machen.“

      Du klingst wie ein Reporter, nicht wie ein kampferprobter Dämonenjäger!

      „Die sind bis an die Zähne bewaffnet. Wenn die mich erwischen, kann ich noch so viele Tricks draufhaben! Die killen mich!“

      Feigling!

      Matt schlug sich die Hand gegen die Stirn. „Argh! Du kapierst es nicht!“
      „Was kapiere ich nicht?“
      Erschrocken wirbelte Matt herum und sah sich Zanthe gegenüber, der ihn mit verschränkten Armen neugierig betrachtete. Unmöglich, der Werwolf war ihm einfach heimlich gefolgt! „D-du!? Was machst du hier!?“
      „Dir nachspionieren, was sonst? Wie oft bist du in den letzten Tagen hierher gekommen?“, fragte der Werwolf mit dem blauen Kopftuch. „Was ist das?“
      Er trat neben Matt und warf einen Blick herab auf den kleinen Militärstützpunkt.
      „Nichts …“
      „Wenn du tagelang nachts verschwindest, um diese Basis zu beobachten, ist das alles andere als 'nichts'“, murmelte Zanthe skeptisch. „Sag mir die Wahrheit! Über dich, diesen Ort und deinen unsichtbaren Freund!“
      Matt schluckte ertappt. Dann seufzte er schicksalsergeben. „Dort ist etwas, das ich mir ansehen möchte, aber das muss bis nach dem Legacy Cup warten.“
      Er wusste jedoch ganz genau, dass die Neugier des Werwolfs damit nicht einmal ansatzweise befriedigt war …

      ~-~-~

      Matt saß auf dem Toilettensitz des kleinen Badezimmers in ihrem Hotelzimmer. Seit gestern Nacht fehlte von Anya jegliche Spur, selbst die Undying hatten sie nicht aufspüren können.
      Er fasste sich an die Brust. Sie schmerzte. Der Kampf mit Zed hatte ihn vollkommen ausgezehrt, eigentlich sollte er sich hinlegen und schlafen. Aber er konnte nicht.
      „Warum hast du mich nicht gewarnt, als Nick Harper meinen Ouroboros gestohlen hat!?“, klagte er, nun, da sie ungestört waren.

      Ach das? Warum sollte ich? Er braucht den dringender als du.

      „Der Typ ist gefährlich!“ Matt keuchte, die Schmerzen hatten selbst Stunden später noch nicht nachgelassen. „V-verdammt!“

      Nun mach dir nicht ins Hemd. Ich habe dabei -natürlich- nur dein Bestes im Sinn! Stell dir [Evilswarm Ouroboros] wie ein Aufnahmegerät vor. Nur … bissiger. Wann immer er den Drachen spielt, werde ich die dabei entstandenen Informationen auswerten können – sobald wir die Karte wiederhaben, versteht sich.

      „Du und deine Tricks … ugh!“

      Fühlst du dich immer noch unwohl? Brauchst du seelische und moralische Unterstützung?

      „Nein …“, murrte Matt. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war noch mehr Thoras.

      Ach komm schon, mir machst du nichts vor. Ich habe dich gewarnt! Damals, als wir uns das erste Mal begegnet sind. Dann, als du diesen alten Knacker eingestampft hast. Junge, war das 'ne Nummer!

      „Halt den Mund“, keuchte der Schwarzhaarige.

      Und was war mit diesem Hohlschädel? Wie hießt der noch, Lee Anderson? Statt auf mich zu hören, hast du auch ihm die volle Breitseite gesundheitsschädlicher Yggdrasil-Power verpasst. Sorry, verpassen wollen, dein Tabletdings ist ja mittendrin unter der Belastung verpufft. Lustig, dass Technologie dem Druck besser standhält als dein Zauberkrams.

      Matt fasste sich über die Stirn. Sie war nass vor Schweiß.
      Er versuchte sich aufzurichten, indem er sich an der Wand entlang tastete.

      Und spätestens seit dem Einsatz gegen Zed verstehst du, dass ich dir damals die Wahrheit über [Primalswarm Yggdrasil] gesagt habe. Wenn du ihn noch zweimal beschwörst, bist du nur noch eine matschige Pampe. Matschepampe! Matschematt! Oh, das wird mein neuer Spitzname für dich!

      „Bist du fertig?“, fragte Matt grimmig. „Hilf mir lieber bei der Suche nach Anya.“

      Ach, ich bitte dich. Unkraut vergeht nicht. Die taucht schon wieder auf. Und wenn nicht, umso besser!

      „Hey!“ Matt schlug mit der Faust gegen die Kacheln. „Ich habe dir schon oft genug gesagt, dass du nicht so reden sollst! Anya ist eine Freundin! Wegen ihr haben wir all das auf uns genommen!“

      In deinem Fall: Aufnehmen müssen. Denk dran, was ich dir gesagt habe. Wenn alle Stränge reißen, solltest du Anya Bauer töten. Das wird den Sammler zwar nicht aufhalten, aber zumindest in seinem Plan zurückwerfen.

      Matts Beine gaben nach. Er sackte auf die Knie und fing sich mit dem linken Arm an der Badewanne neben ihm ab. „Ugh!“
      Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich werde so etwas nicht tun. Das sind -eure- Methoden, nicht meine!“

      Hey, gib' mir nicht die Schuld! Ich hoffe ja auch, dass die Sache sich klärt, bevor so ein Schritt nötig wird! Aber was, wenn nicht?

      „Ich weiß es nicht. Ich weiß ja nicht mal, was überhaupt vor sich geht, um ehrlich zu sein …“
      „Auf jeden Fall eine Menge 'Selbstgespräche'“, hörte er hinter der Tür dumpf Zanthe rufen. War der schon wieder zurück!? Verdammter Werwolf mit seinem ausgeprägten Gehör und niemals endender Neugier!
      Trotz vieler Nachfragen hatte Matt Thoras' Existenz nie öffentlich gemacht. Anya würde ausrasten, besonders wenn sie erfuhr, dass der Spinner als Notfallplan ihren Tod im Auge hatte. Und wenn er sich Zanthe öffnete, wusste spätestens zehn Minuten später die ganze Welt Bescheid …
      „Hoffentlich habe ich gerade nur Gutes über Anya vernommen“, sprach der Werwolf derweil weiter, „denn wenn du ihr jemals etwas antun wollen solltest, bekommst du es mit -mir- zu tun, Matt!“
      Da war es! Matt lachte mit einer bitteren Belustigung. „Keine Sorge, ich bin vernünftig.“


      Verwendete Karten


      Spoiler anzeigen
      Matt

      Evilswarm Castor
      Evilswarm Coppelia
      Evilswarm O'lantern
      Evilswarm Ketos
      Evilswarm Kerykeion

      Evilswarm Dullahan
      Fee/Finsternis/Effekt
      ATK/1150 DEF/1550 (4)
      Wenn du ein offenes "Lswarm"-Monster mit 1500 oder mehr ATK kontrollierst: beschwöre diese Karte von deiner Hand als Spezialbeschwörung. Wenn ein "Lswarm"-Xyz-Monster, welches diese Karte als Xyz-Material besitzt, zerstört wird, nur einmal während des Duells: wähle das zerstörte Monster als Ziel von deinem Friedhof und beschwöre es mit diesem Monster als Xyz-Material in offene Angriffsposition. Es erhält folgenden Effekt: O Diese Karte kann nicht durch Kampf zerstört werden.

      Xyz Supression
      Zauber/Normal
      Wähle eines deiner Xyz-Monster als Ziel; halbiere die ATK aller anderen offenen Monster mit weniger ATK als das Ziel und annulliere ihre Effekte, anschließend wird die ATK des Ziels zu 0. Dein Gegner kann keine Karten oder Effekte auf die Aktivierung dieser Karte anketten und die Aktivierung dieser Karte kann nicht annulliert werden.

      Monster Reincarnation

      Defense Draw
      Trap Of Darkness
      Wall Of Disruption

      Evilswarm Ophion
      Evilswarm Ouroboros

      Primalswarm Yggdrasil
      Monster/Effekt/Xyz
      Pflanze/Finsternis
      ATK/3050 DEF/1650 {12}
      3 x Stufe 12-Monster
      Du kannst diese Karte auch während der Züge beider Spieler als Xyz-Beschwörung beschwören, indem ein "Evilswarm"-Xyz-Monster, das nicht in diesem Zug als Spezialbeschwörung beschworen wurde, als Xyz-Material verwendest. Wenn diese Karte als Teil einer Kette beschworen wurde: Annulliere die Effekte aller anderen Karten in jener Kette und zerstöre sie. Kann nicht durch Kampf zerstört werden außer durch Xyz-Monster. Einmal pro Zug kannst du jeden der folgenden Effekte aktivieren:
      O Wähle 1 Monster von deinem Deck; lege es unter diese Karte als Xyz-Material.
      O Während der Main Phase 1 hänge alle Xyz-Materialien dieser Karte ab: Zerstöre alle Monster deines Gegners (falls er Monster kontrolliert) und füge ihm anschließend Schaden in Höhe der Summe der Grund-ATK des abgehangenen Xyz-Materials minus der Summe der ATK der durch diesen Effekt zerstörten Monster zu. Überspringe in diesem Zug deine Battle Phase. Wenn der zugefügte Schaden unter 0 liegen würde, kannst du diesen Effekt nicht aktivieren.

      Thoras

      Aleister The Invoker
      Homunculus The Alchemic Being
      Armageddon Knight
      Ghost Ogre & Snow Rabbit

      Invocation
      Magical Meltdown
      The Book Of The Law
      Card Destruction
      Double Summon

      Omega Summon

      Invoked Caliga
      Invoked Raidjin
      Invoked Cocytus
      Invoked Mechaba
      Invoked Elysium
      Liebe Leser,

      ich habe lange darüber nachgedacht, das hier zu posten, aber angesichts der aktuellen „Situation“ lässt sich das wohl nicht mehr vermeiden.

      Am besten bringe ich es gleich auf den Punkt: Ich bin äußerst unzufrieden, wie seitens der Leserschaft mit The Last Asylum umgegangen wird.
      Inzwischen habe ich drei Specials hintereinander gepostet, ohne im Entferntesten eine Resonanz dafür zu erhalten. Und damit meine ich geschriebenes Feedback, nicht Likes, die für mich nicht wirklich aussagekräftig sind.
      An sich wäre das alles nicht so schlimm. Ich habe auch schon früher mehrere Folgen hintereinander gepostet, ohne dafür Gegenreaktionen zu bekommen. Aber man wird älter. Und die ganze Zeit, die ich hier investiere, könnte ich auch anderweitig nutzen.

      Um das Ganze mal in Zahlen auszudrücken: Eine durchschnittliche Folge benötigt allein circa zehn Stunden reine Schreibarbeit. Dazu kommen nochmal mindestens drei weitere für die Nacharbeitung und nochmal zwei für die Planung der Duelle und Dialoge. Ganz zu schweigen von der Planung der Story an sich.
      Das sind also allein für eine Folge mindestens 15 Stunden. Und diese arbeite ich nicht am Stück, dafür brauche ich mehrere Wochen. Eine Folge dauert also mehrere Wochen in der Produktion.

      Ein Kommentar dauert dagegen, wenn er vielleicht vier, fünf Zeilen hat … 15 Minuten?

      Ich habe nie irgendetwas erwartet oder vorausgesetzt, es liegt ja auch nicht jedem, seine Gedanken in schriftliche Form zu bringen. Das ist auch ok. Aber ich sehe, dass hier auch Leute lesen, denen dies durchaus gelingt. Die das in der Vergangenheit schon bewiesen haben.

      Und ich? Ich weiß nicht, woran es liegt, dass nichts mehr kommt. Ist die Geschichte zu langweilig geworden, zu komplex oder einfach von der Länge her zu anstrengend zum Lesen?
      Was ich weiß ist, dass ich meine Zeit nicht damit verschwenden möchte, Google Bots zu unterhalten, die vermutlich den größten Teil der Klicks ausmachen – meinem derzeit einzigen Indikator, dass überhaupt jemand den Thread öffnet.

      Von daher bin ich momentan am Überlegen, das Projekt auf Eis zu legen. Von allen Seiten, auf denen ich es poste, ist eTCG die, die am meisten Nachbearbeitung verlangt, da ich einige Sachen per Hand formatieren muss – und mir für eTCG auch mehr Mühe gebe, siehe Decklisten und Karteneffekte, die ich auf anderen Seiten gar nicht erst poste. Hier sind die Leute, die der Materie am nächsten sind.
      Wie kann es dann sein, dass ich auf einer „fremden“ Seite noch mehr Resonanz bekomme als hier?

      Bevor ich jetzt aber definitiv ankündige, das Projekt einzustellen, möchte ich natürlich euch noch die Gelegenheit dazu geben, eure Gedanken zu teilen. Aus mir spricht im Moment eine Menge Frust, aber da ich nicht sehe, dass sich das von alleine gibt, musste ich dieses Thema jetzt ansprechen.
      Lieber -Aska-,

      TLA ist in doppelter Hinsicht ein einsamen Projekt, einmal weil es die einzige FF ist, die hier überhaupt noch läuft und mit viel eigenen Ideen in eine Kerbe schlägt, die ich für meinen Teil am YGO-Universum immer geschätzt habe. Ein anderes Mal, weil es eben sehr aufwändig und gut ausgearbeitet ist.

      Was Likes, Kommentare und deren benötigten Aufwand angeht, ist die Frage, was für eine Form der Rückmeldung du dir überhaupt wünschst. Ein Kommentar von 5 Zeilen, der vielleicht wirklich etwa 15 Minuten erfordert, ist aus meiner Sicht kaum besser als ein Like, der immerhin eine kleine Aufmerksamkeit ist, ohne den Anspruch zu vertreten, dir eine substantielle Rückmeldung zu geben. Denn das kann ich persönlich für mein Gefühl mit so einem Kommentar nicht im geringsten. Wenn es dir nur um einen Gruß geht, dann frage ich mich, was an Likes so falsch ist. Ich kann nicht leugen, dass sie auch den Vorteil haben, dass sie deutlich schneller zu machen sind, aber wir alle haben Verpflichtungen und reale Aufgaben wie Umfeld, Ausbildung oder was auch immer. Ich will auch gar nicht sagen, dass TLA nicht ausgezeichnete Qualität bietet, die definitiv eine Würdigung verdient, aber dass diese nicht erfolgt, liegt nicht an den Lesern genauso wenig wie an der Geschichte, sondern daran, dass dein Publikum von reiner Quantität her nicht groß genug ist um auszugleichen, dass der Aufwand hinter so einem Projekt per se sehr groß ist und deine Geschichte eine größere Rolle in deinem Leben einnimmt, als dass ein beschränktes Publikum angemessen in der Lage wäre, dies zu spiegeln. Ich habe in manchen Fällen bereits ausführliche Kommentare verfasst, die mich dann auch im Extremfall bis zu 3-4 Stunden gekostet haben, und die ich etwa zwischenspeichern und über mehrere Tage weiter bearbeiten musste, weil es so lang gedauert hat. Weil ich prinzipiell dazu in der Lage bin, kann man dies aber nicht verallgemeinern, so als ob es leichter würde, nachdem man es ein mal gemacht hat, und ja, ich habe es gern gemacht, eben weil ich diese FF gern lese. Und ja, dein Aufwand ist sehr deutlich viel höher.

      Aber ist es das worum es geht? Bis zu einem gewissen Grad ist TLA, das liegt auf der Hand, auch für dich persönlich wichtig. Zumindest wüsste ich nicht, wie ich dir jemals eine Resonanz geben könnte, welche die, vermutlich in deiner Persönlichkeit über lange Zeit und intensiv verwurzelten, Hintergründe jemals von außen erkennt und in ein angemessenes Licht rückt.
      Auch qualitativ hochwertige Projekte haben nicht zwangsläufig Reichweite und das ist zwar ungerecht, aber hat mit den Lesern wenig zu tun. Ich will mich nicht per se rausreden, auch wenn man mir ankreiden kann, dies in gewisser Weise hier die ganze Zeit getan zu haben. Immerhin kann ich schlecht übersehen, dass du dein Engagement vernachlässigt fühlst und allein dieses Gefühl wäre selbst unabhängig von den Fakten relevant, was nicht heißt, dass diese nicht auch unter anderem dazu passen. Aber: TLA wird sich weder "rechnen" noch würde ein 15 Minuten Kommentar es angemessen würdigen, ob es dich trotzdem signifikant zufriedener machen würde, weißt natürlich nur du selbst.

      Man kann lang und breit darüber nachdenken, welche inhaltlichen Faktoren die Rückmeldungen nachlassen ließen, aber ich vermute: gar keine. Es sind wahrscheinlich organisatorische Gründe, nämlich dass in der letzten Zeit die Frequenz von TLA nachgelassen hat und damit die Präsenz im Bewusstsein deiner Leser. Das ist ein ziemlich simpler Effekt. Ich sehe nicht, dass es im Verhältnis anders gelaufen wäre als früher (du schreibst dies ja selbst) und ich sehe nicht, dass man daraus begründet eine Tendenz ableiten könnte. Ob es besser weitergehen würde, kann ich nicht garantieren, aber dein Kommentar hat auf jeden Fall einiges klar gestellt.

      Wenn dir TLA mit Blick auf mangelnde Rückmeldung eine Last geworden ist, dann ist das bedauerlich, auch wenn es nach außen nie so gewirkt hat. Ich würde sicher nicht wollen, dass TLA beendet wird. Ich merke, dass du sehr unzufrieden bist und weiß, dass ich es hätte besser machen können. Ich schätze abschließend, dass ich mich ohnehin nicht wirklich rechtfertigen kann, du magst in dem Versuch was auch immer sehen, auch wenn mir deine Sichtweise darauf keineswegs egal ist.

      Eines bleibt noch zu tun, denn falls es dies wirklich gewesen sein sollte, will ich noch sagen: Danke! Danke für diese Geschichte, für deine Lebenszeit und die Energie die du investiert hast, denn das Endprodukt hat trefflich unterhalten, und das auf einem nach meiner Einschätzung nach sehr guten Niveau.
      Hallo Mcto,

      zunächst: Vielen Dank, dass du dich gemeldet hast. Ich weiß das sehr zu schätzen.

      Ist etwas schwierig, da jetzt einen richtigen Anfang zu finden, aber ich versuche es einfach mal.

      Mir geht es nicht darum, die in die Fanfic hineingesteckte Arbeit in Form von Posts wieder ausgeglichen zu sehen. Wie du selber richtig sagtest, wird so ein Verhältnis niemals möglich sein. Ich will auch nicht mein Ego streicheln mit möglichst vielen Posts.
      Was mich eben im Moment sehr zerknirscht ist die Tatsache, dass seit Monaten gar nichts mehr passiert ist und ich eben nicht weiß, woran das liegt.

      Zu der Sache mit den Likes: Einerseits ja, sie sind sicherlich nett gemeint. Aber da kann man genauso gut schreiben „Mir hat die Folge gefallen“. Das ist viel persönlicher und ich fühle mich dabei auch besser, zumal ich dann nicht mehrere meiner eigenen Posts hintereinander sehen muss. Posts erfüllen den Thread mit Leben. Es ist frustrierend, nur die eigenen Posts zu sehen.
      Und wenn jemand sich dann noch vielleicht ein paar Minuten nimmt, zu sagen, was genau einem gefallen hat und was vielleicht nicht – das würde mir völlig reichen.
      Dafür muss sich niemand mehrere Stunden an den PC klemmen. Nicht, dass ich mich nicht darüber freuen würde, wenn es dann trotzdem mal so kommt. Ich habe mich immer sehr über deine langen Kommentare gefreut, auch weil sie aus einem bis dato völlig anderen Betrachtungswinkel kamen.

      Dein Argument mit der Zeit. Das verstehe ich nicht. Oder besser gesagt: Akzeptiere ich so nicht. Ich habe auch ein Privatleben und finde trotzdem die Zeit, an TLA zu arbeiten. Wie gesagt, ich sitze wochenlang an den Folgen. Nach der Logik dürfte ich schon gar nicht mehr schreiben.
      (Entschuldigung wenn das etwas barsch rüberkommt.)

      Dass du die Probleme nicht in der Qualität siehst, beruhigt mich schon mal. Denn davor habe ich ehrlich gesagt ein wenig Angst. Ich will die Leute ja nicht langweilen. Und das ist noch ein Grund, warum geschriebenes Feedback für mich eben so wichtig ist.
      Die größeren Abstände zwischen den Kapiteln können durchaus ein Faktor sein, da gebe ich dir recht. Das würde sich auch mit der dritten Staffel ändern, da würde sich wieder etwa der alte Rhythmus von eine Folge pro Monat einpendeln. Aber ich muss erst genug Stoff dafür haben, damit etwaige Schreibblockaden nicht gleich alles ins Wanken bringen. Daher auch die Pause mit den Specials zwischendurch.

      TLA ist für mich keine Last, sondern ein Wegbegleiter, ein Ausgleich für mein Privatleben. Ich schreibe unwahrscheinlich gern dran, selbst jetzt noch. Es gibt noch sehr vieles zu erzählen. Das würde ich gerne mit euch teilen. Aber dazu möchte ich eben wissen, ob ihr das auch (noch) wollt.

      Wie gesagt, danke für deine Worte. :)
      Also ich kann da nur für mich sprechen. Ich muss gestehen das ich nur auf Staffel 3 warte und specials sind generell nicht so mein ding. Special machen eine Story definitv tiefer, sind halt aber keine Fortsetzung. Ich werde sie mir definitv einmal durchlesen, doch wenn ich die wahl zwischen Special oder TLA 3 früher rauskommt hätte, dann würde ich klar zum zweiten tendieren. Aber wie gesagt ist bloß meine Meinung dazu. Hoffe du bist mir da nicht böse.
      Suche Spieler aus Bayern/Schwaben die in der Nähe von Günzburg/Giengen/Dillingen/Lauingen und Gundelfingen an der Donau wohnen. pls PN an mich :) :thumbsup: :drunk: :cain: :verschwoerung:
      Hallo WiR,

      nein bin ich überhaupt nicht. Aber riechen kann ich das natürlich auch nicht. ^^
      Ich habe ehrlich gesagt auch nicht bedacht, dass die Specials vielleicht nicht soooo interessant sind. Bei allen vieren werden bestimmte Dinge aufgegriffen, die dann in Season 3 weiter behandelt werden. Anyas mysteriöses Erlebnis im Elysion, Zanthes Rudelführer, Matts Begegnung mit Thoras.
      Aber gut, habe ich zur Kenntnis genommen.

      Dann wird es dich ja freuen zu hören, dass ich bald damit anfangen werde, die erste Arc zu kontrollieren und dann an meinen Betaleser weiterzureichen.
      Irgendwann im Sommer könnte es dann losgehen.
      Hi @-Aska-,
      ich finde es sehr interessant das du diesen Beitrag verfasst hast. Schon beim letzten Kapitel hatte ich mir gedacht, das sowas bald kommen müsste. Doch hatte ich zu diesem Zeitpunkt das neuste Kapitel nicht gelesen und ich bin lieber immer erst auf den neuen stand bevor ich antworte. Und da ich deine Geschichte über die Woche verteilt lese nachdem ich sie mir kopiert und offline verfügbar gemacht habe, wird das antworten schnell in vergessenheit geraten.

      Spoiler anzeigen

      Wobei ich mit der aktuellen Situation das gleiche Problem wie @WiR habe. Die Specials sind gut, keine Frage, doch kann man bisher noch nicht sehen wo uns diese hinführen. Gerade was jetzt im neusten Kapitel war, konnte ich nicht einordnen ob das nochmal zum tragen kommt, da ja nur Matt davon weiss, oder halt nicht. Und selbst wenn es zum tragen kommt, welche auswirkungen wird unser neuer immaterieller haben. Anders als beispielsweise bei Anja ist er ja nicht in einer Karte eingesperrt, die er wohl häufiger benötigen würde und stellt damit wenn überhaupt nur ein "zweites Gehirn" von Matt dar.
      Und ähnlich sieht es mit den Details der anderen specials aus.

      Da hier noch viel zu viele Fragezeichen in der Luft hängen, wollte ich erstmal abwarten UND Schreibstoff ansammeln. Denn ab hier bin ich wieder mehr wie @Mcto, der wenn er etwas schreibt auch etwas ordentliches schreiben will, und überhaupt kein freund von leeren Einzeilern bin.

      Aber das du viel nachbearbeitung auf etcg hast, kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich weiss ja nicht wie es bei den anderen Nutzern hier ist, aber da ich mir die Texte eh immer so aufbereite das ich sie jederzeit offline in z.b. der Strassenbahn lesen kann, würde es mir schon reichen wenn du hier einzigst einen link zu deinem aktuellsten kapitel hinterlassen würdest. Ich kenne zwar auch z.b. dein fanfiction.de profil, doch ist so ein kleiner Reminder an einem ort wie hier, wo ich täglich reinschaue schon ziemlich hilfreich.


      Danke für deinen Input, Deckcreator. Ich hätte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass ihr so wenig mit dem Specials anfangen könnt. Aber es scheint so zu sein, okay, dann weiß ich jetzt zumindest warum da nichts kam.
      Dazu muss ich aber auch sagen, dass diese Kapitel ein Bonus sind. Ich hätte auch nichts posten können, dann wäre hier aber über viele Monate hinweg gar nichts groß passiert. Das wollte ich auch nicht und Specials wird es auch in Zukunft zwischen größeren Pausen geben. Vor allem, da ich dadurch bestimmte Dinge "auslagern" kann, damit die richtigen Folgen "zielorientierter" abgehandelt werden können.

      Ein Freund von leeren Einzeilern bin ich übrigens auch nicht. Aber bisher hat keiner von euch je sowas verfasst. ;)

      An sich macht mir das Nachbearbeiten hier auch nichts aus. Auf anderen Plattformen ist es halt wesentlich leichter, da ich dort nur die Dokumente hochladen muss.
      Wenn gewünscht, kann ich mit Staffel 3 parallel zu den Posts hier gerne PDFs zu den Folgen hochladen. Allerdings kenne ich zugegebenerweise keine gute Plattform, wo man diese hochladen kann. Irgendwelche Tipps?
      Spoiler anzeigen

      Extra Turn 88.5
      Die Folge war gut alleine schon weil Nick drin vorkam xD. Das Duel mit seinem Vater war auch aufklärent. Ich muss sagen ich hatte mir den Vater eher so wie Giovani vorgestellt. Aber du gibts einem immer mehr das Gefühl das seine kaltherzigkeit und generell seine Taten alle einen Grund hatten. Er ist sich wohl den Fähigkeiten der "Conquer soul" vollkommen bewusst und welche Gefahren von dieser ausgehen. Ich vermute mal das er deswegen Anya und Nick mehr oder weniger verstossen hatte. Das Nick immer mächtiger wird und seinen eigenen Plan verfolgt ist auch sehr interessant.

      Extra Turn 0,009
      Okay wir sehen da sehr viele Hundertjahre alte Flashbacks von Zathe. Wie er zum Werwolf wurde, was es mit seinem Bruder aufsich hatte. Ich hatte ja eigetlich erwartet das Zathe einfach schon immer ein Werwolf war. Quasi so eine Vererbungs war. Er wurde aber dann quasi ausgewählt von dem einzig wahren Werwolf. Ich glaube das beste für Zathe währe wohl wenn er seine immer währende Jugend einfach ausschöpft und sich wissen, Reichtümer und Einfluss sammelt. Dann hätte er eine chance auf Heilung. btw wenn ihn da so sehr stört kann er nicht einfach in einen Vulkan springen? Er muss sich ja nur so große Wunden zu fügen das diese nicht heilen können.
      Suche Spieler aus Bayern/Schwaben die in der Nähe von Günzburg/Giengen/Dillingen/Lauingen und Gundelfingen an der Donau wohnen. pls PN an mich :) :thumbsup: :drunk: :cain: :verschwoerung:
      Hallo liebe Leser,

      ich mach es kurz. Um euch nicht noch länger warten zu lassen, ziehe ich den Release der dritten Staffel, der eigentlich für August geplant war, um fast zwei Monate vor.
      Noch weiß ich nicht, in welchen Abständen ich die neuen Folgen veröffentlichen werde. Vermutlich pro Monat eine Folge, weil ich wirklich zusehen muss, immer genug Material in der Hinterhand zu haben. Ich hoffe, das ist ok für euch. Je nachdem wie sich die Dinge entwickeln und die Muse (sowie mein Beta-Leser) mitspielt, kann sich das auch verkürzen.

      Außerdem habe ich eine Lösung für Leute gefunden, die die Folgen lieber "zum Mitnehmen" haben möchten.
      Wer sich die PDF runterladen möchte, findet diese am Ende der Folge.
      Bevor ich euch nun viel Spaß wünsche, gehe ich noch schnell auf WiRs Post ein.

      @WiR
      Vielen Dank für das Feedback.
      Mr. Bauer hat in der Tat seine Gründe. Der Vergleich mit Giovanni ... nun ja, sagen wir früher wäre er mal gar nicht so abwegig gewesen. Inzwischen schon. xD
      Nick wird in Staffel 3 natürlich noch eine wichtige Rolle spielen. Ich freue mich schon auf diese Szenen und Duelle.

      Zu Zanthe: Interessant. Als Werwolf geboren zu sein ist etwas, an das ich nie gedacht hatte. Über diese Möglichkeit muss ich mir mal echt den Kopf zerbrechen.
      Der Gedanke an Heilung hatte ihn ja bis zuletzt angetrieben und die Verbindung und das Versprechen an seinen Bruder. Sicher könnte er sich selbst umbringen, aber dann würde er Alessandro enttäuschen. Die Idee, Geld und Macht anzusammeln ist nicht schlecht, aber irgendwie finde ich, passt das mehr zu Vampiren.

      Vielen Dank für deine Meinung.


      Jetzt aber genug gequatscht: Viel Spaß!

      Turn 89 – Eyes Of Tomorrow
      Prasselnder Regen. Der Himmel war so grau, dass es schwer vorstellbar war, jemals wieder die Sonne dahinter zu erblicken. Die Tropfen fielen und zerschellten an dem schlichten, weißen Grabstein, der einer von vielen in einer langen Reihe war.
      Das Gras unter den Füßen derjenigen Person, die in einem schwarzen Sweater mit über gezogener Kapuze vor diesem Grab stand, war bereits etwas höher gewachsen als vorgeschrieben. Die ganz in dieser einen Farbe gekleidete Gestalt bückte sich und legte eine einzelne Rose auf das Grab, das schon vor Blumensträußen nur so strotzte. Sie stapelten sich, verdeckten das Geburts- wie Sterbedatum. Selbst den Vornamen konnte man nicht lesen.

      „Bist du bereit?“, fragte ein Mann hinter der Person, der unter einer stämmigen Eiche Schutz gesucht hatte.
      Wirklich nötig hatte der recht große, brünette Mann das nicht, denn er hielt einen Regenschirm in der Hand. Seine Züge waren weich, schon von den ersten Krähenfüßen an den braunen Augen gezeichnet. Der Dreitagebart stand ihm gut zu Gesicht, passte er doch zu dem zu leichten Spitzen hochgegelten Haar. Niemand hatte diesen Mann jemals zuvor in Livington gesehen.

      Die Person am Grab neigte ihren Kopf in seine Richtung. Die Rose, die sie auf das Grab gelegt hatte, war von einem derart kräftigen Dunkelrot, dass auch sie fast schwarz erschien. Ein Nicken brachte dann endlich die Antwort, auf die der Mann gewartet hatte.
      „Der wahre Kampf hat leider erst begonnen. Komm, du solltest nicht noch länger so ungeschützt im Regen stehen.“ Erhobenen Regenschirms näherte er sich der Gestalt, die ein letztes Mal auf das Grab blickte, ehe sie an ihm vorbei schritt.
      Seufzend folgte der besorgt dreinblickende Begleiter.
      Gemeinsam ließen sie das Grab zurück, von dem der aufmerksame Beobachter dank der diversen Blumensträuße nur ein Wort lesen konnte, welches auf den nicht zu sehenden Vornamen folgte:'Bauer'.

      ~-~-~


      Etwa anderthalb Monate zuvor …

      Der kalte Windstoß sorgte dafür, dass ihr pechschwarzes Haar unruhig umher flatterte. Unter den grellen Strahlen der aufgehenden Sonne standen sie sich gegenüber. Aufrecht stand das Mädchen auf der gläsernen, senkrechten Fassade. Gegenüber befand sich eine weitere Fläche aus Glas. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah zum anderen Hochhaus herüber, wo ihr Widersacher stand. Die Welt drehte sich für sie, unter ihr plötzlich eine Straße, derer sie sich erst jetzt gewahr wurde. Von ihrem linken Auge begann eine blaue Flamme auszugehen, deren Länge der ihres an der Seite zusammengebundenen Zopfes um Nichts nachstand.
      Stumm starrte sie nach oben, dann ließ sie den Apparat an ihrem Arm ausklappen.

      Manchmal träume ich von Dingen, die geschehen sind oder noch geschehen werden. Diese Gabe, wie ich sie nenne, habe ich schon, seit ich ein kleines Mädchen war.

      Eine Explosion erschütterte das Gebäude, weit über der jungen Frau, die aufrecht auf den Fenstern des Hochhauses stand. Riesige Scherben und Trümmer fielen auf sie herab, verfehlten sie jedoch wie auf magische Art und Weise.

      Ich kann nicht kontrollieren was ich sehe. Es passiert einfach. Hin und wieder sogar mitten am Tag, wenn ich unterwegs bin.

      Sie schwang den Arm aus. Ihr Feind, der auf der anderen Seite der Straße, die sie beide trennte, auf der Oberfläche des anderen Bürogebäudes stand, brach ein. Um ihn herum zerplatzten die Scheiben regelrecht. Doch er sprang rechtzeitig rückwärts und landete auf den Stahlträgern der Außenfassade, die weitestgehend unbeschädigt waren.

      Meine Visionen sind manchmal einfach nur Bilder in schneller Abfolge, deren Sinn ich oft nicht verstehe. Allerdings passiert es auch, dass ich durch die Augen eines anderen sehe. Dann ist es wie ein Film.

      In weiter Ferne erfolgte eine gewaltige Explosion. Die Druckwelle zerfetzte die letzten Fenster und riss die beiden Kontrahenten mit sich. Riss alles mit sich.

      Doch dieses Mal erlebe ich nicht das, was anderen widerfährt. Dieses Mal sehe ich meine eigene Zukunft. Und wie ich das Ende der Welt verursacht habe …

      Das schwarzhaarige Mädchen fiel kopfüber in eine endlose, schwarze Tiefe. Die blaue Flamme an ihrem linken Auge löste sich auf, weil es seine blutroten Augen schloss.

      andererseits passiert das mindestens drei, vier Mal im Jahr, dass jemand eine große Katastrophe auslöst. Und dann kommt jemand anderes und verhindert das Schlimmste. Ich weiß es, denn ich habe es gesehen.

      ~-~-~


      Stöhnend wischte sich Velvet Thorne den Schlaf aus den braunen Augen. Sie saß aufrecht, in einem rosafarbenem Pyjama steckend, auf ihrem Bett. Beiläufig tastete sie mit der anderen Hand nach ihrer Brille, die auf dem Nachttisch neben ihr lag.
      Was war das, fragte sich das sechzehnjährige Mädchen mit dem langen, schwarzen Haar, das zerzauster nicht hätte sein können. Dieser Traum, den sie da hatte …
      „Okay“, rief sie mit einem Male entschlossen aus und klatschte sich mit beiden Händen gegen die Wangen. Nur um dann jämmerlich zu wimmern.
      „Velvet! Frühstück!“, drang in dem Moment die Stimme ihrer Mutter Sheila Thorne hinter der Tür zu ihrer Linken freundlich zu dem Mädchen.
      „Ich komme, Mum!“, strahlte jenes und schwang sich beherzt aus dem Bett.
      Doch als sie erst stand, wurde ihr ganz mulmig zumute. Sie torkelte vorwärts auf ihren weißen Kleiderschrank zu und stützte sich an ihm ab. Unangenehmes Kribbeln stieg in ihr auf. Der Schwindel war nur von kurzer Dauer, doch eines wusste Velvet nun – was sie da im Traum gesehen hatte war nicht die Spinnerei eines hyperaktiven Gehirns. Es war eine Vision gewesen. Die zur Realität wurde, wenn niemand etwas unternahm.

      Entsprechend blass stand sie wenige Minuten später vor dem Waschbecken des Badezimmers der Familie Thorne. Ihre Brille saß mittlerweile perfekt auf der Nase, das schwarze Haar war gekämmt und an der rechten Seite zu einem langen Pferdeschwanz gebunden.
      Velvet hatte sich für schwarze Leggins und ein weiß-violettes Oberteil mit Blumenmuster entschieden, dessen Ende wie ein Rock anmutete. Sie drehte sich um und schritt aus dem weißen Badezimmer, gelangte in einen hellen Gang, dessen Ende sie folgte, um dann nach links in die Küche abzubiegen.

      Der Rest ihrer Familie saß bereits am langen Esstisch. An der Spitze ihr Vater, der bereits seine Zeitung aufgeklappt hatte und komplett in ihr versunken schien. Dagegen stand ihre Mutter Sheila zu ihrer Rechten am Herd und bereitete Spiegeleier zu. Auch ihr Haar war schwarz, wenn auch sehr kurz, was sie eine burschikose Note verlieh. Und dann war da noch ihr zwölfjähriger Bruder Axel, der zwar am Tisch saß, aber lieber mit seinem Smartphone spielte, als dem Rest seiner Familie Aufmerksamkeit zu schenken. Auch sein Haar war rabenschwarz, zu kleinen Spitzen hochgegelt.

      Alles wie immer, stellte Velvet beklommen fest und setzte sich an die andere Seite des Tisches.
      „Guten Morgen“, murmelte sie den anderen zu und bekam zumindest von ihren Eltern entsprechende Reaktion. Axel nahm sie gar nicht wahr.
      Dafür aber Sammy, der laut bellte und sofort in die Küche gerannt kam. Der inzwischen sechsjährige Golden Retriever wedelte mit dem Schwanz und schmuste sich immer wieder an das Mädchen.
      „Raus mit dir“, kichert sie, da der Hund jetzt eigentlich nichts hier verloren hatte.
      „Los“, zischte Axel genervt, als Sammy ihm zu nahe kam und trat sofort nach jenem.
      Enttäuscht zog der Hund wieder von dannen. Und der jüngste Spross der Familie Thorne bekam postwendend einen Tritt zurück. Seine Schwester sagte dazu: „Du sollst ihn nicht treten!“
      „Hmpf!“
      „Schluss jetzt“, donnerte ihr Vater und blätterte dabei die Zeitung um.
      Gleichzeitig kam seine Frau mit den Spiegeleiern in der Pfanne an den Tisch und füllte jedem eines auf. Dabei erklärte sie: „Kinder, ihr wisst doch, dass der Sonntag der einzige Tag der Woche ist, an dem wir alle zusammen sind. Also benehmt euch, wenigstens ein paar Minuten. Und pack das Ding weg, Axel!“
      Mürrisch legte der Teenager das Smartphone beiseite und funkelte seine ältere Schwester von der Seite an, die beschämt wegsah.

      Während die Vier stillschweigend mit dem Frühstück begannen, riefen sich ungebeten die Bilder ihres Traums in Velvets Gedächtnis zurück. Es war nicht die erste Vision dieser Art gewesen, die sie gesehen hatte. Und immer wenn sie kamen, konnte sie sich danach kaum auf den Beinen halten.
      Letztes Jahr um diese Zeit hatte sie gesehen, wie ein riesiger Turm in einer Stadt namens Livington erschienen war. Aus dessen Spitze drang eine unsagbare Finsternis die die Welt verschlang. Tatsächlich war jener Turm eines Nachts scheinbar wie aus dem Nichts aus dem Boden geschossen, doch die Zukunft, die sie gesehen hatte, wurde geändert. Sie erinnerte sich noch genau an ein blondes Mädchen, das auf einem Thron gesessen hatte, hinter ihr so etwas wie ein kristallenes Tor, aus dem die Dunkelheit kam.
      Allein beim Gedanken daran bekam sie eine Gänsehaut. Dabei schlürfte sie so laut aus ihrem Glas Orangensaft, dass ihre Mutter sie mit dem Ellbogen stupste.
      „Entschuldigung“, nuschelte das Mädchen und setzte das Glas sofort wieder ab.

      Vor fünf Monaten hatte sie dann einen Mann gesehen, zumindest dessen Rückseite, der gegen eine ganze Horde von Dämonen gekämpft und verloren hatte. Eine ganze Stadt wurde dabei ausgelöscht, zumindest in ihrer ersten Vision der Geschehnisse. In der zweiten hatte er seine Feinde dann überlistet, ganz als ob er gewusst hätte, was geschehen würde.
      Velvet kniff die Augen fest zusammen. Wenn sie daran zurückdachte, dass sie diese Visionen bereits seit Jahren hatte, manche mehrmals mit kleinen und größeren Änderungen in ihrem Ablauf, dann fühlte sie sich gleich wieder wie eine Außenseiterin. Keiner in ihrer Familie wusste davon.
      Sie würden ihr doch nie glauben, dass es Dämonen gab, übernatürliche Phänomene und Menschen, die für das Gute wie auch für das Böse kämpften. Sie selbst glaubte ja kaum daran.

      In all den Jahren hatte Velvet gelernt, ihre ungewöhnliche Fähigkeit zumindest teilweise zu verstehen. Die Visionen, die sie nur einmal hatte, würden genau so eintreten, wie sie sie gesehen hatte. Dagegen handelte es sich bei denen, die sie mehrfach sah, um Dinge, die noch verändert werden konnten. Oder wurden. So war es immer die letzte gewesen, die sich bewahrheitet hatte, zumindest vermutete sie das.
      Auch die Vision vom Turm in Livington hatte sie mehrmals gehabt. Und in der letzten Variante hatte das blonde Mädchen sich von ihrem Kristallthron erhoben. Der Turm war explodiert, bevor die Dunkelheit aus ihm dringen konnte.

      „Stimmt etwas nicht?“, fragte Sheila ihre Tochter mit einem Mal besorgt. „Du isst gar nichts.“
      Sofort schnappte sich Velvet Gabel und Messer und stürzte sich strahlend auf das noch unangetastete Spiegelei vor sich. „N-nein, alles in Ordnung.“
      „Du bist eine schlechte Lügnerin“, schalt ihre Mutter sie trocken.
      Resignierend gestand die Schwarzhaarige: „Ich hatte einen Albtraum. Aber jetzt ist alles gut.“

      Wie konnte sie ihrer Mutter auch sagen, dass sich dieser 'Traum' von den vorherigen in einem ganz wichtigen Detail unterschied? Denn bisher war sie niemals selbst Teil einer ihrer Visionen gewesen. Sie hatte immer andere Menschen gesehen. Aber dieses Mal war sie nicht nur selbst Teil davon gewesen, sie spielte eine aktive Rolle darin.
      Und allein der Gedanke daran jagte ihr eine Heidenangst ein.

      ~-~-~


      Um sich abzulenken nutzte Velvet den Vormittag dazu, ihr Zimmer aufzuräumen und sauber zu machen. Was bedeutete, dass sie eigentlich nicht viel zu tun hatte, da sie es sowieso beinahe jeden Tag auf Vordermann brachte.
      Aber eine kleine Tour mit dem Staubsauger ging immer, sagte sie sich, und schob ihn über den Teppich. Dabei dröhnte im Hintergrund ihr Radio. Und als ihr aktuelles Lieblingslied eines populären Teenie-Sängers anstimmte, konnte sie trotz – oder gerade wegen – des Staubsaugerlärms nicht mehr an sich halten und begann mehr schlecht als recht mitzusingen.

      Und obwohl sie wie ein Kugelblitz durch das Zimmer mit den rosafarbenen Wänden fegte, die ausnahmslos in Weiß gehaltenen Möbel wie ihr Bett und die Sessel ihrer 'Fernsehecke' umschiffte und aus aller Kraft die Töne verfehlte, konnte sie nichts beruhigen.
      Sie war Bestandteil ihrer Vision gewesen. Sie! Wie konnte jemand wie sie eine Rolle beim Ende der Welt spielen!? Das musste ein Irrtum sein! Vielleicht hatte sie einfach nur im Körper einer anderen gesteckt, oder-

      Da sah sie sie. Eine Spinne, vielleicht noch dreißig Zentimeter von ihrem Staubsauger entfernt. Es fiel ihr schwer, einen Aufschrei zu unterdrücken. Sie stellte die Maschine ab. Beugte sich trotz ihrer eindeutig vorhandenen Phobie zu dem Tier hinab und nahm es behutsam in beide Hände. Die Spinne bewegte sich. Velvet bekam eine Gänsehaut.
      „N-nicht dran denken“, mahnte sie sich kurz vor einem Nervenzusammenbruch und rannte förmlich zum offen stehenden Fenster auf der anderen Seite des Zimmers. Anstatt das Tier aber einfach hinauszuwerfen, lud sie es ganz vorsichtig an der Fensterkante ab, sodass es von selbst den Weg nach draußen fand.
      „Uah“, jammerte sie, nachdem das überstanden war.
      „Das liebe ich so an dir“, schwärmte jemand hinter ihr. Velvet wirbelte herum und sah ihre Mutter, wie sie im Türrahmen lehnte und strahlte. „Ganz egal, wie sehr du dich dagegen strebst, es gibt kein Lebewesen auf diesem Planeten, dem du nicht mit Herzensgüte begegnest.“
      „M-Mum!“, beschwerte Velvet sich über den Einbruch in ihre Privatsphäre, musste dabei aber – wie sie fand – dümmlich grinsen und lief vermutlich auch noch rot an. Das Radio trällerte noch immer im Hintergrund. Ihre Mutter zwinkerte ihr verschwörerisch zu und verschwand dann wieder, schloss die Tür hinter sich.

      Velvet seufzte glücklich. Wenn sie es recht betrachtete, hatte sie alles, was sie brauchte. Eine intakte Familie, einen gewissen Luxus dank des Verdienstes ihrer Eltern, einen halbwegs erträglichen Bruder, viele Freunde, Sammy …
      Es musste ein Traum gewesen sein, keine Vision! Sie hatte sich nur wegen ihres Kreislaufs so schwach gefühlt, mehr nicht!

      ~-~-~


      Nach dem Mittagessen entschied sich das Mädchen, dass es an der Zeit war, den restlichen Sonntag in Gesellschaft zu verbringen. Da sie und ihr Bruder zu verschieden waren, um etwas zu unternehmen was beiden gefiel, würde sie sich stattdessen mit ihren Freunden von der Duel Academy verabreden.

      So saß Velvet auf ihrer rosafarbenen Bettdecke und hielt das weiße Smartphone in der Hand. Sie wusste, dass sie ihre Freunde Fabio Muller und Patrice Sanchez nicht erreichen würde, da Patrice Tickets für ein Basketballspiel der New York Liberties gewonnen hatte. Jenes fand heute statt und selbstverständlich kam nur sein bester Freund Fabio als Begleiter infrage.

      Also entschied sich Velvet stattdessen dafür, Tatjana Neumann anzurufen, das andere Mädchen in ihrer Clique. Tatjana war eine Austauschschülerin aus Deutschland und manchmal ein wenig anstrengend, aber mit ihr wurde es zumindest nie langweilig.
      Lächelnd legte die Schwarzhaarige den Apparat ans Ohr.
      „Neumann“, ächzte nach ein paar Sekunden des Wartens die vertraute Stimme aus dem Smartphone.
      „Hey Tatti, ich bin's“, gluckste Velvet vergnügt, „wie schaut's aus, hast du schon was vor?“
      „Außer zu sterben? Nein …“, kam es grimmig zurück.
      Was die zuckersüße Fassade des Mädchens sofort zum Bröckeln brachte. Besorgt fragte es: „Wieso? Ist etwas passiert?“
      „Mir geht’s nicht gut. Es ist wieder -die- Zeit.“
      „Uh?“ Velvet blinzelte verdutzt. „Was meinst du? Hast du mal wieder Liebeskummer?“
      „Nein, Dummchen! -Die- Zeit!“
      „I-ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen …“
      Tatjana schnaufte ärgerlich. „Meine Güte, ich habe meine Erdbeerwoche!“
      „D-deine was?“
      „Hmpf, ich lege jetzt auf. Bis morgen.“
      „B-bye?“, quiekte Velvet, der langsam dämmerte, was ihrer Freundin fehlte.
      Warum musste Tatjana bloß immer so seltsame Phrasen benutzen, wenn sie irgendetwas nicht direkt ansprechen wollte? Velvet seufzte schwer.

      Damit blieb nur noch einer aus ihrem Freundeskreis übrig. Isaac Sawyer war nicht gerade Velvets erste Wahl, wenn es darum ging, Spaß zu haben. Seine Freunde beschrieben ihn als Streber, der viel zu selten lachte. Ganz so eng sah das Mädchen das nicht, doch auch sie konnte seinen Ehrgeiz nicht leugnen. Wodurch es auch mit ihm nicht immer einfach war.
      Trotzdem mochte sie ihn gern. Nur halt nicht ganz so sehr wie die anderen. Wirklich!
      Mit der Zunge an der Oberlippe wählte sie seine Nummer aus ihrer Kontaktliste aus und musste erstmal eine ganze Weile warten, bis er überhaupt ran ging. „Isaac hier.“
      „Hi, ich bin's, Velvet.“
      „Hallo“, entgegnete er freundlich. „Was gibt’s?“
      „Ich wollte nur fragen, ob du Zeit hast. Wir könnten-“
      „Leider nicht“, wiegelte er sie gleich mit bedauerndem Unterton ab, „hast du es schon vergessen?“
      Velvet blinzelte verdutzt. „Was denn?“
      „Den Test in Kartenwissen, morgen. Ich muss mich gründlich darauf vorbereiten. Und das solltest -du- übrigens auch.“ Und da war er auch schon, sein strenger Lehrertonfall.
      Ja, aus diesem Grund war er immer der Letzte, den sie anrief. „E-es ist doch noch früh …“
      „Und es gibt über 10.000 Karten.“
      „Willst du die alle auswendig lernen!? Unser Thema sind doch nur Spielfeldzauber, davon gibt es nicht besonders viele …“
      Sofort kam es besserwisserisch zurück. „Und was ist mit direktem und indirektem Support? Den neuen Regeln, den geheimen Kniffen und Schwierigkeiten, den-“
      „Es sind doch nur langweilige Spielfeldzauber“, jammerte Velvet mit Tränchen der Frustration in den Augen.
      „Es sind Noten, Velvet, Noten! Jede zählt, besonders für euch!“ Er räusperte sich. „Muss ich euch jedes Mal daran erinnern, dass unsere Zukunft davon abhängt?“
      Die Schwarzhaarige wusste, dass sie gegen Windmühlen ankämpfte. Wenn er so drauf war, würde er nicht eher ruhen, bis er wirklich -alle- 10.000 Duel Monsters-Karten auf ihre Wechselwirkung mit Spielfeldzaubern überprüft hatte.
      „D-du hast Recht“, stammelte Velvet, die nur einen Ausweg aus ihrer Lage sah, „i-ich sollte mir das Ganze auch nochmal ansehen.“
      Wobei sie an ihrer freien Hand, die sie an der Bettkante abstützte, Mittel- und Zeigefinger kreuzte.
      Sofort klang er wieder versöhnlich. „Wenigstens eine die mir zuhört. Wenn du möchtest, kannst du nachher vorbei kommen, damit wir zusammen lernen.“
      Velvet wurde weiß im Gesicht und diesmal lag es nicht an ihren Visionen. Obwohl er es nicht sehen konnte, schüttelte sie mechanisch den Kopf. „M-mal sehen, i-ich muss erst noch ein paar H-Hausarbeiten erledigen. Vielleicht später. Ich melde mich.“
      „Du hast nicht wirklich vor zu lernen, nicht wahr?“, brachte Isaac es trocken auf den Punkt.
      „Sorry, liegt nicht an dir, werde nachher lernen, versprochen, bye“, ratterte seine Freundin ihre Entschuldigung wie ein Maschinengewehr runter und legte auf, bevor er sie noch durchs Telefon zog.

      Seufzend warf sie das Smartphone beiseite auf ihr Kissen und ließ sich rückwärts mit ausgestreckten Armen fallen. Also würde sie den Tag alleine verbringen müssen. Schade …
      Andererseits, wenn sie schon keinen ihrer Freunde dazu bewegen konnte, das Wochenende gemeinsam ausklingen zu lassen, gab es da doch jemanden, der immer gern Zeit mit ihr verbrachte.

      ~-~-~


      „Los Sammy, fang!“, rief sie energisch und warf den Stock in ihrer Hand so weit sie konnte.
      Ihr Golden Retriever rannte aufgeregt an ihr vorbei. Das Mädchen streckte die Arme aus und atmete die Waldluft ein, stieß sie seufzend wieder aus.

      Der Albertus Dorian-Wald, benannt nach einem berühmten Arzt aus ihrer Heimatstadt, Kings Crowning, wiederum benannt nach einem lokalen Märchen, lag etwa eine halbe Stunde von ihrem Zuhause entfernt. Velvet war sich bewusst, dass sie sehr viel Glück hatte, in einer friedlichen Vorstadt wie dieser leben zu können. Es war nur ein Katzensprung bis nach Cloverfield, wo sich die Duel Academy befand, an der sie seit fast einem Jahr studierte.

      Sammy kehrte mit dem Stöckchen im Maul zu ihr zurück. Velvet nahm es und warf es im hohen Bogen wieder davon. Der hiesige Wald war ziemlich hügelig. Die Schwarzhaarige lief entlang einer Senke, über ihr thronte ein sogenannter Mammutbaum. Sie erinnerte sich daran, dass sie hier oft mit Axel gespielt hatte, als beide noch kleiner gewesen waren. Das waren gute Zeiten gewesen.
      Sofort schüttelte sie den Kopf. Sie klang ja schon wie eine alte Oma, fürchterlich!

      Die weiche Erde unter ihren Füßen war noch nass vom Regen gestern. Velvet kannte sich gut in dem Wald aus, weiter voraus lag eine Lichtung. Und sie hatte etwas ganz Bestimmtes vor, dachte sie und betrachtete dabei den Apparat an ihrem Arm. Eine silbergraue, standardmäßig an den Kanten abgerundete Akademie-Duel Disk.

      Nachdem sie die Lichtung erreicht hatte, rannte Sammy voraus, um sich auszutoben. Velvet kam oft mit ihm hierher, wenn sie ungestört sein wollte. Besonnen lächelnd sah sie dem Golden Retriever hinterher. Dann atmete sie tief durch und aktivierte die Duel Disk an ihrem Arm, die automatisch ausfuhr.

      Entschlossenen Blickes griff sie nach ihrem Deck, riss die oberste Karte mit Schwung fort. „Draw!“
      Das hörte sich doch schon ganz gut an, fand sie und wiederholte den Vorgang. „Draw!“
      Sie musste Selbstbewusstsein ausstrahlen, wenn sie in den kommenden Tagen ihr Prüfungsduell hinlegte. „Draw!“
      Noch wusste niemand aus ihrem Jahrgang, gegen wen er antreten würde. Zumindest war die Sache nicht übergreifend. Es wäre schrecklich, wenn sie gegen einen Absolventen ran müsste, dachte Velvet und allein das führte dazu, dass sie beim Wiederholen ihrer Selbstbewusstseinsübung ins Stottern geriet. „D-draw!“
      Genau das durfte sie sich aber nicht erlauben. Wenn der Gegner keinen Respekt vor einem hatte, würde sie das nur noch mehr verunsichern als ohnehin schon.
      Besonders energisch schrie sie erneut aus, dass sie ziehen würde und hatte damit ihre Starthand komplett. Zwei Monster, zwei Zauber und eine Falle. Sehr ausgewogen und definitiv brauchbar. Wenn es am Freitag doch nur auch so klappen könnte.

      Gerade als sie zu ihrer nächsten Übung ansetzen wollte, hörte sie jämmerliches Gequieke aus der Ferne. Das eines Hundes.
      „Sammy!“ schrie sie, deaktivierte ihre Duel Disk und rannte über die Lichtung.
      Der Golden Retriever reagierte nicht. Als Velvet das andere Ende erreichte, hörte sie hinter sich einen Ast knacken. Und sie fror in ihrer Bewegung ein, ohne recht zu wissen warum. Mechanisch drehte sie sich um. Ein kalter Schauder lief ihr über den Rücken.

      „Ich grüße dich, Velvet Thorne.“ Ein Mann trat aus dem Schatten, groß und hager.
      „H-hi“, presste das Mädchen heiser bei seinem Anblick hervor.
      Ihr Gegenüber auf der anderen Seite der Lichtung war atemberaubend schön. Zeitlos, vielleicht zwanzig, vielleicht auch schon vierzig … nein Moment, er war -nicht- schön. Im Gegenteil, dieser Pagenschnitt mit dem dunkelblonden Haar, dieser pinke Anzug samt schwarzer Krawatte, die neongrüne Federboa um seinen Hals – das war alles andere als ansehnlich. Was war gerade in sie gefahren!?
      „Oh?“, machte er und lächelte vergnügt. „Habe ich dich verschreckt?“
      „N-nein. M-mein Hund, Sammy, ich habe ihn gerade jaulen hören.“
      „Dem kleinen Racker geht es prächtig.“
      Das Mädchen zuckte zusammen. „W-was?“
      „Wenn du mit mir kommst, führe ich dich zu ihm. Was sagst du?“ Der Mann streckte seine Hand in ihre Richtung aus, winkte sie einladend zu sich.
      Anstatt der äußerst dubiosen Aufforderung aber zu folgen, wich die Schwarzhaarige verwirrt zurück und fasste sich mit einer Hand aufs Brustbein. „I-ich verstehe nicht. Der Schrei kam aus dieser Richtung.“
      Sie zeigte mit der anderen Hand hinter sich. „U-und überhaupt, wer sind Sie eigentlich?“
      „Entschuldige, meine Kleine, ich habe mich nicht vorgestellt. Zyxx.“ Er verschränkte die ausgestreckte Hand vor den Bauch und verneigte sich leicht. „Einfach nur Zyxx.“
      Da erinnerte sich Velvet. Sie wurde zunehmend unruhiger. „W-woher kennen Sie überhaupt meinen Namen? Was wollen Sie von mir!?“
      Zyxx lächelte bekümmert. „Ich weiß, es kommt sehr plötzlich, aber ich fürchte, du wirst mich begleiten müssen.“
      „W-wohin?“ Langsam bekam sie richtig Angst.
      „Das erkläre ich dir auf dem Weg.“ Er drehte sich zur Seite und gebot ihr mit der Hand, ihm zu folgen. „Nach dir.“
      „Nein!“, protestierte Velvet zunehmend panisch. „Ich gehe nicht mit Ihnen mit. Wo ist Sammy!? Was haben Sie mit ihm gemacht!?“
      „Du siehst deinen Hund, sobald du mitkommst.“
      Velvet schüttelte energisch den Kopf. „I-ich rufe die Polizei, wenn Sie nicht gleich verschwinden.“
      „Und womit? Du hast dein Telefon zuhause gelassen. Diese Leggins sind einfach zu eng für Hosentaschen“, spottete er in zuckersüßem Tonfall. „Vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt. Du hast keine Wahl, Täubchen. Du -musst- mitkommen. Es ist sehr wichtig, dass du das tust, verstehst du?“
      Er sah sie an. Eindringlich. So eindringlich, dass Velvet das Blut in den Adern gefror. Fast, als wolle er sie hypnotisieren. Sie wich seinem Blick aus.
      „Oh?“, machte er erneut überrascht, blieb aber beherrscht und freundlich. „Verstehe. Ich sag es nicht gern, aber du siehst deinen Sammy erst wieder, wenn du nachgibst, du kleiner Sturkopf.“

      Irgendetwas stimmte da nicht, begriff Velvet langsam. Dieser Mann, er wollte sie entführen! War er ein Krimineller. Wollte er sie etwa-!?
      Sie stieß reflexartig einen spitzen Schrei aus und wirbelte herum, begann zu rennen, aber ihre Beine fühlten sich so wackelig an, dass sie ins Stolpern geriet.

      Hinter ihr seufzte Zyxx. „Du liebe Güte, so kommen wir nicht weiter. Okay, Schätzchen, ich mache dir ein Angebot, das du nicht ablehnen kannst. Duelliere dich mit mir. Gewinnst du, lasse ich dich in Frieden. Wenn nicht … du weißt schon.“
      Velvet drehte sich wieder um. „Und Sammy?“
      „Den gibt’s als kleinen Bonus wenn du mich besiegen kannst.“ Er zwinkerte verschwörerisch.
      „N-nein, das ist doch Unsinn. Hilfe!“, schrie sie aus voller Lunge.
      „Ich bitte dich, hier hört dich doch sowieso niemand. Weißt du, ich könnte dich auch einfach mit 'Nachdruck' dazu bringen.“ Zyxx fuhr sich über die Stirn. „Aber ich habe meine Anweisungen. Und die erste davon setze ich jetzt um.“
      Er streckte seinen Arm nach vorne aus. Völlig unerwartet zog sich eine gebogene, rote Energielinie vor diesem, breitete sich aus, bis sie die Größe einer Duel Disk angenommen hatte.
      Das Mädchen starrte ihn wie ein Auto an. „W-was ist das!?“
      „Ein Wunder der Technik, Herzchen. Oh, und wenn dir die Licht-Show gefällt, wirst du das hier lieben. Na ja, eigentlich nicht“, kicherte er mädchenhaft.
      Erst begriff Velvet gar nicht, was er überhaupt meinte, bis sich etwas in ihrer unmittelbaren Umgebung surren hörte. Ihre Duel Disk fuhr von ganz alleine aus. Eine männliche Computerstimme verlautete aus ihr: „Duel Enforcing Mode.“
      Danach richtete sich auch schon ihre Lebenspunkteanzeige ein. „Ah!“
      „Ich rate dir, dich jetzt nicht zu weit von mir zu entfernen, sonst erlebst du eine böse Überraschung. Dasselbe gilt auch, falls du meine Herausforderung nicht annimmst.“

      Was hatte das zu bedeuten!? Hatte der Kerl ihre Duel Disk gehackt!? Und was würde passieren, wenn sie seine Worte ignorierte!?
      Das Mädchen stand da, kreidebleich und völlig verstört. Der Typ war verrückt. Er würde sie entführen und vielleicht sogar umbringen wollen. Oder schlimmer …
      „Betrachte es einfach als kleine 'Übung'“, zwinkerte ihr Zyxx wieder zu. „Nun mach schon, Duell!“

      [Velvet: 4000LP / Zyxx: 4000LP]


      Panisch betrachtete Velvet ihre Duel Disk. Wie konnte es sein, dass der Apparat sich von selbst aktiviert hatte!? Dann wiederum hatte sie in ihren Visionen so viele unerklärliche Dinge gesehen, dass das dagegen fast noch harmlos war. Als sie zu Zyxx aufsah, rann eine Schweißperle über ihre Stirn. Wer oder was war dieser Mann!? Was wollte er bloß von ihr!?

      „Liebes, wenn du nicht anfangen möchtest, werde ich es tun“, verkündete er und nahm eine Karte aus seinem Startblatt, „ich beschwöre [Igknight Templar] im Angriffsmodus und beende meinen Zug.“
      Vor ihm materialisierte sich ein großer Krieger in schwarzer, an den Schulterplatten Flammen ausstoßenden Rüstung. Er führte ein langes Schwert mit sich, an dem gleichzeitig ein Visier angebracht war, welches in einer merkwürdigen Mischung aus Klinge und Sniper-Gewehr resultierte.

      Igknight Templar [ATK/1700 DEF/1300 (4) PSC: <7/7>]

      Nervös sah sich Velvet nach links und rechts um. Ihr geliebter Sammy war nirgendwo zu entdecken. Was hatte dieser Kerl ihm angetan!? Auf keinen Fall würde sie mit diesem Monster mitgehen!

      „M-mein Zug, D-draw!“, stammelte sie aufgewühlt und zog so schwungvoll, dass sie dabei ins Stolpern geriet und beinahe die Brille von ihrer Nase rutschte.
      Was Zyxx mit einem gedämpften Lacher quittierte. „Keine Sorge, Anmut kommt mit Erfahrung.“
      Obwohl weiß Gott nicht der richtige Zeitpunkt dafür war, spürte Velvet heiße Röte in sich aufsteigen. Sich vor dem eigenen, potentiellen Entführer zu blamieren hatte ihr gerade noch gefehlt!
      „Z-Zauberkarte, [Graceful Charity]!“ Sie erklärte den Effekt gar nicht erst, als die grün-umrandete Karte vor ihr aufsprang und ein blonder, weiblicher Engel in einem weißen Kleid daraus empor schwebte, sondern zog gleich drei Karten und schickte dann zwei auf ihren Friedhof.
      „Wenn ich das Duell gewinne, darf ich dann wirklich gehen?“, fragte sie dabei zweifelnd.
      Die wandelnde Modesünde nickte. „Ich stehe zu meinem Wort.“
      „G-gut. Das sollte kein Problem werden!“ Oh Gott, hallte es sofort nachdem die Worte ihre Lippen verlassen hatten, durch ihren Kopf. Jetzt klang sie wie einer dieser typischen Angeber-Duellanten aus der Profiliga. „D-denke ich jedenfalls.“
      Und jetzt stellte sie sich selbst auch noch in Frage. Die Hitze unter ihrer Haut wurde unerträglich.
      „N-normalbeschwörung, [Spiritual Beast Apelio]!“
      Ein purpurroter Junglöwe tauchte vor ihr auf. Sowohl seine Mähne, als auch die Spitze seines Schweifs leuchteten grell auf, fast, als stünden sie in Flammen. Und Zyxx kicherte wieder amüsiert über ihre Aussage.

      Spiritual Beast Apelio [ATK/1800 DEF/200 (4)]

      Obwohl Velvet am liebsten im Boden versinken, oder gar gleich wegrennen würde, musste sie weitermachen. Nicht nur, weil dieser Kerl sie sowieso nicht entkommen lassen würde, sondern auch weil sie herausfinden musste, wo Sammy war. Unbedingt!
      Sie kniff böse die Augen zusammen und griff nach ihrem Friedhofsschacht. „Ich habe nicht umsonst zwei Karten abgeworfen. Apelio hat einen besonderen Effekt, der mich eine Ritual Beast-Karte aus dem Spiel entfernen lässt, um bis zum Ende des Zuges alle seiner Art auf dem Feld um 500 Punkte zu stärken!“
      Die Schwarzhaarige zog [Spiritual Beast Pettlephin], ein Stufe 4-Wind-Monster mit dem Artwork eines rosa Delfins aus dem Ablagestapel hervor und präsentierte es. Danach schob sie es postwendend in den schmalen Schacht darunter, was dazu führte, dass die grünen Spiralmarkierungen an Apelios Beinen grell zu leuchten begannen.

      Spiritual Beast Apelio [ATK/1800 → 2300 DEF/200 → 700 (4)]

      „Schnapp' dir sein Monster!“, befahl Velvet im Anschluss mit ausgestrecktem Zeigefinger.
      Gehorsam sprintete der Junglöwe los. [Igknight Templar] ging seinerseits in die Knie und versuchte zu zielen, doch schoss daneben, als Apelio über die Kugel hinweg sprang und den Ritter anfiel. Ein roter Lichtblitz gen Himmel beendete das Spektakel schließlich.
      „Hmm“, grinste Zyxx in sich hinein und fuhr sich durch seinen blonden Pagenschnitt.

      [Velvet: 4000LP / Zyxx: 4000LP → 3400LP]


      Velvet, der diese arrogant wirkende Szene gar nicht schmeckte, blähte beleidigt die Backen auf. Aber schön, sollte er sie nur unterschätzen. Er würde schon sehen, was er davon hatte. Frustriert von ihrer Lage schnappte sie sich gleich drei ihrer fünf verbliebenen Karten und schob sie der Reihe nach in die Zauberfallenslots ihrer Duel Disk. Dreimal zischte es, dann befanden sie sich in vergrößerter Form zu ihren Füßen. „Du bist, du, du, seltsamer Paradiesvogel, du!“
      Und die Markierungen an Apelios Beinen hörten auf zu leuchten.

      Spiritual Beast Apelio [ATK/2300 → 1800 DEF/700 → 200 (4)]

      „Oh, wie äußerst schlagkräftig“, neckte Zyxx seine Gegnerin, die daraufhin nur die Lippen so fest aufeinander presste, dass es schon beim Anblick weh tat. Vor sich hin summend, zog der große Blonde eine Karte. Velvet hörte sofort mit ihrem kindischen Gehabe auf, als sie das Funkeln in seinen Augen bemerkte.
      „Deine Duel Disk. Du bist Studentin an der Cloverfield Duel Academy, richtig?“
      „J-ja. I-ich meine, das geht dich gar nichts an!“
      Zyxx lächelte friedlich. „Verzeih' mir, du hast natürlich Recht. Ich war nur neugierig, ob ihr Schüler euch schon mit der neuen Form der Monsterbeschwörung vertraut machen konntet.“
      Das Mädchen weitete die Augen. „Pendel!?“
      „Ganz genau.“ Zyxx zückte zwei seiner Handkarten, die er ihr beiläufig entgegen hielt. „Ihre Mechanik ist faszinierend und gleichzeitig bedauerlich, da Duelle dadurch sehr schnell ein Ende finden können. Prüfen wir, wie weit du schon im Stoff bist.“
      Er fuhr mit den beiden Karten unter seiner Handfläche über seine Monsterzonen und platzierte an dessen äußeren Enden zwei Karten, deren Ränder in der Mitte von Gelb ins Grüne übergingen.
      „Ich aktiviere [Igknight Cavalier] mit dem Pendelbereich 2 und [Igknight Margrave] mit dem Pendelbereich 7. Pendulum Scales set!“
      Zwei hellblaue Lichtsäulen schossen neben Zyxx aus dem Boden. In der von ihm aus linken befand sich eine Ritterin in pinker Rüstung, die ein Messer mit Visier in der Hand hielt. Weitere befanden sich an ihrem rechten Oberschenkel befestigt. In der anderen Säule dagegen stieg ein Krieger in schwarz-roter Rüstung in die Höhe, der zwei Macheten mit Gewehrläufen mit sich führte.

      <2> Zyxx' Pendelbereich <7>


      Velvet weitete die Augen und schluckte. Dann war der rote Blitz, der eben in den Himmel gestiegen war, auch von einem Pendelmonster ausgegangen!
      Weiter kam sie jedoch nicht, denn in dem Moment richteten die beiden Ritter in den Lichtsäulen ihre Waffen aufeinander. Und Zyxx schnippte. Es knallte zweimal synchron. Und sowohl Cavalier, als auch Margrave explodierten und stiegen als rote Lichtstrahlen gen Himmel, wo sie von einem riesigen Loch absorbiert wurden, was sich gleich darauf wieder schloss.
      „S-sie haben sich gegenseitig zerstört!?“, stammelte Velvet irritiert.
      Zyxx schüttelte aber den Kopf. „Nein, Liebes, ich habe sie mithilfe ihrer Effekte zerstört. Wenn die beiden sich gegenseitig vernichten, erhalte ich einen neuen Igknight von meinem Deck.“
      Er säuselte etwas, dann zückte er die Karte hervor, die aus seinem Deck geschoben wurde.
      „[Igknight Gallant], mit dem Pendelbereich 2.“ Zyxx lächelte und ließ hinter dem normalen Pendelmonster ein weiteres zwischen seinen Fingern erscheinen. „Den kombiniere ich mit [Igknight Veteran], Pendelbereich 7. Pendulum Scales set.“
      Die hellblauen Lichtsäulen schossen erneut zu seiner Linken und Rechten aus dem Boden. Sie trugen einen Ritter in stahlblauer Rüstung, welcher ein Maschinengewehr mit Klingenaufsatz in den Händen hielt, sowie einen Schwert schwingenden in schwarz-hellblauer Panzerung empor.

      <2> Zyxx' Pendelbereich <7>


      Kaum hatten die beiden ihren Höhepunkt erreicht, richtete Gallant sein Maschinengewehr auf Veteran, welcher seinerseits den Griff seines Schwertes Richtung seines Kameraden hielt, in welchem eine Uzi eingebaut war. Beide feuerten simultan aufeinander und explodierten synchron. Rote Blitze schossen in das sich öffnende Pendelportal.
      „W-was!? Schon wieder!?“
      „Natürlich. Es handelt sich um denselben Effekt wie eben.“ Zyxx griff nach seinem Deck. „Ich erhalte [Igknight Paladin] von meinem Deck, Pendelbereich 2.“
      Er zeigte die Karte vor, fächerte hinter ihr jedoch noch zwei weitere aus. „Diesen kombiniere ich mit [Igknight Squire], Pendelbereich 7. Dazu aktiviere ich den Spielfeldzauber [Ignition Phoenix], der alle Igknights um 300 Punkte auf beiden Werten stärkt.“
      Velvet klappte die Kinnlade herunter, als über Zyxx ein gewaltiger Flammenphönix aufstieg, der rötliche Entladungen in alle Himmelsrichtungen ausstieß. Der Blonde verkündete: „Pendulum Scales set.“
      Abermals schossen neben ihm die hellblauen Lichtsäulen aus dem Boden. Dieses Mal befanden sich in ihnen ein Krieger in schwarzer Panzerung, der eine lange Nadelklinge mit sich führte und einer in gelber Rüstung, der eine Pistole mit Klingenlauf in der Hand hielt.

      <2> Zyxx' Pendelbereich <7>


      Zyxx kicherte beim Anblick der verdutzen Velvet. Er besaß keine Handkarten mehr. „Nun, kleines Vögelchen, was haben wir über Pendelmonster gelernt?“
      Aber die Schwarzhaarige antwortete nicht. Sie war wie gelähmt vom Anblick des Phönix in der Luft. Sie spürte die Hitze, die von ihm ausging – einem Hologramm!
      „Du weißt es nicht? Schade. Jedes Pendelmonster, das auf dem Spielfeld zerstört wird, wird aufgedeckt auf das Extradeck seines Besitzers gelegt. Von dort kann es via Pendelbeschwörung zurückgerufen werden, wenn seine Stufe im aufgestellten Pendelbereich des Spielers liegt, ohne diesen dabei zu berühren.“ Zyxx schnalzte mit der Zunge, als er bemerkte, dass seine Gegnerin ihm gar nicht zuhörte. „Kurz gesagt, ich kann jetzt all die kleinen Ritterlein von eben zurückrufen. Pendulum Summon!“
      Über ihm öffnete sich ein riesiges, buntes Loch im Himmel, um das sich zahllose Lichtellipsen schlossen. Der Anblick zog Velvets Aufmerksamkeit auf sich, die einen entsetzen Schrei ausstieß.
      „Von meinem Extradeck, die Igknights Templar, Cavalier, Margrave, Gallant und Veteran!“
      Nacheinander schossen gleich fünf rote Lichtstrahlen aus dem Portal und schlugen vor Zyxx in den Boden ein. Dort wurden sie zum Sniper-Schwert-Ritter, der pinken Kunoichi, dem Doppelmacheten-Pistolero, dem Maschinengewehr-Krieger und dem Uzi-Schwertschwinger, welcher in die Knie ging. Sie alle wurden von den elektrischen Ausstößen des Flammenphönix in der Luft berührt.

      Igknight Templar [ATK/1700 → 2000 DEF/1300 → 1600 (4) PSC: <7/7>]
      Igknight Cavalier [ATK/2400 → 2700 DEF/1200 → 1500 (5) PSC: <2/2>]
      Igknight Margrave [ATK/1500 → 1800 DEF/2500 → 2800 (5) PSC: <7/7>]
      Igknight Gallant [ATK/2100 → 2400 DEF/2200 → 2500 (6) PSC: <2/2>]
      Igknight Veteran [ATK/1300 → 1600 DEF/2700 → 3000 (6) PSC: <7/7>]

      Beim Anblick der Monsterarmee verschlug es Velvet die Sprache. Den Legacy Cup hatte sie im Fernsehen mitverfolgt und gesehen, wie Othello Nikoloudis mit seinen Pendelmonstern den Sieg errang. Doch selbst hatte sie solchen Karten bisher noch nie gegenüber gestanden. Fünf derart starke Monster so einfach zu beschwören, das war unbeschreiblich. Deren gesamte Angriffskraft konnte sie in einer Battle Phase vernichten!
      Anscheinend dachte Zyxx dasselbe, denn er seufzte. „Oh je, habe ich dich verschreckt? Wäre mein Anliegen nicht von so großer Wichtigkeit, würde ich mir glatt wünschen, dass unser kleines Gefecht noch etwas andauert.“
      Er hob den Arm wie einen Admiral mit der Handfläche nach unten gerichtet. „Aber ich habe meine Befehle. Entschuldige. [Igknight Cavalier], zerstöre [Spiritual Beast Apelio]!“
      Die pinke Ritterin gab einen zustimmenden Laut von sich und warf die Klinge in ihrer Hand auf den Junglöwen. Jener wurde in der Brust getroffen. Ein Schuss löste sich aus dem Pistolenteil der Klinge und durchdrang den Körper des Tiers, schoss durch Velvet hindurch. Die sackte in die Knie, verpasste der Treffer ihr einen schmerzhaften Stich in der Schulter. Es raubte ihr die Luft zum Atmen. „Ah!“

      [Velvet: 4000LP → 3100LP / Zyxx: 3400LP]


      Sie fasste an die schmerzende Stelle, berührte den Stoff ihres violetten Kleides. Doch da war nichts, kein Blut, wie sie es bei anderen Duellen in ihren Visionen oft gesehen hatte.
      „Ich würde dir niemals ernsthaft weh tun“, sagte Zyxx aufrichtig. „Einer meiner Untergebenen hat die Sicherheitseinstellungen dieses Dings ein wenig hochgeschraubt. Nur ein klitzekleines Bisschen.“
      Er hob dabei demonstrativ seine Energie-Duel Disk an und zwinkerte ihr zu.
      Velvet erhob sich. Ihr war ganz flau auf dem Magen. „I-ihr könnt doch nicht mit deaktivierten Schutzmechanismen rumlaufen! Leute könnten verletzt werden!“
      „Leider ist das Ganze nicht so einfach. Aber das werde ich dir erklären, wenn du mitkommst.“
      „Niemals!“
      „Ich möchte dich an unsere Abmachung erinnern.“ Diesmal funkelten seine Augen auf andere Art und Weise. Gefährlich, berechnend. „Gewinne ich dieses Duell, wirst du genau das tun.“
      Ohne wirklich darüber nachzudenken, nickte das Mädchen. Sie hatte Angst. Dieser Mann wollte sie entführen. Was hinderte ihn daran, es nicht trotzdem zu tun, wenn sie gewann? Wie sollte sie bloß entkommen, wenn diese seltsame Technik sie daran hinderte? Und was wurde aus Sammy?
      Der androgyne Mann legte ein bedauerndes Lächeln auf. „Und wie es aussieht, wird das jeden Moment der Fall sein.“
      In dem Moment kam Velvet wieder zur Besinnung und aktivierte geistesgegenwärtig den Schalter an ihrer Duel Disk. „Nein!“
      Ihre gesetzte normale Falle klappte auf. Auf ihr war ein sagenhafter Wald zu sehen, in welchen auf einer Lichtung ein blondes Mädchen niederkniete. Aus der Karte schoss eine transparente Gestalt und fegte in sagenhafter Geschwindigkeit um das Spielfeld, unterband jeden Versuch der Kriegertruppe, die Waffen zu erheben.
      „D-du hast den Zorn der Ritual Beasts auf dich gezogen. Wenn du ein Monster dieses Themas zerstörst, beendet [Spiritual Beast's Protection] automatisch deinen Zug“, erklärte Velvet keuchend.
      Zyxx, seiner Angriffe beraubt, kicherte amüsiert. „Weniger hätte ich auch nicht von dir erwartet, kleines Täubchen. Nun denn, so sei es.“

      Velvet nahm die oberste Karte ihres Decks auf und betrachtete sie nervös. Zwar mochte ihr Gegner keine Handkarten besitzen, dafür aber eine Armee an mächtigen Monstern, die er jede Runde neu beschwören konnte. Was bedeutete, dass es sinnlos war, es mit ihnen aufnehmen zu wollen. Ihre einzige Hoffnung lag darin, einen einzigen, vernichtenden Schlag auszuteilen. Sie blickte herab zu ihren Füßen, wo ihre beiden verbliebenen Fallen verdeckt lagen. Damit konnte sie es schaffen, aber noch war es zu früh.
      Unsicher blickte sie auf. „A-also dann, ich beschwöre [Ritual Beast Tamer Wen]. Wenn sie gerufen wird, beschwört sie ein verbanntes Spiritual Beast. Erscheine, [Spiritual Beast Pettlephin]!“
      Eben das Mädchen im violetten Kleidchen auf dem Artwork von [Spiritual Beast's Protection] tauchte vor Velvet auf. Wen hielt einen langen Zauberstab in den Händen, in dessen Kopf ein ovaler, blauer Kristall eingelassen war. Jenen schwang sie aus, wodurch dichter Nebel um sie herum entstand. Jener formte sich zur Gestalt eines pinken Delfins, der in der Luft schwebte. Auf seiner Stirn befand sich ebenfalls ein blauer Edelstein.

      Ritual Beast Tamer Wen [ATK/1500 DEF/1000 (3)]
      Spiritual Beast Pettlephin [ATK/0 DEF/2000 (4)]

      Tief durchatmend schob sie ihre aufgezogene Karte einen der freien Zauberfallen-Slots, wodurch eine dritte verdeckte Karte zu ihren Füßen erschien. Dann verkündete sie: „Jetzt lernst du eine besondere Art der Fusion kennen!“
      Sie breitete beide Arme weit von sich aus. „Oh Adeptin der Beschwörungskunst. Oh Meereskreatur der Güte und Reinheit!“
      Beide Monster stiegen in die Luft auf. Parallel dazu richtete das schwarzhaarige Mädchen ihre Hände nach oben, wo sie sie ineinander faltete. „Bindet euch aneinander! Contact Fusion!“
      Energisch riss sie die zusammenballten Hände nach unten. Über ihr wuchs der Jungdelfin zu beachtlicher Größe an, um den Kristall auf seiner Stirn bildete sich eine silber-blaue Haube. Gleichzeitig bestieg Wen ihren Kameraden wie ein Reittier.
      „Beschütze mich, [Ritual Beast Ulti-Pettlephin]!“ Jener sank zu Velvet hinab und blockierte den Weg. Die Brillenträgerin räusperte sich. „Z-zug beendet.“

      Ritual Beast Ulti-Pettlephin [ATK/200 DEF/2800 (6)]

      „Contact Fusion? Wie interessant“, plauderte Zyxx, während er nebenbei zog, „so eine Art der Verschmelzung habe ich bisher nicht kennenlernen dürfen. Ganz ohne Fusionskarte, fabelhaft.“
      „A-an ihm kommst du nicht vorbei.“
      Es gab jedoch kein Anzeichen, dass der Mann von ihren Worten in irgendeiner Form überzeugt war, weshalb Velvet die Finger verkrafte und schluckte.
      „Ich möchte nun den zweiten Effekt meiner Spielfeldzauberkarte [Ignition Phoenix] aktivieren. Die Flammen mögen einen meiner Igknights verzehren“, kündigte der Blondschopf an. Ein gellender Schrei ging vom flammenden Vogel über ihm aus und [Igknight Veteran] wurde kurzerhand Opfer einer spontanen Selbstentzündung, „doch aus der Asche wird ein neuer Ritter geboren. Ich erhalte [Igknight Champion] von meinem Deck auf die Hand.“
      Der Apparat an seinem Arm schob die Karte aus, während eine rote Lichtessenz gen Himmel stieg, wo das sich öffnende Himmelsloch sie aufsog. Waren all seine Krieger zuvor effektlose Pendelmonster, hatte dieses einen rein braunen Kartenrahmen, wie Velvet bemerkte. Ihr blieb jedoch keine Zeit, diese Info zu verarbeiten, denn nacheinander gingen auch der Katana-Schwinger Templar, Gallant mit dem Maschinengewehr und die Kunoichi Cavalier in Flammen auf, die vom Pendelportal absorbiert wurden.
      Zyxx zeigte sein Monster vor. „[Igknight Champion] ist ein ganz schöner Schlingel. Ich muss schon drei seiner Kameraden zerstören, um ihn überhaupt rufen zu können.“
      Eine gewaltige Stichflamme schoss vor ihm aus dem Boden und brachte einen Hünen in grüner Panzerung mit sich. Jener war mit einer massiven Kanone bewaffnet, die er mit einer Hand schulterte, während die andere ein Harpunengeschoss fest umklammert hielt.

      Igknight Champion [ATK/2800 → 3100 DEF/2300 → 2600 (8)]

      Velvet stieß bei seinem Anblick einen entsetzten Schrei aus.
      Belehrend schwang Zyxx dabei den Zeigefinger. „Unartiges Ding, du. Denkst du, ich weiß nicht, dass du eine kleine Überraschung für mich im Friedhof liegen hast?“
      Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Dem Mädchen gefror das Blut in den Adern. Wenn er davon wusste, dann-!?
      „Los, mein Champion, aktiviere deinen Effekt.“ Dabei nahm Zyxx sein letztes, verbliebenes Pendelmonster auf dem Feld, [Igknight Margrave] mit den Doppelpistolen, auf sein Blatt zurück. Jener löste sich vor ihren Augen in gleißende Flammen auf, die von der Harpune des Hünen absorbiert wurden. „Dein süßer Delfin schwimmt jetzt prompt ins Extradeck zurück.“
      [Igknight Champion] richtete seine Kanone auf Wen und ihr Reittier, das schützend vor Velvet verharrte, und lud es mit seinem Geschoss. Dann feuerte er.
      Aber Velvet hielt in einem Anflug von Todesmut dagegen. „Das wird er, aber nicht so wie du denkst! Contact out!“
      Rechtzeitig sprang das blondgelockte Mädchen von Pettlephin ab, der augenblicklich schrumpfte und wieder die Form eines Jungtiers annahm. Die Harpune zischte zwischen ihnen beiden hindurch an Velvet vorbei und krachte in einen Baum. Es knarzte so laut, dass das Mädchen vor Schreck zusammenzuckte.

      Ritual Beast Tamer Wen [ATK/1500 DEF/1000 (3)]
      Spiritual Beast Pettlephin [ATK/0 DEF/2000 (4)]

      „Oh?“, machte Zyxx einen langgezogenen Laut. „Du kannst die Fusion also jederzeit rückgängig machen?“
      Das Mädchen nickte. „J-ja, aber das funktioniert nur einmal pro Zug.“
      „Aber das macht es doch nur umso leichter für mich, mein Liebes.“ Zyxx seufzte und richtete seinen linken Arm in die Höhe. „Schwinge, mein Pendulum. Ich beschwöre aus dem Extradeck die Igknights Templar, Cavalier, Gallant und Veteran. Pendulum Summon!“
      Über ihm öffnete sich das Pendelportal und stieß vier rote Lichtstrahlen aus, die als Katana-Scharfschütze, pinke Ninjaritterin, schwer bewaffneter Maschinengewehr-Kämpfer und niederkniender Langschwert-Schwinger Form annahmen.

      Igknight Templar [ATK/1700 → 2000 DEF/1300 → 1600 (4) PSC: <7/7>]
      Igknight Cavalier [ATK/2400 → 2700 DEF/1200 → 1500 (5) PSC: <2/2>]
      Igknight Gallant [ATK/2100 → 2400 DEF/2200 → 2500 (6) PSC: <2/2>]
      Igknight Veteran [ATK/1300 → 1600 DEF/2700 → 3000 (6) PSC: <7/7>]

      „Dann werde ich wohl mal.“ Der Mann mit den regelrecht funkelnden Augen sah Velvet an und hob den Arm. „Angriff, meine flotten Ritterchen.“
      „Nicht so hastig!“ Velvet aktivierte eine ihrer gesetzten Karten. „Schnellzauber [Ritual Beast's Bond]. Sie lässt mich sofort eine Contact Fusion in deinem Zug durchführen.“
      Wieder streckte sie beide Hände weit von sich. „Oh Adeptin der Beschwörungskunst. Oh Meereskreatur der Güte und Reinheit! Bindet euch aneinander! Contact Fusion!“
      Wieder stiegen ihre beiden Monster ein Stück weit über ihr in die Luft. Wen bestieg Pettlephin, der zunehmend wuchs und älter wurde und zusammen schwebten sie vor dem Mädchen.
      „Beschütze mich, [Ritual Beast Ulti-Pettlephin]!“

      Ritual Beast Ulti-Pettlephin [ATK/200 DEF/2800 (6)]

      Ihr Gegner fasste sich an die Stirn und stöhne. „Na was denn jetzt? Ihr jungen Dinger heutzutage könnt euch einfach nicht für eine Sache entscheiden.“
      Er zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Da muss ich wohl durch. Angriff auf ihr Tierchen, [Igknight Champion].“
      „D-da du sowieso weißt, was auf meinem Friedhof liegt, aktiviere ich den Effekt.“ Velvet nahm jene Karte aus ihrem Ablagestapel heraus. „[Bacon Saver] negiert den Angriff, wird aber verbannt.“
      Der Krieger feuerte aus seiner Kanone auf den Delfin und seine Reiterin. Vor denen materialisierte sich ein schwarzes, kugelrundes Schweinchen, das nur einmal nieste, um den Feuerstoß verpuffen zu lassen. Dies aber so stark, dass es glatt sein ganzes Skelett ausprustete und verschwand.
      Mit vorgehaltener Hand kicherte Zyxx mädchenhaft: „Wie süß. Aber das heißt ja, dass ich nicht mehr an deinem Ulti-Pettlephin vorbeikomme …“
      Velvet zog es vor, das gar nicht erst zu kommentieren, wenn auch nur aus Angst, im Anschluss eine böse Überraschung zu erleben. Ihr hellblonder Gegner nahm eine seiner beiden Karten aus dem Blatt und aktivierte sie. „Nun, meine Jungs müssen sich etwas Neues ausdenken. [Igknight Reload] lässt mich beliebig viele Pendelmonster von meiner Hand ins Deck zurückmischen, um dann eine Karte mehr zu ziehen, als ich aufgegeben habe.“
      Er legte den [Igknight Margrave] auf sein Deck, das sich automatisch durchmischte und zog dann zwei Karten, die er beide fröhlich summend in seine Duel Disk einlegte. Zischend tauchten sie zu seinen Füßen auf. „Du bist dran, Täubchen.“

      Indes beobachteten zwei Gestalten vom Rande der Lichtung das Geschehen.
      „Davor hat der maskierte Dämon also gewarnt?“ Die junge Frau, die komplett in eine schwarze Kutte gehüllt war und eine weiße Porzellanmaske trug, schnaufte verächtlich. „Was ist an diesem Mädchen so besonders?“
      Kalis Begleiterin stand hinter dieser. Zwischen den beiden befand sich ein durchsichtiges, goldenes Gitter, die Farben dahinter waren deutlich aufgehellt. So erwiderte die brünette Frau mit dem langen Zopf wissend: „Sie besitzt die Gabe, die Zukunft vorherzusehen. Und damit auch die Macht, sie zu ändern.“
      Die selbsternannte Dämonengöttin blickte über ihre Schulter und sah die Frau in weißer Robe, mit darüber liegendem, grauem Umhang an. Und lachte auf. „Ernsthaft? So etwas gibt es?“
      „Zweifelst du an meinem Urteil?“
      „Natürlich nicht, Lady Gardenia“, gab Kali kleinlaut bei. „Es ist nur seltsam. Wie alt ist das Mädchen, vielleicht sechzehn? Wieso kommt erst jetzt jemand und will sich ihrer bemächtigen?“
      Gardenia schloss die Augen. „Sicher werden wir bald mehr wissen. Aber wenn die Hintermänner dieses Zyxx ihn, einen Vampir, schicken, steht etwas von großer Bedeutung bevor.“
      „Na klasse“, brummte Kali, während das Erscheinungsbild der brünetten Frau hinter ihr zusammen mit dem flackernden Goldnetz verschwand, „und ich bin die Dumme, die sich drum kümmern muss.“

      „M-mein Zug“, nickte Velvet derweil und schluckte. „D-draw.“
      Du kannst es schaffen, versuchte sie sich selbst Mut zuzusprechen. Jetzt war der perfekte Zeitpunkt, ihre Kombo zu entfesseln. Wenn sie doch nur genug Selbstbewusstsein hätte. Aber da war nichts, nur Angst.
      „I-ich aktiviere eine Falle“, nuschelte sie mit zitternder Stimme. Sofort klappte die zu ihrer Linken liegende Karte vor ihr auf. „Das ist [Return From The Different Dimension]. S-sie holt all meine verbannten Monster für einen Zug aufs Feld, aber das kostet mich die Hälfte meiner Lebenspunkte.“
      Grüne Aura brannte um die Schwarzhaarige. Zwei Spalten im Raum-Zeit-Gefüge öffneten sich vor ihr, dehnten sich aus. Doch der Anblick verschwamm unvermittelt vor ihren Augen. Keuchend fasste Velvet sich an die Stirn und senkte das Haupt. Was war das!? Ihr war ganz schwindelig!

      [Velvet: 3100LP → 1550LP / Zyxx: 3400LP]


      Aus den Rissen flogen der pinke Jungdelfin und das blond-gelockte Mädchen Wen. Beide gesellten sich neben das gereifte Delfinreiter-Duo.

      Ritual Beast Tamer Wen [ATK/1500 DEF/1000 (3)]
      Spiritual Beast Pettlephin [ATK/0 DEF/2000 (4)]

      „U-und jetzt beschwöre ich [Ritual Beast Tamer Lara], durch deren Effekt ich ein Spiritual Beast vom Friedhof auferstehen lassen kann.“ Velvet entnahm ihrem Friedhof die einzig passende Karte für dieses Unterfangen. „Kehre zurück, [Spiritual Beast Apelio]!“
      Zuerst tauchte ein junges Mädchen mit kupferblondem Haar auf, gekleidet in einer grünen Robe samt Umhang, die ihren Holzzauberstab zur Seite ausschwang. Bunte Nebel sammelten sich dort, aus denen der Junglöwe mit der glühenden Mähne und Schweifspitze erschien.

      Ritual Beast Tamer Lara [ATK/100 DEF/2000 (1)]
      Spiritual Beast Apelio [ATK/1800 DEF/200 (4)]

      „Oh? Wie putzig“, gluckste Zyxx und Velvet konnte nur ahnen, ob er das sarkastisch meinte oder nicht. „Eine süße kleine Armee hast du da aufgestellt.“
      Die Brillenträgerin schluckte und nahm all ihren Mut für einen Konter zusammen. „Aber sie hat keine Chance gegen deine Ritter. Das ist, was du sagen willst, stimmt's?“
      „Der Gedanke liegt mir fern.“ Er zwinkerte verschwörerisch, als ob er nur mit ihr spielte.
      Doch genau darauf hatte das Mädchen gewartet, denn ihm würde hören und sehen vergehen. „Der Zusammenhalt meiner Monster ist stärker als du es dir vorstellen kannst. Ich aktiviere meine verdeckte Falle, [Ritual Beast Steeds]. Schwärmt aus!“
      Erst löste sich der schwebende Delfin mit seiner Reiterin aus der Formation und sauste als Anführer auf Zyxx' Harpunier zu. Die beiden Mädchen Wen und Lara nickten einander zu und peilten die Kunoichi sowie den Scharfschützen an. Apelio und Pettlephin folgten ihnen und peilten die übrigen beiden Feuerritter an. Einer nach dem anderen prallten sie auf die feindliche Front und überrannten sie einfach. Zyxx musste fünf hintereinander folgende Explosionen über sich ergehen lassen.
      „[Ritual Beast Steeds] zerstört für jedes Monster aus dem Heiligen Wald eines von deinen. Du bist völlig schutzlos!“ Kaum waren ihre Monster zurückgekehrt, streckte Velvet beide Hände von sich aus. „Und jetzt lernst du mein Lieblingsmonster kennen. Oh Wunderkind der Beschwörung! Oh Bestie des Stolzes und der Redlichkeit!“
      Apelio und Lara schwebten zusammen über ihr in die Luft. Dabei wuchs der Junglöwe auf beachtliche Größe an, seine Mähne spross und loderte, seine Haut verdunkelte sich.
      „Bindet euch aneinander!“ Velvet faltete die Hände über dem Kopf zusammen und riss sie zu einer Faust geballt hinab. „Contact Fusion!“
      Die Magierin schwang sich auf den Rücken Apelios, welcher elegant vor seiner Besitzerin auf den Pfoten gelandet war und sie um mindestens einen Kopf überragte. „Kämpfe, [Ritual Beast Ulti-Apelio]!“
      Mit einem imposanten Brüllen verkündete der Löwe seine Ankunft, während er von seiner Reiterin sanft getätschelt wurde.

      Ritual Beast Ulti-Apelio [ATK/2600 DEF/400 (6)]

      Beide Hände immer noch ineinander gefaltet, presste sie jene gegen ihre Brust. „Bitte, hilf mir, Apelio! Direkter Angriff! Ethereal Advance!“
      Seine Reiterin Lara streckte ihren langen Zauberstab weit aus, als gäbe sie denselben Befehl. Und der Löwe begann voran zu stürmen. Dabei zog er gleißende Flammen hinter sich her.
      Doch Zyxx belächelte das Ganze nur. „Wie ein Vögelchen, das freiwillig in seinen Käfig fliegt.“
      „W-was!?“
      „Tsk, tsk, tsk, du bist du wohl ein wenig zu übereifrig gewesen, Herzchen.“ Zyxx schnippte mit dem Finger. Seine linke gesetzte, grün-umrandete Karte sprang auf. Velvet keuchte. „Die beiden Schätzchen hier hast du wohl vergessen? Jammerschade, das kostet dich das Duell. [Igknight Explode]!“
      Zyxx richtete seinen Arm mit der Energie-Duel Disk daran auf Velvet, ballte eine Faust. Dann schossen nacheinander vier Flammenbälle aus ihr. „Mit diesem Schnellzauber verbrenne ich all deine Monster, solange ich eine vergleichbare Zahl an Feuer-Pendelmonstern in meinem Extradeck liegen habe. Nicht nur deine Monster kennen Zusammenhalt, mein Täubchen.“
      Mit weit aufgerissenen Augen sah Velvet mit an, wie erst Ulti-Apelio und seine Reiterin von einer der Feuersphären getroffen wurde und in einem Inferno aufgingen. Dann erwischte es die Einzelgängerin Wen und den pinken Jungdelfin, ehe Ulti-Pettlephin als Letztes mit seiner Begleiterin dem Flammen zum Opfer fiel.
      Anstatt aber in Panik auszubrechen, atmete die Schülerin im pink-weiß-geblümten Kleid und den schwarzen Leggins tief durch. „D-das funktioniert aber nicht. [Ritual Beast Ulti-Pettlephin] besitzt den Effekt, einmal pro Zug nicht durch Effekte zerstört werden zu können.“
      „Oh, habe ich mich falsch ausgedrückt? Ups.“ Er kicherte wieder auf diese unterschwellig abwertende Art und Weise. „Die von [Igknight Explode] getroffenen Monster werden direkt verbannt.“
      „Ah!“ Erst flog die Asche der brennenden Wen durch die Luft, dann die von Pettlephin junior und schließlich seinem älteren Ebenbild. Velvet brachte kein Wort hervor.
      Zyxx aber auch nicht, denn das letzte in Flammen stehende Lebewesen auf dem Feld zerfiel nicht wie die anderen zu Asche – es rannte plötzlich auf ihn zu. „Was!?“
      Sich aus dem Feuer lösend, sprang Ulti-Apelio auf seinen Feind zu und verpasste ihm einen mächtigen Hieb mit seiner Tatze.

      [Velvet: 1550LP / Zyxx: 3400LP → 800LP]


      „D-das wollte ich auch noch sagen. Während des Angriffs ist [Ritual Beast Ulti-Apelio] vor Karteneffekten geschützt“, erklärte Velvet und atmete erleichtert auf. Wenigstens er war ihr geblieben.
      Zyxx torkelte, kalt erwischt von dem Treffer, ein wenig zurück, fing sich dann aber wieder. „Also hast du meine verdeckten Karten doch nicht vergessen, sondern vorgesorgt. Bravo!“
      Er klatschte in die Hände und strahlte dabei aufrichtig begeistert. So wie er da stand und sich wie ein kleines Kind freute, konnte Velvet gar nicht glauben, dass er ihr etwas Böses wollen könnte. Aber nein! Er hatte Sammy entführt und mit ihr das Gleiche vor!
      Allein der Gedanke versetzte sie sofort wieder in Angst und Schrecken.
      „Übrigens weiß ich, dass deine stolze Bestie sich in ihre Ursprungsform zurückverwandeln kann. Also lass dir gesagt sein, dass [Igknight Explode] bis zum Ende des Zuges keine Spezialbeschwörungen mehr erlaubt.“ Zyxx lächelte immer noch vergnügt.
      Tatsächlich traf dieser Nebeneffekt Velvet weniger als er vermutete, denn da jedes Spiritual Beast nur einmal pro Zug spezialbeschworen werden konnte und sie dies mit Apelio junior bereits getan hatte, konnte sie dessen erwachsene Form in diesem Zug nicht mehr umkehren.
      „I-ich setze meine letzte Handkarte verdeckt. Zug beendet“, verkündete Velvet wenig erbaut in Anbetracht ihrer Zukunftsaussichten. „Oh …“
      In dem Moment erinnerte sie sich wieder an ihre Vision. Sie hatte sich noch nicht geändert, also würde sie wohl zumindest so schnell nicht sterben. Moment! Dieser Mann! War es möglich, dass -er- etwas damit zu tun hatte!?

      Zyxx zog indes schweigsam auf. Dann sah er sie an. Da war ein Funkeln in seinen klaren, grünen Augen, gefährlich. Das eines Jägers.
      Schluckend sah Velvet auf ihre Duel Disk. Außer ihrer verdeckten Karte und Ulti-Apelio war ihr nichts geblieben. Und sobald dieser Mann seine Ritterarmee aus dem Extradeck zurückgependelt hatte, würde er sie endgültig überrennen. Ihr blieb gar keine andere Wahl.
      Das Mädchen biss sich auf die Lippen. „Es tut mir leid. Bitte verzeih' mir, Ulti-Apelio! Ich aktiviere meine verdeckte Falle [Gale Echo]!“
      Jene purpurn umrandete Karte sprang vor ihr auf und zeigte einen schwarzen Adler in einer Höhle, der verletzt am Boden lag und einen Schrei ausstieß.
      „Sieh einer an, damit habe ich nicht gerechnet“, kokettierte Zyxx amüsiert.
      „Diese Falle zerstört erst all meine Monster des Attributs Wind“, presste Velvet mühsam hervor und sah weg, als ihr Löwe und seine Reiterin explodierten, nicht ohne jedoch vorher verzweifelt aufzustöhnen. Als sie fort waren, sah die Schwarzhaarige wieder geradeaus. „Danach darf ich einen Schnellzauber oder eine Falle von meinem Friedhof aktivieren. Und da in diesem Zug ein Ritual Beast zerstört wurde, wähle ich [Ritual Beast's Protection]!“
      Plötzlich drang hinter ihr die durchsichtige Silhouette Ulti-Apelios vor und zischte auf Zyxx zu, der überrascht aufsah. Der Geist raste durch ihn hindurch und verschwand.
      „Ich erinnere mich“, sprach Zyxx und richtete seine verrutschte Federboa, „der kleine Zauber, der sofort den Zug beendet. Raffiniert. Also dann bin ich wohl fertig, noch bevor ich angefangen habe.“

      Velvet griff nach ihrem Deck. Schweiß stand ihr auf der Stirn geschrieben. Sie hatte ihm verschwiegen, dass [Gale Echo] die zerstörten Monster während ihres dritten darauffolgenden Zuges wieder zurück beschwor, doch solange würde sie nicht durchhalten. Es sei denn, es geschah jetzt ein Wunder.
      Sie griff mit zitternder Hand nach ihrem Deck. Sein Feld war noch offen für einen direkten Angriff. Wenn sie ein Monster mit mindestens 800 Angriffspunkten zog, würde sie gewinnen. Das hieß, falls sie eines zog.
      „Bitte“, flüsterte sie aufgewühlt.
      Es war ihre einzige Chance! Nächste Runde würde er seine Pendelmonster beschwören!
      „Bitte!“, rief sie noch einmal eindringlich aus und riss die oberste Karte von ihrem Deck.
      Aufgeregt betrachtete sie und stieß einen entsetzten Schrei aus. Eine Falle! Und vollkommen nutzlos in ihrer derzeitigen Lage. Entgeistert sah sie zu Zyxx auf.
      Entgegen ihrer Annahme ergötzte er sich aber nicht an ihrem Anblick, sondern betrachtete sie beinahe mitleidig.
      Velvet nahm die Karte in beide Hände. Nass erfüllte ihre Augen bei der Erkenntnis, was das für Konsequenzen hatte. Mutlos sank sie in die Knie und schluchzte. Alles war vorbei. Er würde sie mitnehmen, entführen. Sie könnte versuchen wegzurennen, aber er war ein Mann, hatte die längeren Beine und war bestimmt fitter als sie.
      „Oh nein, nein …“, jammerte sie und rieb sich hinter ihrer Brille die Augen.
      Zyxx setzte dazu an etwas zu sagen, sprach jedoch seine Gedanken nicht aus.

      Da durchfuhr es Velvet wie ein Blitz. Sie weitete die Augen. Sie -sah-!
      Wie sie mit Zyxx ging. Ein schwarzes, ovales Portal betrat, in dessen glänzender Oberfläche sie ihre Reflexion sah. Ein Zeitsprung nach vorne. Viele Menschen um sie herum, in einer großen Halle. Sie alle betrachteten sie fragend, manche sogar ehrfürchtig. Es folgte noch ein Schnitt. Sie sah den Rücken eines Mannes, kräftig und breit. Sein schneeweißes Haar lag ihm weit über die Schultern hinaus. Er drehte sich um und plötzlich standen sie sich auf den Fenstern der beiden gegenüber liegenden Hochhäuser auf unterschiedlichen Höhen entgegen.
      Dann auf einmal umschlang sie eine Dunkelheit, wie sie sie noch nie gesehen hatte.

      Keuchend kippte Velvet vorne über. Das war die Zukunft! So sah sie aus, wenn sie mit Zyxx ging. Dieser Mann am Ende. Sie hatte sein Gesicht nicht gesehen. Aber was sie gefühlt hatte, es war so real gewesen, als wäre es bereits geschehen. Furcht! Dieser Fremde wollte sie umbringen, dessen war sich sicher. Niemals zuvor war sie in so eine Schwärze eingetaucht. Sie musste ihre Fähigkeiten nicht gut kennen um zu wissen, dass -das- das Ende war. Ihr Ende.

      Velvet weitete die Augen. Ein blauer Funke trat aus ihnen heraus, als sie die erschreckende Erkenntnis traf. „Nein!“
      Schreiend sprang das Mädchen auf, nein, wurde regelrecht auf die Beine gerissen. Aus beiden Augen loderte es hellblau, leichte Schlieren tanzten in der Luft. Velvet sah gen Himmel und streckte beide Arme aus, ihre Iriden färbten sich blutrot. „The sky is torn open!“
      Ohne wirklich zu wissen, was sie da überhaupt tat, schlug sie ihre rechte, zur Faust geballte Hand gegen die Brust. „Summoning contract established!“
      Dann nahm sie sie und richtete sie in die Höhe. Acht grelle Lichter stiegen um sie herum aus dem Boden auf, verteilten sich hinter ihr in einer Sternenformation und festigten sich zu einem kreisrunden Tor, in dem sich die Sphären als Runen manifestierten. Jedes Symbol hatte einen eigenen Teilkreis, in dem es steckte. „Witness the creation of the eternal gate!“
      Hatte Zyxx bisher stets die Beherrschung gewahrt, stieß er jetzt einen verwunderten Laut aus. Gefolgt von einem Flüstern. „Kann es sein …?“
      Ruckartig schossen die einzelnen Bestandteile des Portals nach hinten, als Velvet rief: „Soar, ascend, exceed!“
      In den Grenzen des Tors lag ein langer, bunter Tunnel. Ein dunkler Schatten in seinem Inneren näherte sich. „Open the enternal gate! Excel Summon!“
      Velvet riss den erhobenem Arm hinunter und zeigte ihren Handrücken, in dem ein schwarzer Stern eingraviert war. „Grade 8! Now rise, [Ebon Sky Pegasus]!“
      Dann folgte ein Moment kompletter Schwärze, als ihre Kreatur das Feld betrat. Das Portal hinter Velvet schwand, als das Licht zurückgekehrt war. Und über ihr verharrte ein majestätisches Wesen, wie selbst Zyxx es noch nie gesehen zu haben schien.
      „Wunderschön“, hauchte er fasziniert im Antlitz des schwarzen Pegasus.
      Die Spitzen seiner Federschwingen und auch seine Hufe brannten in blauen Flammen. Nicht anders war es mit der wallenden Mähne. Auf seinem Torso waren zu beiden Seiten rote, schwungvoll-gewellte Linien gezeichnet.

      Ebon Sky Pegasus [ATK/2500 DEF/2000 X8]

      Das blaue Feuer aus Velvets Augen löste sich auf, ihre Augen nahmen ihre normale, braune Farbe an. Blinzelnd stand sie da, sah mechanisch gen Himmel, wo ihr Monster auf Befehle wartete. „Huh!?“
      Dann erst dämmerte es ihr. „Ah! Wo kommt das her!?“
      Panisch wandte sie sich an Zyxx. „W-wie geht das?“
      „Du hast es beschworen, Liebes. Was auch immer es ist.“ Seine nachdenkliche Art wich einer entschlossenen, als er sie geradewegs anstarrte. „Nun muss ich dich -wirklich- bitten, mit mir mitzukommen.“
      Velvet schüttelte panisch den Kopf. Wenn sie das tat, würde sie zweifelsohne sterben. Sie sah wieder auf. Hatte sie dieses Monster wirklich beschworen? Wie? Sie erinnerte sich an diese seltsame Prozedur, aber nicht, woher sie sie überhaupt kannte. Geschweige denn, seit wann diese Karte überhaupt in ihrem Deck vorhanden war.
      „D-du wirst mir helfen?“, fragte sie an den schwarzen Pegasus gewandt, der aber nicht reagierte. Doch seine Karte lag auf ihrer Duel Disk, keine Frage. Statt eines farbigen Randes, füllte sein Artwork die komplette Karte aus und war nur an den wichtigen Stellen für den Text und die Werte ausgeblichen.
      Das Mädchen schluckte. Was ging hier vor sich? Seit wann konnte sie einfach Karten beschwören, die sie noch nie zuvor gesehen hatte!?
      Aber wenn er schon hier war und vielleicht, nur vielleicht vermochte er es, sie vor diesem Mann zu beschützen, dann würde sie nichts davon in Frage stellen.
      „Bitte!“, flehte sie und streckte den Arm aus. „Rette mich! Greife seine Lebenspunkte direkt an.“
      Ein Blitz durchfuhr sie. Der Name seines Angriffs lautete: „Aether Hurricane!“
      Zyxx schnalzte mit der Zunge, als der Pegasus seine Schwingen spreizte. Dieser Angriffe würde zweifelsohne ausreichen um ihn zu besiegen. Dann schlug Velvets neues Monster seine Flügel nach vorne aus, wobei sich von den blau-brennenden Spitzen Funken lösten. Der entfachte Wirbelsturm sog jene in seinem Marsch Richtung des Blonden in sich auf und ging dabei letztlich selbst in lodernd-blauen Flammen auf.
      „Du liebe Güte“, stöhnte der Mann und fasste sich an die Stirn. „Wer hätte gedacht, dass das Ganze so einen Verlauf nimmt? Fallenkarte aktivieren, [Pendulum Reborn]!“
      Velvet stieß einen erstickten Schrei aus, als jene Karte vor Zyxx aufklappte. Die hatte sie völlig vergessen!
      „Dieses kleine Schätzchen ruft sofort ein Pendelmonster aus meinem Friedhof oder Extradeck zurück. Komm zu Papa, [Igknight Cavalier]!“
      Über Zyxx öffnete sich das Pendelportal, aus dem ein roter Lichtblitz geschossen kam. Jener schlug vor ihm in Form der pinken Kunoichi-Ritterin ein, die kämpferisch vor ihrem Meister stand.

      Igknight Cavalier [ATK/2400 → 2700 DEF/1200 → 1500 (5) PSC: <2/2>]

      Solange der flammende Phönix, der Spielfeldzauber [Ignition Phoenix], am Himmel stand, würde Ebon nicht gewinnen können. Velvet rief hektisch: „A-angriff abbrechen, schnell!“
      Wiehernd sorgte der Pegasus über ihr dafür, dass der brennende Wirbelsturm kurz vor der Kriegerin Halt machte und verpuffte.
      Neue Hoffnungslosigkeit brach über das Mädchen hinein. Alles umsonst. Nächste Runde würde Zyxx' Monsterarmee sie überrennen. Sie betrachtete ihre letzte Handkarte. Nein. Sie durfte nicht aufgegeben. Vielleicht konnte sie Zyxx mit einem Bluff überzeugen.
      „E-eine Karte verdeckt“, versuchte sie, so souverän wie möglich zu klingen. Und scheiterte kläglich. Zischend nahm die Karte zu ihren Füßen mit dem Rücken nach oben Gestalt an. So verkündete sie: „Z-zug beendet. I-ich warne dich-“

      „Vor einer völlig unbrauchbaren Karte? Ich bitte dich, Täubchen, du solltest gar nicht erst versuchen zu lügen. Das steht dir nicht.“ Zyxx zog auf. Dann warf er einen nachdenklichen Blick auf Velvets so unvermittelt erschienenes Monster. „Hmm.“
      Es folgte ein Fingerschnippen. „Ich benutze den Effekt meines Spielfeldzaubers [Ignition Phoenix] und zerstöre [Igknight Cavalier], um [Igknight Crusader] von meinem Deck zu erhalten.“
      Der Feuerphönix am Himmel stieß einen schrillen Schrei aus. Sofort explodierte die Ritterin vor Zyxx lautstark, stieg als rote Essenz gen Himmel empor, wo sich das Pendelportal öffnete und sie verschlang. Eine einzelne Karte schob sich aus dem Deckschacht, der an Zyxx' Arm befestigt war.
      „Dann benutze ich [Igknight Reload] und mische ihn ins Deck zurück, um danach zwei Karten zu ziehen.“ Genau das tat der dunkelblonde Mann auch und zog zweimal hintereinander, betrachtete seine Karten skeptisch. „Hmm. Okay, beenden wir dieses Duell endlich. Pendulum Summon!“
      Abermals öffnete sich ein Tor, umschlossen von zahllosen Lichtellipsen über ihm und stieß vier rote Lichtstrahlen aus. „Aus meinem Extradeck die Igknights Cavalier, Templar, Gallant und Veteran!“
      Schon standen sie wieder vor ihm. Die pinke Kunoichi mit den Wurfmesserpistolen, der Sniperritter, sein Maschinengewehr schwingender Kamerad und zuletzt der Krieger mit dem Uzischwert.

      Igknight Cavalier [ATK/2400 → 2700 DEF/1200 → 1500 (5) PSC: <2/2>]
      Igknight Templar [ATK/1700 → 2000 DEF/1300 → 1600 (4) PSC: <7/7>]
      Igknight Gallant [ATK/2100 → 2400 DEF/2200 → 2500 (6) PSC: <2/2>]
      Igknight Veteran [ATK/1300 → 1600 DEF/2700 → 3000 (6) PSC: <7/7>]

      „Keine Sorge, Liebes, ich werde persönlich sicherstellen, dass es dir bei uns an nichts mangeln wird.“ Zyxx klang dabei tatsächlich aufrichtig.
      Doch das Mädchen, das am ganzen Leib zitterte, konnte nur wenig Anerkennung dafür zeigen. Sie schüttelte manisch den Kopf.
      Der bunte Vogel seufzte schwer, dann winkte er mit dem Handrücken. „Los meine Ritterchen, tut eure Pflicht …“
      Cavalier zückte eines ihrer Wurfmesser. Es musste doch noch irgendetwas geben, was sie tun konnte, dachte Velvet verzweifelt. Aber außer ihrer nutzlosen, gesetzten Karte war da nichts, das zwischen ihr und dieser Armee stand. Nur der schwarze Pegasus.
      „Bitte“, flehte sie und richtete den Arm mit der Duel Disk vor sich aus, um auf die Karte sehen zu können. „Ah! D-das ist es!“
      Natürlich, das Ding besaß einen Effekt und einen richtig guten sogar!
      „N-nein! I-ich aktiviere die besondere Fähigkeit meines [Ebon Sky Pegasus]!“ Velvet nahm dabei die von ihr zuvor gesetzte Karte aus dem Zauberfallen-Slot und schob sie in den Friedhof.

      [Velvet: 1550LP → 550LP / Zyxx: 800LP]


      „I-ich weiß nicht, woher dieses Monster kommt, aber es kann mir eine neue Chance verschaffen, wenn auch nur einmal. Für 1000 Lebenspunkte kann ich einen Zauber oder eine Falle von meinem Spielfeld auf den Friedhof legen“, erklärte Velvet und nahm all ihren Mut zusammen. „Um direkt eine andere aus meinem Deck zu aktivieren, ungeachtet ihrer Kosten.“
      Zyxx zog eine Augenbraue an. „Hmm?“
      Dir roten Streifen am Fell ihres Pegasus begannen grell aufzuleuchten. Es reckte das Haupt gen Himmel und wieherte majestätisch. Velvet rief: „Future Antithesis!“
      Grelles, silbernes Licht strahlte anschließend aus seinen Seitenstreifen, Mähne und Flammen an den Hufen verfärbten sich entsprechend.
      „Ich aktiviere“, schilderte das Mädchen entschlossen ihr Vorhaben, „[Lightning Vortex], der all deine offenen Monster sofort zerstört. Nimm das!“
      Ein Blitz schoss aus dem Himmel und fegte über die vier Krieger ihres Gegners hinweg. Eines nach dem anderen zersprang in tausend Partikel und wurde vom Pendelportal absorbiert.
      Sich an die Stirn fassend, schien Zyxx nicht allzu überrumpelt vom Verlust seiner Armee. „Hach, du bist wirklich ein Popo voll Arbeit.“
      „I-ich gebe nicht auf.“ In dem Moment sank der Pegasus zu ihr hinab. Seine Hufe berührten sanft das Moos unter ihnen. Die silbernen Flammen nahmen ihre gewohnt blaue Färbung an. Scheinbar hatte er sich verausgabt, konnte sein Effekt ja nur einmal pro Duell aktiviert werden.
      „Ein wenig Kampfgeist steht dir.“ Zyxx nahm seine beiden verbliebenen Handkarten und führte sie in seine Energie-Duel Disk ein, wodurch sie zu seinen Füßen erschienen. „Fu fu fu, vielleicht sollte ich für unseren letzten Showdown auch ein wenig enthusiastischer werden.“
      Er verhärtete seinen Blick derart, dass Velvet ganz anders wurde. Seine grünen Augen strahlen eine Macht aus, wie sie sie noch nie erlebt hatte. Ein eiskalter Schauder lief ihr den Rücken hinab. Das da war kein Mensch.

      Trotzdem durfte sie jetzt nicht aufgeben. Solange auch nur die geringste Chance bestand, dass er sein Versprechen hielt, würde sie weiterkämpfen. Auch wenn es keinen Grund gab, warum er das überhaupt sollte. Wahrscheinlich wusste er von Anfang an, dass sie die Zukunft sehen konnte.
      „Ah!“
      In dem Moment wurde ihr außerdem etwas bewusst. Der Mann aus ihrer letzten Vision, dieser Weißhaarige, war derselbe gewesen, dem sie in der von heute Morgen gegenüber gestanden hatte. Dann bedeutete das, dass alles miteinander verknüpft war.
      „I-ich weiß, ich habe noch gar nicht gefragt, warum du mich mitnehmen willst. Aber langsam verstehe ich es.“ Velvet schluckte. „Du und der Weißhaarige, ihr … ihr wollt das Ende der Welt einläuten!“
      Zyxx zeigte keine Regung. Was unüblich für ihn schien, ließ er sonst doch nichts unkommentiert.
      „I-ihr müsst damit aufhören! Ich habe es gesehen. Alles wird eingeschlossen, in ein grelles Licht, es ist das Ende von allem!“
      Immer noch keine Reaktion. Er sah sie eindringlich an, ebenfalls konträr zu seiner sonst eher unbekümmerten Art. Velvet flehte: „Bitte, du musst mir zuhören!“
      Entgegen ihres Aufrufs aber schüttelte er den Kopf. „Was geschehen soll, wird auch geschehen. Und ich begrüße die Zukunft, die du in deinem Traum gesehen hast. Für mich wäre sie Erlösung.“
      Erschrocken wich Velvet zurück. „Was!?“
      „Täubchen“, sprach er und lächelte dabei wieder so freundlich wie zuvor, „ich lebe schon sehr lange. Ab einem bestimmten Zeitpunkt spielt es keine Rolle mehr, wie viel noch kommt, da das Leben keinen Spaß mehr macht. Deswegen helfe ich dem 'Weißhaarigen'. Ich und noch eine Menge anderer Leute.“
      Panisch schüttelte Velvet den Kopf, doch Zyxx war noch nicht fertig. „Ich weiß, es ist schwer für dich, das zu akzeptieren. Du musstest wahrscheinlich schon viele schlimme Dinge sehen, aber bisher hat sich immer alles zum Guten gewandt. Dieses Mal wird das nicht geschehen.“
      Seine Worte lösten etwas in der Schwarzhaarigen aus, das sie so von sich nicht kannte. Trotz. Das letzte, was sie wollte, war Teil eines solchen Plans zu sein. Wenn die Welt unterging, würden all ihre Lieben sterben, all ihre Freunde, alle! „Das lasse ich nicht zu! Und wenn ich selbst gegen euch kämpfen muss!“
      „Das wirst du, Liebes.“ Und da blitzen sie kurz auf, seine langen Eckzähne.

      War er ein Vampir!? Obwohl sie sich für ihre tollkühnen Worte sofort schämte, spürte sie ein Feuer in ihrem Herzen, das wirklich für das einstehen wollte, was sie gesagt hatte. „Draw!“
      Sie riss die Karte von ihrem Deck und betrachtete sie. Dann sah sie auf. Vor Zyxx lagen zwei verdeckte Karten. Nächste Runde würde er wieder pendeln und dann war es endgültig vorbei. Sie musste es in diesem Zug beenden. Wieder schaute sie sich ihre Handkarte an. Wenn sie eines gelernt hatte, dann dass der Typ immer für eine Überraschung gut war. Er fühlte sich nicht bedroht von ihr, trotz des Wunders, das [Ebon Sky Pegasus] war. Also musste dort irgendetwas liegen, um ihre Angriffe abzuwehren oder gar um ihre Monster zu zerstören.
      Doch wenn Letzteres der Fall war, würde -das- ihn kalt erwischen. „Ich beschwöre [Spiritual Beast Tamer Winda]!“

      Spiritual Beast Tamer Winda [ATK/1600 DEF/1800 (4)]

      Vor ihr tauschte eine Zauberin mit langem, hellgrünem Haar auf, die in kurzer, schwarzer Hose und langem, beigefarbenem Cape da stand und ihren Zauberstab ausschwang.
      In dem Moment, in dem der Angriff ihn überrumpelte und seine Lebenspunkte auslöschte, würde Velvet rennen. So schnell sie konnte. Zumindest nahm sie es sich fest vor, doch da war immer noch Sammy, von dem weiterhin jede Spur fehlte.
      „D-direkter Angriff auf seine Lebenspunkte, [Ebon Sky Pegasus]“, presste das Mädchen schmerzerfüllt hervor, wissend, dass sie den Golden Retriever im Stich lassen musste. „A-aether Hurricane!“
      Sofort spreizte der vor ihr stehende Pegasus seine schwarzen Schwingen aus. Die blau lodernden Spitzen schlugen Funken, als er sie im Anschluss nach vorne ausschlug. Ein Wirbelsturm entstand, der auf seinem Weg zu Zyxx blaue Flammen fing und zu einem Feuertornado anwuchs. Velvet drehte sich in dem Moment um und wollte losrennen, doch Zyxx' Worte ließen sie erstarren.
      „Nicht so schnell, meine Liebe.“ Sie hörte, wie hinter ihm eine der gesetzten Karten hochfuhr. „Ich denke, meine Fallenkarte [Blazing Mirror Force] wird dir nicht gefallen.“
      Nervös blickte Velvet über die Schulter und sah, wie der lodernd-blaue Wirbelsturm auf eine Feuerbarriere traf, die sich vor Zyxx errichtet hatte. Jener erklärte: „Es tut mir leid, dir das zu sagen, aber durch deinen unbedarften Angriff werden all deine Monster zerstört.“
      „Mit so etwas habe ich schon gerechnet“, hielt sie dagegen, „deswegen habe ich auch [Spiritual Beast Tamer Winda] gerufen. Wenn sie zerstört wird, ruft sie ein Spiritual Beast aus meinem Deck oder sogar aus meinem Extradeck aufs Feld. Du wirst einen Angriff einstecken, ob du willst oder nicht!“
      Der dunkelblonde Mann lächelte amüsiert. „Und da täuscht du dich, Täubchen.“
      Langsam wurde der Ätherwirbel von der Flammenbarriere zurückgedrängt, bis er mit einem Mal ruckartig auf Velvets Monster zurückgeworfen wurde. Erst zerfetzte es den Pegasus, dann Winda. Aber damit nicht genug, schlugen die blauen Flammen plötzlich um die Schülerin selbst, welcher ganz schummerig wurde. „Ah!“
      „Deinen Angriff gegen dich zu richten war nur ein Teil des Effekts von [Blazing Mirror Force]. Der zweite fügt uns beiden Schaden zu, der der Hälfte der Angriffskraft der vernichteten Monster entspricht.“
      Größer und größer wurden Velvets Augen, als sie begriff. „A-aber das sind ja dann 2050 Punkte für jeden von uns! D-das Duell endet in einem Unentschieden!“
      „Und wieder irrst du dich“, flötete Zyxx und stemmte eine Hand in die Hüfte. „Denn wie du siehst, stehen zwei Karten hier vor mir offen.“
      Was Velvet einen spitzen Schrei entlockte, als sie ihr Augenmerk von ihm auf die beiden Karten vor ihm richtete, die tatsächlich beide aufgeklappt standen. Was bei den blauen Flammen, die um sie herum schlugen, gar nicht so einfach war. Die linke war die purpur umrandete Falle, die andere eine mit grünen Rahmen, ein Schnellzauber.
      „[Emergency Provisions]!?“
      „Wenn du in deiner Duellschule gut aufgepasst hast, weißt du, dass ich damit beliebig viele meiner anderen Zauber- und Fallenkarten auf den Friedhof legen kann, um für jede 1000 Lebenspunkte zu bekommen.“ Passend dazu löste sich [Blazing Mirror Force] von unten nach oben auf.
      Doch Velvet widersprach aufgebracht. „Aber du hast nur eine-!?“
      „Nein, Täubchen, genau genommen habe ich sogar vier.“ Symbolisch dazu zeigte er ihr entsprechend viele Finger.
      Und das Mädchen begriff, als sie hinauf zum flammenden Phönix am Himmel und die beiden Ritter in den hellblauen Lichtsäulen blickte. Spielfeldzauber konnte er auch opfern, ebenso Monster in den Pendelzonen, die dort als Zauberkarten behandelt wurden.
      Dann … dann hatte sie verloren. Velvet war so gelähmt von dieser Erkenntnis, dass sie völlig ihren Plan vergaß, unabhängig vom Ausgang wegzurennen.

      „Schluss damit!“, hallte plötzlich eine Stimme hinter ihr durch die Lichtung.
      Ehe Velvet sich versah, zischten kleine Schatten über ihren Kopf hinweg. Metall traf auf Metall. Zyxx fluchte und wich zurück. Die Hologramme verschwanden urplötzlich. In Arm des Mannes, dort wo seine Duel Disk sich befand, steckte ein Wurfmesser, das den ganzen Apparat samt Arm durchbohrt hatte.
      Dann spürte Velvet nur noch, dass etwas Hartes gegen ihre Schläfe schlug. Alles verschwamm, die Welt drehte sich. Dann Dunkelheit.

      Schwarze Stiefel traten neben Velvet auf, die bewusstlos am Boden lag.
      „Wie schön, dass du dich endlich zeigst“, sprach Zyxx süßlich, der das Wurfmesser nebenbei unbekümmert herauszog. Seine Solid-Vision-Duel Disk war fort, Blitze schlugen um sein Handgelenk, die Karten lagen am Boden.
      Die Kuttenträgerin hinter der weißen Porzellanmaske spottete: „Es war ein Fehler, mich nicht sofort auszuschalten.“
      „Du meinst deswegen?“ Der blonde Mann nickte den drei weiteren Messern zu, die in einer Dreiecksformation neben ihm in der Erde steckten. Zyxx lachte erheitert. „Daneben, Herzchen.“
      „Ich würde sagen 'Volltreffer'“, hielt Kali überheblich gegen.

      Zyxx ließ sich jedoch nicht aus der Fassung bringen. Auch nicht, als sich der Boden unter seinen Füßen weiß verfärbte. In den Grenzen der drei Messer nahm er die Gestalt von akkurat aneinander gereihten Marmorfliesen an.
      Die selbsternannte Dämonengöttin hob die rechte Hand und winkte. „Du hast ein Erste-Klasse-Ticket in den Weißen Raum gewonnen. Ohne Rückfahrschein. Bye bye.“
      Noch bevor der große, dunkelblonde Mann reagieren konnte, schoss unter ihm eine grelle, dreieckige Lichtsäule empor, die so schnell wieder verschwand wie sie gekommen war. Zyxx war fort, ebenso die Messer, die in der Erde gesteckt hatten, welche wieder ihre ursprüngliche Form annahm.
      Dies erledigt, drehte sich Kali stöhnend um, wo die bewusstlose Velvet mit ausgebreiteten Armen wehrlos am Boden lag. „Tsk.“
      Sie kniete sich nieder und betrachtete das Mädchen eingehend. Dabei murmelte sie vor sich hin: „Wird 'ne Qual, auf dieses Mädel aufzupassen …“
      Dann erhob sie sich wieder und sah sich um. „Nichts für ungut, aber dafür habe ich im Moment keine Zeit. Ich werde woanders erwartet und das kann dauern. Falls du den Freak mit dem Katana siehst, richte ihm das aus.“
      Natürlich war sich Kali bewusst, dass Velvet sie in ihrem Zustand nicht hörte. Aber vielleicht -sah- sie es eines Tages, wenn sie ihre Kräfte besser beherrschte. Nicht, dass die junge Frau ihr so etwas überhaupt wünschen würde.
      „Nun, wo ist jetzt dieser verdammte …“

      ~-~-~


      Etwas strich ihre Wange. Rau und noppig. Beim zweiten Mal schreckte Velvet hoch. „Ah!“
      Sammy versuchte erneut ihr Gesicht abzuschlabbern, aber mit sanfter Gewalt schob das Mädchen ihn von sich weg. Dann erst dämmerte es ihr. „Oh! Sammy!“
      Sofort änderte sie ihre Meinung und umarmte den Golden Retriever überglücklich. „Oh Gott, wo warst du bloß!?“
      Schluchzend ließ sie von ihm ab. Sie wollte sich an Zyxx wenden, aber die Lichtung war verlassen, abseits von ihr und Sammy. Wo war er hin!? Sie erinnerte sich noch, dass er eine Fallenkarte aktiviert hatte, aber danach muss sie das Bewusstsein verloren haben.
      Langsam stand sie auf und sah sich um. Das erste, was ihr auffiel, war dass die Duel Disk an ihrem Arm eingefahren war. All ihre Karten befanden sich im Deck. Was Velvet mehr als merkwürdig vorkam.
      Vielleicht hatte sie das alles nur geträumt? Doch wer regelmäßig Visionen von großen Katastrophen hatte, konnte schwerlich noch an so etwas glauben. Am Ende hatte dieser Zyxx erkannt, dass er mit ihr nichts anfangen konnte. Zumindest hatte sie ihren Tod fürs Erste verhindert. Das hatte sie doch, oder?
      Das Mädchen packte sich an beiden Schultern und begann zu schluchzen. „K-komm Sammy, wir gehen nachhause.“

      Turn 90 – The Honor Student
      Am nächsten Tag erzählt Velvet ihren Freunden von der Begegnung mit Zyxx und der Excel-Beschwörung. Leider fallen die Reaktionen darauf anders aus als erwartet. Mehr noch, bezeichnet Isaac sie sogar als Lügnerin. Was Tatjana, seine geschworene Erzfeindin, auf den Plan ruft …



      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Velvet

      Spiritual Beast Apelio
      Spiritual Beast Pettlephin
      Ritual Beast Tamer Lara
      Ritual Beast Tamer Wen
      Spiritual Beast Tamer Winda
      Bacon Saver

      Ritual Beast's Bond

      Ritual Beast's Protection
      Zauber/Schnell
      Aktiviere nur, wenn in diesem Zug eines deiner "Ritual Beast"-Monster zerstört wurde: Beende den Zug deines Gegners.

      Graceful Charity
      Lightning Vortex

      Ritual Beast Steeds
      Return From The Different Dimension

      Gale Echo
      Falle/Normal
      Zerstöre alle offenen WIND-Monster, die du kontrollierst. In diesem Zug kannst du 1 Schnellzauber- oder Fallenkarten von deinem Friedhof wählen und sie aktivieren. Beschwöre während deiner dritten Standby Phase nach Aktivierung dieser Karte so viele der durch diesen Effekt zerstörten Monster wie möglich von deinem Friedhof als Spezialbeschwörung ungeachtet ihrer Beschwörungsbedingungen.

      Ritual Beast Ulti-Apelio
      Ritual Beast Ulti-Pettlephin

      Ebon Sky Pegasus
      Monster/Effekt/Excel
      Ungeheuer/Wind
      ATK/2500 DEF/2000 X8
      Kondition: ???
      Nur einmal während des Duells, während des Zuges eines beliebigen Spielers: Du kannst 1000 Life Points zahlen und 1 Zauber- oder Fallenkarte von deiner Spielfeldseite auf den Friedhof schicken; aktiviere 1 Zauber- oder Fallenkarte direkt aus deinem Deck. (Aktivierungskosten gelten als bezahlt.)

      Zyxx

      Igknight Squire
      Igknight Crusader
      Igknight Paladin
      Igknight Templar
      Igknight Margrave
      Igknight Cavalier
      Igknight Gallant
      Igknight Veteran
      Igknight Champion

      Ignition Phoenix
      Igknight Reload x2

      Igknight Explode
      Zauber/Schnell
      Aktiviere nur, wenn ein Angriff deklariert wird: Verbanne Monster des angreifenden Spielers bis zur Anzahl an offenen FEUER-Pendelmonstern in deinem Extradeck. Kein Spieler kann nach der Aktivierung dieser Karte bis zur End Phase Monster als Spezialbeschwörung beschwören.

      Emergency Provisions

      Blazing Mirror Force
      Pendulum Reborn


      Hier gibts die Folge als PDF

      Ansonsten hoffe ich, es hat euch gefallen. Über Feedback würde ich mich natürlich freuen.
      Spoiler anzeigen
      Da ist sie also, die dritte Staffel. Und es ändert sich erst mal so ziemlich alles. Anyas Tod wird (vor dem Hintergrund des Flugzeugabsturzes, verursacht durch ihren Bruder Zachariah in der letzten regulären Folge) quasi bestätigt, auch wenn der Bruch zu plötzlich kam und zu viele Details offen blieben. Von daher kann ich mir nicht wirklich vorstellen, dass Anya wirklich tot ist. Zumal du dir ja mehr als genug Optionen bleiben, um das Ganze noch umzudeuten und Anya überleben zu lassen. Die Spannung liegt also mehr darin, dass der Flugzeugabsturz als Szenario solide genug ist, um mich hinsichtlich der tatsächlichen Auflösung deftig auf die Folter zu spannen. Wobei man natürlich auch die anderen Charaktere, die dabei ebenfalls sterben könnten nicht außer Acht lassen darf. Ob wirklich alle überleben ist fragwürdig, ein personeller Kollateralschaden in irgendeiner Form wirkt irgendwie gut denkbar, ja geradezu wahrscheinlich. Auf jeden Fall wette ich, dass du wieder eine ganze Reihe nahe liegende Deutungsmöglichkeiten hinsichtlich der toten Bauer Person und der beiden am Grab am Ende mit den tatsächlichen Geschehnissen widerlegen wirst. Dass oft kaum etwas so ist, wie es scheint, gehört ja schon quasi dazu.

      Erst einmal aber ein Sprung in eine Vergangenheit, die höchstwahrscheinlich einen Zeitpunkt vor dem Absturz darstellen soll. Dort treten erst mal eine ganze Reihe neuer Charaktere direkt oder indirekt auf den Plan. Allen voran eine neue Protagonistin, deren "samtiger" Charakter quasi das Gegenereignis zu der angeblich toten Antiheldin der vergangenen beiden Staffeln darstellt. Sieht man besonders schön an der Stelle mit der Spinne und dem Telefonat mit Tatjana etc. Von ihrem unsicheren Auftreten in Duellen ganz zu schweigen. Abgesehen von den kaum übersehbaren Unterschieden gibt es aber auch Gemeinsamkeiten: Ihre Visionen, wie sie Anya auch ab und zu hatte, teilt sie mit ihr ebenso wie die mysteriöse Excelbeschwörungsfähigkeit. Falls die beiden sich treffen könnte es lustig werden, so unterschiedlich wie sie sind :D

      Zyxx Zugehörigkeit zu einer Fraktion bleibt undurchsichtig, der Sammler hat schließlich keine weißen, sondern rote Haare, und auch sonst wirft das alles eine Menge neuer Fragen auf. Gerade wenn man bedenkt, dass das Lager rund um Kali und die weiße Hexe Velvet im Gegensatz zu Anya sogar beschützt...

      Insgesamt ist Zyxx aber ein verwirrender Charakter, an einigen Stellen wird er als aufrichtig charakterisiert, ganz im drastischen Gegensatz zu Velvets Intuition.
      Außerdem ist er der erste Vampir in TLA, wo bleibt die Twilight-Style Konfrontation mit Zanthe? xD
      Wobei er dazu erst mal wieder aus dem weißen Raum raus muss...

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      Folge 89
      Staffel 3
      Spoiler anzeigen

      Das Grab: Hm einerseits steht auf den Grabstein "Bauer" anderseits sind da für Anya einfach viel zu viele Blumen. Ich meine von den Menschen die Anyas Existenz als was positives sehen und nicht im Flugzeug sind kann man an einer Hand abzählen. Ich denke einfach mal das es nicht das Grab von Anya ist. Vielleicht ihre Mutter und es hat nichts mit dem Flugzeug zu tun. Wer weiß vllt spielt diese Szene auch noch in der Vergangenheit und du willst uns bloß einen Bauer aufbinden.

      Zu Velvet:
      Nun haben wir in Staffel 3 wieder mit einem Hippie zu tun. Und man Pink muss ihre absolute Lieblingsfarbe sein. Kann ich nicht nachvollziehen was an Pink schön sein soll. Wenigstens eine andere Farbe erlaubt sie aber immerhin noch in ihren Leben (weiß). Wenn sie ne Spinnenphobie hat warum lässt sie die Spinne dann auf ihrer Hand rumkrabbeln anstatt einen Block als Unterlage zu nehmen? Dazu kommt das die meisten andere 16 jährige ihre Visionen als folge von übertriebenen Drogen Konsum abschreiben tut. Aber in Amerika darf man ja erst ab 21 legal saufen. Schade für sie, sie bräuchte mal paar Flaschen. Ihre Exell Summon passt auch sehr gut. Ein Pegasus wird mit dem guten assoziniert. Seine schwarze Farbe bietet dann einen starken Kontrast. So ist auch Velvet. Auf den ersten Blick zu gut für diese Welt, doch im inneren schlummert ein Talent das die Welt zu erschüttern vermag. In dieser Folge und durch ihre Visionen wird sie aus ihrem Prinzesschen Dasein raus gerissen.

      Axel:
      Ein Arschloch mehr gibt es da nicht zu sagen. Wer um Himmelswillen tritt den eigenen Familien Hund?

      Zyxx:
      Ein sehr schräger Vogel. Ihm ist wie Zanthe auch seine Unsterblichkeit eine Last. Deswegen will er die komplette Welt ausradieren. Sein Empathie lv ist wohl 0.

      Kali und co:
      So wir sehen also das die auch noch andere Dinge tun als Pläne gegen Anya zu schmieden. Meine theorie bis zur Staffel 2 war ja das sie die "richtige" Anya ist und am Anfang der Serie von unserer Anya ausgewechselt wird und nun ihr altes Leben zurück haben will. Bin ja gespannt wie weit diese Theorie sich in Staffel 3 bewarheiten wird.
      Suche Spieler aus Bayern/Schwaben die in der Nähe von Günzburg/Giengen/Dillingen/Lauingen und Gundelfingen an der Donau wohnen. pls PN an mich :) :thumbsup: :drunk: :cain: :verschwoerung:
      Hello again!
      Neuer Monat, neue Folge. Vielen Dank an alle, die hier mitlesen/schreiben.

      @Mcto
      Danke für dein Feedback.
      Hehe, es gibt mehr als eine Bauer in der Familie. ;)
      Lass dich überraschen, der Flugzeugabsturz wird in Kürze aufgegriffen werden. Die zeitlichen Zusammenhänge werden in Folge 91 deutlich.

      Joa, man kann wirklich sagen, Velvet ist in vielerlei Hinsicht das komplette Gegenteil von Anya. Aber sie nutzen beide Fusionsbeschwörungen, außer, dass Velvet auf Contact Fusion geht und Anya eben nicht. =D
      Aber Anya hat nie eine Excelbeschwörung durchgeführt - jedenfalls nicht außerhalb ihres Traums. xD

      Zyxx trat bereits in Staffel 2 als Mitglied der Organisation CLEAR auf, aber die wenigsten dürften sich an die kurze Szene jetzt noch erinnern.
      Und er glitztert nicht. Er ist ein Paradisvogel, aber er glitzert nicht! =D
      Von den CLEAR-Mitgliedern ist für Zanthe ohnehin ein anderes viel 'interessanter'.

      Wie gesagt, nochmal schönen Dank für deinen Post.

      @WiR
      Auch dir herzlichen Dank.

      Jaaaa! Für Anya sind das wirklich viele Blumen, aber man weiß ja auch nicht, was bis dahin alles passiert sein könnte.

      Pink ist halt Mädchenfarbe. Ich kann ja nicht alle in Schwarz rumlaufen lassen. Zumal Velvet auch violett trägt.
      Das mit dem Pegasus ist dir also aufgefallen. Cool. Ja, Velvet ist vom Charakter her sehr anständig, aber mit ihrer Macht könnte sie vieles anstellen - vorausgesetzt, sie könnte sie kontrollieren. Aber bis dahin kann noch viel passieren. (Zum Beispiel, dass ihr Bruder von 'nem LKW überfahren wird uns sie es trotz Vorwarnung nicht verhindert. #fanservice)

      Zyxx ist unsterblich, Zanthe nicht. ;)
      Aber zu Zyxx' Motivationen kommen wir später noch.

      Was Kali angeht, wird die Auflösung ihres Geheimnisses nicht mehr allzu lange auf sich warten. Es ist ne runde Sache. ;)


      Dann mal viel Spaß mit ...

      Turn 90 – The Honor Student
      In seiner Endlosigkeit konnte man den Weißen Raum kaum als solchen bezeichnen. Eher als Halle, die in alle vier Himmelsrichtungen absolut identisch aussah. Weiße Fliesen mit goldenen Rändern, unten wie oben an der etwa drei Meter hohen 'Decke'.

      Doch in seiner vermeintlichen Mitte stand ein einzelner kreisrunder, weißer Tisch. Zusammen mit zwei eleganten, zu ihm passenden Stühlen samt goldenen, in Spiralen endenden Armlehnen. Beide waren besetzt.
      „Ich komme nicht umher, Eure Gastfreundlichkeit zu loben, Lady Gardenia“, sagte Zyxx und nahm einen Schluck aus der kleinen Teetasse in seiner Hand. Der dunkelblonde Mann im pinken Anzug und der grünen Federboa um den Hals hatte die Beine übereinander geschlagen und setzte die Tasse besonnen lächelnd ab.
      Ihm gegenüber saß die Weiße Hexe, in ihrer weißen Robe, mit dem grauen Umhang über den Schultern. Die brünette Frau hatte grobe Züge, braunes Haar, dass zu einem Zopf zusammengeflochten war.
      „Danke“, nickte sie und legte ihre Hände in den Schoß. „Auch wenn ich bedauere, Euch hier willkommen heißen zu müssen, Sir Richard.“
      „Ich schmücke mich keiner Titel mehr, Teuerste. Nennt mich Zyxx. Einfach Zyxx.“
      „Wie Ihr wünscht“, nickte die Hexe, die sich erhob, die Kanne Tee auf dem Tisch in die Hand nahm und anbot, ihrem Gast nachzuschenken. Jener schob seine Tasse lächelnd in ihre Richtung.
      Dabei sagte Zyxx: „Auch wenn ich es genieße, nach so langer Zeit wieder mit euch zu sprechen, fürchte ich, dass sich hinter dem Mantel dieser Gastfreundlichkeit nichts anderes als Gefangenschaft verbirgt.“
      „Ihr solltet dankbar sein, dass es nur das ist.“ Gardenia setzte die Kanne ab und ließ sich wieder nieder. „Es stimmt, ich werde euch nicht gehen lassen. Sagt, was wolltet Ihr diesem Kind antun?“
      „Da Euer Schützling vor Ort war, erübrigt sich die Antwort doch.“ Zyxx' Ausdruck wurde zunehmend ernster. „Sie steht seit Neuestem unter Eurem Schutz, nehme ich an.“
      Gardenia nickte. „So ist es. Und weil Ihr das nun wisst, werdet Ihr den Weißen Raum nicht mehr verlassen.“
      „Meine Liebe, für solche Spielchen ist es längst zu spät.“ Der Mann lachte vergnügt. „Ob ich nun petze und die kleine Velvet verrate oder spurlos verschwinde macht keinen Unterschied. Alle werden wissen, dass etwas im Busch ist. Das Kind ist in dem Moment in den Brunnen gefallen als Euer Schützling das Duell auf eigene Faust beendet hat.“
      „Dann hoffe ich für Euch, dass Ihr Euch in meinem Domizil nicht langweilt.“
      Der Blonde zuckte mit den Schultern. „Bestimmt nicht. Ich werde mit Genuss dabei zusehen, wie Ihr über die Jahre verschrumpelt, während draußen Jahrhunderte vergehen. Und ich? Ich entkomme dem Zahn der Zeit, ob hier oder woanders.“
      „Das ist die Arroganz eines Vampirs.“
      Gardenia bekam ein Kopfschütteln als Antwort. „Nein, das ist eine Tatsache. Außerdem bin ich mir sicher, dass unser kleines Treffen sehr viel früher beendet sein wird als Ihr denkt. Ihr kennt -ihn-. Er wird mich zurückhaben wollen.“
      „Es sei dahingestellt in welcher Form“, erwiderte Gardenia gewohnt resolut. „Der Tee ist vergiftet.“
      Trotzdem winkte Zyxx nur belustigt ab. „Ich weiß, Teuerste, ich weiß.“
      Sprachs, nahm sich die Tasse und sippte genüsslich daran. Von seiner Gastgeberin erfolgte keine Regung. Woraufhin er hinzufügte: „Was auch immer Ihr euch von diesem Experiment mit mir erhofft …“

      ~-~-~

      Der nächste Tag begann für Velvet viel zu früh. Als sie aufstand, war ihr Vater bereits aus dem Haus. Zusammen mit ihrem Bruder Axel und ihrer Mutter frühstückte sie. Tatsächlich fiel es ihr äußerst schwer, den Marmeladentoast überhaupt anzubeißen. Immer noch hatte sie die Geschehnisse des gestrigen Tages im Hinterkopf. Von ihrer Mutter auf ihre abwesende Art angesprochen, wiegelte das Mädchen jedoch ab, dass sie nur schlecht geschlafen habe.

      Schließlich trennten sich die Wege der Familie Thorne. Axels Schule befand sich nur zehn Minuten von ihrem Haus entfernt, weshalb er jeden Morgen mit dem Fahrrad fuhr. Vor dem Gartentor verabschiedete sich Velvet von ihm, doch ihr Bruder hatte längst Kopfhörer in den Ohren und zischte desinteressiert davon, dabei mit dem Smartphone spielend.
      Seufzend schlenderte Velvet in die andere Richtung. Kings Crowning war eine typische Vorstadt. Schöne, grüne Gärten, gemütliche, kleine Häuser und keinerlei nennenswerte Eigenschaften. Um zur Duell-Akademie zu gelangen, musste die Schwarzhaarige den Schulbus nehmen. Es gab eine Haltestelle um die Ecke, aber die Fahrt dauerte über eine Stunde. Da der Unterricht schon um 7.30 Uhr begann, musste Velvet für ihre langschläferischen Verhältnisse jeden Tag früh aufstehen.

      Als sie schließlich um die Ecke bog, war die Haltestelle bereits zu sehen. Ein grünes Schild vermittelte unmissverständlich, welche Linien hier fuhren. Das metallische Gerüst ging in eine gebogene Überdachung über. Und es gab drei kleine Sitzbänke, die in ihm verankert waren. Zwei alte Damen warteten bereits, aber die nahmen höchstwahrscheinlich den lokalen Bus, der ein paar Minuten später eintraf als Velvets Schulbus.
      Sie schlenderte hinüber, begrüßte die beiden Frauen freundlich und setzte sich auf die Bank ganz am Rand. Es war immer so, dass sie die Einzige war, die hier wartete. Was auch daran lag, dass Schüler der Akademie aus den verschiedensten Orten im näheren Umkreis kamen. Ihre Freunde hatten es besser. Nicht nur besaßen alle außer Tatjana schon einen Führerschein, nein, sie lebten auch direkt in Cloverfield, wo sich die Akademie befand. Isaac war sogar eigens dafür umgezogen.

      Velvet war so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht merkte, dass der gelbe Schulbus schließlich vor ihrer Nase hielt. Nur auf Hinweis der alten Frauen schreckte sie auf und eilte die Stufen in den Bus hinauf, wo sie dem Busfahrer ihren Ausweis zeigte.
      Der Vorteil war, dass es zu diesem Zeitpunkt immer noch genug freie Sitzplätze gab. Meistens war der Platz vor der hinteren Tür noch unbelegt, so auch dieses Mal. Velvet fackelte nicht lange und schnappte ihn sich. Sobald sie erst in Cloverfield waren, hatte sich der Bus meistens so gefüllt, dass man kaum noch atmen konnte. Zusätzlich war es nicht einfach, pünktlich zu sein, da er erst wenige Minuten vor Unterrichtsbeginn ankam. Entsprechend saß Velvet gerne vor dem Ausgang, um nicht noch ewig warten zu müssen, bis sie aussteigen konnte.
      Sie lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe und seufzte. Sie hatte das Gefühl, irgendetwas Wichtiges vergessen zu haben.

      ~-~-~

      Einige Zeit später wurde Velvet erbarmungslos daran erinnert, -was- sie vergessen hatte. Das Spielfeldzauber-Examen. Da der Bus immer erst knapp vor Unterrichtsbeginn ankam, hatte sie keine Zeit mehr gehabt, ihre Freunde um Rat zu fragen.

      Jetzt saß sie in dem sterilen, weißen Klassenzimmer in der ersten Reihe und starrte auf ihr Tablet, auf dem der ganze Fragenkatalog abgebildet war. Oben links in der Ecke wurde ihr das restliche Zeitfenster zum Beantworten der Fragen angezeigt. Von den ursprünglich 30 Minuten hatte sie noch eine Viertelstunde übrig. Und dabei hatte sie gerade einmal zehn Fragen beantwortet – von viel zu vielen!

      Verzweifelt beugte sie sich mit Touchpen in der Hand nach vorne, doch als sie von [Neos Space] las, wurde ihr ganz anders. Woher sollte sie jetzt wissen, ob man damit Neo Spacians oder Chrysalis-Monster entwickeln konnte und ob überhaupt? Sie kannte diese Themen gar nicht!
      Hilfesuchend schielte sie nach rechts, wo ein blonder, junger Mann in weißem Hemd sich zurücklehnte. Isaac Sawyer war bereits nach fünf Minuten fertig gewesen und langweilte sich.
      Velvet seufzte leise. Es gab nichts, was er für sie tun konnte … ihr blieb keine Wahl, sie würde raten müssen. Bei vier Antwortmöglichkeiten pro Frage, bei der sie sich unsicher war, bestand immerhin eine 25%-Chance, doch noch einen Punkt abzustauben.

      Der Vorteil dieser Tablets war, dass Examen sofort ausgewertet wurden. Fünfzehn Minuten später begriff Velvet demzufolge, dass 25% nicht wirklich viel war. Gerade einmal circa 58% der Fragen hatte sie korrekt beantwortet, wie ihr im Abschlussbildschirm verkündet wurde. Passend mit einem fetten D garniert.
      Frusttränen standen ihr in den Augen. Während ihr Lehrer, ein junger, brünetter Mann mit Dreitagebart – Mr. Atkins – die Fragen seiner Schüler freundlich und kompetent beantwortete, wollte Velvet am liebsten im Boden versinken vor Scham. So schlecht hatte sie noch nie abgeschnitten! Isaac würde sie umbringen.
      Und wenn man bedachte, dass er schon die ganze Zeit neugierig in ihre Richtung schaute, mit den Schultern zuckte und eine Auskunft wollte, als sich ihre Blicke streiften, würde er sie -wirklich- umbringen, wenn er begriff, dass sie das Examen als Drittschlechteste des Kurses absolviert hatte.

      Als es nach einem unerträglich langen Block Geschichte – denn auch wenn es eine Duellschule war, durfte die Allgemeinbildung nicht völlig vernachlässigt werden – zur Pause läutete, sprang Velvet als Erste auf und eilte aus dem Klassenzimmer, bevor ihre Freunde überhaupt wussten, was los war.

      Draußen im Innenhof ließ sie sich auf einer Bank nieder. Natürlich würde es nicht lange dauern, bis die anderen sie hier finden würden, aber die paar Sekunden Ruhe brauchte sie jetzt. Hauptsächlich um den Kampf gegen die Tränen zu gewinnen. Jetzt war es amtlich: Loser, sie, jawohl!
      Traurig sah die Schwarzhaarige sich um. In alle vier Himmelsrichtungen gab es eine Tür, die in das weiße, dreistöckige Gebäude führte, welches den Innenhof umschloss. Entweder konnte man zur Mensa geradeaus weiter, deren Fassade als Einzige mit einer Fensterfront ausgestattet war, oder man verließ die Schule, indem man nach links oder rechts ging, dort die entsprechenden Lounges aufsuchte und von da aus den Ausgang nahm. Und Velvet hätte das jetzt gerne getan.
      Aber sie würde noch fünf weitere Stunden hier verbringen müssen. Genug Zeit, um sich richtig schön schlecht zu reden, wie sie es ja ohnehin regelmäßig tat. Sie wusste, dass es falsch war, konnte aber nichts dagegen tun.
      Der Innenhof war relativ schlicht gehalten. In der Mitte gab es zwei Bäume und eine Wiese, wo viele Schüler im Sommer Decken ausbreiteten und während der Mittagspause lernten und so weiter.
      Darum befand sich ein Kiesweg, der zu den Türen führte, in den Ecken des Hofes noch mehr Rasen und ein paar Bänke. Wenn man Richtung Mensa ging und diese verließ, kam man zu einem zweiten, wesentlich größeren Hof, wo es richtige Sitzbänke gab, aber dort hielt Velvet sich nur selten auf.

      „Yo, Velvet“, hörte sie schließlich eine ihr bekannte, männliche Stimme hinter sich.
      Kurz darauf war sie umringt von vier Jugendlichen in ihrem Alter – ihre Freunde.
      Zunächst betrachtete sie die beiden Jungs, die ihr direkt gegenüber standen. Das war zum einen Fabio Muller, ein dunkelhaariger Bursche mit einem Afro, der in seinen Ausmaßen seinesgleichen suchte und er war es auch, der sie angesprochen hatte.
      Velvet mochte ihn sehr gerne, ob seiner ewig optimistischen und humorvollen Einstellung zum Leben. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass etwas ihren Freund jemals aus der Ruhe gebracht hatte. Bestes Beispiel hierfür war ein Vorfall aus dem letzten Jahr, als Fabio von ein paar älteren Studenten aufgrund seiner Hautfarbe angepöbelt wurde. Statt sich zu verteidigen, hat er sich in ihre Späße mit eingeklinkt – und damit Respekt verschafft. Heute verstand er sich mit jenen Mitschülern ziemlich gut, wie ungefähr mit jedem, der ihm über den Weg lief. Velvet beneidete ihn insgeheim um die Eigenschaft, so unbeschwert auf andere zuzugehen.

      Ähnlich verhielt es sich auch mit Patrice Sanchez, der direkt neben Fabio stand. Die beiden waren beste Freunde, Brüder im Geiste, Seelenverwandte für die Ewigkeit. Selten nur traf man sie nicht im Doppelpack an. Patrice war ein dunkelblonder, gut gebräunter junger Mann mit venezolanischen Wurzeln. Die 'Rauflust', die man ihm gerne nachsagte, hatte er angeblich von seiner Mutter geerbt. Auch Patrice war ein freundlicher, offenherziger Mensch. Doch wo Fabio versuchte zu entschärfen, da suchte Patrice die Konfrontation. Er mochte es nicht, sich anderen unterordnen zu müssen, was ihn hin und wieder in Schwierigkeiten brachte. Deshalb sorgte sich Velvet oft um sein Wohlbefinden, besonders da Patrice mit einigen Mitschülern überhaupt nicht gut auskam und es auch schon öfter zu Handgreiflichkeiten gekommen war.
      Dennoch war Patrice für sie besonders: Er war der Erste aus ihrer Gruppe gewesen, der auf sie zugegangen war und sich mit ihr angefreundet hatte. Und obwohl er ein kleiner Weiberheld war, glaubte Velvet fest daran, dass er sie damals ohne tiefer gehende Absichten darum gebeten hatte, von ihr die Hausaufgaben abschreiben zu dürfen.

      Ihr Blick schweifte herüber zu einem ebenfalls dunkelblonden, aber blassen Jungen, der im Hintergrund mehr mit seinem Smartphone beschäftigt war als mit seinen Freunden: Isaac Sawyer. Von all ihren Freunden bereitete er ihr das größte Kopfzerbrechen.
      Was ihm gegenüber den anderen beiden Jungs aus ihrer Clique an Optimismus fehlte, machte er durch die doppelte Ladung Ehrgeiz wieder wett. Begründet lag dies vermutlich in seinem Traum, aber Velvet befürchtete, dass die Wurzel noch tiefer veranlagt war.
      Für Isaac gab es nur ein Ziel: Ein erfolgreicher Profiduellant und damit reich zu werden. Danach kam erst das persönliche Glück. Oft behauptete er, nicht glücklich sein zu müssen, um Erfolg zu haben. Und er war nicht glücklich, das wusste Velvet.
      Zum Glück gab es auch Phasen, in denen er genauso ausgelassen wie die anderen herum spaßte. Und man konnte ihm nicht nachreden, nicht für andere da zu sein. So gab er zwar offen zu, nicht allzu viel von anderen Leuten zu halten, um seine Freunde kümmerte er sich aber mit demselben Eifer wie um seine Ambitionen. Welche ihn nicht zuletzt zu einem der besten Studenten der Schule des ersten Studienjahrs hatten werden lassen.
      Die Freundschaft zwischen ihm und Velvet war hierbei von Letzterer ausgegangen, welcher zuvor aufgefallen war, dass Isaac immer alleine im Unterricht und in der Kantine saß. Sie hatte all ihren Mut zusammennehmen müssen, um sich zu ihm zu setzen und anfangs hatte er es auch wortkarg erduldet, doch irgendwann waren sie ins Gespräch gekommen, als es um seine Leistungen ging. Kamen diese zur Sprache, wurde aus dem sonst eher mundfaulen Isaac ein sprudelnder Wasserfall.

      Leider gab es ein Problem, wie sich Velvet beim Betrachten des Mädchens eingestand, das sich neben ihr niederließ. Dieses hörte auf den Namen Tatjana Neumann, eine Austauschschülerin aus Deutschland, die mindestens für ein Jahr hier an der Duellakademie studierte.
      Isaac und Tatjana waren sich spinnefeind, schon seit dem ersten Tag, als Tatjana in die Klasse gekommen war. Um genau zu sein gab es nicht viele, die das leicht untersetzte Mädchen mit der langen, schwarzen Lockenpracht mochten. Was nicht zuletzt Tatjanas eigene Schuld war, führte sie sich oft auf wie eine Diva.
      Zugegeben, damals war es noch schlimmer als heute, denn Jugendliche hatten eine unmissverständliche Art und Weise an sich, andere auf ihre Fehler hinzuweisen. Ähnlich wie bei Isaac war Tatjana oft alleine gewesen, weshalb sich Velvet auch ihrer annahm. Und auch wenn Tatjana es nicht offen zugab, war sie dankbar dafür, dass sie in die Clique mit aufgenommen wurde.
      Dabei musste man dem deutschen Mädchen auch zugute halten, dass es trotz der gelegentlichen Zickereien recht entgegenkommend und vor allem großzügig war. So half Tatjana den anderen gern bei den Hausaufgaben und gab sogar Nachhilfe, besonders in den normalen Fächern, bei denen selbst Isaac nicht immer auf Anhieb glänzen konnte.
      Velvet musste bei diesem Gedanken schmunzeln. Wann immer Tatjana konnte, kritisierte sie Isaac für die lächerlichsten Dinge, was nicht zuletzt darin begründet war, dass die Gute gerne zur maßlosen Übertreibung neigte. So geschah Ende letzten Jahres, dass Tatjana nur die Zweitbesetzung des Schneewittchens ihrer Theatergruppe wurde. Prompt schrie sie den gesamten Kurs zusammen, wie oberflächlich doch alle wären. O-Ton: „Gott bewahre, es kann ja nicht zugehen, dass Schneewittchen fünf Kilo mehr auf den Rippen hat!“
      Dass die Rollenvergabe tatsächlich aber von ihrer schlechten Schauspielkunst abgehangen hatte, das wollte Tatjana selbst heute nicht einsehen. Musste sie auch nicht, schließlich war es ihr mit ihrem Gezeter irgendwann gelungen, dass Nancy Foreman, die Erstbesetzung, irgendwann freiwillig das Handtuch warf.
      Der Tag der Aufführung war nicht zuletzt auch der gewesen, in dem die wahre Feindschaft zwischen Tatjana und Isaac begründet lag. Letzterer, ebenfalls Teil der Theatergruppe, spielte die Rolle des Prinzen. Eines Prinzen, der nur sehr ungern sein Nicht-Nancy-Schneewittchen küsste und Tatjana aus Rache mit einer sanften Ohrfeige versuchte zu wecken.
      Seitdem hassten die beiden sich und Velvet hatte längst aufgegeben, zwischen ihnen zu verhandeln.

      Trotz alledem versammelte sich die Gruppe während der großen Pause jeden Tag hier draußen, um sich über das Neuste aus ihrem Leben auszutauschen. Alle bis auf Isaac zumindest, welcher lieber mit seinem Smartphone zockte und sich eher selten an den Gesprächen beteiligte. Doch heute war etwas anders. Er starrte Velvet unentwegt finster an.

      Wie so oft war es Tatjana, die das Wort führte.
      „Wisst ihr, was mir heute Morgen beim Aufstehen passiert ist?“, fragte sie bereits so aufgeregt, dass sie kaum still sitzen konnte.
      Isaac, ohne von seinem Mobiltelefon aufsehend, warf tonlos ein: „Du hast dir einen Fingernagel abgebrochen?“
      „Kannst du bitte still vor dich hin verblöden? Danke“, entgegnete sie sofort gereizt, wobei sie ihn ebenfalls keines Blickes würdigte. „Also …“
      Das war ihre Chance, dachte sich Velvet. Wenn sie jetzt nicht von sich aus auf ihre Erlebnisse zu sprechen kam, dann gar nicht mehr. Hatte ihre Freundin erst mit dem Sprechen angefangen, hörte sie nur sehr ungern wieder damit auf.
      „Ähm … kann ich dich kurz unterbrechen?“, fragte Velvet vorsichtig.
      Tatjana sah sie erstaunt an, sagte aber nichts.
      „Tatti unterbrechen? Bist du lebensmüde?“ Patrice grinste schelmisch und als er bemerkte, wie diese ihn sofort böse anfunkelte, fügte er hinzu: „Nimm's mir nicht übel, aber wenn wir schon mal die Chance haben, Velvets schöne Stimme zu hören …“
      „Ach, soll-!?“
      Der Halb-Venezolaner kam ihr zuvor: „Nicht, dass deine weniger schön wäre.“
      Fabio nickte. „Ist doch genug Zeit, um euch beiden zuzuhören.“
      Schmollend ließ sich die Deutsche auf die Bank zurückfallen. „Also gut.“

      Velvet suchte bereits nach passenden Worten, um den ihr immer noch surreal wirkenden, gestrigen Tag zu beschreiben, scheiterte jedoch kläglich.
      „Ich bin gestern einem Mann begegnet“, lauteten ihre heiseren, unbeholfenen Worte. „I-ich glaube, der war ein … ich weiß nicht, ein Vampir, irgendwie.“
      „Du hast Fieber, Schätzchen.“ Tatjana brachte das in einem Tonfall hervor, der so manchen davon überzeugt hätte, wirklich krank zu sein.
      „Ich sag doch, diese Jugendromane von heute sind der letzte Shit“, fluchte Fabio, „keine Klasse mehr, das Zeug.“
      „Lasst sie doch ausreden“, forderte Patrice mit erhobener Handfläche.
      „I-ich weiß, das klingt verrückt. Ist es auch, ich glaub's ja selbst kaum, a-aber … ich meine, es fing damit an, dass …“

      So erzählte sie ihnen von ihrer Begegnung mit Zyxx, dem Duell und dieser seltsamen Karte, die plötzlich in ihrem Deck war. Selbst Isaac hatte von seiner üblichen Beschäftigung abgelassen und lauschte interessiert.

      „Hier, das ist der Beweis“, meinte Velvet schließlich und wollte den Pegasus aus ihrem Deck holen, nur um festzustellen, dass sie nicht da war. „W-wartet, sie war doch gleich-!“
      Schwupps hatte sich Isaac ihr Deck geschnappt und betrachtete es mit Kennerblick. „Sieht auf den ersten Blick nicht nach einer Fälschung aus. Was aber nicht ausschließt, dass es trotzdem eine ist. Luft kann man schließlich ziemlich gut nachstellen. Lächerlich. Ist das deine Ausrede?“
      Er warf ihr die Box verächtlich auf den Schoß zurück.
      „Hast du nicht zugehört, Sawyer?“, reagierte Patrice daraufhin etwas ungehalten. „Scheiß auf die Karte! Der Typ wollte sie entführen!“
      Isaac wandte sich ab. „Natürlich wollte er das. In ihren Tagträumen vielleicht. Gib doch einfach zu, dass du gestern nicht mehr gelernt hast!“
      „I-ich-!“ Stammelte Velvet panisch.
      „Halt mal die Luft an“, keifte Tatjana und sprang auf. „Wenn das wirklich ein Vampir war, steckt Velvet in richtigen Schwierigkeiten!“
      „Ach, jetzt glaubst du ihr auf einmal?“, kam es ihr sofort entgegen.
      Die Schwarzhaarige nickte. „Man vergisst schnell, dass Velvet besonders ist, weil sie uns längst nicht von allem erzählt, was sie so 'sieht'. Wenn es Hellseher gibt, warum nicht auch Vampire und Excel-Monster?“
      „Pendelmonster“, korrigierte Isaac sie grimmig. „Die neuen Karten heißen Pendelmonster, schon vergessen?“
      Fabio rieb sich derweil nachdenklich über das Kinn. „Mädchen, du verblüffst uns immer wieder. Mal mit Träumen vom Ende der Welt, heute mit Karten, die es gar nicht geben dürfte.“
      „Nicht gibt“, korrigierte ihn Isaac standhaft. „Die Geschichte ist doch nur ausgedacht, um ihre schlechte Note zu rechtfertigen.“
      Gerade wollte Velvet widersprechen, da kam Tatjana mit einem Vorschlag daher: „Woher willst ausgerechnet du das wissen? Vielleicht hat der Typ Velvet bestohlen, als sie bewusstlos wurde?“
      „Ein Entführer, der sein Opfer liegen lässt aber eine Duel Monsters-Karte mitnimmt? Ja sicher!“
      Ein Einwurf von Patrice folgte: „Vielleicht waren ja von Anfang an diese Excel-Karte sein Ziel und nicht Velvet?“
      Sofort entkräftete Isaac seine Worte aber wieder. „Womit Velvet sich gemäß ihrer eigenen Worte widersprechen würde.“
      Das Mädchen schreckte beim Klang ihres Namens unerklärlicherweise zusammen, kam es ihr doch vor, als müsse sie jetzt eidesstattlich vor Gericht aussagen.

      „Jetzt reicht's!“, fauchte Tatjana wütend und sprang mit erhobenem Zeigefinger auf. „Wenn es dir nicht passt, dann geh' doch einfach!“
      „Wieso ich?“ Isaac funkelte sie grimmig an. „Nur weil dir nicht gefällt was ich sage, muss ich noch lange nicht den Mund halten.“
      Plötzlich hob das pummelige Mädchen den Arm, an dem eine Duel Disk befestigt war. „Wenn ich dich besiege, dann -wirst- du das! Und du wirst dich bei mir und Velvet entschuldigen!“
      In den Augen des großen Blonden funkelte es. „Ach ja? Okay, ich nehme deine Herausforderung an. Und wenn ich gewinne, wirst du …“
      Er beugte sich zu ihr vor und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin Tatjana errötete und zurückwich. „Nie im Leben!“
      „Angst zu verlieren?“, stichelte Isaac bitterböse.
      „N-nein! Okay, fein! Du bist zwar gut in der Theorie, aber praktisch bestenfalls Mittelmaß!“
      Die beiden anderen Jungs indes sahen sich nur mit den Augen rollend an.

      Kurz darauf standen sich die beiden Kontrahenten in der Mitte des Schulhofes gegenüber, während ihre Freunde von der Bank aus zusahen.
      „Bereit?“, fragte Isaac scharf.
      „Wie noch nie!“
      „Duell!“

      [Isaac: 4000LP / Tatjana: 4000LP]

      „Ladies first!“, forderte Tatjana, nachdem beide ihr Startblatt von fünf Karten gezogen hatten
      Und ihr Gegner konterte giftig: „Für eine Lady hat's bei dir nie gereicht, falls du es vergessen hast. Aber meinetwegen, fang an.“
      Da aber wurden die Augen des leicht pummeligen, deutschen Mädchens gefährlich groß. Er spielte auf ein Ereignis in der Vergangenheit an, an das man Tatjana nicht erinnern sollte, sofern man keinen Todeswunsch verspürte.
      „Dafür wirst du büßen“, schäumte sie vor Wut, „Normalbeschwörung, [Rose Witch]! Eine Karte verdeckt, Zug beendet!“
      Eine junge Frau tauchte vor der Schwarzhaarigen auf. Sie steckte in einem grün-rot linierten Bodysuit. Anstatt Armen, ragten lange Dornenpeitschen aus ihren Ärmeln, auf ihren Kopf befand sich eine wunderschöne Rosenblüte. Dazu materialisierte sich zu Tatjanas Füßen die gesetzte Karte.

      Rose Witch [ATK/1600 DEF/1000 (4)]

      Parallel dazu legte Velvet ihre Hände an die Wangen und stützte sich mit den Ellbogen auf ihren Oberschenkeln ab. Nach einem lauten Seufzer sagte sie: „Sie hätten nicht gleich ein Duell anfangen müssen. Ist doch ok, wenn Isaac mir nicht glaubt.“
      Patrice neben ihr aber schüttelte den Kopf und tätschelte den Rücken des Mädchens. „Mach dir nichts draus, so sind sie eben.“
      „Yo“, pflichtete Fabio ihm bei, „besser sie lassen jetzt Dampf ab, als wenn der Mist vor sich hin dümpelt.“
      „Also ich weiß nicht“, zweifelte Velvet trotzdem und seufzte noch einmal. Langsam stellte sie selbst das in Frage, was ihr gestern geschehen war.

      „Wie werde ich denn büßen?“, fragte Isaac provokativ und zog auf.
      Auf die Frage hin schnappte Tatjana empört nach Luft, blieb ihm aber eine schlagkräftige Antwort schuldig. Dem Jugendlichen lag etwas sehr Böses auf den Lippen, aber selbst er wusste, dass er damit zu weit gehen würde und schluckte den Kommentar daher runter. Sich zur Professionalität mahnend, konzentrierte er sich auf sein Blatt. Und spielte eine Karte daraus aus. „[Genex Undine]!“
      Eine gar seltsame Gestalt nahm vor ihm Form an. Bestand der Unterleib aus einem runden Behältnis, in dem sich Wasser befand, ging er aufwärts in einen humanoiden Körper über, der in einem mechanischen Kopf endete. Auch die Arme waren aus Glas, in dem Wasser floss.

      Genex Undine [ATK/1200 DEF/600 (3)]

      „Bei ihrer Normalbeschwörung schickt sie ein Wasser-Monster aus meinem Deck auf den Friedhof, um mir einen [Genex Controller] von Ersterem auf die Hand zu geben.“ Gleich zwei Karten schoben sich aus dem Kartenstapel in Isaacs Duel Disk. Die erste, eine weitere Kopie von [Genex Undine], landete umgehend im Friedhofsschlitz, das normale Monster dagegen auf seiner Hand. Von der er gleich darauf einen Zauber ausspielte. „[Double Summon]! Damit kann ich noch eine Normalbeschwörung in diesem Zug durchführen. Erscheine, [Genex Controller]!“
      Ein kleiner Apparat auf Beinen erschien vor ihm. Der ganze Körper bestand praktisch nur aus einem Helm mit diversen Anschlüssen und Antennen, deren Positionen ein Gesicht nachstellten.

      Genex Controller [ATK/1400 DEF/1200 (3)]

      Isaac indes ballte eine Faust. „Ich stimme meinen Stufe 3-[Genex Controller] auf meine Stufe 3-[Genex Undine] ein!“
      Der kleine Apparat stieg mit zappelnden Beinchen in die Luft und zersprang in drei grüne Lichtringe, die sich vor dem Jugendlichen positionierten.
      „Crystal waters form a path to the next generation! Fleeting dreams become reality!“ Sein anderes Monster verwandelte sich in drei Energiesphären, die die Ringe passierten. „Synchro Summon!“
      Ein greller Lichtblitz schoss durch das Gebilde. „Rise, [Hydro Genex]!“
      Und da stand sie wieder, die Androidin mit den Wasserbehältern im Körper. Ihre Arme waren dicker geworden, mit Kugelelementen versehen, in denen sich das flüssige Gut befand. Auf ihrem Rücken befanden sich dunkelblaue Metallschwingen und ein Tank, von dem mehrere Schläuche mit ihrem ganzen Körper verbunden waren. Und in der Hand hielt sie eine Mischung aus Speer und Gewehr, aus dem eine Wasserspitze ragte.

      Hydro Genex [ATK/2300 DEF/1800 (6)]

      „Angriff auf [Rose Witch]!“, befahl Isaac mit ausgestrecktem Arm. „Aqua Surplus!“
      Seine seltsame Maschinenkreatur richtete ihre Waffe auf die Rosenhexe und schoss einen mächtigen Wasserstrahl auf jene ab. Der Strom riss [Rose Witch] fort, zerfetzte sie in der Flut. Auch Tatjana bekam das digitale Nass ab, doch es glitt einfach durch sie hindurch. Und Velvet gab einen nachdenklichen Seufzer von sich.

      [Isaac: 4000LP / Tatjana: 4000LP → 3300LP]

      „Denk nicht, dass das schon alles war. Nach dem Kampf heilt mich [Hydro Genex] um den Angriffswert deines Monsters.“ Selbstbewusst verschränkte Isaac die Arme voreinander. „Aqua Healing!“
      Sein Monster richtete den Wasserwerfer nach oben und spitzte mehrere Salven in die Luft, die wie ein erfrischender Regen auf seinen Besitzer niedergingen.

      [Isaac: 4000LP → 5600LP / Tatjana: 3300LP]

      „Mach das erstmal nach. Zug beendet“, verkündete der Blonde grimmig.

      „Tu nicht so, als hättest du schon gewonnen!“, keifte seine deutsche Gegnerin erzürnt und zog auf eine vierte Handkarte auf. „Nur weil du jetzt ein paar Lebenspunkte mehr hast, bist du nicht automatisch besser als ich!“

      Von der Bank aus seufzte Fabio. „Damn, die nimmt heute wieder mal alles gleich persönlich.“
      Sein bester Freund zuckte mit den Schultern. „Und ihm mangelt es an Fingerspitzengefühl. Die sind wie Feuer und Wasser.“
      Der Afroamerikaner lachte. Velvet dagegen saß still zwischen ihnen und verfolgte abwesend das Duell. Waren die Hologramme gestern wirklich echt gewesen? In ihren Visionen hatte sie verschiedene Duellanten gesehen, die auch realen Schaden in Duellen genommen hatten. Und trotzdem, ein kleiner Teil in ihr hatte stets gezweifelt, ob das, was sie gesehen hatte, nicht vielleicht doch Tagträume gewesen waren. Bis jetzt …

      „[Lonefire Blossom]!“, schnarrte Tatjana inzwischen und klatschte deren Karte auf ihre Duel Disk.
      Dass Isaacs selbstbewusster Blick einem erschrockenen wich, erfüllte die Züge des Lockenschopfs mit bitterböser Genugtuung. Als vor ihr aus dem Boden zwei Ranken, eine goldgelbe und eine braune schlugen, die sich umeinander drehten und zu einer Einheit wurde, an deren Ende eine sphärenförmige, leuchtende Blüte spross, kicherte sie.

      Lonefire Blossom [ATK/500 DEF/1400 (3)]

      „Die kennst du ja. Ich opfere sie, um direkt aus meinem Deck das Pflanzen-Monster [Tytannial, Princess Of Camellias] zu beschwören!“
      Die Blüte ihres Monsters zerplatzte in einem Feuerwerk. Überall in der Luft verteilten sich kleine Samen, die in der Erde versanken. Von dort wuchsen rasend schnell Ranken aus dem Boden, dann legten sich über jene diverse Schichten grüner Kelchblätter. Und als jene sich allesamt nach außen öffneten, erhob sich eine wunderschöne Dame aus der Blüte, mit welcher sie verbunden war. Ihr ganzer Körper bestand aus grünen Blättern, selbst das Haar.

      Tytannial, Princess Of Camellias [ATK/2800 DEF/2600 (8)]

      „Ha ha ha“, kicherte Tatjana arrogant hinter vorgehaltener Hand. „Gegen meine Prinzessin sieht deine Missgeburt alt aus. Winter's Red!“
      Die Prinzessin in der Blüte hob ihre Hand in die Höhe, über welcher zahllose rote Blütenblätter erschienen. Jene schleuderte sie mit entsprechender Geste in Richtung der Androidin, die dem Sturm nicht widerstehen konnte. Isaac schnaufte sauer, als der Sturm ihn erreichte.
      Aber das Gelächter seiner Widersacherin wurde nur lauter. „Und weil du es bist, gibt es gleich noch einen Nachschlag! Verdeckte Fallenkarte, [Blossom Bombardement]! Wenn eine Pflanze eines deiner Monster zerstört, bekommst du dessen Angriffskraft als Schaden aufgedrückt!“
      Kaum erwischten die roten Blätter Isaac, explodierten sie an seiner Schulter, den Beinen, im Gesicht – überall. Velvet stieß einen erschrockenen Schrei aus.

      [Isaac: 5600LP → 5100LP → 2800LP / Tatjana: 3300LP]

      Fabio sah sie von der Seite her ungläubig an. „Alles in Ordnung? Das hast du doch schon tausend Mal bei ihr gesehen.“
      „J-ja, natürlich. Sorry.“
      Auch Patrice, ja selbst Isaac und Tatjana betrachteten das Mädchen mit der Brille verwirrt. Letztere sagte fürsorglich: „Keine Sorge Süße, dem Großmaul geb' ich noch zwei Züge, dann ist er so klein!“
      Zur Verdeutlichung führte sie Daumen und Zeigefinger immer näher aneinander heran. Giftig schnarrte sie: „Du bist!“

      Der ehrgeizigen, ja beinahe verbitterten Miene des Blonden sah man deutlich an, dass er ganz anderer Meinung war. Wortlos zog er auf, verstaute die Karte in seinem Blatt, nur um sofort eine andere daraus hervorzuziehen. „Zauberkarte [Last Will].“
      Unmittelbar danach entfuhr dem pummeligen Mädchen gegenüber ein spöttisches Lachen. „Na das passt ja! Was steht denn in deinem Testament?“
      Allerdings verhärtete sich ihr Blick unmittelbar, denn sie kannte den Effekt jener Karte.

      Die Szene wurde unlängst unterbrochen, als das Hologramm von Tatjanas Monster plötzlich stark zu flimmern begann. Jener entfuhr erschrocken: „Was ist denn jetzt los?“
      „Eine Serverstörung“, murrte Isaac genervt, „und nicht die erste. Das kommt in den letzten Tagen häufiger vor. Wenn wir Pech haben …“
      Anstatt ganz zu verschwinden, nahm die Pflanzenprinzessin wieder ihre feste Form an.
      „Puh“, atmete derweil Fabio auf. „Nochmal Glück gehabt.“
      „Wie man's nimmt“, relativierte sein bester Freund Patrice jedoch.
      Velvet sah das ähnlich. Sie wollte nicht, dass ihre Feunde sich derart an die Gurgel gingen. Und das alles nur wegen ihr.

      „Gut, anscheinend nur eine kurze Überlastung. Weiter im Text! [Last Will] wird noch einen Moment waren müssen. Zunächst beschwöre ich [Genex Worker]“, erklärte Isaac entschlossen.
      Nachdem er dessen Karte auf seine Duel Disk gelegt hatte, erschien vor ihm ein gelbes Hovercraft, bestückt mit dutzenden, zur Vorderseite ausgerichteten Düsen, die allesamt von einem in es integrierten Roboter gesteuert wurden.

      Genex Worker [ATK/1200 DEF/1200 (3)]

      „Effekt von [Genex Worker]. Ich opfere ihn und beschwöre dafür ein anderes Genex-Monster aus meiner Hand.“ Schon löste sich die Maschine in Luft auf. „Erscheine, [Genex Solar]!“
      Energisch knallte Isaac dessen Karte auf seine Duel Disk. Etwas blitzte vor ihm in der Mittagssonne auf: Ein Paar gold-blauer Schwingen, die sich an dem Kopf eines androiden Luftkämpfers befanden, der rasend schnell in die Höhe stieg. An den Armen des Maschinenkriegers befanden sich schmale Tragflächen, der komplette Körper war von rötlicher Energie erfüllt.

      Genex Solar [ATK/2500 DEF/1500 (8)]

      Tatjana schwang eine Hand zur Seite aus. „Wirklich? Mehr hast du nicht?“
      „Da ist noch mein Testament“, erinnerte Isaac seine Gegnerin grimmig, die daraufhin nicht weniger missmutig verstummte. „Falls du es nicht wusstest, wovon ich wohl getrost ausgehen kann bei deiner durchschnittlichen Arbeitsmotivation, ist [Last Will]-“
      „Beschwör' dein verdammtes Monster mit maximal 1500 Angriffspunkten doch endlich“, fauchte die Schwarzhaarige ihm dazwischen.
      Isaac schnaufte und griff nach seinem Deck, aus dem er eine Karte entnahm. „Wie du willst. Hier ist [Genex Turbine]!“

      Derweil erklärte Fabio Velvet, die verwirrt zwischen beiden hin und her sah: „Jo, [Last Will] ist mies. Wenn in deinem Zug ein Monster auf den Friedhof gelegt wird, kannst du jederzeit eines mit höchstens 1500 Angriffspunkten aus deinem Deck rufen.“
      „A-ach so, das wusste ich nicht“, murmelte Velvet, die sich in dem Moment fühlte, als wäre sie es, die Isaacs Kritik abbekommen sollte und nicht Tatjana, die ja offensichtlich den Effekt kannte.
      Patrice klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter. „Die ist super selten, die kennen die Wenigsten. Und in sein Deck passt sie prima, da er viele Ziele dafür hat.“
      „J-ja.“
      Es war falsch, schoss es ihr dabei durch den Kopf. Ihre beiden Freunde stritten, obwohl sie es war, die von dem gestrigen Erlebnis erzählt hatte. Wenn, dann sollte doch sie dort stehen und sich verteidigen, dachte Velvet bitter. Hätte sie doch bloß nichts gesagt …

      Indes war vor Isaac eine riesige, dunkelgrüne Turbine erschienen, die sich langsam und vor allem lautstark in Gang setzte. Dabei leuchtete es aus ihrer Vorderseite hellgrün, zwei massive Kessel an ihrer Oberseite begannen Dampf auszustoßen.
      „[Genex Turbine] verstärkt alle offenen Genex-Monster um 400 Angriffspunkte“, erklärte Isaac dazu und ließ ein überlegenes Grinsen aufblitzen.

      Genex Solar [ATK/2500 → 2900 DEF/1500 (8)]
      Genex Turbine [ATK/1400 → 1800 DEF/1300 (4)]

      Tatjana knirschte verärgert mit den Zähnen, als ihr verhasster Widersacher seinen Zeigefinger auf ihre Pflanzenprinzessin Tytannial richtete. „Zeig ihr, wer der Boss ist und mäh das Unkraut nieder, [Genex Solar]! Solar Winds!“
      Augenblicklich kreuzte sein über ihm fliegender Android die Arme übereinander. Sein ganzer Körper begann so stark rötlich zu glühen, dass es nur so um ihn flimmerte, eher er um die eigene Achse wirbelte und dabei einen mächtigen Windstoß erzeugte. Wie verheerend dieser tatsächlich war zeigte sich, als Tytannial, einmal getroffen, schlagartig zu Staub zerfiel und fortgeweht wurde.

      [Isaac: 2800LP / Tatjana: 3300LP → 3200LP]

      Gerade einmal zum Keuchen hatte Tatjana Zeit, da legte der Blonde auch schon nach.
      „Und jetzt direkter Angriff auf ihre Lebenspunkte, [Genex Turbine]!“
      Die massive Apparatur vor ihm legte noch einen Gang zu, lief regelrecht heiß. Als der Dampf nur so aus allen Öffnungen stieß, feuerte jene einen mächtigen Lichtstrahl auf das Mädchen ab, in welchem jene sich weg drehend verschwand.
      Velvet stieß bei diesem Anblick einen leisen Schrei aus.
      „Alles in Ordnung?“, fragte Patrice besorgt.
      „J-ja“, log Velvet, die kurz vergessen hatte, dass dies ein ganz gewöhnliches Duell war.
      Als Tatjana auftauchte, winkte sie ihrer Freundin zu. „Hey, als ob mich das einschüchtert. Ich werd' doch gerade erstmal warm. Mach dir keine Sorgen.“

      [Isaac: 2800LP / Tatjana: 3200LP → 1400LP]

      „Animiere sie nicht noch dazu, deinem Beispiel kopflosen Dahinsiechens zu folgen“, zischte Isaac und verschränkte die Arme. „Als ob dein Einfluss sie nicht schon genug runtergezogen hat.“
      „Wie bitte!?“ Tatjana weitete empört die Augen.
      „Hey, das geht zu weit, Bro!“, sprang Fabio auf.
      Aber Isaac zeigte nicht einmal eine Spur von Reue. „Ist doch so. Seit du hier bist, lenkst du Velvet ständig ab. Und nicht nur sie, uns alle! Vielleicht ist es dir entgangen, aber wir haben -einen Traum-! Und der erfüllt sich nicht von alleine!“
      „Ich dachte, ich gehöre auch dazu.“ Die Deutsche wandte sich ruckartig ab. Velvet konnte sehen, wie sie mit den Tränen kämpfte. „Aber okay … an mir liegt es nicht.“
      Ehrgeiziger denn je wirbelte Tatjana wieder herum, von Tränen keine Spur. Ihr wütender Gesichtsausdruck vermittelte, dass sie nicht gehen würde, nur weil Isaac sie als Störfaktor betrachtete.
      „Zug beendet“, schnaubte der.

      „Wenn du denkst, -ich- wäre das Problem, habe ich eine einfache Lösung.“ Eher mit zweifelhaftem Erfolg gegen ihre Rage kämpfend, griff Tatjana nach ihrem Deck. „Ich werde dir zeigen, dass -ich- sehr wohl imstande bin, Teil des Traums zu sein. Draw!“
      Sofort wirbelte sie zwischen ihren Fingern geschickt eine Zauberkarte. „Du mähst Tytannial nieder? Dann lasse ich sie nachwachsen! [Miracle Fertilizer]! Dieser permanente Zauber lässt mich wahlweise auf meine Normalbeschwörung verzichten, ruft aber dafür ein Pflanzen-Monster von meinem Friedhof zurück aufs Feld!“
      Um Tatjana breitete sich hohes Gras aus. Dann schoss sie aus dem Boden, die grüne Blüte, aus der die Pflanzenprinzessin aufging wie die Sonne am Firmament.

      Tytannial, Princess Of Camellias [ATK/2800 DEF/2600 (8)]

      „[Genex Solar] ist zwar das stärkere Monster“, meinte der Lockenschopf zuversichtlich, „aber nur solange er von [Genex Turbine] unterstützt wird. Was nicht mehr lange der Fall sein wird. Winter's Red!“
      Wie schon beim letzten Mal hob Tytannial eine Hand in die Höhe, um die zahlreiche Blütenblätter zu wirbeln begannen. Mit einem Schwenk entfachte sie einen verheerenden Sturm, der das Triebwerk vor Isaac zwar nicht unmittelbar zerstörte, sehr wohl aber die Turbine verstopfte, wodurch sie explodierte. Doch gerade als Tatjana ein gehässiges Grinsen aufsetzte, flog eines der Trümmerteile direkt auf sie zu und passierte den Körper des Mädchens. Velvet, die das Schauspiel ohnehin besorgt mitansah, keuchte erneut erschrocken.

      [Isaac: 2800LP → 1800LP / Tatjana: 1400LP → 900LP]

      Isaac fasste sich an die Stirn. „Berechenbar bist du. Vergessen, dass [Genex Solar] dir 500 Punkte Schaden zufügt, wenn andere Genex-Monster vom Spielfeld auf den Friedhof gelegt werden?“
      „In Kauf genommen“, schnappte Tatjana gallig zurück. Sie zeigte auf den fliegenden Androiden.

      Genex Solar [ATK/2900 → 2500 DEF/1500 (8)]

      „Der ist jetzt keine Gefahr mehr“, kicherte sie bitterböse und nahm eine Karte aus ihrem Blatt, die sie in einen der Zauber- beziehungsweise Fallenkartenslots schob. Als die gesetzte Karte sich zu ihren Füßen materialisierte, machte sie mit einem abwertenden Wink ihrer rechten Hand klar, dass ihr Zug damit beendet war.

      Ihr blonder Widersacher rollte mit den Augen. „Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher. Draw!“
      Nachdem er aufgezogen hatte, betrachtete er sein Blatt bestehend aus drei Karten. Ohne viele Worte zu verlieren, nahm er die einzige Zauberkarte daraus und schob sie in seine Duel Disk. „[Swing Of Memories]. Damit kehrt für einen Zug ein normales Monster von meinem Friedhof zurück. Sei wiedergeboren, [Genex Controller]!“
      Vor ihm schossen aus dem Nichts zwei Seile aus Licht herab, zwischen denen sich eine Pritsche bildete. Und auf dieser saß die kleine Steuereinheit mit dem großen Kopf.

      Genex Controller [ATK/1400 DEF/1200 (3)]

      Sofort im Anschluss spielte Isaac noch eine Karte aus. „Solange ich [Genex Controller] im Spiel habe, kann ich [Genex Furnace] ohne ein Monster zu opfern rufen!“
      Vor ihm materialisierte sich ein alter Heizofen, wie man sie oft in Dampflokomotiven fand. Seine Luke stand offen, Feuer loderte in ihrem Inneren. Auf dem Ofen befand sich eine Laterne, in der ein einziges grünes Licht glühte – der 'Kopf'.

      Genex Furnace [ATK/2000 DEF/1300 (5)]

      „Das hier ist vorbei“, murrte Isaac und streckte die Hand aus, „Ich stimme meinen Stufe 3-[Genex Controller] auf meinen Stufe 5-[Genex Furnace] ein!“
      Sein kleiner Roboter sprang von der Schaukel und zersprang in drei grüne Lichtringe. Dazu zitierte Isaac: „Rusty flames form a path to the next generation! Fleeting dreams become reality!“
      Anschließend zerplatzte der Ofen in fünf Lichtkugeln, die die Synchroringe passierten. „Synchro Summon!“
      Ein Lichtblitz schloss den Vorgang ab. „Burn, [Thermal Genex]!“
      Mit einem Satz landete ein breiter Roboter vor dem Blonden, dessen dunkelblaue Färbung hauptsächlich daher rührte, dass er aus beiden Armen, seiner Brust und den Schultern grelle, blaue Flammen ausstieß.

      Thermal Genex [ATK/2400 → 2600 DEF/1200 (8)]

      Isaac verschränkte die Arme. „Für jedes Feuer-Monster auf meinem Friedhof erhält [Thermal Genex] 200 Angriffspunkte, wie du siehst. Allerdings ist seine Beschwörung nur Mittel zum Zweck, denn …“
      Er nickte nach oben. Tatjana, als auch ihre Freunde auf den Zuschauerplätzen sahen nach oben, wo [Genex Solar] eine Faust ballte. Der ganze Torso des fliegenden Mechs war von roter Energie durchzogen.
      „… da Genex-Monster auf den Friedhof gelegt wurden, fügt [Genex Solar] dir für jedes davon 500 Punkte Schaden zu. Das sind insgesamt 1000, mehr als du vertragen kannst.“
      Die Sonnenenergie zischte über den Arm besagten Androidens und konzentrierte sich in seiner Faust. In einem gewaltigen Strahl wurde sie Richtung einer überraschten Tatjana gestoßen.
      „Game over“, murmelte Isaac finster und drehte sich weg.
      Tatjana sagte gar nichts, sah dem grellen Licht entgegen. Und grinste bitterböse. „Du bist ja so berechenbar, Isaac. [Nature's Reflection]!“
      Ihre Falle klappte vor ihr auf. Analog dazu schoss ein gewaltiger Steinmonolith vor ihr aus dem Boden, überwuchert von Efeu. Isaac wirbelte herum und sah noch, wie der Angriff seines Monsters darin einschlug, scheinbar absorbiert und abgesondert wurde – in seine Richtung. Von dem nahenden Licht geblendet, hob er den Arm vor die Augen. Dann durchströmte ihn die Energie.

      [Isaac: 1800LP → 800LP / Tatjana: 900LP]

      Tatjana fuhr sich durchs schwarze Haar und kicherte heimtückisch. „Dachtest du, mich mit so etwas Billigem besiegen zu können? Mir war gleich klar, dass du es auf diese Weise versuchen würdest. Dein Deck hat keine starken Monster, selbst deine Synchros können nicht mit einem Kaliber wie Tytannial mithalten. Ahahaha!“
      Der riesige Felsen zerbrach schließlich, hatte er seine Aufgabe darin erfüllt, den Effektschaden zurückzuwerfen. Isaac knirschte mit den Zähnen.
      „Mal ehrlich“, gluckste Tatjana weiter, „wie willst du deinen Traum überhaupt erfüllen mit so einem Schrottdeck?“
      „Unseren Traum“, korrigierte ihr Gegenüber sie giftig, „und ja, es stimmt, die Genex gehören zu den schwächsten Themen, die es gibt. Selbst als sie damals zur Einführung der Synchromonster auf den Markt kamen, hinkten sie hinterher.“
      Er ballte eine Faust und betrachtete sie. „Und genau deshalb spiele ich sie! Es ist eine echte Herausforderung! Mit jedem anderen Deck würde ich viel leichter ans Ziel kommen, aber ich habe mich für sie entschieden. Wenn dir das nicht passt, kannst du dir gerne ein anderes Team suchen.“
      Tatjana verstummte schlagartig.
      „Es reicht nicht nur zu wissen, was man erreichen will. Man muss auch eine Vorstellung davon haben, wie es geschehen soll“, erklärte Isaac und drehte dabei [Genex Solars] Karte auf seiner Duel Disk in die Horizontale, wodurch dieser wie ein Stein vom Himmel fiel und in einer Staubwolke kniend auf dem Boden aufschlug, „Claire Rosenburg hat mit diesem Deck einen Profiliga-Champion geschlagen. Ich habe das Duell analysiert. Es gibt noch Verbesserungsmöglichkeiten. Zug beendet!“

      Genex Solar [ATK/2500 DEF/1500 (8)]

      Im Hintergrund gluckste Patrice. „Vorsicht, sag jetzt lieber nichts, Tatjana. Es geht um seine Waifu!“
      Irritiert von der Aussage warf Velvet ahnungslos ein: „Aber sie sind doch gar nicht verheiratet?“
      „Das ist Nerdsprache“, klärte Fabio sie auf und kratzte sich an seinem massiven Afro. „Aber frag mich nicht nach einer Übersetzung.“
      Zu seinem Erstaunen brachte das seine Freundin jedoch zum Lachen. Die beiden Jungs stimmten mit ein, ganz zum Ärgernis von Isaac, der giftig in ihre Richtung schielte.

      Tatjana ihrerseits winkte auf Isaacs Einwurf hin abwertend ab. „Pah. Das lag daran, dass man sie des Betrügens überführen wollte.“
      „Und sie hat es widerlegt!“, hielt Isaac dagegen.
      „Nein, sie hatte einfach nur Glück.“ Die Schwarzhaarige griff nach ihrem Deck. „Draw!“
      „Jemand wie sie hat nichts zu befürchten. Immerhin war es der Vorschlag ihres Managements gewesen.“
      Die Deutsche verfiel in hysterisches Gelächter. „Oh man, Isaac Sawyer, du kannst dir eine Menge merken, aber intelligent bist du nicht! Und wenn wir gerade dabei sind, hier ist noch was fürs Gedächtnis: Deine bevorstehende Niederlage!“
      Eine Zauberkarte in ihre Duel Disk einführend, erklärte sie: „Bevor Blumen sprießen können, muss man sie sähen. Ich aktiviere [Trade-In] und schicke ein Stufe 8-Monster von meiner Hand auf den Friedhof, um zwei neue Karten zu ziehen!“
      Demonstrativ zeigte sie ihr Monster vor und schob es in den Friedhofsschlitz. Noch während sie aufzog erklärte sie: „Und jetzt verzichte ich auf meine Normalbeschwörung, um mein abgeworfenes Monster dank [Miracle Fertilizer] zurück aufs Feld zu rufen! Erblühe, [Talaya, Princess Of Cherry Blossoms]!“
      Eine riesige, weiße Knospe tauchte vor Tatjana auf und öffnete ihre Kelchblätter. Was sich erhob war eine wunderschöne, schwarzhaarige Frau in violetter, japanischer Tänzertracht, die eins mit der Blüte war. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Fächer, um sie wirbelten Kirschblütenblätter.

      Talaya, Princess Of Cherry Blossoms [ATK/2800 → 3000 DEF/1200 (8)]

      „Für jedes Pflanzen-Monster, das ich kontrolliere, wird die Gute stärker“, erklärte Tatjana mit einem gehässigen Grinsen auf den Lippen, „und sie beschützt die anderen Blumen vor Effektzerstörung. Aber wen juckt das noch, jetzt muss erstmal deine Schrottarmee dran glauben. Tytannial, vernichte [Genex Solar]! Winter's Red! Talaya, du übernimmst danach [Thermal Genex]! Spring's Blue!“
      Mit einem Schwenk ihrer Hand schleuderte die Prinzessin mit dem Blätterhaar einen roten Blütensturm auf den knienden Androiden vor Isaac, welcher bei Kontakt explodierte. „Tch!“
      Gleich darauf ließ Talaya ihren Fächer sprechen und bewegte ihn elegant von links nach rechts und zurück. Tausende Kirschblütenblätter begannen aus dem Nichts um den blaue Flammen sprühenden Roboter zu tanzen, bis ein Wirbelsturm entstand. Jener hievte [Thermal Genex] empor und verschwand dann so plötzlich, wie er gekommen war. So fiel die Maschine und zersprang beim Aufprall in tausend Partikel.

      [Isaac: 800LP → 400LP / Tatjana: 900LP]

      „Die hier setze ich. Zug beendet!“ Zischend materialisierte sich die Falle zu Tatjanas Füßen. Das Mädchen kniff die Augen fest zusammen. „Nutze deinen Zug, denn es ist garantiert der letzte!“

      „Wer den letzten Zug spielt, gewinnt das Duell. Vergiss das nicht“, konterte Isaac und griff nach seinem Deck, „Draw!“
      Voller Schwung zog er seine Karte und betrachtete sie aufgeregt. Denn auch wenn er versuchte seine kühle Maske zu wahren, pochte sein Herz wie ein Presslufthammer. Er lächelte, als er aufsah.
      „Meine Verbesserungen haben sich ausgezahlt. Mit dem hier hast du sicher nicht gerechnet. Da du zwei Monster mehr als ich kontrollierst, kann ich ihn als Spezialbeschwörung aus meiner Hand rufen“, erklärte er und legte das Monster auf seine Duel Disk. „[The Fiend Megacyber]!“
      „Hm!?“, machte Tatjana, als vor ihrem Widersacher ein in schwarzer Robe steckender Kämpfer vor Isaac erschien, dessen Körper von einem massiven, gelben Brustpanzer geschützt wurde. Der Mann war unbewaffnet.

      The Fiend Megacyber [ATK/2200 DEF/1200 (6)]

      „Damit kann ich jetzt meine letzte Handkarte ausspielen: [Genex Spare] als Normalbeschwörung!“
      Ein kleiner Roboter tauchte zu Isaacs Füßen auf. Er sah beinahe so aus wie [Genex Controller], nur dass er keinen Helm trug. So hatte sein Kopf die Form eines alten Kassettenspielers.

      Genex Spare [ATK/800 DEF/1200 (3)]

      „Und jetzt das Highlight!“ Isaac streckte die Hand nach vorne aus. „Ich stimme meinen Stufe 3-Genex-Empfänger auf mein Stufe 6-Finsternis-Monster ein!“
      Das Ersatzteil sprang in die Luft und zerteilte sich in drei grüne Lichtringe. Wie gewohnt folgte ihm der Krieger und wurde zu sechs grünen Lichtkugeln.
      „Real shadows form a path to the next generation! Fleeting dreams become reality!“ Die Sphären passierten die Ringe. Ein Lichtblitz folgte. „Synchro Summon! Rush, [Locomotion R-Genex]!“
      Lautes Pfeifen verkündete die Ankunft eines schwarzen Roboters mit massiven Armen, der mit einem Satz vor Isaac landete. In seiner Brust war ein inaktiver Scheinwerfer eingebettet, vom Rücken stand ein Zylinder ab, aus dem eine Rauchwolke aufstieg.

      Locomotion R-Genex [ATK/2500 DEF/2000 (9)]

      „Es ist vorbei“, sagte der Blonde und zog die Augen zu Schlitzen zusammen, „Effekt meines Monsters! Ich übernehme die Kontrolle über das Monster meines Gegners mit der höchsten Stufe. Sollte es mehrere mit der gleichen geben, kann ich wählen.“
      Der junge Mann hob die Hand und deutete auf Talaya. „Sie!“
      „Wow, das ist sein bestes Monster!“, staunte Fabio.
      „Jap. Ein echter Finisher“, gestand ihm auch Patrice anerkennend zu.
      Doch nicht so Tatjana. Sie setzte ein bitterböses Grinsen auf. „Tja, da hast du dich wohl verschätzt! Gegeneffekt von [Tytannial, Princess Of Camellias]!“
      Die Blütenprinzessin mit dem Laubhaar starrte Isaacs Maschine majestätisch an. „Wenn du eine meiner Karten mit einem Effekt anzielst, kann sie diesen Effekt sofort stoppen und den Auslöser zerstören. Dafür muss ich aber ein Pflanzen-Monster opfern. Sorry, Tyta-“
      „Amateurin“, spottete Isaac unverhohlen dazwischen. „Siehst du es nicht? Nichts passiert.“
      Tatsächlich, auf seinen Hinweis hin musste das Mädchen deutscher Herkunft feststellen, dass ihre Prinzessin nur in ihrer Blüte saß und nichts unternahm. „A-aber-“
      „Auch wenn ich das Monster aussuchen kann, ist das trotzdem kein zielender Effekt. Kein Wunder, dass du so schlechte Noten sammelst, wenn du nicht einmal das weißt“, setzte Isaac nach und schwang den Arm aus, „jetzt los, [Locomotion R-Genex]! Flash Control!“
      Der Roboter warf den Scheinwerfer in seiner Brust mit einem Schlag seiner Faust dagegen an und blendete die Blütenprinzessin mit dem schwarzen Haar derart, dass sie im Licht förmlich verschwand – und plötzlich auf Isaacs Spielfeldseite auftauchte.

      Talaya, Princess Of Cherry Blossoms [ATK/3000 → 2900 DEF/1200 (8)]

      Jener ballte schlagartig eine Faust und sah zur Seite. „Ich weigere mich … ich weigere mich hinzunehmen, was ihr hier abzieht. Denkt darüber nach. Los, Talaya, zerstöre Tytannial!“
      Erstere schwang nur einmal ihren Fächer aus und wirbelte zahllose Kirschblütenblätter Richtung ihrer einstigen Gefährtin, die im Sturm unterging.
      „Und jetzt setz' nach, [Locomotion R-Genex]! Steamride!“
      Sofort stieß sich der Roboter mit Dampfantrieben an seinen Beinen vom Boden ab, landete vor der noch völlig verblüfften Tatjana und schlug zu.

      [Isaac: 400LP / Tatjana: 900LP → 800LP → 0LP]

      Als ihre Lebenspunkte auf 0 fielen, torkelte jene überrumpelt rückwärts, stolperte und klatschte auf ihren Allerwertesten. Isaac stand vor ihr, mit verschränkten Armen und bedachte sie eines, gelinde gesagt, absolut überlegenen Blickes.
      „Da staunst du, was?“, sprach er dabei eisig.
      Tatjana ließ den Kopf hängen und stieß einen frustrierten Seufzer aus.

      Fertig mit ihr, wandte sich Isaac an seine anderen Freunde und strafte sie mit demselben, strengen Blick. „Da das nun geklärt wäre …“
      Er fasste sich an die Stirn und stöhnte und drehte sich wieder um. „Nein … Wisst ihr, es ist gar nicht mal Velvets abenteuerliche Geschichte, die mich so aufregt. Oder dass sie – wie ihr alle – schlecht im Test abgeschnitten hat.“
      Der Blonde schritt auf Tatjana zu und reichte ihr die Hand. „Es ist die Tatsache, dass ihr alle unser Versprechen vergessen zu haben scheint.“
      „Hmpf!“ Nur sehr widerwillig schlug die ein und ließ sich aufhelfen.

      Patrice und Fabio sahen sich schuldbewusst an. Auch Velvet blickte auf und den beiden Duellanten entgegen, die sich ihnen näherten.
      Isaac sprach im Gehen weiter. „Wir alle haben uns versprochen, die Jahre hier so gut wie nur irgend möglich 'rum zu kriegen, um dann ein Team zu bilden, das die Profiliga zerfetzt. Das war dein exakter Wortlaut, Patrice. Trotzdem bist du heute gerade mal knapp über 60% gekommen.“
      „Stimmt schon“, lachte der verlegen.
      „Und du warst zwar mit 72% besser, aber zerfetzten wirst du damit niemanden“, tadelte Isaac den Afromann.
      „Nuu!“
      Isaac sah auf Velvet herab, als wäre er ihr Lehrer und nicht Mr. Atkins. „Von dir fangen wir gar nicht erst an.“
      „Hör endlich auf damit!“, fauchte Tatjana. „Wenn du-“
      Aber mit erhobener Hand bremste der große Blonde das pummelige Mädchen aus. „Aber! … aber ich kann verstehen, dass du völlig fertig von der ganzen Geschichte bist.“
      „Du glaubst mir!?“ Velvet sprang freudestrahlend auf und wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Was Isaac mit einem Rückwärtsschritt geschickt verhinderte.
      „Natürlich. Du weißt, ich habe so meine Schwierigkeiten mit diesem übernatürlichen Kram, doch du bist keine Lügnerin.“ Gerade als sie so richtig strahlen wollte, bremste er auch sie aus. „Aber! Ich habe kein Verständnis dafür, dass du uns erst -jetzt- davon erzählst!“
      Kleinlaut schrumpfte das Mädchen sofort wieder in sich zusammen und plumpste auf die Bank zurück. „J-ja …“

      „Und was jetzt?“, fragte Tatjana in die Runde. „Sollen wir die Polizei verständigen?“
      „Wäre das Beste. Vielleicht ist der Typ ja schon aktenkundig“, überlegte Fabio und sah Patrice an. „Dein Dad ist doch Cop-“
      Doch sofort fuhr sein bester Freund ihm über den Mund. „Vergiss es, den brauchen wir gar nicht fragen, ob er privat für uns ermittelt.“
      „Davon redet auch keiner“, widersprach die Deutsche, „wir melden das Ganze ganz offiziell.“
      Alle sahen Velvet fragend an, aber die schüttelte den Kopf. „Nein … dieser … Mann, er würde … sie könnten sich nicht wehren. Ich weiß nicht einmal, ob er wirklich … ein Vampir ist, aber ich habe die Macht gespürt, die von ihm ausging. Ich glaube, er kann Leute irgendwie hypnotisieren, einfach indem er sie ansieht.“
      „Da steig' ich aus“, meinte Isaac resignierend.
      Patrice setzte sich neben sie. „Aber was willst du dann tun? Ihn einfach gehen lassen?“
      „I-ich weiß es nicht.“
      „Wenn wir wenigstens wüssten, wer das überhaupt war.“
      „Na ja“, mischte sich Isaac doch wieder ein. In dem Moment erklang zum Ärgernis aller das Läuten zum Unterricht. „vielleicht- Oh! Na klasse. Was auch immer, vielleicht kann ich da helfen. Wir treffen uns nach der Schule im IT-Raum 303.“
      Die anderen sahen sich fragend an, doch der Blonde löste sich bereits ohne weitere Erklärung von ihnen und schritt zum Gebäude. Dann blieb er noch mal stehen und drehte sich um. „Los, kommt endlich. Nochmal möchte ich euch nicht an unsere Abmachung erinnern müssen. Unpünktlichkeit schlägt sich in schlechteren Noten wieder.“
      „Immer diese Musterschüler“, schnarrte Patrice und sprang von der Bank auf.
      „Wirklich, 'ne richtige Nervensäge ist das“, murrte Tatjana und folgte ihm zusammen mit Fabio.
      Nur Velvet blieb zurück, nicht wissend, ob sie glücklich sein sollte, so gute Freunde zu haben oder traurig, jene enttäuscht zu haben. Als sie alle auf sie warteten, wusste sie die Antwort jedoch und sprang lächelnd auf.

      ~-~-~

      Nach der letzten Unterrichtsstunde schritten Velvet, Tatjana, Fabio und Patrice die Stufen hinauf in den dritten Stock, folgten dem Gang bis zum vereinbarten Treffpunkt. Die Tür stand einen Spalt breit auf.
      „Mal sehen, was er vor hat“, gluckste Fabio.
      „Bestimmt nichts, was uns in irgendeiner Weise nützt“, murrte Tatjana gallig. „Wir sollten das einfach der Polizei melden.“
      „Lasst uns bitte wenigstens schauen, was er glaubt, herausfinden zu können.“ Das gesagt, trat Velvet als Erste in den Raum ein. Es erwarteten sie einzelne Tische, an denen sich PCs und Bildschirme befanden. Die Rollos waren zur Hälfte von den Fenstern heruntergelassen, damit die Nachmittagssonne nicht beim Arbeiten störte. Ein Platz in der ersten Reihe war besetzt.

      Isaac saß bereits am PC, während der Rest der Gruppe sich hinter ihm versammelte und zusah, wie er das Akademie-Programm zum Auswerten von Duelldaten öffnete. Oder zumindest fast alle, denn Tatjana zog es nach ihrer Niederlage vor, möglichst viel Abstand von ihm zu halten. Daher saß sie am nächstgelegenen Tisch und funkelte beleidigt zu den anderen herüber.
      „Okay, wir sind drin. Gib mir deine Duel Disk“, fordere der Blonde Velvet immer noch ein wenig skeptisch auf.
      Jene zu seiner Rechten strich sich den Apparat vom Arm und reichte ihm, doch Isaac deutete ihr an, diesen stattdessen neben den Bildschirm zu legen. Danach beugte er sich zum Tower-PC herab und zauberte ein langes USB-Kabel hervor, das er schließlich mit der Duel Disk verband.
      „Das ist so 2002“, gluckste Fabio belustigt.
      „Beschwer' dich bei der Schulleitung. Die haben das ganze Equipment billig als Restposten irgendwo aufgekauft.“ Isaac schnaubte. „Deswegen dauert es auch so lange, das Programm zu starten.“
      Patrice musste lachen. „Aber nach außen sind wir natürlich eine der renommiertesten Duell-Akademien. Ist klar.“

      Nach einer gefühlten Ewigkeit ploppte ein hellblaues Fenster mit dem Blauäugigen Weißen Drachen als Logo unter der Kopfleiste auf. Auf der linken Seite befand sich ein Menü mit mehreren Feldern und einer Suchleiste. Isaac gab dort jedoch nur eine 1 ein und schon wurde das Bild heller, der Schriftzug „Lädt“ erschien. Und blieb. Und blieb.
      „Man, das dauert ja“, runzelte Patrice die Stirn. „Wer wettet mit mir, dass wir gleich eine Fehlermeldung bekommen?“
      Keiner, denn tatsächlich tauchte eine Liste mit allen Duellen auf, die Velvet mit dieser Duel Disk geführt hatte. Und das letzte war vom gestrigen Tag. Das Mädchen spürte eine unangenehme Hitze in sich aufsteigen. „D-das ist es. Die Uhrzeit passt.“
      „Also schön.“ Isaac klickte es an.

      Auf dem Bildschirm tauchte eine Abbildung der Spielpläne von Velvet und Zyxx auf. Wie er in seinem ersten Zug nur [Igknight Templar] beschwor, das Mädchen diesen mit [Spiritual Beast Apelio] angriff und so weiter. Jede Aktion wurde dargestellt.
      „I-ich hab Pegasus erst kurz vor dem Ende des Duells beschworen“, murmelte Velvet aufgeregt. Was, wenn dort tatsächlich nichts auftauchte?
      Dann kam der entsprechende Zug. Sie zog auf … und eine Karte, die jedoch nur mit dem Kartenrücken von Duel Monsters dargestellt wurde, tauchte auf ihrem Feld auf.
      „Halt an“, rief Fabio sofort und Isaac pausierte mit einem Mausklick.
      Er ließ den Zeiger hinüberfahren. Ein kleines Fenster blendete alle relevanten Infos ein.

      Ebon Sky Pegasus
      Monster/Effekt/Excel
      Ungeheuer/Wind
      ATK/2500 DEF/2000 X8
      Kondition: keine
      Nur einmal während des Duells, während des Zuges eines beliebigen Spielers: Du kannst 1000 Life Points zahlen und 1 Zauber- oder Fallenkarte von deiner Spielfeldseite auf den Friedhof schicken; aktiviere 1 Zauber- oder Fallenkarte direkt aus deinem Deck. (Aktivierungskosten gelten als bezahlt.)

      „Ich wusste es!“, stieß Velvet hervor, als sie 'Excel' las. „D-das ist sie. Ich habe mir das nicht eingebildet!“
      Als sie bemerkte, wie laut sie dabei gewesen war, winkte sie mit beiden Händen. „Oh, äh, sorry, i-ich freue mich bloß.“
      Tatjana sprang von ihrem Platz einen Tisch weiter auf und eilte zu den anderen. „Zeig mal.“
      „Was ist das?“, wunderte sich Isaac mit großen Augen. „Die Karte gibt es in der Datenbank, aber ich kann nicht drauf zugreifen. Genauer gesagt …“
      Er klackerte ein wenig auf der Tastatur herum. „… kann ich nicht mal nach weiteren Excel-Karten suchen.“
      „Gib zu, dass du Unrecht hattest“, forderte die Deutsche sofort spitz.
      „Gib zu, dass du überflüssig bist“, konterte ihr Erzfeind grantig und suchte weiter.
      „Aber wo ist die Karte dann hin?“, wollte Patrice an Velvet gewandt wissen. Die konnte auch nur mit den Schultern zucken, woraufhin er hinzufügte: „Sie wird dir also wirklich gestohlen worden sein, als du ohnmächtig warst.“
      Iaaac verdrehte die Augen. „Das Thema hatten wir schon.“
      „D-denkst du nicht, der Typ hätte -mich- mitgenommen statt der Karte?“, meinte auch Velvet.
      „Es sei denn, er war von Anfang an nur hinter der Karte her.“ Fabio schnalzte mit der Zunge. „So'n Teil könnte ein kleines Vermögen wert sein.“
      Velvet schüttelte den Kopf. „Nein, er wusste gar nicht, dass ich sie hatte …“

      „Unbekannte Karten hin oder her. Viel interessanter finde ich, dass die Duel Disk deines Gegners nicht registriert ist.“ Isaac drehte sich auf dem Stuhl zu den Vieren um. „Aber wen wundert das. Er wollte dich entführen, da wird er wohl kaum etwas zurücklassen, was man nachverfolgen kann.“
      „Also glaubst du endlich an die Excel-Monster?“ Velvet strahlte vor Freude.
      Der Blonde nicht, als er nickte. „Dir ist klar, dass wir damit -wirklich- zur Polizei müssen.“
      Betreten sah das Mädchen weg. „S-sicher … aber …“

      Wie sollte sie denen erklären, was wirklich geschehen war? Und was konnten die schon gegen das Übernatürliche unternehmen?
      Es erschien ihr hoffnungslos, die Polizei um Hilfe zu bitten. Tatsächlich gab es wohl niemanden, der ihr in dieser Sache helfen konnte …



      Turn 91 – Today Will Never Exist Again

      Der Tag von Velvets ersten Duellexamen ist gekommen. Doch die Dinge nehmen eine erschreckende Wendung, als der Erbe der Abraham Ford Company – Henry Ford – der Schule einen Besuch abstattet und Velvet beschuldigt, seine Firma bestohlen zu haben. Um die Sache zu klären, arrangiert er ein Duell zwischen den beiden, das den Test ersetzen soll …

      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Isaac

      Genex Controller
      Genex Spare
      Genex Undine x2
      Genex Furnace
      Genex Solar
      Genex Worker
      Genex Turbine
      The Fiend Megacyber

      Double Summon
      Last Will
      Swing Of Memories

      Hydro Genex
      Thermal Genex
      Locomotion R-Genex

      Tatjana

      Tytannial, Princess Of Camellias
      Talaya, Princess Of Cherry Blossoms
      Rose Witch
      Lonefire Blossom

      Miracle Fertilizer
      Trade-In

      Blossom Bombardement
      Nature's Reflection


      Link für die PDF

      Ich hoffe, es hat euch gefallen. Über Feedback freue ich mich natürlich.
      Zur 91 Folge
      Spoiler anzeigen

      Velvet: Warum ist sie von ihrer schlechten Note entäuscht? Sie hatten doch (kaum) gelernt. Da ist ne 4+ schon ganz normal. Und vor allem nach dem gestrigen Erlebniss kümmert sie sich so sehr um ihre Noten? Viel mehr haben wir nicht von ihr in der Folge gesehen.

      Isaac: In der letzten Folge dachte ich er währe nur ein x beliebiger Streber. Aber inzwischen erinnert er mich ein wenig an Nick/Elli. Wenn Nick Batman ist, dann ist Isaac Robin. Hast du ihn Isaac genannt wegen Isaac Newton?

      Tatjana: Nun sie ist wohl die Zicke in der Gruppe. Heist sie Tatjana weil ihre beiden Boss Monster auch so änlich heißen?

      Fabio und Afro: Nun besonderst wichtig waren sie in dieser Folge ja nicht. Mal sehen was da noch kommt.

      Das Duel: War wiedermal spannend da man nie wussten wer jetzt von den beiden gewinnen würde.

      Ebon Sky Pegasus: Finde es ja sehr interessant das diese Karte überhaupt in der Datenbank einlesbar ist ohne Bild. Ist das so mit jeder Karte die aus Luft erschaffen wurde? Wie zB die Inkarnates wie Pearl oder die Wächter Karten.
      Suche Spieler aus Bayern/Schwaben die in der Nähe von Günzburg/Giengen/Dillingen/Lauingen und Gundelfingen an der Donau wohnen. pls PN an mich :) :thumbsup: :drunk: :cain: :verschwoerung:
      Spoiler anzeigen
      Danke für die Erinnerung, dass Zyxx schon vorkam. Mir ist der eine kurze Auftritt der CLEAR Organisation tatsächlich kaum in Erinnerung geblieben. Zumindest abgesehen davon, dass ich den Namen erkannte, als du ihn erwähnt hast X/

      Zyxx Gefangenschaft im weißen Raum setzt ihn lediglich auf Ersatzbank der Charaktere. Er wird wohl früher oder später wieder auf den Plan treten. Es sei denn Gardenia geht etwas engagierter an seine Tötung heran als mit dem Gift ;)
      Oder ist es dir Aufwand für sie nicht wert? Und wenn ja, warum? Etwa weil Zyxx zu zäh ist? Oder ist das Gift am Ende doch in irgendeiner Form wirksam? Dass zunächst keine Folgen auftreten muss ja nichts heißen. Es fehlt schließlich definitiv noch an Langzeitstudien was die Wirkung von tödlichen Substanzen bei Untoten angeht. Was aber auf jeden Fall sicher ist, ist dass selbst Vampire von Panelmortalität betroffen sein können :D

      Interessant außerdem, dass er ein Adeliger ist oder war. Man bekommt den Verdacht, dass es da eine Hintergrundgeschichte rund um einige Edelleute, insbesondere natürlich den Sammler, gibt, die sich sehr, sehr lange vor den meisten Protagonisten ( eine Ausnahme könnte am ehesten Zanthe sein) abgespielt hat.

      Sonst wird Velvets "Peer-Genossenschaft" vorgestellt, von denen ja noch nicht alle bekannt waren. Isaacs Sieg in dem Duell spricht für sich, während Patrice und Fabio im verhältnismäßig gesehen im Hintergrund bleiben. Da ist auch gleich eine weitere Parallele dieser Charaktergruppe mit Anya: die duellantischen Ambitionen. Der Traum von der Duell Queen kommt dem Plan, der in dieser Folge eine wichtige treibende Kraft für die Handlung war, in gewisser Hinsicht durchaus gleich, nur dass der Teamcharakter bei Velvet und Co noch mehr im Vordergrund zu stehen scheint. Bestimmt hat Isaac noch mehr Gründe für seinen stark ausgeprägten Ehrgeiz, als offenbart wurde. Bin gespannt.

      Die Jagd nach Zyxx muss ja zwangsläufig im Nichts enden, aber das Henry die Excel-Karte von Velvet zurückfordern wird, führt zu einer spannenden Frage: woher konnte sie die Excel Karte haben? Steckt etwa wieder die "Gardenia-Mafia" dahinter? Und vor allem: wie funktionieren diese Karten denn jetzt eigentlich? Und wie kommt Anya dazu, von einer Mechanik zu träumen, von der sie unmöglich wissen kann?
      Hallo ihr Lieben! Zeit für die nächste Runde.

      @WiR
      Velvet ist enttäuscht weil das nicht dem Versprechen innerhalb der Gruppe entspricht, so gut wie möglich zu sein, um später als Team durchzustarten.

      Isaac ist sehr streng mit allen (auch sich selbst), aber anders als bei Nick nicht aus Verachtung, sondern "Zuneigung". Ihm ist der gemeinsame Traum/die Gruppe von allen am wichtigsten, kombiniert mit etwas zu viel Ehrgeiz.
      Dass er Isaac heißt hat einen anderen Hintergrund, aber das ist was Persönliches. ;)

      Tatjana dagegen ist tatsächlich eine Zicke. Ihr Name stammmt aus einer ganz alten Fanfic von mir, sie ist sozusagen die "Reinkarnation" jener Figur von damals. Nur dass sie nicht mehr Anyas Hassfreundin ist, sondern Velvets normale Freundin.

      Was Fabio Afro und Patrice angeht, joa, die haben sich halt auch nicht duelliert, näh?

      Wenn eine Karte durch Ätherbeeinflussung erschaffen wird, existiert kein Bild in den Datenbanken, das ist korrekt. Das Spiel wird insofern manipuliert, dass es die Karten von sich aus erkennt und eigenständig ins System schreibt, aber mehr auch nicht. Bilder werden dabei nicht hochgeladen.

      Vielen Dank für deinen Post. ^^

      @Mcto
      Ich schreibe TLA seit 2011, veröffentliche es hier seit 2013 wieder regelmäßig - da kann zwischendurch ruhig etwas verloren gehen. Selbst ich kann mir nicht alles merken, deswegen können selbst trotz all meiner Bemühungen hier und da Widersprüche/Logikfehler auftauchen. Ich versuch das dann immer heimlich zu vertuschen, was mir bisher ganz gut gelungen ist, glaub ich. >D

      Aber gut, diese Szene war auch wirklich sehr kurz und nur ein Teaser für Staffel 3, wenn man so will.

      Was das Gift angeht: Ich denke nicht, dass ich spoilere wenn ich sage, dass ich Zyxx nicht durch sowas gleich nach seinem ersten richtigen Auftritt aus der Fanfic streiche.
      Von Gardenia war das eine neugierige Spielerei, von der sie aber auch weiß, dass sie vermutlich nirgendwo hinführt.

      Interessante Vermutung, dass Zyxx und der Sammler sich vielleicht von früher kannten. Wer weiß, wer weiß.

      Joa, bei Velvets Gruppe ist das halt ein Team-Ding. So etwas hatte ich in der Form in meinen vorheringen Fanfics auch noch nicht, von daher gefällt mir das Motiv hier sehr.

      Schön, dass du dich übrigens daran erinnerst, dass Anya mal von den Excels geträumt hat. Denn -das- wird nochmal sehr wichtig. ;)
      Geht doch mit dir! :D

      Danke für dein Feedback. ^^


      Dann wünsche ich mal mit der nächsten Folge viel Spaß.

      Turn 91 – Today Will Never Exist Again
      „D-das kann unmöglich sein!“, stammelte Henry Ford aufgebracht in sein schwarzes Smartphone.
      Er befand sich in einem kleinen Büro mit dunklen Holzmöbeln, abgewandt vom Schreibtisch des Besitzers.
      „Sir, die Daten lügen nicht. Es war eine Excel-Beschwörung“, sprach die Frau am anderen Ende der Leitung sachlich.
      Henry senkte sein Haupt. „… wer?“
      „Die Duel Disk ist registriert auf eine Velvet Thorne, Duellanten-ID 102-214-876-175. 16 Jahre alt, Wohnhaft in Kings Crowning. Sie studiert an der Cloverfield Duel Academy.“
      „Was!?“, polterte der brünette, junge Mann im weißen Anzug. Er kannte diese Schule, schließlich förderte die AFC sie seit Jahren. Er mahnte sich zur Ruhe. „Und es besteht kein Zweifel?“
      „Nein, Sir.“
      „… also gut. Vielen Dank für die Benachrichtigung. Nehmen Sie sich der Sache bitte sofort an, ich möchte eine durchgehende Untersuchung. Ich melde mich.“ Nach einer kurzen Verabschiedung landete das Telefon in seiner Hosentasche.

      „Probleme?“, fragte Aiden Reid am Ende des Schreibtisches und betrachtete Henry neugierig.
      „Das wird sich zeigen. Ich fürchte, das Meeting morgen muss verschoben werden.“
      Der brünette CEO von Micron Electronics nickte verständnisvoll. „Natürlich.“
      Reid strich sich über seinen Dreitagebart. „Wie ich gerade schon erwähnte, sind die Bauarbeiten der stationären 'Monochrome' fast abgeschlossen. Schon bald können wir einen ersten Testlauf starten.“
      So gern Henry über sein geheimes Projekt sprechen wollte, so sehr fehlten ihm plötzlich die Nerven dafür. Er nickte knapp. „Gut. Irgendein Wort von Nick Harper?“
      „Nichts. Er ist spurlos verschwunden.“ Aidens strahlende Züge verschwanden schlagartig. „Es tut mir leid, ich kann mir nicht erklären, was da los ist.“
      „Sie sagten, er habe seine Arbeit bereits beendet?“
      „Ja. Ich hatte ihn beauftragt, noch ein paar Kalibrierungen vorzunehmen-“
      Henry schnitt ihm ins Wort. „Dafür ist noch genug Zeit. Solange das Gerüst steht, habe ich kein Problem damit, wenn er ein paar Tage untertaucht. Er hat Tag und Nacht an diesem Projekt gearbeitet.“

      Er konnte Reid ansehen, dass er nur allzu gerne widersprechen würde. Irgendetwas ging zwischen den beiden vor sich, das hatte Henry immer wieder bei Besprechungen gemerkt. Nick verhielt sich diesem Mann gegenüber äußerst feindselig – so sehr, dass jeder normale Arbeitgeber so ein Verhalten bestrafen würde. Doch Reid tat genau das Gegenteil.
      Was auch immer, es ging ihn nichts an. Zumindest solange 'Monochrome' dadurch nicht gefährdet wurde.

      „Ich werde dann gehen“, kündigte Henry an. „Vielen Dank für das Update. Ich hoffe, es schon bald selbst ausprobieren zu können.“
      „Natürlich. Sie sind 'Monochromes' Vater. Falls Sie Hilfe wegen Ihres Problems benötigen, melden Sie sich ruhig.“
      Der junge Ford-Spross nickte knapp und wandte sich der mit Sichtschutz bedeckten Glastür zu.

      ~-~-~

      Am nächsten Tag …

      Velvet schlenderte mit ihren Freunden durch den Gang auf dem Weg zur ersten Unterrichtsstunde. Gedankenverloren sah sie aus den Fenstern und beobachtete ihre Mitschüler auf dem quadratischen Innenhof, die dort Unterlagen austauschten, Späße machten und einfach ausgelassen tratschten.
      Sie beneidete sie ein wenig um ihre Unschuld.

      „Der Streit von gestern liegt dir wohl immer noch schwer im Magen, hm?“, fragte der blonde Isaac hinter ihr vorsichtig.
      Tatjana, die neben dem Mädchen im violett-schwarzen Blumenkleid her lief, schnaubte. „Nein, das sicher nicht, du Hutständer! Die versuchte Entführung. Hab ich Recht?“
      „Hmhm“, gab Velvet allerdings völlig abwesend von sich.
      „Hast du dich schon entschieden, ob du nun zur Polizei gehen wirst oder nicht?“, fragte Patrice ganz hinten, als sie vor der Tür ihres Klassenzimmers ankamen.
      Als keine Antwort folgte, langte der Afroamerikaner Fabio über seine anderen Freunde hinweg und tippte ihr leicht gegen den Hinterkopf. „J-ja!? Was hast du gesagt!?“
      Der Venezolaner stöhnte schicksalsergeben. „Schon gut. Wir können darüber auch noch später reden.“

      Velvet setzte sich an ihren Platz in der zweiten Reihe am Fenster, um den sich die anderen versammelten. Sie quatschten über Mode, nervige Mitschüler und den ganzen typischen Kram, der Teenager so beschäftigte. Die Brillenträgerin hörte kaum hin, dachte immer wieder an das Duell gegen diesen Vampir. Wohin er wohl verschwunden war? Er hatte doch die perfekte Gelegenheit gehabt, seine Drohung wahr zu machen. Was war mit ihm geschehen?
      Wenn ihre Visionen ihr doch nur die Fragen beantworten würden, die sie interessierten! Aber sie konnte sie nicht steuern. Sie kamen einfach, unvermittelt und meist auch völlig ungebeten. Sie erschauderte beim Gedanken an das, was sie als Todesvision empfunden hatte.
      War sie überhaupt sicher hier? Sollte sie vielleicht doch eine Weile untertauchen, wie Patrice es gestern noch vorgeschlagen hatte? Aber wie sollte das gehen, sie musste zur Schule und ihre Eltern würden sich bestimmt fragen, was da los ist.

      In all ihren chaotischen Gedanken bekam Velvet kaum mit, dass der Unterricht längst begonnen hatte und ihre Geschichtslehrerin, die dunkelhäutige, stets lässige Miss Chapman, über den Vietnamkrieg zu sprechen begann.
      Plötzlich verstummte sie, als eine Durchsage die Runde machte.
      „Miss Thorne aus Kurs 4b, bitte melden Sie sich umgehend im Sekretariat. Ich wiederhole, Miss Thorne aus Kurs 4b, bitte melden Sie sich umgehend im Sekretariat.“
      Jetzt war Velvet in der Realität angekommen. Und alle Augen waren auf sie gerichtet.
      „Was hast du denn jetzt angestellt, Thorne?“, gluckste Miss Chapman, die seitlich auf ihrem Lehrerpult saß und ein Buch in der Hand hielt.
      „I-ich weiß nicht.“
      „Wenn du nach oben musst, kann es nur was Ernstes sein“, vermutete Isaac von der ersten Reihe aus sofort und machte ihr damit wenig Mut.
      Mit flauem Gefühl im Magen erhob sich Velvet. Aber Miss Chapman winkte ab. „Ach, die Vinewood ist nicht so übel. Ist bestimmt nichts Schlimmes. Unsere Thorne würde doch nie was anstellen, oder?“
      „N-nein!“
      Trotzdem konnte sie den Gedanken nicht verdrängen, dass Isaac Recht haben könnte. Nervös schlenderte Velvet aus dem Klassenzimmer, winkte ihren Freunden noch einmal zu.

      ~-~-~

      Als Velvet nach kurzer Wartezeit im Sekretariat das Büro der Direktorin Mrs. Vinewood betrat, wurde das ungute Gefühl zu einem schmerzhaften Krampf in ihrem Magen. Denn die bereits ergraute Dame im dunkelroten Kostüm war nicht alleine. Sie saß an ihrem Schreibtisch vor einem großen Fenster. Davor standen zwei Stühle, von denen einer besetzt war. Ein junger Mann, brünett und in weißem Anzug saß dort und unterhielt sich mit der Frau. Das Gespräch endete abrupt als Velvet eintrat.

      „O-oh Entschuldigung!“, stammelte jene, als sie begriff, dass sie gar nicht angeklopft hatte.
      Mrs. Vinewood erhob sich. Hinter den dicken Brillengläsern in schwarzem Rahmen starrten schmale, graue Augen sie scharf an. Aber die Frau blieb freundlich. „Miss Thorne. Vielen Dank, dass Sie hier sind. Kommen Sie bitte herein.“
      Als ob sie irgendeine Wahl gehabt hätte, dachte das Mädchen klagend und schloss die Tür hinter sich. Auch der Mann erhob sich und drehte sich um. Es dauerte einen Moment, ehe die Schwarzhaarige ihn erkannte – und prompt erstaunt keuchte. Das war Benjamin Hendrik Ford, praktisch neben seiner Schwester Melinda DAS Gesicht der Abraham Ford Company. Die, die für viele Belange seitens Duel Monsters in den Staaten verantwortlich waren.
      „H-hallo“, stammelte Velvet ehrfürchtig.
      Und wurde in ihrer düsteren Vorahnung bekräftigt, als Henry sie lediglich finster anstarrte und kein Wort des Grußes verlor.
      „Setzen Sie sich bitte“, forderte Mrs. Vinewood ihre Schülerin auf.

      Nur ein ganz kleines bisschen zitternd trottete Velvet zum Schreibtisch der Direktorin. Deren Büro war ziemlich spartanisch eingerichtet. Weiße Wände, ein paar Aktenschränke zur Linken – mehr nicht. Viele behaupteten, dass sie sehr streng und penibel sei. Wobei man nicht sagen konnte, dass die Frau ihre Arbeit schlecht machte. Sie galt als jemand, der stets ein Ohr für die Belange der Studenten hatte und sich um jede Möglichkeit bemühte, jenen den Weg zum Profidasein zu erleichtern.
      Velvet selbst hatte bisher noch keinen direkten Kontakt mit ihr gehabt, abseits ein paar zufälliger Treffen auf den Gängen des Campus oder bei Ansprachen. Und eigentlich hätte es gerne auch so bleiben können.

      Die paar Schritte fühlten sich für das Mädchen wie eine Ewigkeit an. Als sie endlich ihr Ziel erreichte, machte Mrs. Vinewood noch eine eindeutige Handgeste zum Stuhl. Velvet setzte sich schluckend nieder.
      „Haben Sie eine Ahnung, warum ich Sie hierher gerufen habe, Mrs. Thorne?“
      „N-nein“, antwortete die und schüttelte viel zu kräftig den Kopf. Aber sie befürchtete, dass es etwas mit Henry Ford zu tun haben musste. Und sie sollte Recht haben.
      „Dann helfe ich Ihnen mal auf die Sprünge“, brauste jener sofort auf, wurde aber von der Direktorin zum Schweigen gebracht.
      „Mr. Ford, ich bitte Sie ruhig zu bleiben.“ Jene bat auch ihn mit einer beschwichtigen Geste, sich wieder zu setzen, was Henry aber nur sehr widerwillig tat. Als sie die Einzige war, die noch stand, stützte sie sich mit beiden Händen vom Schreibtisch ab. „Ich bitte Sie beide darum, über dieses Gespräch Stillschweigen zu bewahren.“
      „Wir werden sehen“, murmelte Henry abweisend.
      „N-natürlich“, stammelte Velvet dagegen gehorsam.

      Die ergraute Frau richtete sich auf. „Miss Thorne, ich werde direkt zum Punkt kommen. Ihnen wird vorgeworfen, interne und geheime Informationen der Abraham Ford Company und darüber hinaus auch eine bisher unveröffentlichte Karte gestohlen zu haben.“
      Sofort platzte es aus Velvet: „W-was!?“
      „Mr. Ford“, forderte Mrs. Vinewood ihren anderen Gast auf.
      Jener sah Velvet feindselig an. „Vor zwei Tagen haben unsere Server die Verwendung eines Excel-Monsters gemeldet. Eines, das Sie gespielt haben.“
      Das Mädchen traute ihren Ohren kaum. Ja, es stimmte, sie hatte [Ebon Sky Pegasus] benutzt, a-aber doch nicht gestohlen!
      „Diese Art von Beschwörung ist ein Prototyp, der nie in Serie ging. Sämtliche Informationen dazu blieben unter Verschluss“, erklärte Henry jetzt etwas ruhiger, „dazu kommt, dass die von Ihnen gespielte Karte nie von uns entworfen wurde.“
      „Haben Sie uns dazu irgendetwas zu sagen?“, wollte Mrs. Vinewood streng wissen.
      Eine Menge, hätte Velvet am liebsten gesagt. Aber wer würde ihr glauben, wenn sie sagte, dass diese Karte -einfach so- in ihrem Deck aufgetaucht sei? Und dass sie die Zukunft und Vergangenheit sehen konnte wie eine Hellseherin?
      „I-Ich habe nichts gestohlen, das schwöre ich.“
      „Natürlich. Das werden Sie auch bald vor dem Staatsanwalt müssen“, schnarrte Henry.
      Auch Mrs. Vinewood schien ihr kein Wort zu glauben. „Miss Thorne, ist Ihnen klar, was Ihnen vorgeworfen wird? Industriespionage ist kein Kavaliersdelikt. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass eine Suspendierung nur der Anfang vom Ende wäre.“
      Velvet schluckte. „A-aber ich habe doch nichts getan!“
      „Und wie sind Sie dann an jene Karte gelangt?“ Henry sah sie aus den Augenwinkeln scharf an.
      „Ich weiß es nicht!“, wurde das Mädchen schlagartig laut. Als sie bemerkte, wie die beiden Erwachsenen überrascht zurückschreckten, versank sie noch tiefer im Stuhl als ohnehin schon möglich. Sie war den Tränen nahe. „I-ich weiß es nicht. Ich weiß ja nicht mal, wie Pegasus funktioniert … oder wo er jetzt ist. Aber … aber wenn ich dafür eingesperrt werde, dann … dann ist mir das recht. I-ich akzeptiere jede Strafe.“

      Es war ein seltsamer Gedanke, den Velvet in diesem Moment hatte. Denn vielleicht konnte sie ihr Schicksal dadurch ändern. Im Gefängnis wäre sie sicher, oder? Nein … nein, nicht vor Leuten wie diesem Zyxx. Was für einen Unsinn sie da redete!
      Trotzdem sie sich am liebsten auf die Zunge beißen würde, sagte sie nichts mehr. Denn in gewisser Hinsicht war sie ja schuldig. Sie hatte eine Karte benutzt, die ihr nicht gehörte und die das Geschäft der AFC, sollte all das bekannt werden, schädigen könnte. Auch wenn es unabsichtlich war, aber Unwissenheit schützte vor Strafe nicht.

      „Nun, Mr. Ford, was schlagen Sie vor?“, fragte Mrs. Vinewood den jungen Mann.
      Der betrachtete Velvet noch immer von der Seite, richtete sich dann auf und erhob sich. „Es gibt nur eine Art und Weise, wie solche Angelegenheiten geregelt werden.“
      „Ich hatte gehofft, dass Sie das sagen werden.“ Die Direktorin richtete sich an Velvet. „Miss Thorne, holen Sie bitte Ihre Duel Disk und finden sich in der Arena ein.“
      „W-was?“
      „Ich fordere Sie heraus“, sprach Henry und schritt von dannen, „wir werden das klären wie wahre Duellanten – in einem Duell. Dort werde ich beurteilen, wie schuldig Sie sind, Mrs. Thorne.“
      Er drehte sich noch einmal zu ihr um. Seine Augen funkelten auf eine gefährliche Art und Weise, die dem Mädchen einen Schauder über den Rücken laufen ließ. „Eine Niederlage wäre das Ende Ihrer Zukunft. Also setzen Sie -alles- ein, was Sie bisher gelernt haben.“

      Velvet konnte im ersten Moment gar nicht recht begreifen, was vor sich ging. Als es Klick machte, sprang sie erschrocken auf. „W-warten Sie! K-können meine Freunde zusehen?“
      „Miss Thorne, das Duell wird während der Unterrichtszeit stattfinden“, wollte Mrs. Vinewood die Bitte sofort abschlagen.
      Doch das Mädchen war noch nicht fertig. „I-ich habe Ihnen von Pegasus erzählt, aber einige glaubten mir erst nicht. Auch wenn ich bestraft werden muss, möchte ich vor ihnen nicht als Lügnerin dastehen.“
      Henry nickte. „Immerhin sind Sie ehrlich. Gut, wenn sie sowieso schon Mitwisser sind, dann spricht wohl nichts dagegen. Clementine, ich schließe mich der Bitte Ihrer Studentin an.“
      Die Direktorin tauschte einen eindringlichen Blick mit Henry aus, ehe sie zustimmte. „Gut. Ich schätze, was sie im Unterricht verpassen, können sie beim Beobachten eines Profis wieder wett machen.“
      Ein winzig kleiner Kieselstein fiel Velvet vom Herzen. So würde ihr es um einiges leichter fallen, jemandem wie Henry Ford entgegen zu treten. Nicht, dass sie sich irgendwelche Hoffnungen machte, aber die Anwesenheit ihrer Freunde gab ihr wenigstens ein bisschen Kraft. „Danke!“

      ~-~-~

      Eine halbe Stunde später hatten sich sämtliche Involvierte in der kreisrunden Arena eingefunden, dem Duelldom der Akademie, welcher nicht direkt an jene angeschlossen war. Tatsächlich musste man vom Hauptgebäude aus einen gepflasterten und mit Steinsäulen bespickten Weg entlang des größeren Hofs gehen, ehe man ihn erreichte.

      Die Tribünen waren, wie es in solchen Hallen üblich war, erhöht zum Spielfeld angesetzt und umschlossen jenes in einem Kreis. Velvet stand bereits in dessen Zentrum und sah zu ihren Freunden hoch, die mit Ausnahme von Isaac in der ersten Reihe auf den blauen Sitzen Platz genommen hatten. Nur kurz war es ihr möglich gewesen zu erklären, was geschehen war.
      „Ich glaube das nicht. Das kann der doch nicht ernst meinen“, verstand die schwarzhaarige Tatjana die Welt nicht mehr.
      „Henry Ford ist ein sehr starker Duellant“, sagte Patrice, „er würde so einen Handel wohl kaum eingehen, wenn er nicht damit rechnet zu gewinnen. Das ist doch 'ne totale Farce!“
      Der Afromann sah das Mädchen dort unten nur mitleidig an und Isaac war sogar völlig mit den Gedanken abwesend.

      Weiter weg saßen zwei Lehrer und die Direktorin in den hinteren Rängen. Was man vor hier aus nicht sehen konnte war, dass der Hausmeister und die Techniker sämtliche Eingänge bewachten, damit es keine unerwünschten Besucher gab.
      Velvet konnte immer noch nicht fassen, dass sie in so eine Lage geraten war. Alles war so furchtbar ungerecht. Ihr wurde ein Verbrechen vorgeworfen, das sie nicht begangen hatte – nicht absichtlich jedenfalls. Sie konnte sich ja selbst nicht erklären, woher [Ebon Sky Pegasus] kam. Oder wo er jetzt war. Natürlich verstand sie die prekäre Lage von Mr. Fords Firma, aber sie hatte doch niemandem etwas Böses antun wollen. Warum verstand das keiner!?

      „Nicht weinen“, rief Tatjana ihrer Freundin fürsorglich zu und beugte sich über das Geländer, hielt die Hand vor den Mund, „mein Daddy ist Anwalt, vergiss das nicht. Wenn die dich wirklich verklagen, haut er dich da raus.“
      „Aber dein Vater lebt in Deutschland …“, erwiderte Velvet ungläubig.
      Auf den Einwurf des Mädchens winkte das pummelige Mädchen lachend ab. „Ach, das ist doch egal.“

      „Miss Thorne, es ist Zeit.“ Henry stand inzwischen auf seiner Seite des kreisrunden Feldes und wartete.
      Die Gerufene wirbelte schluckend um. Ihr Herz explodierte wohl in jenem Moment. „J-ja!“
      Ihre Beine waren weicher als Pudding, es fühlte sich an, als würden sie gar nicht mehr existieren. Es fühlte sich genauso an wie bei Zyxx. Gelähmt schritt Velvet herüber und nahm ihre Position auf dem Duellfeld ein.
      In dem Moment erhob sich Mrs. Vinewood und verkündete: „Auf Wunsch von Mr. Ford wird diese Angelegenheit mit einem Duell geregelt. Sollten Sie verlieren, Miss Thorne, werden Sie nicht nur der Schule verwiesen, sondern es drohen auch rechtliche Schritte.“
      Totenstille.
      „Schaffen Sie es jedoch, Mr. Ford zu besiegen, wird er wie vereinbart seine Anschuldigungen fallen lassen. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin werden auch wir von weiteren Konsequenzen absehen.“
      Musste sie das so betonen? Velvet fühlte sich ungewollt. Aber aus Sicht der Direktorin war es wohl verständlich, sie konnte keine stehlende Schülerin ausbilden.
      „Duellanten“, sprach jene autoritär, „nehmt eure Stellung ein!“
      Während Velvet ihre Schul-Duel Disk ausfahren ließ, aktivierte Henry Ford ein rotes D-Pad, wie er es während der Pressekonferenz zur Ankündigung der Pendelmonster vorgestellt hatte.
      Beide riefen: „Duell!“

      [Velvet: 4000LP / Henry: 4000LP]

      Mit aller Macht versuchte Velvet ihre Nervosität zu unterdrücken. Niemals hätte sie geglaubt, dem Erben der AFC gegenüber zu stehen. Und dann noch unter diesen Umständen.

      „Nun, da du nicht beginnen möchtest, fange ich an“, entschied Henry, nachdem Velvet ihn wortlos anstarrte. Erst, als er sein Startblatt zog, zuckte sie zusammen und tat es ihm gleich.
      Anstatt sich mit langen Reden aufzuhalten, verkündete er: „Ich beschwöre [Gusto Thunbolt] im Angriffsmodus. Dein Zug.“
      Vor ihm materialisierte sich eine etwa ein Meter hohe Wolfskreatur mit pastellgrünem Fell und gelb leuchtendem Horn an der Stirn, um welches Elektrizität knisterte.

      Gusto Thunbolt [ATK/1500 DEF/1200 (4)]

      Ein wenig erstaunte Velvet diese Eröffnung doch. Nicht nur war das Monster nicht besonders stark, sondern auch vollkommen ungeschützt. Aber das Mädchen erinnerte sich mal gehört zu haben, dass Gusto-Monster gut darin waren, einander zu ersetzen. Was wohl hieß, dass er fest mit dem Verlust seiner Kreatur rechnete.
      „D-draw“, stammelte sie und zog.
      Unsicher, was sie tun sollte, blickte sie in ihr Blatt. Wenigstens war die Duellarena, abgesehen von ihren Freunden, der Direktorin sowie ein paar Lehrern leer. Und die würden nicht über sie lachen, oder? Velvet schluckte. Was, -wenn- sie lachten!?
      „I-ich beschwöre [Ritual Beast Tamer Elder].“
      Ein knorriger Baum wuchs vor dem Mädchen aus dem Boden. Auf einem seiner Äste saß ein alter Mann, der seinen Holzstab gegen die Schulter lehnte und in einem Wälzer versunken war. Sein graues, langes Haar und der ebenso lange Bart unterstrichen seinen Titel als Ältester, der als solcher eine beigefarbene Robe mit grünem Cape trug.
      „Hmm?“ Henry hob eine Augenbraue an. „Dieses Monster ist doch mein Kamui …?“

      Ritual Beast Tamer Elder [ATK/200 DEF/1000 (2)]

      Der junge Mann im feinen, weißen Anzug fasste sich ans Kinn. Murmelte zu sich selbst: „Die Werte sind sogar identisch. Interessant.“
      „D-der Älteste lässt mich in diesem Zug noch eine Normalbeschwörung eines Stammesangehörigen durchführen.“ Velvet nahm noch eine Karte aus ihrem Blatt und legte sie auf die Duel Disk. „L-los, [Spiritual Beast Cannahawk]!“
      Der alte Kamui nahm seinen Zauberstab und richtete ihn auf einen Ast am anderen Ende des Baums. Ein Blitz schlug darin ein und keine Sekunde später saß dort ein Falke mit schwarzem Gefieder und hellem Bauch, an dessen Körper sich gelbe Energielinien abzeichneten. Seine Klauen strahlten gar.

      Spiritual Beast Cannahawk [ATK/1400 DEF/600 (4)]

      „M-monstereffekt von Cannahawk. Einmal pro Zug kann ich eine Ritual Beast-Karte von meinem Deck verbannen und zwei Züge später meinem Blatt hinzufügen.“ Velvet hielt bereits die Hand zu ihrem Deckschacht hin. „I-ich denke, mit [Ritual Beast Steeds] fahre ich ganz gut.“
      Besagte Falle schob sich aus ihrem Kartenstapel und wurde umgehend in einen Schlitz weiter unterhalb der Duel Disk geschoben.
      Henry verschränkte die Arme. „Wenn du deine Nervosität nicht in den Griff bekommst, wirst du nicht weit kommen.“
      „W-was?“
      „Du zitterst wie Espenlaub. Als Duellant solltest du eine Herausforderung begrüßen und dich nicht davor fürchten.“ Er räusperte sich. „Aber das ist nur meine Meinung.“
      Dieser Mann hatte ja auch leicht reden, dachte Velvet bitter. Schließlich war er ja derjenige, der nichts zu befürchten hatte. Aber sie? Ihr Leben drohte einen schrecklichen Verlauf zu nehmen.
      Dass nicht nur sie so dachte, konnte sie anhand der wüsten Beschimpfungen seitens ihrer Freunde von der Tribüne hören. Welche scharf von der Direktorin zurechtgewiesen wurden.
      „Konzentriere dich“, mahnte Velvet sich selbst leise. Dann sah sie auf und breitete beide Arme vor sich aus. „Oh Weiser vergessener Kriege! Oh Vogel donnernden Mutes!“
      Ihre beiden Monster stiegen in die Luft auf und Velvet schlug die Hände über sich zusammen, faltete die Finger ineinander. „Bindet euch aneinander! Contact Fusion!“
      Entschlossen riss sie die zusammenballten Hände nach unten. Während Cannahawk zu gewaltiger Größe anwuchs, stieg der alte Mann Kamui auf seinem Rücken auf und wurde dessen Reiter.
      „Flieg, [Ritual Beast Ulti-Cannahawk]!“ In dem Moment begannen die gelben Federn in den Schwingen des Vogels aufzublitzen.

      Ritual Beast Ulti-Cannahawk [ATK/1400 DEF/1600 (6)]

      Henry gab nur ein nachdenkliches „Hm.“ von sich.
      „U-und jetzt rüste ich ihn mit dem Zauber [Black Pendant] aus!“ Velvet schob jenen in ihre Duel Disk, wodurch sich um den Hals des Weisen ein schwarzer Anhänger bildete.

      Ritual Beast Ulti-Cannahawk [ATK/1400 → 1900 DEF/1600 (6)]

      „A-angriff!“, befahl Velvet überstürzt. „Stormthunder Howling!“
      Unter dem Ausruf Kamuis stieß der Riesenvogel einen schrillen Schrei aus. Aus seinem Schnabel schoss ein tosender Wirbelsturm, in welchem sich ein einzelner Blitz befand, der voll in den Einhornwolf einschlug. Jener wurde regelrecht zerfetzt.

      [Velvet: 4000LP / Henry: 4000LP → 3600LP]

      Eine Falle aus ihrem Blatt nehmend, verkündete Velvet unsicher: „I-ich setze diese Karte und gebe an Sie ab.“
      Während jene vor ihr erschien, gab Henry ein weiteres, nachdenkliches Geräusch von sich. Plötzlich verkündete er: „Da du [Gusto Thunbolt] zerstört hast, kann ich ihn am Ende des Zuges vom Friedhof verbannen, um ein Gusto-Monster aus meinem Deck zu beschwören. [Windaar, Sage Of Gusto], zeig' dich!“
      Ein Blätterwirbel tauchte vor Henry auf und hinterließ einen jungen, grünhaarigen Mann in minzfarbener Lederrüstung und hellbraunem Mantel, der beidhändig einen Zauberstab führte.

      Windaar, Sage Of Gusto [ATK/2000 DEF/1000 (6)]

      „Du hast einige Fehler gemacht. Thunbolt zu zerstören war nur einer davon“, belehrte Henry das Mädchen streng, „ein anderer, das volle Potential deiner Karten nicht auszunutzen.“
      „W-wie bitte?“
      „Die Ritual Beast-Fusionen haben die Fähigkeit, sich jederzeit in ihre ursprünglichen Fusionsmaterialien aufzuteilen. Um das Ganze einzuschränken, kann jedes davon nur einmal pro Zug spezialbeschworen werden.“ Henry sah das schüchterne Mädchen nachforschend an. „Du hättest den Effekt deines normalen Cannahawks durch diese Methode demnach zumindest zweimal aktivieren können.“
      Indem sie die Kontaktfusion wieder teilte und Baby-Cannahawks Effekt aktivierte. Danach hätte sie nochmal fusionieren können. „D-daran habe ich gar nicht gedacht!“

      „Jetzt ist es zu spät. Mein Zug, Draw“, erwiderte der Repräsentant der AFC kühl und zog auf eine fünfte Karte auf. „Normalbeschwörung, Empfängermonster [Gusto Egul]!“
      Ein kleiner, grüner Vogel landete auf Windaars Schulter, geschützt durch eine dünne Panzerung sowie einen Helm mit Hahnenkamm.

      Gusto Egul [ATK/200 DEF/400 (1)]

      Der junge Mann streckte fest entschlossen die Hand aus. „Ich stimme meinen Stufe 1-Empfänger Egul auf meinen Stufe 6-Windaar ein!“
      Sofort stieg der kleine Vogel in die Lüfte auf. „Silence lies within the wisper of the winds! A word of power is spoken! Synchro Summon!“
      In seinem Flug wuchs er, genau wie zuvor schon Ulti-Cannahawk, zu gigantischer Größe an. Sein Kamerad sprang ebenfalls in die Luft und landete auf dem Rücken des Monstervogels.
      „Arise, [Daigusto Eguls]!“
      Welcher ein lautes Kreischen abgab, das wie ein Echo durch die Arena ging.

      Daigusto Eguls [ATK/2600 DEF/1800 (7)]

      „S-synchro!“, stammelte Velvet verstört.
      „Ist das so überraschend?“ Der junge Mann sah seine Gegnerin nachforschend an, welche völlig unschlüssig, wie sie reagieren sollte, zurück starrte. „Nun, was auch immer. Angriff auf Ulti-Cannahawk! Homing Cyclone!“
      Henry schwang den Arm zur Seite aus. Sofort begann der Riesenvogel ehrgeizig mit den Flügeln zu schlagen und erzeugte so zwei kleine, silberne Wirbelstürme, die im Zielflug auf den Donnervogel zu einem großen verschmolzen. Doch bevor sie ihn erreichten, sprang der alte Reiter von seinem Reittier ab, sodass der Angriff zwischen beiden hindurch flog.
      „Contact out!“, rief Velvet dabei.
      Während Kamui trotz seines hohen Alters geschickt in der Hocke landete, schrumpfte Cannahawk auf seine Jungtiergestalt zurück.

      Ritual Beast Tamer Elder [ATK/200 DEF/1000 (2)]
      Spiritual Beast Cannahawk [ATK/1400 DEF/600 (4)]

      „Verstehe. Hmm. Ein Bändiger ist nichts ohne sein Reittier und ich möchte nicht, dass jenes mir in die Quere kommt“, murmelte Henry und deutete auf den Vogel in der Luft, „ich wähle Cannahawk als neues Ziel des Angriffs!“
      Der Wirbelsturm, der in der Zwischenzeit das Ende der Duellarena erreicht hatte, machte wie von Zauberhand eine Kurve und erwischte den Donnervogel kalt von hinten.

      [Velvet: 4000LP / Henry: 3600LP → 3100LP]

      „Ich kenne den Effekt von [Black Pendant]“, sprach Henry, als Velvet den Mund aufmachte, „deswegen habe ich 500 Lebenspunkte verloren. Zug beendet. Und deshalb …“
      Die Pupillen seines Vogels leuchteten rot auf. Keine Sekunde später explodierte Velvets gesetzte Karte vor ihren aufgerissenen Augen. Henry zeigte [Windaar, Sage Of Gusto] von seinem Friedhof vor. „… kann ich durch das Verbannen eines WIND-Monsters von meinem Friedhof eine deiner gesetzten Backrow-Karten zerstören.“
      Er zog den Arm mit dem roten D-Pad zu sich ran und tippte auf den Bildschirm auf Velvets Friedhof. Überrascht sah er auf. „Du hattest die Falle [Dimensional Barrier] gesetzt? Wieso hast du sie nicht genutzt, um meine Synchrobeschwörung zu verhindern!?“
      „I-ich, also …“
      „Gibst du dir überhaupt Mühe oder hast du schon aufgegeben?“ Henry nahm sie scharf ins Visier. „Wenn dem so ist, leg' die Hand auf dein Deck.“
      „A-aber dann-!“
      „Wirst du für deine Taten zur Rechenschaft gezogen werden, so wie es sich gehört.“ Henry reckte den Kopf missmutig zur Seite.
      Velvet schüttelte panisch den Kopf. „N-nein!“
      „Dann zeig', was in dir steckt! Oder wolltest du durch deinen Diebstahl lediglich mangelndes Talent ausgleichen!?“

      „Was bildest du dir eigentlich ein!?“, schrie Patrice da und sprang von seinem Sitz auf, nur um von Fabio an den Schultern gepackt und sofort wieder hinunter gerissen zu werden.
      „Nuu! Reiz ihn bloß nicht noch!“
      Der Venezolaner zeigte dafür aber wenig Verständnis. „Findest du das etwa ok wie er sie behandelt!?“
      „Er findet, dass -du- die Lage nicht noch schlimmer machen solltest“, wies Isaac ihn kühl auf die Tatsachen hin. „Abgesehen davon hat Mr. Ford jedes Recht, sich Velvet überlegen zu fühlen.“
      Etwas, das Tatjana ganz außen links sofort in Rage brachte. Diesmal sprang sie auf, hielt die Hand an den Mund und rief: „Mr. Ford, hier ist jemand der Ihnen den Arsch küssen will~!“
      Die anderen verfielen daraufhin in betretenes Schweigen und atmeten innerlich erleichtert auf, dass Henry sie gar nicht wahrzunehmen schien.
      „Hörst du bitte damit auf, dich wie ein Kleinkind zu benehmen?“, tadelte Isaac seine Erzfeindin genervt.
      „Wenn du endlich aufhörst, dich bei ihm einschleimen zu wollen?“
      „Ich habe gar nichts gemacht!“
      „Die können es auch nicht einmal gut sein lassen“, murrte Patrice, der von Tatjana zurückwich, wie sie sich umdrehte und nach Isaac zu schlagen versuchte.
      Fabio indes sah gebannt aufs Spielfeld. „Aber ist es nicht verrückt? Für jemanden, der sie bestrafen will, macht er eher einen auf Lehrer als böser Cop …“
      „Hmm“, nickte sein bester Freund, „da ist was dran.“

      Inzwischen hatte Velvet auf eine dritte Handkarte aufgezogen und sah Henry Ford verunsichert hat, so, als überlegte sie ihm zu widersprechen. Sie schluckte. „A-also der Grund, warum ich meine Falle nicht aktiviert habe …“
      Gleichzeitig legte sie eine Monsterkarte auf ihre Duel Disk. Dabei sprudelte es nur so aus ihr hinaus: „… ist, dass ein Monster leichter zu beseitigen ist als zwei! Normalbeschwörung, [Spiritual Beast Pettlephin]!“
      Ein großer, pinker Jungdelphin tauchte vor dem Mädchen auf. Ein Diadem mit blauem Edelstein darin zierte seine Stirn. Henry grinste für einen Sekundenbruchteil.

      Spiritual Beast Pettlephin [ATK/0 DEF/2000 (4)]

      „D-der Effekt von Pettlephin lässt mich eine Ritual Beast-Karte von meiner Hand verbannen“, stammelte das Mädchen, erschrocken von ihrem Ausbruch, und schob den Zauber [Ritual Beast's Bond] in den Schlitz unterhalb ihres Friedhofs, „um eine Karte meines Gegners auf seine Hand zurückzuschicken! Los!“
      Laut schnatternd zischte der Delphin durch die Luft als wäre sie Wasser, sprang unter den Riesenvogel Eguls und seinen Reiter und verpasste jenen mit seiner Schwanzflosse einen mächtigen Hieb, der die beiden durch die Decke krachen ließ, wo sie verschwanden.
      „E-ein Synchromonster wird nicht auf die Hand, sondern in das Extradeck seines Besitzers geschickt“, erklärte Velvet dabei, „n-natürlich wissen Sie das. A-aber so war es leichter für mich, Ihr Feld zu leeren. Hätte ich meine Falle aktiviert, müsste ich mich immer noch mit einem starken Monster und einem, das weitere Kameraden rufen kann, auseinandersetzen.“
      Henrys Miene hellte sich auf. „Also warst du vorbereitet? Nun, dann möchte ich mich entschuldigen. Aber gewonnen hast du deswegen noch längst nicht.“
      Sofort nahmen seine Züge wieder dieses ewig Grimmige an.
      „N-nein. I-ich wechsle [Ritual Beast Tamer Elder] in den Angriffsmodus und greife Sie direkt an!“

      Ritual Beast Tamer Elder [ATK/200 DEF/1000 (2)]

      Der Alte in der beigefarbenen Robe erhob sich und schoss eine Windkugel aus seinem Zauberstab auf Henry, die in jenen einschlug. Der Mann im weißen Anzug zuckte nicht einmal zusammen.

      [Velvet: 4000LP / Henry: 3100LP → 2900LP]

      „Und jetzt“, sprach Velvet und breitete wieder die Arme aus. „Oh Weiser vergessener Kriege! Oh Meereskreatur der Güte und Reinheit!“
      Letztere war längst zu ihr zurückgekehrt und begann zu wachsen. Der Gelehrte sprang in die Luft und landete direkt auf ihrem Rücken. „Bindet euch aneinander! Contact Fusion!“
      Schon ritt der alte Kamui den erwachsenen Delphin. „Beschütze mich, [Ritual Beast Ulti-Pettlephin]!“
      Jener zog vor die Brillenträgerin und schirmte sie vor den Blicken des Millionärs ab.

      Ritual Beast Ulti-Pettlephin [ATK/200 DEF/2800 (6)]

      „D-damit bin ich fertig“, gab Velvet stotternd ab.

      Henry zog auf und setzte ein überlegenes Grinsen auf. „Bisher war es ein interessantes Duell. Aber die Tatsache, dass du ein Excel-Monster gestohlen hast – meine Schöpfung – bleibt bestehen. Daher empfinde ich es nur als passend, wenn du dich einem solchen entgegen stellst.“
      „Huh!?“ Das Mädchen schrak zusammen, als Henry die Faust ballte und demonstrativ gegen seine Brust drückte.
      Auch ihre Freunde auf der Tribüne und die anwesenden Lehrer gaben erstaunte Laute von sich.
      „The wind of fate is blowing my way“, sprach er mysteriös. Auf seinem Handrücken tauchte ein grün leuchtendes Mal auf. Kreisrund, war in seinem Inneren ein weiterer Kreis mit einem Sichelstern im Zentrum – das Wappen der Gusto. „Summoning contract established! Witness the creation of the eternal gate!“
      Aus seinen Handkarten stiegen fünf grüne Lichtkugeln auf, die sich hinter ihm in einer Sternenformation anordneten. Kurz darauf manifestierte sich eine runde Steintafel mit mehreren Ringen, in denen jeweils eine der Kugeln zu einer Rune wurde.
      „Change the outcome of fate! Open the eternal gate!“
      Henry riss die Hand mit dem noch leuchtenden Mal in die Höhe. Die fünf Ringe des Tores schossen weit nach hinten, lösten sich auf und bildeten einen langen, bunten Tunnel, der direkt in eine andere Dimension zu führen schien.
      Und Velvet fühlte sich, als hätte sie das alles schon einmal erlebt. Ein Déjà-vu. Oder hatte sie das Ganze vielleicht in einer Vision gesehen, an die sie sich nicht erinnerte? Vielleicht damals, als-!?
      „Excel Summon! Grade 5! Appear before our very eyes, [Mirai, Entity Of Gusto]!“
      Aus dem Tor warpte sich eine grell leuchtende Gestalt. Gekleidet in einer weißen Robe, die sich hinter ihr in leuchtende Partikel aufzulösen schien, schwebte über Henry eine grünhaarige Göttin mit goldenem Diadem, in welchem ebenfalls das Wappen der Gusto eingearbeitet war. Gütig streckte sie ihre Arme aus, um welche grüne Bänder wirbelten.

      Mirai, Entity Of Gusto [ATK/2300 DEF/1500 X5]

      „Das ist also die Excel-Beschwörung“, staunte Fabio mit offenem Mund.
      „Interessant“, murmelte Isaac hinter ihm. „Aber woher kam das Monster? Er hat nichts ausgespielt.“
      „Er hat es einfach so beschworen, ohne etwas dafür zu tun.“ Tatjana stöhnte. „Ich will mir gar nicht vorstellen, was aus dem Spiel wird, wenn diese Dinger eines Tages erscheinen.“

      Henry hatte sie gehört und sah in die Richtung der Gruppe. „Das wird nicht passieren. Die Excel-Beschwörung wurde von meinem Vater und I2 abgelehnt.“
      „D-das tut mir leid“, stammelte Velvet schüchtern.
      Der jüngste Ford zuckte mit den Schultern. „Dafür kannst du nichts. Aber genug davon. Sicher weißt du gar nicht, was überhaupt geschehen ist.“
      Er hatte absolut Recht, die Schwarzhaarige schüttelte den Kopf. „N-nein.“
      „Dann hör' jetzt gut zu. Excel-Monster sind sehr speziell. So speziell, dass jedes auf eine andere Methode beschworen wird.“ Henry hob seine Hand mit den fünf Karten hoch. „Meine ist diese hier: 'Karten auf der Hand'.“
      „K-karten in Ihrer Hand? Sie können also [Mirai, Entity Of Gusto] beschwören, sofern Sie Handkarten haben?“
      Henry grinste. „Das ist nur die Basis-Bedingung. Wie du selbst schon bemerkt haben wirst, haben Excel-Monster keine Stufe und keinen Rang, sondern einen Grad. Dieser bestimmt zwei Dinge: Ab welchem Zug das Monster beschworen werden kann und 'wie oft' die Bedingung erfüllt werden muss, sofern keine andere Angabe existiert.“

      Velvet musste sich das Gehörte durch den Kopf gehen lassen. Also konnte ein Grad 5-Monster erst ab dem fünften Spielzug gerufen werden? In jenem befanden sie sich gerade. Und wenn er Handkarten benötigte und die Bedingung entsprechend des Grades '5' war, hieß das also, dass er fünf Karten auf der Hand halten musste?
      Wenn dem so ist, passte alles zusammen. Aber dann hieß das auch, dass [Ebon Sky Pegasus] erst ab dem achten Zug gerufen werden konnte. Und seine Bedingung wusste sie nicht – was ohnehin egal war, da sie ihn nicht mehr besaß.

      „Jedes Excel-Monster hat eine individuelle Bedingung zum Beschwören. Keine gleicht der anderen. Das ist eines ihrer Geheimnisse.“ Henry streckte den Arm aus. „Ein weiteres die Beschaffenheit ihrer Effekte! Das Konzept war, nie zuvor gesehene und Regel-biegende Fähigkeiten an die Excels zu koppeln! Wie Mirais!“
      Die Göttin der Gusto breitete ihre Arme so weit es ging aus und erschuf um sich einen grünen Synchroring.
      „Normalerweise müssen Synchromonster beschworen werden, indem ihre Materialien vom Feld auf den Friedhof geschickt werden.“ Henry nahm zwei Karten aus seinem Blatt und zeigte sie vor. „Das umgeht Mirai und lässt mich direkt von der Hand abstimmen!“
      Vor ihm erschienen ein kleiner, grüner Vogel mit gelblich leuchtenden Flügelfedern, welcher in einer Stahlrüstung steckte sowie ein grünhaariger Junge in beigefarbenem Cape, unter welchem er dunkelgrüne Shorts plus Hemd trug.
      „Ich stimme meinen Stufe 2-[Gusto Falco] auf meinen Stufe 2-[Kamui, Hope Of Gusto] ein!“, rief Henry und entlockte den Anwesenden erstaunte Ausrufe. „Emerald wings lead the will to survive towards heaven! A storm of hope embraces the world!“
      Der Falke wuchs zu beachtlicher Größe an, während er in die Höhe stieg. Kamui sprang ihm hinterher und landete auf seinem Rücken. „Synchro Summon! Soar, [Daigusto Falcos]!“

      Daigusto Falcos [ATK/1400 DEF/1200 (4)]

      Mithilfe eines Sattels stand Kamui auf dem Rücken seines Gefährten und hielt sich an einem daran befestigen Seil fest. Dessen Besitzer erklärte: „Wenn Falcos beschworen wird, erhöht er die Kraft aller Gustos um 600!“
      Sofort leuchteten sowohl die Göttin, als auch der Riesenvogel selbst in grüner Aura auf.

      Mirai, Entity Of Gusto [ATK/2300 → 2900 DEF/1500 X5]
      Daigusto Falcos [ATK/1400 → 2000 DEF/1200 (4)]

      „Damit kann ich deine Verteidigung durchbrechen! Twin Cyclones!“, befahl Henry scharf.
      Velvet, die noch ganz verdutzt war, erkannte, dass sie Schaden davon tragen würde, wenn sie nichts unternahm. „Contact out!“
      Während die Göttin und der Vogel mit den Händen beziehungsweise dem Schnabel mächtige Wirbelstürme erzeugten, sprang der Alte vom Rücken Pettlephins, welcher daraufhin wieder auf seine Jungtierform zurück schrumpfte. Die über das Spielfeld fegenden Zyklone verschmolzen miteinander und erfassten Velvets Monster, welche fortgerissen wurden und zersplitterten.
      „Oh nein!“, keuchte die entsetzt.
      „Immerhin hast du schnell genug reagiert und die Fusion getrennt, bevor Falcos dich direkt angegriffen hätte.“ Henry nahm zwei seiner Handkarten und schob sie in das rote D-Pad, wo sie zu seinen Füßen zischend erschienen. „Mit zwei verdeckten Karten gebe ich an dich ab.“

      Mit zitternder Hand zog Velvet auf. Kein Monster in ihrem Deck konnte es mit Mirai aufnehmen, wenn es um reine Angriffspunkte ging. Aber es gab vielleicht einen anderen Ausweg.
      „D-der zweite Zug seit der Aktivierung des Effekts von Cannahawk ist vergangen“, rief sie, „jetzt bekomme ich die von ihm verbannte Karte: [Ritual Beast Steeds]!“
      Jene Falle schob sie direkt in ihre Duel Disk, woraufhin sie zu ihren Füßen erschien. Dann sah sie mit vorsichtiger Entschlossenheit auf. „Jetzt beschwöre ich [Ritual Beast Tamer Lara] von meiner Hand, die durch ihren Effekt ein Ritual Beast von meinem Friedhof wiedererweckt!“
      Mit einem mutigen Ausruf tauchte vor Velvet ein platinblondes Mädchen auf, um dessen Schultern ein pastellgrüner Umhang hing. Sie schwang ihren Zauberstab aus und ließ neben sich den schwarzen Donnervogel erscheinen, welcher schützend die Schwingen um sich schlug.

      Ritual Beast Tamer Lara [ATK/100 DEF/2000 (1)]
      Spiritual Beast Cannahawk [ATK/1400 DEF/600 (4)]

      „Cannahawks Effekt! Ich verbanne für zwei Runden eine Ritual Beast-Karte von meinem Deck, um sie nach Ablauf dieser Zeit zu erhalten!“ Velvet schrie förmlich: „[Spiritual Beast Apelio]! Ich werde auf dich warten!“
      „Die Idee ist ja ganz nett. [Ritual Beast Steeds] vernichtet pro Ritual Beast-Monster auf deinem Feld eine meiner Karten. Sobald ich also ziehe, wirst du Mirai und Falcos sofort vernichten.“ Henry tippte auf sein D-Pad. „Aber das ist reine Theorie. Du warst zu voreilig und hast die Karte gut sichtbar für mich gesetzt. Dadurch kann ich sie mit [Dust Tornado] problemlos entsorgen!“
      Vor ihm klappte eine Falle auf, aus der ein staubiger Wirbelsturm hinaus schoss. Jener zischte über das Feld und wirbelte Velvets gesetzte Karte mit sich.
      „N-nein!“

      Was sollte sie jetzt tun!? Ohne diese Karte kam sie nicht an seinen Monstern vorbei! Nächsten Zug würde er noch ein Monster beschwören und sie, wenn sie Pech hatte, womöglich besiegen!
      Angestrengt ging Velvet ihre Optionen durch. Sie musste Zeit schinden! Irgendeine Möglichkeit finden, seine Gustos zu vernichten. Es gab dafür noch eine Karte in ihrem Deck.

      Zum dritten Mal breitete das Mädchen die Arme von sich aus. „Oh Wunderkind der Beschwörung! Oh Vogel donnernden Mutes! Bindet euch aneinander!“
      Cannahawk stieg in die Luft auf und wuchs, während Lara auf seinem Rücken Platz nahm. „Contact Fusion! [Ritual Beast Ulti-Cannahawk] im Verteidigungsmodus!“
      Jenes Gespann flog über der Schwarzhaarigen hinweg und positionierte sich seitlich zu Henry gewandt vor ihr.

      Ritual Beast Ulti-Cannahawk [ATK/1400 DEF/1600 (6)]

      „I-ich benutze seinen Effekt und schicke zwei verbannte Ritual Beast-Karten auf den Friedhof zurück“, erklärte Velvet und legte die Karte des jungen Cannahawks und die seiner Reiterin in den Friedhofsschlitz ein, wo sie automatisch eingezogen wurden, „und erhalte im Gegenzug sofort eine Ritual Beast-Karte von meinem Deck. [Ritual Beast's Protection]!“
      Der Schnellzauber schoss aus ihrem Kartenstapel und wurde umgehend in die Duel Disk eingelegt, sodass er zu ihren Füßen erschien. „Zug beendet!“

      Henry zog auf. „Du opferst die Möglichkeit deines Monsters, die Fusion zu trennen? Interessant.“
      Er zeigte seine beiden Handkarten vor. „Mirai kann nicht nur Synchrobeschwörungen von meiner Hand auslösen, sondern auch Xyz-Beschwörungen!“
      Vor ihm tauchten ein grünes Eichhörnchen sowie ein grüner Greifvogel in smaragdfarbener Panzerung auf. „Ich errichte das Overlay Network! Aus meinen Stufe 2 [Gusto Squirro] und [Gusto Griffin] wird ein Rang 2-Monster!“
      Vor ihm öffnete sich ein Schwarzes Loch, das die beiden Monster als grüne Lichtstrahlen absorbierte. Eine Lichtexplosion folgte. „Xyz Summon! Kämpfe, [Daigusto Phoenix]!“
      Aus dem Wirbel schoss eine schlanke, vogelartige Gestalt ohne Federn und spreizte ihre knorrigen Schwingen. Stattdessen wirke es eher so, als besäße dieses Wesen Schuppen, die von einem grünen Brustpanzer teilweise verdeckt wurden. Sowohl von seinen Armen, als auch vom Kopf brannten smaragdgrüne Flammen, die die Flügel und Haarpracht stellten. Zwei leuchtende Sphären zogen ihre Kreise um den hässlichen Phönix.
      Velvet spürte bei seinem Anblick ein unangenehmes Kribbeln auf der Haut und stöhnt. Etwas, was Henry nicht verborgen blieb. „Hm.“

      Daigusto Phoenix [ATK/1500 DEF/1100 {2} OLU: 2]

      „Monstereffekt! Ich hänge eine Overlay Unit von [Daigusto Phoenix] ab, um ein Wind-Monster in diesem Zug zwei Angriffe durchführen zu lassen.“ Kreischend schnappte sich der Vogel eine der Lichtkugeln und verschlang sie. „Mirai!“
      Jene ging in einer smaragdgrünen, flammenden Aura auf. „Greif' [Ritual Beast Ulti-Cannahawk] an! Change of Fate!“
      Die Göttin schnippte nur einmal mit ihrem Finger und schon wurden der schwarze Donnervogel und seine Reiterin von einem grünen Flammenwirbel umschlossen, der sie zu Asche zerfallen ließ.
      „Und gleich ein direkter Angriff hinterher!“, befahl Henry mit ausgestrecktem Arm.
      „Nein!“ Velvet schwang den Arm aus und ließ ihren Schnellzauber hochfahren. „[Ritual Beast's Protection] lässt mich Ihren Zug sofort beenden, wenn sie eines meiner Monster zerstören!“
      „Ach, stimmt.“ Henry grinste. „Na dann …“

      Unsicher griff die Schülerin nach ihrem Deck und schluckte. Langsam gingen ihr die Möglichkeiten aus, sich zu verteidigen. Die nächste Angriffswelle würde sie vernichten, wenn sie nichts unternahm.
      Aber als sie zog und ihre neue Karte betrachtete, bekam sie eine Gänsehaut. Die Falle war vollkommen nutzlos und sie hatte keine Monster mehr, um sich zu verteidigen.
      „Was ist los?“, fragte Henry scharf. „Willst du -ihn- nicht langsam beschwören? Die Zeit ist reif.“
      Velvet sah mit Tränen in den Augen auf. „I-ich sagte doch bereits, ich habe Pegasus nicht mehr! Als das Duell vorbei war, war er nirgendwo zu finden.“
      „Du weißt nur nicht, wo du suchen sollst, das ist alles.“
      „W-was!?“
      Henry hob den Arm mit seinem roten D-Pad daran an und ließ das Fach für die Spielfeldzauberkarten ausklappen. Dort drin lag die Karte seines Excel-Monsters, die, anders als andere Karten, keinen farbigen Rand besaß, sondern komplett mit dem Artwork ausgefüllt war.

      „Wie ist sie da reingekommen?“, staunte Tatjana verdutzt. „Er hat das Ding nie benutzt, da bin ich mir sicher!“
      Patrice erwiderte: „Wenn dem so ist …“
      Und Fabio beendete seinen Satz: „… muss sie schon vorher da drin gelegen haben.“
      „So ist das also“, überlegte auch Isaac mit, „dann könnte Velvets Excel-Monster vielleicht auch noch dort sein.“

      Hektisch betätigte Velvet die Taste an ihrer eigenen Duel Disk, woraufhin das Fach ausklappte. Und sie traute ihren Augen kaum – darin lag tatsächlich [Ebon Sky Pegasus]. Aufgeregt schaute sie zu Henry auf. „W-wie … wann habe ich neulich …!?“
      „Dann ist es wohl Zeit für einen kleinen Exkurs.“ Der brünette, junge Mann im weißen Anzug räusperte sich. „Bevor die Pendelmonster auserwählt wurden, die nächste Evolution von Duel Monsters einzuläuten, haben wir die Excel-Monster entwickelt. Angedacht war, dass sie eine eigene Kartenzone über den Monsterzonen erhalten, auf dem auch gleichzeitig das Excel-Deck platziert wird.“
      „Excel-Deck?“
      „Sobald ein Excel-Monster beschworen wird, wird die Karte aufgedeckt und ganz oben auf das Deck gelegt.“ Henry lachte. „Die Idee war nicht besonders gut, das gebe ich selbst zu. Da hätten wir noch dran gefeilt. Da aber eine sogenannte Excel-Zone nicht existierte, haben wir via Software-Update der Spielfeldzone diese zusätzlichen Eigenschaften verliehen. Das hat bei den Tests Geld und Zeit gespart, da wir keine neuen Duel Disks designen und anfertigen mussten.“
      „Also war er die ganze Zeit hier“, murmelte Velvet mit Blick auf den Apparat an ihrem Arm.
      „Ja“, nickte Henry, „dort ist das Zuhause der Excel-Monster. Vielleicht entsinnst du dich, dass seit Beginn des Legacy Cups beide Spieler gleichzeitig Spielfeldzauberkarten nutzen können. Das ist ein Nebeneffekt besagten Software-Updates.“
      „O-oh, ach so.“
      „Natürlich bleibt all das, was ich hier gesagt habe und noch sagen werde, streng vertraulich. Das gilt für alle Anwesenden“, forderte Henry daraufhin streng. Dann hob er die Hand und winkte Velvet demonstrativ zu sich. „Und jetzt los. Zeig mir, welches Excel-Monster sich in deinem Besitz befindet.“

      Als ob er das nicht längst wüsste, dachte Velvet deprimiert. Jemand wie er hatte alle Möglichkeiten der Welt, sich vorab über alles zu informieren. Er kannte ihr Deck recht gut, wie es für einen Mann in seiner Position auch nur angemessen war.
      Das Mädchen blickte auf ihre Duel Disk. Aber selbst wenn er bereits bestens im Bilde war, blieb die Tatsache bestehen, dass [Ebon Sky Pegasus] das Blatt wenden konnte! Sich selbst Mut zusprechend, blickte Velvet auf. „W-wie ging das doch gleich?“
      Erst die Faust ballen! „The sky is torn open! Summoning contract established!“
      Dann nahm sie jene und richtete sie nach oben. Acht grelle Lichter stiegen um sie herum aus dem Stahlboden auf, verteilten sich hinter ihr in einer Sternenformation und festigten sich zu einem kreisrunden Tor, in dem sich die Sphären als Runen manifestierten, wie schon bei Henry zuvor.
      „Witness the creation of the eternal gate!“
      Mit einem Ruck schossen die einzelnen Bestandteile des Portals nach hinten. „Soar, ascend, exceed!“
      Der bunte Dimensionstunnel bildete sich. Aus ihm näherte sich ein dunkler Schatten. „Open the enternal gate! Excel Summon!“
      Velvet riss den erhobenen Arm hinunter und zeigte ihren Handrücken, auf dem ein schwarzer Stern pulsierte. „Grade 8! Now rise, [Ebon Sky Pegasus]!“
      Vollkommene Dunkelheit übernahm die Arena. Ihre Freunde und Lehrer verfielen in irritiertes Gemurmel. Doch was zunächst als Stromausfall anmutete, war die Ankunft ihrer wundervollen Kreatur. Über ihr verharrte ein majestätischer, schwarzer Pegasus, dessen Hufe und Flügelspitzen in hellblauem Feuer brannten. Sein Torso war mit dunkelroten, welligen Mustern bedeckt. Stolz wieherte der Neuankömmling und versetzte damit ihre Gruppe in helle Aufruhr.

      Ebon Sky Pegasus [ATK/2500 DEF/2000 X8]

      Diesmal war es Isaac, der aufsprang. „Sie hatte die ganze Zeit Recht gehabt!“
      „Natürlich hat sie das, Dummkopf!“, zischte Tatjana von der Reihe vor ihm. „Dass du immer noch dran gezweifelt hast, nachdem selbst Mr. Ford die Existenz der Excels bestätigt hat, sagt alles.“
      „Das meine ich nicht“, murmelte der Blonde, ließ aber dabei offen, was genau er meinte und sank wieder zurück in seinen Sitz.

      Henry verschränkte die Arme, als der Pegasus vor Velvet auf dem Boden aufsetzte. „Nicht schlecht. Dieses Monster kenne ich nicht. Wie ich mir dachte …“
      „W-was bedeutet das?“
      „Dass ich die Kondition wissen will. Was muss erfüllt werden, damit du ihn beschwören kannst?“
      „E-er ist vom Grad 8, also kann er erst im achten Zug eines Duells beschworen werden, korrekt?“
      „Ab dem achten Zug. Darin besteht ein entscheidender Unterschied. Und weiter?“, forderte der junge Mann zu wissen.
      Velvet öffnete noch einmal ihre Spielfeldkartenzone und las sich den Text durch. „D-da steht nichts bei 'Kondition'.“
      Die Züge des Ford-Sprosses erstarrten. „Bitte? Jedes Excel-Monster hat eine Kondition.“
      „D-dieses nicht.“ Velvet schüttelte den Kopf. „Wenn Sie mir nicht glauben, kann ich Ihnen die Karte gerne zeigen.“
      Einen Moment nachdenkend, winkte Henry mit der Hand ab. „Nicht nötig, ich glaube dir ja. Aber es sollte mich eigentlich nicht überraschen. Wenn ihr Schöpfer nicht alle Details kannte … sag mir, wenn du diese Karte nicht gestohlen hast, woher hast du sie? Oder sollte ich fragen: Von wem?“
      Velvet schluckte und schwieg. Woraufhin ihr Gegner seufzte. „Was habe ich anderes erwartet? Aber du wirst noch antworten. Weiter im Text!“

      Endlich fühlte Velvet sich zuversichtlicher. [Ebon Sky Pegasus] gab ihr Kraft, sie wusste, sie konnte sich auf ihn verlassen. Mit seinem besonderen Effekt würde sie dieses Duell drehen!
      „Ich setze eine Karte verdeckt!“, verkündete sie und geriet diesmal nicht ins Stottern. „Und ich benutze sie sofort als Kostenausgleich für Pegasus' Effekt!“
      Gerade erst war sie zu ihren Füßen erschienen, da zerfloss sie bereits wie Wasser. Die roten Streifen auf dem Fell ihres Pegasus' begannen rot aufzuleuchten. Kurz darauf schoss silbernes Licht aus ihnen, auch die Mähne und die Flammen an seinen Hufen verfärbten sich ebenso.
      „Ich aktiviere einen Zauber, [Lightning Vortex], direkt aus meinem Deck, ohne eine Karte dafür abzuwerfen! Future Antithesis!“, rief das Mädchen aus.
      Ebon Sky wieherte zornig. Henry schrak zurück, als sich über seinen Monstern eine dunkle Wolke bildete. Aus jener schoss ein greller Blitz, der in all seine Monster einschlug. Es donnerte.

      [Velvet: 4000LP → 3000LP / Henry: 2900LP]

      „Dieser Effekt kostet mich 1000 Lebenspunkte und kann nur einmal pro Duell genutzt werden“, erklärte Velvet weiter, als sich der Rauch lichtete und Henrys Feld leer war, „aber das war es wert! Jetzt kann ich Sie direkt angreifen! Los, [Ebon Sky Pegasus], Aether Hurricane!“
      Die Spitzen der Flügel des anmutigen Ungeheuers hatten wieder ihre flammend blaue Farbe angenommen. Stolz stieg es in die Lüfte und schlug die Schwingen aus, entfachte so einen brennenden, hellblauen Wirbelsturm, der auf Henry zu rauschte. Jener weitete die Augen und schützte sich mit beiden Armen vor dem Angriff.

      [Velvet: 3000LP / Henry: 2900LP → 400LP]

      Noch ein Treffer und sie hatte es geschafft. „Z-zug beendet!“
      Ihre Freunde auf der Tribüne jubelten ihr zu. Selbst die Lehrer klatschten vorsichtig. Einzig die Vinewood regte sich gar nicht, sondern saß mit verschränkten Armen da und beäugte Velvet misstrauisch.

      „Das ist er also“, murmelte derweil der AFC-Repräsentant düster und betrachtete seine Arme, an denen nichts ungewöhnlich erschien. „Ich sollte aufpassen …“
      Energisch sah Henry auf und riss mit Schwung eine Karte von seinem Deck. In seinen Augen stand Feuer geschrieben, ganz so, als würde das Duell für ihn erst jetzt wirklich beginnen. Er betrachtete die Karte in seiner Hand, die einzige, die er besaß.
      „Ich aktiviere [Quill Pen Of Gulldos]!“, rief er und rammte sie in sein rotes D-Pad.
      Vor ihm materialisierte sich eine grüne Schreibfeder, die zu einem seiner Riesenvögel gehören musste. Sie begann in der Luft seltsame Verse zu schreiben.
      „Diese Karte lässt mich zwei Wind-Monster von meinem Friedhof zurück ins Deck schicken“, sprach er und zeigte dabei [Daigusto Falcos] und [Daigusto Phoenix] vor, „um dasselbe mit einem Monster auf deinem Feld zu tun! [Ebon Sky Pegasus]!“
      Auf welchen er mit dem Finger zeigte. Velvet stieß einen entsetzten Schrei aus, als sich um ihr Assmonster diverse Zeilen aus ihr unbekannten Buchstaben bildeten und es zu umkreisen begannen. Der Rappe wieherte, während er immer weiter schrumpfte, bis er im Nichts verpuffte.
      „Zug beendet“, verkündete Henry, der trotz seines Erfolgs ungeschützt war. Doch sein zuversichtliches Lächeln verriet, dass er sich darum keine Sorgen zu machen schien.

      Velvet, die ebenso wieder ohne Monster war, griff nach ihrem Deck. Er hatte ihren Pegasus einfach so entsorgt, nach nur einem Zug! Aber Moment! Wenn Excel-Monster ein eigenes Deck hatten und ein Effekt wie der von Mr. Fords Zauberkarte sie dorthin zurückschickte, konnte sie ihn einfach erneut rufen. Insbesondere, da für Pegasus keine Kondition erfüllt werden musste!
      Siegessicher ballte sie eine Faust und schlug sie gegen die Brust. „The sky is torn open! Summoning contract established! Witness the creation of the eternal gate!“
      Doch entgegen der Ankündigung geschah gar nichts. Henry begann laut zu lachen und unterbrach Velvet in ihrem Beschwörungsspruch. „Damit wären wir bei der für heute letzten Lektion in Sachen Excel-Monster angekommen. Du kannst deinen [Ebon Sky Pegasus] nicht rufen.“
      „W-warum!?“
      „Weil jeder Spieler pro Duell nur eine Excel-Beschwörung durchführen kann.“
      „W-was!? Oh nein!“
      Der junge Mann im weißen Anzug nickte aber. „Das ist die Wahrheit. Unbegrenzte Excel-Beschwörungen würden Duel Monsters nicht gut tun, weswegen wir dem von Anfang an einen Riegel vorschieben wollten. Sie sollen als Ass im Ärmel dienen, da niemand vorhersehen kann, wann und in welcher Form sie auftauchen werden.“
      Velvet lauschte gespannt seiner Ausführung. „Je länger ein Duell dauert, desto mächtigere Excel-Monster können gerufen werden. Aber da viele Bedingungen nach der ersten Beschwörung immer noch erfüllt werden können, könnte theoretisch jeder dasselbe Excel-Monster dreimal rufen.“
      „Verstehe!“, rief das Mädchen und bemerkte erst jetzt, dass sie völlig außer Acht gelassen hatte, in welcher Situation sie sich befand. „O-oh, aber dann … dann …“
      Sie hatte demnach kein Monster um anzugreifen, obwohl er nur noch so wenige Lebenspunkte besaß.

      „Dein Pegasus kann dir nicht mehr helfen“, rief Tatjana da plötzlich und sprang auf, „aber dein Deck wird dich nicht im Stich lassen!“
      Auch Fabio erhob sich. „Ja, Velvet! Der Rückschlag ist doch gar nichts! Du hast ihn genau da, wo du ihn haben willst!“
      Tatjana setzte ihre Rede energisch fort. „Wenn du gewinnst, muss er sein Versprechen halten und dich in Ruhe lassen! Du hast es fast geschafft! Du bist keine Kriminelle!“
      Einzig Isaac blieb sitzen und analysierte die Situation kritischer. Sein Blick haftete immer noch auf der offen stehenden Fallenkarte, die keiner der anderen auch nur ansatzweise bemerkt zu haben schien. „[Dimension Gate] … aber darauf musst du selbst kommen, Velvet.“
      Der Letzte im Bunde, Patrice, starrte derweil nur entsetzt auf sein weißes Smartphone.

      Der ging in diesem Moment ein Licht auf. „O-oh, natürlich! Der Effekt von [Spiritual Beast Cannahawk] setzt ja ein! Vor zwei Zügen habe ich [Spiritual Beast Apelio] verbannt und bekomme ihn jetzt aufs Blatt!“
      Kaum hielt sie ihn zwischen den Fingern, legte sie ihn energisch auf ihre Duel Disk. „Bitte, hilf' mir!“
      Brüllend stellte sich ein knallrotes Löwenjungtier mit hell flackernder Mähne vor ihr.

      Spiritual Beast Apelio [ATK/1800 DEF/200 (4)]

      Noch ein Angriff. Noch ein Angriff und sie würde-

      Ticken.
      Velvet saß in einem Flugzeug. Leute unterhielten sich. Dann knallte es. Schreie. Das Flugzeug neigte sich nach links und so die Körper der Passagiere. Zwei Damen, die im Gang standen, knallten gegen andere Leute.
      Nur Velvet saß gerade. Sie blickte dem Feuer entgegen, in dem ein blondes Mädchen stand und sich ihr mit finsterem Gesichtsausdruck zuwandte. Dabei tickte die ganze Zeit eine Uhr in ihrem Ohr.

      „Ah!“, schrie sie so laut sie konnte und sank auf die Knie.
      „Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Henry skeptisch.
      Auch ihre Freunde und die Lehrer auf der Tribüne waren erstaunt von ihren plötzlichen Aufschrei.
      „Sag nicht“, murmelte Fabio in der ersten Reihe verheißungsvoll, „ausgerechnet jetzt!?“
      Velvet nickte ihm stumm, beinahe hilflos zu. Diese Vision, sie war so real wie noch nie gewesen. Sie hatte die Hitze der Explosion gespürt, die Angst der Passagiere. Selbst jetzt dröhnten ihre Ohren noch vom Knall.
      „Wenn wir das Duell abbrechen, wissen Sie, was auf Sie zukommt, Miss Thorne“, sagte Henry von der anderen Seite des Spielfelds streng.
      Sie nickte abermals und schluckte dabei. Alles drehte sich. Sie konnte nicht mehr …
      „I-ich fühle mich nicht imstande, das Duell fortzusetzen“, würgte das Mädchen im weiß-violetten Sommerkleid schließlich mühsam hervor.

      Während die Lehrer sich nacheinander überrascht von ihren Plätzen erhoben, eilte der junge Afroamerikaner, der sich kurzerhand über die Tribüne schwang, seiner knienden Freundin zu Hilfe.
      Als Fabio sie erreichte, bückte er sich zu Velvet hinab und berührte sie sanft an beiden Schultern. „Geht es?“
      „Es war … schrecklich …“
      „Was hast du gesehen?“
      Velvet schluchzte: „Da ist eine Bombe in einem Flugzeug explodiert und es ist abgestürzt.“
      Nebenbei näherten sich hinter ihr Patrice, Tatjana und Isaac und die Gesichter der Drei waren gezeichnet von Irritation und einem Hauch Angst.
      „Weißt du, ob es schon passiert ist?“, fragte Fabio beunruhigt.
      Das Mädchen schüttelte aufgelöst den Kopf.
      „Gerade eben, vor vielleicht zehn Minuten“, antwortete Patrice hinter ihnen matt und zeigte sein Smartphone vor, das die News anzeigte, „ist direkt über Ephemeria City passiert.“
      Auch Henry seinerseits weitete die Augen. „Ephemeria!?“
      Velvet ihrerseits kniff die Augen fest zusammen, aus denen Tränen aufstiegen. War es früher alle paar Monate mal eine Vision gewesen, wurde sie jetzt regelmäßig mit solchen Bildern gequält. Was war bloß mit der Welt los!?
      Und wieso tauchte regelmäßig die Zweitplatzierte des Legacy Cups, diese Anya Bauer, in ihnen auf!?

      „Deswegen warst du so still“, sagte Tatjana zu Patrice und nahm ihm das weiße Smartphone aus der Hand. „Lass mich sehen.“
      „Sie sollten das Duell abbrechen“, schlug Isaac derweil gefasst vor und trat an Henry heran, „wie Sie sehen können, ist Velvet emotional ziemlich mitgenommen.“
      Der junge Mann fasste sich nachdenklich ans Kinn. „Und warum?“
      „Das ist nicht so leicht zu erklären.“
      Auf die eisige Antwort des Blonden hin lachte Henry auf. „Soll ich mich damit zufrieden geben?“
      „Ihnen bleibt keine andere Wahl. Wahre Duellanten stellen sich nur Gegnern im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten.“ Isaac verschränkte provokativ die Arme, wie er fast schützend vor Velvet und den anderen stand. „Oder wollen Sie mir widersprechen?“
      Ein tiefer Blick in die Augen des Jugendlichen genügte Henry scheinbar, um seine Entscheidung zu treffen. „Heh …“
      „Wenn Sie auf ein Duell bestehen, werden wir stellvertretend für Velvet weiterkämpfen“, sagte nun auch Patrice und positionierte sich neben Isaac. Kurz darauf folgte Tatjana stumm.
      Zusammen bildeten sie eine regelrechte Mauer.
      Allerdings winkte der jüngste Ford-Spross ab. „Das wird nicht nötig sein. Ich habe bereits erfahren, was ich wissen sollte.“
      Er richtete sein Augenmerk auf Velvet. „Miss Thorne, Ihren Worten nach haben Sie unmissverständlich aufgegeben und damit das Duell verloren.“
      Die reagierte aber gar nicht, sondern schluchzte nur unkontrolliert unter den aufkeimenden Protesten ihrer Freunde in Fabios Armen. Henry gelang es mühelos, jene zu übertönen. „Meine Untersuchungen sind noch nicht beendet. Allerdings werde ich vorerst auf eine Klage verzichten.“

      Er drehte sich langsam um, sah dabei aber über die Schulter – und lächelte. „Sie sollten sich glücklich schätzen, so gute Freunde zu haben.“
      Dann wurde sein Gesichtsausdruck wieder ernst. „Wir werden uns in Kürze wieder bei Ihnen melden.“
      Das gesagt, schritt er voran. Dabei stöhnte er besorgt und man konnte ihn murmeln hören: „Was ist da bloß passiert …“
      Schon schnappte Henry sich sein Smartphone aus der Hosentasche und rief im Weggehen jemanden an.

      Derweil weinte Velvet weiter in den Armen ihres Freundes Fabio, der ihr mit hilflosem Gesichtsausdruck über den Rücken streichelte. Langsam wurde die Gruppe von den Lehrern umringt, allen voran von der Direktorin Mrs. Vinewood.
      „Miss Thorne, das ist ein enttäuschendes Ergebnis“, sprach jene streng, „Ihre Leistung war im Angesicht dieses Gegners ausreichend-“
      „Sehen Sie nicht, dass sie gerade andere Sorgen hat als irgendwelche Noten?“, fauchte Tatjana und stampfte mit dem Fuß auf.
      „Achten Sie bitte auf ihren Ton, Miss Neumann.“ Die Frau räusperte sich. „Ich erlaube mir, die Lage durchaus objektiv zu beurteilen. Was ich sehe sind echte Emotionen, keine gespielten.“
      Tatjana brummte grimmig: „Immerhin etwas …“
      „Nun, Miss Thorne, im Anbetracht der Tatsache, dass Mr. Ford offensichtlich auf rechtliche Maßnahmen verzichtet, sehe ich vorerst keinen Grund, Sie des Unterrichts zu suspendieren. Ihr Duellexamen wird zu gegebenem Zeitpunkt wiederholt.“ Sie zeigte den Anflug eines Lächelns. „Ich hoffe, nächstes Mal sind Sie ausreichend vorbereitet und emotional stabil. Das wäre alles.“

      Von all dem bekam Velvet jedoch kaum etwas mit. Sie zitterte am ganzen Leib.
      Das war die erste Vision gewesen, in der Menschen auch in der Realität gestorben waren – eine, die sofort wahr geworden war. Sie wollte so etwas Schreckliches nicht sehen.
      Und etwas in ihr fürchtete, dass das nur der Anfang war …

      ~-~-~

      Indes hatte sich Henry aus der Duellarena hinaus auf einen leicht gewundenen Gang begeben, der zum Glück leer war.
      „Melinda“, sprach er gedämpft, nachdem seine Schwester abgenommen hatte, „dieses Mädchen, sie scheint wirklich keine Ahnung zu haben, wie die Karte in ihren Besitz kam.“
      „Verdächtig“, antwortete sie ihm besorgt, „und du bist die sicher? Du weißt, welche Probleme wir im Moment haben.“
      Henry nickte, was sie natürlich nicht sehen konnte. „Ja, aber der Hackerangriff war vor ein paar Wochen und ich denke nicht, dass derjenige, der dahinter steckt, sich so offen präsentieren würde wie Velvet Thorne.“
      „Hat sie gesagt, von wem sie die Karte hat?“
      „Nein.“ Er lehnte sich dabei erschöpft gegen die Wand und sah an die Decke hinauf. „Sie war einfach auf einmal da. Womit nur eine Erklärung infrage kommt …“

      Es gab eine Zeit, in der Henry ums nackte Überleben kämpfte. Vor über einem Jahr wurde er zu einem der Opfer des Eden-Konflikts und gebrandmarkt. Damals war es Anya Bauer gewesen, die sie alle in den Turm von Neo Babylon locken wollte, um dort das geheimnisvolle Tor Eden zu erwecken.
      Doch Henry hatte die Falle kommen sehen und sich daher vorbereitet. Er ging einen Handel mit dem mächtigen Collector-Dämon ein, welcher ihm drei Karten und die Möglichkeit zur Flucht verlieh. Im Gegenzug musste Henry jedoch einen Preis zahlen. Nämlich dass er dafür sorgen würde, dass seine damalige Vision, die Excel-Monster, nie auf dem freien Markt erscheinen würden. Einzig der Sammler und seine Vertrauten sollten neben den Fords über diese Karten verfügen.
      Es war so bitter für ihn gewesen, das Projekt zu entwickeln und das mit dem Wissen, dass es nie für die Duel Monsters-Gemeinde gedacht war. Fast schon erleichternd war die Reaktion seines Vaters, als dieser die Prototypen ablehnte und stattdessen die Idee der Pendelmonster akzeptierte.
      Damals, als Henry den Handel mit diesem rothaarigen Dämon einging, verlor er vieles, nicht nur das Recht an den Excel-Monstern. Aber nicht seinen Stolz.

      „Du meinst, -er- hat Velvet die Karte gegeben?“
      „Möglich.“ Henry atmete tief durch. „Aber wenn ja, hat er sich ihr offenbar nicht gezeigt. Was auch immer der Fall ist, irgendetwas stimmt mit diesem Mädchen nicht.“
      Melinda meinte sofort energisch: „Dann sollten wir sie im Auge behalten.“
      Aber Henry fasste sich mit der freien Hand an die Stirn. „Eigentlich sehe ich das anders. Egal was für ein übernatürlicher Kram jetzt wieder abgeht, uns geht das nichts mehr an.“
      „Das meinst du nicht ernst“, wusste seine Schwester jedoch spitzfindig.
      Henry verzog finster das Gesicht. „Nein. Dieser Bastard hat mir etwas sehr Wertvolles genommen.“
      „Und nicht nur dir, auch Anya.“
      „Ja. Wenn wir also einen Beitrag leisten können, dann tun wir das.“ Henry ballte eine Faust. „Auch wenn wir uns nur um Velvet Thorne kümmern.“

      ~-~-~

      Einige Tage später, in einer ganz bestimmten Vorstadt, hielt vor einem ganz bestimmten Wohnhaus einer Gartensiedlung ein Taxi. Ein verliebtes Ehepaar ging gerade mit ihren zwei Hunden Gassi, als die Tür des Fahrzeuges neben ihnen sich schlagartig öffnete. Sie blieben stehen. Ob des kalten Schauder, der ihnen den Rücken hinunterlief oder der Tatsache, dass die Tür sie beinahe erwischt hätte, konnte im Nachhinein niemand mehr so genau sagen.

      Was aber in die Geschichte eingehen würde, war der erste Satz des Fahrgastes, als jener das Taxi verließ. Die schwarzen Turnschuhe stampften auf den Bürgersteig. Der blonde Pferdeschwanz peitschte nur so durch die Luft. Und Livington erschauderte, als Anya Bauer verkündete: „Ich bin zurück, ihr Arschgeigen!“

      Turn 92 – Mirror Me
      Nachdem Anya, Matt, Zanthe, Valerie und Claire scheinbar unversehrt von ihrem Aufenthalt in Ephemeria City zurückgekehrt sind, erwartet besonders Anya zuhause eine Überraschung. Niemand Geringeres als ihre Cousine Zoey Bauer hat sich bei ihr einquartiert. Die beiden verbindet eine lange Geschichte voller gequälter Mitbürger, doch Zoeys Versuche, Anya wieder zu alten Schandtaten zu bewegen, verlaufen im Sande. Was einen handfesten Konflikt nach sich zieht …

      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Velvet

      Spiritual Beast Apelio
      Spiritual Beast Cannahawk
      Spiritual Beast Pettlephin
      Ritual Beast Tamer Lara
      Ritual Beast Tamer Elder

      Ritual Beast's Protection
      Zauber/Schnell
      Aktiviere nur, wenn in diesem Zug eines deiner "Ritual Beast"-Monster zerstört wurde: Beende den Zug deines Gegners.

      Ritual Beast's Bond
      Black Pendant
      Lightning Vortex

      Ritual Beast Steeds
      Dimensional Barrier

      Ritual Beast Ulti-Cannahawk
      Ritual Beast Ulti-Pettlephin

      Ebon Sky Pegasus
      Monster/Effekt/Excel
      Ungeheuer/Wind
      ATK/2500 DEF/2000 X8
      Kondition: keine
      Nur einmal während des Duells, während des Zuges eines beliebigen Spielers: Du kannst 1000 Life Points zahlen und 1 Zauber- oder Fallenkarte von deiner Spielfeldseite auf den Friedhof schicken; aktiviere 1 Zauber- oder Fallenkarte direkt aus deinem Deck. (Aktivierungskosten gelten als bezahlt.)

      Henry

      Gusto Thunbolt
      Gusto Egul
      Gusto Falco
      Gusto Griffin
      Gusto Squirro
      Windaar, Sage Of Gusto
      Kamui, Hope Of Gusto

      Quill Pen Of Gulldos

      Dust Tornado
      Dimension Gate

      Daigusto Eguls
      Daigusto Falcos
      Daigusto Phoenix

      Mirai, Entity Of Gusto
      Monster/Effekt/Excel
      Psi/Wind
      ATK/2300 DEF/1500 X5
      Kondition: Karten auf der Hand
      Du kannst für die Synchro- und Xyz-Beschwörung von WIND-Monstern Monster von deiner Hand statt von deiner Spielfeldseite auf den Friedhof schicken.


      Link zur PDF

      Ich hoffe, es hat euch gefallen. Über Kommentare freue ich mich natürlich. Danke fürs Lesen!
      Spoiler anzeigen
      Also die folge hat mir schon gefallen. Aber Velvet ist ja total unsicher in ihrem Duel. Das Geheimnis um die Exel Beschwörung ist mit dieser Folge nun auch gelöst. Ich glaube das komplette Duel mit Henry war eine Farce von seiner Seite aus. Er kann doch nicht wirklich glauben daß sie eine Karte geklaut hat die es vorher nicht gab. Er kennt doch Anya. Da hätte er sich doch zusammen reimen können das es da so ähnlich sein muss. Die Vision von ihr hat das Duel dann quasi zu seinen Gunsten beendet. Und zum Schluss erfahren wir dann noch das Anya noch lebt. Anscheinend sogar unbeschadet davon gekommen. Hat sie die Bombe etwa bei 0 Sekunden gestoppt? Oder wie sonst?
      Suche Spieler aus Bayern/Schwaben die in der Nähe von Günzburg/Giengen/Dillingen/Lauingen und Gundelfingen an der Donau wohnen. pls PN an mich :) :thumbsup: :drunk: :cain: :verschwoerung:
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      Das ist sie also, die Excel Summon. An Hand ihrer ist mir quasi ein Licht aufgegangen, was das Wesen des Sammlers betrifft. Ich habe den Sammler als die Verkörperung des Zweifels bezeichnet, und diese Einschätzung möchte ich nun aufgreifen. Gerade die Excelbeschwörung und ihre Funktion hat mir einen Hinweis gegeben, als was der Sammler zu verstehen ist, denn sie ist nicht Henry Fords Erfindung, sondern in erster Linie deine eigene. In gewisser Weise ist es vielleicht eine der größten Nummern, von der man träumen kann, wenn mit Bezug auf YuGiOh als Kartenspiel erfinderisch tätig wird: eine eigene Spielmechanik erschaffen.

      Zweifel wäre für sich genommen eigentlich relativ unwichtig, aber derartige Ausdrücke des Inneren sind niemals isoliert, sondern ist die Vorstufe zu etwas anderem. Für manche ist es Selbstzerstörung, aber viel sinnvoller und, ganz nüchtern betrachtet, sogar mit dem ansozialisierten Pflichtgefühl durchaus übereinstimmend, ist es die Konsequenz. Diese Form der Konsequenz zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie gegen das eigene Selbst gerichtet ist, sie widerspricht dem eigenen Gefühl. Sie scheint dabei aber als das unverstandene, aber auch höhere und richtigere, nachdem allzu vieles sich gegenüber dem Pflichtgefühl schuldig gemacht (=u.a. auch Anyas Defizite als Antiheldin) oder sonstige Widrigkeiten einen Schatten auf die eigenen Versuche sich zu bewähren geworfen hat. Genau in dem Anschein, dass man diese Konsequenz besser akzeptiert, zumal sie die eigene Not beschwichtigt und somit aus einer scheinbar auswegslosen Situation herausführt, weil sie eben irgendwie den eigenen Willen übersteigt und gleichzeitig eine Lösung bietet, liegt die Macht des Sammlers. Denn abseits von dem eigenen Gefühl für das Richtige, gibt es auch einen Versuch zu verstehen, und zur Not über die Vernunft eine Kontrolle auszuüben, eben um Konsequenzen zu ziehen; das ist es, was dem Sammler die Tür öffnet und auch viele positive Folgen mit sich bringt. Doch wie die versuchte feindliche Übernahme der ewigen Ordnung über den korrumpierten Ätherstrom durch den Sammler zeigt, erweist sich diese Lösung von Problemen als das Öffnen einer Büchse der Pandora: die Konsequenz führt zu einer Abhängigkeit von einem Mechanismus, der am Ende das eigene Dasein und die Autonomie des eigenen Willens in Frage stellt.

      Diesen Mechanismus stelle ich mir gedanklich etwa so vor: "Ich habe es nach bestem Wissen versucht, aber mein Ziel nicht erreicht und stecke in Schwierigkeiten. Mein Problem zeigt sich als Konstante, das muss einen Grund haben, der in meiner Vorgehensweise liegt. Ich begreife nicht, was es sein könnte und bin unsicher. Ich gehe darüber hinweg, aber beim nächsten Mal werde ich es bestimmt richtig machen und konsequent sein. Ich zweifle trotzdem daran, ob es mit Sicherheit so sein wird, wie ich will, deswegen beweise ich es mir, indem ich einem Teil meines Willens entsage." Dass durch den Pakt mit dem Sammler das Problem tatsächlich als gelöst gilt, ist Anzeichen dafür, wie selbstverständlich diese Konsequenz in die Welt von TLA integriert ist, aber auch wie stark der Glaube und der Wille zur Lösung sind, ohne das der Weg ohne den Sammler klar wäre oder machbar erscheint. Und mit jedem Mal wächst der Druck und die aus dem Zweifel entspringende Konsequenz erhält mehr Raum. Endgültig kritisch wird es, wie bei dem Angriff auf die ewige Ordnung, so: "Mein Versuchen an sich war falsch, mein Wille ist das eigentliche Problem, nur die Konsequenz, egal was ich fühle oder möchte, ist die Wahrheit. Ich bin falsch und die Konsequenz ist richtig." Diese innere Katastrophe schlechthin konnte abgewandt werden, wenn auch keineswegs endgültig.

      Dass der Sammler Velvet vielleicht sogar verdeckt unterstützt, wie von den Fords vermutet, lässt sich auch sinnvoll deuten. Immerhin ist sie im Vergleich zu Anya charakterlich so samtig wie ihr Name. Aber die Schuld dafür, dass sie vom Sammler geschützt und durch die Excel Karte unterstützt wurde, wurde an ihrem unschuldigen Wesen widerlegt. Und so tritt Anya, mit einer entfernt an einen Horrorfilm erinnernde Hinleitung, wieder auf den Plan.


      Hallo alle miteinander. Wieder einmal danke ich euch dafür, dass ihr hier reinschaut.
      Und weiter geht es ...

      @WiR
      Danke.
      Wie gesagt, Velvet ist gewissermaßen das komplette Gegenteil zu Anya. Besonders, was Selbstbewusstsein angeht und das macht sich in Duellen natürlich bemerkbar.
      Jop, von Henrys Seite aus war es auch eine Farce. Velvet wird in Zukunft noch öfter mit den Fords zu tun haben. Natürlich weiß er auch, dass es auch "andere" Möglichkeiten gibt an Karten zu kommen. ^^

      Wie Anya entkommen ist, erfährst du vielleicht heute. ^^
      Danke für deinen Post.

      @Mcto
      Auch dir vielen Dank.
      Ich finde es immer wahnsinnig interessant, was man alles aus meinen Texten interpretieren kann. Obwohl ich selber nie auf die Idee gekommen wäre, das so auszulegen. Es steckt schon viel von meiner Persönlichkeit in manchen Figuren/Sachverhalten drin, das will ich nicht leugnen.

      Ja, eigene Spielmechaniken in YGO Fanfics einzubauen ist schon nicht ohne. Besonders, wenn alle 3 Jahre vom TCG eine neue dazu kommt, die hoffentlich nicht den eigenen Ideen zu sehr ähnelt. :D
      Ich denke auch, dass viele Autoren so etwas gerne versuchen würden.

      Es stimmt schon, der Sammler ist gewissermaßen der "easy way out". Es ist einfach, sich auf ihn zu verlassen, statt nach einer richtigen Lösung zu suchen.
      Denn was er anbietet, sind in den seltensten Fällen Lösungen. Im Gegenteil, danach wird meist alles schlimmer. Siehe Anyas Situation. Und vielleicht auch die von manch anderem Charakter in der Zukunft.

      Auch dir vielen Dank für deinen Post.


      So, und nun weiter im Text!
      Viel Spaß beim Lesen.

      Turn 92 – Mirror Me
      Die letzten beiden Tage waren für Velvet schrecklich gewesen. Geplagt von Albträumen des Flugzeugabsturzes und den Gerüchten um ihr nicht ganz so geheimes Examen, konnte sie sich kaum mehr im Unterricht konzentrieren und mied Kontakt mit anderen, wo es nur ging.
      Nach einer besonders peinlichen Vorstellung im Player Management-Unterricht schlenderte sie nach dem Läuten der Schulglocke den Flur entlang. Andere Schüler rannten an dem schwarzhaarigen Mädchen vorbei, einer rempelte es sogar an, sodass die Brillenträgerin vorne über kippte und sich an der Fensterbank zu ihrer Rechten festhalten musste.

      „Hey!“, schrie Patrice, welcher Velvet auf etwas Abstand folgte, dem Jungen hinterher. Als der Junge ihn bemerkte, nahm er die Beine in die Hand und rannte noch schneller davon. Trotzdem rief der Venezolaner ihm hinterher: „So behandelt man kein Mädchen!“
      Auch ihre anderen drei Freunde folgten Velvet, die betrübt seufzte.
      „Alles ok?“, fragte der braun gebrannte Bursche sie schließlich, als er sie erreichte.
      „Ja, danke. Aber ich wäre im Moment lieber allein.“
      „Das warst du schon seit dem Duell mit Henry“, sagte Isaac besorgt, als er aufgeschlossen hatte, „denkst du nicht, dass du damit aufhören solltest, dich abzukapseln?“
      Tatjana hinter ihm nickte. „Friss das bloß nicht in dich hinein! An der Katastrophe kannst du nichts ändern. Sei bloß froh, dass du nicht mit in dem Flugzeug gesessen hast.“
      „Welch mitfühlende, warme Worte, wie man sie nur von selbstlosen Menschen wie dir kennt“, schnarrte ihr Erzfeind spöttisch, fügte dann aber ernst hinzu: „Aber sie hat Recht. Lass das nicht zu sehr an dich heran.“
      „Genau. Freu' dich doch, dass Mr. Ford dich nicht verklagen wird“, fügte Fabio am Rande etwas unbeholfen hinzu.
      „J-ja.“
      „Weißt du was? Es ist so schönes Wetter, ich spendiere dir ein Eis. Das bringt dich garantiert auf andere Gedanken“, strahlte Patrice, legte seinen Arm um das Mädchen und führte sie mit den anderen im Schlepptau fort.
      Die Schwarzhaarige lächelte schwach. „Okay. Danke.“
      Keiner von ihnen konnte sich vorstellen, wie extrem diese Vision gewesen war. Es hatte sich angefühlt, als wäre sie tatsächlich in dem Flugzeug gewesen. Und dieses Mädchen, das ihr in den Flammen entgegen blickte …

      Völlig unbemerkt von Velvet und den anderen lehnte eine junge Frau an der Fensterbank und beobachtete die Gruppe mit einem Seitenblick aus ihrer dezenten, fast unsichtbaren Brille. Das blonde Haar der Asiatin war mit zwei Nadeln hochgesteckt. Neben ihr auf dem Fensterbrett hockte eine kleine, schwarze Gestalt, die in ihrer Körperform und dem lilafarbenem Haarpflaum wie eine mutierte Zwiebel aussah.
      „Noch kein weiterer Angriff“, überlegte sie leise. „Die lassen sich Zeit.“
      Auch andere Schüler nahmen weder sie, noch den Schattengeist wahr.
      „Das kann auch ruhig so bleiben“, klagte der mit seiner schrillen, hohen Stimme.
      „Hmm. Solange Kali sich noch im Weißen Raum von ihrer Dummheit erholt, müssen wir das Mädchen im Auge behalten.“
      Orion blähte seine Wangen auf. „Das ist typisch. Wir müssen ihre Drecksarbeit verrichten.“
      Ein Faden Speichel tropfte aus seinem Trötenmund. „Aber sie ist so …“
      „… unzuverlässig und egoistisch“, vollendete die junge Frau seinen Satz spitz, „ich hoffe, ihr kleiner Rachefeldzug ist bald vorbei. Der maskierte Dämon hat -sie- beauftragt, Velvet Thorne zu beschützen. Und an ihrer Stelle würde ich mich mit ihm gut stellen wollen.“
      „Ist er wirklich so mächtig?“, fragte Orion ehrfürchtig.
      Mit Blick auf die davon ziehende Gruppe von Velvet grinste seine Begleiterin schelmisch. „Wenn es nach Lady Gardenia geht, absolut. Ich frage mich, wie akkurat und wichtig die Visionen dieser Velvet sind, wenn dieses Ding sich derart um ihre Sicherheit sorgt.“
      „Weiß ich nicht. Aber sie ist kawaii!“
      Daraufhin warf die Blonde dem Schattengeist einen amüsierten Blick zu, sagte aber nichts.

      ~-~-~

      „Ich bin zurück, ihr Arschgeigen!“
      Ein Satz, der Livington in Angst und Schrecken versetzte – zumindest wenn es nach dem blonden Mädchen ging, das ihn von sich gegeben hatte und das gerade aus einem Taxi gestiegen war. Anya Bauer stemmte die Hände in die Hüften und starrte das weiße Einfamilienhaus im typisch amerikanischen Vorstadtstil an, das sie auch ihr Zuhause nannte.
      Matt und Zanthe stiegen hinter ihr aus dem Wagen. Und irgendeine nicht weiter nennenswerte Person fragte nach 100 Dollar, aber das blendete Anya gekonnt aus.
      „Endlich wieder Zuhause. Fühlt sich wie eine Ewigkeit an.“
      „Ja, die Untersuchungshaft von ganzen 24 Stunden war auch ganz schön hart“, maulte Matt grimmig und schob sich an dem Mädchen vorbei, um den Taxifahrer zu bezahlen.
      Zanthe gluckste. „Ach so schlimm war es doch gar nicht. Die Polizisten waren 'interessant'.“

      Anya erinnerte sich noch genau, wie sie in einem Verhörraum gesessen hatte und von einem Detective ausgequetscht wurde wie eine reife Tomate. Was der alles wissen wollte … Als ob der tatsächlich geglaubt hatte, dass das kack Flugzeug wegen -ihr- abgestürzt war. Hmpf!
      Und das alles nur, weil sie und ihre Freunde es vor dem Start noch einmal verlassen hatten. Anya erinnerte sich an diesen Moment, als-

      „Hey, Trantüte“, raunte der schwarzhaarige Werwolf ihr da gut gelaunt vom Kofferraum zu, „hilfst du mir mal mit dem Gepäck, das wir nicht mehr haben?“
      Tatsächlich holte er dort nur eine Tüte mit ein paar kurzfristig gekauften Klamotten und Utensilien hervor, die sie sich in Ephemeria City besorgt hatten. Nach der erstaunlich kurzen Untersuchung hatte man die Fünf schließlich gehen lassen.

      Ja. Anya Bauer, Matt Summers, Zanthe Montinari und Claire Rosenburg hatten den Absturz überlebt, weil sie nie Teil davon gewesen waren. Ach ja, und natürlich Valerie Redfield, die aber mit einem anderen Taxi zu ihrem Vater gefahren war.
      Stimmt, erinnerte sich Anya da grimmig und sah in das Taxi hinein, wo die blonde Weltmeisterin, deren Haar bis knapp unter den Ohren zu einem Bob geschnitten war und vom Pony grüne Strähnen hängen ließ, regungslos verharrte. Diese blöde Pute war auf Geheiß des Werwolfs ja jetzt ihre neueste Mitbewohnerin.
      „Steig' endlich aus“, motzte die Nicht-Duel Queen ihr verhasstes Gegenstück an.
      Daraufhin gehorchte Claire mechanisch und stieg aus dem Wagen. Anya kratzte sich am Hinterkopf, meinte: „Na wenigstens funktioniert das. Vielleicht sollte ich sie zur Sklavin umfunktionieren …“
      „Mach das und ich werde allen erzählen, was man mit dir in der U-Haft gemacht hat“, sprach Zanthe erstaunlich trocken und stellte sich auf die andere Seite des Taxis, um Claire in Empfang zu nehmen. Er grinste über dessen Dach zu Anya herüber. „In die Hocke gehen und husten.“
      „Das haben die nicht gemacht!“, protestierte die Gebeutelte sofort knallrot im Gesicht.
      „Wenn ich die Geschichte erzähle, -haben- sie es. Und jeder wird es glauben. Also lass die Finger von Claire, sonst sind sie ab.“
      „Tch. Spielverderber!“

      Matt indes war fertig mit Bezahlen und winkte dem Taxifahrer zu, dass er jetzt losfahren konnte. Kurz darauf sahen die Vier dem Wagen hinterher, wie er mit erstaunlich hoher Geschwindigkeit durch die Ortschaft bretterte.
      „Was war denn mit dem? Ich hab doch nur-“
      „Ich sag' jetzt lieber nicht, wie viel Trinkgeld ich ihm zahlen musste, damit er -das- vergisst“, brummte der Dämonenjäger im schwarzen Ledermantel und schielte zu Anya herüber. Dann aber sah er herüber zu deren Wohnhaus, wo gerade die Tür aufflog. „Was auch immer, da will dich jemand begrüßen.“

      Anya drehte sich um und bemerkte eine Frau Mitte 40 auf sie zu eilen, deren blond gelocktes Haar hin und her wippte. Und die sich einfach und erstaunlich geschickt über die Gartentür hinweg schwang. Und die sie so fest in ihre Arme schloss, dass jene fast unter dem Druck brachen.
      „Au! Mom, lass das!“
      „Anya“, schluchzte die, wurde dann aber so laut, dass die ganze Nachbarschaft es hören musste, „junges Fräulein, was hast du jetzt schon wieder angestellt!? Du hättest sterben können! Gott, wenn ich dran denke, dass ein Zufall dich gerettet hat!“
      Äh, ja, Zufall, dachte Anya, die genau wusste, dass es in dieser Welt keine Zufälle gab. „Mom …“
      Sheryl Bauer liefen Tränen über die Wangen. „Anya, du hast lebenslanges Flugzeugverbot! I-ich bin gerade dabei Essen zu mach-“
      Sie stockte mitten im Satz, als sie die junge Frau vor Zanthe erblickte, welche mit ausdruckslosem Blick an ihr vorbei sah. Sofort wurde Anya losgelassen. Sheryl stand plötzlich kerzengerade da. „I-ist sie das?“
      „Die einzig wahre“, gluckste Zanthe und machte eine Verneigung neben der angesprochenen Dame, „Claire Rosenburg, Anyas neue BFF!“

      Und noch nie wurde Anya so wüst beiseite geschoben wie in diesem Moment. Nur eine Staubwolke zeugte noch davon, dass Sheryl noch eben vor ihr und nicht vor Claire gestanden hatte.
      „Bist du gut angekommen?“, fragte Anyas Mutter das Mädchen zuckersüß. Sie packte sie sanft an den Schultern. „Komm doch rein, sicher hast du Hunger.“
      „Ich verspüre kein Hungergefühl“, entgegnete die mechanisch. Doch sie hatte keine Wahl, Sheryl führte sie mit Nachdruck an Anya und Matt vorbei Richtung Haus.
      Verdutzt sahen jene beiden ihnen hinterher. Besonders der Schwarzhaarige musste im Nachhinein darüber lachen. „Zanthe, du hast nicht übertrieben. Sie -ist- ein Fan.“
      „S-sie hat vorher noch nie was von diesem Miststück gehört! Wie kann sie auf einmal so besessen sein!?“, beklagte sich die links liegen gelassene Anya verständnislos.
      Und wurde tröstend vom Werwolf, der sein Markenzeichen, ein rotes Kopftuch trug, auf der Schulter getätschelt. Aber seine Tat strafte seiner Worte Lügen. „Das ist kein Fan, das ist ein Groupie. An deiner Stelle würde ich sie nachts nicht aus den Augen lassen, Anya.“
      „Halt die Klappe, Flohpelz!“

      Wütend stampfte Anya voran, trat die Gartentür auf und schmollte vor sich hin. Ihre Freunde hinter ihr bemerkten, im Gegensatz zu ihr selbst, dass sich jemand hinter der halb offenen Haustür verbarg.
      Anya bekam davon erst etwas mit, als sie selbst dort angelangte. Eine leise, tonlose Mädchenstimme begrüßte sie mit: „Oh, die Lokalprominenz gibt sich die Ehre.“
      Die Blonde sah auf. „Huh?“
      Besagte Person trat hinter der Tür langsam hervor. Und wenn jemand nicht genau wusste, -wer- das war, hätte er vermutlich einen Herzinfarkt erlitten. Denn dort stand ein Mädchen in hellblauem Pullover und gleichfarbiger Beanie, das Anya wie aus dem Gesicht geschnitten war. Selbst die blonden Strähnen, die ihr im Gesicht hingen, waren identisch zu denen Anyas.
      „Das kann doch nicht wahr sein“, keuchte die fassungslos. „Zoey!?“
      „Hi Anya“, grüßte die ihre Cousine mit erhobener Hand. „Lang nicht gesehen.“

      ~-~-~

      Eine halbe Stunde später hatten alle sich in der kleinen Küche der Bauers zum gemeinsamen Essen eingefunden. Anya hatte Zoey kurz als ihre Cousine vorgestellt, doch zu einem richtigen Gespräch waren sie nicht gekommen.

      Anya saß am kreisrunden Esstisch und stocherte lustlos in ihrem Steak mit Kartoffeln herum, während Matt das Essen geradezu in sich hineinschaufelte. Claire saß dem Mädchen direkt gegenüber und fing sich immer wieder böse Blicke ein, ohne aber auch nur im Geringsten darauf zu reagieren. Nur gelegentlich nahm sie die Gabel in den Mund.
      „Das ist echt lecker“, meinte Matt.
      Zanthe, der am Waschbecken mit Mrs. Bauer stand und sich gerade die Hände wusch, drehte sich zu ihm um und grinste. „Ohne Sheryls Tipps wäre es nicht halb so gut gelungen.“
      „Du schmeichelst mir. Schmeckt es dir auch, Claire?“
      Doch zu Anyas bitterböser Genugtuung sagte die lediglich: „Ich verspüre keine negativen Empfindungen beim Essen.“
      „Das heißt ja“, strahlte der Werwolf seine Gastgeberin an, ehe noch jemand etwas anderes behauptete.
      Anya sank tiefer in ihren Stuhl. Jetzt sprach der Kerl ihre Mutter schon beim Vornamen an! Hmpf!

      „Hast du gar keinen Hunger?“, fragte Zanthe das andere Mädchen, das gegenüber dem Tisch an der Tür zur Abstellkammer lehnte und einen finsteren Blick aufgesetzt hatte.
      „Nein“, kam von Zoey eine knappe, missmutige Antwort. Mit verschränkten Armen verharrte sie da und starrte insbesondere Anyas Freunde unliebsam an. „Wer sind die? Deine Bodyguards? Ein Fanclub?“
      „Oh, ja, wir haben uns ja noch gar nicht richtig vorgestellt.“ Matt stand vom Tisch auf und ging mit ausgestreckter Hand auf Anyas Cousine zu. „Ich bin Matt Summers, ein Freund von Anya.“
      Statt seine Geste zu erwidern, entgegnete jene aber nur knapp: „Zoey Bauer, aber das weißt du bereits.“
      „Zanthe Montinari“, sprach der von der Spüle und sah zu ihr herüber, „a-“
      „Mein Haustier“, feixte Anya dazwischen.
      „Eigentlich wollte ich sagen, dass ich ihr Berater in Sachen Liebe, Freundschaft und Gefühl bin.“
      Von Zoey kam aber nur ein leises, verächtliches Schnaufen. Von Anya dagegen gleich ein fliegendes Messer, das der Werwolf gekonnt auffing, während Anyas Mutter nur geschockt daneben stand.
      Nachdem nichts geschah, ließ Matt die Hand sinken. „Ja, uhm, jedenfalls schön, dich kennenzulernen. Anya hat nie erwähnt, dass sie eine Cousine hat.“
      „Ja“, kam es verhalten, „wir haben uns ja auch lange nicht gesehen …“
      „Zoey ist die Tochter von Dads Schwester, Tante Tina“, erklärte Anya, „bis vor acht Jahren haben sie im Nachbarort gewohnt, deshalb haben wir uns fast jedes Wochenende gesehen. Aber dann musste Tantchen in den Knast und Zoey zu Oma.“
      Jene blickte grimmig zur Seite. „Ja … wenn man sich keine Wohnung leisten kann, geht man als günstige Alternative ins Kittchen …“
      „Na ja, Oma lebt etwas weiter weg, daher haben wir uns seitdem nur noch selten gesehen. Früher waren wir unzertrennlich“, erzählte Anya weiter.
      Da kam ein bissiges Lachen von der Spüle. „Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Ihr zwei Sonnenscheine habt sicher viel Freude nach Livington gebracht.“
      Sheryl neben Zanthe stöhnte. „Du ahnst nicht wie oft ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.“
      Matt lachte ebenfalls, verstummte aber bei Zoeys finsterem Blick.
      „Was machst du eigentlich hier?“, wollte Anya schließlich wissen.
      „Dich besuchen, Dummy?“
      „Weiß Oma davon?“
      „Vielleicht“, wich Zoey aus, „vielleicht auch nicht. Wen juckt's?“

      Also war sie ausgebüchst, dachte Anya und verdrehte die Augen. Ihrer Cousine, die ein Jahr jünger war, wurde damals oft die Rolle des Hirns des Zweiergespanns zugeschrieben. Während Anya eher die ausführende Kraft gewesen war, hatte Zoey sich eher um die Planung der Missetaten gekümmert. Nicht selten mit zweifelhaftem Ergebnis. Aber Anya hatte die Zeit mit ihr stets genossen.
      Dass Zoey praktisch vom einen Tag zum anderen umziehen musste, hatte beide wie ein Schlag getroffen. Anfangs war es seltsam gewesen, Livington alleine unsicher zu machen, doch Anya gelang es schnell, sich daran zu gewöhnen. Trotzdem hatten sie bis vor zwei, drei Jahren noch regelmäßig telefoniert und Zoey war hin und wieder zu Besuch gekommen. Aber Grandma Bauer, die damals als ihr Vormund eingesetzt wurde, war inzwischen auch nicht mehr die Jüngste und damit sind die Besuche mit der Zeit immer weniger geworden. So auch die Telefonate.
      Natürlich war Zoey inzwischen alt genug, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Aber es gab gute Gründe, warum Margery Bauer in all das involviert war. Und so stand ihre Cousine gewissermaßen immer noch auf der Stufe eines unmündigen Kindes.

      „Darüber haben wir schon gesprochen, Zoey“, meinte Sheryl beim Abwaschen, „bitte ruf' Marge wenigstens an. Sonst tu ich’s.“
      „Hab ich doch schon!“
      „Hast du nicht“, widersprach Anyas Mutter streng und sah zu dem bockigen Mädchen herüber. „Nimm dir ein Beispiel an Anya und werd' vernünftig. Marge macht sich sicher Sorgen.“
      Zoey aber schien gar nicht einzusehen, dass sie im Unrecht war und verdrehte die Augen. „Später!“
      Damit stampfte sie an den anderen vorbei und verließ die Küche, ehe es noch zu einem handfesten Streit kam. Als sie weg war, atmete Matt vorsichtig auf. „Puh, deine Cousine ist … schwierig.“
      „Was erwartest du?“ Zanthe lehnte sich an die Spüle. „Guck dir doch an, wem sie aus dem Gesicht geschnitten ist.“
      Anya fauchte sofort: „Was soll das denn heißen!?“
      „Sie hatte es nie leicht“, erklärte Sheryl betrübt und ließ die Hand mit dem Teller darin sinken, „eine alkoholkranke Mutter, der Vater hat die Familie kurz nach der Geburt verlassen … Anya hat der Polizei oft Probleme bereitet, aber im Vergleich zu den Dingen, die Zoey in den letzten Jahren angestellt hat, waren das Kinderstreiche.“
      „Das tut mir leid“, meinte Matt betroffen.
      „Ach, die ist hart im Nehmen.“ Anya legte ihre Gabel beiseite. „Ich geh' mal nach oben. Muss mir was anschauen. Hab eh keinen Hunger …“
      Damit erhob sie sich, aber nicht, ohne Claire einen letzten, bösen Blick zuzuwerfen. Wann würde der Tag endlich kommen, an dem ihr Todesblick Löcher in die Köpfe der Leute brannte?

      ~-~-~

      Nachdem Anya sich zurückgezogen hatte und in ihrem Zimmer stand, spürte sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein seltsames Gefühl in den eigenen vier Wänden. Als ob sie nicht hierher gehörte. Das Bett zu ihrer Rechten war gemacht. Der Schrank auf der anderen Seite des Zimmers vermutlich aufgeräumt. Keine Klamotten und Videospiele, die verteilt im Raum herumlagen. Auch der Schreibtisch war sauber und ordentlich.

      Zu diesem schlenderte das Mädchen herüber, setzte sich und sah erstmal von ihrem Fenster auf die Straße herab. Wüsste sie es nicht besser, würde sie sich glatt dem Flair der friedlichen Vorstadt ergeben. Aber ihr herannahender Tod stand immer noch im Raum.
      Der Collector hatte ihre Lebenskraft an sich gerissen und erpresste sie damit, sieben Hüterartefakte zu sammeln, von denen sie inzwischen drei besaß. Die Undying, unsterbliche Wesen die die Ordnung der Welt wahrten, hatten versucht dies zu verhindern und waren inzwischen ihre Verbündeten. Obwohl sie Anya versprochen hatten, ihr bei ihrem Problem zu helfen, wenn sie die Jagd nach den Artefakten einstellte, fühlte jene sich unwohl. Wie sollte so eine Lösung aussehen? Eine Antwort darauf blieben die Undying ihr bisher schuldig und sie hatte auch seit der letzten Begegnung im Ephemeria Bridge Stadion nichts weiter von ihnen gehört.

      „Einen Monat hab ich noch“, seufzte sie, beugte sich zur obersten Schreibtischschublade herab und zog jene auf, „angenommen, Ricther und seinem Freak-Ensemble fällt tatsächlich etwas ein, was mache ich?“
      Die Frage war natürlich an Levrier gerichtet, ihren unsichtbaren Partner gerichtet, der in der Karte des Xyz-Monsters [Gem-Knight Pearl] steckte. Inzwischen kannte sie ihn seit einem Jahr und er war es, der sie oft auf den, naja, richtigen Weg brachte. Sozusagen ihr Jiminy Grille, nur mit spitzerer Zunge.

      Wie meinst du das?

      „Ich bin hier. Aber ich weiß nicht, wie ich … mein Leben leben soll. Vorausgesetzt, es endet nicht bald.“ Anya nahm eine Zeitschrift aus der Schublade in die Hand und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. „Keine Kämpfe mehr, keine Duelle, die mein Schicksal entscheiden. Das wird … langweilig. Denk' ich.“

      Du gehst davon aus, dass die Undying dir helfen können. Ich hoffe, dem ist auch so. Aber was, wenn nicht? Darüber haben wir bisher nicht geredet, Anya Bauer. Und selbst wenn es ihnen gelingt, deine Lebenskraft wiederherzustellen, ist es unwahrscheinlich, dass der Sammler einfach zusehen wird. Es wird zu einer Konfrontation zwischen euch beiden kommen, früher oder später.

      „Yeah.“
      Der mächtigste Dämon auf diesem Planeten würde sicherlich angepisst sein, wenn er erfuhr, dass sie nicht länger seine Marionette war. Aber sollte er ruhig kommen. Ihre nächste Auseinandersetzung würde anders verlaufen als die letzte, wo er sie nach allen Regeln der Kunst fertig gemacht hatte. Und neben den Undying hatte sie noch ihre Freunde.
      Summers, der Flohpelz, Redfield … alle waren mutig genug, sich dem Bastard von Sammler zu stellen. Und dann war da natürlich noch Nick, der sicher auch helfen konnte, und wenn er nur das Konto dieses Spinners leerräumte. Brauchten Dämonen eigentlich Geld?

      Mehr hast du dazu nicht zu sagen?

      „Momentan nicht. Warten wir erstmal ab, wie sich das entwickelt.“ Anya blätterte nebenbei durch die Zeitschrift, Duel Monsters Weekly. Die Ausgabe war zwar schon etwas älter, aber sie reichte für Anyas Vorhaben. „Im Moment kann ich sowieso nichts tun. Nicht, solange ich keine Duel Disk habe.“
      Bei dem Flugzeugabsturz waren sowohl ihre als auch die ihrer Freunde mit Ausnahme von Zanthes Duellhandschuh drauf gegangen. Zugegeben, Anya konnte das neue, rote Standard-D-Pad sowieso nicht leiden, aber sie brauchte trotzdem ein aktuelles Modell, damit sie ihre neuen Pendelkarten nutzen konnte. Nur hatte sie keine Ahnung, wie ihre neue Duel Disk überhaupt aussehen sollte, weshalb sie sich beim Schmökern im Magazin etwas Inspiration erhoffte.

      Wenn du eine neue Duel Disk kaufen möchtest, besuche doch Nico Palmers Laden. Dort gibt es viele verschiedene Modelle, die du auch aus der Nähe sehen kannst.

      Anya schnalzte mit der Zunge. „Muss das sein?“
      Sie wollte nicht dorthin. Nicht, weil sie dort bald wieder als Verkäuferin arbeiten musste. Sondern weil sie auch dort fehl am Platz war. Jenes hatte sie erkannt, als Mr. Palmer ihr das Paket mit den Karten geschickt hatte. Der Mann hatte Besseres verdient.
      Aber sie brauchte das Geld, nachdem auf Harper ja kein Verlass war, was so etwas anging. Wobei sie ehrlich zugeben musste, dass die Arbeit nicht so schlecht war, nur … langweilig.

      Ja, muss es. Er wird sich bestimmt freuen dich zu sehen. Du hast dich noch nicht persönlich bei ihm bedankt. Das bist du ihm schuldig.

      Anya klappte die Zeitschrift zu und erhob sich. „Ja ja, ich hab's ja kapiert. Fein, ich geh' hin.“
      „Wohin?“, drang in dem Moment Zoeys Stimme durch den Türschlitz. Welche keine Sekunde später geöffnet wurde. Ihre Cousine stand da und blinzelte verdutzt. „Mit wem redest du da?“
      „Niemandem“, log Anya. „Ich will ins Kolosseum, mir 'ne neue Duel Disk kaufen. Kommst du mit?“
      Zoey zuckte mit den Schultern. „'kay. Wollte dich sowieso fragen, ob wir die Stadt unsicher machen wollen. Haben uns ja viel zu erzählen un' so.“
      „Cool“, nickte Anya und schloss zu ihrer kleinen Cousine auf, schlang den Arm um ihre Schulter, „wird ja auch endlich Zeit, dass wir wieder was unternehmen.“
      Verlegen grinste das Mädchen mit der Beanie. „Yeah!“

      ~-~-~

      „Krass“, staunte Zoey, während die beiden Mädchen durch die Mall des fast vollständig aus Glas bestehenden Kolosseum zogen. Der Boden war aus glänzendem, blank poliertem Stahl, von der Dachkuppel strahlte die Sonne ins Innere.
      Selbst Anya war verblüfft, wie sie dem Mädchen hinterher sah, das gerade ein Autogramm von ihr erhalten hatte. Das war jetzt schon die dritte, seit sie sich auf dem Weg hierher gemacht hatten. Früher haben die Leute sofort die Straßenseite gewechselt, wenn sie sie gesehen haben …
      „Sieh an, wer da beliebt geworden ist“, stichelte Zoey, „du solltest Kohle dafür verlangen.“
      „Vielleicht nächstes Mal.“
      Eigentlich fand Anya es ganz angenehm, dass die Leute sie aufrichtig respektvoll behandelten. Da machte es ihr nichts aus, kurz ein wenig ihrer Zeit zu entbehren. Wobei sie natürlich auch nichts dagegen hatte, wenn andere sie weiterhin aus Angst mieden. Es sollte ja keiner glauben, Anya Bauer wäre weich geworden.
      „Na ja, aber ist schon krass, wie oft sie im Fernsehen von Flug 117 labern. Manche Sender haben sogar eure Namen genannt.“ Zoey lachte. „Alter, deine Mutter hat 'ne richtige Panikattacke bekommen, als sie zum ersten Mal davon im Radio berichtet haben. Da hatte sie gerade Pancakes für mich gemacht. Die waren gut.“
      „J-ja, Mum macht sich schnell Sorgen“, wusste Anya nicht so recht, wie sie auf Zoeys Aussage reagieren sollte.
      „Die hat fast geheult.“ Zoey zuckte mit den Schultern. „Na ja, mir war auch nicht ganz wohl dabei, wenn ich ehrlich bin. Aber irgendwie wusste ich, dass dir nichts passiert ist. Jemand wie du stirbt nicht bei einem Flugzeugabsturz, sondern in einem Schusswechsel mit fünfzig Cops oder so.“
      „Äh, ja, danke.“

      Während die beiden Mädchen weiter durch die Mall schlenderten und sich dem Geschäft von Mr. Palmer näherten, sahen sie schon durch die Schaufenster, wie voll es dort war.
      Anya musste anerkennend pfeifen. „Cool. So viele Kunden hatten wir sonst in einem Monat nicht.“
      „Wegen dir“, brummte ihre Cousine auf einmal mürrisch. Sie stopfte ihre Hände in die Taschen ihres Pullis und zog an Anya vorbei.
      „Warte!“, forderte die Zoey auf.
      Jene wirbelte plötzlich herum und grinste über beide Backen. „Weißte was? Ich hab 'ne Idee.“
      „Lass hören!“
      „Du brauchst 'ne neue Duel Disk.“
      Die Ältere stöhnte genervt. „Ach ne, darum sind wir hier, Einstein.“
      „Ja, aber wie willst du sie dir besorgen?“
      „Kaufen?“, kam eine Antwort voller Unverständnis.
      Zoey rollte mit den Augen. „Echt jetzt? Und von welchem Geld? Ich dachte du bist pleite. Das ist chronisch, irgendwie in unserem Erbgut. Frag Oma, der geht’s genauso.“

      Oh ja. Anya erinnerte sich noch an das eine Mal, als ihre Großmutter väterlicherseits mal die Handtasche ihrer Mum nach Bargeld durchwühlt hatte. Wollte sich eine Flasche Whiskey besorgen, hatte aber keine Kohle dafür. Junge, hatte da die Luft gebrannt.
      Margery Bauer war vieles: Egoistisch, missmutig, grantig, nie um einen bösen Spruch verlegen. Und das perfekte Vorbild. Na ja, irgendwann hatte Anya einsehen müssen, dass niemand Grandma Bauer imitierten konnte und es dementsprechend irgendwann aufgegeben, um ihren eigenen Weg zu gehen. Was, wenn sie genau drüber nachdachte, noch gar nicht so lange her war …
      Aber man musste ihr auch zugute halten, dass sie sich um Zoey kümmerte und sie wie ihren Augapfel hütete.
      Erstaunlicherweise war Dad dagegen der Einzige in seiner Blutlinie, der das komplette Gegenteil vom Rest seiner Familie war. Erfolgreich, kompetent, einflussreich, nicht vorbestraft. Und Zach lag irgendwo dazwischen, aber wen juckte der schon?

      „Jedenfalls kannst du dir so ein Teil nicht leisten, schon gar nicht eines der neueren Modelle“, plapperte Zoey derweil im Rückwärtslaufen weiter. „Verstehste, worauf ich hinaus will?“
      „Ne.“
      Abrupt blieb die Blonde mit der Beanie stehen, sah ihre Cousine ungläubig an. „Biste von Aliens entführt und ausgetauscht worden, oder was? Die Anya Bauer, die ich kenne, kann eigentlich meine Gedanken lesen. Man, streng mal deine Rübe an!“
      „Tch.“ Es war Jahre her, aber diese Sprüche waren typisch Zoey. Nur, dass sie Anya heute nicht mehr so beeindruckten wie damals.
      Wieder rollte ihre Cousine mit den Augen. „'kay.“
      Sie winkte Anya zu sich heran. Als beide voreinander standen, beugte sie sich vor und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Woraufhin Livingtons Version von Bart Simpson erschrocken zurückwich. „Bist du bescheuert?“
      „Was denn!? Wie in alten Zeiten! Ich wette, wenn wir zusammenarbeiten, schaffen wir das!“
      „Keine Chance!“, fauchte Anya und hielt demonstrativ die Arme über Kreuz. „Ich habe keinen Bock auf Stress mit den Cops!“
      „Seit wann hast du vor sowas Angst?“ Zoey starrte sie verständnislos an. „Wenn's schief geht, haut dein Dad uns raus. Macht er doch immer.“
      Aber Anya stampfte mit dem Fuß auf. „Ich kann mich nicht mein Leben lang auf Dad verlassen. Außerdem …“
      Anzusprechen, dass sie sich seit dem Legacy Cup in einer gewissen Vorbildfunktion als nun halbwegs bekannte Duellantin befand, wollte Anya dann aber doch nicht. Zoey würde das sowieso nicht verstehen.
      Entsprechend endgültig maulte sie: „Schluss damit. Ich kaufe das Teil und fertig. Wenn es zu teuer ist, habe ich eben Pech. Vielleicht gibt Mr. Palmer mir 'nen Vorschuss!“
      „Pft! Fein, was auch immer. Langweilerin.“ Verstimmt steckte Zoey ihre Hände wieder in die Jackentaschen und stampfte neben Anya her.

      Sie sprachen kein Wort mehr miteinander, als sie zusammen den Laden betraten. Erst passierte gar nichts, dann aber wurden sie von einer Kundin bemerkt. Welche es sich nicht nehmen ließ, Anya nach einem Autogramm zu fragen.
      Die blinzelte die junge Frau irritiert an. „W-was?“
      Schon wieder!? Und Zoeys Gesichtsausdruck sprach dieselbe Sprache, nur in einem deutlich anderem Tonfall.
      „Kann ich ein Autogramm haben?“, wiederholte die ihre Frage. Und fügte ein flehendes „Bitte?“ dazu.
      „Uh. 'kay. Ich denke schon.“

      Anya kannte das gar nicht. Während des ganzen Legacy Cups hatte sie nicht ein einziges Autogramm verteilt. Vielleicht wurde sie sogar drauf angesprochen, aber da hatte sie so viel um die Ohren gehabt, dass sie solche Fragen unbewusst überhört haben musste. Und heute gleich viermal hintereinander?
      Vielleicht sollte sie mal die Online-Tauschbörsen überprüfen, ob die ihre Autogramme nicht doch für Geld vertickten …

      Während die Dame aus ihrer Handtasche Kugelschreiber und Schreibblock kramte, betrachtete Zoey alles ziemlich unzufrieden. Anya bemerkte den giftigen Blick, wollte aber vor ihrem 'Fan' keinen Streit mit ihrer ganz-und-gar neidischen Cousine anfangen.
      Nachdem Anya ziemlich ungeschickt irgendwas auf den Block gekritzelt hatte, standen schon zwei junge Männer hinter ihnen und baten ebenfalls um Autogramme.
      „Pass auf, dass dir nicht 'n Kaufvertrag für 'ne Waschmaschine untergejubelt wird“, maulte Zoey, als Anya auf den beiden ihren Wunsch erfüllte.

      „Was ist denn hier- Anya!“
      Und da war er, Mr. Palmer, ein dunkelhäutiger Mann mit weißem Haar und Bart, der nicht selten in ziemlich engen Hawaiihemden herumlief. Mit ausgestreckten Armen kam er der Zweitplatzierten des Legacy Cups entgegen und umarmte sie fest.
      Anya, die das Ganze so interpretierte, dass er sie für die zusätzlichen Fehlzeiten, die das Duell im Weißen Raum, der anschließende, kurze Krankenhausaufenthalt und die Verzögerung beim Rückflug nach Livington verursacht hatten, ganz eindeutig erwürgen wollte, stammelte klamm: „Mr. Palmer, i-ich bin am Montag wieder-“
      Er packte sie an den Schultern und schob sie von sich weg. „Bauer. Du bist entlassen.“
      „W-was?“
      „Eine angehende Profiduellantin sollte ihre Zeit nicht an einem Ort wie diesem verschwenden.“ Er lächelte sie warm an, klang aber immer noch todernst. „Außerdem bist du als Verkäuferin eine Niete.“
      „A-aber ich brauche den Job!“
      Nico Palmer schüttelte den Kopf. „Nein. Was du brauchst, ist ein Platz in der Profiliga. Und den wirst du bekommen, wenn du hart genug dafür arbeitest.“

      Die Blonde seufzt geknickt. Das war ja alles ganz okay, was er da sagte, aber im Endeffekt nur Ausflüchte. Er brauchte sie nicht mehr. Sie hatte die Werbetrommel für den Laden – wohlgemerkt sehr unfreiwillig! – gerührt. Mehr Kunden, Ziel erreicht, so einfach war das.
      Und sie konnte ihn auch irgendwo verstehen. Wenn sie jetzt wieder hier anfing, würde sie all das binnen kürzester Zeit zunichte machen.

      „Hey! Du kannst sie nicht einfach so rausschmeißen!“, fauchte Zoey wütend und drängte sich zwischen die beiden. „Dieser Scheißladen ist jetzt nur so beliebt, weil sie dein beschissenes T-Shirt getragen hat. Sonst würde dich heute kein Schwein kennen. Also zeig etwas Dankbarkeit, klar!?“
      Anya fasste ihre Cousine an der Schulter. „Misch dich nicht ein.“
      „Was!?“ Zoey drehte sich zu ihr um. „Lässt du so mit dir umgehen!?“
      „Es ist okay, klar!?“
      „Du kannst dir nicht mal 'ne verdammte Duel Disk leisten!“
      Hinter Zoey fragte Mr. Palmer erstaunt: „Stimmt das? Was ist mit deiner alten geschehen?“
      Anya stöhnte genervt, antwortete aber trotzdem. „Die eine wurde mir gestohlen, die andere ist bei diesem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.“

      Sie könnte sich auch einfach wieder die von Logan ausleihen, fiel es Anya dabei ein. Aber der hatte im Moment ganz andere Probleme. Wie sein ganzes D-Wheel, das Roboburgs Manager damals geschrottet hatte oder die Tatsache, dass man ihn beschuldigte, für die Zerstörung in Ephemeria City verantwortlich zu sein. Welche tatsächlich auf ihren und Claires Mist gewachsen war, als die beiden ihr Riding Duel ausgetragen hatten…

      „Warte einen Moment.“ Mr. Palmer drehte sich um und schritt Richtung des gläsernen Verkaufstresens.
      Auch Zoey entfernte sich. „Sehe mich mal'n bisschen in diesem Drecksladen um.“
      Aber ihre Cousine beachtete sie kaum, sondern sah ihrem ehemaligen Arbeitgeber hinterher, wie er den Tresen umrundete und in der dahinter liegenden Tür zum Lager verschwand.

      Kurze Zeit später kam er mit einem langen, weißen Karton in beiden Händen zurück. Freudestrahlend schritt er damit auf Anya zu. „Die ist heute Morgen gekommen. Wie passend.“
      „Wie jetzt?“
      Das Mädchen machte große Augen. Auf der Pappe war eine schwarze Duel Disk abgebildet. Während der Kern mit dem Deckschacht und Friedhof rund und eine leuchtende, blaue Kugel in seinem Inneren eingelassen war, entsprach die leicht gebogene Spielfläche eher der eines D-Pads. Monsterkartenzonen waren nicht markiert, sondern eine einzige, schwarze Fläche, die automatisch die Positionen erkannte. Nur die Zauberfallenzonen waren durch fünf separate Schächte darunter klar abgetrennt. Das alles wurde durch eine metallisch-silberne Umrandung ergänzt.
      „Das ist eines der neuen Modelle, das Pendelkarten bereits lesen kann.“ Mr. Palmer reichte Anya den Karton, welche diesen ziemlich perplex entgegen nahm. „Na, gefällt sie dir?“
      „Y-yeah“, erwiderte die Blonde zögernd und warf einen Blick hinab auf die Abbildung der Duel Disk. Wenn man die blaue Kugel da drin irgendwie mit einem leuchtenden Totenkopf austauschen würde, wäre sie in der Tat perfekt. „Aber die ist viel zu teuer. Kann ich mir nicht leisten, sorry.“
      „Du musst sie nicht bezahlen“, erwiderte ihr Gegenüber plötzlich ernst, „sie gehört dir.“

      Zoey, die etwas entfernt an einem Regal mit D-Pads stand und die ganze Zeit mit einem Seitenblick alles mitverfolgte, horchte auf.
      Dagegen stieß Anya nur ein irritiertes „Huh!?“ hervor.
      „Nun guck nicht so“, lachte Mr. Palmer wieder ausgelassen, „nimm sie schon!“
      „A-aber die muss doch schweineteuer sein! Die kann ich unmöglich annehmen!“
      Tatsächlich war Anya selbst von ihrer Bescheidenheit überrascht. Sie wusste ja nicht mal, dass sie zu solchen Zügen überhaupt in der Lage war. Aber etwas in ihr sträubte sich, dieses Geschenk anzunehmen und das nicht nur deshalb, weil sie niemandem etwas schuldig sein wollte.
      Da der dunkelhäutige Mann sie zu durchschauen schien, wechselte er wieder zu seinem ernsten Tonfall. „Hör mal, ich kann dich nicht dazu zwingen. Aber ich kann dir versichern, dass diese Duel Disk bereits bezahlt wurde. Alles ist gut.“
      „Von wem?“, wollte Anya sofort wissen.
      Statt zu antworten, grinste der alte Mann, presste Daumen und Zeigefinger aufeinander und zog sie wie einen Reißverschluss über seine Lippen.
      „Einem notgeilen Fan bestimmt“, zischte Zoey aus der Ferne grimmig.
      War es vielleicht Nick gewesen, der bestimmt schon wusste, dass ihr altes D-Pad im Arsch war? Oder hatte ihre neidische Cousine Recht und irgendjemand fand sie so gut, dass er ihr das schenken wollte? Anya weitete die Augen. Konnte es vielleicht sogar sein, dass Logan …?

      Wenn dem so war, würde sie sich revanchieren! Ein euphorisches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Alles klar. Halten Sie das kurz!“
      Sie drückte ihm den Karton zurück in die Hände, nur um ihn mit typisch roher Anya Bauer-Gewalt regelrecht zu zerfetzen. Kaum war die Duel Disk aus der letzten Luftpolsterfolie ausgepackt, wurde sie schon an Anyas linken Arm gesteckt. „Hell yeah!“
      Stolz präsentierte sie Mr. Palmer den Apparat, welcher glücklich wirkte. Und irgendwie konnte Anya sich darüber freuen. „Danke, Mr. P!“
      „Dafür nicht, Anya. Und jetzt geh, probier' sie aus.“
      „Yeah! Ich hab auch schon eine Idee, wo!“
      Natürlich dort, wo das Geschenk vermutlich herkam. Aus Logans Werkstatt. Also der Schenkende, nicht die Duel Disk selbst. Und wieso verbesserte sie sich im Gedanken, fragte Anya sich mit einem ganz komischen Bauchgefühl.
      „Lass uns gehen“, maulte Zoey, als sie sich wieder dazugesellte.
      „'kay. Also dann“, sagte Anya und reichte Mr. Palmer die Hand, „danke trotzdem!“
      „Komm ruhig mal wieder vorbei. Aber nur, wenn du gute Laune hast und ein paar Autogramme verteilen willst.“
      Daraufhin musste selbst die Blonde grinsen, während ihr ehemaliger Chef bärbeißig lachte und Zoey nur die Augen verdrehte.

      ~-~-~

      „Logan ist echt in Ordnung“, meinte Anya gut gelaunt, als die beiden Mädchen die letzten Schritte nahmen und auf den Parkplatz vor seiner Werkstatt einbogen. „Du wirst ihn mögen.“
      „Na ich weiß nich'. Klingt für mich wie'n Pedo“, schnarrte Zoey verächtlich. „Wie alt ist der denn?“
      „Keine Ahnung, 30 vielleicht?“

      Anya sah über den leeren Parkplatz herüber und musste feststellen, dass die beiden Garagentore verschlossen waren. Ihre Euphorie bekam einen jähen Dämpfer versetzt. Ein kleines, weißes Schild am rechten Tor verriet, dass der Besitzer für längere Zeit fort war und entsprechend keine Aufträge annehmen konnte.
      „Oh …“
      Also steckte Logan immer noch in Ephemeria City fest. Klar, die untersuchten immer noch die Ursache für die Zerstörung der Riding Duel-Strecke, die hauptsächlich Roboburg zerlegt hatte. In einem Akt der absoluten Selbstaufopferung hatte Logan vor der Polizei behauptet, dass er gefahren war, obwohl Anya die eigentliche Fahrerin war. Sie hatte sein D-Wheel benutzt, welches dabei auch noch durch diesen Nigel McPherson, Claires Manager, zerschrottet worden war.
      Zwar hatte Logan ihr am Flughafen erzählt, dass sich – warum auch immer – ein anderer Mann zu den Geschehnissen schuldig bekannt hatte. Aber anscheinend waren da wohl doch noch Zweifel seitens der Behörden. Also würde sie Logan wohl noch eine Weile nicht sehen …
      „Na so viel dazu“, triumphierte Zoey regelrecht, als die beiden Mädchen sich der gelb gestrichenen Werkstatt näherten. Jene blieb stehen, während Anya weiterging und das Schild am Tor in die Hand nahm. „Wie wär's: Wir lassen deinen Frust an Ernie Winter aus. Der wohnt doch noch hier, oder? Man, wie der immer geheult hat, wenn wir-“
      „Kein Bock!“, murrte Anya mit gesenktem Haupt und ließ es wieder los.

      Deprimiert wandte sie sich von der Werkstatt ab. Zoey, die einige Meter weiter stehen geblieben war, verschränkte genervt die Arme. „Sag mal, was ist eigentlich mit dir los, huh?“
      Anya drehte sich irritiert zu ihr um.
      „Haben dich deine neuen Freunde zur Spaßbremse umfunktioniert?“, fragte ihre Cousine weiter und schüttelte den Kopf. „Statt ein bisschen die Sau rauszulassen, benimmst du dich wie diese erzkatholische Redfield-Schlampe.“
      „Uh …“ Das kam für die Blonde unerwartet. „Redfield ist Protestantin. Glaub ich …“
      „Darum geht’s nicht! Du bist langweilig wie’n Stück gammliger Käse, Anya!“
      So wie sie es sagte, fühlte Anya sich jedoch lediglich provoziert. „Was soll das denn heißen!?“
      „Früher hättest du mitgemacht.“ Das Mädchen, das die ganze Zeit über ihre Hand auf dem Arm gelegt hatte, schob den Pullover beiseite. An ihrem Arm befand sich ein schmales, orangefarbenes D-Pad.
      Anya weitete die Augen. „Hast du das mitgehen lassen!?“
      „Jup. Du wolltest ja nicht.“
      „Zoey, bist du bescheuert!?“ Anya trat einen Schritt auf sie zu. „Wir müssen das Teil sofort zurückgeben! Mr. Palmer wird ausflippen, wenn er das merkt!“
      „Hat er aber nicht. Außerdem hätte ich gedacht, dass du dich freust.“ Die Jüngere starrte eingeschnappt zur Seite. „War wohl'n Trugschluss.“
      Voller Unverständnis sah Anya ihre Cousine an. „D-doch, uh, gut gemacht, aber trotzdem …“

      Sie seufzte schwer und versucht, ihr Gefühl in Worte zu fassen. „Weißt du, es … geht nicht immer nur um einen selbst. Ein Fehler …“
      Vor ihrem inneren Auge sah sie den rothaarigen Sammler, dann ein abstürzendes Flugzeug und schließlich Logan hinter Gitterstäben. „… und dein Leben könnte gelaufen sein.“
      Dann sah sie entschlossen auf. „Werde erwachsen, Zoey! Gib das scheiß Teil zurück und entschuldige dich!“
      „Wie bitte!? Du spinnst wohl!“ Die hob demonstrativ den Arm. „Langsam hab ich die Nase voll. Wenn du das Ding zurückhaben willst, komm und hol's dir doch! Duelliere dich mit mir darum. Natürlich nur, sofern ich dir als Gegnerin auch gut genug bin!“
      Damit hätte sie rechnen müssen, dachte Anya. Ihre Cousine war genauso stur wie sie. Aber die Sache auf sich belassen konnte Anya nicht. Nicht, wenn sie Mr. Palmer noch etwas schuldete.
      „Du hast dich verändert“, klagte Zoey bitter mit ausgebreiteten Armen. Sie sah Anya an, als hätte sie jeglichen Glauben verloren. „Ich erkenne dich kaum noch wieder. Du verhältst dich wie eine Musterschülerin, verstehst keinen Spaß mehr und sogar dein Spielstil ist ganz anders! Pendelmonster!? Dein Ernst!? Früher hast du auf sowas geschissen!“

      Irgendwo konnte Anya ihre Cousine ja verstehen. Sie hatten sich verdammt lange nicht gesehen und entsprechend viel Nachholbedarf, aber Zoey übertrieb maßlos. 'kay, vielleicht hatte sie sich verändert, aber das passierte eben.
      „Was ist dein Problem?“ Anya stemmte die Hände in die Hüften. „Meine Prioritäten haben sich eben geändert. Ist doch nich' schlimm.“
      Die zusammengepressten, weiß werdenden Lippen ihres Gegenübers sprachen eine ganz andere Sprache. Zoey schluckte schwer. „'kay, wenn du meinst.“
      „Deswegen sind wir immer noch Schwestern“, versuchte Anya, sie versöhnlich zu stimmen.
      „Ich versteh's bloß nicht!“ Natürlich, Zoey konnte es nicht auf sich beruhen lassen. „Du bist Anya Bauer, das Mädchen, das vor nichts Angst hat. Du hast sogar Flug 117 überlebt! Anstatt dir zu nehmen, was du willst, versuchst du wie'n Spießer zu leben. Haste 'ne Nahtoderfahrung gehabt oder was?“

      Anya fuhr zusammen. Dass Zoey ausgerechnet das auf den Tisch bringen würde hätte sie nicht erwartet. Ihre Cousine stellte sich das alles so einfach vor. Ja, früher war sie das Mädchen gewesen, das vor nichts Angst gehabt und sich alles genommen hatte, was sie wollte.
      Aber dieses Mädchen war ein dummes Kind gewesen, das nicht wusste, welche Gefahren da draußen lauerten. Wenn sie Zoey aber all dies gestand, würde das ihrer Beziehung gewiss nicht gut tun.

      Vorsichtig sagte Anya: „Hör zu. Dass ich … dass wir die Explosion überlebt haben, war purer Zufall. Ich wurde von etwas abgelenkt …“

      Während noch ein paar Nachzügler das Flugzeug betraten, meinte Livingtons Terrormaschine schließlich nachdenklich von ihrem Sitz aus: „Irgendwas war eben komisch.“
      Hmm?“ Matt drehte sich zu ihr um.
      „Dieser Typ da. Er … irgendwie kam er mir bekannt vor.“
      Ihre schwarzhaarige Sitznachbarin Valerie wunderte sich: „Wen meinst du?“
      „Den Kerl eben, der uns beobachtet hat.“ Anya murrte unzufrieden. „Der in Weiß.“
      Zanthe reckte den Kopf nach oben und sah sich um. „Jetzt wo du's sagst, der ist nicht eingestiegen.“
      Der Dämonenjäger wollte wissen: „Was stört dich denn an dem?“
      Ich weiß es nicht. Es fühlte sich an, als wären wir uns schon mal begegnet. Wenn ich's nicht besser wüsste, dann …“
      Als seine Freundin zögerte, erwiderte Zanthe neben Matt gutmütig. „Sag's einfach.“
      „… war das eben mein Dad. Und, wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass Dad mich aus Gardenias Weißem Raum gerettet hat. Aber das ist unmöglich, er verfügt über keine besonderen Kräfte.“
      Anya wurde schlagartig bewusst, wie merkwürdig das alles für ihre Freunde klingen musste, besonders, da sie ihnen diese Gedanken bisher nicht mitgeteilt hatte. Verdammt, hätte sie doch nur einen Moment gewartet und sich den Kerl näher angesehen!
      Jetzt ist es zu spät, den Typen anzusprechen, wir heben in ein paar Minuten ab“, meinte Valerie nachdenklich. „Außerdem, meinst du nicht, dein Vater würde mit dir über diese Sachen anschließend reden wollen?“
      Die Blonde aber senkte ihr Haupt. „Ich hab noch nie kapiert, was in Dads Kopf vor sich geht.“
      Vergiss den Kerl. Freu' dich lieber auf Zuhause“, versuchte Matt sie aufzuheitern.

      Anya versank noch tiefer in ihrem Sitz und krallte sich in die Armlehnen. Das war doch kein gewöhnlicher Mann gewesen. Wer kam denn durch die Kontrollen, ohne dann ins Flugzeug zu steigen? Okay, Nigel vielleicht, aber der hatte genug Kohle und war der Manager der Weltmeisterin, da würde jeder ein Auge zudrücken. Und Logan … aber wer würde den nicht durchlassen, wenn er einem gut zuredete?
      Der Typ hingegen … nope. Der war nicht normal.
      Leute, ich-“
      Sie drehte sich um und sah über den linken der beiden Gänge im Flugzeug. Und da stand er, dieser Typ im weißen Mantel mit dem Basecap. Mitten im Gang und keiner schien sich darüber zu wundern, dass er nicht Platz nahm.
      „Was ist?“, fragte Valerie neben ihr verwirrt.
      Shit!“ Der Typ drehte sich im selben Moment um, als das Mädchen aufsprang.

      Er begann zu rennen, sie begann zu rennen. Vorbei an einer Flugbegleiterin, raus aus dem Flugzeug. Sie schrie ihm hinterher stehen zu bleiben, aber natürlich folgte er der Aufforderung nicht.

      Was dann geschah, hatten die anderen ihr als sehr seltsam beschrieben. Ihre abrupte Flucht hatte Matt, Zanthe, Valerie und Claire dazu bewegt, ihr zu folgen. Anya selbst konnte sich nur noch daran erinnern, irgendwann mitten im Boardingbereich zu stehen, wo sie sich von Logan verabschiedet hatte. Umringt von ihren Freunden. Erinnerungen an die Jagd nach dem Fremden hatte sie keine und er war auch spurlos verschwunden gewesen.
      Als sie zurück ins Flugzeug wollte, weigerte sich das Personal mit Händen und Füßen dagegen. Kurz nach dem Start explodierte ein Teil der Maschine, die daraufhin abstürzte und noch einen Wolkenkratzer dabei mit ins Unglück riss.
      Sie fünf hatten als Einzige überlebt und waren zwei Tage den Behörden ausgesetzt gewesen, ehe sie Ephemeria City schließlich verlassen konnten …

      „Wir hatten einfach nur Glück“, erklärte Anya Zoey, wobei sie das Übernatürliche daran ein wenig retuschiert hatte. „Wenn dieser Kerl da nicht gewesen wäre, wäre meine Karriere vorbei, noch bevor sie überhaupt begonnen hätte. Tch.“
      Zoey funkelte sie böse an. „Darum geht es doch. Deine Karriere als Profiduellantin. Da sind solche wie ich eben im Weg.“
      „Hast du mir überhaupt zugehört!?“
      „Hab ich! Und es kotzt mich an!“ Doch entgegen ihrer Worte zierte ein kleines, böses Lächeln Zoeys Lippen. „Wenn du willst, dass ich dir dabei nicht im Weg stehe, wirst du dieses Duell wohl oder übel gewinnen müssen. Ich könnte der Presse 'ne Menge über dich erzählen.“
      Die Blonde riss die Augen weit auf. „Huh?“
      „Ganz recht. Denn wenn du verlierst, solltest du deine Karrierepläne lieber gleich freiwillig an den Nagel hängen. Und das D-Pad behalte ich selbstverständlich.“

      Anya nahm das Gesagte in sich auf. Überlegte.
      Ihr eigenes Fleisch und Blut, neidisch und verbittert, wollte sie erpressen? Die, die einst wie eine Schwester für sie gewesen war? Unglaublich …
      Das Mädchen ballte eine Faust. „Fein. Und wenn ich gewinne …“
      „Ja?“, horchte Zoey erwartungsvoll nach.
      „Verpisst du dich aus Livington.“
      Schweigen. Ihrer Cousine stand der Mund offen, bis sie ihn schließlich schloss und leise ein „'kay.“ nuschelte.
      Still gingen Anya und Zoey noch etwas auf Abstand vor der geschlossenen Werkstatt. Dann hoben die Zwei ihre Arme mit der neuen Duel Disk beziehungsweise dem gestohlenen D-Pad an, schoben ihre Decks in die Öffnungen und ließen sie ausfahren. „Duell!“

      [Anya: 4000LP / Zoey: 4000LP]

      Die beiden Mädchen funkelten sich voller Verachtung an, ehe Anya schließlich schnaubend den ersten Zug für sich beanspruchte. Von ihren fünf Karten legte sie eine quer auf ihre brandneue Duel Disk. „Ein Monster gesetzt. Zug beendet.“
      Statt wütend, sprach sie in einem gefährlich leisen, ruhigen Tonfall, den sie nur in sehr seltenen Fällen anschlug. Dann, wenn sie -wirklich- wütend war. Zischend positionierte sich zu ihren Füßen eine vergrößerte Kopie der Karte.

      „Ich bin“, murrte Zoey auf genau dieselbe Art und Weise und zog. „Zauberkarte [Future Fusion]. In zwei Zügen findet eine Fusion mit ausgewählten Monstern in meinem Deck statt.“
      Der permanente Zauber richtete sich vor ihr auf. Anya ließ es sich nicht anmerken, aber wenn ihre Cousine nach wie vor ihr altes Deck benutzte, bedeutete das eine Menge Ärger.
      „Dann noch ein Zauber: [Worm Call]. Da du ein Monster kontrollierst, kann ich ein Worm-Monster von meiner Hand in die verdeckte Verteidigungsposition rufen.“
      Noch ein dauerhaft wirkender Zauber – und Anya wurde in ihrer Befürchtung bestätigt. Über dem Spielfeld bildete sich ein hellblauer Vortex, aus dem eine flüssige Masse tropfte. Ein Teil jener klatschte vor Zoey auf den Boden und bildete eine horizontal liegende Karte. „Zug beendet.“

      „Draw“, flüsterte Anya beinahe und zog langsam eine Karte von ihrem Deck.
      Zwischen den beiden Duellantinnen herrschte eine unheimliche Stille. Als ob jede für sich spielte. Ein eisiger Luftzug fegte über den Parkplatz zur Werkstatt.
      „Ich beschwöre [Gem-Knight Sardonyx] als Normalbeschwörung.“
      Vor Livingtons wohl bekanntester Einwohnerin tauchte ein Ritter in rot-weißer Rüstung auf, welcher einen mächtigen Morgenstern an einer Kette schwang.

      Gem-Knight Sardonyx [ATK/1800 DEF/900 (4)]

      „Er ist ein Zwillingsmonster“, erklärte Anya ruhig, „das heißt, solange er nicht ein zweites Mal als Normalbeschwörung gerufen wird, wird er als normales Monster behandelt.“
      Zoeys Reaktion fiel ziemlich kratzbürstig aus. „Das weiß ich!“
      Aber ihre Cousine zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Wollte dich nur dran erinnern, denn für meine nächste Aktion ist das wichtig. Ich aktiviere [Polymerization] von meiner Hand.“
      Mit untypischer Gelassenheit schob sie jene Zauberkarte in ihre Duel Disk und sah dabei aus den Augenwinkeln zu Zoey herüber, die sichtlich überrascht war, die Urmutter aller Fusionskarten zu sehen.
      „Ich verschmelze die beiden normalen Monster auf meiner Spielfeldseite. Sardonyx! Und [Gem-Knight Sapphire].“ Über Anya öffnete sich ein rot-blauer Wirbel, welcher erst den Morgenstern-Schwinger, dann einen hellblauen Ritter absorbierte, welcher aus der gesetzten Karte hervor schwebte. „Ein Schrei aus vergangenen Tagen erschüttert die Zukunft. Erster deiner Art, höre meinen Ruf.“
      Ein lauter Knall sowie eine Explosion erfolgten aus dem Vortex. „Fusion Summon! Dominiere, [First Of The Dragons]!“
      Da zischte ebenjener schon aus dem Rauch und breitete sich über Anya aus – ein gewaltiger, dunkelblauer Drache, dessenlanger Körper überall mit Hörnern bespickt war.

      First Of The Dragons [ATK/2700 DEF/2000 (9)]

      Anya nahm eine Fallenkarte aus ihrem Blatt und schob sie in den Schlitz ihrer Duel Disk, sodass jene sich zu ihren Füßen verdeckt materialisierte. Dann sah sie auf.
      „Ich weiß genau, was dort liegt. Los, [First Of The Dragon], vernichte [Worm Victory]! Burst Stream of Origin!“
      Auf Anyas Befehl hin öffnete der Drache sein Maul und sammelte rötliche Energie, die er in einen wallenden Strahl aus das gesetzte Monster herab feuerte. Zoey stöhnte mit geweiteten Augen. Kurz bevor der Odem sein Ziel traf, tauchte jenes aus seiner Karte auf – eine rote, sechsarmige, halbwegs humanoide Gestalt unbekannter Herkunft. Ihre Haut war mit Schuppen bedeckt, das Maul ein Schlund, bespickt von zahllosen, spitzen Zähnen.

      Worm Victory [ATK/0 DEF/2500 (7)]

      „Kch! Na gut, vielleicht hast du mich durchschaut, aber dann weißt du auch genau, was passiert, wenn [Worm Victory] aufgedeckt wird!“, feixte Zoey selbstsicher.
      Ihr Monster wehrte den Strahl mit allen sechs Armen erfolglos ab und ging in einer mächtigen Explosion unter. Doch nicht, ohne vorher einen von ihnen auszuschwingen und damit eine rote Flüssigkeit auf den Drachen zu schleudern.
      „Mit seinem Effekt zerstört er alle offenen Monster, die nicht zu seiner eigenen Art gehören!“
      Anyas Drache wurde im Gesicht getroffen – und leckte den Schleim einfach ab, ohne dass etwas geschah.
      Zoey klappte die Kinnlade hinunter. „W-was?“
      „[First Of The Dragons] interessiert sich nicht für die Effekte anderer Monster“, sprach Anya und verschränkte die Arme voreinander. „Ich sagte doch, ich weiß, was dort liegt und habe entsprechend reagiert. Und nur zur Info: Der da war mein Preis für den zweiten Platz beim Legacy Cup.“
      Sie nickte zu ihrem Drachen nach oben. „Du wirst dir wohl was anderes einfallen lassen müssen. Zug beendet.“

      Ihre Cousine zeigte jedoch ihr hinterhältigstes Grinsen. „Hab ich doch schon längst. Draw!“
      Plötzlich öffnete sich über dem Mädchen mit der Beanie ein gewaltiger, blau-weißer Sog. „Jetzt zieht sich [Future Fusion] die benötigen Monster aus meinem Deck, um nächste Runde den Big Boss zu beschwören!“
      Erst schob sich eine Karte aus Zoeys Kartenstapel, dann noch eine und noch eine. Anya war nicht überrascht zu sehen, dass das halbe Deck ihrer Widersacherin aufgenommen und in den Wirbel geworfen wurde. Insgesamt zwanzig Karten flogen durch die Luft und verschwanden schließlich.
      „King, Queen, uh, Xex … Barses hab ich nicht gesehen und … Victory natürlich“, zählte Anya leise für sich auf. Bis auf jene fünf hatte Zoey ihr gesamtes Monsterarsenal der Fusion dargeboten.
      „Ach, das erlebst du aber sowieso nicht mehr“, gab Zoey indes weiterhin an, ohne Anya dabei wirklich zu beachten. „Die Kombo kennst du bestimmt noch!“
      Sie zückte zwei Zauberkarten und zeigte sie vor. „[Soul Reversal] und [Upstart Goblin]. Ich lege ein Flippeffektmonster von meinem Friedhof auf mein Deck und ziehe es anschließend. Dass du dabei 1000 Lebenspunkte bekommst, juckt mich null.“
      Tatsächlich hatte die Jüngere Anya diesen Zug damals oft gezeigt. Ein greller Lichtstrahl schoss aus Zoeys Friedhof, machte in der Luft einen Bogen und traf auf ihr Deck. Anschließend zog jene die leuchtende Karte mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen.

      [Anya: 4000LP → 5000LP / Zoey: 4000LP]

      Es war [Worm Victory], wie Zoey durch das Vorzeigen der Karte unmissverständlich klar machte. Jenen legte sie auf ihre Duel Disk. „Ich beschwöre ihn dank [Worm Call] verdeckt, da du Monster kontrollierst und ich nicht.“
      Erneut tropfte etwas Schleim aus dem Wurmloch am Himmel und manifestierte sich als liegender Kartenrücken vor Zoey.
      „Da ich ihn aber sofort nutzen will, rufe ich [Worm Barses] als Normalbeschwörung! Sein Effekt dreht dabei sofort ein Monster aus der Verteidigung in den Angriff!“
      Noch ein Schleimtropfen klatschte auf den Asphalt und nahm die Gestalt einer weiteren, halbwegs humanoiden Kreatur an. Gelb und vierarmig war sie, mit Bauch und Schulterplatten gepanzert und dazu noch mit einem genauso ekelhaften Schlund gesegnet wie Victory. Welcher kurz darauf aus seiner Karte empor stieg.

      Worm Barses [ATK/1400 DEF/1500 (3)]
      Worm Victory [ATK/0 DEF/2500 (7)]

      Letzterer schwang einen seiner sechs Arme aus und traf den ersten Drachen abermals mit rotem Schleim, ohne dabei aber etwas zu erreichen. Anyas einziger Kommentar: „Sinnlos. Du kannst ihn nicht durch Monstereffekte zerstören, kapiert?“
      „Und du leidest schon an Alzheimer. Oder hast du Victorys zweiten Effekt vergessen?“
      Dünne, fast unsichtbare Nadeln wuchsen aus seinem ganzen Leib. Anya schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Selbstverständlich nicht. Für jedes Worm-Monster auf deinem Friedhof erhält er 500 Angriffspunkte.“
      „Und da liegen genau zwanzig Stück! Das heißt, [Worm Victory] hat ungeschlagene 10000 Angriffspunkte!“, feixte Zoey größenwahnsinnig.

      Worm Victory [ATK/0 → 10000 DEF/2500 (7)]

      Ein desinteressiertes „Hmpf!“ war alles, was Anya dazu beizutragen hatte.
      „Verlässt dich wohl auf deine verdeckte Karte, was?“, murmelte ihre Cousine gereizt. „Dann zeig mir mal, was da liegt! Los, [Worm Victory], greif' diese Missgeburt von Drachen an! Viscotinction!“
      Ihre hässliche, rote Wurmkreatur schwang alle sechs Arme gleichzeitig aus und schleuderte damit Wellen an zähem Schleim, bespickt mit den winzigen Nadeln seines Körpers auf [First Of The Dragon].
      Anya rollte mit den Augen. „Als ob. Falle!“
      Sofort sprang jene vor ihr auf und errichtete eine unsichtbare Barriere, an der die Flüssigkeit abprallte und eine gewaltige Explosion erzeugte, die die zahlreichen Nadeln in alle Himmelsrichtungen verteilte. „[Negate Attack] beendet die Kampfphase sofort.“
      „Pah! Mehr war das nicht? Langweilig“, raunte Zoey. Entgegen ihres Hochmuts zeigten die tiefen Falten auf ihrer Stirn, dass sie überhaupt nicht zufrieden war. „Zug beendet! Du weißt genau, dass du nächste Runde noch viel größere Probleme bekommst!“

      „Ist das so?“, hakte Anya unbeeindruckt nach und zog eine Karte.
      Sie könnte jetzt [Worm Barses] angreifen und Zoey etwas Schaden reindrücken – wenn sie es darauf anlegte zu verlieren, verstand sich. Ein Treffer von [Worm Victory] und das war's. Nein, sie würde warten. Auf das entsetzte Gesicht ihrer dummen Cousine.
      „Ich wechsle [First Of The Dragons] in Verteidigung.“ Passend dazu drehte sie seine Karte auf der schwarzen Duel Disk. „Zug beendet.“
      Ihr Monster landete hinter ihr und schlug seine Schwingen um sie, sodass ihre Flanken damit gesichert waren.

      First Of The Dragons [ATK/2700 DEF/2000 (9)]

      „Ist das dein Ernst!?“ Zoey bekam einen regelrechten Lachanfall. „Du weißt, was dich erwartet und spielst nicht mal ein weiteres Monster als Schutz!? Na wenn du meinst!“
      Schwungvoll zog sie von ihrem gestohlenen, orangen D-Pad eine Karte und streckte den Arm nach vorne aus. „Jetzt ist es soweit! Durch den Effekt von [Future Fusion] wird das Fusionsmonster beschworen, für das ich all meine Würmer geopfert habe!“
      Das Mädchen richtete die Arme nach oben. „Komm und zeig' dich, [Worm Zero]!“
      Über ihr öffnete sich der Fusionssog und stieß eine weiße, schleimige Masse aus, aus der dünne Stränge in den Asphalt des Parkplatzes schossen. Mit vier dieser Stützen bildete sich ein riesiger Kokon, der fast wie ein Mond wirkte.

      Worm Zero [ATK/? → 10000 DEF/0 (10)]

      „Du kennst ihn bestimmt noch. [Worm Zero] erhält für jede Spezies, die für seine Fusion verwendet wurde, 500 Angriffspunkte. Denk' dran, dass ich zwanzig Stück von meinem Deck abgelegt habe!“, prahlte Zoey ziemlich von sich überzeugt.
      Damit stand Anya nun gleich zwei Monstern mit fünfstelligem Angriffswert gegenüber. Aber sie zuckte nur mit den Schultern.
      „Diesmal wird dich keine verdeckte Karte retten!“ Ihre Cousine schwang ihren Arm aus. „Los, [Worm Zero], vernichte diese Drachenmissgeburt endlich! Zero Dissolver!“
      Der Kokon über Zoey öffnete sich und präsentierte zahllose, regelrecht zufällig verteilte Zähne und einen schier endlosen Schlund, aus dem eine grüne, flimmernde Säure schoss. Der Strahl traf ihren [First Of The Dragons] am Kopf und löste eine Explosion aus. Die ätzende Flüssigkeit verteilte sich dabei in alle Richtungen.
      „Tch. Langweilig.“
      Anyas Drache brüllte zornig auf, blieb ansonsten aber unverletzt. Das Mädchen im Inneren seiner Schwingen erklärte: „Wenn du ihn im Kampf besiegen willst, dann nur mit normalen Monstern. Und von denen hast du keine im Deck. Pech für dich.“
      „Du willst mich verarschen!?“, fauchte Zoey und ballte eine Faust. „Fein, Wechsel in Main Phase 2! [Worm Zero] hat drei Effekte, je nachdem, wie viele Worm-Monster verschiedener Arten für seine Beschwörung benutzt worden.“
      Die ein Jahr Ältere nickte. „Yeah. Du kannst Würmer in Verteidigung von deinem Friedhof beschwören, einen Wurm von dort verbannen, um eines meiner Monster auf den Friedhof zu schicken und mit dem letzten Effekt eine Karte ziehen.“
      Da selbst jener nur sechs Monster benötigte, konnte Zoey alle davon nutzen.
      „Genau so ist es. Zuerst ziehe ich!“ Was sie auch schwungvoll tat und somit auf drei Handkarten kam. Beim Anblick der neuen Karte grinste sie. „Heh! Und jetzt der erste Effekt! Ich rufe [Worm Millidith] vom Friedhof verdeckt aufs Feld!“
      Unterhalb des Kokons öffnete sich etwas, das Anya nur als Anus bezeichnen konnte. Ein Stück grauer Schleim klatschte vor Zoey auf den Boden und nahm die Form einer Duel Monsters-Karte in horizontaler Lage an.

      Worm Millidith [ATK/400 DEF/1600 (4)]
      Worm Victory [ATK/10000 → 9500 DEF/2500 (7)]

      „Jetzt aktiviere ich den Zauber [Book Of Taiyou], welche ein verdecktes Monster in die Angriffsposition zwingt!“ Zoey rammte die Magie in ihr D-Pad, woraufhin die gesetzte Monsterkarte vor ihr um 180 Grad wirbelte und die Kreatur aus ihr hervor trat.
      Es war eine blaue, insektoide Kreatur mit Flügeln und acht Beinen, aus deren Maul grüne Säure austrat. Jene stieß sich plötzlich vom Boden ab, flog auf Anya und ihren Drachen zu und klammerte sich an dessen Kopf fest, sodass sie direkt über dem Mädchen lauerte.
      „Wenn Millidith aufgedeckt wird, wird er zur Ausrüstungskarte für eines deiner Monster.“
      „Schon vergessen? [First Of The Dragons] ist gegen Monstereffekte immun.“
      Zoey aber behielt ihr hämisches Grinsen bei. „Hab ich nicht, wirst du schon sehen. Zug beendet.“

      „Draw!“, rief Anya und zog eine Karte.
      In dem Moment ergoss sich über ihr ein wahrer Säureregen aus dem Maul der blauen Kreatur. Zischend wich das Mädchen zurück.

      [Anya: 5000LP → 4600LP / Zoey: 4000LP]

      „Stimmt schon, dein Monster bleibt unberührt von Monstereffekten. Aber -du- nicht. Am Anfang jedes Zuges fügt Millidith dir 400 Schadenspunkte zu“, lautete Zoeys Erklärung dazu. „Aber es ist so lange her, dass wir uns das letzte Mal duelliert haben, weshalb du das vermutlich längst vergessen hattest.“
      Anya protestierte wütend gegen den unterschwelligen Vorwurf: „Hey, jetzt hör' endlich auf mit dem Scheiß! Ich kann nichts dafür, dass du weg musstest!“
      „Aber du hast mich vergessen!“
      „Hab' ich nicht!“
      „Und warum hast du irgendwann einfach aufgehört dich zu melden!?“, wollte Zoey wissen und ihre Stimme zitterte dabei spürbar.
      War das wirklich von ihr ausgegangen, überlegte Anya erschrocken. „I-ich-!“
      „Ich will's gar nicht hören! Deine neuen 'Freunde' scheinen mich ja gut zu ersetzen“, zischte ihre Cousine verbittert, „und jetzt, wo du deinen 'Traum' endlich leben kannst, wäre ich sowieso nur im Weg!“
      So ein Schwachsinn! Warum sollte in ihrem Leben kein Platz für Zoey sein!? Aber Anya war es nicht möglich, diesen Gedanken auszusprechen. Etwas hinderte sie daran. Bloß was?
      Stattdessen nahm sie einfach nur eine Fallenkarte aus ihrem Blatt und legte sie in ihre Duel Disk ein. Mit einem leisen Surren tauchte die zu ihren Füßen auf. „Zug beendet …“

      Zoey zog und rief: „Millidth!“
      Jener spie wieder Säure auf Anya, die erneut ausweichen musste. „Bah!“

      [Anya: 4600LP → 4200LP / Zoey: 4000LP]

      „[Worm Zeros] Effekt! Ich kann nochmal ziehen!“ Was das Mädchen im blauen Pullover auch sofort tat. Dann rief es: „Ich opfere [Worm Barses] und beschwöre [Worm King] als Tributbeschwörung! Auch wenn er der Stufe 8 angehört, kann er mit nur einem Opfer gerufen werden, wenn dieses ein Wurm ist!“
      Die kleinste der außerirdischen Kreaturen löste sich auf und machte einer größeren, vierbeinigen Platz. Dieses gelbe Ungetüm besaß nicht nur vier Arme, sondern auch ein Paar leuchtender Augen mitten im unteren Teil seines Torsos, der wie ein zweites Gesicht wirkte.

      Worm King [ATK/2700 DEF/1100 (8)]
      Worm Victory [ATK/9500 → 10000 DEF/2500 (7)]

      „Zeros nächster Effekt! Ich beschwöre [Worm Apocalypse] vom Friedhof!“ Wieder klatschte grauer Schleim aus dem unteren Ende des Kokons vor Zoey auf den Boden und wurde zu einer Karte. Welche von einem der Arme des Königs gegriffen wurde und sich als dürre, hellrote Kreatur mit langen Tentakelarmen entpuppte. „Aber er bleibt nicht lange! Ich opfere ihn, um [Worm Kings] Effekt zu aktivieren und eine deiner Karten zu zerstören!“
      Zoey zeigte auf Anyas verdeckte Karte, da sie ja [First Of The Dragons] nicht auswählen konnte. Mit voller Wucht warf das gelbe Reptil seinen Artgenossen auf das Ziel, was bei Kontakt in einer lauten Explosion unterging.
      Dann nahm die Jüngere einen Zauber aus ihrem vier Karten umfassenden Blatt. „Auch wenn ich deinen scheiß Drachen nicht zerstören kann, krieg' ich dich trotzdem klein! Ich aktiviere den Zauber [Worm Invasion]!“
      Ihre drei außerirdischen Kreaturen begannen allesamt grünlich zu leuchten. Dann schleuderte Victory eine rote Flüssigkeit, King eine gelbe und Zero grauen Schleim auf Anya, welche durch die Schwingen ihres Drachen geschützt wurde. Trotzdem gab es eine Explosion.

      [Anya: 4200LP → 2700LP / Zoey: 4000LP]

      „[Worm Invasion] fügt dir 500 Schadenspunkte für jedes Worm-Monster zu, das ich kontrolliere“, erklärte Zoey und schob ihre letzten beiden Handkarten in den Friedhofsschlitz, „und wenn ich zwei Handkarten abwerfe, kann ich den Effekt ein zweites Mal aktivieren, indem ich auf meine Battle Phase verzichte. Los!“
      Anya sah sich einer zweiten Welle an bunten Flüssigkeiten ausgesetzt, die zwar an [First Of The Dragon] abprallten, das Mädchen aber in giftigen Nebel hüllten. „Kch!“

      [Anya: 2700LP → 1200LP / Zoey: 4000LP]

      „Damit und mit [Worm Millidith'] Effekt ist es nur eine Frage der Zeit, bis du einknickst.“ Ihre Cousine grinste fies. „Zug beendet!“

      Anya runzelte ärgerlich die Stirn, als sie aufzog und auch von oben wieder mit Säure zu kämpfen hatte.

      [Anya: 1200LP → 800LP / Zoey: 4000LP]

      So ungern sie es zugab, hatte ihre Cousine Recht. Wenn sie ihren nächsten Zug einleitete, würde der Parasit an ihrem Drachen ihre restlichen Lebenspunkte auslöschen.
      Anya kniff die Augen böse zusammen. Andererseits war längst alles für ihren finalen Schlag vorbereitet. Levrier dachte ähnlich, hörte sie ihn in ihrem Kopf sagen:

      Es ist Zeit, dieses Spiel zu beenden, findest du nicht?

      „Yeah. Hat etwas gedauert, aber das war es wert.“

      Ich hätte nicht gedacht, dass du selbst darauf kommen würdest, Anya Bauer. Wobei ich nur hoffe, dass wir auch wirklich an dasselbe denken …

      „Shesh, lass mich mal machen.“
      Zoey blinzelte irritiert, wie sie Anya reden hörte. „Was macht sie da?“
      „Ich? Ich wechsle erstmal [First Of The Dragons] in den Angriffsmodus!“
      Selbstbewusst drehte Anya das Monster auf ihrer Duel Disk in die Vertikale. Daraufhin hob ihr vom Parasiten Millidith befallener Drache ab und stieg in die Lüfte.

      First Of The Dragons [ATK/2700 DEF/2000 (9)]

      Zoey begann zu lachen. „Ha, bist du lebensmüde!? Ich habe zwei Monster mit 10000 Angriffspunkten, wenn dich nur eines davon erwischt, war's das mit deiner Karriere!“
      Als ob, dachte sich Anya jedoch besonnen. „Soll ich dir was sagen? Die Falle, die du vorhin zerstört hast … das war genau mein Plan.“
      „Huh!?“
      „Ich brauche [Brilliant Spark] in meinem Friedhof, um ihren Effekt zu aktivieren“, erklärte die Blonde weiter und zeigte eine Monsterkarte vor, „wenn ich eine Gem-Knight-Karte abwerfe, kann ich sie nämlich zurück auf meine Hand bringen.“
      „Na und? Dann zerstöre ich sie eben erneut!“
      „Das Monster, das ich abwerfe, ist [Gem-Knight Obsidian]“, ließ Anya sich davon aber nicht beirren und schob jenen in den Friedhofsschacht.
      Kurz darauf tauchte vor ihr ein durchsichtiger, schwarzer Ritter mit riesiger Perlenkette um der Schulter auf. Jener streckte die flache Hand nach vorn und stieß einen Schrei aus. „Wird er durch einen Karteneffekt auf den Friedhof gelegt, kann ich ein normales Monster von dort reanimieren! Und Zwillingsmonster wie Sardonyx werden im Friedhof als solche behandelt! Komm zurück!“
      Anya nahm sich sowohl ihre Falle, als auch die Karte ihres Ritters zurück aufs Blatt und knallte letztere auf die Duel Disk. Keinen Moment später stand der rot-weiße Krieger mit dem Morgenstern an der Kette vor ihr.

      Gem-Knight Sardonyx [ATK/1800 DEF/900 (4)]

      „Aber ich bin noch nicht fertig!“ Anya zeigte noch ein Monster vor. „Ich aktiviere [Gem-Knight Jasper] mit dem Pendelbereich 2!“
      Links neben ihr schoss eine hellblaue Säule aus dem Boden, in der ein massiger, roter Ritter mit langer Hellebarde in der Hand aufstieg.

      <2> Anyas Pendelbereich <X>

      Zoey aber machte sich nichts daraus und feixte weiter. „Nur eine Pendelkarte? Damit kannst du keine Pendelbeschwörung durchführen!“

      Das arme Mädchen. Sie ahnt gar nicht, was auf sie zu kommt.

      „Yeah. Kaum zu glauben, dass ich früher auch so war“, erwiderte Anya auf Levriers Einwurf.
      Nebenbei legte sie zwei Karten aus ihrem Blatt in die Duel Disk ein, die daraufhin zischend zu ihren Füßen erschienen.

      Zum Glück bist du imstande, dich weiterzuentwickeln. Zoey Bauer dagegen wird Zeit brauchen. Ihr Herz ist verschlossen, genau wie deines, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind.

      War das wirklich so, fragte Anya sich. Darüber hatte sie sich nie den Kopf zerbrochen. Was bedeutete das überhaupt? Was war es gewesen, das sie verändert hatte? Ugh, eigentlich kannte sie die Antwort, wollte sie aber nicht so einfach aussprechen.
      „Wir kriegen sie schon irgendwie wieder hin …“
      „Was soll das!?“ Ihre Cousine funkelte sie verständnislos an. „Mit wem redest du da!?“
      „Niemandem.“ Anya streckte den Arm aus. „Sieh' lieber zu und lerne! Ich greife deinen [Worm King] mit [First Of The Dragons] an! Burst Stream of Origin!“
      Gehorsam stieß der Drache, trotz des Parasiten an seinem Hals, einen wallenden, roten Lichtstrahl aus.
      „Gegenangriff! King's Gaze!“
      Aus den gelben Augen am Unterkörper des vierbeinigen Wurmkönigs drangen grelle Laserstrahlen, die in der Mitte des Feldes auf den Odem trafen.
      Anya rief: „Kannst du vergessen! Mein Drache kann im Kampf nicht durch Effektmonster zerstört werden!“
      Und so drängten die Flammen den Angriff ihres Widersachers zurück und versengten jenen binnen kürzester Zeit. Zoey rümpfte die Nase. „Na und? Da beide dieselbe Angriffskraft haben, erleide ich nicht mal einen Punkt Schaden!“
      „Ich bin noch nicht fertig!“ Anya zückte ihre letzte Handkarte, einen Schnellzauber. „Ich aktiviere [Flash Fusion] und verschmelze meine beiden Monster auf dem Feld …“
      Jetzt wurde ihre Cousine hellhörig. „Eine weitere Fusion!? Ein neuer Gem-Knight!?“
      „… sowie eine Zauber- und eine Fallenkarte von meinem Feld …“
      Über Anya öffnete sich ein gelb-grüner Vortex, der erst ihren Drachen, Sardonyx und dann die beiden gesetzten Karten in sich hinein zog, welche sich als [Particle Fusion] und [Brilliant Spark] entpuppten.
      „W-was!? Seit wann nutzt man für eine Fusion Zauber und Fallen als Materialien!?“
      „… um ein ganz besonderes Monster zu rufen!“ Anya streckte ihren Arm in die Höhe. Ein Blitz schoss aus dem Wirbel über ihr und schlug vor ihren Füßen ein. „Zerstöre, [Murciélago The Thunderblade Bull]!
      Klingenbespickte Hufe setzten vor ihr auf den Asphalt auf. Der massive, schwarze Stier, dessen Nackenhaar zu Zöpfen geflochten war, erstrahlte regelrecht im Licht der elektrischen Ladungen, die sich um ihn schlängelten. Statt Hörner besaß er gelb leuchtende, gebogene Klingen, die letztlich denselben Furcht einflößenden Effekt besaßen.
      Selbst Zoey musste schlucken.

      Murciélago The Thunderblade Bull [ATK/0 DEF/0 (9)]

      Zumindest bis sie bemerkte, dass es ihm offensichtlich an Angriffskraft mangelte. „Was!? Du rufst ein Monster mit 0 Angriffspunkten?“
      „Angriff auf [Worm Victory]“, befahl Anya tonlos. „Catastrophe Rampage!“
      Genau einmal scharte das Ungetüm mit dem hinteren, rechten Huf aus.
      „Du willst es selbst beenden? Wie geni-“
      Dann zischte es in einer Geschwindigkeit auf das sechsarmige, rote Alien zu, die für das menschliche Auge kaum mehr sichtbar war. Es donnerte und knallte, da der Stier eine Schar von Blitzen in seinem Lauf um sich herum einschlagen ließ. Als er auf den Wurm stieß, versuchte der mit allen sechs Armen, den Bullen an den Hörnern und den Schultern zu packen, wurde jedoch gnadenlos überrannt. Ein weiterer Blitz schlug über Zoey in deren Kokon ein.
      Die reckte wie in Zeitlupe den Kopf nach oben und sah nur noch brennenden Schleim hinabfallen. Ihre Augen weiteten sich.
      Als Anya den Mund aufmachte, tauchte Murciélago wie aus dem Nichts wieder vor ihr auf. „Im Kampf kann er weder zerstört, noch verletzt werden. Im Gegenteil, nachdem er angegriffen hat, zerstört er bis zu zwei deiner Karten. [Worm Victory] und [Worm Zero]. Dabei erhält er im Anschluss noch 1000 Angriffspunkte pro Karte.“
      Ihre Cousine sah wieder zu ihr herüber, als die letzten Überreste ihres Wurms um sie herum nieder klatschten und als kleine Flammenkörper liegen blieben. Derweil verstärkten sich die Entladungen um den Stier so sehr, dass die Luft um ihn herum flimmerte.

      Murciélago The Thunderblade Bull [ATK/0 → 2000 DEF/0 (9)]

      „Unmöglich“, stammelte Zoey. Dabei bemerkte sie die Brandspuren, die sich über den Asphalt zu ihr hinzogen. „W-was …?“
      Dadurch bemerkte sie auch nicht, wie Anya den Kopf schüttelte. „Das war noch nicht alles. Pendelmonster sind zu mehr da, als nur Pendelbeschwörungen durchzuführen. In den Pendelzonen haben sie ganz eigene, besondere Effekte. Und der von [Gem-Knight Jasper] lässt mich einmal pro Zug eine Fusion beenden und Monster von meinem Friedhof beschwören, die für das Fusionsmonster als Materialien benutzt werden können.“
      Sie griff nach zwei Karten, die ihr Friedhof auswarf und fuhr mit ihnen in den Händen über die Monsterkartenzonen ihrer Duel Disk, ließ sie dabei liegen. Ihr Ritter schwang seine Hellebarde nach unten aus, von der sich eine hellblaue Lichtsichel löste und Murciélago in den Rücken traf.
      „Kehrt zurück, [Gem-Knight Sardonyx] und [First Of The Dragons]!“
      Der Bulle teilte sich in zwei durchsichtige Kopien seiner selbst auf, die dann feste Form annahmen und zu dem roten Ritter und dem gehörnten Drachen wurden.

      First Of The Dragons [ATK/2700 DEF/2000 (9)]
      Gem-Knight Sardonyx [ATK/1800 DEF/900 (4)]

      Ihre Cousine löste ihren Blick von den schwarzen Flecken auf dem Asphalt und starrte Anya entgeistert an.
      „Jetzt rechne, Zoey. Und rechne gut“, knurrte die Ältere düster.
      „Scheiße …“
      „Jep. Ich habe dieses Duell gewonnen. Schluss mit deinem Bullshit!“ Wütend schwang Anya den Arm aus. „Direkter Angriff auf ihre Lebenspunkte, Sardonyx, [First Of The Dragons]! Beendet es!“
      Während Letzterer seinen wallenden, roten Atem auf Zoey abfeuerte, ließ der Ritter seinen Morgenstern erst einige Male über den Kopf kreisen, ehe er ihn ausschwang. Das Mädchen gab einen letzten, entsetzten Schrei von sich, ehe sie getroffen wurde.

      [Anya: 800LP / Zoey: 4000LP → 0LP]

      „Hmpf.“ Anya verschränkte grimmig die Arme.

      Ich hoffe, sie ist jetzt ein wenig zur Vernunft gekommen.

      „Als ob. Die tickt wie ich damals. Ein hoffnungsloser Fall.“

      Ha ha. Ich erkenne die Ironie in deinen Worten. Du warst nie hoffnungslos, im Gegenteil.

      „Heh, traurig, ich weiß …“
      Als die Hologramme verschwanden, rührte sich Zoey nicht vom Fleck. Sie hob ihre Hände an, welche zitterten. „Traurig … yeah …“
      Das Mädchen lachte hysterisch, geradezu verrückt. „Ja, klar, ich versteh's jetzt. Du brauchst mich nicht mehr, hast ja deine neuen Freunde.“
      Sofort schrillten bei Anya alle Alarmglocken. Sag nicht, Zoey hatte irgendetwas in den falschen Hals bekommen. „Nein-“
      „Und dann ist ja noch dein unsichtbarer Begleiter. Entweder bist du verrückt oder ich. Ha ha.“ Das Mädchen nahm einen Schritt zurück. „I-ist ja auch egal. Du bist jetzt was Besseres. Da wäre ich nur im Weg. Also werde ich tun, was du sagst und Livington verlassen.“
      Das Mädchen wirbelte um, wobei eine Träne den Boden benetzte. „Leb wohl, Anya …“
      Schon lief ihre Cousine Richtung Straße los.
      Anya streckte panisch ihre Hand nach ihr aus. „Zoey, warte! Das war nicht so gemeint gewesen!“
      Sie wollte ihr hinterher rennen, als sie ein lähmendes Gefühl durchfuhr. Einen Moment später breitete sich ein grauenhafter Schmerz in ihrer Magengegend aus. „Shit! Nicht jetzt!“
      Ihre Beine wurden schlapp und gaben nach. Die Blonde sank schwach in die Knie und krümmte sich von den Schmerzen, die der Fluch des Sammlers verursachte. Nur verschwommen sah sie, wie ihre Cousine vom Bürgersteig nach links abbog. Dann kippte Anya zur Seite, hielt sich den Magen.
      „Shit … Zoey …“


      Turn 93 – A Queen Of Times Past
      Nachdem Zoey am nächsten Tag nicht auftaucht, macht Anya sich auf die Suche nach ihr. Statt aber ihre Cousine zu finden, trifft sie auf eine Frau namens Cynthia, die von sich behauptet, eine ehemalige Duel Queen zu sein. Und sie macht Anya ein interessantes Angebot, das jene jedoch nicht annehmen kann …


      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Sapphire
      Gem-Knight Sardonyx
      Gem-Knight Obsidian

      Gem-Knight Jasper
      Monster/Effekt/Pendel
      Pyro/Erde
      ATK/1800 DEF/600 (4) PSC: <2/2>
      Pendeleffekt: Einmal pro Zug, während des Zuges eines beliebigen Spielers: Wähle 1 Fusionsmonster auf deiner Spielfeldseite als Ziel; schicke das Ziel auf den Friedhof und beschwöre von dort genau so viele Monster als Spezialbeschwörung, die als Fusionsmaterialmonster des Ziels verwendet werden können und benötigt werden, um das Ziel zu beschwören.
      Monstereffekt: Wenn diese Karte als Fusionsmaterial für die Fusionsbeschwörung eines "Gem-Knight"-Monsters benutzt wird: Erhöhe die ATK und DEF jenes Monsters um 600.

      Particle Fusion
      Polymerization
      Flash Fusion

      Brilliant Spark
      Negate Attack

      First Of The Dragons

      Murciélago The Thunderblade Bull
      Monster/Fusion/Effekt
      Ungeheuer/Wind
      ATK/0 DEF/0 (9)
      "1 Monster der Stufe 5 oder höher" + "1 Monster der Stufe 4 oder niedriger" + "1 Zauberkarte" + "1 Fallenkarte"
      Muss erst als Fusionsbeschwörung beschworen werden. Während der Battle Phase bleibt diese Karte in offener Angriffsposition von Karteneffekten unberührt, kann nicht zerstört werden und du erleidest keinen Kampfschaden aus Kämpfen mit dieser Karte. Nach der Schadensberechnung, wenn diese Karte angegriffen hat: Wähle 2 Karten deines Gegners als Ziel; zerstöre die Ziele. Wenn diese Karte Karten deines Gegners durch Kampf oder ihren Effekt zerstört: Erhöhe die ATK dieser Karte um 1000 für jede von ihnen.

      Zoey

      Worm Apocalypse
      Worm Barses
      Worm King
      Worm Millidith
      Worm Victory

      Worm Invasion
      Zauber/Normal
      Füge deinem Gegner 500 Punkte Schaden für jedes offene "Worm"-Monster vom Typ Reptil zu, das du kontrollierst. Indem du 2 Karten abwirfst und deine nächste Battle Phase überspringst, kannst du diesen Effekt zweimal auflösen.

      Worm Call
      Future Fusion
      Soul Reversal
      Book Of Taiyou
      Upstart Goblin

      Worm Zero


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      Ich hoffe, es hat euch gefallen. Über Kommentare freue ich mich natürlich.
      Spoiler anzeigen
      In der Folge ging es also darum das Anjas Cousine zu Besuch war. Diese scheint eine von Aliens entführte Anja zu sein die man geklont hatte. Deswegen spielt sie auch Wurm als Deck. Macht alles Sinn. Case closed XD. Man sieht in der folge wie stark sich Anja verbessert hat. Sowohl als Spielerin wie auch Charekter technisch. Das Anja ihren Job verloren ist zwar Schade, jedoch kann sie froh sein das sie ihn solange behalten durfte. Jetzt kann sich Anja wieder ihrer Hauptaufgabe zuwindmen: sich selber retten. Kritik an dem Duel muss ich aber üben. Ich hätte es besser gefunden wenn Anja das Duel mit reinen Edelsteinritter gewonnen hätte. So die ganz alten die sie schon immer hatte. Mit Karten zu gewinnen die sie auf ihrer "Reise" erhalten hatte fühlt sich in dem Fall einfach unverdient an. Das Anja dieses Duel gewinnt war auch schon klar. Was deine Duele so interessant immer macht ist die Tatsache daß man nie weiß wer gewinnt. Das fehlte mir in der Folge. Ein "Nostalgie Sieg" hätte das wieder gut gemacht.
      Suche Spieler aus Bayern/Schwaben die in der Nähe von Günzburg/Giengen/Dillingen/Lauingen und Gundelfingen an der Donau wohnen. pls PN an mich :) :thumbsup: :drunk: :cain: :verschwoerung: