Yu-Gi-Oh! The Last Asylum

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      So hat Anya also überlebt. Und es gab nicht mal einen Kollateralschaden. Zumindest keinen, den wir gekannt hätten.

      Die Begegnung mit ihrem alten Arbeitgeber ist ein schöner Index dafür, wie viel sich bei ihr geändert hat.

      Anyas Konflikt mit ihrer eigenen Vergangenheit und damit auch mit sich selbst spiegelt sich erstaunlich offensichtlich in ihrer Cousine. So als würde die Person, die sie durch das Trotzen ihres Schicksals und im Kampf um ihr Überleben unter hohem Druck geworden ist, immer noch alle Eigenschaften ihres vorherigen, "normalen" Lebens in sich tragen. Der Konflikt ist da vorgezeichnet, und obwohl Zoey einige wirklich krasse Spielzüge hinlegt, kontert Anya diese souverän. Das sehe ich als Zeichen dafür, wie sehr sie innerlich gewachsen ist. Ohne das dies alles etwas daran ändern könnte, dass sie immer noch sie selbst ist und sie aufpassen muss, dass sie nicht zum Opfer ihre eigenen Stärke wird. Entwicklung hin oder her, die Entscheidung was sie sein will, fällt nicht weg und ihre Macht durch die Hüterkarten bietet nur eine trügerische Sicherheit. Denn kann purer Druck allein wirklich eine Änderung hervorrufen, die nachhaltig ist? Kann nicht am Ende nur eine Versöhnung mit ihrer Vergangenheit überhaupt eine dauerhafte Wandlung ermöglichen?

      Wie Anyas Mutter in Erscheingung tritt ist für meine Theorie, dass sie Kali ist und Anya als Kind niemals haben wollte, durchaus interessant. Denn so unauffällig und typisch mütterlich wie sie sich gibt müsste sie, wenn meine Annahme stimmt, im Lügen und Täuschen mit Nick locker mithalten können. Generell ist sie so blass wie kaum eine andere Figur in TLA.
      So, mal wieder vielen Dank an alle Leser. :)

      @WiR
      Danke für deinen Kommentar.
      Schön, dass aufgefallen ist, wie sehr sich Anya verändert hat. Das war von Folge 1 an mein Ziel: Anya zu einer Figur zu machen, die man sogar halbwegs mögen kann. Anhand dieser Folge sieht man das recht gut, denke ich.
      Zoey dagegen ist halt in der Zeit stehen geblieben, was eben diesen großen Konflikt zwischen den beiden Cousinen auslöst.

      Das spiegelt sich auch im Duell wieder, wo Anya hauptsächlich mit Karten kämpft, die sie während ihrer Reise bekommen hat. Ich kann natürlich verstehen, dass du gerne Old School-Duelle mit Fusionen sehen möchtest – das kommt auch alles – aber für dieses Duell waren die neuen Karten eben entscheidend, um Zoeys Verbitterung sichtbar zu machen.

      @Mcto
      Auch dir vielen Dank für deinen Kommentar.

      Wie schon bei WiR erwähnt, ist anhand dieser Folge Anyas Entwicklung durch die Augen anderer Figuren recht gut sichtbar. Dieser Konflikt in Anya wird sich auch in der neuen Folge zeigen, mal sehen wie du auf diese reagieren wirst.
      Zum Opfer der eigenen Stärke werden ... das hat was. Das kann man in vielerlei Hinsicht auslegen.

      Hattest du nicht schon mal spekuliert, dass Anyas Mutter Kali ist? Aber ich denke, es gibt noch ein paar Figuren, die blasser sind. Ernie Winter zum Beispiel. Der übrigens auch mal wieder 'ne Cameo hat. :D


      So, dann viel Spaß mit der nächsten Folge. :)

      Turn 93 – A Queen Of Times Past
      „Diese blöde Ziege! Tch!“ Anya stampfte wütend auf. Hier war Zoey also auch nicht.
      Das Mädchen stand vor dem Eingang zum Schrottplatz, einem einfachen Tor aus Maschendraht, das offen stand. Dahinter stapelten sich Berge von Metall, Überresten von PKWs und deren Reifen. Gleich neben dem Tor stand ein kleines Häuschen, wo sie nach ihrer Cousine gefragt hatte, mit der sie hier früher oft gespielt hatte. Aber nichts.

      Du hast inzwischen fast die ganze Stadt nach Zoey Bauer abgesucht. Solltest du es nicht langsam gut sein lassen, Anya Bauer?

      Levrier erschien neben ihr in seiner [Gem-Knight Pearl]-Form und schwebte wie ein Geist über dem Boden. Anya ließ die Schultern hängen. „Yeah. Wer weiß, wo die inzwischen ist. Was zur Hölle ist ihr Problem!?“

      Ich vermute Eifersucht. Oder Neid. Vielleicht auch beides. Auf jeden Fall fühlt sie sich dir im Nachteil und kann damit nicht umgehen.

      „Und das sagst du mir erst jetzt!?“ Anya lief rot an vor Wut. „Alter, das ist meine Cousine! Hättest du mir das gleich gesagt, hätte ich das vielleicht noch klären können! Bah, Levrier!“

      Du hast nicht gefragt.

      Natürlich würde Anya niemals so weit gehen und zugeben, dass sie sich Sorgen um Zoey machte. Es war gefährlich, sie auf die Menschheit los zu lassen, wenn sie schlechte Laune hatte. Nicht umsonst waren viele der Meinung, sie und Anya wären Zwillinge. Auch Zoey, wie damals Anya, hatte diese gewisse Neigung, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Anders als sie, hatte ihre Cousine jedoch keinen geduldigen Vater, der sie aus dem Knast holte. Nein, Zoey hatte stattdessen Grandma Bauer. Und das war ein guter Grund, hinter den Gitterstäben bleiben zu wollen.
      Seit gestern hatte sich das Mädel nirgendwo blicken lassen. Ihre Mutter Sheryl wartete bereits darauf, eine Vermisstenanzeige aufzugeben, aber dafür mussten erst 24 Stunden vergehen, seit Zoey das letzte Mal bei ihnen war.

      Die Blonde seufzte. „Scheiße …“
      Sie brauchte wohl oder übel Hilfe bei der Suche. Zu blöd, dass sie Nutzlos McFurry niemals fragen würde, obwohl seine Spürnase sicher weiterhelfen konnte. Und Summers … nein. Sein Talent, alles zu versauen, würde sie vermutlich direkt vor die Nase eines ausgehungerten Vampirs führen. Zumal Zoey die beiden sowieso nicht leiden konnte.
      Nein, wen sie brauchte, war jemand mit Beziehungen. Am besten zu den Cops, denn die könnten während ihrer Streife durchaus auch mal arbeiten. Das hier … war ein Fall für Redfield. Ugh!

      ~-~-~

      „Ich wollte 'n Bier“, stellte Anya unzufrieden klar, als vor ihr auf einer kalten, grauen Küchenzeile eine Cola-Flasche serviert wurde. Von niemand Geringeres als Valerie Redfield, die hinter dem Tresen stand, an dem Anya auf, verdammt nochmal, viel zu hohen Hockern saß.
      „Du wolltest Cola und du wirst sie mögen“, stellte die Gastgeberin in ihrer Küche frostig klar.
      Etwas vor sich hinmurmelnd nahm Anya den Kronkorken an der Flasche in den Mund und riss ihn einfach ab, zum Schrecken der Schwarzhaarigen im hellblauen Tanktop.
      „Ich hätte dir auch einen Flaschenöffner gegeben“, verflog ihre Unnahbarkeit augenblicklich.
      „Die sind für Loser“, maulte Anya und nahm einen Schluck zu sich.

      Valerie war seit dem Flugzeugabsturz nicht sehr gut auf Anya zu sprechen, weil sie die Befürchtung hegte, dass jene indirekt damit im Zusammenhang stand. Beweisen konnte sie das natürlich nicht, außer man legte Anyas seltsames Erlebnis zugrunde, das ihnen das Leben gerettet hatte. Trotzdem hielt ihre Erzrivalin seitdem vorsichtig Distanz zu ihr. Und nur zu ihr. Ein gewisser Dämonenjäger durfte Gerüchten zufolge, die von einem gewissen Werwolf stammten, kommen und gehen wann er wollte.

      Anya rülpste laut, als Valerie sich ungeduldig über den Tresen lehnte. Wohlgemerkt konnte die Blonde sich nicht erinnern, dass es den schon damals vor circa einem Jahr hier gegeben hatte, als die Gruppe rund um die Zeugen der Konzeption sich erstmals zusammengefunden hatte. Anscheinend hatten die Redfields ihre Küche renoviert.
      „Ah“, machte sie zufrieden beim Anblick ihres angewiderten Gegenübers, „also, ich brauche deine Hilfe, Redfield. Meine Cousine Zoey ist seit gestern verschwunden.“
      „Zoey?“ Valerie machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ah, ich erinnere mich. Ihr habt doch immer aneinander geklebt wie Kletten, wann immer sie zu Besuch kam. Ist sie nicht vor einigen Jahren weggezogen?“
      „Yeah“, brummte Anya düster, „und vorgestern war sie plötzlich da. Wir haben uns gestritten und seit gestern Nachmittag ist die blöde Kuh verschwunden.“
      „Für eine Vermisstenanzeige ist es noch etwas früh.“
      „Ich will die Cops nicht einschalten! Du sollst die Cops einschalten!“
      „Wieso ich!?“
      Anya stöhnte, als ob es das Logischste der Welt wäre. „Wenn du dich an Zoey erinnerst, dann sicher noch an Grandma, oder?“
      Aber natürlich schüttelte Miss-ach-so-edgy den Kopf.
      „Hör zu, Redfield! Zoey ist 'ne tickende Zeitbombe. Wenn sie schlechte Laune hat, ist das ganz schlecht, 'kay?“
      Unerwartet tauchte Levrier sitzend auf einem der anderen Barhocker vor dem Tresen auf.

      Stell sie dir wie Anya Bauer vor, nur mit durchschnittlicher Intelligenz, Valerie Redfield.

      „Schnauze, Levrier! Verschwinde!“, fauchte die Beleidigte und verscheuchte ihn mit einer Handbewegung, sodass er sich auflöste.
      Zu allem Überfluss begann Redfield auch noch zu kichern wie eine Verrückte, erkannte dann aber, dass der eigentliche Grund dafür gar nicht zum Lachen war. „Oh. Du hast Angst, sie stellt was an?“
      „Ja. Wenn sie im Knast landet und Grandma das herausfindet, dann kann sie sich gleich 'nen Strick nehmen. Und ich vermutlich gleich mit.“
      „Und wieso soll ich dann die Polizei rufen?“
      Anya schlug sich die Hand vor die Stirn. „Man, dein Dad hat doch Beziehungen als Bürgermeister! Wenn er es sagt, schauen sie sich nach ihr um, ohne gleich die Sirenen schrillen zu lassen.“
      „Anya, das ist vollkommen bescheuert“, stellte Valerie klar und löste sich vom Küchentresen, drehte sich zum Kühlschrank um, „mal abgesehen davon, dass das so nicht funktioniert, würde mein Vater Fragen stellen, die du garantiert nicht beantworten kannst geschweige denn möchtest.“
      Sie nahm sich eine Zitronenlimonade, machte einen Seitenschritt zu einem der oberen Schränke und holte sich ein Glas. Die goss sich tatsächlich was ein, anstatt aus der Flasche zu trinken, dachte Anya erschrocken, deren selektive Wahrnehmung die eigentliche Botschaft konsequent ausblendete.
      „Also?“, fragte sie.
      „Nein.“ Valerie drehte sich mit Glas in der Hand zu ihr um. „Frag doch Matt oder Zanthe. Die können dir besser helfen als jeder Polizist.“
      Und vor denen zugeben zu müssen, dass sie sich -doch- mit Zoey gestritten hatte? Never, sagte sich Anya grimmig.
      „Oder warte doch einfach ab. Sie beruhigt sich bestimmt wieder.“ Nach kurzer Überlegung schüttelte Valerie jedoch glucksend den Kopf. „Nein, vergiss es. Wenn sie wie du ist, wird sie dir das noch im Grabe nachtragen.“
      Genau das war das Problem, Madam! Anya wusste wieder, warum sie dieses Weib nur sehr widerwillig 'Freundin' schimpfte. Sich in Lebensgefahr begeben, klar, das konnte sie! Dann rummeckern, weil da ein Flugzeug abgestürzt ist, wofür Anya gar nichts konnte, sicher! Aber helfen, wenn es um eine Lappalie ging? Nö!
      Das Mädchen verdrehte genervt die Augen und nahm einen Schluck Cola. Musste sie eben selbst weiter suchen …

      „Sag mal, Anya“, wechselte Valerie da unvermittelt das Thema, „wie geht es dir eigentlich?“
      „Ich bin im Stress, siehst du doch!“ Wieder rollte sie mit den Augen. „'kay, auf eine Art und Weise ist das auch gut, zumindest wird mir damit nicht langweilig.“
      Sie machte eine kurze Pause. „Aber wenn ich ehrlich bin, will ich gar nicht an das denken, was danach kommt. Keine Artefakte mehr jagen, keine Kämpfe auf Leben und Tod, die ich -grundsätzlich- immer gewinne …“
      „Du solltest es gut sein lassen damit und den Undying vertrauen.“ Valerie sah sie streng an. Dazu hatte sie sogar das Recht, schließlich war sie es gewesen, die unermüdlich auf Zed eingeredet und den Frieden zwischen ihnen letztlich ermöglicht hatte. „Sie werden einen Weg finden, dir deine Lebenskraft zurückzugeben.“
      „Yeah …“

      Die Schwarzhaarige machte einen Bogen um den Tresen und setzte sich neben Anya. So saßen beide mit ihren Gläsern in der Hand da wie alte Kriegsveteranen in einer Kneipe. Sie bedachte Anya eines ausdruckslosen Blickes. „Das ist es gar nicht, nicht wahr?“
      Keine Antwort. Aber wie so oft schien Valerie ihre Erzrivalin zu lesen wie ein Buch.
      „Dir geht es wie mir. Frustriert, weil die Karriere, von der man geträumt hat, sich vor den eigenen Augen aufgelöst hat.“
      „Yeah, ich weiß was du meinst“, gab Anya geknickt zu. „Seit dem Legacy Cup hat sich von der Profiliga niemand bei mir gemeldet. Und nur weil ich nicht gewonnen habe. Nicht, dass ich es Othello nicht gönnen würde ...“
      „Das tut mir leid.“
      „Um ehrlich zu sein weiß ich nicht, ob ich jemanden darauf ansprechen oder warten soll.“
      Valerie kicherte verhalten. „Nein, die möchten selbst entscheiden. Wobei, in deinem Fall könnte es sogar funktionieren.“
      Auf den bösen Seitenblick ihrer Freundin hin grinste die Schwarzhaarige umso breiter. Ihr freundlicher Stups gegen Anyas Schulter rief jedoch nur ein doppelt so starkes Echo hervor, das das Mädchen beinahe umwarf. „H-hey!“
      „Und was ist mit dir?“, murrte Anya.
      Womit sie es sofort schaffte, die Unbeschwertheit ihrer Sitznachbarin im Winde zu verstreuen. Valerie antwortete reserviert: „Das kannst du dir sicher denken.“
      „Yeah …“
      „Aber es ist okay.“ Valerie senkte ihr Haupt. „Ich habe mich damit abgefunden.“
      Woraufhin Anya sich eine spitze Bemerkung nicht verkneifen konnte. „Hängst du deshalb neuerdings wie 'ne Klette an Summers?“
      „W-wer sagt das!?“
      „Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass er wohl ganz gut darin ist, dich zu trösten.“ Das provozierende Funkeln in Anyas Augen entging ihrer Freundin nicht.
      Verstimmt kam die Retour: „Dieser 'Vogel' trägt nicht zufällig Pelz?“
      „Vielleicht?“ Was so viel hieß wie 'natürlich'.

      Anya wusste, dass es nicht mehr lange dauern konnte, ehe Zanthe den beiden vor Neugier hinterher schnüffeln würde. Wahrscheinlich sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Ob der eigentlich auch Pheromone und so'n Scheiß roch? Darüber dachte sie bei näherer Betrachtung lieber gar nicht so genau nach.

      Anscheinend musste Schadensbegrenzung betrieben werden, denn Valerie hob beschwichtigend die Hände. Was Anya allerdings nur umso skeptischer dreinblicken ließ. „Da liegt ein Missverständnis vor. Ich möchte mich nicht mit Matt trösten.“
      „Sondern?“
      „Er … er bringt mir ein paar Sachen über Dämonen bei.“
      „W-was?“ Bei Anya klingelten sofort alle Alarmglocken. „Er bildet dich zur Jägerin aus? Redfield, bist du bescheuert!?“
      Welche sofort nicht minder aufgebracht zurück fauchte und dabei sogar aufsprang, wobei sie noch fast vom Hocker fiel: „So habe ich das nicht gesagt!“
      „Und warum dann das Ganze?“, fragte Anya trocken mit zusammengekniffenen Augen.
      Valerie stockte und ließ sich betreten wieder neben ihr nieder. Womit sie einen triumphierenden Gegenschlag einstecken musste. „Yeah, dacht' ich mir. Willst du wirklich mit sowas anfangen?“
      „Ja“, kam es stur von ihrer Freundin.
      Es dauerte einen Moment bis Anya fragte: „Warum?“
      „Alles andere wurde mir durch Marc verbaut. Meinen Studienplatz habe ich zwar freiwillig aufgegeben, aber die Scham, dort noch einmal aufzutauchen, vielleicht noch auf Marc zu treffen, könnte ich nicht ertragen.“ Valerie schloss die Augen. „Und mein Traum, Profiduellantin zu werden, nun, darüber haben wir ja schon geredet.“
      Anya aber schüttelte nur ungläubig den Kopf. „Und da muss es jetzt ausgerechnet ein Job als Dämonenjägerin sein? Hast du Todessehnsucht? Und darf ich nebenbei anmerken, wie heuchlerisch es ist, -mich- dann für deinen Beinahe-Flugzeugabsturz verantwortlich zu machen, wenn du sowieso auf sowas zu stehen scheinst!?“
      „Es passt zu mir. Anya, ich habe mir diesen 'Beruf' immer als etwas vorgestellt, das all jenen vorbehalten ist, die keinen anderen Ausweg haben. Vielleicht kann ich damit Menschen helfen, die sich selber nicht helfen können.“
      „Da gibt es genug andere Alternativen. Und was du da laberst ist Dünnschiss. Kannst du einen Dämonen denn kaltblütig vernichten wenn du musst?“
      „Wenn sie böse sind, ja“, kam es fast schon schmerzhaft naiv zurück.
      „Und wenn sie es nicht sind? Hat dich das vergangene Jahr nicht gelehrt, dass das manchmal nicht so einfach ist?“ Anya verschränkte die Arme voreinander. „Denk an Abby oder Levrier.“
      Valerie stöhnte: „Ich weiß, aber es gibt auch andere.“
      „Und mit denen wirst du dann fertig oder was?“
      „N-nein, ich möchte Matt nur ein wenig helfen-“
      „Wie denn? Du bist ihm wahrscheinlich mehr im Weg als alles andere.“
      Da hob Valerie plötzlich ihre Stimme. „Anya, ich weiß deine Sorge um mich zu schätzen, aber ich habe mich entschieden.“
      Um das zu verdeutlichen, erhob sich die Schwarzhaarige. Sich zu Anya umdrehend, sagte sie wieder in normaler Lautstärke: „Tut mir leid. Mir ist das sehr wichtig.“
      Anya erwiderte verstimmt: „Tu was du nicht lassen kannst.“

      Redfield war zu weich. Und Anya zu stolz, sich noch weiter in die Angelegenheit reinzuknien, immerhin war sie nicht ihre Mutter. Die blöde Kuh würde noch schnell genug auf den Trichter kommen, dass jene Welt nichts für sie war.

      „Ich muss jetzt weiter nach Zoey suchen. Falls du irgendetwas hörst, meld' dich bei meiner Mutter“, brummte Anya unzufrieden.
      Sie rutschte vom Hocker und schritt einfach von dannen, ohne sich von Valerie zu verabschieden.
      „O-okay, bye …“
      Im Weggehen schwor sie sich, dass das Erste, was sie tun würde wenn sie ihre Cousine gefunden hatte, sich Summers ordentlich vorzunehmen!

      ~-~-~

      Anyas Suche führte sie schließlich in ein kleines Eiscafé am Stadtrand, das nicht weit von ihrem Zuhause entfernt lag. Früher hatte sie hier viel Zeit mit Zoey verbracht. Das zur Front offene Gebäude erlaubte einen Blick auf die Tische im Inneren. Rechts beim Eingang gab es einen kleinen Stand mit einer Auslage leckerer Eissorten, doch dafür interessierte sich Anya nicht.
      Ihr Blick lag vielmehr auf zwei Gästen ganz vorne, die sich grinsend einen großen Eisbecher teilten.
      Eines war ein rothaariges Mädchen, das Anya öfter gesehen hatte, als sie noch zur Schule gegangen war. Ihr gegenüber saß niemand Geringeres als Ernie Winter, die schmächtige, blonde Napfsülze vom Dienst und eines ihrer Lieblingsopfer.
      „Hey Winter“, rief sie und stampfte auf ihn zu.
      Der erschauderte und ließ vor Schreck glatt seinen Löffel klimpernd zu Boden gehen.
      „Hast du vielleicht Zoey gesehen?“
      Mechanisch drehte der junge Mann sich zu ihr um. „Z-z-zoey? W-wer ist das?“
      „Du weißt doch, Zoey Bauer, meine Cousine!“, schnaubte Anya, als sie vor ihm zu stehen kam. Die anderen Gäste guckten schon neugierig. „Blond, etwas aufbrausend, trägt selbst im Sommer einen Pullover …“
      „N-nein, i-ich habe niemandem gesehen, d-der so aussieht!“
      „Hmpf. War ja klar.“ Als Anya das sagte, hielt sich Ernie die Hände über den Kopf, als befürchtete er jeden Moment geschlagen zu werden. Aber das Mädchen ließ von ihm ab. „Na dann, viel Spaß noch mit deinem Date.“

      Abwinkend zog sie schon von dannen, da eilte der Verkäufer am Eisstand um jenen herum und rannte ihr hinterher. „Warte, bist du Anya Bauer?“
      Auf dem Bürgersteig angelangt, drehte die sich um. „Huh? Ja. Aber heute gibt’s keine Autogramme.“
      Der war wohl neu, wenn er sie nicht kannte. Schweinerei, hatte keiner diesen Typen darüber informiert, wer in Livington wirklich das Sagen hatte!?
      „Tut mir leid, dich belauscht zu haben“, fing der Schwarzhaarige an. „Du suchst nach einer blonden Frau?“
      Die Arme verschränkend, starrte Anya den Eisverkäufer fordernd an. „Ja.“
      „Hier ist vor vielleicht einer halben Stunde jemand vorbeikommen, der nach dir gefragt hat. Bis auf das mit dem Pullover passt die Beschreibung.“
      „Nach mir?“ Das Mädchen weitete die Augen. „Zoey?“
      „Sie hat ihren Namen nicht genannt, nur gefragt, wo du wohnst. Einer der Gäste wusste es und hat ihr die Adresse gegeben.“

      Das kann unmöglich Zoey Bauer gewesen sein. Sie kennt deine Adresse.

      Anya, die für einen kurzen Moment Hoffnung gewonnen hatte, stöhnte genervt. „Yeah. So viel zum Datenschutz, huh!?“
      Wahrscheinlich irgendein Fan oder so. Na ja, solange es kein Stalker war …
      Trotzdem, langsam hatte sie die Nase voll. Offensichtlich wollte ihre Cousine nicht gefunden werden. Vielleicht war sie schon längst aus der Stadt verschwunden, wie Anya es als Preis für ihren Sieg in ihrer blinden Wut verlangt hatte.
      Scheiße … wenn dem so war, konnten vermutlich wirklich nur noch die Cops helfen.

      ~-~-~

      Nach der erfolglosen Suche hatte Anya sich letztlich dazu entschieden, nachhause zurückzukehren und den Nachmittag damit zu verbringen, Pläne zu schmieden, was sie ihrer Cousine antun würde, wenn man diese erst gefunden hatte. Wobei ihre Großmutter da sicher auch schon eigene Ideen hatte, die sich bestimmt mit Anyas gut ergänzen würden.

      Nebenbei bemerkte die Blonde Claire, die draußen im Garten stand und … nichts tat. Einfach in die Ferne starrte.
      „Hey Roboburg“, rief sie über den hüfthohen Holzzaun hinweg, „was machst du da?“
      „Mir wurde gesagt, dass ich das Haus verlassen und atmen soll“, antwortete die mechanisch. Sie trug eine weiße Hose und ein gelbes Tanktop, durch das ihre muskulösen Arme unangenehm betont wurden.
      Anya verdrehte die Augen. „Yeah, ich kann mir denken, was die eigentliche Botschaft war …“
      Der Flohpelz hatte es ihr erklärt. Da Claires Emotionen unterdrückt wurden, folgte sie jeder Anweisung, die man ihr gab, ohne sie zu hinterfragen. Mit der Zeit würde der Pakt zwischen Nigel McPherson, ihrem Manager und gleichzeitig ein Dämon, gelockert werden, aber dies musste langsam geschehen, damit Claire nicht überfordert wurde und keinen Nervenzusammenbruch erlitt.
      „Na dann atme mal weiter“, zischte Anya grimmig, die der Weltmeisterin nie verzeihen würde, dass sie sich ihre Titel durch einen Pakt erschlichen hatte.

      Schnaufend trat sie gerade die weiße Gartentür auf, als sie ein lautes Brummen vernahm. Sie drehte sich um und sah nur noch einen riesigen Wohnwagen mit quietschenden Reifen vor ihrem Grundstück anhalten, gezogen von einem schwarzen Ford Fiesta. Und der stach mit seiner Graffiti-verschmierten Fassade derart ins Auge, dass Anya ihren Blick gar nicht abwenden konnte.
      Auch nicht, als die Fahrerin des Wagens ausstieg und grinsend zu ihr schritt. „Da komm ich ja genau zur rechten Zeit, Anya Bauer.“
      Jene machte große Augen, als die blonde Frau, vielleicht Ende Dreißig, ihr die Hand reichte. Die lange, wallende Mähne machte sicher so manches Mädchen neidisch. In zerschlissenen Jeans und schwarzem, trägerlosen Top gekleidet, machte sie jedoch trotzdem nicht viel her.
      „Äh, hi?“ Anya erwiderte die Geste nur zögerlich. „Ich kaufe nichts von Pennern.“
      „Ja, was auch immer“, ignorierte die Blonde die Abweisung unbeschwert.
      „Was wollen Sie?“
      Anya musste zugeben, dass der rechte Arm dieser Schrulle schon cool war, gab es doch keinen Flecken Haut dort, der nicht tätowiert war. Das Motiv war vom Unterarm zur Schulter ein Skelett, das seine knorrige Hand nach einem Engel ausstreckte, der genau das Gleiche tat. Um sie herum flatterten rote Rosenblätter.
      „Dich.“
      „Huh!?“
      „Aber wie ich sehe, war die Konkurrenz schneller.“ Die Frau bedachte Claire eines forschenden Blickes. „Dann wird McPherson sicher irgendwo in der Nähe sein.“
      Anya verstand nicht. „Erklärt mir mal einer, was hier los ist!?“
      „Cynthia Taslitz“, stellte jene sich vor. „Ich betreibe eine Agentur und fördere talentierte Duellanten auf ihrem Weg zum Profidasein. Und kurz gesagt: Ich hab' dich ausgesucht, um mein nächster Schützling zu werden.“

      Das Mädchen traute ihren Ohren kaum. Sie und ein Profidasein? Das konnte doch nur ein Witz sein! Das oder irgendjemand da oben hatte sie gehört, als sie sich bei Redfield war. Pft, als ob!
      „Sorry, aber den Bullshit kannst du mit jemand anderem abziehen!“, sprachs und drehte sich bereits um, aber diese Cynthia hielt sie an den Schultern fest.
      „Ich meins ernst“, protestierte die, „ich hätte dich schon viel früher kontaktiert, aber du warst nicht erreichbar.“
      Anya riss sich los. „Ich wurde ja auch von den Behörden von Ephemeria City festgehalten! Trotzdem, verarschen kann ich mich alleine!“
      Welcher halbwegs normale Mensch in diesem Business würde eine fluchende, mittelmäßig talentierte Duellantin wie sie managen wollen? Außerdem hatte sie im wahrsten Sinne des Wortes keine Zeit für sowas. Ihr Leben drohte bald vorbei zu sein, da konnte sie sich nicht auf irgendeinen Vertrag einlassen.
      „Ich glaub' dir kein Wort“, versuchte sie, diese Taslitz abzuwimmeln und machte eine verscheuchende Handgeste, „los, zieh' Leine.“
      „Man sieht es mir vielleicht nicht mehr an, aber ich war einst das, was sie jetzt ist“, entgegnete Cynthia ernst, nickte Claire zu, „die Duel Queen einer früheren Generation.“
      Und da wurde Anya schlagartig hellhörig. Auch sie wandte sich an die still da stehende Weltmeisterin. „Stimmt das?“
      „Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% ist diese Frau Cynthia Taslitz, dreimalige Duel Monsters-Weltmeisterin“, kam die Antwort wie von einem Roboter.

      Was machte eine ehemalige Duel Queen hier!? Anya wusste nicht, was sie davon halten sollte. Der Name Taslitz kam ihr zwar irgendwie bekannt vor, aber sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn jemals mit einer Duel Queen in Verbindung gehört zu haben. Und es war sicher schon lange her, dass sie ihn gehört hatte.

      „Lass mich nicht betteln“, tat Cynthia dies schon längst und grinste, „gib' mir eine Chance.“
      „Angenommen das stimmt alles“, murrte Anya und verschränkte die Arme. „Wieso ich?“
      „Weil du ein ungeschliffenes Juwel bist. Eines, das vielleicht nicht jeder auf Anhieb erkennt“, entgegnete die Blonde und es klang aufrichtig, „aber wahrscheinlich bist du schon bei McPherson unter Vertrag.“
      Anya sah herüber zu Claire, die der Grund für diese Annahme sein musste. „Nope, die ist hier nur zu Besuch. Aber …“
      Sie schüttelte den Kopf. „… ich habe keine Zeit für eine Karriere als Profiduellantin. Außerdem gibt es bestimmt andere, die besser sind als ich. Nichts für ungut.“

      Warum sagte sie so etwas, fragte sich Anya innerlich aufgewühlt. Das waren nicht ihre wahren Gefühle. Ihr Herz klopfte schnell, sie spürte die Gänsehaut und wollte vor Glück am liebsten schreien. Wenn diese Cynthia es wirklich ernst meinte, dann könnte ihr Traum endlich in Erfüllung gehen.
      Aber die Angst, was bald mit ihr geschehen könne, lähmte sie regelrecht.

      „Du nimmst an einem Turnier teil, das dir die Pforten in die Profiliga ermöglicht und weist dann einen potentiellen Wohltäter ab?“ Cynthia rieb sich den Hinterkopf. „Du bist nicht ganz dicht, weißt du das?“
      Anya senkte ihren Kopf. „Yeah …“
      „Denk nicht, dass ich das so einfach hinnehmen werde.“
      Als sie aufsah, konnte sie sofort das Feuer in den grauen Augen ihres Gegenübers erkennen.
      „Jeder, der halbwegs Ahnung von der Psyche eines Menschen hat sieht, dass du nicht wirklich glaubst, was du da sagst.“ Cynthia hob den linken Arm, an dem eine silberne Duel Disk befestigt war, deren Spielfläche anders als bei Battle City-Modellen jedoch nicht geknickt, sondern gerade geformt war. „Also warum klären wir das nicht auf die einzige Art und Weise, die dafür angemessen ist?“
      „Huh!?“
      „Duelliere dich mit mir. Wenn du gewinnst, lasse ich dich in Ruhe. Verlierst du, werde ich dir beibringen, wie du nächstes Mal nicht mehr verlierst.“ Die tätowierte Blonde grinste keck. „Egal, wie lange es dauert. Und ich werde dafür auch weder eine Bezahlung, noch irgendeinen anderen Gefallen verlangen. Du siehst: Einen besseren Grund, freiwillig zu verlieren, gibt es nicht.“

      Das konnte nicht ihr Ernst sein. Irgendwo musst es einen Haken geben. Wahrscheinlich war sie irgendeine Hochstaplerin, die sich als diese Taslitz ausgab und Anya ausnutzen wollte. Oder sie war es wirklich und wollte sich an ihr bereichern.
      Egal was es war, Anya schwor sich, dem Drang zu widerstehen, einfach nachzugeben.
      Ein halbtotes Mädchen brauchte keine Karriere als Profiduellantin mehr beginnen. Falls die Undying es schafften sie zu retten, dann vielleicht. Aber nicht jetzt, nicht heute!

      „Unter einer Bedingung“, hielt Anya deshalb dagegen. „Nur, wenn ich dich auf nächstes Jahr vertrösten kann.“
      „Nein“, schoss es aus Cynthia wie aus einer Pistole, „das geht nicht.“
      Skeptisch wollte Anya wissen: „Wieso?“
      „Viele Gründe. Jetzt ist der beste Zeitpunkt. Glaub' mir.“
      „Tch. Fein.“ Anya schloss die Augen und ging voraus Richtung Straße, doch nicht ohne ihre Kontrahentin dabei bewusst anzurempeln. „Dann streng' dich mal an, ehemalige Duel Queen.“
      Jene sah ihr hinterher, grinste wieder. „Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann treibt man es mir nur schwer wieder aus. Du solltest dir Mühe geben, Anya.“

      Kurz darauf standen die beiden Frauen auf der Straße mit einigem Abstand und bereits aktivierten Duel Disks einander gegenüber. Anya hatte Claire aufgefordert, ihr zu folgen, weshalb jene wie ein Schatten hinter ihr stand. Hätte sie doch bloß nichts gesagt …
      „Ist sie stark?“
      „Ihre letzte gemessene Siegesquote betrug 96,1%.“
      „Eine Duel Queen gewinnt immer. Also schon mal die erste Lüge“, sprach Anya an ihre Gegnerin gewandt.
      Doch die winkte kichernd ab. „Ach na ja, ein paar Mal habe ich es vergeigt. Kann ja nicht jeder perfekt wie deine Freundin sein.“
      Ihr Blick verhärtete sich, als sie Claire ins Visier nahm. Sie wurde ernst. „Aber was ich sagte ist trotzdem wahr. Innerhalb von drei Jahren war es niemandem gelungen, mich in offiziellen Duellen zu besiegen. Private Duelle sind eine andere Geschichte. Nichtsdestotrotz wurde ich als die erste Duel Queen gefeiert. Mir hat das nichts bedeutet, aber die Leute haben einen richtigen Elefanten aus der Sache gemacht.“
      „Ich … will keine Duel Queen mehr sein“, erwiderte Anya kühl.

      Nicht wenn es bedeutete, wie Claire seine Seele zu verkaufen. Oder eine Illusion aufrecht erhalten zu müssen, wie diese Frau es offensichtlich damals getan hatte. Eine Duel Queen war unbesiegbar und weil das so war, konnte es so jemanden doch gar nicht geben. Jeder verlor irgendwann einmal, es sei denn, irgendwelche höheren Mächte waren im Spiel.
      Anya ballte eine Faust. Das war doch alles Bullshit! Sie sollte aufhören, sich selbst zu belügen und gar nicht erst von so etwas träumen. Vielleicht halfen diese Gedanken ihr auch dabei, dieses Angebot überhaupt gar nicht erst in Erwägung zu ziehen.

      „Wenn dann alles geklärt ist, sollten wir beginnen“, sprach Cynthia.
      „Yeah …“
      Und die Zwei schrien synchron: „Duell!“

      [Anya: 4000LP / Cynthia: 4000LP]

      Beide zogen ihr Startblatt auf. Obwohl Anya überhaupt nicht danach war, sich mit diesem Weib zu duellieren, hatte deren Gelaber sie trotz allem neugierig gemacht. „Eine Duel Queen einer anderen Generation? Pft!“
      Anya hatte ein ungutes Gefühl. Der Name kam ihr tatsächlich bekannt vor. Doch sie konnte sich nicht mehr entsinnen woher.
      „Wie oft noch, ich lüge dich nicht an“, lächelte Cynthia herausfordernd zurück und nickte Richtung Claire, die regungslos an Anyas Seite verharrt, „ich habe mit der da nichts mehr zu tun gehabt, aber eins kannst du wissen: Damals war alles besser.“
      Und es funkelte dabei in den Augen der tätowierten Blonden. So sehnsüchtig, dass Anya ihr schlussendlich glaubte, obwohl es neben Claires Aussage keinerlei Beweise für ihre Behauptungen gab. Diese Person ihr gegenüber war einst eine unbesiegte Duellantin gewesen. Betonung auf 'war'.
      „Mal sehen, was Ihre Majestät so drauf hat. Ich fang an“, bellte Anya, nun doch ihrem üblichen Kampfeseifer verfallen und nahm zwei Karten aus ihren Blatt, „das hier ist erst nach deiner Zeit entstanden: Ich aktiviere [Gem-Knight Tiger's Eye] mit dem Pendelbereich 2 und [Gem-Eyes Value Dragon] mit dem Wert 5. Pendulum Scales set!“
      Neben dem Mädchen schossen zwei Lichtsäulen aus dem Boden. Die von ihr aus gesehen Linke hievte einen Ritter in gold-schwarz gestreifter Rüstung empor, dessen Helm in seiner dreieckigen Form entfernt an einen Tigerkopf erinnerte und welcher eine Peitsche schwang. Dagegen stieg in der anderen ein roter Drache in goldener Panzerung auf, deren drei langen Tragflächen an jeder Seite seine Flügel ersetzten. An den Seiten seines Helms befanden sich Drehscheiben mit verschiedenfarbigen, durchsichtigen Platten darin.

      <2> Anyas Pendelbereich <5>

      Wie es nur eine Duel Queen konnte, verschränkte Cynthia die Arme und beobachtete das Ganze analytisch. Inzwischen gab es die Pendelmonster ungefähr einen Monat, erkannte Anya, womit sie für die Wenigsten noch vollkommen neu waren. Also schon gar nicht für jemanden wie die. Trotzdem würde sie ihr blaues Wunder erleben!
      „Jetzt kann ich Monster von meiner Hand beschwören, deren Stufe zwischen den beiden Pendelwerten liegen!“ Anya zückte zwei Monster aus ihrer Hand. „Schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum!“
      Über ihr öffnete sich ein riesiges Portal, umgeben von zahlreichen Lichtellipsen. Aus ihm schossen zwei rote Lichtstrahlen. „Aus meiner Hand: [Gem-Knight Jasper] und [Gem-Knight Malachite]! Pendulum Summon!“
      Beide schlugen vor Anya ein und keinen Moment später standen vor ihr ein Hüne in rot-schwarzer Rüstung mit langer Hellebarde in der Hand sowie ein grün-blau schimmernder Ritter, der sich eines langen Stabs bediente.

      Gem-Knight Jasper [ATK/1800 DEF/600 (4) PSC: <2/2>]
      Gem-Knight Malachite [ATK/1000 DEF/1900 (4) PSC: <2/2>]

      „Diese beiden hier machen sich besonders gut als Fusionsmaterialien.“ Anya zückte ihre letzte Handkarte. „Da mir aber meine Lieblingszauberkarte dazu noch fehlt, suche ich sie mit dieser hier: [Absorb Fusion]! Damit erhalte ich eine Gem-Knight-Karte von meinem Deck!“
      Um Anya herum entstanden diverse Edelsteine verschiedenster Arten, Farben und Formen, die allesamt zu ihr herangezogen wurden und sich vor dem Mädchen sammelten. „Ich wähle [Gem-Knight Fusion]!“
      Aus deren neuer Duel Disk schob sich die benannte Karte, die Anya zwischen Mittel- und Zeigefinger aufnahm, was dazu führte, dass die Klunker um sie herum zerbarsten.
      „Hier, eine erste Kostprobe, ich aktiviere [Gem-Knight Fusion]!“, feixte sie und zeigte den Zauber vor. Über ihr öffnete sich ein Vortex, der immer neue, aus dem Nichts entstehende Edelsteine in sich aufsog. „[Gem-Knight Malachite], du bist das Element, [Gem-Knight Jasper], du der Ursprung! Vereinigt eure Kräfte!“
      Auch ihre beiden Ritter auf dem Feld wurden in den Wirbel hineingezogen. Ein greller Lichtblitz schloss den Prozess schließlich ab. „Fusion Summon! Für's Erste beschützt -du- mich, [Gem-Knight Amethyst]!“
      Über ihr machte das neue Monster einen Satz aus dem Strom heraus und landete kniend zu ihren Füßen. Es war ein Ritter von violetter Farbe, um dessen Schultern ein langer, blauer Umhang hing. Er schützte sich mit einem erhobenen Rundschild aus Eis und kreuzte über jenen eine lange, spitze Klinge, ebenfalls aus Eis, die aus seinem Handschuh wuchs.
      „Und da ich Pyrite und Malachite als Fusionsmaterialien benutzt hab, verstärkt Ersterer jetzt meinen Ritter, während Malachite mich eine Karte ziehen lässt.“
      Während Anya aufzog, begann Amethyst in roter Aura aufzuleuchten. Außerdem öffnete sich das Pendelportal erneut und sog zwei rote Lichtstrahlen in sich auf, die von Anyas schwarzer Duel Disk ausgingen.

      Gem-Knight Amethyst [ATK/1950 → 2550 DEF/2450 → 3050 (7)]

      Anya betrachtete ihre letzte Handkarte, die sicher noch ganz praktisch werden konnte. Das würde noch lustig werden. Voller bitterböser Zuversicht verkündete sie: „Zug beendet!“

      Es war diese unbekümmerte, gar verspielte Art ihrer Gegnerin, die Anya zur Vorsicht mahnte. Als Cynthia zog, tat sie dies mit einem herausfordernden Lächeln.
      „Ich setze ein Monster plus zwei weitere Karten. Ihre Majestät hat fertig“, gluckste sie, als erst eine horizontal positionierte Karte sowie zwei dahinter liegende vor ihr auftauchten.
      „Langweilig“, murrte Anya großmäulig. „Kommst wohl an der Verteidigung meines Amethyst nicht vorbei, was?“
      Da hatte sich die Jüngere insgeheim deutlich mehr erhofft. Andererseits war Roboburg auch eine defensive Duellantin. Und definitiv keine Duel Queen, weshalb sie den Vergleich sofort wieder aus ihrem Kopf verbannte. Tch!
      „Du gehst mir auf die Nerven, Roboburg. Rück mir nicht so auf die Pelle“, knurrte sie der Blonden hinter sich zu, ohne sich umzudrehen.
      Jene erwiderte: „Verstanden.“

      „Mein Zug, Draw!“ Es kribbelte in Anyas Händen. Wenn das wirklich eine frühere Duel Queen war, und sie sie besiegte, würde sie dieses Konzept in ihrem Kopf endgültig zerschlagen. Dann brauchte sie diesen Traum gar nicht mehr.
      Sie starrte herüber zu Claire, die inzwischen zu ihrer Linken vor dem Wohnwagen wie eine Salzsäule verharrte. Am liebsten würde sie sie ganz weg scheuchen. Doch nein, eigentlich war es passend, dass sie hier war. So würde sie Zeugin werden, dass sie, Anya Bauer, mit fair spielenden Gegnern durchaus fertig wurde. Und das Mädchen ignorierte in diesem Augenblick gekonnt, dass die Weltmeisterin wohl noch gar nicht in der Lage war, solche Eindrücke festzuhalten.
      „Ich wechsle Amethyst in den Angriffsmodus!“
      Jener erhob sich aus seiner Hocke.

      Gem-Knight Amethyst [ATK/2550 DEF/3050 (7)]

      „Und jetzt schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum“, kopierte Anya den Beschwörungsspruch ihres Freundes Othello erneut, „Pendulum Summon! Aus meinem Extradeck kommen [Gem-Knight Jasper] und [Gem-Knight Malachite]!“
      Über ihr öffnete sich das Pendelportal und stieß wie in der Runde zuvor zwei rote Lichtstrahlen aus, die vor Anya einschlugen und die Form der Ritter mit der Hellebarde und dem Stab annahmen.

      Gem-Knight Jasper [ATK/1800 DEF/600 (4) PSC: <2/2>]
      Gem-Knight Malachite [ATK/1000 DEF/1900 (4) PSC: <2/2>]

      Zu dumm, dass sie die [Gem-Knight Fusion] in ihrem Friedhof nicht recyclen konnte, um eine neue Fusion zu starten, da ihr noch die Ressourcen dazu fehlten. Aber bei genauer Betrachtung war das gar nicht nötig. Anya besaß ein Monster, mit dessen Hilfe sie das Duell noch in diesem Zug gewinnen konnte!
      „Ich errichte das Overlay Network“, rief sie und streckte den Arm aus. Vor ihr öffnete sich ein Schwarzes Loch. „Aus meinen beiden Stufe 4-Monstern wird ein Rang 4-Monster!“
      Die beiden Neuankömmlinge verwandelten sich in braune Lichtstrahlen, die von dem Vortex absorbiert wurden. Eine Explosion in dessen Inneren folgte. „Xyz Summon! Krall' sie dir, [Kachi Kochi Dragon]!“
      Aus dem Sog brach ein Drachenkopf, der ganz mit silbernem Kristall besetzt war. Jener lauerte unterhalb der Erde und zeigte nur den Rücken und die Klauen. Dabei kreisten zwei Lichtsphären um ihn.

      Kachi Kochi Dragon [ATK/2100 DEF/1300 {2} OLU: 2]

      Sofort schwang Anya in ihrem Ehrgeiz den Arm aus. „Los, [Kachi Kochi Dragon], greif' das verdeckte Monster an! Primo Sciopero!“
      Kreischend brach der Kristalldrache aus dem Boden, flog über das Feld und zielte mit ausgestreckter Pranke Cynthias gesetztes Monster an. Jenes stieg aus seiner Karte empor und entpuppte sich als roter Drache, dessen Gesicht von einer weißen Maske bedeckt war. Und jene war es, die beim Hieb Kachi Kochis zu Bruch ging.
      „Hah! Wenn er ein Monster zerstört, kann er im Austausch gegen eine Overlay Unit gleich nochmal angreifen.“
      Da ergriff die ehemalige Duel Queen wieder das Wort. „Das würde ich mir zweimal überlegen. Was du da zerstört hast, war schließlich [Unmasked Dragon].“

      Unmasked Dragon [ATK/1400 DEF/1100 (3)]

      „Huh!?“
      Jetzt erkannte Anya erst, dass ebenjener noch auf dem Feld war. Die letzten Reste seiner Maske bröckelten ab und entpuppten ein fürchterliches, vipernartiges Gesicht, das irgendwie seltsam transparent war. Der Drache wurde immer durchsichtiger, bis er gänzlich verschwand.
      „Wenn der im Kampf besiegt wird, kann er ein Monster mit 1500 oder weniger Verteidigung von meinem Deck beschwören“, erklärte Cynthia weiter und zuckte freudig mit den Mundwinkeln, „es muss nur vom Typ Wyrm sein.“
      Anya traute ihren Ohren kaum. „Was'n das?“
      „Sieh' selbst! Erscheine, [Metaphys Armed Dragon]!“
      Und wie aus dem Nichts tauchte an der Stelle, wo der rote Drache verschwunden war, ein riesiger, hellgrauer auf. Auch er war durchsichtig. Zwar besaß er keine Flügel, dafür aber goldene Klingen an den Schultern und einen langen Schweif.

      Metaphys Armed Dragon [ATK/2800 DEF/1000 (7)]

      „D-das ist doch eine von Dads alten Karten!“, stammelte Anya perplex.
      Moment! Konnte diese Frau etwa seine Gegnerin aus dem Battle City-Finale sein!?
      Cynthia indes sah stolz auf ihre Duel Disk. Die Karte darauf hatte einen gelben Rahmen. „Nein, das ist ein Wyrm-Monster. Viele wissen nichts von diesem Monstertyp, da solche Karten nicht frei verkäuflich sind.“
      „Nie davon gehört“, gestand Anya verblüfft. Und es war erstaunlich, dass sie diese Geschichte tatsächlich glaubte, wie sie sich selbst gegenüber zugeben musste. „Wo bekommt man die her?“
      Die tätowierte Blonde sah grinsend auf. „Sei erfolgreich, gewinn' ein paar Turniere und vielleicht vertraut man dir irgendwann ein oder zwei Karten an. Ich könnte dir dabei helfen.“
      „K-kein Interesse!“, stellte Anya giftig klar und das war so gelogen, dass sie es selbst kaum glauben konnte. „Los, [Kachi Kochi Dragon], komm zurück!“
      Besagter Drache flog unverrichteter Dinge zu ihr zurück und verkroch sich wieder im Asphalt, wo nur noch sein Haupt hervorragte. „Zug beendet!“

      Als Cynthia aufzog, grinste sie breit. „Der hat dich aus der Bahn geworfen, was? Ja, ich bin schon ein bisschen stolz drauf. Er war meine erste Wyrm-Karte.“
      „D-du hast noch mehr!?“ Anya weitete die Augen.

      Wie kannst du das infrage stellen? Sie galt lange Zeit als unbesiegt, Anya Bauer.

      Musste Levrier sich mal wieder im ungünstigsten Zeitpunkt einmischen, ärgerte sich jene wütend. Aber Recht hatte er, wer damals so erfolgreich war, wurde mit diesen Dingern wahrscheinlich zugeworfen.
      „Tch. Auch wenn sie einen anderen Typen haben, heißt das nicht, dass sie unbesiegbar sind!“
      „Da stimme ich dir zu.“ Trotzdem grinste die ehemalige Duel Queen immer noch. „Aber sie haben ein paar fiese Überraschungen parat. Sieh dir den an! Erscheine, [Night Dragolich]!“
      Die Erde erzitterte, oder zumindest simulierten die Hologrammdrohnen einen vergleichbaren Effekt, als eine dürre, lange Gestalt aus dem Asphalt brach. Das Skelett eines Drachen, das bläulich leuchtete, erhob sich vor Cynthia und überragte sie.

      Night Dragolich [ATK/1700 DEF/0 (4)]

      Plötzlich begannen auch von Anyas beiden Monstern blaue Lichter auszugehen, die wie dünner Nebel um sie waberten und durch die leeren Augenhöhlen des Skelettdrachen eingesaugt wurden.
      „W-was ist das!?“
      „Der Effekt meines [Night Dragolichs]. Alle Nicht-Wyrm-Monster, die von deinem Deck oder Extradeck spezialbeschworen wurden, werden sofort in die Verteidigungsposition gewechselt und verlieren all ihre originalen Verteidigungspunkte.“
      Anya weitete die Augen. „So ein Scheiß!“
      Sie sah hilflos mit an, wie die Seelen ihres Ritters und Kristalldrachens von deren geisterhaften Widersacher absorbiert wurden. Wie Puppen fielen sie in sich zusammen.

      Gem-Knight Amethyst [ATK/2550 DEF/3050 → 600 (7)]
      Kachi Kochi Dragon [ATK/2100 DEF/1300 → 0 {2} OLU: 2]

      „Ist aber nicht so, als ob sie noch lange leiden würden. Denn die Königin befiehlt: Ab mit den Köpfen! Verdeckte Falle, [Tragedy]!“ Cynthia betätigte den Kopf an ihrer Duel Disk mit einer wischenden Bewegung. Aus dem Himmel schossen scharfe Guillotinen, die genau das taten, was die Blonde angekündigt hatte – Anyas Monster enthaupten.
      Die fühlte sich wie im falschen Film. So war es ihre Gegnerin, die das Wort ergriff. „Wenn eines deiner Monster in Verteidigung wechselt, zerstört diese Falle sofort all deine Monster in Verteidigungsposition.“
      Anya ballte eine Faust. „Ach ja!? Dann sieh zu, was Amethyst bei seinem Ableben bewirkt!“
      Aus dem Nichts schoss ein langer Eisspeer in Cynthias andere, gesetzte Karte und durchbohrte sie, woraufhin sie sich auflöste. Cynthias Duel Disk warf sie aus. „Alle deine gesetzten Zauber und Fallen kehren auf deine Hand zurück!“
      „Gut für dich“, erwiderte die junge Frau mit einem schelmischen Grinsen und nahm die Karte aus dem Apparat, hielt sie demonstrativ hoch, „denn hiermit hätte ich das Duell noch in diesem Zug entschieden.“
      Warte, dachte Anya da erschrocken. Wieso ging die Kuh davon aus, dass sie nur mit jener Karte hätte gewinnen können, wenn ihr Feld leer war und die Angriffspunkte ihrer Monster für einen fatalen Doppelangriff schon jetzt ausreichten? Wusste sie etwa von-!?
      „Dann setze ich sie mal wieder.“ Gesagt, getan, die Falle materialisierte sich wieder vor den Füßen der tätowierten Rockerbraut, wenn man sie so nennen konnte. „Da du es nicht weißt, erkläre ich es dir. Wyrm-Monster, zumindest die meisten, sind keine Drachen mehr. Sondern nur noch Phantome, Illusionen, Träume.“
      Ihr Blick gewann etwas Trauriges, was Anya nicht verborgen blieb. Ungewollt rutschten ihr ein paar merkwürdige Worte heraus: „So als gäbe es sie gar nicht.“
      „Ja.“ Für einen Moment schwieg die Frau. Dann sagte sie wieder keck: „Aber wenn sie zuschlagen, tut das trotzdem weh! Kostprobe gefällig? Natürlich, wieso frag ich!? Direkter Angriff auf ihre Lebenspunkte, [Metaphys Armed Dragon]! Ghost Punisher!“
      Der halb transparente, schwer bewaffnete Drache brüllte auf und schleuderte von seinen Schulterblättern die scharfe Klingen, welche durch Anya einfach hindurch glitten.

      [Anya: 4000LP → 1200LP / Cynthia: 4000LP]

      Unbemerkt von den beiden gab es vom Wohnzimmerfenster der Bauers zwei Beobachter, die das Gesehene ganz unterschiedlich aufnahmen.
      „Passiert das hier gerade wirklich?“, fragte Matt und drückte sein Gesicht gegen die Scheibe. „Sie ist es, oder?“
      „Also ich habe Bilder von ihr gesehen, die dagegen sprechen“, gluckste Zanthe neben ihm und zuckte mit den Schultern. „Aber ich schätze, Menschen verändern sich mit der Zeit. Manche optisch, andere innerlich.“
      „Soll ich sie nach einem Autogramm fragen!?“, reckte Matt den Kopf in seine Richtung.
      Der Dämonenjäger war mit den Duellen der ehemaligen Königin groß geworden. Als sie ihre Karriere vor einigen Jahren dann beendet hatte, war sein Interesse an der Profiszene mit einem Mal verschwunden gewesen.
      „Tu, was du nicht lassen kannst. Aber wenn sie eine Hochstaplerin ist, unterstützt du sie bloß.“
      Matt sah seinen Freund verständnislos an. „Wieso sollte sie lügen?“
      „Du bist genauso naiv wie Anya, weißt du das?“ Der Werwolf rollte mit den Augen und deutete auf die Tätowierte. „Ist dir klar, wie leicht man solche wie euch ausnutzen kann? Wie der Sammler dich ausnutzen wollte?“
      Sofort war Matt still.

      Auf dem Weg zurück nach Livington hatte er seinen Freunden die ganze Geschichte offenbart. Dass der Sammler von ihm gefordert hatte, Anya bei ihrer Mission zu unterstützen. Nur deswegen hatte er seiner Sandkastenfreundin Tara Hartwell geholfen, als diese im Sterben lag. Deren Körper hatte die Immaterielle Urila missbraucht, um 'den wahren Feind' zur Erde zu locken – erfolglos, zum Glück.
      Demnach hatte der Sammler schon damals alles geplant gehabt und Matt war noch vor allen anderen Teil davon gewesen. Zu jedermanns Erstaunen jedoch hatte Anya das gar nicht weiter gejuckt, denn zu diesem Zeitpunkt war ihr Schicksal bereits besiegelt gewesen – der Sammler hatte längst ihre Lebenskraft an sich gerissen. Und letztlich war sie Matt, unabhängig von dessen Beweggründen, auch dankbar für seine Hilfe.
      Was er ihnen jedoch vorenthielt war die Tatsache, dass er schon seit einiger Zeit nicht mehr 'allein' war. Einzig Valerie schien es zu ahnen, aber direkt darauf angesprochen hatte sie ihn bisher nicht.

      „Sorry“, meinte Zanthe, als sein Freund den Kopf senkte, „so war das nicht gemeint. Ich … möchte nur nicht, dass sie an jemanden gerät, der ein falsches Spiel mit ihr treibt. Davon gibt es schon genug, findest du nicht?“
      „Ja …“
      Als das immer noch nicht half, klatschte der Werwolf dem jungen Mann im schwarzen Mantel fest auf den Rücken. „Eigentlich sollten -wir- diejenigen sein, die die Lage ausnutzen, stimmt's?“
      „W-was?“
      „Ich meine, das ist doch ein Bild für die Ewigkeit: Drei Königinnen, vereint. Die vorherige, die gegenwärtige und die, ahem, eventuell zukünftige Duel Queen. Kennt jemand eine Klatschkolumnistin, der man die Story verkaufen könnte?“
      Matt kniff die Augen zusammen. „Nein … Und jetzt auf einmal bist du dir sicher, dass sie doch Cynthia Taslitz ist? Diejenige, die Mercury als stärksten Duellanten in der Profiszene abgelöst hat?“
      „Ich sagte doch, Menschen verändern sich auf vielerlei Arten.“
      Der Dämonenjäger neben ihm pfiff. „Wow. Weshalb sie wohl hier ist?“
      „Sich ihren Titel zurückholen?“ Zanthe trat neben ihn dicht ans Fenster. „Wer weiß. Hättest du vorhin nicht so viel geschnattert und geschmachtet, hätte ich verstanden, was-“
      „Moment“, unterbrach Matt ihn da aber, „es gab nie ein Titelmatch zwischen Cynthia und Claire. Die beiden liegen zeitlich gesehen mehrere Jahr auseinander.“
      Zanthe zuckte mit den Schultern. „Trotzdem war es doch vorher ihr Titel? Zwischen den beiden gab es keine Queen oder einen King.“

      Er hätte jetzt natürlich Matt die Wahrheit sagen können und ihm eröffnen, dass Cynthia eigentlich hier war, um Anya zu coachen. Aber dann würden hier wahrscheinlich diverse Körperflüssigkeiten durch die Luft fliegen und darauf konnte Zanthe verzichten.
      Nachdenklich sagte er sich, dass Anya selbst erst akzeptieren musste, -dass- sie die Hilfe jener Frau benötigen würde. Und sich selbst klar machen, dass sie jene auch annehmen wollte. Aber dieses sture Biest würde nicht so leicht klein beigeben und der Werwolf konnte sich auch denken, warum sie sich so sehr dagegen strebte …

      Indes seufzte Cynthia und fasste sich an den Hinterkopf. „Wenn es das jetzt schon war, war das leider ziemlich einfach.“
      Während sie ein Auge geschlossen hielt, starrte das andere Anya herausfordernd an. „Mal sehen.“
      Sie nahm eine gerade Haltung an und befahl: „Direkter Angriff auf ihre Lebenspunkte, [Night Dragolich]!“
      Das Drachenskelett hob sein Haupt und feuerte aus den insgesamt vier Augenhöhlen gelbe Lichtstrahlen ab, die wie Scheinwerfer agierten und Anya ins Visier nahmen.
      „Tch, du weißt es doch längst!“ Das grimmige Mädchen schnippte mit dem Finger. „Hab nicht umsonst [Gem-Eyes Value Dragon] in meine Pendelzone gesetzt! Wenn ich bei einem direkten Angriff den Gem-Knight in der anderen Zone opfere, kann ich Gem-Eyes direkt von dort rufen!“
      Ihr Peitsche-schwingender Ritter löste sich in hellem Licht und unter stolzem Gebrüll seines monströsen Partners zusammen mit der Lichtsäule, in der er schwebte, auf. Gleichzeitig verschwand auch die andere und der mächtige, goldene Drache erschien direkt vor Anya, schirmte sie vor den Lichtstrahlen ab.

      Gem-Eyes Value Dragon [ATK/2400 DEF/2000 (7) PSC: <5/5>]

      „Replay“, rief die ehemalige Duel Queen unbeeindruckt, „da du ein neues Monster kontrollierst, kann ich den Angriff abbrechen. Und gehe entsprechend direkt in meine Main Phase 2 über.“
      Entschlossen nahm sie eine Zauberkarte aus ihrem Blatt. „Ich hätte auch auf einen Angriff verzichten können, was bedeutet, dass du Gem-Eyes nicht hättest beschwören können, aber es ist nicht meine Art, Konfrontationen zu meiden.“
      Sie schob die Karte in ihre Duel Disk. „Stattdessen suche ich nach einem Weg, die Gefahr zu bezwingen. [Graceful Charity]!“
      Während über ihr ein weiblicher, dunkelblonder Engel in weißer Robe erschien und die Arme von sich ausbreitete, erwiderte Anya schnippisch: „Das macht doch jeder Duellant.“
      „Wirklich?“ Die Tätowierte zog drei Karten. „Wenn ich dich so ansehe, bezweifle ich das. Du siehst mir wie jemand aus, der vor etwas davon rennt.“
      „Pah, als ob!“
      Was bildete die sich eigentlich ein, fragte sich Anya ertappt, als sie zusah, wie ihre Gegnerin zwei Monsterkarten in den Friedhofsschlitz schob, eines mit gelbem Rand und eines mit orangefarbenem.
      „Ich kitzle schon noch aus dir heraus, wo der Schuh drückt“, zwinkerte Cynthia ihr zu. Dabei ließ sie ihre Spielfeldkartenzone ausfahren. „Solange kannst du dich an [Celestia] erfreuen, der alle Wyrm-Monster um 300 Punkte stärker macht!“
      Das ganze Spielfeld wurde in einen violett angehauchten Sternenhimmel getaucht. Über den Dächern der Vorstadt tauchte ein Gebilde auf, das wie der Trichter eines Wurmlochs aussah und scheinbar in eine ferne Galaxie führte.

      Metaphys Armed Dragon [ATK/2800 → 3100 DEF/1000 → 1300 (7)]
      Night Dragolich [ATK/1700 → 2000 DEF/0 → 300 (4)]

      Ugh, jetzt waren die Biester noch stärker! Anya schnaubte wütend.
      „Oh, -darum- geht es gar nicht“, schien ihr Gegenüber regelrecht ihre Gedanken zu lesen. „Willst du wissen was passiert, wenn man die Drachengeister wütend macht?“
      „Nein!“
      Als hätte sie das gar nicht gehört, erklärte Cynthia weiter: „Mit [Celestias] zweitem Effekt kann ich drei Wyrm-Monster von meinem Friedhof aus dem Spiel entfernen, um eine deiner Karten zu zerstören.“
      Drei Karten schoben sich daraufhin aus ihrem Friedhof hervor. Es waren der zuvor zerstörte [Unmasked Dragon] und, wie Anya erkannte, die beiden eben erst abgeworfenen Monster. Ihre Gegnerin zeigte sie vor, wodurch sie die Namen lesen konnte: [Mystery Shell Dragon], der Vanilla, und [Lindbloom], ein Stufe 4-Effektmonster mit 0 Angriffspunkten.
      Beide landeten in der Hosentasche der Älteren. Und keine Sekunde später kam ein derart greller Lichtstrahl aus dem Wurmloch am Himmel geschossen, dass Anya nur noch keuchen konnte. Wie ein Komet schlug dieser in ihren Drachen ein und ließ nichts mehr von ihm übrig.
      Damit war ihr Feld komplett leer gefegt, innerhalb eines einzigen Zuges und ohne viel Aufwand seitens ihrer Gegnerin. Jene nahm eine Karte aus ihrem Blatt und schob sie in ihre Duel Disk. So nahm sie zischend vor ihr Form an. „Ein zweites Mal kommst du nicht drum herum. Zug beendet!“

      „Mal sehen, ob sie da noch wieder rauskommt“, überlegte Zanthe am Wohnzimmerfenster.
      Matt gab sich pessimistisch. „Ich glaube nicht. Wenn jemand wie diese Frau so leicht zu besiegen wäre, hätte sie nicht jahrelang den Titel der Duel Queen innegehalten.“
      Der Werwolf nickte. „Und wer kratzt am Ende die Reste von Anyas Ego von der Straße? Ich oder du?“
      Beide sahen und schwiegen sich voller Inbrunst an.

      „Draw!“, fauchte das Mädchen aufgebracht und zog auf eine dritte Handkarte auf. Welche sich als sehr nützlich erwies. „[Gem-Trade]! Sofern eine Karte auf meinem Friedhof liegt, die Gem-Knights verschmelzen kann, lässt sie mich ein Gem-Knight-Fusionsmonster von dort verbannen. Und für jeden dritten Stufenstern, den er besitzt, kann ich dann eine Karte ziehen!“
      Tatsächlich hielt Anya sowohl [Gem-Knight Amethyst] der Stufe 7, ihren Signaturzauber [Gem-Knight Fusion] sowie [Gem-Knight Malachite] in die Höhe. Dann zog sie zwei Karten, schob die beiden Monster in die Verbannungszone unter ihrem Friedhof und fügte gleich noch ihren Fusionszauber durch seinen Effekt ihrer Hand hinzu.
      Womit sie auf ein stolzes Blatt von fünf Karten kam. Trotzdem sah die Lage übel aus.
      Solange sie diesen beknackten Skelettdrachen nicht wegbekam, konnte sie noch so viele starke Monster rufen – sie würden alle direkt in die Verteidigung gedreht und all ihrer Kräfte beraubt werden.
      Anya dachte angestrengt nach und betrachtete ihr Blatt. Wenn sie es -so- anstellte, dann würde sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen! Perfekt!
      „Hoffentlich funktioniert das“, murmelte sie leise.

      Ich ahne was du vorhast. Wäre dein Gegner irgendwer, würde es das bestimmt. Doch ich befürchte, das Cynthia Taslitz gewiss nicht 'irgendwer' ist-

      „Ich muss es zumindest versuchen!“, unterbrach Anya ihn gereizt.
      „Das ist die richtige Einstellung“, lobte ihre Gegnerin sie. „Wer es nicht versucht, hat schon verloren. Das gilt für alles im Leben.“
      „Hmpf.“ Anya schnappte sich eine Zauberkarte. „Ich aktiviere [Monster Reincarnation]!“
      Sie entledigte sich ihrer [Gem-Knight Fusion] und nahm sich stattdessen [Gem-Knight Jasper] von ihrem Friedhof, welcher dort als Overlay Unit von [Kachi Kochi Dragon] gelandet war.
      „Zuerst du“, knurrte sie und starrte dabei geradewegs den Skelettdrachen an. „[Forbidden Chalice]! Dieser Zauber negiert vorübergehend den Effekt eines Monsters und stärkt es um 400 Angriffspunkte!“
      Über dem Kopf des Ungetümes materialisierte sich ein goldener Kelch mit Wein darin, welcher sich nach vorne beugte und das Gesöff über [Night Dragolich] goss. Der Wein rann über die Knochen, durch die Augenhöhlen hindurch und gab dabei rote Entladungen von sich.

      Night Dragolich [ATK/2000 → 2400 DEF/300 (4)]

      Cynthia schmunzelte.
      „Und jetzt von meiner Hand [Gem-Knight Jasper] mit dem Pendelbereich 2 und [Gem-Knight Pyrite] mit dem Pendelbereich 8! Pendulum Scales set!“
      Neben ihr schossen zwei hellblaue Lichtsäulen aus dem Boden. In der linken befand sich der rote Ritter mit der Hellebarde, in der rechten ein weißer mit mächtigen Rundschildhälften an den Armen und viereckigen, silbrigen Schulterplatten.

      <2> Anyas Pendelbereich <8>

      Anya streckte entschlossen den Arm in die Höhe. „Schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum! Aus meinem Extradeck beschwöre ich [Gem-Knight Tiger's Eye] und [Gem-Eyes Value Dragon]! Und von meiner Hand [Gem-Knight Garnet]! Pendulum Summon!“
      Drei rote Lichtstrahlen schossen nacheinander aus dem sich über ihr öffnenden Pendelportal. Sie schlugen vor ihr ein und nahmen die Formen des Peitsche-schwingenden Kriegers, des goldenen Drachens und einem Ritter in bronzener Rüstung, der in seiner Hand eine Flamme hielt, an.

      Gem-Knight Tiger's Eye [ATK/1600 DEF/1600 (4) PSC: <2/2>]
      Gem-Eyes Value Dragon [ATK/2400 DEF/2000 (7) PSC: <5/5>]
      Gem-Knight Garnet [ATK/1900 DEF/0 (4)]

      „Da der Effekt deines Drachenlichs negiert wurde, kann er meine Monster nicht mehr in die Defensive zwingen“, raunte Anya und streckte den Arm aus. „Und jetzt lernst du die Besonderheit von Gem-Eyes kennen! Er kann seinen Typen wechseln und ich wähle Fels! Sight Transition!“
      Die vierfarbigen Scheiben an beiden Seiten des Helms ihres Drachens begannen damit sich rapide zu drehen. Sie hielten bei den grünen Segmenten, welche sich wie ein Visor um seine Augen legten. Grüne Energielinien zogen sich durch die goldene Rüstung, die drei Tragflächen, welche seine Flügel einhüllten, platzten auf und gaben knorrige, mit Edelsteinen besetzte Lederschwingen zu erkennen.
      „Und jetzt der Effekt, den er dadurch erhält! Ich kann sofort die Monster auf meinem Feld mit ihm fusionieren! Dazu kommt, dass er selbst trotz seines Namens ein Gem-Knight ist!“ Anya schwang den Arm aus. Über ihr öffnete sich ein blau-orangefarbener Vortex. „Emerald Perfection!“
      Der Drache und die beiden Ritter an seiner Seite wurden von dem Sog absorbiert. „Herz, Seele, Gefäß! Vereint euch zur reinsten aller Ritterinnen, deren Klinge jeden Hoffnungsstrahl zerteilt! Fusion Summon!“
      Der Wirbel verfärbte sich weiß und stieß zahllose Edelsteine aus. Zwischen ihnen schwebte majestätisch die neueste Ritterin in Anyas Deck herab, gekleidet in einer einfachen, beigefarbenen Rüstung, von deren spitzen Schulterplatten ein kurzer, roter Umhang flatterte. Elegant landete sie auf beiden Füßen vor Anya und zog ihr schlichtes Schwert aus der Scheide. Die Brillanten in ihrer Brustplatte funkelten dabei stärker als alle anderen Edelsteine vor ihnen.
      „Kämpfe für mich, [Gem-Knight Lady Brilliant Diamond]!“, nannte die Blonde schließlich ihren Namen.

      Gem-Knight Lady Brilliant Diamond [ATK/3400 DEF/2000 (10)]

      Jene richtete die Klinge auf den feindlichen, riesigen Phantomdrachen und schoss kurzerhand einen Blitz auf ihn ab. Mit einem lauten Knall ging er unter. Anya gab ein fieses „Heh!“ von sich.
      „[Metaphys Armed Dragon] wurde zerstört“, murmelte Cynthia tonlos.
      „Na logisch!“ Die Jüngere schlug sich mit der Faust stolz gegen die Brust. „Wenn Tiger's Eye als Fusionsmaterial benutzt wird, killt er anschließend eine deiner Karten. Und jetzt Angriff-!“
      „Falle“, sprach Cynthia leise, aber selbst Anya entging nicht diese unterschwellige Drohung, die dabei von ihr ausging, „[Relieve Monster]. Sie lässt mich ein Monster von meinem Feld auf die Hand zurücknehmen, um es gegen eines mit gleicher Stufe von meinem Blatt auszutauschen.“
      Vor Anyas Augen löste sich der Skelettdrache auf. Warum tat sie das?
      Die Antwort sollte Anya nicht gefallen. Kaum hatte Cynthia [Night Dragolichs] Karte von ihrer Duel Disk genommen, legte sie sie sofort wieder darauf. „Es kann auch dasselbe Monster sein.“
      Sofort nahm der Drachenlich vor ihr wieder Gestalt an.

      Night Dragolich [ATK/1700 → 2000 DEF/0 → 300 (4)]

      „Huh!? Ah!“ Anya weitete die Augen.

      Da er das Feld verlassen hat, ist der Effekt deines [Forbidden Chalice] aufgehoben, Anya Bauer!

      Dünner Nebel begann plötzlich aus Lady Brilliant Diamond zu entfleuchen, welche in die Knie sackte. Ihre Seele wurde durch die Augenhöhlen ihres Widersachers eingesaugt. Anya blieb sprachlos.

      Gem-Knight Lady Brilliant Diamond [ATK/3400 DEF/2000 → 0 (10)]

      Das sich diese Karte nur bei einem Angriff aktivieren lässt, kann es nicht dieselbe sein, mit der sie dich letzte Runde besiegen wollte. Was hat das zu bedeuten?

      Anya war dies egal. Sie konnte nichts mehr tun.

      Auch ihre Gegnerin wusste dies und zog auf. Da grinste sie plötzlich wieder frech. „Übrigens sind nicht alle Monster in meinem Deck vom Typ Wyrm. Hier ist ein altes Überbleibsel meiner Profizeit: [Lancer Lindwurm]!“
      Sofort tauchte vor ihr ein smaragdgrüner Drachenkrieger mit goldener Brustpanzerung auf, der mit seiner namensgebenden Doppellanze bewaffnet war. „Angriff!“
      Wie ein Pfeil fegte er über das Feld. Aber Anya war noch nicht bereit aufzugeben. „Tch! Einen letzten Trumpf hab ich noch! Ich aktiviere den Effekt von [Gem-Knight Jasper] in meiner Pendelzone und schicke Lady Brilliant Diamond zurück ins Deck, um passende Fusionsmat- huh!?“
      Es geschah nichts. Anya sah hinauf zu ihrer Ritterin, die sich einfach nicht rühren wollte. „Warum!?“
      „Weil sich auf deinem Friedhof nicht genug Ziele befinden. Zwei der drei Fusionsmaterialien waren schließlich Pendelmonster, die ins Extradeck zurückgekehrt sind.“ Cynthia lachte. „Auf sowas musst du achten. Abgesehen davon fügt [Lancer Lindwurm] übrigens Durchschlagschaden zu, also selbst wenn du die Pendelmonster aus deinem Extradeck holen könntest, wären sie leichte Beute.“
      Anya weitete die Augen und sah mit an, wie der Drache seine Lanze durch ihre Ritterin bohrte, welche mit einem Schrei in tausende Partikel zersprang. Es war vorbei.

      [Anya: 1200LP → 0LP / Cynthia: 4000LP]

      Anya stand der Mund offen – sie erinnerte sich an das Battle City Finale von damals, bei dem ihr Vater verloren hatte. Gegen die! Es gab keinen Zweifel mehr, diese Frau war tatsächlich die ehemalige Duel Queen, Cynthia Taslitz. Dem Mädchen war es nicht einmal gelungen, auch nur einen Punkt Schaden zuzufügen. Schmerzliche Erinnerungen kamen auf, Erinnerungen an das Duell mit Claire, das sie niemals hatte gewinnen können. Ein Stück weit fühlte sich das hier genauso an, nur dass diesmal keine faulen Tricks im Spiel waren.
      Während Anya wie gelähmt an Ort und Stelle verharrte, verschwanden die Hologramme und die tätowierte Blonde ging grinsend auf sie zu.
      „Damit ist es entschieden“, sprach sie feierlich, „du bist ab heute mein Champion. Das Vertragliche regeln wir später.“
      Sie reichte Anya die Hand, doch jene rührte sich nicht.
      „Sag bloß, du willst dein Wort brechen?“, fragte Cynthia vorsichtig.
      „N-nein“, schrak das Mädchen aus ihrer Starre, „ich habe bloß keine Kohle, um dich zu bezahlen.“
      Und keine gescheite Lebensversicherung, die für den Ausfall einspringt, sollte sie nächsten Monat hopps gehen …
      „Darum mach dir keine Gedanken, ich streiche einfach das Geld ein, das du während deiner 'Ausbildung' verdienst“, zwinkerte ihr Gegenüber ihr neckisch zu.

      „Nur wenn ich die Hälfte abbekomme. Sonst gebe ich sie nicht her“, gluckste jemand aus der Ferne.
      Zanthe und Matt standen im Türrahmen. Ersterer grinste über beide Backen. „Nur ich weiß, wie man das Biest bändigt.“
      „Zieh' Leine!“, fauchte Anya wütend mit erhobener Faust. „Das hat nichts mit euch zu tun!“
      „Das war ein, uh, tolles Duell“, meinte Matt derweil, als die beiden am Wohnwagens vorbei schritten, der so unverblümt vor dem Garten der Bauers parkte.
      „Ja, Anya hat ganze drei Runden durchgehalten“, stichelte Zanthe, „in der Disziplin ist sie ganz gut. Wenn sie nur versuchen würde, auch mal zu gewinnen.“
      „Ha ha“, murrte Anya zerknirscht.
      Cynthia, die ihre Hand noch immer ausgestreckt hielt, lächelte das Mädchen sanft an. „Daran werden wir arbeiten müssen. Keine Sorge, das mit der Bezahlung war nur Spaß, ich verlange nur, dass du denselben Ehrgeiz an den Tag legst wie beim Legacy Cup.“
      Die grauen Augen der Frau funkelten wie Edelsteine. Aber Anya zögerte weiter. Sie konnte nicht. Sie konnte einfach nicht, verdammt!
      „Los, worauf wartest du?“, fragte Zanthe verständnislos.
      Matt stimmte ihm zu. „Ist dir nicht klar, was für eine Chance sich dir bietet?“

      Dein Traum könnte sich durch eine Zusammenarbeit mit dieser Frau erfüllen, Anya Bauer. Cynthia Taslitz erscheint mir aufrichtig.

      Anya zitterte.
      „Wenn nicht jetzt, wann sonst?“, wunderte sich der Dämonenjäger neben ihr.
      „Meine Güte“, zischte Zanthe und löste sich von ihm.
      Ehe Anya sich versah, umrundete sie der Werwolf, griff ihre rechte Hand und zog sie zu Cynthias, wodurch ein ungewollter Handschlag zustande kam. Dann nahm er das Mädchen mit seiner Linken in einen festen Schwitzkasten. „Muss man dich erst zu deinem Glück zwingen? Sie ist dabei!“
      An Cynthia gewandt, zwinkerte er dieser zu.

      „Wie sind Sie eigentlich auf Anya aufmerksam geworden?“, wollte Matt neugierig wissen und trat an zu den anderen beiden.
      „Durch den Legacy Cup. Davon abgesehen? Uh, sagen wir, ich mag Querulanten.“
      Die beiden verfielen in ein Gespräch über das Turnier. Keiner bemerkte Claire Rosenburgs mechanischen Blick, der auf die lachende, ehemalige Duel Queen gerichtet war.

      Anya hielt ihr Haupt gesenkt, während Zanthe sie losließ und sich an der Konversation beteiligte.
      „Danke …“, murmelte sie leise und auch wenn er nicht reagierte, hatte er es sicherlich gehört.
      Sie selbst hätte es nicht geschafft, ihre eigenen Zweifel zu überwinden. Aber dafür hatte sie wohl Freunde wie Zanthe. Ein heimliches Lächeln zierte kurz ihre Lippen, ehe sie aufsah. „Also bin ich jetzt wohl ein angehender Profi, huh?“
      „Davon kannst du ausgehen“, gluckste ihre neue Mentorin vergnügt, „und das Beste ist, dass ich nicht die geringste Absicht habe, deine Persönlichkeit einzudämmen. Im Gegenteil. Es ist Zeit, diese langweilige Liga aufzumischen.“
      Die beiden Blonden grinsten sich gegenseitig an. „Cool!“
      Langsam begann Anya eine gewisse Sympathie für diese Frau zu entwickeln. Zumindest wenn man bedachte, dass sie diejenige war, die ihren Vater ein großes Turnier gekostet hatte. Aber das war Schnee von gestern. Anya hatte ihre Pläne, Cynthias Anwesen anzuzünden – sollte sie überhaupt eins haben – schon vor Jahren aufgegeben, als andere Dinge ihre Aufmerksamkeit forderten.

      „Ach Matt“, wandte sich Zanthe da plötzlich schelmisch an den Dämonenjäger, „ist Valerie jetzt eigentlich out?“
      „W-wie bitte?“
      „Na ja, so wie du Miss Taslitz anstarrst …“
      Anya blinzelte verdutzt. „Huh?“
      Der Schwarzhaarige wurde knallrot im Gesicht, als er sich gegenüber der ehemaligen Duel Queen zu rechtfertigen versuchte. „Ä-ähm. D-das bildet er sich ein, ich starre Sie nicht an!“
      „Übrigens ist Matt in Valerie Redfield verliebt, falls es jemanden interessiert“, schnatterte Zanthe schamlos drauf los.
      „Was!?“, donnerten Anya und der Gehörnte synchron, während Cynthia losprustete.
      Mit sichtlicher Zurückhaltung murmelte Anya: „Ich glaub, das interessiert niemanden.“
      „Und es ist absolut nicht wahr!“
      Zanthe aber sah das anders: „Ach? Die ganze Zeit leierte er es wie eine kaputte Schallplatte runter. 'Oh Valerie, oh Valerie, der Schmerz in meinen Lenden weiß meinen Verstand zu verblenden.' und so. Und ja, du hast es nicht laut ausgesprochen, aber gedacht!“
      „Wie kommst du überhaupt ausgerechnet jetzt darauf!?“, fauchte Matt, röter als eine Tomate.
      „Entertainment?“ Dabei warf der Kopftuchträger einen prüfenden Blick auf Claire beim Wohnwagen, die aber wieder in die Leere zu starren schien. „Na ja, war ja nur ein Gedanke. Als wir mit dem Jagen der, ahem, ihr-wisst-schon-was anfingen habe ich noch gedacht, dass -ihr- beide irgendwann unweigerlich übereinander herfallen würdet.“
      Dabei deutete er mit dem Zeigefinger zwischen Anya und Matt hin und her. Cynthia gab einen erstaunten Laut von sich, grinste so breit, dass ihre Mundwinkel zu reißen drohten. „Ich bin keine Stunde hier und fühle mich schon wie zuhause. Perfekt!“
      „Da war diese Chemie zwischen euch, ihr habt zusammen schon viel durchgemacht, aber keiner hat den Stein zum Anstoßen gebracht.“, erläuterte Zanthe derweil weiter. Matt und Anya hingegen sahen sich verstimmt an. „Aber das hat sich inzwischen erledigt, wie es scheint. Bei Anya geht es seit Wochen nicht mehr voran mit ihrem Zwerg und Matt, vielleicht solltest du Valerie auch mal in die Augen sehen und nicht nur auf den Vorbau.“
      Zufrieden mit seinem Werk stemmte Zanthe die Hände in die Hüften und sah von Matt zu Anya und von der wieder zu Matt, während Cynthia in einen regelrechten Lachanfall verfiel. Aber zu seinem Bedauern regte sich die Person, von der er eigentlich eine Reaktion erhofft hatte, nicht im Geringsten. Claire stand nur da.

      Derweil flüsterte Anya Matt zu: „Du sorgst dafür, dass er nicht entkommt und ich sorge dafür, dass er in Zukunft nur noch mit seinem Hinterteil spricht.“
      Der Dämonenjäger nickt finsteren Blickes stumm.
      „Oh oh, Zeit, die Biege zu machen!“
      Lachend rannte Zanthe davon, während die beiden anderen ihn wie von der Tarantel gestochen verfolgten.
      „Bleib gefälligst hier, du elende Kackbratze!“
      „Hör' auf, solche Gerüchte in die Welt zu setzen!“
      Cynthia sah den Dreien belustigt hinterher, wie sie durch die Nachbarschaft über Zäune und Gärten hetzten, kreuz und quer. „Da habe ich mich ja auf etwas eingelassen …“
      Dann sah sie aus den Augenwinkeln zu Claire, die sie wieder anstarrte. Ihr Ton wurde schlagartig ernst. „Und was geht in deinem Kopf vor sich?“

      ~-~-~

      Wütend stampfte Anya die Treppe hoch, polterte in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
      Dieser Depp von Flohpelz! Wie konnte er es wagen, sie derart vor Cynthia Taslitz zu blamieren, die gerade in diesem Moment in der Küche saß und sich mit der einzig normalen Person in diesem Haushalt, ihrer Mutter, unterhielt.
      Jetzt wollte sie nur noch ihre Ruhe!
      „Guten Abend, Anya Bauer.“
      Und die würde sie nicht bekommen. Natürlich.

      Vor ihrem Schreibtisch stand niemand Geringeres als der eine Dämon, den sie sofort und ohne zu zögern gnadenlos vernichten würde. Wie immer in einem feinen, schwarzen Designeranzug gekleidet, wartete der Sammler, leicht von ihr abgewandt, genau wie lange auf sie?
      „Du“, zischte Anya bitterböse.
      „Was willst du hier!?“, herrschte sie ihn sofort an, rührte sich aber nicht von der Stelle. Da war diese 'Freude' ihn zu sehen, die sie nur zu gerne 'zeigen' wollte – aber das war, und selbst sie musste das eingestehen, eine extrem dumme Idee. Immerhin verfügte er über ihre verlorene Lebenskraft.
      Von der Seite lächelte der Teufel, der in der Gestalt eines rothaarigen Briten auftrat, sie wie jeher geheimnisvoll an. „Plauschen.“
      „Bist wohl pissig, was? Weil Redfield und Summers dich beinahe gekillt haben.“
      Er lachte. Künstlich, falsch. „Haben sie das? Ist mir gar nicht aufgefallen. Aber genug der Späße.“
      Nachdem er sie sorgsam betrachtete, ja fast studierte, fügte er an: „Ich bin nicht nachtragend. Und du solltest dankbar sein.“
      „Warum!?“
      „Wer denkst du, hat es dir ermöglicht, so schnell vor den Behörden von Ephemeria City zu entkommen?“ Der Sammler zeigte sein typisches, erhabenes Lächeln. „Es war ein kostspieliges Unterfangen, den Verdacht von euch abzulenken. Überaus kostspielig.“
      Anya knirschte mit den Zähnen. „Hast du was mit dem Flugzeugabsturz zu tun!?“
      „Mitnichten. Wie ich sagte, ich bin nicht nachtragend.“

      Anya blieb weiterhin wie angewurzelt stehen. Klar, das behauptete er vielleicht, aber deswegen musste es noch lange nicht stimmen. Scheiße! Und ihre Mutter, Cynthia und Summers waren unten in der Küche! Aber sie konnte sie unmöglich warnen. Vielleicht witterte der Flohpelz die Gefahr, aber der war zu dumm, um sich Summers zu schnappen und abzuhauen, sondern würde eher ins Zimmer reinstürzen und seltendämliche Fragen stellen.

      „Hör zu, meine Liebe“, sprach der Sammler schließlich, löste sich aus seiner abgewandten Haltung und schritt elegant auf das Mädchen zu. „Deine Zeit ist inzwischen äußerst knapp bemessen und es gibt noch viel zu tun.“
      „Yeah …“
      „Deine Allianz mit den Undying ist … faszinierend. Aber ineffektiv. Die Wahrheit ist: Sie werden dir nicht helfen können. Nur ich kann das.“
      Er stand direkt vor ihr. Zum ersten Mal schenkte Anya der Narbe auf seiner Wange Aufmerksamkeit, vornehmlich, um ihm nicht direkt in die Augen zu sehen. Eine Narbe hieß Kampf und das hieß, dass er nicht unverwundbar war. Shit, das Schwert! Es lag im Schrank – hinter dem Sammler! So ein Dreck, da kam sie doch niemals schnell genug ran!
      „Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte er gespielt tadelnd.
      „Y-yeah, und?“
      „Dann hör nun genau hin, Anya Bauer.“ Ehe sie sich versah, lagen plötzlich seine beiden Hände auf ihren Schultern. Erschrocken sah sie ihn an und stockte.
      „Du bist die Einzige, die -mir- helfen kann, die -es- schaffen kann. Ich bitte dich. Sammle die verbliebenen Artefakte. Bitte!“
      „W-was!?“

      Das Mädchen traute ihren Ohren kaum. Der unüberwindbare, beinahe allmächtige Sammler … flehte sie an!? Zeigte so etwas wie Verzweiflung!? Und dachte dabei tatsächlich noch, dass er damit irgendwie Erfolg hatte!?

      Als Reaktion senkte Anya ihr Haupt sowie ihre Stimme. „Weißt du, als ich davon erfuhr, dass Summers und Redfield dich aufgespießt haben, dachte ich 'scheiße'. Was für Idioten, bringen mich ins sichere Grab.“
      Ihr Mundwinkel zuckte nach oben. „Aber nur einen Moment. Denn weißt du was? Inzwischen bin ich sauer, dass sie mal wieder versagt haben! Ich scheiße darauf, ob du mein Leben in der Hand hast oder nicht!“
      Und selbst für ihn kam unvorhergesehen dieser Stoß mit der flachen Hand, genau auf die Brust, die Stelle, an der das Katana ihn vor ein paar Tagen durchdrungen hatte. Keuchend stürzte der Dämon zurück und knallte gegen den Schrank am Ende des Zimmers.

      Anya funkelte ihn mit düsterem Blick an. „Ich bin nicht mehr deine Puppe, elender Mistkerl! Wenn du über mein Schicksal entscheiden willst, dann gefälligst in einem Duell!“
      Sie hob den Arm mit ihrer Duel Disk daran. „Dieses Mal werde ich nicht verlieren!“
      Erst starrte er sie ungläubig an, dann lachte er wieder falsch und richtete sich auf. Mit einem Schlag war er wieder ganz der Alte. „Ich fürchte, da irrst du dich. Nun gut. Aber eins hast du seither missverstanden.“
      „Was?“
      „Du bist keine Puppe. Du bist …“
      „Ein Werkzeug, schon klar!“
      Er schloss besonnen lächelnd die Augen. „Natürlich. Aber vielleicht interessiert dich ja etwas anderes. Wenn du möchtest, werde ich dir alles erzählen. Die gesamte Wahrheit, über dich, deine Mission, alles. Jetzt sofort.“
      „Soll ich dir was verraten? Selbst das interessiert mich inzwischen nicht mehr!“ Anya schielte an ihm vorbei zum Schrank. Wenn sie das blöde Schwert doch bloß nicht dort gelassen hätte!
      Der Sammler öffnete die Augen. Doch diesmal war sein Blick anders. Einen Hauch trotzig? Er klopfte sich über die Stelle, an der Anya ihn geschlagen hatte. „Bedauerlich. Wie ich sehe, verfügst du immer noch nicht über die Tugend der Einsicht.“
      Nun wagte sie einen Schritt vor. „Wenn das alles ist: Raus aus meinem Zimmer! Oder stelle dich mir! Heh … ich wette du weißt, dass du keine andere Wahl hast.“
      „Wie du willst.“ Er straffte sich, verschränkte die Arme vor dem Schritt und betrachtete sie kalkulierend. „Aber nicht heute. Suche mich in deinen letzten Stunden, dann wirst du verstehen, warum du deine Worte bitter bereuen wirst. Bis dahin hast du noch etwas Zeit, deine Haltung zu überdenken.“
      „Du-“
      „Und keine Sorge. Ich werde deinen Freunden nichts tun.“ Er schnippte und ließ neben sich eines dieser schwarzen Portale erscheinen. „Bedenke: Deine Zukunft liegt nicht in -deiner- Hand. Wir sehen uns wieder, Anya Bauer.“
      Damit durchschritt er die Pforte, aber war noch nicht fort, ehe sie ihm ein paar bitterböse Worte hinterher rief: „Abweisung tut weh, was, Arschloch!?“
      Vor ihren Augen verpuffte das Portal im Nichts und sie war wieder allein.

      Anya sank auf die Knie. Verdammte Scheiße! Sie hatte sich mit dem Sammler gemessen … und irgendwie gewonnen. Wenn sie doch bloß das verdammte Schwert gehabt hätte, um ihn einen Kopf kürzer zu machen!
      In diesem Moment durchfuhr ein heftiger Schmerz Anyas Kopf.

      Das Bodenpersonal versuchte Anya aufzuhalten, wie sie durch die Kontrolle zurück in den Boardingbereich rannte. Sie schüttelte eine Frau ab, hörte ihre Freunde hinter ihr rufen. Jemand vom Personal rief in ein Walkie Talkie, dass der Flug nicht starten konnte, verstummte aber plötzlich und schien die Meinung zu ändern.

      Das konnte nicht sein! Wenn jemand ein Flugzeug vor dem Start verließ, mussten alle aussteigen und das Flugzeug von oben bis unten gefilzt werden! Das hatte Anya mal irgendwo aufgeschnappt, Verdacht auf eine Bombe oder so'n Scheiß. Und genau so war es gekommen. Wieso war das Flugzeug dann trotzdem gestartet!?
      Aber das war nicht, woran sie sich eigentlich erinnern sollte. Da war noch mehr!

      Sie rannte durch die große Halle mit den leeren Sitzreihen. Da stand er, direkt in der Mitte, der Typ im weißen Mantel, dessen Basecap bis tief ins Gesicht gezogen war. Er hielt etwas in der Hand. Eine Schwertscheide, eingehüllt in braunem Leder. Anya kannte es – das war das Katana! Sie hatte das Schwert extra für den Flug anmelden müssen, war das ein Krampf gewesen!
      Wieso hatte er es, wie war er da ran gekommen!?

      Schwer atmend kam sie vor dem Mann an. Er reichte ihr die Waffe.
      „Verlier' es nicht“, sprach er in einer völlig verzerrten Stimme.
      Als Anya das eingehüllte Katana annehmen wollte, wurde es ihr förmlich in die Hand gedrückt.
      W-wer zum Geier bist du!?“
      Nicht ihr Vater, das spürte sie jetzt mehr als deutlich. Was hatte das zu bedeuten!?
      Im Hintergrund hörte sie, wie das Flugzeug startete und an den großen Panoramafenstern des Boardingbereichs vorbei rollte.
      Er sagte nichts. Anya starrte ihn an. Sie griff nach seinem Gesicht, er bewegte sich nicht, aber irgendwie schaffte sie es nicht, ihn zu berühren. Die Blonde drehte sich um. Wo waren eigentlich ihre Freunde hin!?
      „Wer bist du!?“, wandte sie sich wieder ungehalten an den Fremden.
      Ein Pfeil.“

      Anya schreckte hoch. Sie hockte in ihrem Zimmer, schweißnass. Diese Erinnerungen hatte sie völlig verdrängt gehabt. Kurz darauf war das Flugzeug über Ephemeria abgestürzt.
      Dieser Mann, wenn er überhaupt einer war, er war der Schlüssel zu all dem. Dessen war sie sich sicher. Und etwas in ihr zweifelte daran, dass es der Sammler war, den sie da gesehen hatte.

      ~-~-~

      Sie schnaufte wütend, wie sie über den Bürgersteig schlenderte. Ein Mann, der ihr entgegen kam, wurde gnadenlos angerempelt.
      „Pass doch auf, Wichser!“, fauchte Zoey Bauer ihn an.
      „Was ist denn mit dir!? Blöde Kuh!“, schallte es zurück, aber der Kerl wagte es nicht, sich ihr entgegen zu stellen. Schade.
      Das Mädchen trug eine graue Strickjacke, hatte deren Kapuze bis tief über das Gesicht gezogen. Jenes gute Stück war ziemlich dreckig, hatte sie es sich in einer Rangelei erkämpft. Überhaupt hatte Zoey auf ihrem Weg in den Nachbarort Rains keine Konfrontation gescheut, was, bedingt durch ihre zierliche Statur, nicht immer zu ihrem Besten ausgegangen war. So war ihre linke Wange geschwollen vom Faustschlag irgendeines Miststücks, das meinte, ihr keine Kippe pumpen zu müssen.

      Sie wollte irgendetwas zerstören. Ja. Ihre Wut auf ihre Cousine hatte sich nicht gelegt, im Gegenteil, sie war nur gewachsen. Jene ahnte ja nicht einmal, was in ihr vorging. Sie -wusste- nicht, was Zoey wusste. Lange genug hatte sie sich zurückgehalten, die Wahrheit vor ihr verborgen. Aber das würde sich ändern, sehr bald sogar …

      Dabei bemerkte das Mädchen aus den Augenwinkeln, wie eine schwarze Limousine neben ihr anhielt. Auch Zoey stoppte. Das hinterste Fenster fuhr herab. Eine wunderschöne, schwarzhaarige Frau in einem eierschalenfarbenem Kleid saß darin. Wobei, nicht die ganze, lange Haarpracht war schwarz. Etwa ab der Hälfte ging sie abwärts von grau ins Weiße über. Seltsamer Anblick. Irgendetwas stimmte mit der nicht.
      „Endlich habe ich dich gefunden, Zoey Bauer“, sprach die Frau.
      „Hmpf.“ Zoey zog ihre Kapuze herab, wodurch ihre braune Beanie und die blonde Strähnen zu ihren beiden Gesichtshälften zum Vorschein kamen. „Wer bist du?“
      „Kathea Musgrave. Steig ein, dann wirst du alles erfahren. Und glaub mir“, sprach jene geheimnisvoll, „es gibt -eine Menge-, über die wir sprechen sollten.“

      Turn 94 – Nonexistance
      Während Cynthia Anya auf eine kommende Veranstaltung vorbereitet, um ihre Karriere zu fördern, wird Velvet von Melinda Ford auf einen Besuch im Hauptsitz der AFC eingeladen. Unter dem Vorwand, ihr die Anlage zu zeigen, scheint Melinda in Wirklichkeit mehr über das Mädchen herausfinden zu wollen. Doch alles kommt anders, als ein Eindringling Chaos stiftet …

      Verwendete Karten


      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Garnet

      Gem-Knight Pyrite
      Monster/Normal/Pendel
      Fels/Erde
      ATK/0 DEF/2800 (6) PSC: <8/8>
      Pendeleffekt: Einmal pro Zug: Du kannst 1 "Gem-Knight"-Karte von deinem Deck auf den Friedhof schicken.
      Monstereffekt:Einer der verlorenen Edelsteinritter, die nach einer langen Reise zurückgekehrt sind. Doch die Welt, die sie einst ihre eigene nannten, ist nicht mehr.

      Gem-Knight Jasper
      Monster/Effekt/Pendel
      Pyro/Erde
      ATK/1800 DEF/600 (4) PSC: <2/2>
      Pendeleffekt: Einmal pro Zug, während des Zuges eines beliebigen Spielers: Wähle 1 Fusionsmonster auf deiner Spielfeldseite als Ziel; schicke das Ziel auf den Friedhof und beschwöre von dort genau so viele Monster als Spezialbeschwörung, die als Fusionsmaterialmonster des Ziels verwendet werden können und benötigt werden, um das Ziel zu beschwören.
      Monstereffekt: Wenn diese Karte als Fusionsmaterial für die Fusionsbeschwörung eines "Gem-Knight"-Monsters benutzt wird: Erhöhe die ATK und DEF jenes Monsters um 600.

      Gem-Knight Tiger's Eye
      Monster/Effekt/Pendel
      Donner/Erde
      ATK/1600 DEF/1600 (4) PSC: <2/2>
      Pendeleffekt: Einmal pro Zug: Du kannst 1 "Gem-Knight Fusion" von deiner Hand abwerfen; füge deiner Hand 1 Normales Monster von deinem Deck hinzu.
      Monstereffekt: Wenn diese Karte als Fusionsmaterial für die Fusionsbeschwörung eines "Gem-Knight"-Monsters benutzt wird: Wähle 1 Karte auf dem Spielfeld als Ziel; zerstöre das Ziel.

      Gem-Knight Malachite
      Monster/Effekt/Pendel
      Aqua/Erde
      ATK/1000 DEF/1900 (4) PSC: <2/2>
      Pendeleffekt: Nur einmal, solange diese Karte als einzige in deiner Pendelzone liegt, kannst du "Gem-Knight Fusion" von deiner Hand vorzeigen; füge deiner Hand 1 offenes "Gem"-Monster in deinem Extradeck zu. Solange "Gem-Knight Fusion" durch diesen Effekt vorgezeigt wird, kann dein Gegner keine "Gem"-Karten in deinen Pendelzonen durch Karteneffekte zerstören.
      Monstereffekt: Wenn diese Karte als Fusionsmaterial für die Fusionsbeschwörung eines "Gem-Knight"-Monsters benutzt wird: Ziehe 1 Karte.

      Gem-Eyes Value Dragon
      Monster/Effekt/Pendel
      Drache/Erde
      ATK/2400 DEF/2000 (7) PSC: <5/5>
      Pendeleffekt: Wenn dein Gegner einen direkten Angriff deklariert und du eine "Gem"-Karte in deiner anderen Pendelzone kontrollierst: Beschwöre diese Karte von deiner Pendelzone in offene Angriffsposition; zerstöre alle Karten in deinen Pendelzonen.
      Monstereffekt: (Wird immer als "Gem-Knight"-Monster behandelt)
      Einmal pro Zug kannst du den Typen dieser Karte zu Pyro, Aqua, Donner oder Fels ändern. Entsprechend ihres Typs erhält diese Karte folgenden Effekt:
      O Pyro: Einmal pro Zug: Füge deinem Gegner 500 Punkte Schaden zu. Du kannst diesen Effekt von "Gem-Eyes Value Dragon" nur einmal pro Zug aktivieren.
      O Aqua: Einmal pro Zug: Erhöhe deine Life Points um 1000. Du kannst diesen Effekt von "Gem-Eyes Value Dragon" nur einmal pro Zug aktivieren.
      O Donner: Einmal pro Zug: Wähle 1 offene Karte als Ziel; annulliere den Effekt des Ziels. Du kannst diesen Effekt von "Gem-Eyes Value Dragon" nur einmal pro Zug aktivieren.
      O Fels: Einmal pro Zug: Du kannst 1 Fusionsmonster als Fusionsbeschwörung von deinem Extra Deck beschwören, verwende dabei Monster, die du kontrollierst, als Fusionsmaterial, einschließlich dieser Karte.

      Gem-Knight Fusion
      Absorb Fusion

      Gem-Trade
      Zauber/Normal
      Aktiviere nur, wenn sich auf deinem Friedhof eine "Gem-Knight Fusion", "Particle Fusion", "Pyroxene Fusion" oder "Fragment Fusion" befindet. Wähle ein "Gem-Knight"-Fusionsmonster von deinem Friedhof als Ziel und verbanne es; ziehe für jeden Intervall von 3 in seiner Stufe eine Karte. Du überspringst dann eine Anzahl an Draw Phasen, die der Zahl der durch diesen Effekt gezogenen Karten entspricht.

      Forbidden Chalice
      Monster Reincarnation

      Gem-Knight Amethyst
      Gem-Knight Lady Brilliant Diamond
      Kachi Kochi Dragon

      Cynthia

      Metaphys Armed Dragon
      Mystery Shell Dragon
      Unmasked Dragon
      Night Dragolich
      Lindbloom
      Lancer Lindwurm

      Celestia
      Graceful Charity

      Tragedy
      Relieve Monster


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      Ich hoffe, es hat gefallen und ihr schaltet nächstes Mal wieder ein.

      PS: @Evil Bakura Ja, -sie- ist diejenige die damals im Fernsehen war. ;)
      Spoiler anzeigen
      Valerie wird Dämonenjägerin… irgendwie passend. Aber sogar Anya war klar, dass das ein Draufgängerjob ist und was für Konsequenzen das hat. Ich musste überrascht feststellen, dass ich bei der Vorstellung Zanthes Bruder im Hinterkopf habe. An Überraschungsmöglichkeiten mangelt es dir nicht, was die Zukunft der Protagonisten/Protagonistinnen in der „normalen“ Welt angeht, ich hab nicht den Hauch einer Ahnung ob und wie du da die diversen Verwicklungen auflösen könntest, sofern du es überhaupt willst.

      Dass Anya auf der Suche nach ihrem „alten Ich“ (gemeint ist natürlich Zoey, die sowohl die direkteste Verbindung zu Anyas Vergangenheit, als auch die Verkörperung von Anyas damaligem Charakter selbst ist) sinnbildlich auf ihre neuen Chancen (=Cynthia) trifft, die sie von eben jener Vergangenheit entfremdet haben, ist irgendwie faszinierend. Dass die Symbolebene in einer solchen Direktheit in einer Geschichte wiederzufinden ist bzw. deren Verlauf bestimmt hat man wirklich nicht alle Tage. Dass es Anya schwer fällt die sich darauf einzulassen ist verständlich, wenn man bedenkt, dass die Sache mit Zoey noch im Hintergrund steht. Aber da ist noch mehr, wahrscheinlich die Überraschung, dass eine so große Chance nicht erkämpft und dem Schicksal abgetrotzt werden musste, sondern sich sie gesucht hat, ich würde sagen, sie kann es einfach nicht glauben. Lese ich das richtig, dass sie denkt sie wird trotz der Undying bald sterben, wegen der Sache mit dem Sammler? Jemand der sich selbst für so gut wie tot hält hat verständlicher Weise Probleme dabei, noch Chancen zu ergreifen, als wäre nichts gewesen. Darüber hinaus ist es -sehr- interessant, dass sie durch Claires schlechtes Beispiel es für konsequent hält, keine Duel Queen mehr sein zu wollen. Du erinnerst dich an meine Interpretation hinsichtlich des Sammlers als einer Verkörperung dieser einen speziellen Form von Konsequenz gegenüber dem eigenen Selbst? Hier zeigt sich möglicher Weise, dass sich seine Rolle in TLA auch verdeckt in einer anderen Kontexten zeigt. Da du TLA aus dir selbst schöpfst, könnte man das als Hinweis darauf sehen, dass das Wesen der Konsequenz eine größere Rolle in der Geschichte spielt als dir ständig bewusst ist. Wird sie dir besonders bewusst, stellst du sie als den Sammler da. So zumindest die Theorie ^^

      Die Szene in der Zanthe sich gegen Ende etwas unbeliebt macht ist sowas von genial, einfach köstlich :D

      Die Szene mit dem Sammler am Ende ist in vielerlei Hinsicht rätselhaft. Der Sammler erschien beinahe menschlich zugänglich. Das dreifache Ende hat seine Wirkung jedenfalls nicht verfehlt. Erst die neue Chance durch Cynthia, dann die Begegnung mit dem Sammler und schließlich wird Zoey noch mal in doppelter Hinsicht „aufgegriffen“. Außerordentlich. Ich hab zwar keine Übersicht, die den Namen verdient, aber diese Folge war auf jeden Fall in ihrer Abwechslung (Humor, Pathos, Schicksal) ebenso wie im Gehalt etwas besonderes.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Mcto ()

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      Oh Schreck gerade gemerkt das ich die Folge noch gar nicht kommentiert hatte. Hatte sie mal mit dem Handy gelesen und wollte wie oft später nochn kommentar aufm PC nachtragen. Aber das holen wir gleich mal nach.

      Zu deinem Kommentar der auf meinen Kommentar antwortet kommentiere ich; Mir ging es nicht um Old School Karten oder nicht. Aber die meisten von Anyas Karten die sie auf der Reise machte sind oder waren exklusive für sie. Ein Sieg mit ihren alten Karten hätte gezeigt wie sehr sich Anya als Spieler verändert hat und nicht nur sich ihr Deck verbessert hatte. Besonderst da ihre Zwillings Cousine ja als klüger dargestellt wird. Stell dir mir das im Real Life vor. Du spielst unter deinen Freunden in deinem Laden. Du bist nicht der beste, willst aber besser werden und sogar Pro sein. Du gehst auf Tuniere und duellierst dich gegen noch bessere Leute. Dann kommst du zu deinen Kumpels zurück. Knallst dein neu gemachte Deck hin das nun 300+ Euro teuerer ist als vorher. Und die sollen glauben dann das du besser geworden bist. Glaube nicht das dies realistisch währe und die das glauben würden. Die würden sich denken "Klar gewinnt er mit so nem Money Deck". Besiegst du sie mit deinem Deck leicht angepasst ohne das es teuerer bist weil du halt jetzt besser bist, nun dann würden sie glauben das du besser geworden bist. Von nem spielerischen Standpunkt verstehe ich ihre Cousine vollkommen. Es ist ein bisschen wie in Naruto. Besiegt Naruto ein Akatsuki Mitglied mit Kuruma ist das was anderes als wenn er damit namenlose zerquescht. Weil Akatsuki ist hinter Kuruma her. Da ist es nur fair wenn er halt eben auch ihn benutzt.

      Anya X Valerie:
      Also Anya meint das Valerie eine sehr sehr gute Freundin und eine schlechte gleichzeitig ist. Interessant. Sie mag sie und will sich das nicht 100% eingestehen. Aber das ist immerhin Anya Bauer. Solange man nicht ihr Love Interest ist oder ihre Zwillings Cousine würde sie nie das zu 100% zu geben, nicht mal zu sich selbst.

      Cynthia und das Duel:
      Sag mal hast du den Namen Cynthia genommen weil in Pokemon ein Champion genauso heist? Oder war das unterbewusst/zufall (wobei die sind ja ein Mythos). Das Duel fand ich wieder cool. Es hatte wieder deinen Flair das man nicht vorher weiß wer den gewinnen wird. Wenn in deinem World Building Wyrm Monster ganz seltene Pro Exklusive Karten sind, bedeutet dies, das der Yang Zing Heini mal ein Profi war? Gibt er sich vielleicht nur als Dumm aus? Ist er in wirklich ein Hütter? Vllt eine Hütter Karte die zur Beschwörung alle 6 Elemente vom Friedhof ins Deck mischen muss um sie zu beschwören. Aber ich schweife schon ab. Durch Anyas Niederlage steht ihrer Pro Kariere nichts im weg. Ich spekuliere mal das in TLA Ende es in die einzige Niederlage sein wird die Anya nicht bereuen wird.

      Danger!? End Boss
      Ein Wilder Collector taucht auf!
      Nun da haben wir ihn wieder vor uns. Unsere Main Antagonisten. Anya kam schon wieder nicht auf die Idee ihn einfach mal anzukotzen. Und dann zu fangen und in einen Müll Container zu stecken. Und dann ihm zu nem Duel zu zwingen wo er gegen jeder nacheinander antreten muss. Aber wenn der Sammler Anya überzeugen will sollte er mal einfach mit dem Grund ausspucken. Aber vor spucke fürchtet er sich ja xD. Hoffe mal das er nächstes mal mehr Infos für uns hat. Vielleicht ist er ja gar nicht so Böse wie du uns glauben lassen willst. Er will nur nach Eden weil es das Paradies ohne Schmutz ist XD
      Suche Spieler aus Bayern/Schwaben die in der Nähe von Günzburg/Giengen/Dillingen/Lauingen und Gundelfingen an der Donau wohnen. pls PN an mich :) :thumbsup: :drunk: :cain: :verschwoerung:
      Hallo allerseits. Wie immer bedanke ich mich an dieser Stelle bei allen Lesern.

      @Mcto
      Vielen Dank für dein Feedback.

      Ich habe sicherlich vor, einen Großteil der offenen Plot Points aufzulösen. Aber alle? Ist das bei dem Umfang der Geschichte überhaupt noch möglich? Ich weiß es nicht. ^^

      Ja, du liest das schon richtig. Anya zweifelt innerlich, ob die Undying die Lösung für ihr Problem finden werden. Dementsprechend ist es schwer für sie, diese Chance zu ergreifen.
      Ich kann dir übrigens nicht sagen, inwiefern der Sammler die Verkörperung der Konsequenz ist. Ich habe ihn nie so gesehen bzw. bewusst so erschaffen. Ich denke auch, dass viel von mir selbst in der Geschichte steckt, mehr als mir vielleicht sogar lieb ist. Aber vieles davon wird eher unbewusst einfließen.

      Tja, Zanthe ist halt nicht umsonst ein Fan Favorite.
      Und der Sammler? Tja, wie viel Menschlichkeit steckt in ihm. Hmm ...

      Nochmal vielen Dank.

      @WiR
      Auch dir vielen Dank für deinen Post.

      Ich denke ich verstehe was du meinst. Ich finde, dass neue Karten allein einen noch nicht stärker machen. Du musst auch wissen, wie du sie richtig einzusetzen hast.

      Ansonsten hast du Anya natürlich gut durchschaut. Sie gibt es ungern zu, dass sie ihre Freunde mag, aber sie tut es. Aber selbst bei Logan fällt ihr das sehr schwer.

      Cynthias Name ist kein Zufall. Ich habe den Namen bewusst gewählt, da ich die Pokemon-Cynthia bis heute als interessantesten Champ empfinde. So hat man als Leser meiner Fanfic gleich ein gewisses Bild von ihr, einen gewissen Respekt, wenn man so will.
      Und um ehrlich zu sein: Ich hatte auch versucht, einen anderen Namen zu finden, mich aber äußerst schwer dabei getan, was bei mir eher selten der Fall ist. ^^

      Lee ist kein Profi, der hatte die Karten gestohlen. Und die Geschichte der Yang Zing als Deck werde ich noch beleuchten, aber das dauert noch.

      Zu dem Sammler hast du ja selbst schon genug gesagt. Er wollte Anya ja etwas sagen, aber die wollte nicht zuhören. ;)

      Also nochmal herzlichen Dank für deinen Kommentar.


      Viel Spaß dann!

      Turn 94 – Nonexistance
      „Ich benutze den Effekt von [Hand Of Nephthys]“, rief eine blonde Frau und schwang den Arm aus, „indem ich [Golem Dragon] und sie opfere, beschwöre ich [Sacred Phoenix Of Nephthys] direkt von meinem Deck.“
      Der braune, flügellose Drache, der vor einer deutlich jüngeren Cynthia Taslitz ohne Tattoos am rechten Arm verharrte, löste sich zusammen mit der ägyptischen Priesterin in rotem Gewand mit goldener Haube in tosenden Flammen auf.

      Anya hockte gespannt vor dem Fernseher in ihrem Wohnzimmer und verfolgte das Finale eines Turniers von vor über zehn Jahren, das in einer dunklen Halle stattfand. Die Scheinwerfer waren ganz auf die aufsteigende Star-Duellantin und spätere Duel Queen gerichtet, vor der aus dem Inferno ein ganz aus Gold bestehender Phönix aufstieg. Sowohl sein Schopf, als auch die Flügel standen in Flammen.

      Sacred Phoenix Of Nephthys [ATK/2400 DEF/1800 (8)]

      „Direkter Angriff!“, befahl die Cynthia in der Aufzeichnung, die ein weißes, kurzärmliges Hemd und zerschlissene Jeans anhatte, energisch. „Flames of Eternity!“
      Der riesige Vogel stieß einen flammenden Odem aus, der den Gegner der zukünftigen Duel Queen vollkommen einhüllte.
      Aus dem Hintergrund tönte eine weibliche Ansagerin: „Damit gewinnt Cynthia Taslitz die Regionalmeisterschaft Wisconsin!“

      „Ja, und so fing alles an“, meinte die Cynthia der Gegenwart im Sessel hinter Anya, zückte die Fernbedienung und schaltete den Apparat ab. „Dass sie selbst heute noch solche alten Kamellen wiederholen …“
      Dabei sah sie die Karte von [Sacred Phoenix Of Nephthys] in ihrer anderen Hand nostalgisch gestimmt an, ehe sie ihn in den Deckschacht der Duel Disk an ihrem Arm schob. „Na ja, wie auch immer. Was hast du gelernt?“
      Anya drehte sich zu ihr um und kniff die Augen fest zusammen. „Nichts.“
      Die junge Frau im schwarzen Tanktop, die ihr Haar diesmal hochgesteckt trug, lachte bissig. „So ist es. Alles, was du da gesehen hast, beherrscht du längst selbst. Was ich also sagen will: Wir werden die Regionalmeisterschaften überspringen und dich direkt in die Profiliga einschleusen.“
      „Die Szene wird nie wieder dieselbe sein“, gluckste Zanthe, der ebenfalls zugesehen hatte, vom Sofa aus und lehnte sich zurück. „Hach. Was meinst du, Claire?“
      Jene saß im anderen Sessel zum Flur hin und antwortete gewohnt tonlos: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Anya Bauer abgelehnt wird, beträgt circa 95%.“
      „Ein bisschen mehr Optimismus, bitte“, forderte Cynthia und sprang auf, „seit damals hat sich eine Menge geändert. Heute wird die Liga in verschiedene Gruppen unterteilt.“
      „Ich weiß“, erwiderte Anya, die zu ihr aufsah. „S-Rang sind die, die die Millionen scheffeln.“
      Zanthe fügte hinzu: „Und die vom D-Rang sind die Neueinsteiger.“
      „Genau so ist es. Je nachdem, welche Leistungen man vorweisen kann, kann man auch direkt in den C-Rang oder sogar den B-Rang einsteigen.“ Cynthia verschränkte Arme und sah mit ihrem typisch neckischen Grinsen auf Anya herab. „Hättest du den Legacy Cup gewonnen, könntest du jetzt anstelle von Othello Nikoloudis von Position B starten. Da du aber nur Zweite geworden bist, reicht es eigentlich nur, um im untersten Rang einzusteigen.“
      „Das heißt D!?“ Anya erhob sich erschrocken. „Aber ich war so nah dran! Wieso nicht C!?“
      „Hast du davor schon mal etwas gerissen? Nein“, nahm ihre Mentorin ihr die Antwort prompt vorweg. „Es ist schon nicht einfach, überhaupt Teil der Profiliga zu werden.“
      Der Kopftuchträger hinter ihnen meinte: „Solange du nicht wenigstens in der C-Liga bist, kannst du nicht an den großen Events wie den Kontinentalmeisterschaften teilnehmen.“
      „So ist es. Da aber genau das unser – also mein – Ziel ist, müssen wir deine Statistik aufpolieren. Bis zum C-Rang muss man nicht unbedingt nur Turniere gewinnen, auch andere öffentliche Aktivitäten spielen eine Rolle“, erklärte Cynthia weiter und ging an dem Mädchen vorbei. Dabei warf sie ihr einen herausfordernden Seitenblick zu, „und dank meiner Beziehungen hast du übermorgen bereits deinen ersten, öffentlichen Termin.“
      „Wo?“
      „Gar nicht weit weg. Euer Einkaufszentrum veranstaltet auf meinen Wunsch hin ein Showduell, um das neue Boosterset zu promoten, das Anfang nächster Woche erscheint.“ Sie zwinkerte Anya keck zu. „Dein Gegner wird ein paar der neuen Karten benutzen. Da findet deine erste Lektion statt.“
      Anya protestierte mit wedelnden Händen: „Was zur Hölle!? Warum nicht ich!?“
      „Wir hatten unsere Gründe, uns darauf zu einigen“, erwiderte Cynthia geheimnisvoll und verließ das Wohnzimmer winkend, „bereite dich gut vor. Ich bin erstmal weg, ein bisschen Bier kaufen. Das, was bei euch rumsteht, ist ekelhaft.“

      Das Mädchen sah ihrer neuen Mentorin nachdenklich hinterher. Ein Showduell also? Klang ja ganz interessant. Sofern überhaupt jemand kam, um es sich anzusehen.

      ~-~-~

      Das Klirren von Fensterscheiben. Glassplitter, die ihr Gesicht berührten, in der Ferne eine mächtige Explosion, die alles verschlingen würde.

      Velvet schreckte schweißgebadet auf. Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, was geschehen war. Ihre Mutter hatte sie gerufen.
      „Velvet! Telefon für dich.“
      „J-ja !“
      Sofort schwang sich das Mädchen über ihre Bettkante und griff dabei nach ihrer Brille, die sie selbstverständlich verfehlte und zu Boden schmiss. Hektisch sank sie auf die Knie, schnappte sich das gute Stück und eilte Richtung der Tür.

      Die ganze Woche hatte sie sehr schlecht geschlafen, weshalb sie dieses Wochenende all das versucht hatte nachzuholen. Aber dieser Traum, diese verdammte Vision, sie hielt sie regelrecht gefangen. Das Ende der Welt. Diesmal war es so nah nie. Und da war keiner, der es verhindern würde.

      Benommen stampfte sie vom hinteren Ende des Hauses durch den kleinen Gang, der die Schlafzimmer voneinander trennte, wo ihre Mutter Sheila ihr bereits mit dem weißen schnurlosen Hörer in der Hand entgegen kam.
      „Eine Frau von der Abraham Ford Company.“
      „J-ja.“
      „Ich mache dann mal Frühstück“, sagte ihre Mutter noch und verschwand links herum in die Küche.

      Velvet legte mit großem Unbehagen den Hörer ans Ohr. „H-hallo?“
      „Guten Morgen, Velvet“, grüßte sie eine fröhliche Dame am anderen Ende der Leitung, „ich bin Melinda Ford-“
      „V-von der AFC!?“, fiel ihr das Mädchen erschrocken ins Wort.
      Natürlich, wenn ihre Mutter schon sagte, dass es jemand von dort war …
      „Ha ha, ja, genau die“, schien sich jene aber nicht an der unhöflichen Unterbrechung zu stören, „hör mal Velvet, wir würden dich gerne auf einen Rundgang durch unseren Hauptsitz in Portland einladen.“
      Der Schülerin sackte sofort das Herz in die Hose. „W-wie bitte?“
      „Sieh es als Wiedergutmachung dafür an, dass mein Bruder dich vor ein paar Tagen so unvermittelt unter Druck gesetzt hat. Ich möchte dir gerne alles zeigen.“

      Die Gedanken des Mädchens rasten. Diese Firma war noch ein Grund, warum sie in letzter Zeit so schlecht schlief. Denn die Anschuldigung, sie hätte [Ebon Sky Pegasus] gestohlen, stand weiterhin im Raum. Schließlich hatte die Konfrontation mit Henry Ford nur hervorgebracht, dass sie nicht unmittelbar zur Rechenschaft gezogen wurde.
      Und dieses Treffen war sicher nur ein Vorwand, überlegte Velvet angestrengt. Mrs. Ford hatte doch bestimmt irgendetwas vor, die Sache mit Pegasus war schließlich noch nicht vom Tisch. Aber ablehnen konnte sie wohl kaum …

      „U-und wann soll …?“
      „Wie wär’s mit jetzt gleich? Ich stehe jeden Moment vor der Tür.“
      Velvet fiel aus allen Wolken. „W-was!?“
      „Du hast noch fünf Minuten“, kicherte Melinda vergnügt, „wir sehen uns. Bye bye!“
      Völlig hilflos stammelte das Mädchen: „Bye …!?“

      Sie hatte also fünf Minuten Zeit, sich umzuziehen, zu frühstücken und nebenbei ihre Angst in den Griff zu bekommen!? Na großartig, da würde wohl was auf der Strecke bleiben …
      Sofort zischte das Mädchen wie ein Blitz zurück in ihr Zimmer. Sie konnte damit leben, mit knurrendem Magen und zitternd wie Espenlaub mit Melinda Ford eine zweistündige Fahrt zu unternehmen. Aber sicher -nicht- im Nachthemd!

      Und sie hatte sich kaum in ein pinkes Shirt mit grauer Weste und Kapuze – die mit den Hasenohren! – sowie eine schwarze Jeans gezwängt, da ertönte schon eine Hupe von draußen.
      Als Velvet die Tür hinter ihrem Zimmer zufallen ließ, stand ihre Mutter plötzlich vor ihr. „Wo willst du hin?“
      „I-ich treffe eine Freundin. Wird spät!“
      Sheila zeigte sich wie üblich streng. „Du bist vor 10 Uhr zurück, verstanden?“
      Das Mädchen zwängte sich förmlich an ihr vorbei. „J-ja, natürlich.“
      „Brauchst du Geld?“
      „N-nein.“
      „Hast du dein Telefon mit?“, rief Mrs. Thorne ihrer regelrecht flüchtenden Tochter hinterher.
      „Ja!“ Das Mädchen seufzte. „Mum, mach dir bitte nicht so viele Gedanken!“
      Sie meinte es nur gut, aber-

      Schätze es. Denn es wird nicht immer so sein.

      Velvet blieb wie eingefroren vor der Haustür stehen. Sie wusste dank ihrer Visionen von Menschen, die Stimmen in ihrem Kopf hörten. Aber dieser Gedanke eben, der war ihr eigener gewesen und doch auch nicht.
      „Was …?“
      Draußen hupte es erneut und so wurde sie aus ihrer Starre gerissen.
      „I-ich bin dann weg, Mum! Bye!“
      „Welche Freundin-“, rief ihre Mutter ihr noch hinterher, aber die Tür knallte schon vor ihr zu.
      Regelrecht angestachelt von dem seltsamen Erlebnis rannte Velvet zu der schwarzen Limousine, die vor ihrem Grundstück parkte. Der Fahrer stand am Bürgersteig und öffnete ihr die Tür, sodass sie nur noch zu Melinda einsteigen musste, die sie bereits mit einem breiten Lächeln empfing.

      ~-~-~

      Ein penetrantes Klingeln riss Anya und ihre Freunde aus dem entspannten Fernsehvormittag. Das blonde Mädchen rollte genervt mit den Augen. „Mum!?“
      Aber die reagierte nicht von der Küche aus.
      „Anya, man kann auch mal selber zur Tür gehen“, schnarrte Zanthe, der mit Claire noch immer auf der Couch saß.
      „Tch!“

      Nur widerwillig erhob sich Livingtons neue Berühmtheit und trottete an Matts Sessel – denn jener hatte sich inzwischen auch die Ehre gegeben – vorbei in den Flur. Die anderen machten sich auf, ihr völlig indiskret zu folgen.
      „Wir kaufen nichts von-“, maulte Anya, als sie die Haustür aufriss und einer kleinen, alten Dame gegenüber stand, stockte dann aber erschrocken. „Grandma!?“
      „Anya! Meine Kleine“, strahlte Margery Bauer ihre Enkelin an, kurz bevor die anderen dazu stießen. Und ehe sie sich versah, bekam die Blonde eine Faust aufs Auge gedrückt. „Wie kannst du es wagen, unsere Familie zu blamieren!? Eine Bauer verliert nicht im Finale eines Turniers!“
      Benommen kippte Anya zurück und wurde von einem perplexen Matt aufgefangen.
      „Was zur Hölle!?“, keuchte Zanthe. „Ist die mit dir verwandt!?“
      „Hi Grandma …“, stöhnte Anya und hielt sich das rechte Auge.

      Man konnte der alten Dame schon rein optisch ansehen, mit wem sie verwandt war. Von zwergenhafter Statur, war ihr graues Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Der hauseigene Familiendrache trug zudem mit Vorliebe schwarze Lederjacken mit Nieten und zerschlissene Jeans. Eine Rockerbraut, die sich nicht daran störte, schon über sechzig Jahre alt zu sein.
      Oh und Marge trug eine Augenklappe über dem linken Auge. Aber es ging in der Familie das Gerücht umher, dass jene ausschließlich Dekoration war, hatte man Margery vor einigen Jahren dabei gesehen, wie sie besagte Klappe in volltrunkenem Zustand komischerweise über dem rechten Auge trug. Solche Geschichten erzählte man sich jedoch ausschließlich hinter vorgehaltener Hand, denn wer es wagte, sie in ihrer oder Anyas Gegenwart von sich zu geben … hatte eine düstere Zukunft in Aussicht.

      „Ich geh‘ mir erstmal ein Bier holen“, murrte die kleine Frau und schob sich einfach an Anya und den anderen vorbei, die ihr verblüfft bis furchtsam hinterher sahen.
      „Jetzt wissen wir, woher sie -das- hat“, gluckste Zanthe schließlich.
      Im Hintergrund hörten sie Marge schreien: „Sheryl, wo ist das verdammte Bier!?“
      Matt half in der Zwischenzeit Anya auf, die sich knurrend das Auge rieb. „Verdammt, die alte Hexe hat's immer noch drauf!“
      „Anya, ist das wirklich … also ich meine“, stammelte der irritiert.
      „Ja, das ist Grandma Bauer. Und mein Idol, falls du es wissen willst.“
      Der Werwolf der Gruppe prustete los. „Das konnten wir bereits in den wenigen Sekunden ableiten, in denen wir sie gesehen haben, Anya. Und ich habe jetzt das unnütze Wissen erlangt, wie du in fünfzig Jahren wohl aussehen wirst.“

      Analog dazu klimperte die Kühlschranktür. Grandma Bauer gab ihre Unzufriedenheit lautstark zum Besten. „Scheiße, Sheryl, dein beschissener Kühlschrank ist leer wie der Kopf unseres dämlichen Präsidenten!“
      „Du warst ja auch nicht eingeplant“, drang es kühl von Anyas Mutter aus der Küche.
      „Nicht mal Bier findet man in diesem Haus. Wo ist der Wodka!?“
      Genervt mit den Augen rollend, rannte Anya an den anderen vorbei in den Flur zur Küche. „Boah, Grandma, ich hol' dir dein beknacktes Bier ja schon!“
      „Das will ich auch hoffen. Du willst mich lieber nicht im nüchternen Zustand erleben!“
      „Besoffen bist du noch schlimmer, Grandma!“

      Jedoch war es nicht Margery, die die Aufmerksamkeit von Matt und Zanthe auf sich zog. Nein, es war Claire Rosenburg, die hinter ihnen stand und etwas tat, das man so noch nie von ihr erlebt hatte. Sie sprach, ohne aufgefordert zu werden.
      „Frage: Wenn ich Anya Bauer mit der Faust schlage, bringe ich sie damit zum Schweigen?“
      Die beiden sahen die blonde Weltmeisterin entgeistert an.
      Zanthe öffnete verblüfft den Mund, da wurde ihm dieser von Matt zugehalten. Leise flüsterte er dem Werwolf zu. „Sei vorsichtig was du sagst! In dem Zustand, in dem sie sich befindet, kann jedes falsche Wort erhebliche Schäden anrichten! Im Grunde stellen wir die Weichen-“
      Aber typisch Zanthe, riss dieser die Hand von sich und schoss wie aus der Pistole: „Probier' es aus!“
      Unmittelbar danach löste sich Claire von der Gruppe und verschwand in die Küche. Was folgte, war ein Schrei, ein lauter Knall und eine ganze Menge Gefluche.
      Zanthe und der Dämonenjäger sahen sich entgeistert an. Letzter stammelte: „I-ist das normal?“
      „K-keine Ahnung, vielleicht haben wir gerade einen ersten Einblick in ihre alte Persönlichkeit erhascht?“ Obwohl er versuchte, es zu unterdrücken, klang der Werwolf beim Lachen heiser. „Ist doch was Positives.“
      „Ja“, murrte Matt, „als ob wir nicht schon genug Furien um uns geschart hätten …“

      Aus der Küche drang es: „Scheiße, was soll das, Roboburg!?“
      „Verdammt, Anya“, fauchte ihre Großmutter wütend, „du lässt dich von so einer halben Portion umhauen!? Bist du zum Waschlappen mutiert!?“
      „N-nein!“
      Und Claire sprach dazwischen: „Meine Analyse ergab, dass du still bist, wenn man dich schlägt. Fehler. Du bist nicht still.“
      „Und du kein verdammter Roboter, elendes Miststück!“

      Matt flüsterte Zanthe zu: „Das kann ja heiter werden.“
      Jener grinste aber breit. „Wieso? Es war Claires Art zu sagen, dass Anya ihr auf die Nerven geht. Wie gesagt, das ist eine positive Entwicklung. Je nach Betrachtungswinkel …“
      „Bring ihr bei, dass das falsch war“, knurrte der Schwarzhaarige jedoch düster, „sonst tu ich's mit dir als Exempel.“

      ~-~-~

      Die knapp zweistündige Fahrt war für Velvet erstaunlich angenehm. Während die Limousine über den Highway düste, unterhielt sie sich mit Melinda über alle möglichen Dinge. Mode, Haustiere, natürlich auch Duel Monsters.
      Melinda hatte auch erklärt, wie die Karten in Japan entwickelt und die Daten an die AFC weitergeleitet wurden. Jene durfte auch selbstständig Themen entwerfen und wurde gar damit beauftragt, eine neue Mechanik – die Pendelmonster – ins Spiel zu integrieren.
      Es war spannend, ihr zuzuhören und Fragen zu stellen, besonders weil sie ganz anders war als ihr Bruder. Freundlich, aufgeweckt, ein wenig frech, aber immer respektvoll.
      Außerdem hatte Melinda ihr einen Briefumschlag gegeben, den sie jedoch erst öffnen sollte, wenn sie wieder zuhause war. Das Mädchen befürchtete bereits, dort drinnen ein Schreiben der Anwälte der AFC vorzufinden, aber das hatte ihre Gastgeberin sofort zwinkernd ausgeschlossen.
      Zum Glück konnte Melinda sie sofort wieder durch ihre spannenden Geschichten davon ablenken.

      Als eine Abfahrt in Sicht kam, die eigens für den AFC-Hauptsitz gebaut worden war, staunte Velvet Bauklötze. Die relativ öde Umgebung war hier und da durch ein paar Bäume und Sträucher gespickt, aber all das stand im Schatten einer riesigen Anlage. Vom hexagonalen Hauptgebäude führten regelrechte Brücken alle zwei Stockwerke in einen kleinen, 'normalen' Trakt. Zur Rechten befand sich ein gut besuchter, riesiger Parkplatz.
      „Wow!“, hauchte Velvet beim Anblick der Glassphäre, die sich auf dem Dach des Hauptgebäudes befand und in der Duel Monsters-Hologramme projiziert wurden.
      „Du bist die Erste, die Bauklötze staunt“, gluckste Melinda neben ihr, „die Meisten sagen, dass es auf Bildern wesentlich imposanter aussieht. Aber so ist es mit vielem.“
      Im vorderen Bereich des Hexagons war zudem eine Eingangshalle aus Glas angebaut, über der – ebenfalls per Hologrammtechnologie – das Logo und der Schriftzug der Abraham Ford Company angezeigt wurden.

      Als sie den Gebäudekomplex schließlich erreichten, hielt die Limousine direkt vor dem Haupteingang an. Der Boden war mit grauen Pflastersteinen bedeckt. Drei Stufen führten hinauf zu einer Reihe gläserner Schiebetüren, hinter der sich zu Velvets Erstaunen eine Sicherheitskontrolle befand.
      Melinda, die den irritierten Blick bemerkte, meinte: „Das ist notwendig.“
      „O-okay.“
      „Geht auch ganz schnell.“

      Nach der Prozedur, wo sie durch eine Art Scanner hindurchgehen und anschließend ein Besucherformular ausfüllen musste, führte Melinda sie durch die Lobby. Der Empfang befand sich direkt in der Mitte der riesigen Halle und bestand aus einem kreisrunden Glastresen, der sich um eine Säule schlang. Gleich mehrere Damen saßen dort verteilt und nahmen Telefonate entgegen.
      „Wir haben oft Besuch“, erklärte Melinda heiter, „von Designern, Aktionären, Profiduellanten, hin und wieder auch Anwälten …“
      „O-oh“, stieß Velvet hervor und sah betreten zu Boden. Sie konnte ihr Spiegelbild verschwommen in den schwarzen Marmorfliesen sehen, die scheinbar regelmäßig poliert wurden, so wie sie glänzten.
      „Entschuldigung.“ Melinda sah die Schwarzhaarige mitleidig an. „Ich wollte nicht auf deine Situation anspielen, falls das so rüberkam.“
      „N-nein, schon gut.“
      „Unsere Empfangsdamen haben aber noch mehr zu tun, als Besucher zu betreuen. Sie müssen sich beispielsweise auch um Beschwerden der verschiedenen Agenturen kümmern und Telefonate weiterleiten an die entsprechende Abteilung.“
      Velvet war der jungen Frau dankbar dafür, dass sie sofort das Thema wieder aufgriff, statt weiter auf ihre Lage einzugehen. Das würde noch früh genug kommen.
      „Das ist sehr interessant“, ging sie daher mit aufrichtigem Interesse darauf ein, „ich habe mich immer gefragt, wie es hier so zugeht.“
      „Haha, meist sehr chaotisch. Kunden sind nie zufrieden, besonders weil sich in den letzten Tagen immer wieder einige unserer Server verabschiedet haben.“
      „W-was? Davon wusste ich gar nichts!“
      Melinda seufzte schwer. „Na ja, meistens ist die Ostküste betroffen. Aber die Probleme mehren sich und damit auch die Beschwerden. Die Presse wartet schon auf eine Stellungnahme, aber was soll ich ihnen sagen? Bei den Wartungen ist uns nichts aufgefallen und danach funktioniert auch wieder alles.“
      „Das tut mir leid.“
      „Muss es nicht, ist ja nicht deine Schuld. Mir tut es leid für die Unannehmlichkeiten, die euch dadurch entstehen.“ Während sie am Empfang vorbei schlenderten, zwinkerte der Rotschopf ihr verschwörerisch zu. „Ich weiß wie es ist, ein tolles Duell zu Ende spielen zu wollen, es aber nicht zu können.“

      Sie peilten eine riesige Front aus Aufzügen an, die sich weiter hinten in der Halle befand. Jene waren ebenfalls aus Glas, man konnte die Mitarbeiter in ihren Anzügen sehen. Erst jetzt bemerkte Velvet, dass die Halle noch viel höher war als gedacht, denn sie konnte hoch bis zu den oberen Etagen sehen.
      „Komm“, bat Melinda sie mit einem Wink.
      Beide stiegen in einen der Fahrstühle. Da fiel der Brillenträgerin auf, dass die gläserne Tastatur jedes Stockwerk dreimal aufzähle. So gab es zum Beispiel Etage 3, 3L und 3R.
      „Unsere Aufzüge können etwas ganz Tolles“, gluckste Melinda, der der verwirrte Blick auffiel und drückte die 3R-Taste.
      Es ging ganz normal aufwärts, aber als sie das dritte Stockwerk erreichten, öffneten sich nach rechts die Schächte der anderen Aufzüge. Es gab einen kaum merkbaren Ruck und plötzlich fuhr er an einer Schiene entlang nach rechts, bis er die rechte Seite der Halle erreicht hatte.
      „Uh …“
      „Irgendwie sinnlos“, gluckste Melinda, „wir hätten auch einfach Aufzüge auf beiden Flügelseiten bauen können, aber Dad wollte technischen Schnickschnack. Der Alte hat einfach zu viel Geld.“
      Die beiden stiegen aus. Velvet trat auf Glas und erkannte, dass sich auch unter ihnen solch ein Schacht befand.
      „Das Ding könnte dich sogar bis ans Ende des Komplexes bringen, aber mein Büro ist nur ein paar Meter voraus.“ Melinda deutete einen langen Gang entlang.

      Die beiden gingen nebeneinander her und plauderten weiter. Es gefiel Velvet hier. Vielleicht hätte sie hier einen Job angenommen, sofern sich ihr natürlich die Möglichkeit geboten hätte. Aber bei ihrer Vorgeschichte konnte sie das wohl inzwischen vergessen.
      Die Mitarbeiter, die ihnen auf ihm Weg entgegen kamen, grüßten höflich.
      Am Ende des mehr als nur ein paar Meter langen Gangs erreichten sie besagtes Büro schließlich. Überhaupt schloss hier jeder Raum an den anderen an, aber sie alle waren durch schwarzes Glas nicht einsehbar. Zumindest die meisten nicht, manche waren zum Gang hin durchsichtig. Velvet glaubte, dass sich dahinter eine Art Technik verbarg, mit der man dies steuern konnte. Melinda legte keinen Wert auf Privatsphäre, in ihres konnte man hineinsehen.
      Dadurch konnte das Mädchen auch einen Blick auf ein sich anschließendes Treppenhaus erhaschen, das am Ende des Ganges und neben dem unter ihnen verlaufenden Fahrstuhlschacht lag.

      „Nach dir“, meinte Melinda, die sich vor die Tür stellte und jene mit dem Mitarbeiterausweis um ihren Hals entriegelte. Sofort schoss diese auf.
      Nachdem beide eingetreten waren, bewahrheitete sich Velvets Vermutung. Indem der Rotschopf in die Hände klatschte, verdunkelte sich das Glas und plötzlich waren sie ungestört.
      „Setz' dich“, bat Melinda, als sie ihren Schreibtisch umrundete und hinter diesem Platz nahm.
      Nur sehr zögerlich nahm Velvet das Angebot an und ließ sich auf dem bequemen Lederstuhl nieder, der vor dem Mahagonitisch stand.
      Das sanfte Lächeln der rothaarigen Frau machte sie nur nervöser.
      „I-ich weiß, warum ich wirklich hier bin. Ich habe gegen Ihren Bruder-“
      „Ich habe dich nicht hergeholt, um dich zu bestrafen“, ging Melinda sofort dazwischen, „im Gegenteil. Trotz gewisser Defizite hast du dich gegen Henry hervorragend zur Wehr gesetzt. Ein tolles Duell.“
      Beim Nicken fiel Velvet fast die Brille von der Nase. „D-danke.“

      Melinda machte eine Pause, damit die Kleine sich erstmal ein wenig sammeln konnte. Aber sie wagte es nicht, überhaupt aufzusehen. Was den Ford-Spross zum Seufzen brachte. „Du hast mich natürlich durchschaut. Ich hatte in der Tat den Hintergedanken, noch einmal mit dir über -diese Sache- zu sprechen. Also komme ich am besten gleich zur Sache. Du sagst, du hast keine unserer Excel-Karten gestohlen. Und ich glaube dir.“
      „Wirklich!?“
      „Ja.“ Zur Bekräftigung nickte Melinda, faltete die Hände ineinander. „Aber dadurch bleibt die Frage offen, wie du dann in den Besitz deines Pegasus' gekommen bist. Wir haben diese Karte nie entwickelt – das hat mein Bruder dir bisher nicht gesagt. Und gerade deswegen sind wir verpflichtet, dem nachzugehen.“
      Panisch stammelte Velvet: „I-ich sagte doch, ich weiß es nicht. Wenn Sie wollen, gebe ich ihn sofort zurück, Miss Ford!“
      „Nein, du kannst ihn behalten. Und sprich mich doch bitte mit meinem Vornamen an. Ich bin Melinda.“
      „Okay“, nuschelte die Schwarzhaarige, aber sank dabei nur tiefer in den Stuhl.
      „Velvet, das klingt jetzt … merkwürdig. Aber ich denke, dass du ein ganz besonderes Mädchen bist. Möchtest du mir vielleicht erklären, warum ich das glaube?“ Melinda versuchte so freundlich und offen wie möglich zu klingen.
      Ihr Gegenüber schüttelte verunsichert den Kopf.
      „Mein Bruder und ich, wir haben in der Vergangenheit auch einige Dinge erlebt, die wir uns anfangs nicht erklären konnten“, sprach Melinda weiter, „wir waren genauso verängstigt wie du, das kannst du mir glauben. Bis wir begriffen, dass es … nicht immer für alles logische Erklärungen gibt. Und ich glaube, dir geht es im Moment nicht anders.“

      Plötzlich sah Velvet sie an. Zutiefst erschrocken, gar panisch. Wäre sie nicht von Hause aus so blass, hätte man befürchten müssen, dass sie jeden Moment ohnmächtig wird.
      „Du kannst mir vertrauen, auch wenn dir das berechtigterweise sehr schwer fällt. Gibt es etwas, das du mir sagen möchtest, aber nicht kannst?“, hakte Melinda vorsichtig nach.
      Die Finger des Mädchens krallten sich in ihre schwarze Jeans. Sie kämpfte. Mit sich selbst. Dann sah sie, den Tränen nah, auf. „Nein. Tut mir leid, Miss Ford.“
      „Melinda“, korrigierte sie jene sanft. Nickte dann aber verständnisvoll. „Alles klar. Dann werde ich nicht mehr nachfragen.“
      Beschämt sah ihr junger Gast zur Seite.
      „Aber wenn du jemals Hilfe brauchst, kannst du dich jederzeit bei mir melden.“
      „D-danke …“
      Seufzend erhob sich Melinda schließlich, strahlte dann aber plötzlich kindlich. „Tja, was hältst du erstmal von dem versprochenen Rundgang, um die Stimmung etwas zu heben?“
      Auch Velvet erhob sich. „Uh, also, Sie … d-d-du musst das nicht tun.“
      „Ach komm schon, das wird dir bestimmt gefallen. Ich zeige dir die Labore, wo wir Karten entwerfen und wie sie dann dort hergestellt werden.“ Melinda zwinkerte. „Sowas bekommt nicht jeder zu sehen.“
      „Ist das wirklich ok? Nach allem, was passiert ist?“
      „Oh, höre ich da ein Schuldeingeständnis?“, kicherte der Rotschopf schelmisch, schlich um den Schreibtisch und schnappte Velvets Schulter.
      „N-nein!“, protestierte die hektisch.
      „Dann hast du keinen Grund, so bescheiden zu sein. Los, los! Damit kannst du dann schön vor deinen Klassenkameraden angeben, also mach ruhig ein paar Bilder!“

      Gerade als die beiden die Tür erreicht hatten, wurde es schlagartig stockdunkel, nicht nur in Melindas Büro, sondern auch auf dem Gang.
      „Ein Stromausfall?“, wunderte sich Velvet.
      Melinda sagte nichts. Kurz darauf erhellte das Display ihres Smartphones den Raum, welches sie an ihr Ohr legte. „Tommy, ich bin's. Was ist da los?“
      Die Schwarzhaarige sah sie von der Seite nervös an. Da stimmte etwas nicht, denn mit jedem unverständlichen Wort, dass dieser Mann am anderen Ende der Leitung sprach, wurde der Ausdruck in Melindas angeleuchtetem Gesicht düsterer.
      „Völlig zerstört?“, hauchte sie fassungslos. „W-was? Sind sie bewaffnet!?“
      Velvet erschrak laut, sodass die junge Frau sich zu ihr umdrehte. Hastig sprach sie: „Das kann nicht sein, die wären nicht durch die Kontrolle gekommen. Denk doch mal nach, Tommy! J-ja, natürlich, alle sollen in ihren Büros bleiben, aber-! Nein! Die Security soll nach diesen Typen suchen. Alles klar, ich verspreche es.“
      Was auch immer der Rotschopf da versprach, sie schien sich nicht daran halten zu wollen, wie die gekreuzten Zeige- und Mittelfinger ihrer freien Hand verrieten. Seufzend legte Melinda auf.
      „Velvet, wir haben ein Problem. Angeblich sind zwei bewaffnete Männer hier eingedrungen und haben unsere Stromzufuhr unterbrochen. Mit dem Notstrom gibt's ebenfalls Probleme, aber“, meinte sie und wandte sich dem Mädchen zu, „wir bekommen das in den Griff.“
      „B-bewaffnet!?“, keuchte das Mädchen und wich zurück.
      „Bleib hier und versteck' dich am besten, verhalte dich ruhig. Dir wird nichts geschehen, das verspreche ich dir.“
      „U-und Sie?“
      Melinda schnalzte mit der Zunge. „Du! Wir sind beim Du! Ich muss etwas überprüfen. Irgendwas an der Geschichte stinkt wie die Socken meines Bruders nach einem Tennisspiel mit Dad.“
      Entgegen dem Ernst der Lage musste Velvet glucksen. Um dann gleich zu erkennen, dass sich Melinda in Gefahr brachte, wenn sie alleine durch dieses riesige Gebäude streifte. „Bitte, Sie dürfen nicht alleine gehen! Was wollen Sie überhaupt-“
      „Keine Zeit für Erklärungen.“ Melinda hob ihr Smartphone hoch. „Ich sehe genau, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu geht. Und als zukünftige Erbin der Firma ist es meine Pflicht, dem nachzugehen. Warte auf mich, Velvet!“
      Kaum hatte sie ihre heroische Ansprache mit einem deutlich schelmischen Grinsen zum Besten gegeben, wandte sie sich der Tür zu und riss sie mit erstaunlich viel Kraft für so eine zierliche Person auf.
      „M-miss Ford! I-ich meine Melinda!“

      Velvet eilte ihr bis zur Türschwelle nach und sah dem Licht nach rechts hinterher, das sich Richtung Treppenhaus bewegte. Es war nur ein Impuls, aber statt die Tür wieder zu schließen, eilte die Schülerin ihr kurzerhand hinterher.
      „Warte!“
      „Bleib wo du bist, Velvet!“
      Aber darauf hörte das Mädchen nicht. Irritiert rannte Velvet der jungen Frau hinterher, die nur mit dem Licht ihres Smartphones ausgestattet war, bereits die Stufen des dunklen Treppenhauses hinab eilte. „W-warte doch! Ich komme mit!“
      „Das kannst du nicht!“
      „Doch!“, widersprach Velvet mit all ihrer zur Verfügung stehenden Courage. „Ich lasse dich nicht alleine, immerhin betrifft mich das auch!“
      Der Rotschopf machte kurz Halt und stöhnte. „Wer hätte gedacht, dass du so ein Sturkopf bist? Egal, weiter!“
      Schon rannte sie wieder los, fast, als versuche sie Velvet abzuhängen. Aber die war immerhin sportlich genug, wenigstens ansatzweise mitzuhalten, wie sie Stockwerk um Stockwerk nach unten eilten. Dabei musste sie noch aufpassen, ihr Telefon, das ihr als Lichtquelle diente, nicht fallen zu lassen.
      „W-was für einen Verdacht hast du denn überhaupt?“, wollte Velvet wissen und merkte dabei schon, dass sie immer mehr aus der Puste geriet, weil der Weg hinab kein Ende nehmen wollte.
      „Irgendjemand schnüffelt hier herum“, kam eine angestrengte Antwort, „ich hab’s im Blut!“
      „I-ich habe nichts-“
      Melinda, die eine ganze Etage Vorsprung hatte, hielt auf den Stufen lächelnd an. Auch sie war schon außer Atem geraten. „ Ha … Weiß ich doch!“
      „A-aber wie kommst du darauf, dass es überhaupt einen Eindringling gibt?“
      „Sagen wir, der Strom ist nicht überall ausgefallen. Das hier“, erklärte die junge Frau und hob ihr Smartphone hoch, während Velvet langsam zu ihr aufschloss, „hat immer noch Kontakt zu den Servern, was nicht gehen sollte, wenn sowohl Haupt- als auch Notstrom ausgefallen sind.“
      „Sollten wir die Sache dann nicht den Wachmännern überlassen?“
      Der Rotschopf stürmte bereits weiter. „Ich will demjenigen selbst gegenüber stehen. Das ist nicht das erste Mal, aber dieses Mal erwische ich ihn oder sie!“

      Und so rannten die beiden weiter, bis es irgendwann nicht mehr tiefer nach unten ging. Was folgte waren diverse Gänge, wie ein Labyrinth, die allesamt so dunkel waren wie die oberen Stockwerke.
      Mühselig hielt Velvet mit Melinda Schritt, die ihrerseits auch erschöpft war, aber von ihrem Ehrgeiz angetrieben wurde. Hoffentlich war dort niemand, flehte Velvet innerlich. Und wenn doch, bitte unbewaffnet. Vielleicht war es doch keine gute Idee, mit Melinda mitzukommen, aber sie hätte ein furchtbar schlechtes Gewissen, wenn sie es nicht täte …

      Am Ende des letzten Ganges betraten die Zwei einen nur durch Notbeleuchtung rot erhellten, kreisrunden Raum, in dessen Mitte sich eine Säule befand. Dicke Kabel führten von ihr am Boden und an den Wänden in alle möglichen Richtungen, vor ihr stand eine Eingabekonsole.
      „Wow“, staunte Velvet und sah sich in dem leeren Raum um. Die Akustik war seltsam widerhallend.
      „Der Serverraum ist gleich … da hinten“, deutete Melinda keuchend auf einen Gang voraus.
      „Melinda“, stammelte Velvet plötzlich, als ihr beim Umsehen etwas ins Auge stach und stieß rückwärts gegen jene. „D-dort!“
      Sie zeigte auf zwei Männer in dunkler Uniform, die nebeneinander gegen die Wand gelehnt lagen, unweit vom Eingang, sodass sie nicht sofort bemerkt worden waren.
      „Oh nein!“, brachte Melinda erschrocken hervor.
      Sofort eilten beide zu ihnen, stellten aber kurz darauf fest, dass die Wachen nur bewusstlos waren. Durch das schlechte Licht konnte man jedoch nicht erkennen, was das verursacht hatte.
      „Die sind bestimmt nicht von alleine umgekippt.“ Der kniende Rotschopf erhob sich. „Velvet, geh' los und hol Hilfe.“
      „U-und du?“
      „Der Typ ist bestimmt noch hinten im Serverraum. Ich verschaffe dir etwas Zeit, damit-“
      Doch zu ihrem eigenen Erstaunen protestierte Velvet erneut: „Nein! Alleine zu gehen ist viel zu gefährlich. Was, wenn das mehrere sind?“
      „Damit komme ich schon klar!“
      Das Mädchen mit der Brille schüttelte den Kopf. Sie hatte ein ganz ungutes Gefühl bei der Sache. „Ich wüsste nicht mal, wo ich nach Hilfe suchen soll! Bitte, lass mich mitkommen!“
      Vielleicht war alles auch nur ein Irrtum oder der Eindringling schon weg? Aber sie hätte ein schlechtes Gewissen, Melinda einfach alleine gehen zu lassen.
      Melinda machte eine Pause und sah die beiden Männer an. „Warte kurz …“
      Sie schnappte sich ihr Smartphone und wählte eine Nummer. „Melinda hier. Ruf bitte einen Krankenwagen, Meyer und Bartels sind bewusstlos. Dann komm mit ein paar Jungs runter zu den Servern. Was? Wie lange? Ja. Beeilt euch. Bye.“
      Sie grinste berechnend. „Verstärkung kommt gleich! Wenn wir diese Person lange genug beschäftigen, kommt sie nicht mehr heil hier raus. Der Serverraum ist nämlich 'ne fette Sackgasse.“
      „H-hoffentlich.“

      Statt wie zuvor zu rennen, gingen sie langsam an der Säule vorbei. Ihre Schritte hallten im kreisrunden Raum nach.
      Wenn Melinda Recht behielt und dort drüben wirklich jemand war, würden sie sowieso früher oder später auf ihn stoßen. Also war es egal, ob sie sich beeilten oder nicht. Im Gegenteil, je später sie ihn überraschten, desto schneller würden die Wachmänner dann auftauchen.
      Velvet wurde ganz schwindelig bei diesen kindlichen Berechnungen, die sie da anstellte.
      Es folgte wieder ein langer Gang, aus dem bereits orangefarbenes Licht drang. Welches plötzlich einen langen Schatten warf. Melinda und Velvet blieben abrupt stehen, als sie die Gestalt sahen, die auf sie zu kam. Jene trug einen Koffer mit sich.
      „Bingo“, zischte Melinda düster, als die kaum erkennbare Person ihnen auf ein paar Metern gegenüber stand, „auf mein Bauchgefühl kann ich mich immer verlassen.“
      „Miss Ford“, sprach der Mann mit heller, eisiger Stimme, „Bauchgefühl brauchen nur diejenigen mit begrenztem Intellekt.“
      „Ich weiß genau, wer du bist. Du hast neulich schon beinahe unser System gehackt“, fauchte die zukünftige Erbin des Ford-Unternehmens zornig, „und jetzt bist du persönlich gekommen, um es durchzuziehen, nicht wahr?“
      Der Mann lachte. Es war ein kaltes, berechnendes Lachen. Er setzte seinen Koffer ab. „Sie irren sich. Ich hätte schon damals Erfolg haben können. Aber meine persönliche Neugier hat mich dazu bewogen, mir ein paar Dinge 'aus der Nähe' anzusehen.“
      Dabei führte er seine Hand zu seinem Gesicht, aber Velvet konnte nicht erkennen, was er dort tat.
      Melinda verlange zu wissen: „Wer bist du!?“
      „Ich bezweifle, dass Sie schon einmal von mir gehört haben, aber kann ihnen gerne meinen professionellen Namen nennen: Harrier.“

      Harrier? Velvet zumindest hatte tatsächlich nie von jemandem gehört, der so hieß. Vermutlich eine Art Spitzname. Der eines Hackers?

      „Habe ich nicht, aber das reicht mir schon“, knurrte Melinda zornig und hob den Arm, „und jetzt stell dich mir! Ich werde dich zur Rechenschaft ziehen!“
      Er drehte sich zur Seite weg, stand da, als wolle er gleich in die andere Richtung gehen. Von der Velvet wusste, dass sie in einer Sackgasse enden würde.
      „Keine Frage, was ich überhaupt getan habe?“
      „Das finde ich noch früh genug heraus.“ An Melindas Arm fuhr ein rotes D-Pad aus. „Vielleicht ja früher als mir lieb ist? Oder könnte es sein, dass du noch gar nicht fertig warst? Immerhin sind höchstens zehn bis fünfzehn Minuten vergangen. Du hättest dran denken sollen, dass mein Team immer noch über Mobilfunk Kontakt halten kann. Und dadurch habe ich dich erst gefunden.“
      Harrier antwortete herausfordernd: „Was soll ich sagen? Ihr Team ist mit der Jagd nach zwei nicht existierenden, bewaffneten Männern beschäftigt. Und das -durch- den 'Mobilfunk'.“
      „Eine Finte. Hmpf, wusste ich es doch.“
      „Mehr noch, hat sie Sie direkt zu mir geführt, Miss Ford.“ Harrier hob in seiner halb weg gedrehten Position seinen Arm. Es surrte. Und kurz darauf breitete sich vor jenem eine Art gebogener, roter Duel Monsters-Spielplan aus, genau wie es bei diesem Zyxx der Fall gewesen war. Und die Worte, die dann folgten, ließen Velvet das Blut in den Adern gefrieren. „Und Sie haben direkt Velvet Thorne mitgebracht. Würde ich an Glück glauben, nun ja, wäre dies mein Glückstag.“
      „W-was?“
      „Kennt er dich?“, wandte sich Melinda an das erschrockene Mädchen, was dieses mit einem Kopfschütteln verneinte.
      Durch das Licht, das von Harriers Duel Disk ausging, konnte man sie nun sehen. Die Augen eines Raubtiers hinter zwei Brillengläsern, die die beiden Frauen anstarrten, als wären sie Beute. Blondes, eine Handbreit langes Haar, das ihm über der Stirn lag. Er trug eine graue, dünne Jacke.
      „Aber ich kann Sie beruhigen, Miss Thorne. Ich bin nicht wegen Ihnen hier und habe bedauerlicherweise auch weder Zeit noch Mittel, mich in angemessener Form um Sie zu kümmern.“
      „Ganz recht, du tust hier niemandem was!“, fauchte Melinda dazwischen. „Du wirst dich mir stellen und schön ausplaudern, was das hier werden soll, wenn es fertig ist!“
      „Heh, ist es denn fertig? Ist eine Viertelstunde nicht zu wenig gewesen, um mein Werk zu beenden?“ Harrier lachte kalt. „Das überlasse ich Ihrer Fantasie.“
      Melinda schrie bis aufs Mark provoziert: „Duell!“

      [Melinda: 4000LP / Harrier: 4000LP]

      Beide zogen ihr Startblatt. Kaum hatte die Rothaarige ihre fünfte Karte in der Hand, bestimmte sie aufgebracht: „Da das hier meine Firma ist, ist es nur fair, wenn ich auch beginne.“
      „Von mir aus“, gab sich der immer noch seitwärts stehende Hacker mit dem Pseudonym Harrier unbeeindruckt. „Ihre Chancen auf Sieg sind ohnehin nicht existent.“
      Zu Melindas Schrecken musste sie feststellen, dass ihre Hand nur aus Monstern bestand, vier davon mit halb orangenem, halb grünem Kartenrand. Sie könnte demnach sofort eine mächtige Armee von Monstern beschwören. Melinda entschied sich jedoch bewusst dagegen – denn das würde sie sich für den nächsten Zug aufheben, wenn sie ihren Gegner angreifen konnte.
      „[Performapal Gold Fang]!“
      Vor ihr materialisierte sich ein goldgelber Löwe, dessen Mähne nach hinten über den Rücken gekämmt war. An seinen Vorderpfoten hingen die Reste von Eisenketten und wie jedes Zirkustier aus Melindas Arsenal, besaß auch er eine Fliege um den Hals. Das Biest brüllte wütend.

      Performapal Gold Fang [ATK/1800 → 2000 → 1800 DEF/700 (4) PSC: <3/3>]

      „Wenn er beschworen wird, erhöht er bis zum Ende des Zuges die Angriffskraft aller Performapals um 200. Jetzt bringt mir das noch nichts. Du bist!“

      Velvet, die hinter Melinda stand, konnte kaum fassen, dass sie schon wieder in Schwierigkeiten geraten war. Der nur durch den anschließenden Serverraum beleuchtete Korridor war nicht einmal das Unheimlichste. Nein, der Mann, dieser Harrier, er schien sie zu kennen. Konnte es sein, dass er mit Zyxx zusammenarbeitete? Es musste so sein, wenn sie dieselbe Duel Disk verwendeten!
      „Melinda, bitte verliere bloß nicht“, flehte die Brillenträgerin ängstlich.
      „Hey“, drehte die sich um und zwinkerte ihrem Gast keck zu, „ich bin die Erfinderin der Pendelmechanik! So einen in die Tasche zu stecken ist meine leichteste Übung.“

      Wortlos zog der blonde Mann auf und rückte dabei mit seinem Zeigefinger die dezente Brille auf seiner Nase zurecht. Selbst jetzt drehte er sich nicht um, sondern legte lediglich ein Monster auf den rein aus Energie bestehenden, roten Spielplan seiner Duel Disk.
      „Normalbeschwörung: [Digital Bug Websolder].“
      Höchstens einen halben Meter groß war jene hellgrün leuchtende Spinne, die vor ihm erschien. Bis auffiel, dass sie mechanischer Natur war – die Beine bestanden aus dünnen Nadeln, über den Leib zogen sich dünne Linien, wie man sie auf Platinen und Mikrochips vorfand.

      Digital Bug Websolder [ATK/500 DEF/1500 (3)]

      Melinda zuckte provozierend mit den Schultern. „Oh, ein PC-Geek, der ein Computerbug-Deck spielt. Für einen angeblich professionellen Hacker bist du aber nicht besonders originell.“
      Wie sie es sagte, musste Velvet kichern. Anders als sie, schien der Rotschopf gar keine Angst zu haben. Wenn sie doch auch nur so sein könnte …
      „Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie so einen Spruch loslassen, betrug 100%, Miss Ford.“ Ein dünnlippiges, berechnendes Lächeln zierte Harriers Gesicht.
      Dann streckte er den Arm nach vorne aus. „Aktivierung des Effekts von [Digital Bug Websolder]: Er wechselt eines meiner Monster in die Verteidigungsposition, demnach sich selbst, und beschwört einen Insekt-Typus von meiner Hand in ebenjener Lage. [Bachibachibachi].“
      Die Riesenspinne senkte ihren Körper herab, wodurch die Gummigelenke an ihren Beinen besonders beansprucht wurden. Dabei piepte sie unaufhörlich einen Signalton, bis neben ihr eine mechanische Biene auftauchte. Ihr Gesicht war eine einzige Fratze, der Körper langgezogen wie eine Batterie und neben den gelb-schwarzen Streifen auch mit Blitzsymbolen versehen und Beine fehlten ihr auch.

      Digital Bug Websolder [ATK/500 DEF/1500 (3)]
      Bachibachibachi [ATK/800 DEF/800 (3)]

      Schließlich konnte Melinda sich ein höhnisches Glucksen nicht verkneifen. „Oh, dann kommt wohl als Nächstes Uga Uga Uga.“
      „Ein weiterer, traurig vorhersehbarer Spruch, Miss Ford. Aber ich verstehe, dass Sie Ihr Gesicht mit aller Macht wahren möchten – und sei es nur vor diesem Mädchen.“
      Ihre grimmige Fratze entlockte ihm ein schmales, bitterböses Grinsen. Dann streckte er erneut den Arm aus. „Ich errichte das Overlay Network!“
      Unmittelbar danach öffnete sich ein Schwarzes Loch, seine Monster verwandelten sich in goldene Lichter, die als Strahlen hineingezogen wurden. „Aus meinen beiden Stufe 3-Insekten wird ein Rang 3-Monster! Xyz Summon! Erscheine, [Digital Bug Scaradiator]!“
      Eine Lichtexplosion erfolgte. Leises Surren füllte den Korridor, als aus dem Strom ein hellgrün leuchtender Mistkäfer erschien, der mit seinen hinteren Beinen einen Lüfter festhielt. Durch diesen zirkulierten zwei Lichtsphären.

      Digital Bug Scaradiator [ATK/1800 DEF/1400 {3} OLU: 2]

      „Ich weiß, was Ihnen gerade durch den Kopf geht“, sprach Harrier und schob seine Brille arrogant zurecht, „schwach und widerlich. Aber praktisch. Sehen Sie, da ich [Digital Bug Websolder] als Xyz-Material verwendet habe, wird Ihr [Performapal Gold Fang] sofort in dem Verteidigungsmodus gewechselt und verliert obendrauf all seine Punkte in diesem Bereich.“
      Der Käfer drehte sich zur Seite, genau wie Harrier zu Melinda seitwärts stand, und erzeugte mit dem Lüfter einen gewaltigen Luftstoß, der ihren Löwen in die Knie zwang.

      Performapal Gold Fang [ATK/1800 DEF/700 → 0 (4) PSC: <3/3>]

      Velvet stammelte: „Oh nein …“
      „Keine Sorge, der kann das ab“, versuchte Melinda weiterhin zuversichtlich zu bleiben. Aber auch ihr stand inzwischen Schweiß auf der Stirn. Dieser Kerl nahm sie nicht ernst und musste offenbar gute Gründe dafür haben. Sie kannte sich in der Hackerszene nicht aus, meinte aber im Nachhinein, den Namen Harrier doch schon einmal in den Nachrichten gehört zu haben. Was bedeutete, dass dieser Mann hochgefährlich war.
      Und er hatte die AFC als sein Ziel auserkoren. Der Gedanke, was er mit der Firma ihres Vaters vorhatte, erfüllte Melinda mit einem ganz unangenehmen Kribbeln im Bauch.
      „Fühlen Sie sich sicher? Ich hoffe nicht.“ Harrier nahm eine Zauberkarte aus seinem Blatt. „Ich rüste [Digital Bug Scaradiator] mit [Xyz Drain Cannon] aus. Zusätzlich sollten Sie wissen, dass [Bachibachibachi] einem Xyz-Monster die Fähigkeit 'Durchschlagschaden' verleiht.“
      Die beiden Xyz-Materialien, die durch den Lüfter des Mistkäfers flogen, begannen sich giftgrün zu verfärben und leicht zu pulsieren.

      Dieses Mal wich Melinda erschrocken zurück. Spätestens jetzt war sich Velvet nicht mehr so sicher, ob ihre Gastgeberin wirklich furchtlos war. Das Mädchen blickte auf ihre eigene, deaktivierte Duel Disk. Sollte sie sich in das Duell einmischen?

      Mit erhobenem Zeigefinger deutete Harrier auf den kauernden Löwen. „Vernichten.“
      Immer schneller begann sich die Turbine im Lüfter Scaradiators zu drehen, bis sie Feuer fing. Daraus entstand ein Flammenzyklon, der Melinda und ihr Monster erfasste. Die junge Frau schrie gequält auf, als ihr Monster explodierte und sackte geschwächt auf die Knie. Analog dazu leuchtete der Harrier grünlich, genau wie es die Overlay Units von Scaradiator taten.

      [Melinda: 4000LP → 2200LP / Harrier: 4000LP → 5800LP]

      „Er hat sich geheilt!“ Velvet schlug ihre Hände vor den Mund. „Oh nein!“
      „Äußerst 'scharfsinnig'. Und das ist der Grund, warum Sie Zyxx nur um Haaresbreite entkommen sind, Miss Thorne.“ Harrier lachte gehässig und schob seine Brille zum gefühlt hundertsten Male zurecht. „Dafür steht das Drain in [Xyz Drain Cannon]. Zugefügter Kampfschaden wird auf mein Konto übertragen. Einfache Mathematik.“
      Melinda fasste sich in ihrer Hocke an die Stirn. „Ugh ...“

      Also hatte sie Recht! Dieser Verrückte gehörte zu Zyxx! Dann … dann war vielleicht eine ganze Gruppe von Leuten hinter ihr her! Aber warum!?
      Velvets Herz schlug schneller und schneller beim bloßen Gedanken daran. Wie gelähmt sah sie den Blonden an, der seine Worte wieder an Melinda richtete.

      „Aber es geht noch weiter. Der Effekt von [Digital Bug Scaradiator] setzt ein und absorbiert das zerstörte Monster als Overlay Unit.“
      Der Rotschopf sah kämpferisch auf. „Dann habe ich schlechte Nachrichten für dich-“
      „Ich weiß, als Pendelmonster wird [Performapal Gold Fang] in Ihr Extradeck gelegt. Ich wollte nur sichergehen, dass -Sie- das nicht vergessen haben.“ Er sah prüfend auf seine Duel Disk und gab einen sich bestätigt fühlenden Laut von sich. Dann blickte er Melinda in die Augen. „Wie zu erwarten war. Sie besitzen einen überdurchschnittlich starken Äther, Miss Ford.“
      Jene erhob sich, torkelte aber rückwärts und musste von Velvet aufgefangen werden. „D-danke. Was besitze ich?“
      „Selbstverständlich wie jeder“, ignorierte Harrier ihre Frage, „der damals im Turm war.“
      „Woher-!?“
      „Wenn ich recherchiere, dann gründlich. Ich kenne Ihre dunkelsten Geheimnisse, Miss Ford.“
      Die Tochter des CEOs der Abraham Ford Company riss sich von einer erschrockenen Velvet los und streckte ihrem Gegenüber frech die Zunge raus. „Und wenn schon, ich war eben erst 13. Das ist alt genug, wenn du mich fragst.“
      „Wie hat Ihr Vater auf die Konsequenz ihrer Jugendsünde reagiert? Das konnte ich leider nicht herausfinden. Obschon dafür nicht sonderlich viel Fantasie notwendig ist.“
      Melinda erstarrte. Und ballte wortlos eine Faust, was Velvet hinter ihr sehen konnte. Sie wollte gar nicht genau darüber nachdenken.
      „Heh. Natürlich.“ Harrier nahm eine Karte aus seinem Blatt und schob sie in seine Energie-Duel Disk. „Ich setze eine Karte und beende meinen Zug.“
      Leise zischend materialisierte sich die Falle zu seinen Füßen.

      „Mein Kopf“, knurrte Melinda und fasste sich an die Stirn, „dieses Duell beginnt mir langsam auf die Nerven zu gehen. Und das sage ich nicht oft.“
      „G-geht es Ihnen nicht gut, Miss Ford?“, fragte Velvet und erinnerte sich an ihre Auseinandersetzung mit Zyxx, bei der sie ebenfalls von Schwindelgefühlen geplagt worden war.
      „Nein, alles gut.“ Melinda versuchte heiter zu klingen, scheiterte dabei aber an ihrer eigenen, zittrigen Stimme. Selbst als sie besonders betont ihr Selbstvertrauen zur Schau stellen wollte. „Jetzt verteile ich ein paar Backpfeifen. Sieh zu und lerne, Velvet! Und wir waren beim Du, schon vergessen?“
      „E-entschuldigung“, stammelte Velvet, strahlte dann aber zuversichtlich. „Dem zeigen Sie, i-ich meine, dem zeigst du es!“

      „Draw!“ Nachdem Melinda auf eine fünfte Karte aufgezogen hatte, nahm sie zwei andere aus ihrem Blatt und zeigte sie vor. „Ich aktiviere [Performapal Monkeyboard] mit dem Pendelbereich 1 und [Performapal Guitartle] mit dem Pendelbereich 6! Pendulum Scales set!“
      Tatsächlich legte sie die Karten aber in genau der entgegengesetzten Reihenfolge auf ihre Duel Disk, sodass erst eine Gitarre mit dem Kopf einer hellblauen Schildkröte und ein Affe, dessen breites Maul gefüllt mit Klaviertasten war, in zwei Lichtsäulen neben ihr empor stiegen.

      <1> Melindas Pendelbereich <6>

      „Da ich technisch gesehen [Performapal Guitartle] zuerst aktiviert habe, kann ich ihren Effekt nutzen, der mich eine Karte ziehen lässt, wenn auch die andere Pendelzone mit einem Performapal gefüllt wird.“ Melinda zog schwungvoll von ihrem Deck und streckte die Hand aus. „Und wenn [Performapal Monkeyboard] aktiviert wird, erhalte ich einen belieben Performapal vom Deck. Drummerilla!“
      Dessen Karte schob sich aus ihrem roten D-Pad. Die immer noch ausgestreckte Hand nach oben richtend, rief der wilde Rotschopf. „Und jetzt schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum!“
      Über ihr öffnete sich ein riesiges, bunt schimmerndes Loch, umgeben von dutzenden Lichtellipsen.
      „Pendulum Summon! Aus meinem Extradeck [Performapal Gold Fang]! Und von meiner Hand [Performapal Silver Claw], [Performapal Drummerilla], [Performapal Trumpanda] und [Performapal Camelump]!“
      Velvet klappte die Kinnlade hinunter, als nacheinander fünf rote Lichtstrahlen aus dem Pendelportal herab schossen und vor Melinda einschlugen. Es erhoben sich der goldgelbe Löwe, sein blau-grauer Rivale der Wolf, ein massiver Gorilla, auf dessen Brust zwei Trommeln hafteten, ein kleiner Pandabär, welcher eine gewaltige Tuba spielte und zu guter Letzt ein gelbes Kamel mit dunkelblauer Melone auf dem Kopf.

      Performapal Gold Fang [ATK/1800 DEF/700 (4) PSC: <3/3>]
      Performapal Silver Claw [ATK/1800 DEF/700 (4) PSC: <5/5>]
      Performapal Drummerilla [ATK/1600 DEF/900 (5) PSC: <2/2>]
      Performapal Trumpanda [ATK/800 DEF/800 (3) PSC: <3/3>]
      Performapal Camelump [ATK/800 DEF/1800 (4) PSC: <2/2>]

      Die Schülerin konnte nicht mehr an sich halten. „Wahnsinn! D-damit können Sie, k-kannst du ihn regelrecht über-“
      „Berechenbar“, schnitt ihr der Hacker kühl ins Wort, „aber etwas anderes war in der Tat nicht zu erwarten. Sie sind die Schöpferin der Pendelmechanik und verpflichtet, mit positivem Beispiel voran zu schreiten.“
      Der Blonde in der grauen Windjacke schob seine Brille zurecht. „Zumindest soll die Öffentlichkeit das denken. Als Sie damals Anya Bauer durch das gestellte Duell in den Legacy Cup geschleust haben, sind sie ein großes Risiko eingegangen. Das Debüt der Pendelkarten – ein totaler Reinfall.“
      Statt beleidigt zu kontern, winkte Melinda grinsend ab. „Ach hier weißt du auch Bescheid? Wie schön für dich. Aber mir war und ist bis heute völlig Banane, was die Leute von mir oder den Pendelmonstern halten.“
      Harrier schnippte mit dem Finger, wodurch seine gesetzte Falle aufklappte. „Sehen Sie, das ist Ihr Fehler. Kein Antrieb, sich weiterzuentwickeln. Vermutlich verstehen Sie sich deshalb so gut mit Anya Bauer.“
      Auf dem Bild der Falle war ein bunter Galaxienwirbel abgebildet, nicht ganz unähnlich dem Inneren des Pendelportals. Jener Sog öffnete sich vor dem Blonden, welcher ungestört weiter sinnierte. „Dadurch haben Sie Ihren Untergang noch vor dem Duell besiegelt. Diese Falle nennt sich [Time-Space Trap Hole] und schickt alle von der Hand und dem Extradeck beschworenen Monster sofort ins Deck des Besitzers zurück, auch wenn mich das für jedes von ihnen 1000 Lebenspunkte kostet.“
      „D-diese Karte-“
      „Hat Ihr eigener Bruder als Gegenmaßnahme dieser Mechanik entworfen. Bitter, ich weiß.“
      Eines der Zirkustiere nach dem anderen wurde in das bunte Loch gezogen und verschwand von Melindas Feld, deren eingefrorene Gesichtszüge Bände sprachen.

      [Melinda: 2200LP / Harrier: 5800LP → 800LP]

      Das konnte doch nicht sein, überschlugen sich Velvets Gedanken. Dieser Harrier schien das ganze Duell wie ein Computer simuliert zu haben. Erst seine Lebenspunkte zu erhöhen, um sie dann zu nutzen, um Melindas Pendelbeschwörung zu unterbinden. Sie grauste sich regelrecht davor, was er als Nächstes im Sinn hatte.
      Panisch blickte sie ihre Duel Disk an. Jeder gute Plan konnte jedoch durch unvorhergesehene Umstände über den Haufen geworfen werden. Wenn sie sich ins Duell einschaltete und ihren [Ebon Sky Pegasus] beschwor, konnten sie Harrier vielleicht zusammen besiegen. Aber was, wenn sie scheiterte? Was würde dann mit ihr geschehen? Würde ihre Todesvision dann zur Realität werden?

      Das Mädchen blickte ängstlich auf. „N-nein. I-ich werde mich nicht drücken. W-wenn dein Zug beendet ist, werde ich einsteigen, Melinda!“
      „Nein!“, bestimmte die und streckte den Arm von sich weg, um die Schwarzhaarige daran zu hindern, neben sie zu treten. „Das ist mein Kampf. Bitte versteh' das, Velvet.“
      „A-aber-!“
      „Als Erbin der Abraham Ford Company muss ich sie in Zeiten der Not beschützen. Außerdem kann ich keine Unbeteiligten in die Sache hineinziehen.“ Der Rotschopf sah über ihre Schulter und zwinkerte dem Mädchen zu. „Und mal ehrlich, mit dem werde ich auch alleine fertig.“
      Velvet nickte zögerlich und trat ein paar Schritte zurück. „Okay.“
      „Wenn es danach geht, haben Sie bisher einen hervorragenden Job geleistet, Miss Ford“, spottete Harrier sarkastisch und rückte seine Brille zurecht. „Ich hoffe, Ihre kleine Ansprache hält was sie verspricht. Wobei -das- noch nie eine der Stärken Ihres Unternehmens war.“
      „Und ich hoffe, dass du mehr als nur ein Haufen heiße Luft bist. Da ich noch kein Monster als Normalbeschwörung gerufen habe, hole ich das jetzt nach und setze es.“ Melinda legte ihre letzte Handkarte auf ihr D-Pad, woraufhin jene zischend zu ihren Füßen erschien. „Du bist!“
      Dabei begann sie schelmisch zu grinsen.

      Der blonde Hacker zog gelangweilt auf und zuckte. „Und das soll alles sein? Ich bin enttäuscht. Korrektur: Ich bin kein wenig überrascht.“
      Ruckartig streckte er die Hand nach vorne aus. „Double Rank Up-Incarnation! Ich kann zwei Overlay Units von einem Digital Bug-Monster entfernen, um es zwei Ränge aufsteigen zu lassen.“
      „Was!?“, keuchte Melinda. „Double Rank Up … Incarnation!?“
      Sie weitete die Augen, als die zwei leuchtenden Sphären um Scaradiator nach unten schossen und das Überlagerungsnetzwerk öffneten, in welches der Käfer eintauchte.
      „Noch nie davon gehört? Dabei ist das doch eine Erfindung aus dem Hause Ford. Ich rekonstruiere das Overlay Network. Aus der eigenen Kraft meines Rang 3-Monsters wird ein Rang 5-Monster! Xyz Summon! [Digital Bug Corebage]!“
      Eine optische Erschütterung suchte den Serverraum heim. Aus dem dunklen Wirbel entstieg eine riesiger, hellblauer Schmetterling. Auf seinem oberen Flügelpaar waren gelbe Platinen angebracht, die genau so leuchteten wie die Kreuze in seinen Facettenaugen.
      „Dieses Monster macht sowohl Scaradiator, als auch [Xyz Drain Cannon] durch deren eigenen Effekt zu Overlay Units“, erklärte Harrier, als zwei Lichtkugeln um den Falter zu rotieren begannen.

      Digital Bug Corebage [ATK/2200 DEF/1800 {5} OLU: 0 → 2]

      Melinda stand der Schweiß auf der Stirn. Hatte die AFC wirklich so etwas eingeführt? Wann? Etwa zu der Zeit, als sie in Livington, von Isfanel besessen, um ihre Zukunft gekämpft hatte? Eine andere Erklärung gab es nicht!
      Trotzdem würde Harrier sein blaues Wunder erleben, sobald er erst angegriffen hatte.
      „Natürlich weiß ich ganz genau, was Sie denken. Ihr überhebliches Grinsen verrät sie, Miss Ford“, sagte jeder und schob seine Brille zurecht, „'sobald er das verdeckte Monster angreift, wird er eine böse Überraschung erleben.' Aber dazu kommt es nicht.“
      Der Mann hob die Hand und schnippte mit den Fingern. „Effekt von [Digital Bug Corebage]. Im Austausch für eine Overlay Unit schickt er ein Monster im Verteidigungsmodus zurück in das Deck seines Besitzers.“
      Ein entsetztes Keuchen entfloh Melinda, als der Schmetterling mit seinem schlauchartigen Rüssel eine der beiden Lichtkugeln absorbierte. Seine Flügel begannen gelblich zu leuchten, als er in die Höhe stieg und sie, auf der Stelle verharrend, in schnellen Intervallen ausschlug.

      Digital Bug Corebage [ATK/2200 DEF/1800 {5} OLU: 2 → 1]

      Funkelnde Partikel flogen in Richtung des Rotschopfs und ihres gesetzten Monsters. Als sie auf jenes trafen, löste sich dessen Karte einfach auf. Genauer gesagt wurde sie Bit für Bit, Pixel um Pixel zersetzt, gelöscht.
      „Ah!“
      „M-Melinda!“, stieß Velvet panisch aus.
      Doch Harrier richtete bereits seinen Zeigefinger auf die junge Frau. „Wie ich es erwartet habe, große Klappe, nichts dahinter. Sie mögen die Tochter des Firmenbesitzers sein, doch verstehen Ihre eigenen Produkte nicht. Armselig. Direkter Angriff, [Digital Bug Corebage].“
      „W-wa-!?“ Melinda weitete die Augen.
      Die Facettenaugen des Schmetterlings leuchteten auf. Und keine Sekunde später feuerten sie feine Laserstrahlen auf die junge Frau ab, welche getroffen und fortgeschleudert wurde. Im Flug begann die Welt vor ihren Augen immer mehr zu verschwimmen. Den Aufprall bekam Melinda gar nicht mehr mit, sie spürte den Schmerz nicht.

      [Melinda: 2200LP → 0LP / Harrier: 800LP]

      Der Rotschopf rutschte über den glatten Boden. Velvet eilte zu ihr und fiel auf die Knie, um dem entgegenzuwirken. Das Mädchen packte die Schultern ihrer Gastgeberin und sah nur noch, wie deren Lider sich schlossen. „M-Melinda!“
      Sie schüttelte die Frau, aber die reagierte nicht. „H-hey!“
      Entsetzt sah Velvet auf. „Sie ist doch nicht tot!?“
      „Unwahrscheinlich. Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen, doch Todesfälle gab es bisher keine“, sprach Harrier kryptisch und schob seine Brille zurecht. Dann wandte er sich erstmals seinen Gegenübern zu. „Nun, ich würde mich gerne auch noch um Sie kümmern, Miss Thorne. Doch leider fehlt mir heute die Zeit dazu.“
      Er neigte sich hinab und las den Koffer auf, der die ganze Zeit neben ihm gestanden hatte.

      Passend dazu hörte Velvet die Stimme von mehreren Männern hinter sich. Sie sah über ihre Schulter und bemerkte zwei Männer in blauen Uniformen, die den kreisrunden Raum mit der Maschinensäule entlang und auf sie zu rannten. Wachmänner! Na endlich!
      „Man sieht sich“, sprach Harrier abschließend, griff in seine Jackentasche und warf etwas auf den Boden. Dabei legte er mit seiner anderen Hand eine Art schmale, weiße Atemmaske an seinen Mund an.
      Es knallte. Alles wurde in grelles Licht getaucht. Die Wachmänner, welche just in diesem Moment den Korridor zum Serverraum erreichten, bremsten und wandten sich stöhnend ab. Mehr noch, spürte Velvet, wie ihre Sinne schwanden. Gas! Das geblendete Mädchen kippte schwach zur Seite, hörte nur dumpf die Schritte Harriers, welcher an ihnen vorbei rannte. Danach Schreie der Wachmänner, die er anscheinend überrumpelte und mit Schlägen niederstreckte. Es folgte Dunkelheit.

      ~-~-~

      Drei Generationen von Bauer-Frauen saßen am kreisrunden Holztisch in der Küche der Bauers und starrten sich gegenseitig verstimmt an. Anya mit Eisbeutel in ein Handtuch gewickelt, das sie sich ans rechte Auge hielt. Sheryl, die ihre Schwiegermutter mit finsteren Blicken strafte. Und Margery, die ihre Hände ineinander gefaltet vor ihr Kinn gerichtet hatte.
      Zanthe, Matt und Claire waren da nur Pappaufsteller, die neugierig im Türrahmen standen und keinen Mucks von sich gaben.
      „Wo ist Zoey?“, fragte Anyas Großmutter scharf.
      „Nicht mehr hier. Du bist zu spät“, entgegnete Sheryl mit unterdrückter Wut, „ich hatte gehofft, dass du dich etwas beeilst. Wir waren uns einig, dass du sie so schnell wie möglich zurückholst.“
      „Hmpf.“
      „Oma, Zoey ist abgehauen“, versuchte Anya zu erklären. Und wer genau hinhörte, konnte ein leichtes Zittern in ihrer Stimme ausmachen. „Und es ist meine Schuld, irgendwie. Wir haben uns gestritten …“
      Ein Blick aus dem gesunden Auge der alten Frau genügte, um selbst eine Anya Bauer sofort zum Schweigen zu bringen. „Hmm.“
      „Es ist Zoeys Schuld“, stellte Sheryl jedoch klar, „sie hat angefangen, Anya aus Neid zu provozieren.“
      „Seid ihr beide zwölf, dass es bei euch darum geht, wer an was Schuld hat?“, raunte Margery verstimmt, schnappte sich die Büchse Bier, die neben ihr stand, und trank sie leer. „Bah! Ihr wisst, wie empfindlich das Gör ist!“
      Aber Sheryl ließ sich davon nicht beeindrucken. „Die kommt schon wieder. So sind Mädchen in ihrem Alter. Spätestens, wenn ein Anruf von der Polizei kommt, wissen wir wo sie ist. Und der wird nicht lange auf sich warten lassen.“
      Der letzte Satz war mit besonders viel Missachtung gesprochen. Anya schluckte, hoffte sie insgeheim doch inständig, dass genau das nicht geschehen würde. Zoey konnte sich keinen Ärger mehr leisten.
      „Meine Enkelinnen sind gute Mädchen“, stellte Margery klar. Anya lächelte sofort besonnen in sich hinein. „Nur etwas dumm. Aber sie finden immer ihren Weg zurück nachhause. Ich werde warten.“
      „Nicht-“
      „Hier“, schnitt die alte Dame ihrer Schwiegertochter ins Wort. „Bis die kleine Zoey wieder ins Nest zurückgeflogen ist. Und in der Zeit werdet ihr euch Gedanken machen, wie ihr euch bei ihr entschuldigt.“
      Kleinlaut murmelte Anya: „Ja, Grandma …“
      „Und ich sorge dafür, dass sie sowas nicht nochmal macht“, murrte jene hinterher, „und jetzt, Anya, erzähl deiner Grandma, was du so alles erlebt hast.“
      Deren Mimik hellte sich sofort auf. Sie wusste, dass ihre Oma entgegen ihrer rauen Schale ein guter Mensch war, der seine Familie liebte. Sofort verblasste ihre Euphorie wieder. Hoffentlich war das bei Zoey genauso. Aber Grandma kannte sie am besten und würde Recht damit haben. Zoey würde zurückkommen, sobald sie ihren Dampf abgelassen hatte. Und Grandma würde sie dafür bestrafen, aber …
      Anya seufzte schwer. Aber was wenn sie sich irrte?
      „Also, angefangen hat es …“


      Turn 95 – Bonds
      Anyas erster offizieller Termin zum Eintritt in die Profiliga ist herangerückt. Im Livingtoner Einkaufszentrum, dem gläsernen Kolosseum, soll sie sich ihrem Gegner stellen, der die neuesten Duel Monsters-Karten vorstellen soll. Jener entpuppt sich als ein bekanntes Gesicht, ganz zum Erstaunen des Mädchens. Und als besonders schwerer Widersacher …


      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Melinda

      Performapal Gold Fang
      Performapal Silver Claw
      Performapal Drummerilla
      Performapal Trumpanda
      Performapal Camelump
      Performapal Guitartle
      Performapal Monkeyboard

      The Harrier

      Digital Bug Websolder
      Bachibachibachi

      Xyz Drain Cannon
      Zauber/Ausrüstung
      Wenn das ausgerüstete Monster Kampfschaden zufügt, erhöhe deine Life Points um denselben Betrag. Wenn das ausgerüstete Monster als Material für eine Xyz-Beschwörung benutzt wird, kannst du diese Karte von deinem Friedhof als Xyz-Material an das beschworene Xyz-Monster hängen.

      Time-Space Trap Hole

      Digital Bug Scaradiator
      Digital Bug Corebage


      Die Folge als PDF

      Ich hoffe, es hat euch gefallen. Über konstruktive Kritik und Lob freue ich mich wie immer. ^^
      Spoiler anzeigen


      Zu Cythia; Nicht falsch verstehen. Der Name passt schon. Und wie du schon schriebst hatte ich als Leser sofort eine Idee wie dieser Charakter ungefähr so sein könnte. Beim bloßen Namen mit der Kombination eines ehemaligen Champions.

      Anyas Story faden: Oma Anya eh Bauer lernten wir also in dieser Folge kennen. Das Geheimnis warum Anya so ist wie sie ist ist damit gelüftet. Es ist zum Großteil die DNA schuld und die Schläge ihrer Oma. Aber auf den Satz "Eine Bauer verliert kein Finale" kann ich nur erwidern wie der Vater so die Tochter. Robo Clairs Entwicklung zu Anroid Clair hat also stattgefunden. Welches lv hat sie den erreicht? Und wann wird sie zu Cyborg Clair und Human Clair? Meine Vermutung ist ja ab lv50 und 75. Ich weiß nicht mehr ob es schon in älteren Folgen behandelt wird. Aber die Bauer Familie säuft schlechtes Bier. Ich meine Büchsen Bier... Realy? Ich weiß das ganze spielt in den USA aber ich hatte gedacht das Anya gutes Bier mag. Ich vermute mal bei der nächsten Rückkehr von Zoey wird es erstmal noch feindseliger zugehen als das erste Duell schon war. Wenn Zoey erstmal erfährt das ihre eigene Familie ihr die Existenz von gutem Bier all diese Jahre verschwiegen hatte... oh man dann geht die Post ab XD

      Velvets Story faden; Ok Velvet Ausflug in das dunkelste Geheimnis der Kartenherrstellung, aus Seelen, von Konami wird bestimmt spannend. Was es ist die Ford Company blos? Ich habe gehört die benutzen sehr gute Pappe und bieten dazu noch die Hologramm Technologie an. Und sie haben versprochen niemals Firerwall zu drucken. Gute Firma. Konami kann sich bei denen ruhig eine Scheibe abschneiden. Natürlich glaubt Velvet das sie für etwas verklagt wird das sie nie begannen hatte. Henry ist doch nicht böse. Kann sie halt nicht wissen. Melinda geht sogar noch mit ihr im dunklen joggen. Dazu treffen sie noch nen Bösewicht und Miss Ford wirft sich duellierend vor Velvet, auf den Boden... Das war schon eine harte und peinliche Niederlage für sie. Vor allem hätte sie doch in ihrem aller ersten Spielzug deutlich mehr machen können und müssen und sollen.
      Suche Spieler aus Bayern/Schwaben die in der Nähe von Günzburg/Giengen/Dillingen/Lauingen und Gundelfingen an der Donau wohnen. pls PN an mich :) :thumbsup: :drunk: :cain: :verschwoerung:
      Spoiler anzeigen
      So, da hast also dein System der Profiliga eingeführt. Finde ich mal spannend, das so explizit gestaltet zu sehen, wie hier mit den verschiedenen Rängen. Ich freu auf alles wie ein Schneekönig, was damit zu tun hat, ich hab Turniersituationen schon seit Pokemon geliebt...oh mein Gott ist das lang her ^.^
      Es war ja lange offen, ob der Traum von der Profiliga jemals konkrete Züge annimmt, von daher freut es mich umso mehr, dass es soweit ist.

      Du hattest die Großmutter Bauer schon einige Male angekündigt, und sie hält was sie verspricht. Ich fand die Sache mit Augenklappe ja schon deliziös, aber dann die Aktion mit Claire und Anya :D

      Das Rätsel um Velvets Natur ist jetzt also von den Fords bemerkt worden. Komisch, irgendwie frage ich mich erst jetzt so wirklich, was die Erklärung für ihre Visionen sein könnte. Oder vielmehr: wer Velvet WIRKLICH ist. Ich finde bloß keine Hinweise darauf. Velvets Charakter und Umfeld kennen wir, aber sonst...?

      Der Angriff auf die AFC scheint ein Puzzleteil von einem großen Ganzen zu sein, das ich aber nicht erkennen kann. Vielleicht ist es dafür ja auch einfach noch zu früh.


      Ich hoffe du hattest ein gutes Jahr und wirst TLA noch ein wenig weiterführen. Ich bin wirklich dankbar, dass du diese FF schreibst. Das ist ein Geschenk, das du mir und den anderen Lesern schon die ganze Zeit machst und vielleicht ist der heutige Feiertag daher auch eine gute Gelegenheit, auch an die bereits erhaltenen Geschenke zu denken. In dem Sinne, frohe Weihnachten -Aska-! :)

      Hallo alle miteinander!
      Ich wünsche euch ein frohes Neues und bedanke mich für eure Aufmerksamkeit!

      @WiR
      Die ganze Bauer-Familie ist eben komplett verkorkst. Zoey ahnt zwar nichts von den Bierproblemen ihrer Verwandten, aber muss sie auch nicht. Sie bekommt Screentime, das ist wichtiger. :D

      Das Firewall-Problem wurde ja inzwischen behoben. Gut, dass Levrier/Gem-Knight Pearl sowas nie passieren kann - oder?
      Ja, Melinda war zu zurückhaltend und hat dafür auf die Fresse bekommen. Eine Blamage mehr für sie, aber die kann das ab.

      Herzlichen Dank für deinen Post.

      @Mcto
      Ich finde das Profi-Leben auch sehr interessant. Besonders da die Animes - mit Ausnahme von GX - nie richtig darauf eingehen.
      Leider werde ich da keinen Deut besser sein, denn der Fokus liegt nunmal auf ganz anderen Sachen. Mehr als Anschneiden kann ich das Thema momentan nicht.

      Cool, dass Grandma Bauer so gut ankommt. Ich mag sie auch, habe lange auf ihre Einführung gewartet. Mal sehen, was sich noch aus ihr machen lässt.

      Velvets Geheimnisse werden gelüftet. Aber noch nicht so bald. Dir wird bis dahin aber sicher das ein oder andere auffallen. Ich bin gespannt. :)

      Die AFC ist ein Puzzleteil, aber auch ein Mittel zum Zweck. So kompliziert ist es eigentlich nicht.

      Ansonsten: Ich denke, ich hatte ein recht gutes Jahr. Ich hoffe, du auch.
      Ich finde es sehr berührend, dass du meine FF als Geschenk empfindest. Das hört man nicht jeden Tag. Danke.
      Auch möchte ich deinen Worten beipflichten. Auch an das zu denken, was man schon hat.

      In diesem Sinne vielen lieben Dank für deine Treue. Es ist ebenso ein Geschenk für mich, euch als Leser zu haben. :)


      Mit einer mächtigen Prise Elan geht es jetzt weiter mit:

      Turn 95 – Bonds
      Anya saß neben Cynthia in deren schwarzem Ford Fiesta.
      „Bereit?“, fragte ihre Mentorin herausfordernd, während sie in eine Straße einbog. Weiter voraus konnte man bereits das riesige, gläserne Kolosseum sehen, das riesige Einkaufszentrum Livingtons, das nicht so recht in die ansonsten eher gemütliche Vorstadt passen wollte.
      „Yeah. Wer ist mein Gegner?“
      „Verrate ich nicht. Noch nicht.“
      „Warum?“, wollte Anya wissen, die auf ihre neue Duel Disk starrte. „Irgendso ein No-Name etwa?“
      „Nein. Ich habe dir doch erklärt, dass du erst eine gewisse Anzahl an offiziellen Duellen bestreiten musst, ehe man dich in die Liga aufnehmen kann.“ Die tätowierte Blonde im schwarzen Tank-Top grinste ihr von der Seite zu. „Was für eine Lehrerin wäre ich, dir irgendeinen Schwächling zu servieren? Keine Sorge, dein Gegner wird ganz deinen Vorlieben entsprechen. Hehe …“

      Sehr gut, dachte das Mädchen mit grimmiger Vorfreude, auch wenn diese Lache eher Grund zur Sorge darstellte. Schließlich musste sie das Duell auch gewinnen, wenn sie mit ihrer Karriere voran kommen wollte.
      Trotzdem konnte sie es kaum erwarten.

      ~-~-~

      Ehe sie sich versah, befand die Blonde sich im Laden ihres ehemaligen Arbeitgebers Mr. Palmer, der an der Kasse stand und ein paar Kunden bediente – mit dem Flohpelz! Den er, zu Anyas völligem Unverständnis, -nicht- entlassen hatte.
      „Du hast noch ein paar Minuten“, sprach Cynthia neben ihr und klopfte der Kleineren kumpelhaft auf die Schulter. „Schreib' am besten ein paar Autogramme vor oder so. Hab ich damals auch immer gemacht, dadurch hat man nach hinten hinaus weniger zu tun.“
      „Als ob irgendeiner von ihr Autogramme will“, rief Zanthe von der Theke herüber, „einmal hat sie tatsächlich versucht, die Leute damit abzuziehen.“
      „Ich wollte nur 50 Dollar“, verteidigte sich Anya, „das is'n Schnäppchen!“
      Und außerdem hatte sie das nur zum Spaß gesagt, weil man sie so genervt hatte. Hätte doch keiner ahnen können, dass der Spinner das wirklich bezahlen wollte! … hätte sie das Geld doch bloß angenommen und nicht auf Levrier gehört, hmpf!
      „Mit euch wird es nicht langweilig, huh?“ Cynthia drehte sich um und winkte den beiden im Weggehen zu. „Ich schau mal nach, ob schon alles vorbereitet ist. Bis gleich.“

      Anya trottete mit zusammengekniffenen Augen herüber zur Kasse und stand Zanthe missmutig gegenüber.
      „Es ist nur ein Aushilfsjob“, wusste er genau, was dieser Blick sollte, „ich will euch ja nicht auf der Tasche rumliegen.“
      „Ist ok“, winkte sie ab, „ich vergebe dir, wenn du mir verrätst, was für Karten in diesem neuen Booster drin sind, mit denen mein Gegner heute spielt.“
      Der Werwolf mit dem roten Kopftuch sah sich um, aber der dunkelhäutige Mr. Palmer war zu sehr damit beschäftigt, mit zwei Kundinnen zu flirten, um ihr Gespräch zu belauschen.
      „Also schön“, flüsterte Zanthe, griff unter den Tisch und legte dem Mädchen einen Prospekt vor die Nase, „vier neue Pendelthemen, eines für jedes Element.“
      Neugierig beugte Anya sich herüber. „Igknight, Majespecter, Dinomist und Amorphage, huh?“
      „Jep. Igknights zerstören sich selbst, um neue Kameraden zu suchen und das Feld zu füllen. Majespecter setzen Zauber und Fallen aufs Feld, die deine Monster entsorgen“, erklärte er und fuhr mit dem Finger von einer Beispielkarte zur nächsten, „Dinomist sind vergleichsweise starke Monster mit guten Defensivfähigkeiten und Amorphage blockieren mit ihren Pendeleffekten den Gegner.“
      Anya kratzte sich am Hinterkopf. „Und welches wird er spielen?“
      „Weiß ich nicht.“
      „'kay, trotzdem danke. Dann kann ich mich zumindest drauf einstellen, sobald ich das erste Monster sehe.“
      Aber der Flohpelz sah sie skeptisch an. „Ach wirklich? Ich wette du rennst in die erste, noch so offensichtliche Falle.“
      „Schnauze!“

      Was ist eigentlich aus deiner Keine-Hilfe-Mentalität geworden, Anya Bauer?

      „Du auch, Levrier! Ein bisschen Recherche ist schon okay, wird mein Gegner sicher genauso machen.“
      In dem Moment stellte sich Mr. Palmer neben seinen Angestellten. „Anya! Ich hoffe, wir sehen heute eine Glanzleistung von dir.“
      Das Mädchen grinste zuversichtlich. „Ich geb' mir Mühe, Mr. P!“
      „Ja“, stimmte Zanthe versöhnlich ein und nickte an Anya vorbei, „viel Glück.“
      Die Blonde drehte sich um und sah Cynthia im gläsernen Türrahmen stehen, die sie zu sich winkte.
      „Siehst du dir mein Spiel an?“
      „Klar!“, erwiderte der Werwolf auf die Frage seiner Freundin. „Matt ist übrigens auch hier. Mit Valerie~!“
      Sofort verengten Anyas Augen sich zu Schlitzen. Was!? Die war auch hier!? Na toll, schon war ihre Laune im Keller. Redfield sollte nicht Zeuge ihres ersten Schrittes Richtung C-Liga werden. Allein schon weil … weil ihr der Weg dorthin versperrt blieb …
      „Komm jetzt! Die kündigen dich gleich an!“, rief die ehemalige Duel Queen ungehalten.

      Betont lässig schlenderte sie hinter Cynthia her. Einige Leute folgten ihnen und sie konnte das Getuschel hinter ihrem Rücken hören. Für einen kurzen Augenblick fühlte sie sich zurückversetzt in den Abend in der Bar, mit Logan und den anderen, wo es zu dem Zwischenfall mit diversen Reportern gekommen war. Es fiel Anya schwer zu akzeptieren, dass dieser Moment sie verängstigt und beinahe dazu gebracht hatte, ihren Traum aufzugeben. Aber für eine Bauer war Aufgeben keine Option und beim nächsten Mal würde es halt Nackenschellen hageln!

      Stolz schritt sie an Cynthia vorbei, bis sie die Mitte des Kolosseums erreicht hatten. Eine riesige Menschentraube hatte sich dort gebildet. Vom oberen Stockwerk hingen einige Leute gefährlich weit über den Geländern. Anya mahnte sich nicht zu lachen, wenn einer dieser Deppen hinunterfiel und sich das Genick brach. Aber sie konnte nichts versprechen.
      „Da, schau. Der rote Teppich, den du dir gewünscht hast“, gluckste Cynthia und stieß ihrem Schützling mit dem nackten Ellbogen in die Seite.
      Tatsächlich führte ein solcher in das Innere der Traube, die nebenbei bemerkt von diversen Security-Typen hinter einer für Anya von hier nicht sichtbaren Absperrung fern gehalten wurde.
      „Wow, ist das nicht zu viel Aufwand für einen No-Name?“, fragte Anya perplex und schritt über den Teppich.
      Cynthia feixte und gestikulierte mit zueinander zeigenden Zeigefingern. „Du denkst, das ist für dich? Ha ha … nein. Die sind hier …“
      Sie blieb stehen und ließ Anya an der Security und den Leuten alleine vorbeilaufen. Dabei streckte sie den Arm ausladend aus. „… wegen ihm.“

      Als das Mädchen ins Innere des Duellfelds trat, blieb sie wie versteinert stehen.
      „Hallo Anya“, begegnete der junge Mann ihr mit einem freundlichen Lächeln.
      Sie stand ihm gegenüber, dem Burschen mit dem langen, strohblonden Haar, der im Rollstuhl saß und der sie um den Sieg beim Legacy Cup gebracht hatte. Othello Nikoloudis.
      „H-hey“, stammelte Anya fassungslos, „du bist mein Gegner!?“
      „Yep. Deine Managerin hat mich eingeladen. Da konnte ich doch nicht nein sagen.“
      Anya wirbelte herum zu Cynthia, die auf dem roten Teppich stand und ihr verschwörerisch zuzwinkerte.
      „… 'kay?“
      Die beiden sahen einander an. Seit dem Finale des Legacy Cups hatten sie sich nicht mehr gesehen. An diesem Tag hatten sie ihre Freundschaft besiegelt. Othello war für Anya jemand Besonderes, denn er war der Erste, den -sie- als einen Freund ausgewählt hatte, nicht umgekehrt.
      Ein Lächeln zeichnete sich auf den Lippen der beiden ab. Sie brauchten nichts zu sagen, es war, als könnten sie einander auch ohne Worte verstehen.

      Die Blonde hob den Arm an und ließ ihre schwarze Duel Disk ausfahren, während irgendein Ansager die Begegnung hinaus brüllte und nebenbei das neue Duel Monsters-Set bewarb. Sie schwor sich, ihn die ganze Zeit über komplett zu ignorieren. Mit einer Handbewegung ließ Othello über seinem Schoß eine gebogene Disk ausfahren, die etwas anders aussah als die damals im Finale.

      Anya fühlte eine Art von Aufregung, die sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. Nicht die Sorte Nervenkitzel, wie sie in den Duellen mit Kali oder der Weißen Hexe aufgetreten war. Nein, etwas … Positiveres. Vorfreude. Anya begann kämpferisch zu grinsen. Sie -wollte- das hier. Das war der Unterschied.
      Ihr Freund im Rollstuhl schien ihre Euphorie zu bemerken, lächelte er doch besonnen. „Wir können anfangen, Anya.“
      „Yeah!“
      „Gib' dir ja Mühe und liefere uns eine gute Show!“, verlangte Cynthia vergnügt hinter ihr.
      Oh das würde sie, versprach die Blonde ihrer Managerin im Gedanken. Keinen Moment später riefen beide Duellanten unter dem Jubel der Anwesenden zum Duell aus.

      [Anya: 4000LP / Othello: 4000LP]

      „Ich beginne“, kündigte Othello an und ausnahmsweise ließ Anya ihn gewähren. Sofort legte er ein Monster auf seinen Spielplan. „Komm herbei, [Dwarf Star Dragon Planeter]!“
      Vor ihm materialisierte sich ein Drache, dessen linke Körperhälfte goldgelb, die andere pechschwarz leuchtete. In seiner Brustmitte befand sich ein rotes Juwel.

      Dwarf Star Dragon Planeter [ATK/1700 DEF/1200 (4)]

      „Den kenn' ich noch nicht“, kommentierte Anya. Auch viele der zahllosen Zuschauer murmelten aufgeregt.
      Othello erwiderte spitz: „Als Kartenverkäuferin solltest du das aber. Der ist brandneu. Du bist.“
      „Huh?“, wunderte sich seine Gegnerin über den kurzen Zug.
      Kaum hatte der Laut ihre Lippen verlassen, begann das Juwel in des Drachens Brust genau wie seine Haut grell zu strahlen. „Während der End Phase kann ich mir ein Monster der Stufe 7 von meinem Deck ins Blatt nehmen. Aber nur, wenn es entweder das LICHT- oder FINSTERNIS-Attribut besitzt.“
      Othello nahm sein Deck auf, durchsuchte es altmodisch per Hand und zeigte Anya schließlich die einzige Karte vor, die infrage kam.
      Anya grinste keck. „Natürlich …“
      „[Odd-Eyes Pendulum Dragon]“, rief Othello den Namen seines Assmonsters für alle aus, die nicht sehen konnten, was er gewählt hatte.

      Dann wusste sie ja, worauf sie sich gefasst machen musste, überlegte Anya. Aber fein, -das- Spiel beherrschte sie inzwischen auch. Die Vorfreude stand ihr im Gesicht geschrieben, als sie ihre Karte schwungvoll aufzog. „Heh, ich aktiviere [Gem-Knight Jasper] mit dem Pendelbereich 2 und [Gem-Knight Pyrite] mit dem Pendelbereich 8!“
      Neben ihr schossen zwei hellblaue Lichtsäulen aus dem Boden. In der linken stieg ein massiger, roter Ritter mit langer Hellebarde in der Hand empor. Daneben tat ein weißer Krieger mit würfelförmigen, silbernen Schulterplatten und großen Rundschildhälften an den Armen genau dasselbe.

      <2> Anyas Pendelbereich <8>

      „Pendulum Scales set!“ Anya schnappte sich eine ihrer neuen Lieblingskarten aus ihrem Blatt und grinste breit. „Mach dich gefasst! Schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum!“
      „Ah!“, stieß Othello einen überraschten Laut aus, als sich über Anya das bunte Pendelportal öffnete, welches von dutzenden Lichtellipsen umschlossen war.
      Das Mädchen streckte den Arm in die Höhe. „Aus meiner Hand: [Gem-Eyes Value Dragon], Level 7! Pendulum Summon!“
      Ein roter Lichtstrahl schoss aus dem Dimensionsloch und krachte vor Anya in das spiegelnde Parkett. Die Zuschauer jubelten begeistert, als sich vor ihr ein roter Drache in goldener Panzerung erhob. Seine insgesamt sechs Schwingen, drei auf jeder Seite, waren von metallischen Tragflächen umschlossen.

      Gem-Eyes Value Dragon [ATK/2400 DEF/2000 (7) PSC: 5]

      Die Augen des jungen Griechen funkelten. „Wahnsinn! Du benutzt auch Pendelmonster!?“
      „Yeah.“ Anya winkte großspurig ab. „Man hat mich überredet …“
      Was sowas von gelogen war. Sie hatte damals fast geheult vor Freude, als sie das Gem-Knight Structure Deck in den Händen hielt, das Mr. Palmer ihr zugeschickt hatte. Aber das durfte natürlich niemand wissen!
      Energisch streckte das Mädchen die Hand aus. „Ich aktiviere Gem-Eyes Effekt! Sight Transition! Ich ändere seinen Typen zu Pyro und füge dir damit 500 Punkte an Schaden zu!“
      An den Seiten des Helms ihres Drachen befanden sich Scheiben, die in farbige, transparente Segmente geviertelt waren: rot, grün, gelb und blau. Ebenjene begannen sich rapide zu drehen, bis die roten auf Augenhöhe hielten und sich wie ein Visor um jene legten. Rote Linien begannen sich durch die Rüstung des Drachen zu ziehen, dessen Flügel gingen in Flammen auf. Anya rief: „Ruby Flare!“
      Und der Drache spie eine dunkelrote, schimmernde Flamme auf Othello, welcher sich in seinem Rollstuhl gar nicht so schnell abwenden konnte. „Oha!“

      [Anya: 4000LP / Othello: 4000LP → 3500LP]

      Anya nahm eine Falle aus ihrem Blatt und legte sie in ihre neue Duel Disk ein. Nachdem die Karte vor ihr erschienen war, schwang sie den Arm aus. „Angriff auf seinen [Dwarf Star Dragon Planeter]! Spectral Burst Stream!“
      Erneut öffnete Gem-Eyes sein Maul und stieß dieses Mal einen knallbunten Odem aus, der so stark glänzte, dass selbst die Luft unter der simulierten Hitze funkelte wie ein Diamant. Begeisterte Ausrufe der Zuschauer begleiteten den Angriff, wie er in Othellos schwarz-gelben Drachen einschlug und dort explodierte.
      „Nicht schlecht, Anya“, lobte der vergnügt.

      [Anya: 4000LP / Othello: 3500LP → 2800LP]

      Jene rieb sich den Finger unter die Nase. „Heh. Das Geheimnis ist, sich stets weiterzuentwickeln.“
      „Das hast du doch von mir“, rief Cynthia vor der Menschentraube belustigt.
      „Halt die Klappe“, raunte Anya genervt, zuckte aber mit den Schultern, „kann schon sein. Was auch immer, ich benutze [Gem-Knight Pyrites] Pendeleffekt, um eine Gem-Karte von meinem Deck auf den Friedhof zu schicken: [Gem-Knight Garnet]!“
      Sie zeigte die gelb-umrandete Karte vor und schob sie in den Friedhofsschlitz. „Okay, das war's aber. Du bist!“
      Zeig mir dein Assmonster, dachte sie dabei erwartungsfroh. Ein Kampf zwischen Gem-Eyes und Odd-Eyes! Sie hätte nicht damit gerechnet, ihn schon so früh zu erleben.

      „Das ist ein gutes Stichwort. Draw!“ Othello zog von seinem Deck und sah nachdenklich in sein Blatt. „Ich werde dir zeigen, dass ich mich auch weiterentwickelt habe!
      Er nahm zwei Karten und legte sie rechts und links neben seine Monsterkartenzonen. „Ich aktiviere den Magier, der das Wissen bewahrt: [Wisdom-Eye Magician] mit dem Pendelbereich 5! Und den Magier, der die Zeit versteht: [Timegazer Magician], Pendelbereich 8!“
      Genau wie bei Anya schossen zu seiner Linken und Rechten zwei hellblaue Lichtsäulen aus dem Boden, in denen besagte Magier empor stiegen. Erstgenannter war ein Magier in weißer Robe und langem, braunen Umhang, welcher einen Stab mit einer daran hängenden Laterne mit sich führte. Sein Partner dagegen war in Schwarz gehüllt, verdeckte seinen Mund durch ein Halstuch und war mit einer Zackenklinge an seinem Arm bewaffnet, die sich wie ein Zahnrad um seinen Körper bog.

      <5> Othellos Pendelbereich <8>

      „Pendeleffekt von [Wisdom-Eye Magician]! Sollte in meiner anderen Pendelzone ein Magier liegen, kann er sich selbst zerstören und mit einem Magier aus meinem Deck ersetzen!“ Jener hob seine Laterne an, aus der ein grelles Licht zu drängen begann. „Ich aktiviere den Magier, der die Sterne liest, [Stargazer Magician]! Pendelbereich 1!“
      Als das Licht verschwunden war, stand anstelle des Weisen ein Magier in langer, weißer Robe und Umhang, welcher ebenfalls seinen Mund bedeckte und einen langen Stab in den Händen hielt, der in der Mitte eine Scheibe integriert hatte.

      <5 → 1> Othellos Pendelbereich <8>

      Anya konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als Othello rief: „Jetzt ist alles bereit! Pendulum Scales set!“
      Der Bursche reckte seinen Arm in die Höhe. „Schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum!“
      Über ihm öffnete sich das kreisrunde, bunte Loch, das von zahlreichen Ellipsen aus schimmerndem Licht umgeben war. „Aus meinem Extradeck [Wisdom-Eye Magician]! Und aus meiner Hand [Doomstar Magician], [Harmonizing Magician] und mein Assmonster: [Odd-Eyes Pendulum Dragon]! Pendulum Summon!“
      Gleich vier rote Strahlen schossen aus dem Loch und schlugen vor Othello ein. Erst tauchte der Hexer mit der Laterne auf, dann ein Magier mit Stab in der Hand, der die blauen Kugeln an seiner schwarzen Kutte mit einer Handbewegung zum Leuchten brachte. Neben ihm erschien eine pinkhaarige Magiern in Weiß, an deren Zauberstab eine Stimmgabel angebracht war. Und nicht zuletzt, vor ihnen der rote Drache mit den Metallauswüchsen auf dem Rücken, in dem sich rechts eine grüne und links eine rote Kugel befand. Jener brüllte wütend und peitschte mit seinem langen Schweif umher.

      Wisdom-Eye Magician [ATK/1500 DEF/1500 (4) PSC: 5]
      Doomstar Magician [ATK/1800 DEF/300 (4)]
      Harmonizing Magician [ATK/0 DEF/0 (4) PSC: 8]
      Odd-Eyes Pendulum Dragon [ATK/2500 DEF/2000 (7) PSC: 4]

      „Gleich 'ne ganze Armee, huh?“ Anya grinste keck. „Die wirst du auch brauchen!“
      „Wie gut, dass durch [Harmonizing Magicians] Effekt gleich noch Verstärkung kommt“, entgegnete Othello und griff nach seinem Deck. „Wenn sie aus meiner Hand via Pendelbeschwörung gerufen wird, holt sie einen Pendelmagier direkt vom Deck auf mein Feld, aber sie wird verbannt, wenn sie es wieder verlässt! Zeig' dich, [Timebreaker Magician]!“
      Die pinkhaarige Magierin schüttelte ihren Zauberstab hin und her, welcher daraufhin Schallwellen aussendete. Und plötzlich tauchte ein jugendlicher Krieger in Schwarz mit braunem Haar auf, welcher beidhändig ein Schwert führte.

      Timebreaker Magician [ATK/1400 DEF/0 (3) PSC: 2]

      Der Bursche, der ein gezacktes Diadem trug, welches exakt der Waffe von [Timegazer Magician] entsprach, ging in die Knie.
      Und viele Zuschauer staunten über Othello, der sein komplettes Feld mit wenigen Handgriffen gefüllt hatte.
      „Wahnsinn!“
      „Das ist der Sieger des Legacy Cups!“
      „Auch wenn er Claire Rosenburg nicht besiegen konnte, wird er es in der Profiliga weit bringen!“
      Anya sah sich um. Inzwischen konnte man schon gar nicht mehr von einer Menschentraube sprechen. Die Leute hatten die Mall regelrecht überfüllt. Vom oberen Stockwerk hingen sie über den Geländern. Dagegen waren die Geschäfte beinahe leer.
      Das Mädchen wurde aus ihrer Faszination gerissen, als Othello unkontrollierbar zu husten begann.
      „H-hey“, stammelte sie unbeholfen.
      „Es geht schon“, murmelte der junge Mann mit dem langen, strohblonden Haar und wischte sich mit dem Handrücken ein Rinnsal Blut vom Mundwinkel. „Danke.“

      In dem Moment wurde Anya schmerzhaft daran erinnert, dass Othello aufgrund einer Infektion in seinem Spenderherz schwer krank war und wohl nicht mehr lange zu leben hatte. Damals hatte sie zum ersten Mal derart starkes Mitleid empfunden, dass sie sogar bereit war, den Legacy Cup aufzugeben, damit er seinen Traum erfüllen konnte, Claire Rosenburg zu besiegen.
      Letztlich war weder ihm noch ihr das gelungen. Und das alles nur, weil dieses Miststück mit ihrem Manager die Realität zu ihren Gunsten gebogen hatte. Zanthe hatte ihr das alles versucht zu erklären, aber wenn er nur davon anfing, wurde sie schon stinksauer.

      Othello sah lächelnd auf. „Du musst dir keine Sorgen machen, mir geht es gut.“
      „Lügner“, brummte Anya ernst.
      „Haha. Ok, so ganz stimmt das nicht. Aber bezüglich meiner Weiterentwicklung habe ich nicht geschwindelt! Das hier habe ich mir von dir abgeschaut.“ Plötzlich streckte er den Arm aus. „Ich stimme meinen Stufe 4-[Harmonizing Magician] auf meinen Stufe 3-[Timebreaker Magician] ein!“
      Jene tippte mit dem Zeigefinger gegen die Stimmgabel an ihrem Stab, welche unkontrollierbar zu vibrieren begann. So stark, dass die Magierin vor Schreck in vier grüne Lichtringe zersprang, die sich hintereinander ausrichteten. Auch der Schwertschwinger-Jüngling verschwand, wurde zu drei grünen Lichtkugeln. „Spread those wondrous and beautiful wings, and strike down your enemies at the speed of light!“
      Jene Sphären passierten die vier Ringe. Ein Lichtblitz blendete die Anwesenden. „Synchro Summon! Appear now! Level 7! [Clear Wing Synchro Dragon]!“
      Anya konnte noch gar nichts erkennen, da rief Othello: „Ich errichte das Overlay Network! Aus meinen Stufe 4-Magiern Doomstar und Wisdom-Eye wird ein Rang 4-Monster!“
      Das Rauschen des sich öffnenden Schwarzen Lochs war zu vernehmen, welches besagte Hexer als violette beziehungsweise gelbe Lichtstrahlen absorbierte. „Formed from pitch-black darkness, to fight those foolish enough to oppose it with its treacherous fangs! Now, descend! Xyz Summon! Rank 4! [Dark Rebellion Xyz Dragon]!“
      Die Blonde versuchte hinzusehen, aber in dem Moment erfolgte aus dem Overlay Network eine Explosion, die sie sofort wieder blendete. „S-shit!“
      „Und jetzt aus meiner Hand die Zauberkarte [Pendulum Fusion]! Ihr besonderer Effekt lässt mich die Monster in meinen Pendelzonen als Fusionsmaterialien benutzen.“ Othello streckte den Arm in die Höhe, wo seine beiden Magier aus den Lichtsäulen traten und in einen gelb-blauen Wirbel gezogen wurden. „Two darks with the power of clairvoyance! Now become one, and from the hell of your visions, give birth to a new terror! Fusion Summon! Appear! Poisonous dragon with hungry fangs. Level 8! [Starving Venom Fusion Dragon]!“
      „Was!?“, keuchte Anya entsetzt, als sie nun endlich hinsah.
      Zur Linken flog ein weißer Drache mit schwarzer Brustpanzerung und schwarz-weiß gestreiftem Schweif über Othello, dessen vier Flügel aus transparentem, grünem Glas bestanden. Neben diesem hielt sich ein pechschwarzer, schlanker Drache in der Luft, dessen dürre Metallschwingen wie Rohre anmuteten. Unter seinem Kinn ragten zwei spitze Stoßzähne hervor, dazu umkreisten ihn zwei Lichtsphären. Und zu guter Letzt trat ganz rechts aus dem Fusionswirbel ein schlangenhafter Drache mit langem Schweif heraus, der nicht nur gehörnt war, sondern auch gelb leuchtende Kugeln an Knien, Schultern und Fingeransätzen besaß – jene an den Knien öffneten sich und entpuppten sich als hungrige Mäuler.

      Clear Wing Synchro Dragon [ATK/2500[/b ]DEF/2000 (7)]
      Dark Rebellion Xyz Dragon [[b]ATK/2500 DEF/2000 {4} OLU: 2]
      Starving Venom Fusion Dragon [ATK/2800 DEF/2000 (8)]

      Anya betrachtete die vier Drachen auf Othellos Seite mit weit aufgerissenen Augen. Pendel, Synchro, Xyz und Fusion. „Genial …“
      Selbst Isfanel und Kali war es nicht gelungen, so viele verschiedene Beschwörungsarten in nur einem Zug durchzuführen. Anya erkannte an, dass ihr dazu ebenso noch das nötige Können fehlte.
      Sie grinste breit. „Das ist echt cool!“
      „Danke“, strahle Othello zurück, „ganz ehrlich: Du hast mich dazu inspiriert.“
      Das Mädchen blinzelte verdutzt. War das so? Weil sie inzwischen auch so viele verschiedene Monstertypen benutzte?
      „He he, dann bin ich ja doch zu etwas gut“, lachte sie selbstironisch. Dann kniff sie die Augen fest zusammen. „Und jetzt zeig mir gefälligst, was die Biester so drauf haben, bevor ich dich platt mache!“
      Jetzt musste sie sich nur noch einfallen lassen, -wie- sie an vier solcher Bestien vorbei kam. Auch die Zuschauer waren sich einig, dass das alles andere als leicht fallen würde. Aber vielleicht gerade deswegen feuerten nicht wenige die Blonde an, nicht zuletzt, weil sie trotz allem aus Livington stammte.
      „Den Anfang macht [Starving Venom Fusion Dragon]! Hell Feast!“, rief Othello und streckte den Arm aus. Die Mäuler an den Knien des größten der Drachen schossen an dünnen Ranken hervor und umwickelten Gem-Eyes, bissen ihn gar. „Damit erhält er bei seiner Beschwörung nicht nur für einen Zug Angriffspunkte identisch zu denen des Ziels, sondern auch dessen Effekt!“
      Als der goldene Drache mit den flammenden Flügeln losgelassen wurde und beinahe zusammensackte, ging Starving Venom selbst in Flammen auf, ohne aber von ihnen verschlungen zu werden.

      Starving Venom Fusion Dragon [ATK/2800 → 5200 DEF/2000 (8)]

      Mehr als ein entsetztes Keuchen presste Anya nicht hervor. Othello schwang den Arm aus. „Jetzt du, [Dark Rebellion Xyz Dragon]! Treason Discharge!“
      Ebender absorbierte mit den Stoßzähnen unter seinem Kinn seine beiden Overlay Units. Die metallischen Elemente an den Flügeln des pechschwarzen Drachen fuhren daraufhin aus und gaben elektrische Ladungen ab, welche das Ungetüm unter lautem Heulen auf [Gem-Eyes Value Dragon] schleuderte. Einmal getroffen, brach jener sofort dampfend zusammen.

      Dark Rebellion Xyz Dragon [ATK/2500 → 3700 DEF/2000 {4} OLU: 2 → 0]
      Gem-Eyes Value Dragon [ATK/2400 → 1200 DEF/2000 (7) PSC: 5]

      „Dieser Effekt absorbiert die Hälfte der Angriffspunkte deines Gem-Eyes und überträgt sie auf Dark Rebellion! Und dieses Mal ist es dauerhaft!“
      Anstatt aber von Othellos Ausruf eingeschüchtert zu sein, gab Anya sich zuversichtlich. „Diese Dinger sind ganz schön übel. Aber ein bisschen Herumspielerei mit meinen Angriffspunkten macht dich noch lange nicht zum Sieger!“
      Auch der junge Grieche strahlte eine gesunde Portion Selbstbewusstsein aus, als er den Zeigefinger ausstreckte. „Ach ja? Dann beweis' es! Los, Starving Venom, greif' ihren [Gem-Eyes Value Dragon] an! Reckless Devouring!“
      Was für die Anwesenden bisher nicht sichtbar war: Auch die Schultern des Giftdrachens waren tatsächlich Mäuler, die sich weit öffneten und an langen Ranken vom Körper lösten. Zeitgleich schossen sie auf den geschwächten Golddrachen zu.
      „Wenn dieser Angriff trifft, ist sie sofort besiegt!“
      „Der geht echt ab!“
      „Los, Anya, das war doch nicht schon alles, oder!?“
      Die Blonde sah über ihre Schulter zu ihrer Managerin, die mit verschränkten Armen da stand und sie anlächelte. Motiviert zeigte das Mädchen ihr einen Daumen – eine Geste, die Cynthia grinsend erwiderte. Dann sah Anya nach vorn. „Als ob! Falle, [Negate Attack]! Sie stoppt den Angriff und beendet deine Battle Phase sofort!“
      Jene Konterfalle klappte im letzten Moment auf und baute vor ihrem Monster eine unsichtbare Barriere auf, an der die gierigen Mäuler abprallten. Unverrichteter Dinge kehrten sie zu ihrem Besitzer zurück und wurden zu seinen Schulterblättern.
      „Glück gehabt“, sagte ein Zuschauer.
      Eine andere Dame meinte: „Er hat wohl ihre verdeckte Karte vergessen, hm?“
      „Das hätte auch schief gehen können für ihn, wenn da etwas anderes gelegen hätte.“
      Othello selbst hatte sich scheinbar keine Sorgen darum gemacht. „Oh man, das war ja zu erwarten gewesen. Aber ich kann dir trotzdem Schaden zufügen.“
      „Huh?“ Anya legte den Kopf schief. „Und wie?“
      „Schon vergessen? Starving Venom trägt den Effekt deines Gem-Eyes in sich. Und wirst du ihn am eigenen Leibe erfahren: Ruby Flare!“
      Und plötzlich öffnete der entflammte Giftdrache sein Maul und spie einen dunkelroten, schimmernden Odem aus, der Anya voll erfasste. Jene fluchte leise: „Shit!“

      [Anya: 4000LP → 3500LP / Othello: 2800LP]

      „Du bist dran“, nickte Othello ihr zu, als Anya wieder sehen konnte. „Damit normalisieren sich die Werte von Starving Venom.“
      Das Feuer, das um jenen brannte, verschwand einfach.

      Starving Venom Fusion Dragon [ATK/5200 → 2800 DEF/2000 (8)]

      Der Junge im Rollstuhl besaß nichts außer den vier Drachen, um sich zu schützen. Anya musste irgendwie einen Weg finden, an ihnen vorbei zu kommen. Aber sie hatte keine Ahnung, wie sie es mit allen vier gleichzeitig aufnehmen konnte.
      Nachdem das Mädchen aufzog, weitete es die Augen. Vielleicht musste sie das auch gar nicht. Nicht, wenn diese Dinger für -sie- arbeiten würden. Ein heimtückisches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

      ~-~-~

      Ein dunkler Raum, nur durch das Licht eines Laptops erhellt, vor dem Harrier saß. Hinter ihm öffnete sich eine Tür und warf unerwünschtes Licht vom Gang dahinter hinein. Ein Schatten legte sich über ihn.
      „Und?“, fragte Kathea gespielt neugierig.
      „Es war lachhaft“, erwiderte der Blonde, ohne sich umzudrehen, „sie dachte, eine Viertelstunde wäre zu wenig. Ich wollte schon gehen, weil sie nicht aufgekreuzt ist.“
      Die Frau mit dem langen, schwarzen, zur Mitte hin ins Weiß übergehende Haar lachte künstlich, wie sie hinter ihm stand. „Ich erinnere mich gar nicht, dir die Anweisung gegeben zu haben, Melinda Ford überhaupt zu einem Duell herauszufordern.“
      „Ich erinnere mich nicht, überhaupt Anweisungen von Ihnen entgegen genommen zu haben“, konterte Harrier eisig und sah über seine Schulter, „ich unterstehe Zyxx, wie Sie hoffentlich nicht vergessen haben.“
      „Ja, aber der ist leider verschollen.“
      „Nicht mehr lange.“
      Kathea lächelte. „Natürlich. Dafür werde ich sorgen. Wir brauchen ihn schließlich. Also, konntest du die Daten schon auswerten?“
      „Ich bin schon längst dabei, die Ergebnisse umzusetzen“, antwortete Harrier mit beleidigtem Unterton, „es handelte sich bei Zyxx' Duell um sogenannte Excel-Monster. Prototypen, deren Konzept verworfen wurde.“
      „Interessant.“ Kathea kicherte wieder herablassend. „Dann können sich unsere 'Feinde' ja auf eine Überraschung der besonderen Art gefasst machen.“
      Harrier stimmte mit ein. „In der Tat. Ich hatte gehofft, mit Melinda Ford etwas Feldforschung betreiben zu können. Allerdings hat sie diese Karten nicht gegen mich eingesetzt. Sie entstammen der Feder ihres Bruders.“
      „Wie auch immer, ich hoffe, dass diese Prototypen bald schon mehr als das sein werden. Ich verlasse mich auf dich, Harrier.“
      Damit verschwand sie aus dem Türrahmen und ließ ihn in seiner geliebten Dunkelheit zurück, die nur durch das Licht eines Bildschirms gebrochen wurde.

      ~-~-~

      Die Landschaft zischte nur so an ihr vorbei. Ab und zu ruckelte es ein wenig im Abteil des Zuges, dessen nächster Halt Livington sein würde.
      Sie war alleine, genoss die Ruhe. Es war schön, die Bäume, den blauen Himmel, die Wolken ihrer Heimat zu sehen. Auch wenn sie Angst davor hatte, was geschehen würde, sobald sie wieder zuhause war.
      Die junge Frau, deren brünettes Haar von einem weißen Sonnenhut bedeckt war, seufzte schwer.

      ~-~-~

      Unter dem Geschrei der Zuschauer, denn anders konnte man das nicht nennen, schwang Anya kämpferisch den Arm aus. „Ich aktiviere den Effekt von [Gem-Knight Pyrite] in meiner Pendelzone! Er kann eine Gem-Knight-Karte von meinem Deck auf den Friedhof schicken! Lazuli!“
      Ihr weißer Schildritter blitzte kurz auf. Die Karte des Effektmonsters [Gem-Knight Lazuli] wurde automatisch von ihrem Kartenstapel hervor geschoben und von Anya prompt in den Friedhofsschlitz gesteckt. Kaum war sie dort gelandet, tauchte die durchsichtige Silhouette der kleinen Kriegerin in lehmbrauner Rüstung auf, welche sich in ihren namensgebenden, bröckeligen Edelstein verwandelte.
      „Wenn sie durch einen Effekt auf dem Friedhof landet, bekomme ich ein normales Monster von dort zurück“, erklärte Anya und zeigte [Gem-Knight Garnets] Karte vor.
      Im Anschluss streckte sie den Arm in die Höhe. „Und jetzt sieh gut hin! Schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum!“
      Über Anya, zwischen ihren beiden in den Lichtsäulen stehenden Kriegern, öffnete sich das bunte Pendelportal. „Aus meiner Hand beschwöre ich die Stufe 4-Gem-Knights Tourmaline und Garnet! Pendulum Summon!“
      Zwei rote Strahlen schossen aus dem Loch und schlugen vor ihr ein. Ein goldener Ritter sowie einer in bronzener Rüstung knieten vor ihr nieder.

      Gem-Knight Tourmaline [ATK/1600 DEF/1800 (4)]
      Gem-Knight Garnet [ATK/1900 DEF/0 (4)]

      Vor ihnen bäumte sich der geschwächte Gem-Eyes kreischend auf. Anya streckte entschlossen den Arm aus. „Ich aktiviere den Effekt von [Gem-Eyes Value Dragon] und wechsle seinen Typen! Sight Transition! Werde zum Fels in der Brandung!“
      Die Scheiben am Helm des Drachen begannen sich zu drehen. Doch zu Anyas Überraschung schwang Othello den Arm aus. „Daraus wird nichts! Ich kontere mit [Clear Wing Synchro Dragons] Effekt!“
      Jener spreizte seine gläsernen Schwingen aus, sammelte in ihnen grünliche Energie und feuerte sie in gebündelten Strahlen auf Anyas Monster ab. Ihr Gegner rief: „Dichroic Mirror! Damit wird der Effekt eines Monsters der Stufe 5 oder höher negiert und es zerstört!“
      „Huh!?“ Anya wich zurück, als die Strahlen in Gem-Eyes einschlugen und ihn regelrecht zerfetzten.
      Mehr aber noch, begann der in der Luft hängende, schwarz-weiß gestreifte Drache in grünlicher Aura aufzulodern.

      Clear Wing Synchro Dragon [ATK/2500 → 4900 DEF/2000 (7)]

      „Durch den Dichroic Mirror absorbiert Clear Wing für den Rest des Zuges die Stärke des zerstörten Monsters!“, erklärte ihr Freund energisch. „Ein perfekter Konter für deine Assmonster!“
      Anya lachte in sich hinein. Das war's dann wohl mit ihrem Plan, [Gem-Knight Lady Brilliant Diamond] aufs Feld zu bringen. Damit wäre alles sehr einfach gewesen. Aber es gab immer noch einen Plan B!
      „Nicht alle“, erwiderte sie selbstbewusst, „sieh her!“
      Sie schwang den Arm aus und rief: „Ich errichte das Overlay Network! Aus meinen beiden Stufe 4-Monstern wird ein Rang 4-Monster!“
      In der Mitte des Feldes öffnete sich unter dem Aufschrei der Zuschauer ein Schwarzes Loch, das ihre beiden verbliebenen Ritter als braune Lichtstrahlen absorbierte. Anya murmelte leise: „Ich verlasse mich auf dich.“
      Es folgte eine Explosion im Inneren des Überlagerungsnetzwerks. „Xyz Summon! Erscheine, [Gem-Knight Pearl]!“
      Aus ihr stieg der weiße Ritter empor, umgeben von sieben riesigen Perlen sowie zwei Lichtkugeln, die ihn umkreisten. Als er seine Augen öffnete, leuchteten diese blau auf.

      Ich werde dich nicht enttäuschen, Anya Bauer.

      Gem-Knight Pearl [ATK/2600 DEF/1900 {4} OLU: 2]

      Jene streckte den Arm weit aus. „Los! Vernichte seinen Odd-Eyes! Blessed Spheres of Purity!“
      Mit den Handbewegungen eines Dirigenten steuerte Levrier seine sieben Perlen und verwandelte sie in Geschosse, die nacheinander auf den roten Drachen zuschossen. Othellos Lächeln schwand, aber er kommentierte den Angriff nicht. Gleich sieben Explosionen suchten ihn im Anschluss heim und als der Rauch verschwand, war sein Signaturmonster fort.

      [Anya: 3500LP / Othello: 2800LP → 2700LP]

      Anya zischte wütend. „Tch! 100 zu wenig.“
      Sie nahm ihre beiden verbliebenen Handkarten, zwei Fallen, und setzte sie in ihre Duel Disk ein. Die tauchten surrend in vergrößerter Form vor ihren Füßen auf. „Dein Zug. Nutze ihn gut, denn es wird dein letzter sein!“
      Ihre Drohung sorgte für überraschte Ausrufe seitens des Publikums.
      Selbst Cynthia, die zwischen den Absperrungen auf dem roten Teppich stand, musste in sich hinein schmunzeln. „Na wenn du den Mund da nicht etwas zu voll nimmst. Aber wer weiß …“
      Indes schwand die grüne Aura um Clear Wing.

      Clear Wing Synchro Dragon [ATK/4900 → 2500 DEF/2000 (7)]

      Othello schloss die Augen. Anya tat es ihm gleich. Sie hatten während des Duells kaum gesprochen, aber das war okay. Sie verstanden einander auch so. Es war bis hierher großartig. Und es würde mit einem Knall enden.
      Obwohl sie es nicht sah, spürte sie, wie seine Hände sein Deck berührten. Es war fast, als hörte sie seine Gedanken. Odd-Eyes würde ihn nicht im Stich lassen, das waren seine Worte damals und auch heute. Er zog.
      Beide öffneten gleichzeitig die Augen. Und Othello rief: „Ich aktiviere [Amazing Pendulum]! Wenn keine Karten in meinen Pendelzonen liegen, bekomme ich zwei unterschiedliche Magier von meinem Extradeck auf die Hand zurück!“
      Über dem Jungen im Rollstuhl öffnete sich das bunte Pendelportal. Zwei gelbe Lichtsäulen schossen daraus hinab. „[Stargazer Magician] und [Wisdom Eye-Magician]! Und ich aktiviere beide sofort!“
      Und genau jene befanden sich in den Strahlen, der weiße Hexer mit dem Stab in der Hand und der in einen düsteren Umhang gehüllte, welcher eine Laterne mit sich führte. Allerdings war der Grieche noch nicht fertig. „Ich kann [Wisdom Eye-Magician] zerstören, um einen anderen Magier aus meinem Deck zu aktivieren! Ich wähle [Timegazer Magician]! Pendulum scales set!“
      Ersterer hob seine Laterne erneut an, ließ sie ein grelles Licht ausstrahlen und verschwand mit ihr, um Platz für den in schwarz gekleideten, vermummten Magier mit der Zahnradklinge an seinem Arm zu machen.

      <1> Othellos Pendelbereich <8>

      Anya sagte nichts. Doch sie wusste, dass er ihre Gedanken lesen konnte, welche nur ein einziges Wort hinausschrien: Shit! Denn -das- hätte nicht passieren dürfen! Schweiß stand ihr auf der Stirn gezeichnet.
      „Schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum!“, rief Othello und stieß die flache Hand empor. „Kehre zu mir zurück, Odd-Eyes!“
      Das über ihm noch geöffnete Pendelportal stieß einen einzelnen, roten Strahl aus, der vor ihm einschlug. Und brüllend erhob sich der kräftige, rote Drache mit den bunten Kugeln an seinen metallischen Schulterauswüchsen.

      Odd-Eyes Pendulum Dragon [ATK/2500 DEF/2000 (7) PSC: 4]

      „Heh, alle vier Beschwörungsarten wieder vereint. Nicht schlecht“, gab Anya mit einem kecken Grinsen anerkennend zu. „Aber wo ist der Ritualdrache?“
      „Es gibt einen?“, erwiderte Othello belustigt. „Und wenn, braucht man den überhaupt?“
      „Die Einstellung gefällt mir!“
      Hoffentlich hatte Redfield, wo immer sie sich hier rumtrieb, die Spitze verstanden. Aber Anya musste feststellen, dass sie ihre Rivalin beim Umsehen nirgendwo entdecken konnte. Dabei hatte der Flohpelz doch gemeint, sie wäre hier. Was auch immer …
      Die Leute begannen Othellos Namen wie einen Singsang von sich zu geben. Andere konterten mit Ausrufen für Anya, die mit strengem Gesichtsausdruck die Arme verschränkte.
      „Bereit?“, fragte Othello, lachte dann aber. „Natürlich bist du. Also los, entscheiden wir das hier! [Dark Rebellion Xyz Dragon], greife [Gem-Knight Pearl] an! Rebellious Lightning Disobey!“
      Die mechanischen Schwingen des schwarzen Drachen fuhren noch ein wenig weiter aus und begannen pinkfarbene Stromschläge abzugeben. Mit hoher Geschwindigkeit schoss das Biest auf Levrier zu, die Keile an seinem Kiefer begannen ebenfalls pink aufzuleuchten.
      „Ich kann nichts tun“, keuchte Anya und sah beschämt weg.

      Ist das ein Witz!?

      Nein, war es nicht. Halb zu Anya sehend, wehrte Levrier den Angriff mit seinem rechten Ellbogen ab, welcher prompt durchbohrt wurde. Die Entladungen übertrugen sich auf ihnen und resultierten in einer Explosion, die ihn regelrecht zerfetzte.

      Anya Bauer, du elende-!

      Doch die winkte mit zusammengekniffenen Augen ab. „Ja ja, spar dir dein Gejammer!“
      Auch sie wurde von einigen Funkenschlägen getroffen, blieb aber ruhig.

      [Anya: 3500LP → 2400LP / Othello: 2700LP]

      „Du hast genau das getan, was du solltest!“, rief sie anschließend und schwang den Arm aus.

      Im Kampf fallen!?

      „Yeah! Falle aktivieren!“ Ihre rechte verdeckte Karte sprang auf. „[Brilliant Spark]! Damit füge ich meinem Gegner die Angriffskraft des Gem-Knights als Schaden zu, den er tolldreist umgenietet hat!“
      Ihr Gegenüber gab einen überraschten Laut von sich. Vor Anya entstand ein wunderschöner Brillant, in dem sich gelbliche Energie sammelte. Jene wurde in einem konzentrierten Strahl abgefeuert und fegte am schwarzen Drachen und seinen drei Mitstreitern vorbei, bis er in Othellos Brust einschlug. „Ah!“

      [Anya: 2400LP / Othello: 2700LP → 100LP]

      Die Menge war plötzlich still. Othello saß mit herunterhängendem Kopf da und regte sich nicht. Auch Anya stand wie eine Salzsäule da, erstarrt, ausdruckslos.
      „Ha ha“, begann der Grieche plötzlich zu lachen und sah auf. „Ich verstehe! 100 zu wenig! Aber für dich sind es 101.“
      Sich aus ihrer verkrampften Haltung loslösend, atmete Anya auf. „Yeah.“
      „Trotzdem liefern wir ihnen einen fulminanten Abschluss!“
      „Yeah!“
      Othello streckte den Arm aus. „[Odd-Eyes Pendulum Dragon], greife sie direkt an und lösche ihre verblieben Lebenspunkte aus! Spiral Strike Burst!“
      Der rote, am Boden stehende Drache lud in seinem Maul einen roten Odem auf, den er auf Anya abfeuerte. Um ihn schlugen schwarze Entladungen. Im Gegenzug betätigte das Mädchen den Auslöser an ihrer Duel Disk. „Nicht so hastig! Ich aktiviere-!“
      „Vergiss es“, fuhr ihr Othello dazwischen, „durch den Effekt meiner beiden Magier in den Pendelzonen kannst du bei dem Angriff eines Pendelmonsters weder Zauber- noch Fallenkarten aktivieren!“
      Anya lächelte. Das wusste sie doch längst. Als der rote Strahl sie erfasste und die Leute um sie herum beinahe ausrasteten, zuckte sie lediglich mit den Schultern.

      [Anya: 2400LP → 0LP / Othello: 100LP]

      ~-~-~

      Entgegen Zanthes Aussage gegenüber Anya, Matt wäre ebenfalls im Einkaufszentrum, lag dieser tatsächlich auf dem Bauch in Valeries Schlafzimmer. Jene war neben ihm in ein Buch vertieft, das sich mit übernatürlichen Wesen beschäftigte.
      „Stimmt eigentlich irgendetwas von dem, was die hier schreiben?“, fragte sie skeptisch und fuhr sich durch das lange, schwarze Haar, das durch einen weißen Reif gehalten wurde.
      Der Dämonenjäger im schwarzen Ledermantel neben ihr lachte. „Ein wenig. Die ganz offensichtlichen Dinge.“
      „Was ist hiermit?“ Sie deutete auf die Abbildung eines wandelnden Toten.
      „Zombies? Uh“, Matt überlegte kurz, „es gibt, soweit ich weiß, zwei Sorten. Die klassischen und die Ghule.“
      „Sind wir nicht damals welchen begegnet, als in Livington 'Monsternacht' war?“
      „Ja. Ich denke, Urila hat mit einem Zauber das Potential der Anwohner irgendwie erhöht und sie mit einem zweiten dann in das verwandelt, was ihnen am ähnlichsten ist.“ Matt kratzte sich nachdenklich an der Stirn. „Jetzt, da wir von den Undying bestätigt bekommen haben, dass Äther als Bestandteil allen Lebens existiert, muss sie wohl den Äther der Leute erhöht haben. Wie auch immer das geht …“
      „Hat sie nicht euer Grimoire benutzt, um die Zauber zu wirken?“, warf Valerie ein.
      „Ja. Moment, vielleicht hat sie damals gar keine bestimmte Anzahl an Opfern gebraucht, um das Tor Eden zwangszuöffnen, sondern eine bestimmte Menge Äther?“
      Valerie kicherte belustigt. „Witzig, wie manche Sachen im Nachhinein Sinn ergeben.“

      Dann tippte sie auf die Abbildung des Zombies. „Wie dem auch sei, was ist nun mit dem hier? Du sagst, es gibt sie? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wie soll das funktionieren, wenn ihr Gehirn bereits verwest ist?“
      „Ein normaler Zombie kann nicht eigenständig agieren.“ Matt zeigte auf die Beschreibung unter dem Bild. „Was da steht ist totaler Quatsch. Es gibt keine Viren, die totes Gewebe beeinflussen. Das machen in der Realität sogenannte Nekromanten, Totenbeschwörer.“
      Valerie, die mit den Beinen strampelte, erwiderte freudig: „Ja, den Begriff habe ich schon mal gehört. Die gibt es also?“
      „Ja. Sie können Tote wie Marionetten steuern, indem sie ihnen ihren 'Willen' verleihen. Wahrscheinlich durch Übertragung von Äther.“ Matt seufzte auf einmal. „Mit Ghulen ist es anders.“
      Das Mädchen blätterte ein paar Seiten vor. Auf der rechten war ein grausiges, graues Ungetüm abgebildet, was über einen menschlichen Kadaver hing. Blut tropfte die langen Fangzähne hinab. „Was steht hier? Leichenfresser …“
      „Pft.“
      „Was?“ Beleidigt runzelte die Schwarzhaarige ihre Stirn. „Willst du dein Wissen mit mir teilen?“
      Matt räusperte sich. „Ahem. Da steht, dass diese Untoten – Betonung auf untot – einen unstillbaren Appetit nach verdorbenem Fleisch haben.“
      Die Augen fest zusammenkneifend, erwiderte Valerie trocken: „Untote benötigen keine Nahrung. So ein Schwachsinn.“
      „Yeah!“

      Beide begannen zu lachen. Matt fiel es entsprechend schwer zu erklären, was es wirklich mit Ghulen auf sich hatte. „Sie sind Untote, aber anders als bei Zombies, gleich zum Zeitpunkt ihres Todes wiedererweckt worden. Dadurch besitzen sie noch eine gewisse Intelligenz. Anders als die Autoren dieses Buchs.“
      „Haha! Werden Sie auch von Nekromanten gesteuert?“
      „Sie sind diejenigen, die sie reanimieren. Sie können ihnen Befehle geben. Ich meine mich zu erinnern, dass sie die Seele des Ghuls an das tote Fleisch binden und damit absolute Gewalt über ihn haben.“
      Valeries Lachen verstummte abrupt. „Heißt das, dass sie keinen … Frieden finden werden?“
      „Ein Ghul stirbt erst endgültig, sobald sein Beschwörer den Zauber löst oder selbst das Zeitliche segnet.“ Der schwarzhaarige Dämonenjäger sah Valerie fragend an, als diese ihr Haupt senkte. „Stimmt etwas nicht?“
      Sie schreckte auf, schüttelte den Kopf. „N-nein.“
      „Du denkst an Marc“, lautete Matts Feststellung.
      „Meinst du, er ist …?“
      „Nein. Ich weiß nicht, was er ist.“ Der junge Mann sah zur Decke. „Aber er hat einen freien Willen, also ist er weder Zombie noch Ghul.“
      Zögerlich kam von ihr ein: „Verstehe. Danke.“

      Kurz darauf erhob Valerie sich, gerade als Matt seine Hand auf ihre legen wollte. Den Kopf für den Bruchteil einer Sekunde hängen lassend, tat es ihr unverrichteter Dinge gleich und las dabei das Buch auf.
      „Ich denke, ich gehe dann mal“, sagte er, „wenn du möchtest, versuch dich ein wenig über andere Wesen zu informieren. Morgen werten wir dann aus, was Fakt und Fiktion ist.“
      Er reichte ihr das Buch. „Und … denk nicht so viel an Marc.“
      „Sicher.“
      „Du willst das wirklich durchziehen?“, fragte er, immer noch mit dem Wälzer in der Hand. „Eine Dämonenjägerin werden?“
      Sie sah ihn an, sagte aber nichts.
      „Ich … ich denke nicht, dass du-“
      Etwas in ihren Augen blitzte auf. „Stop. Matt, ich weiß deine Sorge zu schätzen, aber ich weiß, was ich möchte. So sehr sie es auch wollen, können manche Menschen nicht der Bestimmung nachgehen, die sie sich erträumen.“
      „Valerie …“
      „Ich bin nicht dazu bestimmt, Profiduellantin zu werden. Und ganz sicher auch nicht dazu, eine Diplom-Architektin zu sein.“ Valerie nahm ihm das Buch ab. „Also suche ich nach etwas, das am nächsten liegt. Ich will kämpfen. Menschen beschützen. Gute Dämonen beschützen, wie Levrier oder Abby. Sollte das auch nicht-“
      Matt unterbrach sie sanft. „Ok, ich verstehe schon. Aber bis dahin ist es noch ein sehr langer Weg.“
      „Ich weiß. Ich habe Zeit.“
      Sie lächelten sich kurz an, dann gab der Dämonenjäger ihr die Hand. „Ok, dann bis morgen.“
      „Bye.“

      ~-~-~

      „'Es ist nicht schlimm, zu verlieren'“, äffte Anya die Worte ihrer Mentorin nach, kurz nachdem sie irgendwie aus der Menschentraube ausgebrochen war.
      Vor sich schob sie Othellos Rollstuhl, eine Geste der Freundlichkeit, die die Livingtoner aller Voraussicht nach mit einem Zeitungsartikel würdigen würden.
      „War es das denn?“, fragte der junge Grieche, wie sie zusammen durch die Mall zogen. Auf den Metallboden spiegelten sich ihre Antlitze verzerrt.
      „Weiß nicht“, gestand Anya und verscheuchte mit einem Wink und ziemlich finsterem Gesichtsausdruck herannahende Fans. Othellos Fans selbstverständlich. „Gusch, weg mit euch, wir wollen allein sein!“
      Der Junge kicherte. „Dann erinnere dich, was sie noch gesagt hat.“
      „Hab nicht zugehört.“
      „'Es ist nicht schlimm, zu verlieren, besonders, wenn dein Gegner ein Freund war. Gerade am Anfang ist der Weg steinig und voller Rückschläge. Und das Erste, was ich meinen Schülern beibringe, ist damit umzugehen.'“ Er gab ein nachdenkliches Geräusch von sich. „Ich denke, da ist was dran.“
      „Yeah, was auch immer. Hey!“ Sie hielten direkt vor einem großen Café, das durch eine gläserne Fassade von der Mall abgeschirmt war. In bunten Neon-Lettern stand über dem Eingang 'Bikini Fruit'. „Was meinste, wollen wir was trinken?“
      „Ja. Aber bitte alkoholfrei.“
      „Tch, Spießer!“
      „Ich mache mir bloß Sorgen was passiert, wenn du betrunken ist.“

      Anya runzelte auf die Neckerei ihres Freundes hin die Stirn, verwarf die Gedanken an sofortige Vergeltung ausnahmsweise, als sie das Café betraten und an diversen Tischen vorbei zu einem Fensterplatz schlängelten. Zur Rechten gab es eine riesige Bar, an der man bestimmt Cocktails bekam, die einem das Hirn wegballerten. Aber sie würde wohl nie in den Genuss kommen …

      Nachdem die beiden einen freien Tisch gefunden hatten und Anya Othellos Rollstuhl entsprechend abgestellt hatte, saßen sie sich gegenüber. Der junge Grieche orderte nur ein Wasser, wohingegen Anya gleich einen 'Killer Bikini-Tornado' bestellte – ein Eisbecher mit sechs Kugeln verschiedener Fruchteissorten, garniert mit Schlagsahne, Obststücken und gottgleichen, hausgemachten Waffeln.
      „Ich dachte, wir wollten nur etwas trinken. Da bekommt man ja beim Anblick schon Karies“, gluckste Othello, als er seine amerikanische Freundin dabei beobachtete, wie sie mit ihrem Blick dem 'Killer Bikini-Tornado' huldigte. Wenn sie schon keine Drinks bekam, dann wenigstens das hier!
      „Yeah“, hauchte sie, die sie ihn seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte, „gesponsort von der Zahnarztriege. Und fuck, der ist es wert, schlechte Zähne zu bekommen.“
      Othello lachte erneut. „Na dann guten Appetit.“
      Er hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, da landete schon die erste Waffel mit Schlagsahne in Anyas Mund. Was sie aber nicht daran hinderte, trotzdem zu reden. „Awo, wa mawhst du eiwenwich whir?“
      „Ach nichts Besonderes. Deine Managerin hat mich angerufen und gefragt, ob ich nicht Lust auf eine Revanche hätte.“
      „Huh?“ Anya schluckte erstmal kräftig und schnappte sich dann den Löffel, der neben dem Eisbecher lag. „Ich kenne Cynthia nicht mal eine Woche. Wie bist du so schnell …?“
      „Ich bin schon seit drei Tagen in Livington. Die Anfrage hat sie kurz nach dem Legacy Cup gestellt“, wunderte sich Othello.
      Und beobachtete Anya anschließend dabei, wie sie wütend Schlagsahne in sich hinein schaufelte und dabei vor sich hin fluchte. „Diese hinterhältige Schlange. Also hat sie mich schon seit Wochen im Visier gehabt. Und so selbstsicher zu sein, dass sie mich kriegt … blöde … der werd' ich-“
      „Sachte“, hob der Grieche die Hände, „du verschluckst dich noch.“
      „Bah! Hast Recht, von der lass ich mir nicht den Tag versauen. Hier, willste auch?“

      Othello schreckte zurück, als er schlagartig einen Löffel mit Erdbeereis vor der Nase hatte. Anyas Blick verriet, dass sie ein Nein nicht akzeptierte. Mit leicht geröteten Wangen beugte er sich vor und nahm das Eis gezwungen bereitwillig an.
      „Guter Junge“, strahlte sie stolz.

      Dass ich das noch erleben darf, Anya Bauer. Du teilst dein Essen. Vergiss' Team Logan Carter, ich bin ab sofort Team Othello Nikoloudis!

      Was faselte Levrier da, wunderte sich Anya aufrichtig naiv. Um gar nicht erst in die Verlegenheit zu geraten, sich darüber weitere Gedanken zu machen, wechselte sie schnell das Thema. Dabei fiel ihr auf, wie ihr neuer Freund bewusst aus dem Fenster auf die Straße hinab starrte.
      „Und wie lange bleibst du noch?“, wollte sie wissen.
      „W-weiß ich nicht. Wir haben es nicht eilig.“
      „Cool! Wenn du willst, kann ich dir die Stadt zeigen.“
      Wie er immer noch vermied, sie direkt anzusehen. Hatte sie was im Gesicht?
      „G-gerne. Aber nicht heute. Ich bin müde. Und morgen geht's auch nicht, da muss ich zum Arzt, wegen ein paar neuer Medikamente.“ Er schielte aus den Augenwinkeln zu Anya. „Also wäre dir übermorgen recht?“
      Anya nickte. „Klaro! Aber komm wenigstens kurz mit nachhause. Wenn du willst, kann ich dann auch gleich ein Duell mit Roboburg organisieren.“
      „W-wen bitte?“
      „Claire Rosenburg.“ Anya rollte mit den Augen. Natürlich wusste Othello nichts von ihr und ihrem zweifelhaften Spitznamen. „Sie wohnt bei mir – leider! Wenn du magst, kannst du sie jeden Tag herausfordern. Ich habe bloß keine Ahnung, wie gut sie nun wirklich ist. Letztens habe ich im wahrsten Sinne des Wortes ihren Staub gefressen.“

      Othello sah die Blonde verwirrt an. Keiner der beiden sagte etwas. Man konnte förmlich hören, wie es in seinem Denkkasten ratterte. Und das gefiel Anya irgendwie nicht.
      „Moment … du hast dich gegen Claire duelliert? Wann?“
      „Uh … na ja …“
      „Doch nicht etwa … wart ihr das!?“ Der Junge war so laut, dass die anderen Gäste sich überrascht zu ihnen umdrehten. Auf Anyas hektisches Handgewedel hin wurde er leise. „Habt ihr beide die halbe Riding Duel-Strecke in Ephemeria City auseinander genommen!?“
      Anya sah sofort, dass es keinen Sinn hatte, es abzustreiten. „V-vielleicht?“
      „Da hätten Menschen verletzt werden können!“

      Okay, für den Abby-Tonfall gab's gleich Abzüge in der B-Note! B wie besonders rücksichtsvoll, was eventuelle Fehltritte anging. Bisher hatte keiner da jemals eine gute Note von ihr bekommen. Anya fragte sich bis heute, ob ihr jemals so jemand begegnen würde.

      „Es wurde aber keiner verletzt!“, zischte sie so leise sie konnte und beugte sich vor. „Das war nicht meine Schuld, sie hat angefangen! Ich hab mich nur gewehrt!“
      Othello sah sie immer noch tadelnd an. „Das musst du mir erklären!“
      „Ich habe sie … vielleicht etwas provoziert“, log Anya, wobei das eigentlich sogar der Wahrheit entsprach. Nur dass sie ihren Manager auf sich aufmerksam gemacht hatte, nicht Claire selbst.
      „Und wie habt ihr die Sicherheitsmechanismen deaktiviert?“ Mittlerweile klang er eher neugierig als alles andere.
      „Die weiß eben, wie das geht. Na ja, eins kam zum anderen …“
      „Aber da wurde doch jemand festgenommen-“
      Sofort würgte Anya ihn ab. „-und freigelassen! Ja, ich weiß!“
      „Will ich überhaupt wissen, was da abgegangen ist?“
      „Das fragst du, -nachdem- du mich schon ausgehorcht hast!?“
      Die beiden blinzelten einander an. Und lachten.

      ~-~-~

      Das blonde Mädchen lief in ihrem kleinen Zimmer auf und ab. Wofür sie wie viel, vielleicht vier bis fünf Schritte brauchte!? Was dachten sich diese Schwachmaten dabei, sie hier einzupferchen?
      Sie war noch nicht lange hier, aber bereits jetzt kristallisierte sich eins heraus: Bis sie dazu kam, die Dinge zu tun, die ihr versprochen worden waren, würde noch sehr viel Zeit vergehen.

      Schließlich ließ sich Zoey frustriert auf ihrem Bett nieder, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und ließ sich in das Kissen fallen. Dieses Zimmer ähnelte eher einer Gefängniszelle als allem anderen. Ein kleiner Schreibtisch neben dem Bett sowie ein Schrank gegenüber waren alles, was sie hier hatte. Da die Anlage unter der Erde lag, gab es hier nicht einmal Fenster und entsprechend störend war das ständige, leise Rauschen der Lüftung.
      Na ja, wenigstens musste sie das Zimmer nicht noch mit jemandem teilen.

      In ihren Gedanken verloren, bemerkte sie gar nicht, dass jemand im Türrahmen stand. Mit der Faust klopfte die schwarzhaarige, junge Frau gegen die Innenwand und wartete auf eine Reaktion.
      Zoey aber hob nur ein Lid an. „Was?“
      „Ich war neugierig, was es mit unserem neuesten Mitglied auf sich hat“, trällerte die Besucherin fröhlich und trat ohne Aufforderung ein. „Na, hast du dich schon eingelebt?“
      „Geht so“, bekam sie eine lasche Antwort.
      „Ich bin Persephone“, stellte jene sich vor und trat an Zoey herab, welche sie aus ihrem einen, offenen Auge betrachtete.

      Eins musste man der mit dem unaussprechlichen Namen lassen – sie war hübsch. Das wellige, schwarze Haar glänzte im Licht der Deckenbeleuchtung, reichte ihr bis zum Becken. Die Haut war blass, was ihr etwas Puppenhaftes verlieh. Wie alle, trug sie die dunkelblaue Uniform von CLEAR.

      Persephone ließ sich neben Zoey nieder. „Wenn du willst, führe ich dich ein bisschen herum. Die Einweisung hat dich sicher mehr verwirrt als alles andere.“
      „Nope. Eigentlich weiß ich ganz genau, was ich zu tun habe“, antwortete Zoey selbstbewusst.
      Das entlockte dem ungebetenen Gast ein erstauntes Raunen. „Oh? Was machen wir denn, wenn ich fragen darf?“
      „Ziele eliminieren.“
      Die Schwarzhaarige lachte. „Gewissermaßen, ja. Aber ganz so einfach ist es nicht. Wir sammeln Äther, indem wir Personen mit verhältnismäßig hohem Aufkommen zum Duell zwingen.“
      In der Tat war der Teil für Zoey neu. Sie richtete sich mit Schwung auf und sah Persephone an, welche ein bitterböses Grinsen aufgelegt hatte. „Ich war an den Testläufen beteiligt. Macht Spaß.“
      „Wirklich?“, fragte die Blonde träge. „Und was passiert mit den Leuten wenn wir fertig sind?“
      „Na ja …“ Die Schwarzhaarige kicherte. „Die meisten kippen danach um. Wenn sie Glück haben. Arme Idioten.“
      „Aha … was auch immer.“ Desinteressiert ließ Zoey sich wieder zurück ins Kissen sinken.

      Nachdem beide beharrlich schwiegen, erhob sich Persephone und merkte verstimmt an: „Besonders gesprächig bist du ja nicht.“
      „Du dafür umso mehr.“
      „Ich versteh' schon“, lamentierte die Schwarzhaarige und zuckte mit den Schultern, „dich interessiert das alles nicht.“
      „Mir geht eben keiner dabei ab, Unschuldige umzubringen.“
      „Tch!“ Sichtlich beleidigt wandte sich Persephone ab und verließ das Zimmer, nur um auf der Türschwelle noch einmal umzukehren. „Nur damit du es weißt: Davon war nie die Red- Aua!“
      Zoey sah erstaunt auf und sah die Frau, wie sie sich den Hinterkopf rieb. Hinter ihr stand ein wahrer Hüne von Mann. Auch er trug eine Uniform, sein schwarzes Haar war kurz rasiert und, was ihn besonders herausstechen ließ, besaß er ein Tribal-Tattoo, das seine komplette, rechte Gesichtshälfte zierte.
      „Ares, was soll das!?“, fauchte Persephone.
      „Hör' nicht auf sie“, richtete der seine Worte jedoch direkt an Zoey. „Die Zielpersonen erholen sich nach einiger Zeit. Es gibt Berichte, in denen manche temporär ins Koma fielen, aber das sind Ausnahmen.“
      Die Blonde rollte mit den Augen. „Was auch immer …“
      „Sie hat keine Ahnung“, grummelte ungebetener Gast #1 weiter.
      „Was wir tun dient dem größeren Wohl“, erklärte der Mann namens Ares daher, „siehst du, jeder von uns hat etwas an die Dämonen verloren. Manche Familienmitglieder, andere ihre Unabhängigkeit …“
      Er sah auf die wesentlich kleinere Persephone herab. „… und manche sogar ihren Verstand.“
      „Klappe!“, zischte die und stieß ihm ihren Ellbogen in den Magen, was den Hünen aber gar nicht juckte.
      Zoey betrachtete beide und schüttelte dann den Kopf. „Seid ihr jetzt endlich fertig?“
      „Wenn du Hilfe brauchst, kannst du dich gerne an mich, Persephone oder auch Ruud wenden.“
      Mit diesen Worten folgte Ares der sehr direkten Aufforderung und griff den Arm der Schwarzhaarigen, welche sich nur unter wüsten Schimpftiraden wegziehen ließ.

      Nachdem sie endlich für sich war, zog Zoey die Beine an und legte den rechten Arm über das rechte Knie. Ihr war scheißegal, was diese Typen vor hatten oder wofür sie kämpften. Alles, was für sie zählte, war Rache an Anya zu nehmen. Und an Levrier …
      Da war es ihr auch recht, Missionen für CLEAR auszuführen. Wehe, die ließen sie lange zappeln …

      Zoey saß neben dieser schwarzhaarigen Fremden, die in ein elegantes, eierschalenfarbenes Kleid gekleidet war. Ihre Hände lagen dabei auf dem Schoß. Das Mädchen hielt nicht viel von gemischten Haarfarben, schon gar nicht, wenn die untere Hälfte komplett weiß war wie bei der da.
      „Oma hat immer gesagt, man soll nicht mit Fremden mitgehen. Schon gar nicht mit Weibern“, begann die Beanie-Trägerin schließlich feindselig.
      Kathea kicherte. „Eine weise Frau.“
      „Was willst du von mir?“
      „Ich kam nicht umher, den kleinen … Disput mit deiner Schwester mitanzusehen.“
      Zoey schnaubte. „Ich bin nicht ihre Schwester. -Nur- eine Cousine …“
      Und dafür war sie ihr bis hierher gefolgt? Was stimmte nicht mit der?
      Trotzdem sind Streitigkeiten in der Familie eine ernste Sache. Wie traurig.“
      Man musste kein Verhaltensforscher sein, um die Falschheit dieser Frau durch ihre Worte hindurch zu erkennen. Skeptisch betrachtete Zoey sie aus den Augenwinkeln. „Ja, aber ich wüsste nicht, was dich das angeht.“
      „Nichts. Da hast du vollkommen Recht. Allerdings solltest du etwas über deine Cousine wissen. Sie wird kontrolliert.“
      Ah ja? Von wem?“
      Der Anflug eines Lächelns zierte Katheas Lippen, wie sie starr geradeaus blickte. „Levrier.“
      „'kay.“
      „Du willst nicht wissen, wer das ist? Oder eher: Was er ist? Ein Immaterieller. Ein Dämon.“

      Zoey sagte gar nichts. Sie starrte die Frau lediglich abweisend an.
      Schließlich wandte sich die Schwarzhaarige ihr zu und bedachte sie mit diesem mitleidigen Blick, der geradezu danach bettelte, mit einem Faustschlag ausgelöscht zu werden. „Sie hat mit ihm während eures Duells gesprochen.“
      „Aha.“
      Wenig überrascht verschränkte Kathea die Arme. „Natürlich glaubst du mir nicht. Wer würde das schon? Aber es ist die Wahrheit.“

      Die Frau zückte ein Smartphone und spielte ein Video ab, das Anya aus der Vogelperspektive zeigte, wie sie bei Nacht in einem riesigen Stadion stand. Sie stritt schwer verständlich mit ihrem Bruder Zachariah und … beschwor gezackte Schwerter, griff ihn mit Blitzwellen an.
      Was zur Hölle!?“, entfuhr es Zoey da.
      Kathea hielt das Video an. „Einer unserer Mitarbeiter hat das mit seinen Drohnen gefilmt. Durch ihre Aktivitäten ist deine Cousine ins Visier mächtiger Dämonen geraten. Und das verdankt sie allein Levrier.“
      Perplex starrte Zoey auf das teure Markentelefon, sah die Blitze im Standbild. „Gibt es noch mehr Videos?“
      „Natürlich.“
      Kurz darauf spielte sie ein Video ab, ebenfalls aus der Vogelperspektive, in dem zwei Motorräder früh am morgen über eine Riding Duel-Strecke rasten. Die zurückliegende Person stand unter heftigen Beschuss einer Kanone am Heck des anderen Motorrads. Der Asphalt explodierte förmlich bei den Treffern, als der Angegriffene mit Mühe und Not auswich.
      Dies ist ein Duell zwischen deiner Cousine und Claire Rosenburg“, erklärte die Frau. „Unnötig zu erwähnen, wer wer ist.“
      „Ugh …“ Zoey sah weg. Und überlegte.

      Schließlich fragte sie: „Und wie spielt ihr da rein?“
      „Ich bin die Repräsentantin von CLEAR. Einer Organisation, die dämonische Bedrohungen bekämpft.“
      Nun lachte Zoey auf. „Im Namen der Regierung?“
      „Nein. Wir agieren eigenständig.“ Madame Big Boss, oder wer auch immer sie wirklich war, fuhr sich durch das lange Haar. „Deine Cousine ist uns wohlbekannt. Unglücklicherweise hat sie ein Talent dafür, sich permanent in Schwierigkeiten zu bringen, wie du siehst. Bisherige Versuche, Levrier von ihr zu trennen, sind leider fehlgeschlagen.“
      Aha.“ Zoey wandte sich von ihr ab und blickte durch die getönte Scheibe des Wagens auf die Straße.
      „Ich mache es kurz: Uns fehlt es an Personal. Jemand mit einer Verbindung zu ihr könnte Anya Bauer vielleicht retten. Und Levrier vernichten. Darüber hinaus arbeiten wir an einem großen Projekt, das diese Welt retten könnte.“
      „Bin dabei …“, war Zoeys knappe Antwort darauf.

      Ja, dachte sie rückblickend. Da war nicht viel Überredungskunst von dieser Kathea nötig gewesen, keine langen Erklärungen, keine Machtdemonstrationen.
      Zoey war nach Livington gekommen, um nur noch einmal Anya von Auge zu Auge gegenüber zu stehen. Ihre Cousine, die sie einfach vergessen hatte. Und jetzt, da sie wusste, dass jene sich nicht mehr um sie scherte, war ihr jedes Mittel recht, um an ihre Rache zu gelangen.
      Und wenn sie dabei diese CLEAR-Gruppe ausnutzen konnte, umso besser.

      Zoey knirschte hasserfüllt mit den Zähnen. Anya würde bekommen, was sie seit jeher verdient hatte. Und Levrier gleich mit!

      ~-~-~

      Anya schob grinsend Othellos Rollstuhl vor sich. Es hatte ihr nichts ausgemacht, ihn durch halb Livington zu kutschieren. So hatte sie ihm wenigstens die besten Plätze zeigen können, entgegen vorheriger Proteste. Die große Stadttour würden sie dann später nachholen. Und nun war es Zeit, ihm ihr Zuhause vorzustellen.
      Die beiden hatten bereits Cynthias bunten Wohnwagen im Blickfeld, der noch immer vor dem Garten der Bauers parkte.
      „Na ja“, meinte Anya nachdenklich und ging auf die Frage ihres Freundes ein, „sie hat sich mehr oder weniger selbst eingeladen. Und mich überredet mitzumachen.“
      „Ich denke, mit Cynthia Taslitz hast du eine gute Managerin. Selbst heute bewundern die Leute sie noch für ihre Ehrlichkeit. Sie hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, wenn es darum ging, Probleme in der Liga anzusprechen“, erklärte der Blonde ihr.
      „Ach ja?“
      „Ja! Und sie kümmert sich um hilfsbedürftige Menschen und Tiere. Früher war sie bei vielen Charity Events dabei. Heute nicht mehr so, eher im Hintergrund.“
      Anya grinste. „Du kennst dich ja gut aus.“
      „Nein“, konterte er und sah sie genauso verschmitzt über die Schulter an, „du hast keine Ahnung.“
      „Boah!“ Um ihren Freund zu trietzen, nahm Anya Anlauf und schoss mit ihm regelrecht über den Bürgersteig. Statt aber zu schreien, lachte er nur laut, woraufhin sie einstimmte.

      Was die beiden nicht sahen, war, dass vor Cynthias Wohnwagen ein Taxi stand, aus dem gerade eine junge Frau in einem weißen Sommerkleid ausstieg. Die beiden fegten an dem Wohnwagen vorbei und waren so mit sich selbst beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkten, wie jemand vor ihnen ausstieg.
      „St-Stopp!“, rief der Fahrgast noch mit erhobenen Armen.
      Anya weitete die Augen. Mit quietschenden Reifen kam sie knapp vor der jungen Frau zum Stehen. Auch Othello verstummte abrupt und sah nach vorne.
      „A-Anya!“, fauchte der Neuankömmling erbost. „Du musst vorsichtiger sein!“
      Jene ließ vor Schreck die Griffe des Rollstuhls los. Als sich ihr Gegenüber straffte und den Hut abnahm, fiel brünettes, leicht gelocktes Haar ihre Schultern hinab.
      Abigail Masters sah sie strafend hinter ihren Brillengläsern an. Und gewann gleich darauf ihr Lächeln wieder, als sie wusste, dass sie erkannt worden war. „Schön, dich zu sehen.“
      „A-Abby … w-was machst du denn hier!?“


      Turn 96 – Witch Fight
      Während Abby den Grund ihres Besuches erklärt, taucht der Undying-Anführer Ricther unvermittelt auf und will Anya mit sich nehmen. Anderenorts kommt es zu einer Konfrontation zwischen zwei Hexen, die unbemerkt von Velvet um deren Schicksal kämpfen …


      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Anya

      Gem-Knight Garnet
      Gem-Knight Tourmaline
      Gem-Knight Lazuli

      Gem-Knight Pyrite
      Monster/Normal/Pendel
      Fels/Erde
      ATK/0 DEF/2800 (6) PSC: <8/8>
      Pendeleffekt: Einmal pro Zug: Du kannst 1 "Gem-Knight"-Karte von deinem Deck auf den Friedhof schicken.
      Monstereffekt:Einer der verlorenen Edelsteinritter, die nach einer langen Reise zurückgekehrt sind. Doch die Welt, die sie einst ihre eigene nannten, ist nicht mehr.

      Gem-Knight Jasper
      Monster/Effekt/Pendel
      Pyro/Erde
      ATK/1800 DEF/600 (4) PSC: <2/2>
      Pendeleffekt: Einmal pro Zug, während des Zuges eines beliebigen Spielers: Wähle 1 Fusionsmonster auf deiner Spielfeldseite als Ziel; schicke das Ziel auf den Friedhof und beschwöre von dort genau so viele Monster als Spezialbeschwörung, die als Fusionsmaterialmonster des Ziels verwendet werden können und benötigt werden, um das Ziel zu beschwören.
      Monstereffekt: Wenn diese Karte als Fusionsmaterial für die Fusionsbeschwörung eines "Gem-Knight"-Monsters benutzt wird: Erhöhe die ATK und DEF jenes Monsters um 600.

      Gem-Eyes Value Dragon
      Monster/Effekt/Pendel
      Drache/Erde
      ATK/2400 DEF/2000 (7) PSC: <5/5>
      Pendeleffekt: Wenn dein Gegner einen direkten Angriff deklariert und du eine "Gem"-Karte in deiner anderen Pendelzone kontrollierst: Beschwöre diese Karte von deiner Pendelzone in offene Angriffsposition; zerstöre alle Karten in deinen Pendelzonen.
      Monstereffekt: (Wird immer als "Gem-Knight"-Monster behandelt)
      Einmal pro Zug kannst du den Typen dieser Karte zu Pyro, Aqua, Donner oder Fels ändern. Entsprechend ihres Typs erhält diese Karte folgenden Effekt:
      O Pyro: Einmal pro Zug: Füge deinem Gegner 500 Punkte Schaden zu. Du kannst diesen Effekt von "Gem-Eyes Value Dragon" nur einmal pro Zug aktivieren.
      O Aqua: Einmal pro Zug: Erhöhe deine Life Points um 1000. Du kannst diesen Effekt von "Gem-Eyes Value Dragon" nur einmal pro Zug aktivieren.
      O Donner: Einmal pro Zug: Wähle 1 offene Karte als Ziel; annulliere den Effekt des Ziels. Du kannst diesen Effekt von "Gem-Eyes Value Dragon" nur einmal pro Zug aktivieren.
      O Fels: Einmal pro Zug: Du kannst 1 Fusionsmonster als Fusionsbeschwörung von deinem Extra Deck beschwören, verwende dabei Monster, die du kontrollierst, als Fusionsmaterial, einschließlich dieser Karte.

      Brilliant Spark
      Negate Attack

      Gem-Knight Pearl

      Othello

      Dwarf Star Dragon Planeter
      Doomstar Magician
      Odd-Eyes Pendulum Dragon
      Stargazer Magician
      Timegazer Magician x2
      Wisdom-Eye Magician
      Harmonzing Magician

      Pendulum Fusion
      Amazing Pendulum

      Starving Venom Fusion Dragon
      Clear Wing Synchro Dragon
      Dark Rebellion Xyz Dragon


      Wie immer würde ich mich über Kommentare freuen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von -Aska- ()

      -Aska- schrieb:

      Hallo alle miteinander!
      Ich wünsche euch ein frohes Neues und bedanke mich für eure Aufmerksamkeit!

      @WiR
      Die ganze Bauer-Familie ist eben komplett verkorkst. Zoey ahnt zwar nichts von den Bierproblemen ihrer Verwandten, aber muss sie auch nicht. Sie bekommt Screentime, das ist wichtiger. :D

      Das Firewall-Problem wurde ja inzwischen behoben. Gut, dass Levrier/Gem-Knight Pearl sowas nie passieren kann - oder?
      Ja, Melinda war zu zurückhaltend und hat dafür auf die Fresse bekommen. Eine Blamage mehr für sie, aber die kann das ab.

      Herzlichen Dank für deinen Post.

      @Mcto
      Ich finde das Profi-Leben auch sehr interessant. Besonders da die Animes - mit Ausnahme von GX - nie richtig darauf eingehen.
      Leider werde ich da keinen Deut besser sein, denn der Fokus liegt nunmal auf ganz anderen Sachen. Mehr als Anschneiden kann ich das Thema momentan nicht.

      Cool, dass Grandma Bauer so gut ankommt. Ich mag sie auch, habe lange auf ihre Einführung gewartet. Mal sehen, was sich noch aus ihr machen lässt.

      Velvets Geheimnisse werden gelüftet. Aber noch nicht so bald. Dir wird bis dahin aber sicher das ein oder andere auffallen. Ich bin gespannt. :)

      Die AFC ist ein Puzzleteil, aber auch ein Mittel zum Zweck. So kompliziert ist es eigentlich nicht.

      Ansonsten: Ich denke, ich hatte ein recht gutes Jahr. Ich hoffe, du auch.
      Ich finde es sehr berührend, dass du meine FF als Geschenk empfindest. Das hört man nicht jeden Tag. Danke.
      Auch möchte ich deinen Worten beipflichten. Auch an das zu denken, was man schon hat.

      In diesem Sinne vielen lieben Dank für deine Treue. Es ist ebenso ein Geschenk für mich, euch als Leser zu haben. :)


      Mit einer mächtigen Prise Elan geht es jetzt weiter mit:
      Turn 95 – Bonds]Anya saß neben Cynthia in deren schwarzem Ford Fiesta.



      Hier klicken für die PDF.

      Wie immer würde ich mich über Kommentare freuen.
      Ist es gewollt dass der Link zur PDF zu Turn 96 statt Turn 95 führt?


      Ne, ist es nicht. <.<
      Ist inzwischen korrigiert und ich würde die Leute bitten, die sich die PDF der "falschen" Folge geladen haben, diese nicht zu lesen.
      Sie ist noch nicht korrigiert und angepasst.

      Wie peinlich. >.<

      Danke für den Hinweis.

      Edit: Aufgrund technischer Schwierigkeiten gibt es erstmal keinen PDF-Link ...
      Edit 2: Problem behoben. Hier.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von -Aska- ()

      Spoiler anzeigen
      Willkommen im neuen Jahr -Aska- :)

      Wenn man es bedenkt, ist bei Anyas Duell, dass ja eigentlich nur Mittel zum Zweck hätte sein sollen, einiges anders gelaufen als man es hätte erwarten können. Statt eine nervige Pflicht für ein fernes Ziel, dass man irgendwie gewinnt, ohne dabei wirklich den eigenen hohen Ansprüchen schon zu genügen, ist das Duell eine Freude gewesen - und das obwohl Anya verloren hat. Sie hat einen Freund wiedergetroffen, und zwar nicht irgendeinen, sondern vielleicht den ersten, den sie aus eigener Initiative heraus zu einem solchen gemacht hat. Sicherlich sind alle Freunde für sie wertvoll, aber es dürfte kaum etwas neues sein, dass Othello etwas besonderes war, etwas besonderes ist.

      Wieder einmal fällt mir auf, das Othello durch seine Krankheit in gewisser Weise Anyas grundlegenden Kampf gegen das Schicksal zwar nicht direkt in der selben Form teilt, aber das Gefühl gut nachvollziehen können dürfte.

      CLEAR ist also ein Anti-Dämonen-Organisation die Äther sammelt, fragt sich nur mit welchem höheren Ziel, wozu genau der Äther? Und bei dem Vorgehen nehmen sie ja anscheinend nicht allzu viel Rücksicht auf Verluste.

      Der Familienstreit mit Zoey könnte einiges in Gang setzen schätze ich, was die Familie Bauer und ihre Verstrickungen angeht, wesentlich mehr als Zoey in ihrer kurzsichtigen Rachsucht erahnen kann. Mal sehen, wie sich das ausgestaltet.

      Jetzt wo Abby wieder auftritt, fällt mir erstmals auf, wie lang sie eigentlich nicht vorgekommen ist. Bin gespannt auf ihren Beitrag zum ganzen Schlamassel ;)

      Hallo allerseits!

      @Mcto
      Jop, manchmal können Sachen, die man negativ betrachtet, sich zum Positiven entwickeln.
      Othello ist besonders, das stimmt. Denn wie du sagtest, der Überlebenskampf der beiden tritt zwar in unterschiedlicher Form auf, doch er ist da. Das verbindet, auch wenn Othello nichts von Anyas Schicksal ahnt.

      Zu CLEAR kann ich noch nicht allzu viel verraten, aber zumindest so viel: Sie werden die ganze Staffel über präsent sein.

      Und ja, Abby war wirklich sehr lange weg. In Season 2 nur kurze Gastauftritte, aber in Season 3 ist sie zumindest wieder eine der Handlungsträgerinnen. :)


      Viel Spaß mit ...

      Turn 96 – Witch Fight
      Anya klappte die Kinnlade hinunter. Etwas, das in der Regel nur dann passierte, wenn jemand sie im Duell jeden Moment mit gewaltiger Offensive wegklatschen würde. Oder wenn etwas geschah, mit dem sie nicht einmal ansatzweise gerechnet hätte und das sie gleichzeitig bewegte.
      „A-Abby“, stotterte sie fassungslos, „w-was machst du denn hier?“

      Da stand sie tatsächlich, in einem weißen Kleid und dazu passendem Hut in den Händen, den sie verhalten vor sich hielt. Nur aus den Augenwinkeln nahm Anya den Taxifahrer wahr, der um den Wagen neben ihnen schritt und einen Koffer auslud.
      „Euch besuchen“, sagte die Brünette mit dem leicht gewellten Haar und der dezenten, fast unsichtbaren Brille verhalten. Ihr Anblick war wahrlich kein Vergleich zu früher mehr, als sie noch in ihrer Hippie-Phase war, dunkel getönte Brillen trug und in, von Anya gemeinhin als 'Kartoffelsäcken' betitelt, herumlief. „Ich habe Semesterferien.“

      Ja, Abby Masters studierte seit fast einem Jahr in London. Und seitdem hatte Anya sie nur selten gesehen, entweder in besagten Ferien oder zuletzt auf Valerie Redfields misslungener Hochzeit.
      „Cool!“, staunte Anya.
      Sie vergaß dabei fast, dass da noch jemand war. Othello saß in dem von ihr geschobenen Rollstuhl und wartete geduldig darauf, dass man ihn wahrnahm.
      Und Gutmensch, wie Abby nun mal war, kam sie dem auch umgehend nach. „Hallo. Ich kenne dich. Du bist doch Othello, Anyas Finalgegner vom Legacy Cup. Schön, dich kennenzulernen.“
      Sie ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
      „Hallo“, erwiderte Othello freundlich.
      „Wie kommt es, dass ihr beide …?“, fragte Anyas Freundin aus Kindheitstagen vorsichtig.
      „Uh, wir haben-“
      „Lange Geschichte“, schnitt Othello der Blonden ins Wort. „Anya, um ehrlich zu sein, hat mich der Weg durch die Stadt doch ganz schön erschöpft. Hättest du etwas dagegen, wenn ich mich mit dem Taxi nachhause fahren lasse?“
      Anya blinzelte verdutzt, gab dann aber demotiviert nach. „'kay.“
      „Tut mir leid“, entschuldigte er sich reumütig, „aber wir treffen uns zu dem richtigen Stadtbummel, versprochen.“

      Abby bezahlte bei dem Taxifahrer ihre Fahrt und zusammen mit ihm und Anya halfen sie Othello dabei, einzusteigen und seinen Rollstuhl auf der Rückbank zu verstauen. Nachdem das Taxi die Straße entlang fuhr und beide zum Abschied winkten, wirbelte Anya herum.
      „Tja, das lief anders als geplant.“
      Ihre Freundin kicherte verschwörerisch. „Sag bloß, da läuft was zwischen euch? Was ist mit Logan?“
      „Huh!? Willst du per Fußtritt-Express direkt wieder nach London, Masters!?“, fauchte Anya und wurde knallrot im Gesicht. „Othello ist ein Freund, mehr nicht. Und Logan, uh, der ist, uhm … nicht hier.“
      Die letzten Worte sprach sie betrübt aus.
      „Was ist denn passiert?“
      „Komm rein, ich erzähl's dir.“

      Kurz darauf saßen die beiden in Anyas wie üblich absolut chaotischem Zimmer auf der Bettkante.
      „Ha ha, hier hat sich nichts verändert“, stellte Abby glücklich fest.
      „Was soll sich auch verändern? Veränderungen sind scheiße!“
      „Ich möchte widersprechen“, murmelte die Brünette eine Spur beleidigt und seufzte, „aber ich verstehe schon, woher deine Meinung rührt.“
      Anya interessierte allerdings etwas ganz anderes. „Sag mal, wieso bist du eigentlich hier ausgestiegen und nicht bei dir zuhause?“
      „Nun, also“, geriet ihre Freundin ins Hadern und saß auf einmal kerzengerade. Dann aber gab sie sich einen Ruck. „Ach weißt du, natürlich möchte ich meine Eltern und Geschwister sehen, aber um die habe ich mir keine Sorgen gemacht. Um dich schon.“
      „Huh?“
      „Du hast dich in letzter Zeit kaum gemeldet!“ Abby sah Anya vorwurfsvoll von der Seite an. „Ich wusste gar nicht, was los ist, bis ich es von deiner Mutter erfuhr. Du wärst beinahe mit dem Flugzeug abgestürzt! Wie bist du da heil herausgekommen!? Und wieso warst du wirklich die Tage davor im Krankenhaus!?“

      Also begann Anya die Geschichte zu erzählen. Wie sie Claire Rosenburg in einem Riding Duel fast besiegt und dabei die halbe Strecke in Schutt und Asche gelegt hatte, dass sie am selben Abend noch von Kali herausgefordert wurde, nur um diese in den Boden zu stampfen und anschließend von ihrer Lehrmeisterin Gardenia in deren Weißem Raum eingesperrt zu werden.
      Die Zeitdileirgendwas dort hatte sie einen ganzen Tag verlieren lassen und die von der Weißen Hexe zugefügten Wunden musste sich ein Arzt ansehen, der sie natürlich prompt ins Krankenhaus steckte.
      Und dann der beschissene Flugzeugabsturz, das ganze Theater mit den Cops, als ob sie und ihre Freunde Schuld daran gewesen wären. Pft!
      Sie antwortete auch auf Abbys Frage, was mit Logan sei und dass dieser noch in Ephemeria City den Behörden stand hielt, nachdem er die Schuld für das Desaster auf sich genommen hatte. Und dass aus dem Nichts irgendsoein Kerl das Verbrechen gestanden hatte, wodurch Logan aus dem Schneider war. So unlogisch das alles auch klang …

      Als sie ihre Geschichte beendete, war es Abbys Kinnlade, die offen stand.
      „Spar' dir deine Kommentare“, murrte Anya geknickt, „ich weiß, dass das alles Scheiße war. Aber was sollte ich tun?“
      „Nicht zu einer Kriminellen werden?“ Ihre Freundin hauchte die Worte mit einer gewissen Spur Ehrfurcht. Oder nur Furcht? „Zerstörung öffentlichen Eigentums, Ansporn zu einer Falschaussage, Einbruch in das Bridge Stadium, nochmal Zerstörung öffentlichen Eigentums, Terrorverdacht, weil ihr das Flugzeug vor dem Absturz verlassen habt-“
      „Das war keine Straftat, wir waren es wirklich nicht!“
      Abby musste sich sehr zusammenreißen, um die nächsten Worte mit maximaler Fassung auszusprechen: „Anya, bei allem Respekt, aber es ist ein Wunder, dass du noch nicht hinter Gittern bist.“
      „Hatte halt Glück.“
      „Nein, du hattest kein Glück!“, widersprach Abby mit erhobener Stimme. „Da waren überall Leute mit im Spiel, die ihre schützende Hand über dich gehalten haben!“
      „Sag das dieser merkwürdigen Vision, die mich aus dem Flugzeug gelotst hat!“
      „Auch die kommt nicht von irgendwo her!“, fauchte die Brillenträgerin. „Jemand wollte dich beschützen! Und wenn es nur der Sammler war.“
      Anya sprang wütend auf. „Pah! Mit dem habe ich nichts mehr am Hut, Abby! Der kam neulich auch vorbei-“
      Sofort war auch die Sirene auf den Beinen. „Und du lebst noch, was ein weiteres Wunder ist, nachdem Matt und Valerie ihn beinahe, für -dich-, umgebracht hätten! Obwohl sie ebenfalls viel zu verlieren haben!“
      „Jetzt gibst du mir die Schuld für deren Alleingang!?“
      „N-nein, ich sage bloß, dass-“
      Die Blonde stampfte wütend auf. „Herrgott Masters, steck du mal in meiner Haut! Was würdest du denn an meiner Stelle anders machen!?“
      Da verstummte Abby. Auch Anya senkte schuldbewusst beim Anblick ihrer entsetzten Freundin die Stimme. „Ich habe eingesehen, dass es zu gefährlich ist, dem Sammler bei seinem Plan zu helfen. Keine gefährlichen Aktionen mehr, versprochen. Die Undying werden mir helfen, meine Lebenskraft zurück zu kriegen oder irgendwie wiederherzustellen.“
      „Anya … Ah!“

      Beide wurden von einem surrenden Geräusch aufgeschreckt. Vor Anyas Kleiderschrank, am anderen Ende des Zimmers, öffnete sich ein schwarzes, ovales Portal. Stählerne Stiefel traten daraus hervor, die zu einer Gestalt gehörten, die die beiden wahrlich überragte. Der Hüne steckte in einer goldenen Rüstung, über der eine weitere, silberne lag. Ein roter Umhang reichte bis zu seinen Füßen. Der Anführer der Undying trat würdevoll aus dem Portal wie ein General, der eine Armee in den Krieg führte. Dabei reichten die roten Borsten an seinem Helm bis an die Decke.
      Abby schreckte zurück. „O-oh!“
      „Ricther“, nannte Anya ihn leise beim Namen.
      „Das ist er?“, flüsterte Abby ihr mit einer gehörigen Priese Ehrfurcht zu.
      Die nickte und sah den Hünen abwartend an. „Yeah, wie auf Kommando … Was gibt’s?“
      „Verzeih' meine Indiskretion, Anya Bauer, aber ich kam nicht umher, eure Unterhaltung mitzuverfolgen.“
      Sofort kam eine alles andere als verständnisvolle Reaktion zurück: „Du spionierst mir nach?“
      „Natürlich. Es ist nur zu deinem Besten.“
      „Tch!“
      „Das ist … unhöflich!“, gab auch Abby zu verstehen, nachdem sie scheinbar spürte, dass von diesem uralten Wesen keine Gefahr ausging. „Es verletzt ihre Persönlichkeitsrechte!“
      Er lachte. „Ich fürchte, unsere derzeitige Lage erlaubt es uns nicht, Menschengesetze zu befolgen.“
      „Warum bist du hier?“, fragte Anya gereizt. „Erst schließen wir einen Waffenstillstand und dann meldet ihr euch nicht. Um ehrlich zu sein dachte ich schon, ihr hättet mich vergessen!“
      Sie ballte beide Hände zu Fäusten, was auch ihrer Freundin nicht entging, die Anya umgehend ihre Hand auf die Schultern legte. „Bleib ruhig!“
      „Verzeih mir. Wir haben dich nicht vergessen. Unser Versprechen, dich aus deiner Lage zu befreien, steht weiterhin. Aber bevor wir keine Ergebnisse präsentieren konnten, hielten wir es für das Beste, dich zunächst nicht zu behelligen.“ Er trat beiseite, richtete seine Hand auf das noch immer geöffnete Portal. „Folge mir. Ich werde dir zeigen, zu welcher Lösung unsere Bemühungen uns geführt haben.“

      Das verspricht interessant zu werden, Anya Bauer.

      Abby, die den Immateriellen ebenso hören konnte, strahlte. „Hallo, Levrier!“

      Schön dich zu sehen, Abigail Masters. Dir scheint es in London gut ergangen zu sein.

      „Ja, es ist toll.“
      „Hört auf mit dieser 'glücklichen Wiedervereinigungs'-Plänkelei“, raunte Anya und zog an Abby vorbei. Sie hielt auf Ricthers Höhe und blickte finster zu ihm auf. „Schauen wir uns lieber an, wovon der da redet.“
      Abby sah ihr nur noch hinterher, wie sie wie eine Dampframme durch das Portal stürmte. Mit einem Anflug von Panik richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Ricther, der scheinbar auf sie warte. „I-ich auch?“
      „Ungern. Angesichts der Tatsache, dass bereits andere ihrer Freunde unsere Domäne betreten haben, kann ich wohl ein Auge zudrücken.“ Er wandte sich von ihr ab. „Du kannst aber auch gerne hier auf uns warten, Abigail Masters.“
      Die schluckte. „I-ich denke, ich komme lieber mit. Anya ist gerade etwas zu aufgewühlt, um sie alleine mit … mit euch zu lassen.“

      Wie sie an dem Undying vorbei schritt, beklagte sie insgeheim ihr Glück und Anyas Talent, sie immer wieder in Schwierigkeiten zu bringen. Dabei war sie doch gerade erst in Livington angekommen. Aber sie konnte ihre Kindheitsfreundin nicht alleine lassen. Ein Elefant im Porzellanladen der Undying? Da waren Schwierigkeiten doch vorprogrammiert!
      Kurz vor dem schwarzen, wie Teer glänzendem Portal blieb sie jedoch noch einmal stehen und richtete ihre Worte an Ricther: „Vielen Dank, dass ihr Anya eine Chance gebt und ihr helft. Aber solltet ihr euch jemals wieder gegen sie wenden, werde ich euch bekämpfen.“
      Dabei drehte sie sich zu dem Hünen um und ließ ganz kurz ihre pinken Augen aufflackern.

      -~-~-

      Mit gesenktem Haupt schritt Velvet über den Innenhof ihrer Schule. Der Kies, der rings um die Wiese in der Mitte angelegt war, knirschte unter ihren Füßen. Schüler liefen an ihr vorbei, glücklich über das Ende des Unterrichts, aber sie lachte nicht mit oder unterhielt sich mit jemandem.
      Noch immer hing ihr das Erlebnis mit diesem Harrier nach. Hätte sie doch bloß etwas unternommen, ihn irgendwie aufgehalten. Aber ihre Angst hatte sie gelähmt.

      Velvet stand in einem weißen, sterilen Krankenzimmer vor dem Bett, in dem Melinda lag. Diese war angeschlossen an ein Beatmungsgerät und diverse andere Maschinen. Es war ein fürchterlicher Anblick, wie die rothaarige da lag, mehr tot als lebendig. Und keiner konnte sich die Ursache dafür erklären.

      Es ist nicht deine Schuld“, sprach der Mann neben ihr.
      Sofort als er von dem Angriff auf den Sitz der AFC erfuhr, war Henry Ford dorthin aufgebrochen, nur um mitten während der Fahrt einen Anruf mit der schrecklichen Nachricht zu erhalten, seine Schwester wäre ins Koma gefallen.
      Velvet wollte sich gar nicht ausmalen, was gerade in ihm vorging.
      Der Brünette im weißen Businessanzug hielt die Hand seiner Schwester. „Sie ist schon immer ein Dickkopf gewesen, der alles alleine regeln wollte. Wenn, dann müsste ich ihr eine Kopfnuss dafür geben, dass sie dich überhaupt mit nach unten genommen hat.“
      „Dieser Mann, dieser Harrier … er schien“, begann Velvet, brach dann aber mitten im Satz ab.
      Wer wusste schon, was sie damit auslösen würde, wenn sie ihm jetzt gestand, dass er sie zu kennen schien und vermutlich zu den Leuten gehörte, die sie entführen wollten.
      Hm?“
      „E-er schien wohl bereits fertig zu sein, was auch immer er getan hat. Wir haben ihn auf der Flucht abgefangen.“
      „Das hast du der Polizei bereits gesagt, nicht wahr?“
      Das schwarzhaarige Mädchen mit der Brille nickte schuldbewusst.
      Henry legte seine andere Hand auf ihre Schulter. „Dann solltest du jetzt nachhause und dich ausruhen. Ich werde jemanden rufen, der-“
      „Wie können Sie so nett zu mir sein?“, fragte Velvet mit einem Mal verzweifelt. „I-ich habe eine Ihrer Karten, bin Zeugin, wie Ihre Schwester … wie sie …“
      Schluchzend begrub sie ihr Gesicht in die Hände und begann zu weinen.
      „Ich denke, ich weiß schon, wie ich dich einzuschätzen habe“, sprach Henry ernst, „auch wenn es Dinge gibt, die du uns immer noch erklären solltest. Aber das kann warten. Wenn du bereit bist. Wir sind nicht deine Feinde, Velvet. Wir wollen nur verstehen, was hier vor sich geht.“
      Sie sah mit tränennassen Augen auf. Und sie log nicht, als sie erwiderte: „Ich weiß es nicht.“

      „Yo Velvet, was geht?“
      Das Mädchen wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Fabio mit seinem Riesenafro in ihr Sichtfeld trat. Er lief neben ihr her und beugte sich dabei zu ihr vor und machte ein ernstes Gesicht. „Du siehst heute noch deprimierter aus als sowieso schon. Ich dachte, das wäre gar nicht mehr möglich.“
      Zu ihrer Linken eilte Patrice heran. „Nicht, dass du nicht trotzdem hübsch wärst.“
      „Spart euch die Macho-Sprüche“, knurrte Tatjana hinter ihnen.
      Der Afroamerikaner protestierte sofort: „Nu! Ich hab doch gar nichts gemacht!“
      Isaac, der letzte im Bunde, welcher an der Gruppe vorbei schritt und dann vor ihnen stehen blieb, schüttelte den Kopf. „Velvet, was ist los?“
      „N-nichts.“
      „Lüg' uns nicht an“, meinte der große Blonde trocken, „irgendetwas ist passiert. Sag uns was.“
      Die Bande blieb vor ihm stehen, wie er mit forderndem Blick die Arme verschränkte. Velvet sah von ihren Freunden zur Linken, dann zur Rechten, wie sie sich alle um sie versammelten und schluckte. Es half wohl nichts. Und so schilderte sie ihnen ihren Besuch bei der AFC.

      Nachdem sie alles gehört hatten, waren sich die vier ausnahmsweise in einer Sache einig.
      „Du brauchst Schutz“, brachte Patrice es auf den Punkt.
      „Gehen wir zur Polizei!“, forderte Tatjana unter heftigem Kopfschütteln Velvets. „Liebes, das wäre das Beste und du weißt es.“
      „Nein! Keiner wird mir glauben! Und selbst wenn doch, könnte die Polizei mich nicht beschützen! Wenn diese Leute mich wirklich mitnehmen wollen, dann werden sie es schaffen!“ Mit jedem Wort drang mehr Verzweiflung aus ihr hervor. „Es ist sinnlos!“
      Die Deutsche seufzte schwer. „Du hast Angst. Das ist ok. Aber genau wegen solcher Gedanken sind schon viele nicht zur Polizei gegangen. Und das ist falsch! Sie -können- dir helfen!“
      „Nein!“, widersprach Velvet und lief rückwärts, wurde dabei von Patrice und Fabio sanft an den Schultern gepackt. „Dieser Harrier allein war … er hat sie einfach …“

      Schluchzend sackte sie in die Knie, sodass die beiden Jungs zu ihr hinab knieten. Fabio streichelte sanft ihren Rücken. Derweil tauschten Tatjana und Isaac düstere Blicke aus.
      „Warum ich?“, wimmerte Velvet. „Ich habe niemandem etwas getan.“
      „Ja. Warum du …“ Isaac fasste sich ans Kinn.
      Das pummelige Mädchen mit dem schwarz-gelockten Haar vermutete: „Vielleicht die Karte?“
      „Nein, die hat sie -während- des Duells erst bekommen“, widersprach Isaac sofort.
      „Das muss nichts heißen! Wenn sie das nämlich schon vorher wussten.“
      Der Blonde schloss die Augen. „Hmm. So ungern ich es auch zugebe, du könntest Recht haben. Aber vielleicht irrst du dich auch.“
      Patrice erhob sich. „Denkst du, was ich denke?“
      Sein Gegenüber nickte. „Ja. Harrier ist ein Hacker, der mühelos in die AFC eingedrungen ist und dort seinen Plänen nachgegangen ist. Eine Gruppe, die so jemanden an Bord hat, braucht kein kleines Mädchen, das ihnen Karten in die Hand zaubert. Und das ist auch nicht, was Velvet auszeichnet …“
      Der Venezolaner beendete Isaacs Satz. „… sondern ihre Visionen.“
      Tatjana gab einen erschrockenen Seufzer von sich. Fabio sah fassungslos auf, während er Velvet festhielt. „Nu! Warum sind wir da nicht früher drauf gekommen!?“
      „Wir wissen zwar nicht, mit wem wir es zu tun haben, aber derjenige, der Velvet hat, könnte sie dazu benutzen, um seine Pläne umzusetzen.“ Isaac öffnete die Augen wieder. „Sie könnte jedes Hindernis vorhersagen und derjenige könnte entsprechend reagieren. Aber dazu müsste sie ihre Kräfte zunächst kontroll-“
      „Schluss jetzt!“, polterte Tatjana plötzlich wütend. „Merkt ihr nicht, dass das gerade nicht der beste Zeitpunkt für sowas ist?“
      Mit ausgestreckter Hand deutete sie auf Velvet, die am Boden war und schluchzte. Sie wirbelte zu ihr herum und fiel auf die Knie. „Hey, ich weiß, was dich jetzt aufheitern wird. Ein kleiner Stadtbummel. Wir gehen alle zusammen ein bisschen shoppen, sehen uns im Kino 'ne heiße Romanze an und gehen danach etwas essen. Na, was sagst du?“
      Hinter ihr rollte Isaac mit den Augen. Aber Velvet blickte auf. „O-okay …“

      -~-~-

      Zu fünft liefen sie den Bürgersteig entlang. Die beiden Mädchen führten die Gruppe an. Insbesondere Tatjana strahlte, hatte sie doch eine brandneue Handtasche – eine aus weißem Kunstleder – am Arm.
      „Warum hast du dir nichts gegönnt?“, fragte sie Velvet strahlend. „Der Laden war klasse!“
      „Mir … hat nichts gefallen“, murmelte das Mädchen mit dem rechts gebundenen, langen Pferdeschwanz betrübt, „und selbst wenn, hätte ich mir da nichts leisten können.“
      Tatjana gestand: „Ja, die Preise waren nicht ganz ohne.“
      „Ja“, murrte Patrice hinter ihr, „deswegen hast du auch gleich den halben Laden leergekauft!“
      „Nu, ich glaub, ich habe einen Hexenschuss!“
      Die beiden Jungs waren es nämlich, die die Einkaufstaschen, Kartons mit Schuhen und anderem Kram tragen mussten. So schwer, wie sie beladen waren, glich es einem Wunder, dass sie noch auf zwei Beinen standen.
      Bissig kommentierte Isaac, der neben den beiden herlief, deren kläglichen Anblick. „Ihr seid selber schuld, wenn ihr eure Hilfe anbietet.“
      „Wenigstens sind sie zu etwas nütze, anders als du“, maulte Tatjana zurück.
      Anstatt auf die Provokation einzugehen, betrachtete der Blonde das Mädchen, das vor ihm ging und den Kopf gesenkt hielt. „Velvet!“
      Jene blieb sofort stehen und verkrampfte. Isaac lief an ihr vorbei und stellte sich vor sie. „Wir passen auf dich auf. Versprochen.“
      „Genau“, pflichtete Patrice ihm bei. Und auch Fabio meinte: „Verlass dich auf uns.“
      Es dauerte einen Moment, ehe Tatjana auch einstimmte. „Vergiss die Polizei. Wenn irgendjemand dir auflauert, schnappen wir ihn uns und sorgen selbst für Gerechtigkeit.“
      „D-danke Leute“, sprach Velvet gerührt, aber sah dann an Isaac vorbei. „Können wir jetzt etwas essen gehen? Ich habe Hunger.“
      Dafür erntete sie absoluten Zuspruch. Zusammen zogen sie weiter die Einkaufsstraße entlang.

      Keinem von ihnen fiel auf, dass eine gewisse Frau ihnen schon seit einer ganzen Weile folgte. Feuerrotes, gelocktes Haar zeichnete sie aus. Ihr Name? Cassandra Wrythe. Zumindest war das der, den sie sich irgendwann im 18. Jahrhundert gegeben hatte.
      Cassie, wie sie von all jenen nennen durften, die ihr in der 'Rangordnung' mindestens ebenbürtig erschienen, war eine von jeher stets schlecht gelaunte Frau von unglaublicher Schönheit. Ihre olivgrüne Hose fügte sich eng an die langen Beine. Offene, schwarze High Heels gewährten einen Blick auf die rot lackierten Zehennägel. Über ihrem schwarzen Shirt trug sie eine dünne, hellbraune Weste, die ihre üppige Oberweite nicht verbergen konnte.

      Jeder Mann, an dem sie vorbei lief, drehte sich zu ihr um. Manche gaben dabei einen flotten Spruch zum Besten. Das waren die, die kurzerhand einen Hustenanfall bekamen. Cassandra mochte es, angesehen zu werden. Aber nur, weil sie diejenigen dafür bestrafen konnte.
      Sie war eine Hexe, charakterlich als auch wortwörtlich. Dazu stand sie und es bereitete ihr auf gewisse Art Befriedigung.

      Wesentlich weniger angenehm empfand sie das penetrante Bimmeln in ihrer Hosentasche, das von einem weißen Smartphone ausging. Genervt hielt sie das Ding vor sich, ehe sie abnahm.
      „Was?“
      „Wie ich sehe, haben Sie das Mädchen gefunden, Cassandra“, drang Harriers Stimme aus dem Apparat.
      Dieser eingebildete Hacker, der tatsächlich dachte, auf einer Stufe mit dem 'Inner Circle' von CLEAR zu stehen. Was für ein Narr. Aber selbst sie musste zugeben, dass er den ein oder anderen Nutzen hatte. Dennoch war sein 'Hexenwerk' nichts gegen das ihre.
      „Für wen hältst du mich, Bursche?“ Sie verzog den roten Mund, an dessen unterem, rechten Ende ein dunkles Schönheitsmal lag.
      „Seien Sie vorsichtig“, riet Harrier, während die Rothaarige ihrem Zielobjekt und deren Freunden weiterhin auf einiger Distanz folgte. „Sie mag nicht danach aussehen, aber sie ist gefährlich.“
      Mehr als ein entnervtes Schnalzen bekam er dafür nicht. Als er am anderen Ende der Leitung stöhnte, sprach Cassandra missmutig: „Gefährlicher als Zyxx wohl kaum.“
      „Ja, aber der ist verschwunden.“
      „Sicherlich nicht durch ihr Tun.“ Die junge Frau blieb stehen und schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Lust, sie wie eine Ratte in eine Falle zu jagen. Ich lösche einfach die Gegend aus und nehme sie mit.“
      „Mit welcher Begründung?“
      Nun lachte Cassie böse auf. „Unfall.“
      „Das meine ich nicht. Mit welcher Rechtfertigung?“ Harrier klang zunehmend genervt.
      Nicht weniger gereizt von seiner Art nahm sie das Smartphone vom Ohr und betrachtete es mit einem bösen Blick. „Brauche ich eine?“
      „Monster“, drang es noch aus dem Apparat hervor, ehe jener in ihren Händen schmolz wie ein Stück Eis in der Sonne. Es klatschte auf den Boden, verkommen zu einer matschigen Pampe.

      Die Luft vor dem Rotschopf begann zu flimmern. Leise kichernd streckte Cassandra den rechten Arm Richtung Velvet aus, den linken hingegen zur Seite – wo sie prompt am Handgelenk gepackt wurde.
      „Das würde ich an deiner Stelle lassen“, riet ihr eine freundliche, aber autoritäre Frauenstimme.
      Sofort riss Cassie sich los, wirbelte herum und bemerkte eine blonde Dame im schwarzen Hosenanzug, die gegen die Außenwand eines Juweliergeschäfts gelehnt stand. Die war eben noch nicht hier gewesen …
      Unter den Rändern ihrer dezenten Brille lugte die Asiatin hervor und lächelte kühl. „Vergiss' die Kleine einfach.“
      „Und du bist …“, begann die andere ihren Satz.
      „Reika.“
      „Nein“, korrigierte Cassandra sie, „tot. Du bist tot, Mädchen.“
      Daraufhin stieß jene Reika sich lässig von der Wand ab. „Ach, bin ich das?“

      Auf so etwas hatte die Hexe wirklich keine Lust, dachte sie verärgert. Dass dieses Stück Abfall jedoch aus dem Nichts aufgetaucht war bedeutete, dass irgendjemand Velvet Thorne zu beschützen versuchte.
      Es wäre durchaus lohnenswert herauszufinden, -wer- das war.

      „Kch.“ Cassie hob die rechte Hand und ließ eine winzige Flamme in ihr aufsteigen. „Nach unserem Kampf bist du es.“
      Aber Reika schüttelte den Kopf. „Nicht hier.“
      Sie zeigte an dem Juwelier vorbei, von dem eine Seitengasse zu einem Innenhof führte. „Da drüben, natürlich abseits unerwünschter Zuschauer.“
      „Hmpf. Wie du willst.“
      „Nach dir, Sonnenschein“, zwinkerte Reika ihrer Kontrahentin zu.

      Ohne überhaupt zu zögern trat jene an der Blonden vorbei und zog, als könnte sie nichts auf der Welt aus dem Konzept bringen, durch die schmale Gasse. Reika folgte ihr auf einige Schritte entfernt.
      Je näher Cassandra dem tristen Innenhof kam, desto finsterer wurde ihre Miene dabei. Und kaum hatte sie die Seitenstraße verlassen, zischte sie leise vor sich her.
      Reika, die sich noch zwischen den Häusern befand, bemerkte es sofort, wie ihr leiser Aufschrei verriet. Die Wände bewegten sich auf sie zu und knallten innerhalb einer Sekunde zusammen, als hätte eine magnetische Kraft sie angezogen.

      Die rothaarige Hexe drehte sich um und betrachtete ihr Werk. „Hmm. Da sind wohl die Pferde mit mir durchgegangen.“
      So viel dazu, diese Amateurin zu ihren Wurzeln zu befragen. Langsam bewegten sich die Häuser wieder auseinander und bildeten die Gasse. Doch statt einer blutüberströmten, zerquetschten Leiche, lag dort nur ein Handbreit großes Papiermännchen.

      „Na, ist dein kleiner Wutanfall vorbei?“ Reika stand auf dem Rand des Daches, welches zum Juwelier gehörte und sah mit verschränkten Armen auf Cassie herab.
      „Arrogante Rotzgöre“, zischte die und streckte die flache Hand nach ihr aus. Eine gewaltige Explosion riss die ganze Ecke des Daches auseinander, doch Reika verpuffte vor ihren Augen zu einer kleinen Papierfigur.
      Ein Blinzeln später und Cassandra stand unweit der zerstörten Stelle und sah sich aus den Augenwinkeln um. Illusionen … Sie hasste Illusionisten. Umso mehr, weil Papier ein verdammt guter Katalysator war, dünn und leicht, wie Nebel.

      Vom Dach auf der anderen Seite der Gasse kam es da plötzlich: „Da ist wohl jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden.“
      Unbeeindruckt drehte sich der Rotschopf um und sah die andere Hexe, wie sie gerade den Arm ausschwang. Ein ganzes Dutzend an Papiervögeln – Origami – flog über die Gasse auf sie zu. Dabei wuchs das ganze Geschwader zur Größe von Drachen an, die Cassie umzingelten.
      Die war es leid, sich überhaupt einen Kommentar entlocken zu lassen und schnippte einfach nur mit dem Finger, um die Biester in Flammen aufgehen zu lassen. Feuerfunken schlugen um sie, als die Reste hinabfielen.

      Dieses Mal war es Reika, die die Hand nach vorne ausstreckte. Die flammenden Fetzen um ihre Feindin begannen jene zu umkreisen. Schlagartig bildete sich ein Feuerzyklon, der die Hexe in sich einschloss.
      „Das ist leider kein Trick.“
      „Das macht es auch nicht besser“, drang es aus der tödlichen Falle hervor.
      Welche sich schlagartig ausdehnte und zu einer Schockwelle wurde, die über die Dächer der Häuser hinweg fegte und eine schreiende Reika dabei umriss. Jene landete hart auf dem Rücken.
      „Bist du langsam fertig?“ Cassies brauner Lederstiefel stampfte auf den Oberkörper der Asiatin, die nach Luft schnappte.
      „Ich bin schnell, nicht wahr?“ Selbst dabei klang die Rothaarige noch gelangweilt. „Hast du überhaupt eine Ahnung, wer ich bin?“
      Statt ihre Gegnerin antworten zu lassen, drückte Cassandra fester mit dem Fuß zu, raubte Reika die Luft zum Atmen. „Ich bin wesentlich älter als es den Anschein hat.“
      Plötzlich grinste die andere aber. Und kurzerhand versank Cassies Stiefel in einer Masse an Papier, wie Treibsand. Dazu kam, dass der weiche Untergrund sich immer weiter ausdehnte. Reika stand direkt hinter ihr, nahm ihre Kontrahentin in den Schwitzkasten und ließ einen Dolch in ihrer Hand erscheinen. „Ja, beinahe senil.“
      Damit ließ sie die Waffe niedersausen, bis sie Cassandras linke Brust durchbohrte – und auf etwas enorm Hartes stieß. „W-was!?“

      Sofort wurde der Rotschopf losgelassen und kippte nach vorn. Die Täuschung der Papiergrube schwand, Reika tauchte auf dem Dach des Juweliers wieder auf. Ihr irritierter Blick verriet, dass -das- offenbar nicht mehr zum Einmaleins ihres beschränkten Horizonts gehörte.
      Cassandra drehte sich zu ihr um. Das Messer steckte noch immer in ihrer Brust und sie machte keine Anstalten, es zu entfernen. Stattdessen starrte sie die Blonde belustigt an.
      „Du hast wirklich keine Ahnung, oder?“ Cassie zuckte mit den Schultern. „Jämmerlich.“
      Wobei sie zugeben musste, dass ihre Herausforderin zwar lästig wie eine Fliege war, aber ebenso hartnäckig. Vielleicht konnte man sie noch für irgendetwas verwenden. Und sie hatte da schon eine konkrete Vorstellung.

      Der Rotschopf hob den Arm, an welchem sich ein schmaler Apparat befand. Jener fuhr aus und bildete vor sich eine rote Lichtlinie, die kurzerhand eine Duel Disk imitierte.
      „Du machst wohl Witze“, staunte Reika, die herab an ihren eigenem Arm sah, an welchem eine Standard-weiße, abgerundete Duel Disk befestigt war.
      „Nein.“ Cassie hob den Apparat an und richtete ihn auf den ihres Gegenübers. Plötzlich drang aus Ersterem eine Computerstimme. „Duel Enforcing Mode activated.“
      Ohne Vorwarnung fuhr Reikas Duel Disk aus, welche das Ganze überrascht zur Kenntnis nahm.
      „Ich mach's kurz: Wenn du dich weigerst, stirbst du. Deine Duel Disk wird sich überladen und in die Luft gehen. Dasselbe gilt, wenn du abhaust, bevor das Duell beendet ist.“
      „Dann lasse ich die Duel Disk eben fallen.“
      „So schnell kannst du gar nicht in Deckung gehen.“
      Reika blieb weiterhin zuversichtlich. „Da wäre ich mir nicht so sicher.“
      „Dann versuch sie doch abzubekommen.“ Cassandra funkelte ihr Gegenüber böse an.

      Tatsächlich versuchte die Brillenschlange es, stellte aber mit einem leichten Anflug von Panik, dass es ihr unmöglich war, den Apparat auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Als hätte jemand ihn an ihr festgeklebt. Die Blonde sah mit einem Blick auf, der fragte, ob das ihr Ernst war. Und Cassie grinste bitterböse.
      Wenn dieses Stück Dreck schon alles in die Länge zog, konnte man wenigstens noch einen Nutzen daraus ziehen. Aber das würde sie selbst noch merken.

      „Keine Ahnung was das soll, aber von mir aus“, ließ Reika sich schließlich seufzend auf diese andere Form der Auseinandersetzung ein, „tragen wir den Kampf eben im Duell weiter aus.“
      Cassandra, welche immer noch den Dolch in der Brust stecken hatte, riss diesen schließlich heraus, warf ihn achtlos weg und zog sofort ihr Startblatt auf. Die Wunde schloss sich augenblicklich.
      „Duell!“, rief die Asiatin ziemlich allein gelassen aus und tat es der Hexe gleich.

      [Cassandra: 4000LP / Reika: 4000LP]

      Mit einer lässigen Handbewegung zeigte Reika, dass es ihr nichts ausmachte, wenn ihre Widersacherin begann.
      Jene verschwendete keine Zeit, sondern legte ein Monster auf ihre Duel Disk. „[Majespecter Cat – Nekomata].“
      Ein smaragdfarbener Tornado wurde vor dem Rotschopf entfacht. Jener zog sich zusammen, bis deutlich wurde, dass es die zwei Schweife einer kleinen Katze waren, die da vor sich hin wirbelten.

      Majespecter Cat – Nekomata [ATK/100 DEF/1800 (3)]

      „Eine verdeckte Karte“, murrte Cassie vor sich hin. „Am Ende meines Zuges erhalte ich durch Nekomatas Effekt eine Majespecter-Karte von meinem Deck. [Majespecter Fox – Kyubi].“
      Die Monsterkarte schob sich automatisch aus dem Kartenstapel und wurde ins Blatt der Hexe aufgenommen, während sich zischend vor ihr mit dem Rücken nach oben eine Karte materialisierte.

      Reika bedachte das alles mit einem Schmunzeln. „Eine verspielte Pussy also. Na sowas, ich hatte schon mit Folterwerkzeugen gerechnet.“
      „Die lernst du noch früh genug kennen“, prophezeite Cassandra düster.
      „Aw, für sowas hast du Zeit?“, neckte die Blonde jedoch weiter. „Aber klar, im Terminkalender einer -echten- Hexe ist immer Zeit für Folter, was?“
      Sie nahm eine Karte aus ihrem Blatt und lachte hämisch, als die Rothaarige die Zähne zusammenbiss, um nicht auf die Provokation einzugehen. Und das musste Cassie auch, denn das alles war reine Ablenkung, um sie zu Fehlern zu verleiten. Etwas, das nicht geschehen würde.

      „Dann will ich mal“, gluckste Reika und nahm eine Karte von ihrem Deck auf, „haha, ja, das ist nach meinem Geschmack. Ich aktiviere [Graceful Charity].“
      Ihren aufgezogenen Zauber vorzeigend, tauchte über ihr ein dunkelblonder, weiblicher Engel in weißem Kleid auf, der die Arme ausstreckte. Zwischen den beiden Hexen bedurfte es keiner Erklärung. Die Asiatin zog drei Karten, um dann ein blau-umrahmtes sowie das Effektmonster [Tethys, Goddess Of Light] in den Friedhofsschlitz zu schieben.
      „Sorgen wir doch für ein etwas passenderes Ambiente“, meinte Reika und zückte zwei Zauberkarten aus ihrem Blatt. „Mit dem Spielfeldzauber [Savage Colosseum] und der dauerhaften Magie [Ritual Sigil].“
      Um die beiden Frauen schoss ein gewaltiges, halb zusammengestürztes Kolosseum aus dem Boden, dessen Eingang direkt in der Seitengasse lag. Vor Reika bildete sich dagegen eine Art Barriere, die aus einem großen Kreis und vier daran anliegenden bestand, um welche sich wiederum Vierecke bildeten und neue Kreise, sodass ein kompliziertes Gebilde entstand.
      „Normalbeschwörung von [Manju Of The Ten Thousand Hands]! Mit seinem Effekt erhalte ich ein Ritualmonster oder eine entsprechende Zauberkarte von meinem Deck. Ich wähle [Machine Angel Ritual]!“
      Vor ihr erschien eine schattenhafte, graue Gestalt mit rot leuchtenden Augen, die wirklich überall abseits des Kopfs und der Beine aus Armen bestand. Jene klatschte es in Paaren aneinander und sprach ein düsteres Gebet aus, wodurch aus Reikas Duel Disk eine Zauberkarte schoss.

      Manju Of The Ten Thousand Hands [ATK/1400 DEF/1000 (4)]

      Die zeigte die Blonde selbstbewusst vor. „Du kannst dir wohl denken, dass ich sie natürlich gleich aktivieren werde. Ich biete meinen Stufe 4-Manju und die Stufe 1-[Freya, Spirit Of Victory] von meiner Hand als Opfergaben an!“
      Cassie rümpfte die Nase. „Hmpf!“
      Neben ihrem finsteren Gott tauchte eine grauhaarige, junge Frau in blauem Kleid auf, die mit Pompons 'bewaffnet' war. Hinter ihnen stieg eine riesige Plattform aus dem Boden, auf der sich eine Schale voller Feuer befand. Die beiden Opfergaben verwandelten sich ebenfalls in Flammen und wurden von der größeren verschluckt. Reika rief: „Engel der verborgenen Heilungskunst, bringe Genesung mit deiner Einsamkeit! Ritual Summon! Stufe 5! Komm, [Cyber Angel Natasha]!“
      Aus der Flamme sprang eine vierbeinige Gestalt, die stolz vor Reika aufsetzte. Es war eine vierarmige Göttin in grüner Panzerung, deren Körper von der Hüfte abwärts der eines schwarzen Pferdes war.

      Cyber Angel Natasha [ATK/1000 DEF/1000 (5)]

      „Effekt von Natasha! Ich erhalte Leben entsprechend der halben Stärke eines meiner Monster. Im Falle Natashas also 500!“
      Die Verkörperung der hinduistischen Schöpfungshymne begann eine solche zu singen. Um Reika begannen weiße Lichtkugeln kurzzeitig zu strahlen.

      [Cassandra: 4000LP / Reika: 4000LP → 4500LP]

      „Die wirst du brauchen“, wusste Cassandra überlegen.
      „Vielleicht? Alles andere wäre auch eine Enttäuschung“, neckte ihre Gegnerin sie. Eine Angewohnheit, die der Rotschopf ihr noch austreiben würde. Sofern noch etwas von ihr übrig blieb, um die Lektion zu lernen.
      „Durch den Effekt von [Savage Colosseum] sind alle Monster auf dem Feld gezwungen anzugreifen, sofern sie können. Tun sie das nicht, werden sie zerstört.“ Die Brillenschlange streckte den Arm aus. „Los, Natasha! Hol dir ihre Pussy! Universe Prime!“
      Jene zog an der kurzen Peitsche in ihrer Hand und schwang jene aus. Hinter der Sturmkatze öffnete sich ein weißes Loch, welches sie einzusaugen drohte. Cassie schnippte mit dem Finger. „Nicht so hastig. Ich aktiviere meine Schnellzauberkarte [Majespecter Cyclone]! Damit wird [Majespecter Cat – Nekomata] zum Wirbelsturm, der dieses 'Ding' zerstört!“
      Genau so geschah es auch. Die beiden grünen Wirbelstürme am Hinterteil der Katze fügten sich zu einem zusammen, welcher davon schoss, auf [Cyber Angel Natasha] zu. Statt dort anzukommen, prallte der Wirbel jedoch kurz vor dem Ziel an der Barriere vor Reika ab und verpuffte.
      „Tsk, tsk, tsk“, stichelte die mit erhobenem Zeigefinger. „Da warst du wohl etwas voreilig. [Cyber Angel Ritual] verhindert die Zerstörung von Feen, wenn ich sie von meinem Friedhof verbanne.“
      Nun, da Cassandras Monster fort war, setzte Natasha den Angriff fort. Sie formte die Peitsche in ihrer Hand zu einem Lichtspeer, den sie in den Sog warf. Jener zerbarst beim Aufprall regelrecht und erzeugte eine dumpfe Druckwelle, die Cassie lediglich mit einem Augenrollen abtat.

      [Cassandra: 4000LP → 3000LP / Reika: 4500LP → 4800LP]

      „Damit du es weißt: Nach dem Kampf erhält der Besitzer des Angreifers dank [Savage Colosseum] 300 Lebenspunkte.“ Mit einer verbliebenen Karte in ihrer Hand nickte die Asiatin der anderen Hexe zu. „Na dann zeig mal, wie taff du wirklich bist!“

      Dich reiße ich auseinander, dachte Cassandra zornig und zog eine Karte.
      „[Majespecter Fox – Kyubi]!“, befahl sie jenen aufs Feld, einen gelben, edlen Fuchs, dessen Schweif zu einem Wirbelsturm wurde. „Wird er beschworen, erhalte ich eine Fallenkarte seines Stammes von meinem Deck.“

      Majespecter Fox – Kyubi [ATK/1500 DEF/1000 (4)]

      [Majespecter Tornado] nannte sich jene, welche Cassie vorzeigte und dann in ihre Duel Disk einschob, woraufhin jene sich zu ihren Füßen materialisierte.
      Die rothaarige Hexe hob die Nase an. „Vernichte!“
      So richtete der Fuchs seinen Schweif auf und ließ den Wirbelsturm über das Feld fegen, direkt auf die animalische Göttin zu. Jene klatschte jedoch nur einmal zwei ihrer vier Hände zusammen und ließ das nahende Unglück verpuffen.
      „Na so ein Jammer“, gluckste Reika frech, „der zweite Effekt von [Cyber Angel Natasha] besagt doch tatsächlich, dass sie jeden Angriff ungeschehen machen kann.“
      „Hmpf! Ich beende meinen Zug …“
      „Und weißt du, was das heißt? Da du offiziell nicht gekämpft hast, wird dein Monster durch den Effekt von [Savage Colosseum] zerstört.“
      Cassie verzog keine Miene, als das Kolosseum um sie herum zu erzittern begann. Laute, unverständliche Rufe aus dem Nichts erklangen und schließlich geschah es. Kyubi explodierte einfach, seine Überreste wurden in Rauch gehüllt.
      „Das heißt natürlich auch, dass du keine Lebenspunkte durch den Angriff erhältst.“
      „Verstehe. Also ein Lock“, analysierte der CLEAR-Vorstand unterkühlt, „ich kann kein Monster im Angriffsmodus spielen, da jeder meiner Angriffe abgewehrt und das Monster folglich zerstört wird.“
      Die Asiatin zwinkerte hinter ihrer Brille. „Genau!“
      „… billig.“ Der Rauch verzog sich und Kyubi war noch auf dem Feld. „Majespecters können nicht durch feindliche Karteneffekte zerstört werden.“
      Dem zum Trotz knallte es erneut lautstark. Der gelbe Fuchs implodierte diesmal und war nun wirklich verschwunden.
      „Oh, das habe ich einkalkuliert“, erwiderte ihre Gegnerin. Die Siegel ihrer Barriere leuchteten in verschiedenen Farben auf. „[Ritual Sigil] hat einen defensiven und einen offensiven Effekt. Letzterer besagt, dass ganz egal, welche Karteneffekte deine Karten auch schützen, sie in der Anwesenheit eines Licht-Ritualmonsters nicht wirken. [Majespecter Fox – Kyubi] wurde also trotzdem zerstört.“
      Anstatt aber davon überrascht zu sein, legte die ältere Hexe nur den Kopf in den Nacken. Es war eine Herausforderung. Eine, die diese kleine Kröte nur verlieren konnte, auch wenn sie sich noch im Vorteil wähnte …

      Die zog mit ihrem ignoranten, breiten Grinsen auf. „Ich nutze [Cyber Angel Natashas] Effekt und heile mich um die Hälfte ihrer Angriffskraft!“
      Erneut stimmte jene in ihre Hymne ein und ließ Lichtsphären rund um Reika erstrahlen.

      [Cassandra: 3000LP / Reika: 4800LP → 5300LP]

      „Universe Prime!“, ordnete sie kurz darauf mit ausgestrecktem Zeigefinger an.
      Diesmal erzeugte ihre Göttin jedoch keinen magischen, weißen Riss im Raum-Zeit-Gefüge, sondern erzeugte mit zwei ihrer Hände einen langen, grünlichen Lichtspeer, den sie auf Cassandra schleuderte. Jene wurde direkt in die Brust getroffen, blieb aber standhaft – die Waffe ragte aus ihr heraus, ohne den Rücken zu durchbohren.
      „Durch den erfolgreichen Angriff erhalte ich 300 Lebenspunkte“, erklärte Reika. „Du bist, Sonnenschein!“

      [Cassandra: 3000LP → 2000LP / Reika: 5300LP → 5600LP]

      Cassie griff mit ihrer rechten Hand nach dem Speer und ließ ihn durch die bloße Berührung in tausend Splitter zerspringen. „Hahaha …“
      „Du kannst lachen? Wie schockierend“, neckte ihre verhasste Gegnerin sie frech.
      „Armes Ding. Du weißt wirklich gar nichts, oder?“
      Der Rotschopf steckte den Zeigefinger in die offene Wunde, bevor jene sich schließen konnte. Dann nahm sie den anderen und tat damit dasselbe. Sie riss das kleine Loch immer weiter auf. Und je größer es wurde, desto größer wurden auch Reikas Augen, als sie das gedämpfte, rote Licht erblickten, das aus Cassies Innerem drang.
      „Das ist … ekelhaft. Und ein wenig faszinierend“, gestand sie.
      „-Das- ist die größte Errungenschaft der Alchemisten. Und mein Fluch. Der Philosopher's Stone. Sei dankbar, denn den zeige ich nur wenigen. Genauer gesagt denen, die sowieso sterben werden.“
      Plötzlich war die dumme Göre verunsichert. „Der Stein der Unsterblichkeit? Es gibt ihn wirklich?“
      Schließlich ließ Cassandra von ihrer Wunde ab, woraufhin jene sofort wieder zuwuchs, als hätte sie nie überhaupt existiert. „Natürlich. Ich habe ihn geschaffen.“
      „Du!?“ Oh, wie schrecklich die Erkenntnis für sie sein musste, dachte Cassie genussvoll. Zu begreifen, welch mächtiges Wesen da wirklich vor ihr stand – sofern ihr begrenzter Verstand überhaupt imstande war, das Ganze zu erfassen. Und nicht als Lüge abzustempeln.
      Worauf es hinauslief, als Reika spöttisch abwinkte. „Ich bitte dich, netter Trick. Soll ich wirklich an so ein Märchen glauben? Der Stein der Unsterblichkeit? Ja klar. Wo du doch so philosophisch bist, Sonnenschein.“
      „Glaub was du willst.“ Cassie merkte selbst, wie viel Verdruss in ihren Worten mitschwang. „Ich habe dir meinen Schwachpunkt gezeigt, also nutz' all deine Kraft, ihn anzugreifen. Nicht, dass es einer wie dir überhaupt gelingen würde, ihm einen Kratzer zuzufügen.“
      So viele hatten schon versucht, ihr 'Herz' zu zerstören. Mächtigere Wesen, viel mächtigere. Es gab keine Hoffnung.
      Ihre Gegnerin spielte unbeirrt weiter. „Meine beiden Handkarten setze ich. Dein Zug.“
      Gleich nachdem sie die Karten in ihre Duel Disk eingefügt hatte, tauchten sie zischend zu ihren Füßen auf.

      -~-~-

      Anya weitete die Augen, als sie sich umsah. Der kreisrunde Raum war dunkel, nur erleuchtet durch diverse Bildschirme an den Wänden und das Licht der sich darunter befindenden Konsolen. In der Mitte stand ein massiver Stuhl, nein, ein Thron, über dem drei dicke Schläuche hingen.
      Das Mädchen entsann sich, dass hinter diesem die Vitrine für das Schwert Ragnarok stand, welches sich derzeit in ihrem Besitz befand.
      Kurz darauf traten Abby und Ricther aus dem Portal.
      „Nette Bude“, murmelte Anya.
      Die Sirene stimmte ihr zu. „Beeindruckend. Von hier aus können sie jeden überwachen. Sieh da!“
      Sie deutete auf einen Bildschirm, der Anyas Zimmer zeigte. Jene knurrte: „Tch, das werten wir später aus.“
      „Folgt mir“, forderte Ricther die beiden auf und schritt voran zu einer Schiebetür, die sich rechts hinter seinem ‚Chefsessel‘ auftat.

      Gehorsam tat die Blonde wie ihr geheißen, mit Abby im Schlepptau. Hätte sie geahnt, wie lang die endlos erscheinenden Korridore waren, die sich wie Kaugummi dahin zogen, und in denen jeder Schritt durch das Metall widerhallte, wäre ihr sicher vorab ein bissiger Kommentar eingefallen.
      Doch die Neugier war zu groß, von ihrer Not ganz zu schweigen. Sie musste sich den Undying gegenüber kooperativ zeigen, wenn diese ihr helfen sollten.

      Nach einer gefühlten Ewigkeit, die objektiv nicht einmal zwei Minuten angedauert hatte, fanden die beiden sich am Ende des Ganges vor einer weiteren Schiebetür, die sich vor ihnen öffnete. Orangefarbenes Licht drang aus diesem heraus.
      „W-was ist das?“, stammelte Anya perplex, während Abby lediglich keuchte.
      In dem dunklen Raum befand sich einzig ein riesiger Glasbehälter, gefüllt von transparenter Flüssigkeit – und einem orange-leuchtenden Etwas, dessen Form dem eines menschlichen Körpers entsprach.
      „Die vorläufige Lösung. Ein Homunkulus.“
      „Ein -was-!?“

      Ein künstlich erschaffener Mensch.

      „Huh!? Und was hat das mit mir zu tun!?“
      Ricther schritt an ihr vorbei und trat an den Behälter heran. „Dein Körper wird in knapp einem Monat sterben.“
      „Das weiß ich!“
      „Hier entsteht dein neuer. Zed arbeitet unentwegt daran, ihn fertig zu stellen.“
      Anyas Kinnlade klappte herunter. „Ist das euer scheiß Ernst!?“
      Die Reaktion ihrer Freundin viel vergleichbar aus. „Ein künstlicher Körper!? D-das ist-!“
      Der Undying wandte sich ihnen zu, ohne jedoch etwas zu sagen.
      „Nie im Leben werde ich-! Wie soll das überhaupt funktionieren!?“ Das Mädchen schnappte nach Luft. „Ich dachte, ihr würdet irgendwie eine magische Spritze erfinden, um mir Lebensenergie oder weiß-der-Geier zu verabreichen!? Nicht sowas!“
      Die Sirene stimmt ihr zu. „D-das ist höchst unethisch! Das verdreht den Sinn von Leben und Tod!“
      Ricther nahm sich einen Moment Zeit, über eine Antwort nachzudenken. „Anya Bauer, was du verlangst ist nicht ohne Weiteres möglich.“
      „Warum!?“
      „Auch wenn Äther die Grundlage allen Seins ist, ist der Ätherstrom innerhalb eines Objekts einzigartig. Eine andere Äthersignatur wäre nicht mit dir kompatibel, Anya Bauer.“
      Das Mädchen stand mit offenem Mund da. So sollte das nicht laufen! Sie sah Abby an, die bestürzt in die Leere starrte.
      „A-also bräuchtet ihr -meinen- Äther, den, den der Sammler mir abgenommen hat?“ Panisch meinte die Blonde: „Dann müssen wir uns den Sammler schnappen!“
      Als der Hüne jedoch wieder schwieg, gingen endgültig die Pferde mit ihr durch. „Sag was! Das wäre doch machbar, oder nicht!? Wir vermöbeln ihn, holen uns meinen Äther zurück und verpflanzen ihn zurück in meine Birne!? Ist doch einfach!“
      Doch selbst auf ihren Ausbruch hin sagte er nichts. Es wühlte sie derart auf, dass sie auf ihn zustürmte und unter dem Ausruf „Hey!“ gegen sein Schienbein trat, was jedoch nur ihr Schmerzen zufügte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht wich das Mädchen zurück.
      „Seit der Sammler dir deine Lebenskraft genommen hat, ist bereits einige Zeit verstrichen. Es besteht die Möglichkeit, dass der Äther sich verändert hat“, sprach Ricther sachlich, kühl, „und nicht mehr zurückgeführt werden kann.“

      Anyas Gesichtszüge froren förmlich ein. „Was?“
      „Womöglich ist es längst zu spät, deinen Äther-“
      „Das habe ich schon verstanden!“, fauchte Anya außer sich. „E-es ergibt nur keinen Sinn! Ihr könnt nicht von mir verlangen-! Wie soll das überhaupt gehen!?“
      „Wir werden dein Bewusstsein in den Homunkulus übertragen, sobald dieser fertig gestellt ist.“
      „U-und das funktioniert?“, fragte Abby zweifelnd.
      Wieder eine Pause.
      „Funktioniert es!?“ Anya fuchtelte wild mit ihren Arm. „Ja oder nein!?“
      „Das Bewusstsein lebender Objekte existiert unabhängig vom Äther. Es“, sprach er und zögerte, „gibt verschiedene Techniken, es zu extrahieren. Einige sind auch den Menschen bekannt.“
      Der Limbus, fiel Anya auch sofort eine davon ein. Es heißt, die Seele eines Menschen wird in den Limbus gezogen, sollte ein Pakt gebrochen werden.
      Abby schien dasselbe zu denken. „Ist es wie beim Limbus?“
      Richter nickte. „Es ist komplizierter als das, aber im Wesentlichen korrekt. Einer ähnlichen Systematik wollen wir uns bedienen.“
      Ein leichtes Schwindelgefühl machte Anya zu schaffen, sie fasste sich an die Stirn. Und ihr Schädel pochte wie verrückt. Ihre Stimme zitterte, als sie fragte: „Aber es ist nicht sicher, dass es auch klappt?“
      „Nein. Es gibt viele Faktoren zu berücksichtigen.“
      Ohne es bewusst gesteuert zu haben, fiel das Mädchen rückwärts auf ihr Gesäß. „Shit …“
      Sofort beugte sich Abby zu ihr hinab. „Anya! Du musst das nicht tun, wir finden selbst eine Lösung! I-ich lasse mir etwas einfallen, versprochen. Aber das …“
      Sie zeigte auf dieses orange Ding, das eine menschenähnliche Form hatte. „… das ist falsch!“
      „In ihrer Situation ist das nicht von Bedeutung“, stellte Ricther klar. „Wir haben alle Möglichkeiten gegeneinander abgewogen und sind zu der Erkenntnis gelangt, dass Anya Bauers Fall zu speziell ist.“

      Die wollten ihren Körper einfach gegen einen neuen eintauschen! Und es war nicht mal sicher, ob es überhaupt funktionieren würde. Gab es keine Alternative? Was, wenn sie am Ende gar nicht mehr sie selbst sein würde?
      Wenn es zwar eine neue Anya Bauer gab, die genau wie die alte war, aber nicht -sie- war. Sondern nur eine Kopie!
      „Ich will das nicht“, flüsterte das Mädchen erschöpft.

      Es tut mir leid, das zu hören, Anya Bauer. Aber in der Not darf man nicht wählerisch sein. Wenn es eine Möglichkeit gibt, dich zu retten, dann sollten wir es versuchen.

      „Gibt es denn wirklich keinen anderen Weg?“, fragte Abby bedrückt an Ricther gewandt, der den Kopf schüttelte.
      Levrier tauchte neben den beiden Mädchen schwebend auf und legte seine durchsichtige Hand auf Anyas Schulter. Sie glitt hindurch.
      Die sah auf. „Heißt das, dass selbst wenn ich dem Sammler geholfen hätte, doch nie mein Leben zurückbekommen hätte?“
      Der Anführer der Undying schüttelte den Kopf. „Der Sammler ist ein Händler, aber kein Betrüger. Zumindest war er das bisher nicht. Es ist nicht auszuschließen, dass sich das inzwischen geändert hat, nach allem, was er getan hat.“
      „Zwei Sätze für ein 'Ja'. Tch.“ Anya senkte den Kopf. „Wie konnte ich so blöd sein …“
      „Es ist nicht deine Schuld“, versuchte Abby sie beruhigen.
      „Ist es!“, fuhr sie erzürnt auf. „Ich habe damals diese Fragen gestellt, als ich ihm zu ersten Mal begegnet bin. Ohne nachzudenken, ohne zu wissen, was das für Konsequenzen das hat. Levrier hat mich noch gewarnt, bevor er zum Schweigen verdonnert wurde!“
      Darauf erwiderte ihre Freundin nichts mehr.

      Resignierend meinte Anya, als sie sich langsam erhob. „Ich werde drüber nachdenken. Wenn ich sowieso gerade hier bin, habe ich 'ne Bitte.“
      Ricther nickte. „Sprich.“
      „Kannst du uns den Ätherstrom, den Summers erwähnt hat, zeigen?“
      „Da du ohnehin eingeweiht bist, sehe ich keinen Grund, dir dies zu verweigern.“ Ricther stampfte in seiner schweren Rüstung an ihr vorbei. „Folge mir.“

      Was folgte war ein weiterer, gefühlt ewig anhaltender Fußmarsch durch ein Labyrinth an Korridoren, der sie geradewegs in eine große, leere Halle führte. Alles war aus Metall, jeder Schritt klang schwerer als er eigentlich war.
      Als die Drei das Ende des Raumes erreicht hatten, standen sie vor einer gewaltigen Schleuse. Ricther betätigte ein Tastenfeld an deren Ende, sodass die beiden Hälften der Schleuse sich zur Seite schoben.

      Der Anblick, der sich den beiden Mädchen bot, raubte ihnen den Atem. Anya wusste von Matt, dass sie sich im Weltall befanden, aber trotzdem war es ein kleiner Schock, ihn tatsächlich so zu sehen.
      Vor ihnen, in Millionen, wenn nicht Milliarden Kilometer Entfernung, zog sich ein langer, hellblauer Strahl, wie Nebel oder ein Kometenschweif, über das gesamte Blickfeld.
      „Wow“, hauchte Abby, „das ist wunderschön.“
      Manchmal blitzen bestimmte Stellen in ihm weiß auf, einmal trennte sich ein ganz dünner Faden vom Rest des endlos erscheinenden Stroms und verschwand.
      „Das ist … unsere Zukunft, nicht wahr?“, fragte Anya und wandte sich an Ricther. „Könnt ihr darin sehen, wie das mit mir ausgehen wird?“
      Er schüttelte den Kopf. Anya ließ den ihren Hängen. „Verstehe.“
      „Was passiert, wenn er eines Tages erlischt?“, fragte Abby und trat näher heran, wurde dann aber von einem aus zahlreichen, sechseckigen Waben bestehenden Kraftfeld aufgehalten. Auch sie drehte sich zu Ricther um.
      Der lachte plötzlich. „Alles Leben würde schlagartig aufhören zu existieren. Aber das kann nicht passieren. Es gibt keine Kraft in diesem Universum, die dem Ätherstrom schaden könnte.“
      „Wirklich?“, fragte Anya mit Zweifel in der Stimme. Aber als keine Antwort kam, meinte sie: „'kay, ich hab' gesehen, was ich wollte. Kannst du uns bitte zurückbringen?“
      „Natürlich.“

      -~-~-

      „Draw“, murrte Cassandra, wie sie und ihre Gegnerin sich auf den Dächern gegenüberstanden und zog auf. „Ein Monster verdeckt.“
      Doch kaum war die horizontal liegende Karte vor ihr erscheinen, schritt Reika ein. „Da hat sich wohl jemand meinen unterschwelligen Hinweis mit dem Setzen von Monstern zu Herzen genommen?“
      Die elende Made lachte spitz. „Pech nur, dass ich auch darauf vorbereitet bin! Verdeckte Falle, [Shadow Of Eyes]! Sie wechselt dein Monster sofort in den Angriff!“
      Es dauerte keine Sekunde, da wirbelte die Karte in vertikale Ausrichtung, drehte sich mit dem Kartenbild nach oben und ließ eine violette Krähe entspringen, von deren Schwingen ein rotes Cape hing. Ihre Klauen gingen in drei Wirbelstürme über.

      Majespecter Crow – Yata [ATK/1000 DEF/1500 (4)]

      „Auch sie muss durch den Effekt von [Savage Colosseum] angreifen“, meinte Reika und umfasste ihren rechten Ellbogen mit der linken Hand, wobei sie die rechte an ihre Wange legte, „hmm, das ist zu einfach, oder?“
      Der Vogel schrie auf und richtete seine Krallen auf [Cyber Angel Natasha], um sie mit den Wirbelstürmen anzugreifen. Doch mit dem Schnippen ihres Fingers ging Cassie dazwischen. „Wenn diese Missgeburt nicht zerstört werden kann, verbanne ich sie eben. Falle: [Majespecter Tornado]! Ich opfere [Majespecter Crow – Yata], um wie angekündigt deine Kreatur zu entsorgen.“
      Die Karte klappte vor dem Rotschopf auf und sorgte dafür, dass ihre Krähe sich selbst in einen violetten Sturm verwandelte, der die Barriere von Reika durchbrach und Natasha erfasste.
      „Tsk tsk tsk“, machte die Asiatin aber nur unbeeindruckt, „als ob! Konterfalle [Solemn Scolding]! Du bist eine wirklich unartige Hexe!“
      Ihre eigene Falle sprang auf und schoss ein Licht auf die eingeschlossene Göttin, die den Sturm mit einem einzigen Aufschrei zum Verschwinden brachte.

      [Cassandra: 2000LP / Reika: 5600LP → 2600LP]

      „Ein teurer Spaß, diese Falle, aber dafür kann ich damit einen beliebigen Effekt aufhalten“, erklärte Reika und fasste sich plötzlich keuchend an die Brust. „Ah! W-was …!?“
      Die andere Hexe lachte leise. Ihrer Gegnerin war gerade ein guter Anteil ihres Äthers entzogen worden. Wenigstens zu einer Sache war dieses dumme Duell gut. Cassandra blicke über ihre Schulter. Velvet Thorne und ihre Freunde waren inzwischen längst weiter gezogen und außerhalb ihres Blickfelds. Aber sie würde sie einholen, schon bald …
      Sich wieder an ihre immer noch perplexe Gegnerin wendend, nahm sie wortlos eine Karte aus ihrem Blatt und legte sie in ihre Duel Disk ein. Zischend tauchte jene zu ihren Füßen auf.

      Indes ließ Reika ihre Brust los und betrachtete ihre Hand. „W-was war das? Als ob mir die Kraft entzogen wird …“
      Sie sah entschlossen auf und zog. „Du bist wohl noch für die ein oder andere Überraschung gut. Vielleicht habe ich dich doch ein wenig unterschätzt.“
      „Hmpf.“
      „Wie dem auch sei, im Duell habe ich die Nase vorn.“
      Und was brachte ihr das, schmunzelte Cassandra finster in Gedanken.
      „Ich nutze den Effekt von [Cyber Angel Natasha], um meine Lebenspunkte um die Hälfte ihres Angriffswerts zu erhöhen!“ Schon leuchteten um die blonde Brillenschlange wieder diese ätzenden Lichtkugeln.

      [Cassandra: 2000LP / Reika: 2600LP → 3100LP]

      „Angriff!“, befahl die sofort im Anschluss.
      Indem sie zwei ihrer Hände von in einer wischenden Bewegung ausstreckte, erzeugte die halb animalische Göttin einen Lichtspeer, den sie auf Cassie schleuderte. Diesmal ließ jene sich aber gar nicht erst treffen, sondern das Geschoss auf ihre ausgestreckte Handfläche aufprallen und zerbersten.

      [Cassandra: 2000LP → 1000LP / Reika: 3100LP → 3400LP]

      Wieder einmal hatte sie sich durch ihr [Savage Colosseum] geheilt. Aber gut, umso mehr Äther konnte das System ihr entziehen. „Dein Zug, Sonnenschein!“

      Langsam war es Zeit, ein wenig Leben ins Spiel zu bringen, entschied Cassie und zog nebenbei auf eine vierte Handkarte auf. Und diese neue Karte würde dabei helfen, dachte sie mit einem Grinsen auf den Lippen.
      „Ich aktiviere [Majespecter Unicorn – Kirin] mit dem Pendelbereich 2 und [Majespecter Toad – Ogama] mit dem Pendelbereich 5 von meiner Hand!“
      „Pendel!?“, stieß Reika erschrocken hervor. „Wie konnte ich das nicht bemerken!?“
      Zwei hellblaue Lichtsäulen schossen links und rechts neben der Rothaarigen aus dem Boden. In ihnen befanden sich ein weißes, elegantes Einhorn, das wie all seine Artgenossen einen roten Umhang trug und von seinem Horn einen Wirbelsturm ausgehen ließ sowie eine grüne Kröte, die mit jedem Quaken einen grünen Zyklon ausstieß.

      <2> Cassandras Pendelbereich <5>

      „Damit kann ich Monster von meiner Hand und dem Extradeck beschwören, deren Stufen zwischen den Werten meines Pendelbereichs liegen“, erklärte die gereizte Hexe und streckte den Arm in die Höhe, „seid wiedergeboren, Nekomata, Kyubi und Yata! Pendulum Summon!“
      Über ihr öffnete sich ein riesiges, bunt leuchtendes Portal, das von zahlreichen Ellipsen aus Licht eingeschlossen war. Drei rote Lichtstrahlen schossen aus ihm und krachten vor Cassie in das Dach, nahmen die Form der hellblauen Katze, des gelben Fuchses und der violetten Krähe an.

      Majespecter Cat – Nekomata [ATK/100 DEF/1800 (3) PSC: <2/2>]
      Majespecter Fox – Kyubi [ATK/1500 DEF/1000 (4) PSC: <2/2>]
      Majespecter Crow – Yata [ATK/1000 DEF/1500 (4) PSC: <5/5>]

      Eine Schweißperle glänzte auf der Stirn der Asiatin. Cassie roch ihre aufkeimende Angst förmlich, denn da verlief etwas nicht nach ihrem Plan. Und es würde noch schlimmer werden.
      „Effekte des Fuchses und der Krähe“, bellte die ältere Hexe, „durch sie erhalte ich eine Majespecter-Zauber- beziehungsweise Fallenkarte respektive von meinem Deck.“
      Sie nannte die Namen gar nicht. Ihr Deck warf [Majespecter Storm] und die purpur-umrandete [Majespecter Tempest] aus. Während Letztere sofort mit zwei anderen Karten in Cassies Duel Disk eingelegt wurde und verdeckt zu ihren Füßen erschien, zeigte sie den Zauber vor. „Diesmal kannst du deinen Kopf nicht aus der Schlinge ziehen. Ich aktiviere [Majespecter Storm] und biete die Katze als Opfer an, um deine vermaledeite Göttin direkt ins Deck zurück zu schicken.“
      Die kleine Nekomata verwandelte sich in einen beachtlichen Sturm, der über das Dach und schließlich die Seitengasse fegte, bis sie das andere Gebäude erreichte. „Was Monsterentsorgung angeht, habe ich schier unbegrenzte Mittel.“
      Ungehindert durchdrang der immer größer werdende Wirbelsturm die kreisrunde Barriere mit den viereckigen Zusätzen und erfasste [Cyber Angel Natasha], die schreiend durch die Luft gewirbelt wurde.
      „Das war wohl ein Schuss … in den Ofen“, murmelte Reika perplex, als ihr Monster fort war.
      Damit war ihr Feld abseits [Ritual Sigil] und [Savage Colosseum] komplett leer. Cassie schob eine weitere Karte verdeckt in ihre Duel Disk, womit nun sage und schreibe vier Stück vor ihr lagen.
      „Attacke!“, befahl Cassandra indes bereits mürrisch.
      Sowohl ihr Fuchs, als auch die Krähe ließen ihren Wirbelstürmen freien Lauf. Tosend fegten sie über die Dächer auf Reika zu, die sich schützend die Arme vor den Kopf hielt. Dann wurde sie schon erfasst und in die Höhe geschleudert. Statt aber eine Bruchlandung hinzulegen, wirbelte sie in der Luft ein paar Mal hin und her, bis sie elegant in der Hocke aufkam.

      [Cassandra: 1000LP → 1600LP / Reika: 3400LP → 900LP]

      „Ugh!“, keuchte sie, kippte beinahe vorne über.
      „Fu fu fu.“ Cassandra fuhr sich durch ihr langes, lockiges Haar. „Diesmal habe ich von deinem [Savage Colosseum] profitiert. Nicht mehr lange. Mach deinen letzten Zug. Aber vorher erhalte ich durch den Effekt der Katze [Majespecter Supercell].“
      Die Falle schob sich aus ihrem Deck und wurde von Cassie desinteressiert aufgenommen. Sie würde sie nicht mehr benötigen, so viel war bereits jetzt klar. Mit ihren insgesamt vier verdeckten Karten würde sie ihre Feindin vernichten.

      Schwankend kam Reika auf die Beine und fasste sich an die Stirn. „So schlapp … davon muss Lady Gardenia erfahren. Was ist das?“
      Aber Cassandra dachte nicht im Traum daran, nur ein Wort über die Äther-Absorptions-Mechanismen ihrer Duel Disk zu verraten. Das würde den ganzen Plan gefährden.
      Zittrig griff die Blonde nach ihrem Deck. Da hatte wohl jemand Angst. Gut.
      „Draw!“, schrie Reika und riss die Karte von ihrem Deck, nur um dann zuversichtlich zu grinsen. „Genau was ich brauche: [Machine Angel Absolute Ritual]!“
      Eine riesige, weiße Feuerschale aus Marmor stieg vor ihr empor, umgeben von vier kleineren. „Der nette Ritualzauber hier lässt mich einen Cyber Angel von meiner Hand beschwören, wenn ich die benötigen Opfer von meinem Friedhof ins Deck mische.“
      Nacheinander schossen drei Karten aus ihrem Ablagestapel, die sie allesamt vorzeigte. Es waren die Effektmonster [Tethys, Goddess Of Light], [Freya, Goddess Of Victory] und [Manju Of The Ten Thousand Hands], deren kombinierte Stufen genau 10 ergaben.
      Jene Götter tauchten über der großen Schale auf – eine engelhafte, in Weiß gehüllte Frau, die Cheerleaderin und das japanische Dämonenwesen mit den zahllosen Armen. Sie alle verschwanden im Feuer, das daraufhin eine azurblaue Färbung annahm.
      „Engel der verborgenen Ewigkeit, zeige deine Gestalt und bringe der Schöpfung Erleuchtung! Ritual Summon!“, zitierte Reika streng. „Stufe 10! Komm, [Cyber Angel Vrash]!“
      Welche unmittelbar danach der blauen Flamme entstieg – eine schlanke Göttin, von deren Körper sich sechs hauchdünne Schleier erstreckten, die wie Schwingen wirkten. Auf ihrem Rücken befand sich ein goldener Ring mit Zacken wie bei einem Zahnrad – Vishnu, die Beschützerin der Schöpfung.

      Cyber Angel Vrash [ATK/3000 DEF/2000 (10)]

      Als ob ihr das irgendwie helfen würde. „Ist das alles? Dann kann sie gleich wieder gehen! Konterfalle [Majespecter Tempest]!“
      Die Falle klappte vor Cassie auf. Ihre Krähe Yata verwandelte sich in drei gewaltige, violette Wirbelstürme, die allesamt auf Vrash zugeschossen kamen. „Durch das Opfern meines Monsters negiere ich die Beschwörung deines und zerstöre es.“
      „Pardon, aber das funktioniert nicht“, grinste Reika breit, als alle drei an ihrer Kreisbarriere abprallten, „solange [Ritual Sigil] auf dem Feld ist.“
      Die hübsche Asiatin hob die Hand. „Und jetzt zu [Cyber Angel Vrash'] Effekt! Sie zerstört alle Monster, die aus dem Extradeck beschworen wurden und bestraft deren Besitzer für jedes davon mit 1000 Punkte Schaden! Ascension Burst!“
      Reika schnippte mit dem Finger. Aus dem goldenen Ring der Gottheit begannen leuchtende Kugeln auszutreten, die wie ein Trommelfeuer auf [Majespecter Fox – Kyubi] einprasselten, bis er explodierte. Mit dem Schwung ihrer Hand wischte Cassie die nahende Druckwelle mühelos weg.

      [Cassandra: 1600LP → 600LP / Reika: 900LP]

      „Und jetzt das große Finale!“ Reika richtete ihre erhobene Hand nach vorne aus. „Direkter Angriff auf ihre Lebenspunkte! Divine Cyber Energy Flash!“
      Die Göttin ballte ihre vier Arme zu Fäusten, aus denen sie allesamt grelle Lichtstrahlen auf Cassandra abfeuerte. Welche lediglich die Nase rümpfte. „Völlig umsonst! Falle aktivieren, [Scrap-Iron Scarecrow]! Sie annulliert den Angriff und setzt sich zurück aufs Feld!“
      Vor der Rothaarigen sprang eine Vogelscheuche auf, an der ein Helm befestigt war. Die Attacken trafen sie, ohne dass sie überhaupt Schaden nahm. Kurz darauf versank sie wieder im Boden und wurde zu einer gesetzten Karte.
      „Und du denkst, das hält mich auf? Das ist wohl der Altersstarrsinn“, neckte Reika ihre Gegnerin und schnippte erneut, „Vrash, benutze deinen Effekt! Da sie durch 'Ascension Burst' ein Monster zerstört hat, kann sie zweimal angreifen! Divine Cyber Energie Flash!“
      Erneut schoss die Göttin der Schöpfung vier Lichtstrahlen aus ihren Handflächen auf Cassandra, die die Augen genervt verdrehte. „Hartnäckiges Miststück, dir werd' mich Manieren beibringen! Falle, [Majespecter Gust]! Sofort nach ihrer Aktivierung wird ein Majespecter aus meinen Pendelzonen aufs Feld beschworen! Erscheine, [Majespecter Unicorn – Kirin]!“
      Sofort drang das weiße Einhorn aus der blauen Lichtsäule und ritt durch die Luft, um sich schützend vor seine Meisterin zu stellen – wie es sich gehörte.

      Majespecter Unicorn – Kirin [ATK/2000 DEF/2000 (6) PSC: <2/2>]

      An seinem Horn, das von einem schwarzen Metallhelm bedeckt war, entstand ein weißer Wirbel. Cassie lachte: „Und ehe du dich wunderst, warum ich ihn trotz seiner geringen Stärke in den Angriffsmodus gerufen habe, hier die Antwort: Ich nutze seinen Effekt! Damit gebe ich ihn und deinen Cyber-Engel zurück auf die Hand!“
      Der Sturm weitete sich um das Tier aus – und verpuffte und dem Auflachen Reikas. „Oh, du Scherzkeks!“
      Sie hielt sich den Handrücken vor den Mund und funkelte sie hinter ihren Brillengläsern finster an. Plötzlich wurde das Einhorn von einem weißen Runenzirkel erfasst, der um seinen Torso schloss und es so festhielt. „[Ritual Sigils] letzter Effekt verhindert, dass du während der Battle Phase einen Monstereffekt aktivierst, solange ich ein LICHT-Ritualmonster kontrolliere. Pech gehabt.“
      Zornesfalten bildeten sich auf der Stirn der rothaarigen Hexe, die sich auf die Unterlippe biss, bis jene zu bluten anfing. „Elende Ratte, kenne deinen Platz!“
      Als sie ihren Arm ausschwang, erzeugte sie damit eine derart mächtige Druckwelle, dass es Reika beinahe umwarf. Die letzte der vier gesetzten Karten klappte auf. „Schnellzauber, [Majespecter Sonics]! Sie verdoppelt für einen Zug die Werte meines Monsters, aber halbiert den Kampfschaden, den du dabei erleidest!“
      Die Brillenschlange weitete die Augen. „Was!?“
      Kirin gab ein wütendes Wiehern von sich, das in sichtbaren Schallwellen auf die Göttin zu rauschte.

      Majespecter Unicorn – Kirin [ATK/2000 → 4000 DEF/2000 → 4000 (6) PSC: <2/2>]

      Jene wurde von denen wortwörtlich zerfetzt. Aber sie fanden in Reika bereits ihr nächstes Ziel und rissen sie mit ihrer Macht endgültig von den Füßen, zerfetzten dabei ihre Kleidung. Die Gläser ihrer Brille bekamen tiefe Sprünge. Die junge Asiatin knallte hart auf den Rücken und hustete.

      [Cassandra: 600LP / Reika: 900LP → 400LP → 700LP]

      „Siehst du es jetzt ein? Du bist ein Niemand“, spottete Cassie, „dir ist nichts geblieben. Mein Zug!“
      Sie zog auf, beachtete ihre Karte gar nicht.

      Majespecter Unicorn – Kirin [ATK/4000 → 2000 DEF/4000 → 2000 (6) PSC: <2/2>]

      Reika rollte nach links auf den Bauch und sah ihre Widersacherin über die Schulter mit einer Mischung aus Furcht und Abscheu an.
      Jene streckte ihren Arm aus. Zeit, dieses Trauerspiel zu beenden. Ihre Lippen bewegten sich bereits, da hörte sie eine weibliche Stimme sanft, aber bestimmend sagen: „Halt.“
      Die unsterbliche Hexe wirbelte herum und stierte in das schwarze, ovale Portal einige Meter von sich entfernt, aus dem eine junge Frau eleganten Schritts trat.
      Eine zornige Falte bildete sich auf Cassies Stirn, als sie jene erkannte. Das lange, schwarze Haar ging in der Mitte in ein unnatürliches Weiß über. Roter Lippenstift betonte die blasse Haut, geschickter Einsatz von Kajal die kalten, grauen Augen. Passend dazu trug sie ein rotes Abendkleid, dazu schwarze Stiefel, mit denen sie lautstark über das Dach schritt.

      „Was willst du hier, Kathea?“, zischte Cassandra unwirsch.
      Das hatte ihr noch gefehlt – die Mätresse von Meister Seraphix. Inoffiziell die Anführerin des Inner Circles, gefürchtet und gleichermaßen geliebt von den CLEAR-Mitgliedern. Niemand wusste, woher sie kam, was sie motivierte und über welche Kräfte sie überhaupt verfügte. Aber sie waren laut Meister Seraphix' Aussage gewaltig. So gewaltig, dass er ihr bis aufs Äußerste verfallen war.
      Elendes Miststück, fluchte der Rotschopf im Gedanken. Wenn sie sich ihr widersetzte, würde Seraphix davon erfahren und das konnte unschöne Konsequenzen haben, selbst für sie.

      Die junge Frau, höchstens Mitte 20, trat neben die entnervte Hexe. „Ich hörte von Harrier, dass du dich an Velvet Thornes Fersen geheftet hast und abgelenkt wurdest. Wie interessant, das ist doch sonst nicht deine Art.“
      „Sie hat sich mir in den Weg gestellt.“
      Kathea betrachtete die am Boden liegende, halb bewusstlose Reika mit einen schmalen Lächeln auf den Lippen. „Sie gehört zu Gardenia. Es wäre Verschwendung, sie zu töten.“
      „Was soll das heißen?“, brauste Cassie auf, fuchtelte aufgeregt mit den Händen. „Sie hat meine kostbare Zeit verschwendet. Dieses Stück Dreck gehört entsorgt.“
      „Ich habe andere Pläne für sie“, murmelte die Schwarz-Weiß-Haarige und legte die rechte Hand ans Kinn, sah ihre Komplizin aus den Augenwinkeln an. „Du solltest das auf keinen Fall verpassen.“
      „Hmpf! Mir doch egal, mach mit ihr, was du willst.“ Mit diesen Worten war Cassandra fertig mit der Hure der Organisation und zog an jener vorbei wie ein Sommergewitter. Direkt vor dem Rotschopf öffnete sich ein eigenes, schwarzes Portal, welches jene durchschritt. Dabei hörte sie die Aufsteigerin noch etwas zu sich selbst flüstern, das stark nach einem Austausch von Geiseln klang. Mit einem kleinen Haken.

      -~-~-

      Still betrachtete er den Gegenstand in seiner Hand.
      Es klopfte. Der Sammler stand zum Kamin gewandt und drehte sich nicht um. Trotzdem ziemte es sich nicht, auf eine Bitte mit Schweigen zu reagieren. Also bat er, während er den Gegenstand auf einer Kommode neben dem Kamin absetzte: „Komm herein, David.“
      Das Holz knisterte unter dem Feuer, als sein Diener herein trat. „M-meister, i-ich-“
      „Ich weiß. Gut gemacht.“
      Leise fiel die Tür ins Schloss. Der junge Mann mit dem schwarzen Haar und dem blauen Pony keuchte. Sein grauer Trainingsanzug war blutverschmiert – mit seinem Blut. Der rechte Arm hing schlaff herab, Blut tropfte auf den etwas helleren Teppich. In seiner linken Hand hielt er eine goldene Lanze, die er gegen seine Schulter lehnte.
      „David“, begann der Sammler schließlich und drehte sich zu ihm um, „hättest du nicht vorher wenigstens deine Wunden versorgen können? Du besudelst mein ganzes Anwesen.“
      „V-verzeihung.“
      „Ordnung und Sauberkeit sind sehr wichtig“, tadelte der rothaarige Brite weiter, „merk dir das doch bitte endlich.“
      „M-meister“, stotterte David jedoch plötzlich, „e-eure Wunde!“

      Der Sammler stand mit nacktem Oberkörper vor dem Kamin. Um seinen Unterleib war ein herkömmlicher, weißer Verband gewickelt, welcher in seiner Mitte rot durchtränkt war. Auf den zweiten Blick konnte man weitere, bereits verheilte Wunden sehen. Keine von ihnen war jedoch so extrem wie die Narbe an seiner Wange.
      „Es wird noch eine Weile dauern, ehe ich mich erholt habe. Jetzt sollten wir uns erstmal um dich kümmern“, sprach er, schritt herüber zu zwei Sesseln und einem feinen, alten Holztisch, auf dem ein Weinglas stand. Er schnappte sich jedoch einen weißen Morgenmantel, der fein zusammengelegt über einem der Sessel hing und zog diesen über.

      „Wie gefällt dir eigentlich unser neues Zuhause?“, fragte er nahezu beiläufig, als er auf den wartenden David zuschritt.
      Jener sah sich in dem kleinen Zimmer um. Neben ein paar Bücherregalen, dem Kamin samt Sitzecke und einer großen Truhe in der anderen Ecke gab es hier nicht viel. Es war edel, aber nicht annähernd so prachtvoll wie die Villa in Hollow City. „Es geht so. Au.“
      Er presste die Augen zusammen, da der Schmerz ihn übermannte.
      „Gib mir die Lanze“, forderte der Sammler und nahm die goldene Waffe entgegen. Ihr Schaft war stabil, trotz der gewaltigen, goldenen Spitze, von der sich noch zwei schützende Panzerungen abhoben.
      Der Sammler achtete entschieden darauf, nicht die blutigen Stellen von Davids Hand anzufassen – denn wie er aus den Augenwinkeln sah, war jene knallrot. Verbrannt.
      „Du hast eine Menge auf dich genommen, Longinus zu finden. Ich danke dir.“
      „Kein Problem. Dafür bin ich ja da“, lachte David, brach aber dann keuchend ab.
      Trotzdem schüttelte der Sammler den Kopf. „Ich befürchte jedoch, wenn das so weitergeht, wird dein Leben ein jähes Ende finden, noch bevor wir mit unserer Suche fertig sind. Eine Alternative muss her.“
      „A-aber ich bin-“
      „Du bist ein wertvoller Verbündeter. Es liegt mir fern, dein Leben noch weiter zu gefährden.“ Der Sammler zog an ihm vorbei. „Komm mit. Mir schwebt da etwas vor. Dann können wir auch gleich deine Wunden heilen.“

      Irritiert folgte David ihm, sich dabei mit der frei gewordenen Hand eine Wunde am Unterleib haltend. Der Sammler führte ihn durch einen schlichten, weißen Gang mit rotem Teppich. Keine Bilder, kein Dekor, nur ein schmaler Gang – ein Labyrinth für all jene, die nicht erwünscht waren.
      „Meister“, begann er zögerlich, da etwas ihn schon eine ganze Weile beschäftigte, „warum bedeutet euch Sauberkeit so viel?“
      Der Dämon blieb stehen und drehte sich nach einem Moment des Innehaltens lächelnd zu seinem Untergebenen um. „Sauberkeit bedeutet Ordnung. Ohne Ordnung gäbe es keine Richtung. Und sei doch mal ehrlich: Flecken sehen nicht schön aus.“
      „A-haha.“
      „Das ist nicht zum Lachen“, kommentierte der Sammler versteift und machte eine wischende Handgeste vor Davids Gesicht, wobei er mühelos mit der anderen die riesige Lanze festhielt. „Bitte sei so nachsichtig und besudele nächstes Mal nicht das ganze Haus.“
      „Natürlich nicht, ich verblute nächstes Mal gerne draußen vor der Tür.“ Mit einem Male war der junge Mann frei von all seinen Wunden. Nicht einmal Blut befand sich mehr an seiner Kleidung.
      Der Sammler blinzelte verdutzt ob der frechen Retour seines Dieners, lachte dann aber vergnügt.
      Trotzdem stand David der Schweiß auf der Stirn. Egal was er machte, er war sich nie sicher, wie dieser Mann reagieren würde.

      Schließlich drehte sich jener wieder um und ließ mit einer Handbewegung eine Tür in der Wand zu seiner Rechten erscheinen. Mit der anderen hielt er nach wie vor Longinus, den legendären Speer aus der christlichen Mythologie.
      Als der Sammler eintrat, erwartete ihn ein dunkler Raum. Bis auf ein paar Halterungen an den Wänden und einige Aufsteller, sorgsam in drei Reihen angeordnet, gab es hier nichts. An der Wand gegenüber hing ein riesiger, goldener Rundschild, links befand sich in einer der Befestigungen ein grünlich strahlender Bogen. In zwei Halterungen am Boden steckten Großschwerter, regelmäßig rot beziehungsweise blau aufleuchtend.
      Der Sammler schritt durch den Raum und legte den Speer quer auf zwei Haken an der Wand.
      „Kaum zu glauben, wie lange ich für fünf Stück gebraucht habe“, seufzte David deprimiert.
      „Gemach. Mehr habe ich nie erwartet. Und das meine ich im positiven Sinne.“ Mit einer scheuchenden Handgeste wies der herannahende Sammler ihn an, den Raum zu verlassen. „Ich hoffe, dass das neueste Mitglied unserer beschaulichen Gruppe ebenso vorbildlich agieren wird wie du. Hopp hopp, Zeit für eine angemessene Vorstellung.“


      Turn 97 – Crackes And Bruises
      Nachdem er über eine Woche verschwunden war, kehrt Nick unerwartet und verändert nach Livington zurück. Dabei kommt es zu einer Konfrontation mit Anyas Freunden, welche Nick am liebsten aus dem Leben seiner Schwester verbannen möchte. Und das Ganze gipfelt in einem Duell gegen Matt, Zanthe und Valerie, die ähnliche Ansichten bezüglich Nick vertreten …


      Verwendete Karten

      Spoiler anzeigen
      Cassandra

      Majespecter Cat – Nekomata
      Majespecter Fox – Kyubi
      Majespecter Crow – Yata
      Majespecter Toad – Ogama
      Majespecter Unicorn – Kirin

      Majespecter Cyclone
      Majespecter Storm
      Majespecter Sonics

      Majespecter Tornado
      Majespecter Tempest
      Majespecter Supercell
      Majespecter Gust
      Scrap-Iron Scarecrow

      Reika

      Manju Of The Ten Thousand Hands
      Freya, Goddess Of Victory
      Tethys, Goddess Of Light
      Cyber Angel Natasha
      Cyber Angel Vrash

      Machine Angel Ritual
      Machine Angel Absolute Ritual

      Ritual Sigil
      Zauber/Dauerhaft
      Die Bescheschwörung von LICHT-Ritualmonster können nicht durch Karteneffekte deines Gegners annulliert werden. Solange du ein LICHT-Ritualmonster kontrollierst, werden Monster deines Gegners durch Kampf- und Karteneffekte zerstört, unabhängig anderer Karteneffekte, die dies verhindern. Während der Battle Phase, falls du ein LICHT-Ritualmonster kontrollierst und ein Monster deines Gegners seinen Effekt aktiviert: Du kannst diesen Effekt annullieren.

      Savage Colosseum
      Graceful Charity

      Shadow Of Eyes
      Solemn Scolding


      Hier geht's zur PDF-Datei.
      Spoiler anzeigen
      Irgendwie ist Abby so gefühlt die einzige wichtige Person, die ein normales Leben, in ihrem Fall als Studentin, lebt. Was studiert sie eigentlich? Hab ich das nur aus den Augen verloren oder hast du das Fach nicht genannt? Dass Abby direkt eine Beziehung vermutet, nur weil sich Anya so gut mit Othello versteht zeigt mal wieder schön, wie selten derartig unproblematische Beziehungen für Anya sind. War es das, oder etwa dass Anya selbst verunsichert ist, wie sie mit der ungebrochenen Nähe zu einer Person umgehen soll, deswegen sich ganz anders verhält, was man ja generell leicht als Hinweis auf unausgesprochene Gefühle lesen kann, klassischerweise Liebe, auch wenn das hier ja nicht so ist. Das indirekte Bekenntnis zu Logan...spannend.

      Der Kampf der Hexen war unterhaltsam...zwei völlig unbekannte Figuren und man konnte direkt mitfiebern und das Kaliber ihrer Macht erahnen ( du siehst, ich erspare uns dumme Wortwitze wegen dem Titel ;) ). Reika scheint die ganze Zeit über die Kontrolle zu behalten und scheint alles haargenau geplant zu haben, bis Cassie mit purer Macht die Absicherungen durchbricht und die vorher nur behauptete Überlegenheit nachdrücklich beweist. Cassie stammt von CLEAR und Reika von der weißen Hexe. Ist der Kampf um Velvet damit vorläufig vorbei, oder fängt er gerade erst an? Immerhin ist sie noch frei. Und wieder: wer ist Velvet wirklich?

      Der Vorschlag der Undying ist im Prinzip im YuGiOh Universum (auch wenn TLA sich trotz seiner Verortung darin doch deutlich abhebt) nicht neu, aber im Gegensatz zu Amnael ist Anya ein Hauptcharakter und die Notwendigkeit dazu, einen neuen Körper zu benutzen kommt auch aus einer ganz anderen Quelle. Dass Anya den Ätherstrom sehen will ist schön symbolisch...das Leben selbst sehen wollen im Angesicht der anstehenden Entwurzelung aus der eigenen Daseinsberechtigung innerhalb dessen, eine Suche nach einer höheren Gewissheit, von der man auch im Rahmen von maximaler Unsicherheit aufgefangen zu werden vertrauen kann.

      Nach der letzten Szene verstehe ich endlich besser, was der Sauberkeitsfimmel des Sammlers soll. Ich revidiere daher meine Aussage: Es handelt sich dabei um die banale Verkörperung des Zwecks seines Handelns. Das was im gesellschaftlichen Alltag als Förmlichkeit aufrechterhalten wird, setzt der Sammler bis ins Extreme fort, es ist die Kehrseite der Konsequenz, die ich ihm als Wesenszug zugeschrieben habe, sie begründet sie maßgeblich, weil sie ihr Produkt ist. Und das obwohl etwas derart schlichtes eine so weitreichende Bemühung kaum jemals rechtfertigen könnte, wenn man nicht annimmt, dass etwas dahintersteckt, was es eben doch zu begründen in der Lage ist. Es ist ja auch nur ein Symbol, das den Charakter des Sammlers verstehen helfen kann. Für mich steckt dahinter das Penible schlechthin, das versucht die Integrität auf jeder Ebene zu wahren, aber das nach einem Gefühl verlangt, das dieses Streben bestätigt: die spürbare Ordnung.

      Und er plant Reika für seine Zwecke zu rekrutieren, und profitiert damit quasi von dem Konflikt von CLEAR und Gardenia.

      Freue mich auf mehr :)
      Hallo allerseits.

      @Mcto
      Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Was Abby studiert, habe ich nie gesagt. Was denkst du denn, was sie studiert? ^^
      Anya ist eben noch nicht so weit, entspannt mit ihren eigenen Gefühlen umzugehen. Aber zumindest weiß sie inzwischen, dass sie existieren. :D

      Ich habe echt lange überlegt, ob ich das Wortspiel im Titel lasse oder nicht. Eigentlich ist es mir etwas peinlich, aber es passt so gut!
      Cassie ist gnadenlos und sieht sich als stärkste aller Hexen. Ich denke mal, das ist auch deutlich geworden. Während Reika ihr durchaus kurzfristig die Stirn bieten konnte, hatte sie letztlich aber keine Chance.

      Der Kampf um Velvet wurde gerade erst eröffnet ...

      Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie du auf Sachverhalte aufmerksam machst, über die ich selber gar nicht nachgedacht habe. :)
      Ja, es ist schon sehr symbolisch, dass Anya das "Leben" sehen möchte, das ihr wie Sand zwischen den Fingern verrinnt. Tatsächlich hat diese Szene einen (zweiten) Hintergrund, der in einige Folgen später aufgegriffen wird und dich bestimmt auch interessieren wird. :)

      Was den Sammler angeht, weiß ich nicht so recht, ob ich dich verstanden habe ... sorry. ^^''

      Mal sehen, was du zu dieser Folge sagst.


      Viel Spaß mit:

      Turn 97 – Cracks And Bruises
      David konnte sich kaum vorstellen, wen der Sammler mit 'neuen Verbündeten' meinte. Sein Vorgänger, ein Schattengeist namens Orion, hatte die Seiten vor einigen Monaten gewechselt und war jetzt ein Teil des Zirkels, der sich um die Weiße Hexe scharte. Und auch Kyon, sein Butler, war wenig vertrauenerweckend. Seit dem Fall der Villa in Hollow City hatte man nichts mehr von ihm gehört. In Anbetracht dieser beiden konnte man auf weitere Zugänge getrost verzichten. Dass das nicht seine Entscheidung war, akzeptierte David allerdings ohne Weiteres.
      So folgte er seinem Meister den Gang über den hellroten Teppich entlang, welcher in einer einzigen Tür endete.
      „Du wirst begeistert sein“, sprach der Sammler in seinem weißen Morgenmantel fröhlich, „unser Gast ist bereits hier.“

      Der Brite trat lächelnd in den kleinen Raum herein. Ausgelegt mit grauen Fliesen, befand sich darin nichts weiter als ein riesiger Kristall in Form eines auf dem Kopf stehenden Prismas, welcher über den Boden schwebte.
      Als David seinem Meister folgte und das Gebilde erblickte, weiteten sich seine Augen. „Whoa! Was ist das!?“
      „Die Alternative.“
      Eingeschlossen in dem durchsichtigen Kristall war eine düstere Gestalt, gekleidet in einen schwarzen Kimono. Dunkles, schwarzes Haar, lang und seidig, erstreckte sich in alle Richtungen. Eine weiße, dämonische Maske bedeckte das Gesicht des Wesens.

      „Das ist dein Ersatz“, sprach der Sammler und legte seine Hand auf die glatte Oberfläche.
      „M-Meister, ich hätte eher damit gerechnet, dass wir Kyon-“
      „Kyon ist nicht länger hier“, schnitt der Brite ihm ins Wort.
      David keuchte. „Also war er wirklich ein Verräter …“
      „Natürlich.“ Der Sammler drehte sich um. Das Lächeln war verschwunden.
      Sofort meinte sein Diener: „Dann müssen wir gegen ihn vorgehen. Er weiß zu viel!“
      „Nein, er ist genau dort, wo er sein soll“, erwiderte der Collector geheimnisvoll.
      „Wie konnte er nur … erst er, jetzt auch noch Anya Bauer …“
      „David“, redete der Sammler sanft und packte den jungen Mann bei den Schultern, „es ist in Ordnung. Auch du wirst mich eines Tages verraten. Wie jeder andere. Das ist mein Schicksal.“
      Der Schwarzhaarige riss sich entgeistert los. „Das würde ich niemals!“
      „Eines Tages musst du das vielleicht.“ Mit diesen Worten wandte sich der Sammler an den im Kristall eingeschlossenen Dämon. „Genug geschlafen?“

      Unmittelbar danach zerbarst das Gefängnis in tausend Teile. Die Splitter flogen an den beiden Männern vorbei, ohne dass jedoch nur einer sie berührte. Statt auf dem Boden liegen zu bleiben, verschwanden sie einfach.
      Schwebend landete der Dämon auf seinen Füßen.
      „Ich benötige deine Hilfe“, kam der Sammler unmittelbar zur Sache.
      „Nein“, dröhnte die unmenschliche, verzerrte Stimme des Maskierten emotionslos.
      „Ich habe dir die Freiheit geschenkt, obwohl du eine Gefahr für meine Pläne darstellst.“
      Und nun sollte der ihm als Dank helfen, fragte sich David verwirrt. Im Gegenteil! Der junge Mann spannte bereits seine Muskeln an, bereit, sich zwischen den Sammler und den maskierten Dämon zu werfen.
      „Bevor du ablehnst“, sprach sein Herr weiter, „erinnere dich daran, was du wolltest. Sollen die Dinge so bleiben wie sie jetzt sind?“
      Der Dämon schwieg, regte sich keinen Millimeter.
      „Du weißt noch, wer du warst und wofür du eingestanden hast, auch wenn deine Seele fort ist.“
      „Meister-“, wollte David dazwischen gehen, als der Dämon nach dem langen Katana an seinem Waffenrock griff. Doch der Sammler hielt ihn mit ausgestrecktem Arm fern.
      „Nicht, David.“ Der Rotschopf blickte dabei unbeeindruckt sein Gegenüber an. „Ich habe eine Aufgabe für dich, eine, die deine Prinzipien nicht verletzen wird. Besorge mir, was ich benötige und ich werde im Gegenzug etwas für dich tun.“
      Stur dröhnte es hinter der Maske des Dämons: „Es gibt nichts, das ich begehre.“
      „Bedauerlicherweise täuscht du dich da“, erwiderte der Sammler zuversichtlich, „erinnere dich einfach.“

      -~-~-


      „Das“, sagte Zanthe und tat wenigstens so, als würde er seine Worte behutsam wählen, indem er Anya mitleidig ansah, „stinkt. Und zwar noch schlimmer als deine Socken und das will was heißen!“
      Er hockte vor ihr mir einem ausgestreckten und einem angewinkelten Bein, während sie auf ihrem Bett saß und finster an ihm vorbei in die Leere starrte. „Jep.“
      Abby, die am Schreibtisch vor dem Fenster saß und zu ihr gedreht war, faltete die Hände auf ihrem Schoß ineinander. „Ich weiß, es fällt dir schwer, das zu akzeptieren. Ein Homunkulus, e-ein künstlicher Mensch, das ist unvorstellbar. Unethisch! Man kann nicht einfach Leben erschaffen als wäre man Gott! Aber … wenn es der einzige Weg ist, dir zu helfen, müssen wir in den sauren Apfel beißen.“
      Die Blonde mit dem Pferdeschweif blinzelte ihre Freundin verständnislos an. „Vielen Dank, dass du für mich deine Moralvorstellungen über Bord wirfst, Abby. Aber darum geht es nicht!“
      „Ich weiß“, seufzte sie und ließ den Kopf hängen.
      „Ihr seht das beide viel zu negativ. Dann ist es eben ein neuer Körper, na und?“ Zanthe sprang auf und grinste Anya an. „Dafür ist er gesund. Und wenn du Onkel Ricther ganz nett bittest, passt er sogar einige Details an. Stell dir vor, du könntest endlich an die Regale kommen, die vorher für dich unerreichbar waren? Wäre das nicht-“
      Sie trat vom Bett aus nach ihm, aber wie so oft verfehlte sie den schnellen Werwolf, der tänzelnd auswich. „Nein ehrlich, versuch das Gute darin zu sehen. Welcher normale Mensch hat schon die Chance, sich selbst zu rebooten?“
      Abby schlug vor lauter Fassungslosigkeit die Hand vor die Stirn.

      „Was wohl Summers dazu sagen würde“, murrte Anya und legte ihre beiden Hände schmollend an die Wangen, stützte die Ellbogen auf ihren Oberschenkeln ab, „aber der ist zu beschäftigt mit Redfield, seit wir zurück sind.“
      So schnell hatte sie Abby noch nie erlebt, wie sie von einer Sekunde zur nächsten plötzlich neben ihr saß. „S-sind sie etwa ein Paar?“
      „Uh, hast du das mit der Trennung zwischen ihr und Butcher nicht mitbekommen?“
      „Wie denn, wenn du dich seitdem nicht gemeldet hast“, murmelte die Chefsirene beleidigt und beugte sich zu Anya vor, „aber ich habe es mir gedacht, ja. Also: Sind sie ein Paar oder nicht?“
      Anya wich soweit zur anderen Seite, dass sie fast vom Bett fiel. „Woher soll ich das wissen!?“
      Der Werwolf in Anyas unordentlichem Zimmer, welcher Abstand von den beiden Mädchen genommen hatte, gluckste: „Ist da etwa jemand eifersüchtig!?“
      „Entschuldigung!?“ Sofort war die brünette Brillenträgerin auf ihn fixiert. „Ich mache mir nur Sorgen! Um Valerie! Ich weiß ja nicht, ob Matt so ein guter Umgang für sie ist.“
      „Sie ist Redfields Fangirl“, flüsterte Anya hinter vorgehaltener Hand.
      Sofort gab Zanthe ein viel sagendes, lang gezogenes: „Oh!“ von sich und kicherte.
      „Wie wär's, wenn wir uns jetzt erstmal um -dein- Liebesleben kümmern!?“, fauchte Abby und hielt ihrer Freundin aus Kindheitstagen den Zeigefinger unter die Nase. „Du bist mir immer noch eine genaue Antwort schuldig, was dich und diesen Logan betrifft!“
      „Oh! Oh!“, machte Zanthe da aufgeregt und streckte die Hände vor sich aus. „Da fällt mir ein, dass ich dir noch etwas sagen wollte, Anya!“
      Beide Mädchen drehten sich mit fragendem Gesichtsausdruck zu ihm um. Statt aber die Antwort vorweg zu nehmen, meinte er bloß: „Oder besser gesagt, ich zeig es dir! Lust auf einen kleinen Spaziergang?“

      -~-~-


      Etwa eine halbe Stunde waren die Drei unterwegs und bereits nach kurzer Zeit wusste Anya, dass es nur einen Ort gab, zu dem der Werwolf sie führen konnte – Logans Werkstatt. In dieser Zeit sprachen sie über Alltagskram und Anya war heilfroh dafür. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was sie bald erwartete. So sehr sie auch versuchte, es als Hoffnungsschimmer zu sehen, war da dieser bittere Beigeschmack. Sie wollte keinen neuen Körper, sie wollte ihren alten behalten!
      Es war die Angst, was das alles an Veränderungen mit sich bringen würde, die ihr so sehr zu schaffen machte. Würde sie noch sie selbst sein? Wenn selbst Ricther nicht alle Fragen beantworten konnte, was würde dann am Ende wirklich mit ihr geschehen?
      Allein der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Das Einzige, was sie tun konnte, war ihn mit aller Macht zu verdrängen und sich abzulenken. Da kam die Hoffnung, gleich jemanden … Besonderes wiederzusehen, gerade recht!

      Zusammen mit Zanthe und Abby im Schlepptau schlenderte Anya mit unterdrückter Vorfreude über den Parkplatz herüber zur Werkstatt. Diesmal standen die Rolltore beide offen, hinter einem schwarzen Jeep werkelte bereits jemand fleißig. Yes!
      Neugierig beugte sich das ehemalige Hippiemädchen beim Gehen zur Blonden vor. „Sag mal, Anya, was läuft denn da jetzt genau zwischen euch?“
      „Schon wieder diese Frage! Tch, n-nichts natürlich. Wir sind Freunde.“
      „Und wieso wirst du dann rot?“, fragte Zanthe trocken. Er blickte an Anya vorbei zur Sirene. „Ich sag's nur ungern, aber ehe Fräulein hier realisiert, was sie überhaupt will, ist's fürs Kinderkriegen schon zu spät.“
      Abby kicherte daraufhin vergnügt. „Nicht so negativ, wir kriegen das schon in den Griff.“
      „Klappe, alle beide!“, schnauzte Anya genervt, was aber nur noch mehr Öl ins Feuer kippte.
      „Sie ist verliebt.“
      „Ja, ist sie. Wie alt ist er denn?“, wollte Abby wissen.
      „Mitte 30“, vermutete Zanthe, während die Adern auf Anyas Stirn schon zu pochen begannen.
      Erstaunt entgegnete das Mädchen: „So alt? Hmm, aber wo die Liebe hinfällt. Solange sie glücklich wird.“
      „Ist jetzt mal gut!?“, fauchte die Gebeutelte, die zwischen den beiden lief.

      Knallrot im Gesicht kam Anya vor der Werkstatt an. „H-hey!“
      Der Mann hinter dem Jeep trat hervor – und sorgte bei Anya für ein langes Gesicht. In Blaumann stand ihr nicht etwa Logan gegenüber, sondern ein junger Kerl mit blonden Dreads und kurz rasierten, schwarzen Seiten. Exa.
      „D-du!? Was machst du hier!?“, stammelte das Mädchen schockiert.
      Sie war ihm einmal begegnet, als dieser maskierte Dämon sie nach dem Viertelfinale des Legacy Cups angegriffen hatte. Er war auf Ricther losgegangen, der Anya seinerseits versucht hatte zu beschützen, obwohl sie zu dem Zeitpunkt noch Feinde waren. Das Resultat war eine Battle Royale mit diesem Typen als Sieger.
      „Nun“, zuckte Exa mit den Schultern und trat an die Drei heran, „irgendwann wirst du es eh erfahren.“
      Er sah dabei Zanthe an, der seufzte und dann nickte. „Anya, das ist Exa. Er ist derjenige, mit dem ich mich während des Turniers öfter getroffen habe.“
      „Huh!?“
      Im Anschluss erzählte Zanthe davon, wie die beiden sich begegnet waren, dass Exa aus einer anderen Welt stammt, dass er nach der Zerstörung seiner in diese geflüchtet ist und wie sie versucht hatten, Geld durch Duelle im Untergrund zu verdienen.

      „Oh“, gab Anya trocken von sich.
      Betroffen legte Abby ihre Hände an die Wangen. „Das ist ja schrecklich! W-wie konnte das passieren?“
      „Der-“
      „Ist doch egal“, ging die Blonde mit halbherziger Anteilnahme dazwischen, „ist scheiße, aber ändern können wir's eh nicht mehr. Meine Frage ist: Wie kommst du ausgerechnet zu diesem Job?“

      Zum Zwerg. Es brannte Anya unter den Nägeln, das herauszufinden. Und warum Zanthe ernsthaft glaubte, dass sie -deswegen- gekommen war! Das war doch Absicht, ihr Hoffnung zu machen, nur um sie dann zu enttäuschen! Aber warte nur, wenn keiner hinsah, schwor sie sich bitterböse.

      „Danke für deine Anteilnahme“, erwiderte Exa trocken. „Wir sind uns im Untergrund begegnet. Logan hat mir und Zanthe nachspioniert.“
      „W-was? Warum?“
      „Für dich, sein Sweetheart“, stichelte Zanthe, „jedenfalls glaube ich das. Als er gesehen hat, wie es im Untergrund zugeht, bekam er Mitleid und hat Exa das Angebot gemacht. Apropos, könntest du Nick noch dazu bringen, ihm offizielle Papiere auszustellen?“
      Abby und Anya sahen sich blinzelnd an. Erstere flüsterte pikiert: „Das geht doch nicht so einfach, oder? Das ist doch gesetzeswidrig.“
      „Pft. Von mir aus, ich sag’s ihm bei nächster Gelegenheit.“
      Exa nickte. „Danke, Anya.“
      „Kein Ding. Übrigens habe ich nichts mehr mit dieser Artefaktejagd am Hut.“ Sie erinnerte sich noch daran, wie feindselig er am Ende damals war, als er von ihrer Mission erfuhr. Sie reichte ihm die Hand. „Frieden?“
      Er schlug ein und beide nickten sich zu.

      „Und jetzt, da wir wissen, was uns eh nie interessiert hat“, murrte Anya bereits mit den ersten Anzeichen ihrer berüchtigten Premium-Wut, „wo-zur-Hölle-ist-Logan?“
      Exa sah sie kurz an und zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ist vorhin losgefahren, um irgendetwas zu besorgen. Er hat gesagt, es würde eine Weile dauern.“
      Wie in Zeitlupe drehte sich Anyas Kopf in Zanthes Richtung, der sie auch noch ganz frech angrinste. „Flohpelz …!“
      „Kann ich doch nicht wissen. Sei froh, denn ohne mich wüsstest du gar nicht, dass er zurück ist!“
      „Ah! Sag mal“, wandte sie sich wieder an Exa, „ist er denn jetzt endgültig auf freiem Fuß?“
      „Keine Ahnung, ich kenne mich mit den Gesetzen eurer Welt nicht aus. Sie haben ihn wohl gehen lassen, weil jemand anderes das Verbrechen gestanden hat. Aber er hat trotzdem Ärger, weil er gelogen hat, glaube ich.“
      Anya schlug sich die Hand gegen die Stirn. „Ugh, na toll!“
      „Das ist übrigens deine Schuld“, machte Exa ihr nonchalant klar, „aber du kannst es wieder gut machen, wenn du mir die hübsche Dame da vorstellst.“
      Er blickte herüber zu Abby und winkte ihr lächelnd zu, die etwas irritiert zurück winkte – obwohl sie sich auf drei Meter gegenüberstanden. „Ich bin Abigail, aber du kannst mich Abby nennen.“
      „Kch! Schluss damit!“ Die Blonde packte ihre beiden Freunde am Kragen und zerrte sie mit sich, entschlossen, später alleine zurückzukommen. „Wir gehen nachhause.“
      „Bye“, winkte Exa insbesondere Abby zu, die erneut peinlich berührt zurück winkte, während sie davon geschliffen wurde.
      Da fiel Anya etwas ein. „Sag mal, wo ist eigentlich Roboburg?“
      „Uh“, machte Zanthe und riss sich los, „was das angeht, hatte ich noch schnell ein paar Babysitter bestellt.“
      „Huh!?“

      -~-~-


      Drei junge Menschen saßen auf der Couch in Anya Bauers Wohnzimmer. Claire Rosenburg, die mit starrem Blick aus dem Fenster in die Nachbarschaft starrte. Matt Summers zu ihrer Linken, der hilflos jeglichen Blickkontakt vermied und zu guter Letzt Valerie Redfield, welche ihrerseits in ein Dämonenbuch vertieft war und sich an der Lehne der Couch abstützte.
      „Gibt es denn nicht irgendetwas, das du magst?“, versuchte Matt einen letzten Versuch, ein Gespräch mit der blonden Weltmeisterin anzufangen.
      „Nein.“
      „Möchtest du irgendwo hingehen?“
      „Nein.“
      Matt seufzte schicksalsergeben. „Möchtest du überhaupt irgendetwas?“
      „Nein.“
      Valerie kicherte und klappte ihr Buch zu. „Auf gewisse Weise ist das unterhaltsam. Wenn es nicht so traurig wäre. Aber mir fällt ein, dass ich dir etwas mitgebracht habe, Claire.“

      Sie griff nach einer kleinen Tüte, welche an die Couch gelehnt war und holte daraus ein blaues Stirnband hervor. „Hier, für dich.“
      Claire sah es an. Aber sie schien den Sinn des Accessoires nicht zu verstehen und machte auch keine Anstalten, es entgegen zu nehmen. Da ergriff Valerie die Initiative, packte die junge Frau am Arm und zog sie durch das Wohnzimmer, über die Treppen ins obere Stockwerk hin mit sich, bis sie im Bad angekommen waren.

      Matt folgte ihnen perplex. Als er das kleine Badezimmer betrat, in dem gerade einmal Platz für eine Badewanne, einen Schrank mit Handtüchern und eine Toilette war, sah er Claire vor dem Spiegel des Waschbeckens stehen und Valerie direkt hinter ihr. Jene legte ihr gerade das Stirnband an, was sich als ziemlich schwierig erwies, wenn die neue Besitzerin nicht dabei half. Behutsam schob sie die blonden Haare beiseite.
      „Voilá“, strahlte sie schließlich, als sie fertig war, „steht dir gut, findest du nicht?“
      „Ich erkenne keinen Sinn darin.“
      Valeries Euphorie schwand. „Nun, ich dachte, da deine Stirn etwas höher als bei anderen Frauen ist, könnten wir ja einen kleinen Trick anwenden, um das zu retuschieren. Damit kannst du viel mehr aus deinem Look herausholen.“
      „Ich verstehe nicht“, kam es mechanisch zurück.
      „Sie sagt, du siehst besser mit dem Ding aus“, meinte Matt, der im Türrahmen gelehnt stand.
      Und fing sich gleich einen bösen Blick von der Schwarzhaarigen ein. „Matt! Sei etwas taktvoller!“
      Jener hob die Hände hoch. „Sorry!“
      Claire sah zu ihm herüber. „Welchen Sinn erfüllt dieses Kleidungsstück? Ein Wärmungseffekt im Winter kann ausgeschlossen werden.“
      „Uh … huh?“
      „Steigert dieses Objekt irgendeines meiner Attribute?“
      Valerie und Matt sahen sich hilflos an, ehe Valerie vorsichtig sagte: „Nun, du … könntest damit deine … Duellgegner ablenken, weil sie … von deinem Aussehen überrascht sind. Positiv natürlich!“
      Während sie das vor sich hin stammelte, musste Matt sich das Lachen verkneifen.
      Anscheinend schien Claire diese Erklärung zu reichen. Sie sah noch einmal in den Spiegel, ohne aber eine Miene zu verziehen. „Dieses Stirnband scheint einen Nutzen zu haben. Ich behalte es.“

      -~-~-


      „Summers und Redfield?“, fragte Anya wenig begeistert und ließ nun auch eine äußerst dankbare Abby los. „Ist das dein Ernst?“
      „Vielleicht lernt Claire ja was von ihnen“, rechtfertigte sich Zanthe.
      Alle Drei standen auf dem Parkplatz vor Logans Werkstatt. Exa sah ihnen aus der Ferne nach.
      „Ich will gar nicht wissen, -was- genau“, brummte die Blonde grimmig.
      „Dieses Mädchen scheint ja wirklich völlig hilflos zu sein“, meinte Abby. Auf dem Weg hierher hatte Zanthe ihr die Geschichte erzählt, „wie schrecklich.“
      Aber Anya war da anderer Meinung. „So würde ich das nicht sehen. Sie ist gut darin, Leute umbringen zu wollen. Und andere müssen den Mist dann ausbaden!“
      „Du weißt, dass das nicht stimmt!“, widersprach Zanthe sauer.

      In dem Moment stieß Exa unvermittelt zu ihnen. „Hey Zanthe, kann ich dich noch ganz kurz alleine sprechen?“
      „Hm? Okay“, nickte der und folgte dem Größeren.
      Abby und Anya taten es ihnen nicht gleich, sondern warteten auf der Stelle. Um die Zeit zu überbrücken, erkundigte sich die Sirene noch etwas genauer nach Claires Zustand.

      Während die beiden Jungs sich etwas von den Mädchen entfernten, legte Exa seine Hand auf Zanthes Schulter und flüsterte: „Eigentlich sollte ich das nicht, aber wir sind Freunde.“
      „Was soll die Heimlichtuerei?“, wunderte sich der Werwolf mit dem roten Kopftuch.
      „Es geht um Logan.“
      Sofort wurde Zanthe hellhörig. „Ahhhh, daher weht der Wind! Du bist eifersüchtig!“
      „Hör auf“, schnappte Exa. Sein Ton war bitterernst. Er blickte über seine Schulter, als wolle er sichergehen, dass die beiden Mädchen auch wirklich nichts mitbekamen. Als sie das Garagentor erreicht hatten, seufzte er. „Zanthe, du musst mir versprechen, dass du das für dich behältst.“
      Dem gefiel nicht, welche Richtung dieses Gespräch annahm. „Ok, darin bin ich sowieso gut.“
      „Ich bin Logan sehr dankbar für diese Chance, die er mir gibt. Aber er …“
      Und was Zanthe dann hörte, ließ ihn erblassen. Gar zittern.

      -~-~-


      Der Rückweg der Freunde hatte sich durch drei Dinge ausgezeichnet. Anyas schlechte Laune, Abbys Neugier und Zanthes apathisches Schweigen. Normalerweise hätte die Blonde ihn darauf angesprochen, doch sie war zu wütend, um ihr Interesse an ihren Mitmenschen zum Ausdruck zu bringen.

      Und ihre Stimmung sollte sich nicht gerade heben, als sie ihr Wohnzimmer betrat und dort gleich drei Personen sah, die sie in dieser Konstellation überhaupt nicht ertragen konnte. Claire saß vor einem der Sessel im Schneidersitz und bekam von Redfield das Haar gebürstet. Matt sah auf der Couch ein Football-Spiel an.
      „Okay“, knurrte Anya. „Ich hatte fast verdrängt, dass es euch auch noch gibt.“
      „Hallo Anya“, grüßte Valerie schnippisch zurück, „dein Date ist also ins Wasser gefallen, hm?“
      „W-w-was für ein Date!?“
      „Mit Logan. Dann schulde ich dir wohl 10 Dollar, Val“, gluckste der Dämonenjäger und guckte scheel zu Anya, die ganz langsam rot anlief.
      Ihre Erzrivalin kicherte. „Ach Matt, als du vorhin kurz wohin warst, habe ich bei der Werkstatt angerufen. Da war er schon weg.“
      Hitze stieg in Anya auf, sie spürte den Vulkan ungehemmten Frusts sprudeln.
      „Oh man“, stöhnte Matt, „lass dich nie auf eine Wette mit Mädchen ein …“
      „Sagt mal hackt es bei euch!?“ Anya explodierte. Oh ja. Abby, die im Türrahmen des Flurs stand, verkroch sich langsam Richtung Küche auf der anderen Seite. Nur Zanthe sagte gar nichts zu der Kabbelei. „Seit wann dreht sich alles nur noch um meine Gefühle für Logan!?“
      Der Werwolf erwiderte tonlos: „Vielleicht weil du sie so vehement verleugnest?“
      Anya dachte nicht nach, als sie Angel Wing in seiner Speerform beschwor, herum wirbelte und Zanthe damit -wirklich- weh tun wollte. Jedoch war es der Fernseher in der Ecke, der der tatsächliche Leidtragende war, als die Speerspitze über seine Oberfläche kratzte und ihn zu Fall brachte. Es knalle dumpf, der Schlag setzte sich Richtung Zanthe fort. Aber der hielt ihn einfach mit der Handfläche auf.
      „Hey!“, beklagte sich Matt entrüstet. „Ich wollte das sehen!“
      „Oh man.“ Valerie schlug sich die Hand vor die Stirn.
      „Vielleicht solltest du deine Haltung“, sprach der Kopftuchträger ungewohnt düster, „bezüglich dieser ganzen Sache überdenken.“
      „Was soll das jetzt heißen!?“, knurrte sie hochrot und riss die Waffe weg. „Es ist genau so wie ich es schon hundertmal gesagt habe: Wir-sind-Freunde!“
      Die beiden blickten sich tief in die Augen. Keiner gab nach.

      Ihr Anstarrwettbewerb hätte vermutlich den ganzen Tag angedauert, wenn nicht in diesem Moment das Telefon im Flur geklingelt hätte. Zischend ließ Anya den Speer im Nichts verschwinden, rauschte aus dem Wohnzimmer, schnappte sich den schnurlosen, weißen Hörer der auf einem kleinen Tisch lag und fauchte: „Wer zur Hölle wagt es, bei den Bauers anzurufen!?“
      „Hallo Anya.“
      Jene zuckte regelrecht zusammen, obwohl es eigentlich gar keinen Grund dafür gab. Aber irgendetwas an Nicks Stimme gefiel ihr nicht. „Harper? Warte, wo zum Teufel warst -du- eigentlich die letzten Tage? Keiner wusste wo du steckst!“
      „Nicht so wichtig“, wiegelte er ihre, in kratzbürstige Worte gehüllte Sorge ab, „können wir uns treffen?“
      Abby kam in dem Moment aus der Küche, Zanthe aus dem Wohnzimmer. Sie fragte: „Ist das Nick?“
      Was Anya mit einem Nicken bestätigte. „Uh, klar, komm einfach rüber. Es sind alle hier.“
      „Nein, ich möchte dich alleine sehen.“
      „Warum?“
      „Hat seine Gründe. Und?“
      Der Werwolf schüttelte bereits mit düsterem Gesichtsausdruck den Kopf, aber wie für Anya typisch, tat sie immer genau das Gegenteil von dem, was man ihr sagte. „'kay.“
      „Beim Basketballfeld“, warf Zanthe schnell ein.
      Etwas irritiert und sich seinem fordernden Blick beugend, fügte sie hinzu: „Wie wär's beim Basketballfeld? Ich könnte in einer Stunde da sein.“
      „Gut“, erwiderte er kurz angebunden, „wir sehen uns dann.“
      Ohne sich zu verabschieden legte er einfach auf. Anya blieb mit einem ziemlich verdutzten Gesicht zurück. Kopfschüttelnd schob sie das Telefon in die Ladestation.

      Abby fragte vorsichtig: „Was hat er gesagt?“
      „Er will sich mit ihr treffen“, übernahm der Werwolf das Beantworten, „allein. Es ist eine Falle.“
      „Huh?“ Die Blonde blinzelte verdutzt. „Wie zur Hölle kommst du darauf!?“
      „Was ist denn hier los?“ Matt drängelte sich zusammen mit Valerie und Claire in den schmalen Flur, der nun so gut wie voll war. „Ist etwas passiert?“
      „Ich glaube nicht, dass das Nick war“, sprach Zanthe, „seine Stimme klang anders. Nur ein ganz kleines Bisschen, aber ich habe es bemerkt.“
      Damit gab sich Anya aber nicht zufrieden. „Durch's Telefon? Da hören sich Stimmen immer anders an, Einstein!“
      „Warum sollte er dich alleine sehen wollen? Das riecht doch nach Kalis Handschrift!“
      „Weil er euch nicht leiden kann?“, giftete Anya zurück. „Und manchmal kann ich das sogar verstehen, tch!“
      Ehe ein neuer Streit entstand, bat Abby: „Bitte beruhigt euch. Vielleicht hast du dich ja wirklich getäuscht, Zanthe?“
      So wie der das Mädchen im Anschluss ansah, könnte man glatt meinen, er und Anya hätten die Körper getauscht. „O-okay, es kann bestimmt nichts schaden, wenn wir trotzdem mitkommen, oder?“
      „Da ist ein kleiner Schuppen beim Basketballfeld, wo sie die Bälle und anderen Kram aufbewahren. Wir können uns da verstecken“, erklärte Zanthe, „und eingreifen, falls etwas passiert.“
      Valerie warf ein: „Ich glaube irgendwie nicht, dass Kali Anya am helllichten Tag auflauern würde, noch dazu an einem Ort, der gut einsehbar für Dritte ist.“
      „Und du meinst, nach ihrer letzten Klatsche schert sie das noch?“, fragte Zanthe provokativ.
      Da die Schwarzhaarige keine Hellseherin war, konnte sie das nicht hundertprozentig ausschließen und verstummte. Dafür ergriff Matt das Wort: „Ich finde das auch ziemlich übertrieben. Allerdings traue … allerdings weiß man auch nicht, was in Nick manchmal so vor sich geht. Es kann sicher nicht schaden, wenn wir alle gemeinsam gehen.“
      „Oh, zum Teufel“, knurrte Anya genervt, „dann versteckt euch halt im Geräteschuppen wie ein Haufen ängstlicher Pfadfinder, mir doch Wurst! Aber wenn ihr euch nicht beeilt, wird Harper vor euch da sein!“
      Warum war es jetzt ausgerechnet -sie-, die alle darauf hinweisen musste, was für ein Kindergarten das hier war!?

      -~-~-


      Sie hatten es geschafft, noch vor Nick an ihrem Ziel anzukommen. Das Basketballfeld war ringsherum von einem hohen Zaun umringt. An den beiden Längsseiten des Spielfelds gab es jeweils eine vierstufige Tribüne, falls jemand zusehen wollte. An einer davon war der Geräteschuppen angeschlossen, in dem ihre Freunde sich gegenseitig auf die Zehen traten.

      Anya stand alleine in der Mitte des Felds. Während zur Rechten der Livingtoner Park begann, in dem sie letztes Jahr eine nicht ganz so nette Begegnung mit Marc und Isfanel hatte, verlief zur Linken eine gut besuchte Straße voller Geschäfte und Gaststätten entlang – eine mieser als die andere, aber keine so schlecht wie ihre Laune. Darüber hinaus ragten die mehrstöckigen Bürogebäude der Innenstadt.

      Eigentlich sollte Anya ja belustigt über das seltendämliche Verhalten ihrer Freunde, insbesondere das des Flohpelz' sein, aber da war nur blanke Wut. Ob diese überhaupt ihnen geschuldet war, wusste das Mädchen gar nicht so genau. Lag es daran, dass alle ihr etwas einreden wollten oder an ihrer eigenen Unsicherheit? Warum fiel es ihr so schwer, über Logan mit anderen zu reden?
      Sie hatte darüber nachgedacht, was er für sie war. Ob sie … mehr in ihm sah als einen Freund. Wann immer sie an diesem Punkt ankam, fühlte sie sich plötzlich unwohl. Als sie noch auf Marc Butcher gestanden hatte, war alles so einfach gewesen. Sie wusste es, sie wusste, dass sie ihn mochte und mit ihm ausgehen wollte. Aber der hatte sich nicht mal für sie interessiert.
      Und bei Logan? Der tat praktisch alles, um ihr zu helfen, opferte sogar seine eigene Freiheit für sie und hatte auch stets ein Ohr für ihre Probleme. Wann immer sie ihn sah, machte ihr Herz einen Hüpfer. Der Fall war also eigentlich klar. Wenn da nicht dieser Nachgeschmack war, dieses unbestimmte Gefühl, das alles durcheinander warf …

      „Hallo Anya“, wurde sie unvermittelt aus ihren Gedanken gerissen.
      Sie zuckte zusammen, als Nick direkt vor ihr stand. Er trug ein weinrotes Hemd und schwarze Jeans, darüber einen schwarzen Mantel, ähnlich dem von Matt.
      „H-Harper, verdammt, erschreck' mich nicht so!“, fauchte sie zurück.
      Wie konnte er das Basketballfeld so leise betreten haben, dass sie rein gar nichts bemerkt hatte. Anya gefiel die Antwort dazu überhaupt nicht.
      Nick betrachtete sie einen Moment lang skeptisch. Er sah so anders aus, dunkle Augenringe stachen hervor, sein Gesicht war abgemagert und das, obwohl es nur ein paar Wochen her war, seit sie sich zuletzt gesehen hatten.
      „Alles okay?“, fragte das Mädchen zögernd. „Willst du mir jetzt verraten, wo du gesteckt hast?“
      „Ist besser, wenn du das nicht weißt.“
      „Und was willst du mit mir bereden, das du nicht auch bei mir zuhause kannst?“
      Der junge Mann atmete tief durch. „Die Bedingung war, dass wir ungestört sind.“
      „Tch …“

      Hatte er die anderen bemerkt? Natürlich, scheinbar hatte Nick einen sechsten Sinn für 'Verrat'.
      Anya verschränkte die Arme und wandte sich von ihm ab. Derweil traten ihre Freunde aus dem Geräteschuppen heraus, allen voran Zanthe. „Lange Zeit nicht gesehen, Bohnenstange! Wieso haben wir dich nicht bemerkt?“
      „Hallo Nick“, war Matt da deutlich kühler und Valerie schwieg gleich mit düsterem Gesichtsausdruck.
      Dagegen war Claire Rosenburg fast noch friedlich, wäre sie nicht gewohnt ausdruckslos. Einzig Abby stach durch ein Lächeln hervor. „Wie schön, dich zu sehen!“
      Aber anstatt sie zu beachten, wie sie auf ihn zu treten und umarmen wollte, wich Nick zurück und die Brillenträgerin blieb betroffen vor ihm stehen.

      „Von mir aus, dann hört eben mit“, zeigte Nick sich unzufrieden.
      Anya drehte sich wieder zu ihrem ältesten Freund um.
      „Anya, der Sammler ist an mich herangetreten, um die Aufgabe zu erfüllen, die er dir gegeben hat.“
      „Der kann mich mal!“, fauchte das Mädchen sofort. „Ich mache da nicht mehr mit und das weiß er auch!“
      „Er hat mir von eurem Gespräch erzählt“, entgegnete Nick kühl.
      Matt fragte argwöhnisch: „Und da wollte er dich zwingen, Anya zu überzeugen?“
      „Nein. Es ist alles geklärt.“
      „Was ist geklärt?“, verlangte Anya zu wissen.
      „Mach dir keine Gedanken. Ich werde dafür sorgen, dass du deine gestohlene Zeit zurückbekommst.“
      Aber das war für Anya keine zufriedenstellende Antwort. „Was soll das heißen!?“
      Derweil verfinsterte sich Matts Gesichtsausdruck immer mehr. „Es heißt, dass Nick jetzt für den Sammler arbeitet.“
      „Was!?“, schoss es da aus Valerie heraus. „Stimmt das!?“
      „Fakt ist, dass euer Einmischen Anya in eine sehr gefährliche Lage gebracht hat. Vielleicht solltet ihr in Zukunft nicht mehr interferieren.“ Nick funkelte Matt und Valerie aus den Augenwinkeln eiskalt an.
      Abby indes zeigte sich äußerst geschockt. „N-Nick, du kannst doch nicht-!“
      „Anders als ihr nehme ich die Sache ernst genug, um zu wissen, dass es keinen 'Ausweg' gibt!“, polterte der plötzlich los. „Die Undying werden Anya nicht retten können!“
      Der junge Mann beugte sich nach vorne und wurde von Abby wieder weggedrückt. Dabei schrie er die anderen, perplexen Anwesenden an. „Ihr habt keine Ahnung was ihr anrichtet, wenn ihr so weitermacht!“
      Während Anya das Ganze schweigend aufnahm, konterte Matt nicht minder aufgebracht: „Ach ja!? Was hast du denn die letzte Zeit über gemacht!? Wir haben es wenigstens versucht!“
      „Und hättet beinahe Anyas Untergang herbeigeführt!“ Nick wandte sich an das Mädchen. „Du weißt, was die mit dir und deinem Körper anstellen werden!“

      Zanthe wurde hellhörig. „Woher-!?“ Aber Anya würgte ihn sofort mit einem Handschwenk ab.
      „Harper, arbeitest du wirklich für den Sammler?“
      Er gab ihr keine Antwort. Stattdessen bäumte er sich provokativ auf, woraufhin Abby sich ihm sofort entgegen stellte. „Was hast du vor? Nick!?“
      Plötzlich wurde die Blonde von Valerie, Zanthe und Matt umringt. Erstere sagte: „Das kann nicht dein Ernst sein. Nach allem, was er uns angetan hat …“
      „Das ist wirklich keine gute Idee“, meinte auch der Werwolf, „unser Lieblingsginger wird dich über's Ohr hauen, darauf kannste Gift nehmen.“
      „Und das, obwohl wir versuchen, von dem wegzukommen“, zischte Matt verächtlich, „wann hat der Sammler jemals etwas ohne Hintergedanken getan?“
      Nick lachte auf, während er sich provokativ gegen Abby stemmte, die versuchte ihn wegzuschieben. „Ach was? Aber wenn es euch so stört, dann haltet mich doch auf!“
      Valerie drehte sich zu Anya um. „Anya?“

      Die nickte stumm. Und zum ersten Mal zeigte der hagere, junge Mann mit dem zerzausten, brünetten Haar eine andere Emotion als Wut. Mit einer Nuance Fassungslosigkeit fragte er: „Ist das dein Ernst? Du traust deren Urteilsvermögen mehr als meinem?“
      Anstatt ihm zu antworten, löste sich Anya von der Gruppe, schritt zurück zum Ende des Basketballfeld und lehnte sich an den Maschendrahtzaun.
      Nick lachte mit einer gewissen Zufriedenheit auf. „Verstehe. Du willst sehen, ob ich es ernst meine. Also gut.“
      Aus dem Nichts erschien an seinem Arm eine pechschwarze Duel Disk im Battle City-Stil.

      „Erst teleportierst du dich, jetzt das hier?“ Matt aktivierte das neue, schwarze D-Pad an seinem Arm, das er zusammen mit Valerie vor ein paar Tagen gekauft hatte. „Du hast dir wohl zum Ziel gesetzt, selbst ein Dämon zu werden, was?“
      Derweil bat Zanthe Abby und Claire, sich zu Anya zu begeben, was bei Ersterer für mächtigen Protest sorgte. „I-ich verstehe das nicht. Was wird das hier!? Nick!“
      Aber der ignorierte die Sirene eiskalt.
      „Komm her, Masters. Das ist 'ne Sache zwischen denen“, forderte Anya streng.
      Natürlich konnte die Reinkarnation von Mutter Theresa das nicht so einfach hinnehmen. „Anya! Sag nicht, du findest das in Ordnung!? Ich lasse nicht zu, dass sich hier irgendjemand-“
      Zanthe legte der Brünetten sanft die Hand auf die Schulter. „Keine Sorge, niemandem wird etwas passieren. Deswegen duellieren wir uns ja.“
      Noch immer nicht vollständig überzeugt, schüttelte Abby den Kopf, sah noch einmal Nick an, der immerhin ausdruckslos zurück starrte und trottete mit Claire im Schlepptau herüber zum Zaun.

      Zanthe drückte einen Knopf an dem Armreif an seinem linken Arm, welcher sich sofort um seine Hand zu einem Duell-Handschuh schloss. „Du hast übrigens ein sehr schlechtes Timing, Nick.“
      Seine unterschwellige Drohung ignorierte der große, junge Mann schlichtweg. Zu dritt stellten sich Anyas Freunde ihm gegenüber, mit Matt ganz links, Zanthe in der Mitte und neben diesem Valerie. Hinter den beiden Parteien befanden sich die Tribünen.
      „Du bist zu weit gegangen“, klagte die Schwarzhaarige, die als letzte ihre blaue Duel Disk aktivierte. „Wir sind genauso Anyas Freunde wie du!“
      „Der Unterschied ist nur, dass ihr nichts zu ihrer Rettung beitragt. Im Gegenteil.“ Sein Blick verfinsterte sich noch mehr als ohnehin schon möglich. „Eure Unfähigkeit gefährdet sie noch. Der kopflose Angriff auf den Sammler ist das beste Beispiel. Sie auch nur eine Sekunde länger in eurer Nähe zu lassen ist unverantwortlich.“
      Daraufhin erwiderte Zanthe: „Sie ist alt genug um selbst zu entscheiden, was das Beste für sie ist. Nun sag doch auch mal was, Anya!“
      Als der Werwolf sich aber zu ihr umdrehte, verschränkte Anya nur die Arme und lehnte sich stärker gegen den Maschendrahtzaun. Murmelte: „Das könnte interessant werden. Mal sehen, was Harper wirklich drauf hat.“
      Claire neben ihr rührte sich wie immer gar nicht, sondern beobachtete mit starrem Blick das Geschehen. Dagegen war Abby drauf und dran, aus der Haut zu fahren – aber sie konnte im Vergleich zu anderen auch in schwierigen Situationen die Beherrschung wahren.

      Zanthe, der eine andere Reaktion erwartet hatte, drehte sich schnaufend wieder dem gemeinsamen Widersacher zu. „Leute, unsere Hohlbirne vom Dienst macht ihrem Titel mal wieder alle Ehre und denkt nur an sich und ihren Spaß.“
      „Du bist gefährlich, Nick. Du solltest dich von ihr fernhalten, nicht wir“, sprach Matt ruhig, aber bestimmend.
      Valerie stimmte ihm umgehend zu. „Auch wenn du nur einem Irrtum unterlegen warst, werde ich dir nicht verzeihen, dass du in mein Haus eingebrochen bist und mich angegriffen hast.“

      Anya hob eine Augenbraue. Die Geschichte kannte sie noch nicht. Das wurde ja immer interessanter. Und das Problem an der Sache war, dass sie keine Partei ergreifen konnte.
      Einerseits schien Nick allen dreien richtig ans Bein gepisst zu haben, andererseits war er seit Kindheitstagen ihr Freund. Wohlgemerkt ein lügender, betrügender Freund. Aber einer, der ihr zu Reichtum und Wohlstand mit einem Tastendruck verhelfen konnte. Und der offensichtlich zulange in irgendeinem Zauberkessel geschlafen hatte, wenn er sich jetzt offensichtlich teleportieren konnte.
      „Verdammte scheiße“, murmelte sie so leise, dass es allenfalls Zanthe hören konnte.
      Nein, sie wollte erst sehen, was hierbei rauskam, ehe sie irgendetwas zu den gegenseitigen Vorwürfen sagte.

      „Wenn ihr nicht freiwillig das Feld räumt, räume ich euch eben hiermit aus dem Weg“, entschied Nick und hob nochmal demonstrativ seine schwarze Duel Disk hoch.
      Und kurz darauf riefen alle vier: „Duell!“

      [Matt: 4000LP Zanthe: 4000LP Valerie: 4000LP //// Nick: 4000LP]


      „Da ihr drei ein Team bildet, beginne ich. Und anders als bei normalen Duellen nach den neuen Regeln, kann ich schon im ersten Zug eine Karte ziehen“, sprach Nick unterkühlt und nahm gleich sechs Karten auf einmal auf, die anderen dagegen nur fünf.
      „Ich aktiviere [Shard Of Greed].“ Er spielte einen permanenten Zauber aus, auf dem ein Bruchstück des sagenhaften grünen Topfs der Gier zu sehen war. „Zug beendet.“

      „Keine Monster?“, wunderte sich Matt, der wegen der Regeln als Spieler ganz links als nächster dran war und nicht ziehen durfte.
      Zanthe fasste sich grübelnd ans Kinn. „Gar nicht so blöd. Da wir ihn eh nicht angreifen können, braucht er sich nicht mit Monstern zu schützen, die wir durch Karteneffekte aus dem Weg räumen würden.“
      „Na dann“, zuckte der Dämonenjäger mit den Schultern, „mache ich eben den Auftakt! Und rufe [Evilswarm Castor] und durch dessen Effekt auch [Evilwarm Thunderbird] als Normalbeschwörungen!“
      Vor dem jungen Mann materialisierte sich ein Krieger, dessen eine Körperhälfte komplett schwarz, die andere dagegen weiß war. Neben ihm dagegen zeigte sich ein pechschwarzer Vogel mit langen Tentakeln am Kopf.

      Evilswarm Castor [ATK/1750 DEF/550 (4)]
      Evilswarm Thunderbird [ATK/1650 DEF/1050 (4)]

      „Die haben jedoch nur einen kurzen Auftritt!“ Matt streckte den Arm nach vorne aus. Plötzlich nickte er und grinste. „Jep. Ich errichte das Overlay Network!“
      Ein schwarzes Loch öffnete sich vor ihm und absorbierte seine beiden Monster als violette Lichtstrahlen. „Aus meinen beiden Stufe 4-Schwärmern wird ein Rang 4-Schwärmer!“
      Eine mächtige Explosion entstand im Wirbel, gefolgt von einem schrillen Kreischen. „Xyz Summon! Erscheine, Drache des Eises! [Evilswarm Ophion]!“
      Was anschließend aus dem Strom empor stieg, konnte nur als majestätisch bezeichnet werden. Ophions Schwingen bestanden fast vollständig aus hellblauem Eis, das im starken Kontrast zum ansonsten dunklen Körper des Drachen stand. Sein langer, klingenbesetzter Schweif peitschte nur Zentimeter von Matt entfernt wütend vor dessen Nase. Die Flügel weit spreizend, positionierte er sich vor Matt. Um ihn kreisten zwei Lichtsphären.

      Evilswarm Ophion [ATK/2550 DEF/1650 {4} OLU: 2]

      „Ich entfernte eine Overlay Unit und erhalte dank seines Effekts eine Infestation-Karte von meinem Deck“, erklärte Matt, als sein Drache erneut einen schrillen Schrei ausstieß und eine der Lichtsphären verschlang, „[Infestation Pandemic]!“

      Evilswarm Ophion [ATK/2550 DEF/1650 {4} OLU: 2 → 1]

      Jener Schnellzauber schob sich umgehend aus seinem Deck und wurde ins Blatt aufgenommen. Danach mischte Matt jenes durch und setzte eine Karte verdeckt, die zu seinen Füßen erschien.
      Nick rollte mit den Augen. Als ob er großartig raten müsste, was da lag.
      „Solange Ophion noch eine Overlay Unit hat, kannst du keine Monster der Stufe 5 oder höher als Spezialbeschwörung beschwören“, sprach der Dämonenjäger selbstbewusst, sah zur Seite, „aber das gilt nicht für Teammitglieder.“
      Und zwinkerte prompt Valerie zu, die ihm zuversichtlich zunickte, aber dann wieder eine ernste Miene aufsetzte.
      „Ich bitte dich. Wann habe ich das je getan?“ Nick schüttelte den Kopf.
      „Was auch immer. Ich gebe an Zanthe ab.“

      Auf den Zuruf des Mannes im schwarzen Ledermantel hin zuckte der Angesprochene mit den Schultern. „Da ist jemand ja ziemlich von sich überzeugt. Wüsst' ich's nicht besser, würde ich glatt sagen, du und Anya wäret verwandt.“
      Nick zuckte kaum merklich zusammen. Etwas, das dem Werwolf nicht entging. Er sah über die Schulter zu seiner Freundin, die allerdings keine Miene verzog und das Geschehen verfolgte. Genauso wie Claire. Wenn Zanthe es tatsächlich nicht besser wüsste, würde er eher sagen, dass die beiden blonden Mädels da drüben verwandt waren, wie sie da nebeneinander standen und exakt den gleichen Gesichtsausdruck hatten.
      Sich wieder Nick zuwendend, stimmte dessen Reaktion den Kopftuchträger nachdenklich.
      „Also“, murmelte der und nahm zwei Karten aus seinem Blatt, „dann will ich mal mithalten. Ich beschwöre [Constellar Pollux] und dank dessen Effekt ebenso [Consteller Kaus] als Normalbeschwörung! Open a doorto the twins! Open a door to the archer!“
      Gleich zwei Schlüssel tauchten in Zanthes Hand auf, die er beide nach vorne schmiss. Vor ihm bildeten sich zwei Portale, aus denen die beiden Monster hervor brachen. Dass Zanthes Strategie dabei bekannt vorkam hatte einen guten Grund. So war Pollux die unverdorbene Version von [Evilswarm Castor], und anders als der völlig in weißer Rüstung gekleidet. Dagegen war Kaus ein weißer Zentaurkrieger, der einen mächtigen, goldenen Bogen mit sich führte.

      Constellar Pollux [ATK/1700 DEF/600 (4)]
      Constellar Kaus [ATK/1800 DEF/700 (4)]

      „Das kennst du ja bereits. Aber ab hier wähle ich einen anderen Pfad und benutze Kaus' Effekt, um die Stufen meiner beiden Sternenkundler um jeweils eins zu erhöhen!“
      Der Zentaur spannte seinen Bogen und schoss zwei Lichtpfeile in die Höhe, die kerzengerade hinab auf die beiden Krieger sausten und in goldenes Licht hüllten.

      Constellar Pollux [ATK/1700 DEF/600 (4 → 5)]
      Constellar Kaus [ATK/1800 DEF/700 (4 → 5)]

      Zanthe streckte unmittelbar danach seine Hand aus, in der sich ein großer, goldener Schlüssel manifestierte, den er in den Boden rammte. Dabei rief er: „Open a gate to the Sacred Star Knights! To the Overlay Network! Aus zwei Stufe 5-Lichtern wird ein gleißender Stern! Rang 5!“
      Unter ihm entstand ein weiteres Siegel, das sich ausbreitete. „Xyz Summon! [Constellar Pleiades]!“
      Wie Glas zersplitterte der Zirkel, aus dem vor Zanthe ein imposanter Krieger aufstieg. Von kräftiger Statur, trug er ein langes Schwert mit sich, das er aber mit der Klinge nach unten zeigend hielt. Auf seinem Rücken war eine Art Platte angebracht, die insgesamt sieben Spitzen aufwies und ein wenig wie ein Stern anmutete. Zwei Lichtsphären kreisten um Pleiades.

      Constellar Pleiades [ATK/2500 DEF/1500 {5} OLU: 2]

      „Ich werde nicht zulassen, dass du Karten nachziehst!“, rief Zanthe aufgebracht und zog eine der Karten unter Pleiades' hervor. „Im Austausch für eine Overlay Unit schickt mein Kumpel eine Karte zurück vom Feld auf die Hand! Los!“

      Constellar Pleiades [ATK/2500 DEF/1500 {5} OLU: 2 → 1]

      Der stolze Sternenritter hielt seine Klinge hoch, damit sie eine der Sphären absorbieren konnte. In einer 360°-Drehung schwang Pleiades anschließend sein Schwert und erzeugte eine Schockwelle, die Nicks aufrecht stehenden Zauber mit sich riss. Jener zog ihn aus seiner Duel Disk.
      „Zwei Karten verdeckt“, kündigte Zanthe noch an und ließ jene Fallen zischend zu seinen Füßen erscheinen. „Du bist, Valerie.“
      Die beiden nickten einander zuversichtlich zu.

      Abby, die das alles sehr genau beobachtete, musste zugeben: „Ich glaube, zusammen sind sie ein wirklich gutes Team.“
      „Jup“, kam es desinteressiert von Anya.
      „Auch wenn ich immer noch gegen eine Verbindung zwischen Matt und Valerie bin.“
      „Jup.“
      „Dieser Streit ist auch so furchtbar sinnlos. Können wir uns nicht alle einfach vertragen?“
      „Nope.“
      Empört rückte die Brünette ihre Brille zurecht. „Anya, wie immer kommt von dir rein gar nichts Konstruktives.“
      Als höre sie gar nicht zu, sagte die bloß: „Nope.“
      Das Einzige, was sie interessierte, war Nick. Was war mit ihm geschehen? Und wie stark war er inzwischen geworden?

      Mit konzentriertem Gesichtsausdruck betrachtete Valerie ihr Blatt. Dann nahm sie eine Zauberkarte und zeigte sie vor. „Ich werde ebenso nicht zulassen, dass du dein Blatt mit Zauberkarten wie [Shard Of Greed] aufstockst!“
      Im Kampf gegen drei Duellanten war jede Ressource essentiell, wusste die Schwarzhaarige. Umso wichtiger war es, Nick daran zu hindern, Nachschub zu bekommen. „[D. D. Designator]! Sie verbannt eine Karte von deiner Hand, wenn ich jene genau benennen kann. Was ich gerade getan habe.“
      Aus der aufrecht vor ihr stehenden Karte schoss ein weiß leuchtendes Schwert, das der darauf abgebildeten Kriegerin gehörte. Prompt wurde die Karte links außen in Nicks Blatt durchbohrt und von ihm in die Hosentasche gesteckt. Dabei sah er nicht besonders beeindruckt aus und zeigte sein Restblatt vor, das aus den Monstern [Wind-Up Knight], [Wind-Up Magician] sowie den Zaubern [Inferno Reckless Summon], [Oni-Gami Combo] und [Zenmailfunction] bestand.
      Kein Grund für Valerie allerdings, sich eingeschüchtert zu fühlen. „Ich nutze den Effekt von [Gishki Shadow] in meiner Hand und werfe ihn ab, um [Gishki Aquamirror] zu bekommen.“
      Sie schob das Monster in ihren Friedhofsschacht, woraufhin ihr Ritualzauber aus dem Deck ausgeworfen wurde. „Und den aktiviere ich gleich, mit [Gishki Vision] als volles Opfer für das Ritual!“
      Wasser begann vor ihr aus dem Boden zu sickern, dann zu wabern, bis es einen Kreis vor dem Mädchen schloss. Dessen Mitte entstieg ein golden umrahmter Spiegel, in dem eine aufrecht stehende Amphibie in düsterer Robe reflektiert wurde.
      „Erscheine aus endlosen Kristallkaskaden!“, rief Valerie selbstbewusst und ließ mit einem Fingerschnippen um den Wasserkreis herum ein Dutzend Fontänen entstehen. Dabei tauchte langsam ein riesiger Schatten in des Zirkels Mitte auf. „Ritual Summon! [Evigishki Soul Ogre]!“
      Die Fontänen verebbten und ließen eine aufrecht stehende Mischung aus Amphibie und Dinosaurier zurück. Deren dunkelblaue, schuppige Haut und der feine Kamm aus Schwimmhäuten, der sich von seinem Haupt hin zu seiner massiven Schwanzflosse erstreckte, schimmerten förmlich. Das über drei Meter große Ungetüm kniete vor dem Mädchen nieder.

      Evigishki Soul Ogre [ATK/2800 DEF/2800 (8)]

      Mit einer verbliebenen Handkarte sprach Valerie: „Damit ist es jetzt an dir, uns in unsere Schranken zu weisen, Nick!“

      „Mit Vergnügen.“ Nachdem dieser auf eine sechste Karte aufgezogen hatte, lächelte er herablassend. „Ihr macht es mir wirklich einfach. Ob ihr nun eure stärksten Monster ausspielt oder eure schwächsten, es ist völlig bedeutungslos.“
      Er nahm eine andere Karte aus seinem Blatt und zeigte sie den Dreien mit dem Rücken voran, wodurch jene untereinander fragende, nervöse Blicke austauschten.
      „Umso besser für mich, je schneller das hier vorbei ist“, stichelte Nick arrogant weiter und drehte langsam die Karte in seiner Hand um. Es war ein Zauber. „[Dark Hole].“
      Sofort klingelten bei Valerie alle Alarmglocken. Der war doch gar nicht unter denen gewesen, die sie eben gesehen hatte!
      Ein kleiner Spalt öffnete sich vor Nick, der rasend schnell immer größer wurde und einen starken Sog erzeugte – ein richtiges, schwarzes Loch, nicht eines wie das des Overlay Networks. Die Monster von Anyas Freunden begannen sich zu verzerren, wie sie nach und nach hineingezogen wurden.
      „[Dark Hole] zerstört alle Monster auf dem Feld“, erklärte Claire die Lage mechanisch.
      „Dich hat keiner gefragt“, zischte Anya grimmig zurück.
      Und die Chefsirene klagte: „Sei nicht so gemein zu ihr, Anya!“
      „Hmpf!“
      Indes sah Zanthe zu Valerie herüber und nickte ihr, oder besser gesagt ihrem [Evigishki Soul Ogre] zu, doch das Mädchen reagierte mit einem Kopfschütteln. Daraufhin nickte Zanthe erneut und wandte sich dem gemeinsamen Widersacher zu.
      „Ich rette [Constellar Pleiades], indem ich seinen Effekt gegen ihn selbst richte!“ Jener absorbierte mit seiner Klinge die letzte Lichtkugel und rammte sich das Schwert durch die Brust. Keinen Moment später weitete sich das schwarze Loch so weit aus, dass niemand mehr etwas sehen konnte.
      Nick grinste kaum merklich. Als der Effekt seines Zaubers nachließ, waren von [Evigishki Soul Ogre] und [Constellar Pleiades] nichts mehr zu sehen. Doch Matts [Evilswarm Ophion] befand sich wider Erwarten weiterhin auf dem Feld.
      „Tja“, feixte der, „[Infestation Pandemic] ist ein Schnellzauber, der meine Schwärmer für einen Zug vor Zauber- und Falleneffekten feit. Dadurch konnte selbst dein [Dark Hole] ihn nicht vernichten.“
      „Ich weiß“, erwiderte Nick, „das ist alles mit einkalkuliert.“
      Woraufhin der Dämonenjäger erstaunt Luft ausstieß.
      „Um genau zu sein“, sprach der große, junge Mann weiter, „ist es sogar essentiell. Ich beschwöre [Wind-Up Magician] als Normalbeschwörung. Danach kann ich [Wind-Up Shark] als Spezialbeschwörung rufen, weil ich ein Wind-Up-Monster normalbeschworen habe.“
      Wie schon bei Matt und Zanthe tauchten gleich zwei Monster vor ihm auf. Ein violetter Spielzeugmagier mit Zauberstab in den Zangenhänden und ein blauer Aufziehhai.

      Wind-Up Magician [ATK/600 DEF/1800 (4)]
      Wind-Up Shark [ATK/1500 DEF/1300 (4)]

      „Nun, da ein Monster mit maximal 1500 Angriffspunkten als Spezialbeschwörung mein Feld betreten hat, kann ich den Schnellzauber [Inferno Reckless Summon] dazu nutzen, zwei weitere Kopien aus meinem Deck zu rufen.“ Nick legte den Zauber in seine Duel Disk ein. Daraufhin schoben sich zwei durchsichtige Kopien links und rechts aus dem Hai und gewannen feste Form. „Da das nur geht, wenn wenigstens einer von euch ein Monster kontrolliert, verweise ich auf meine Aussage von eben. Bedauerlicherweise kannst du, Matt, den Nebeneffekt, auch eines deiner Monster zu verdreifachen, nicht nutzen. Denn die Kopien müssen sich in deinem regulären Deck aufhalten, wohingegen [Evilswarm Ophion] im Extradeck beheimatet ist.“
      Matt kratzte sich irritiert am Kopf beim Anblick der drei Spielzeughaie.

      Wind-Up Shark x3 [ATK/1500 DEF/1300 (4)]

      „Und eines sollten wir dabei auch nicht vergessen. Die Beschwörung des ersten [Wind-Up Sharks] war eine Effektaktivierung, die es [Wind-Up Magician] ermöglicht, einmalig ein weiteres Spielzeug aus meinem Deck in die Verteidigungsposition zu rufen.“ Nick hielt nur die Hand über sein Deck und ließ eine Karte daraus hervorschießen, die er aufnahm und auf seine Duel Disk legte. „[Wind-Up Dog].“
      Und schon materialisierte sich vor ihm ein Sitz machender, blau-weißer Spielzeughund.

      Wind-Up Dog [ATK/1200 DEF/900 (3)]

      So war es Nick in wenigen Schritten gelungen, sein gesamtes Feld mit Monstern zu füllen.
      „Das ist … nicht gut“, stammelte der Dämonenjäger und sah Valerie besorgt an, die völlig ungeschützt war. Denn Zanthe blieben wenigstens dessen zwei verdeckten Karten und ihm sein Ophion, der – und darauf lag die Betonung – noch das stärkste Monster auf dem Feld war.
      Valerie ihrerseits war immer noch mit dem beschäftigt, was sie glaubte gesehen zu haben. Da war kein [Dark Hole] in seinem Blatt gewesen! Aber er hatte es nicht als die Karte ausgespielt, die er nachgezogen hatte. Also wie …?
      Nick bemerkte ihre Irritation und grinste sie finster an. „Probleme?“
      „Du-!“
      „Valerie, wieso hast du dein Monster beschworen, wenn du wusstest, dass er es in seinem nächsten Zug zerstören würde?“, fragte Matt plötzlich verständnislos.
      „W-was?“
      Zanthe seufzte. „Ist ja toll, dass du erwartet hast, dass wir das verhindern können, aber das Risiko wäre -ich- nicht eingegangen.“
      Das Mädchen verstand die Welt nicht mehr. „A-aber ich-!“
      „Was denn?“, fragte Nick herausfordernd. „Hast du dich etwa täuschen lassen?“
      Ihr klappte die Kinnlade hinunter, wie er sie abfällig betrachtete. Zähneknirschend ballte sie eine Faust. „Anscheinend …“
      „Egal“, beendete Nick die Diskussion resolut. „Wie ihr unschwer erkennen werdet, war das nur der Anfang. Ich benutze den Effekt eines meiner [Wind-Up Sharks], um seine Stufe zu korrigieren – um eins nach unten. Und errichte das Overlay Network, um die beiden Stufe 3-Monster zu einem Rang 3-Monster zu machen!“
      Während der Hai als blauer Lichtstrahl in den sich vor Nick öffnenden Galaxienwirbel eintauchte, tat sein Hund dies als hellbrauner. Parallel zur daraus entstehenden Lichtexplosion rief Nick: „Xyz Summon! Erhebe dich, [Wind-Up Carrier Zenmaity]!“
      Und so geschah es auch – ein verdammt großes, blau lackiertes Spielzeugschiff, ein Flugzeugträger, entstieg dem Overlay Network. Zwei Lichtkugeln umrundeten es wie kleine Monde.

      Wind-Up Carrier Zenmaity [ATK/1500 DEF/1500 {3} OLU: 2]

      Statt zu verschwinden, weitete sich der Strom ein wenig aus. Nick rief: „Als Nächstes mache ich aus dem Stufe 4-Magier und dem Stufe 4-Hai ein Rang 4-Monster!“
      Besagter, violetter Hexer und der zweite Hai tauchten als rote beziehungsweise blaue Lichter in den Sog ein. Eine weitere Explosion folgte. „Xyz Summon! [Wind-Up Zenmaister]!“
      Mit einem Satz landete neben dem Spielzeugschiff ein Roboter mit ausfahrbaren Armen.

      Wind-Up Zenmaister [ATK/1900 → 2500 DEF/1500 {4} OLU: 2]

      Anya wusste, dass Zenmaister für jedes Xyz-Material, das er besaß, 300 Angriffspunkte erhielt. Ein schmales, antizipierendes Lächeln zierte ihre Lippen. Ihr Sandkastenfreund war längst noch nicht durch.
      „Jetzt der Effekt von [Wind-Up Carrier Zenmaity]. Im Austausch gegen eine Overlay Unit beschwört er ein Spielzeug von meinem Deck! Los, [Wind-Up Rat]!“
      Eine der Lichtkugeln verschwand im Schiff, welches von seinem Bug einen blauen Torpedo abfeuerte. Dieser wurde mitten in der Luft zu einer kleinen, blauen Ratte, die in der Mitte des Spielfelds landete und zu Nick zurückkehrte. Dabei begann sich der goldene Schlüssel auf ihrem Rücken immer schneller zu drehen.
      „Indem ich sie vom Angriffsmodus durch ihren Effekt in die Verteidigung wechsle, kann [Wind-Up Rat] ein Spielzeug von meinem Friedhof im Verteidigungsmodus rufen“, rief Nick autoritär mit ausgestreckter Hand. „[Wind-Up Dog]!“
      Die blaue Ratte zog einen großen Kreis unterhalb des Schiffs, wo aus dem Boden der kleine Spielzeughund empor stieg. Jener begann wild zu bellen.

      Wind-Up Rat [ATK/600 DEF/600 (3)]
      Wind-Up Dog [ATK/1200 → 1800 DEF/900 (3 → 5)]

      Matt stand regelrecht der Schweiß auf der Stirn, Zanthe stierte Nick böse an und Valerie sah betreten weg.
      „Was ihr hier beobachten könnt, ist bereits der Effekt von [Wind-Up Dog] aktiviert, der seine Stufe um zwei und den Angriffswert temporär um 600 erhöht.“ Nick schnippte mit dem Finger. „Ich nutze den Effekt meines dritten [Wind-Up Sharks] und passe seine Stufe an, diesmal um eins nach oben. Nun wird aus meinen beiden Stufe 5-Monstern ein Rang 5-Monster!“
      Das Dreiergespann keuchte erschrocken, als sich zum nunmehr dritten Mal das Overlay Network öffnete und den Hund als hellbraunen sowie den Hai als blauen Lichtstrahl absorbierte. „Xyz Summon! [Wind-Up Arsenal Zenmaioh], zeig' dich!“
      Sofort wurde das Schwarze Loch in einer Explosion auseinandergerissen. Ein noch größerer Roboter als Zenmaister, Nicks rot lackiertes Assmonster, betrat das Spielfeld. Einer seiner Arme hing lose, von einer unsichtbaren Kraft gehalten, abseits des Körpers in der Luft, bestückt mit einem Bohrer. Auch Zenmaioh wurde von zwei Lichtsphären umkreist.

      Wind-Up Arsenal Zenmaioh [ATK/2600 DEF/1900 {5} OLU: 2]

      „Effekt von Zenmaioh! Im Austausch gegen eine Overlay Unit zerstört er zwei verdeckte Karten“, rief Nick aus. Sein Robokrieger schnellte auf Zanthe zu, welcher entsetzt keuchte. Kaum war er angekommen, hämmerte er seinen Bohrerarm in die beiden Fallen, welche [Draining Shield] und [Constellar Meteor] waren und zerfetzte sie.

      Wind-Up Arsenal Zenmaioh [ATK/2600 DEF/1900 {5} OLU: 2 → 1]

      „So ein Mist“, fluchte der Werwolf mit dem roten Kopftuch leise.
      „Ich bin noch nicht fertig! Zauberkarte [Zenmailfunction]! Sie reanimiert [Wind-Up Dog] in Verteidigungsposition“, erklärte Nick, „und zusammen mit [Wind-Up Rat] errichten sie zum letzten Mal das Overlay Network!“
      Kaum erst war der blaue Spielzeughund aus einem Loch im Boden aufgetaucht, verwandelten er und die kleine Spielzeugratte sich in braune Lichtstrahlen, die von einem sich abermals öffnenden, schwarzen Loch absorbiert worden. „Xyz Summon! Rank 3, [Wind-Up Zenmaines]!“
      Eine grelle Lichtsäule schoss aus dem Wirbel und brachte einen Kampfbomber mit sich, der eine ungefähr dreieckige Form hatte und aufrecht flog. Zwei Zangenhände flogen losgelöst vor ihm.

      Wind-Up Zenmaines [ATK/1500 DEF/2100 {3} OLU: 2]

      Matt fasste sich an die Stirn. „Oh Junge. Viermal hintereinander …“
      „Das wird nicht gut ausgehen“, prophezeite Zanthe, „zumindest nicht für mich.“
      „Für keinen von euch“, prophezeite Nick düster und legte seine letzte Handkarte in die Duel Disk ein. „Ich aktiviere [Oni-Gami Combo]. Das davon betroffene Xyz-Monster verliert all seine Overlay Units, kann aber dafür in diesem Zug zwei Angriffe durchführen.“
      „Oh nein!“, keuchte Valerie erschrocken, als sich die Lichtkugel um Zenmaioh auflöste.

      Wind-Up Arsenal Zenmaioh [ATK/2600 DEF/1900 {5} OLU: 1 → 0]

      „Zuerst du“, kündigte Nick düster an und zeigte dabei auf Matt. „Los Zenmaioh, vernichte sein Monster und setze einen direkten Angriff nach! Wind-Up Power Punch!“
      Der in der Zwischenzeit zu ihm zurückgekehrte Roboter schoss erneut auf sein Ziel zu. Zwar versuchte sich Matts [Evilswarm Ophion] mit einem pechschwarzen Odem an einem Gegenangriff, dem jedoch mühelos ausgewichen wurde. Kaum bei dem düsteren Drachen angelangt, schmetterte Zenmaioh seinen Bohrer in dessen Brust und zerriss ihn förmlich. Und als er damit fertig war, flog er herüber zu Matt und verpasste ihm mit seiner normalen Faust einen mächtigen Hieb in den Magen.
      „Ah!“, stieß Zanthe erschrocken hervor.
      Valerie kreischte: „Matt!“
      Jener wurde von der Wucht des Angriffs in die Höhe gehievt und flog wie ein nasser Sack durch die Luft. Nur mit Mühe konnte er sich einigermaßen fangen und landete im Anschluss in kniender Haltung, kippte über und übergab sich.

      [Matt: 4000LP → 1350LP Zanthe: 4000LP Valerie: 4000LP //// Nick: 4000LP]


      Sofort eilte Valerie zu ihm und packte ihn an den Schultern. „Matt!“
      „Dieser Schlag“, keuchte der atemlos, „das war kein normaler. Nicht, als wären nur die Sicherheitsoptionen deaktiviert. Als ob ein Immaterieller …“
      Die Schwarzhaarige blickte entgeistert auf. „Du bist verrückt!“
      „Denkt ihr“, sprach Nick eisig und deutete dabei auf Zanthe, „dass eine Macht wie diese ausreichend wäre? Zenmaister, Angriff auf diesen da. Wind-Up Armored Fist!“
      Der andere Roboter ließ seine Faust an einer langen Sprungfeder Richtung Zanthe ausfahren und das mit einer Geschwindigkeit, die es nicht erlaubte, ausweichen zu wollen. Stattdessen hielt der Werwolf seine Arme über Kreuz und blockte den Treffer ab, aber nicht, ohne einen halben Meter weggeschoben zu werden. „Uff!“

      [Matt: 1350LP Zanthe: 4000LP → 1500LP Valerie: 4000LP //// Nick: 4000LP]


      „Dein Glück, dass ich so robust bin“, knurrte der Werwolf böse.
      „Niemand von uns kann sich -ihm- widersetzen“, führe Nick aber seine Ansprache fort, „ihr am allerwenigsten. Zenmaines, Zenmaity, nehmt euch ihre verbliebenen Lebenspunkte vor.“
      Vom Rande des Felds schrie Abby aufgelöst: „Nick, tu das nicht! Bitte!“
      Aber es war bereits zu spät. Der Schiffsträger feuerte mehrere Torpedos in Matts Richtung. Zeitgleich flog der Bomber über Zanthe hinweg und ließ mehrere Raketen auf ihnen fallen, wodurch die beiden letztlich in einen Hagel aus Explosionen eindeckt wurden.
      „Nein!“, platzte es aus Abby verzweifelt heraus. „Nick, was tust du da!? Sie sind doch-!“

      [Matt: 1350LP → 0LP Zanthe: 1500LP → 0LP Valerie: 4000LP //// Nick: 4000LP]


      Nick beendete den Satz für sie. „Nur im Weg.“
      Der Rauch verzog sich. Matt lag auf dem Rücken, Zanthe auf dem Bauch.
      Die Einzige, die noch auf den Beinen war, war Valerie. Und sie zitterte am ganzen Leib.
      „Wenn du möchtest, kannst du auch gerne aufgeben“, bot Nick ihr emotionslos an, „andernfalls vernichte ich dich wie diese beiden da.“
      Tränen standen in Abbys Augen, doch als sie dazwischen gehen wollte, packte Anya sie am Handgelenk. „Misch dich nicht ein.“
      „Anya!“, polterte Abby. „Siehst du nicht, was er da macht!?“
      „Die sind hart im Nehmen“, stellte die Blonde nicht weniger mechanisch wie Nick klar, „lass sie das bis zum Ende austragen.“
      Sie konnte gar nicht so schnell gucken, wie sie sich von Abby eine fing. „Bist du wirklich so gefühlskalt!? Ist dir das Wohl deiner Freunde egal!?“
      „Masters“, murmelte Anya, ließ sie los und rieb sich die Wange, „im Gegenteil. Deswegen lasse ich sie kämpfen.“
      „Ich verstehe dich nicht!“ Sie wirbelte herum zu Nick. „Und dich noch viel weniger!“
      Nick begann auf einmal zu lachen. Erst leise, dann immer lauter.

      ~-~-~


      Einige Tage zuvor …

      „Was zur Hölle denkt der sich?“
      Nick in derartiges Erstaunen zu versetzen war schwierig, doch nichts, das Henry Ford nicht mindestens einmal am Tag zu vollbringen vermochte. Während der Spross des Ford-Imperiums mal wieder mit Abwesenheit glänzte, saß Nick mitten in der Nacht vor seinem Laptop in seinem Büro. Und durfte sich einmal mehr davon vergewissern, warum Benjamin, so Henrys erster Vorname, bisher nie auf viel Gegenliebe stieß, was seine Ideen anging.
      „Wenn dein Vater sieht, wie teuer -das- wird … wow!“ Nick fuhr sich über das Kinn. „Bewundernswert. Beängstigend, aber auch bewundernswert. Damit rechnet wohl niemand.“
      Eigentlich wollte er gar nicht mehr hier sein, schließlich wartete ein gewisser, verräterischer Immaterieller darauf, mit ihm eine kleine 'Reise' zu unternehmen. Aber er konnte nicht gehen, ohne zumindest noch ein paar Vorbereitungen zu treffen und für seine Abwesenheit innerhalb der Firma vorzusorgen. Nicht, dass Aiden noch auf dumme Gedanken kam.

      Obschon von draußen bereits das Mondlicht in sein Büro drang, hatte Nick das Licht in seinem karg eingerichteten Büro noch nicht angeschaltet. Er liebte es, im Dunkeln zu arbeiten. Und er liebte Glasoptik, wie sich anhand seines gläsernen Tisches zeigte. Weiß dagegen war nicht seine Farbe, die Wände hätte er irgendwann noch einmal streichen lassen. Aber er ging nicht davon aus, dass er noch einmal hierher zurückkehren würde.
      Hier zu arbeiten hieß für Aiden Reed zu arbeiten, dem CEO von Micron Electronics, einem Hersteller für Microchips und anderen elektronischen Komponenten. Und wenn sich Nick vor Augen hielt, wie er zu seinem Job als Berater von MEs Geschäftspartner, welcher niemand Geringeres als Henry, ergo die AFC, war, wurde ihm selbst heute noch speiübel. Mit Henry würde er umgehen können, der war nur ein stures Kind, versessen darauf, seinem Vater seine Unabhängigkeit zu beweisen, indem er zusammen mit ME heimlich ein Konkurrenzprodukt zu Duel Monsters schaffte.
      Aber Aiden … sein ehemaliger Verlobter, der Mensch, der ihn durch Erpressung in diese Lage gebracht hatte. Nein, mit Aiden wurde er nicht so einfach fertig. Das hatte jener zuletzt bewiesen, als er einen Cyberangriff auf Mr. Bauer, Anyas – und Nicks – Vater verhindert hatte, den Nick eigentlich Aiden in die Schuhe schieben wollte. Und nun wusste Mr. Bauer vermutlich von 'Monochrome'.
      Nick hatte sich geschworen, Aiden dafür zu vernichten. Jedoch war dies nicht so einfach, denn in dem einen Monat, den er jetzt hier arbeitete, war ihm kein adäquater Akt der Vergeltung in den Sinn gekommen. Und was normalen Menschen lächerlich kurz erschien, war für Nicks Verhältnisse eine halbe, zermürbende Ewigkeit.
      Umso mehr aufgrund der Tatsache, dass Nick die leise Befürchtung hegte, nicht ganz hinter seinen eigenen Rachegelüsten zu stehen. Er liebte Aiden nicht mehr, aber er verdankte ihm das Leben, das er jetzt führen konnte. Der Bruch zwischen ihnen beiden …
      Und nicht zuletzt gab es dringendere Angelegenheiten, die seiner Aufmerksamkeit bedurften. Es ist noch keine Woche her, da war in Ephemeria City ein Flugzeug abgestürzt. Anyas Flugzeug! Er wusste, dass es ihr gut ging, aber für wie lange noch? Wenn er ihre Feinde nicht bald aus dem Weg räumte, könnte der nächste Anschlag gelingen. Zumal nicht einmal er wusste, wer dafür verantwortlich war.
      Nein, er konnte seine Zeit nicht länger hier verschwenden. Aiden würde ohne ihn auskommen müssen, ob er nun wollte oder nicht.

      Während Nick gedankenverloren auf den Bildschirm starrte, bemerkte er nicht, wie sich hinter ihm schwarze Schatten erhoben. Umeinander wirbelten und ein Portal bildeten, aus dem eine einzelne Person trat.
      „Guten Abend, Nick Harper.“
      Mit einem gedämpften Aufschrei drehte Nick seinen Stuhl um 180 Grad. Seine Augen weiteten sich bei dem Anblick, der sich ihm bot. Ein feiner, schwarzer Designeranzug. Dunkelrotes, zu einem Mittelscheitel gegeltes Haar. Eine Narbe auf der Wange. Und ein schmieriges Lächeln auf den Lippen.
      „Der Teufel kommt, um meine Seele zu holen“, brachte Nick trotz seiner inneren Schockstarre noch einigermaßen fest hervor.
      Der Sammler lächelte falsch. „Nicht heute, mein Lieber.“
      „Du streitest es nicht einmal ab“, stellte Nick fest und erntete ein weiteres, gekünsteltes Lächeln, während er sich vorsichtig von seinem Stuhl erhob, „muss ich jetzt beeindruckt sein oder Angst haben?“
      „Ein bisschen von beidem.“
      „Was willst du?“, fragte Nick scharf, ließ seine sarkastische Maske sinken. „Zu Ende bringen, was deine … was auch immer sie auch sein mag, nicht geschafft hat?“
      Der Sammler verzog keine Mimik, stand ihm ruhig gegenüber. „Zweifelsohne sprichst du von Valerie Redfield.“
      „Du warst es also tatsächlich …“
      Nick fasste sich ans Kinn, gab ein entrüstetes Stöhnen von sich und blickte zur Seite. Auch wenn er längst zu der Erkenntnis gekommen war, wer ihn vor einiger Zeit in der alten Lagerhalle in eine Falle gelockt hatte, war die Bestätigung derer doch ein ungewöhnlich harter Schlag.
      „Was immer du daraus schließen magst, es ist falsch.“ Der Sammler wandte sich leicht von ihm ab und umrundete den Schreibtisch. „Meine Valerie hat dich nicht angegriffen, weil ich dich töten wollte.“

      Nick sah ihm fassungslos hinterher, wie er auf die Fensterfront zu schritt, die sich direkt gegenüber seinem Schreibtisch befand. „'Deine' Valerie!?“
      Als hätte er die Frage gar nicht gehört, fuhr der Sammler fort. „Du missverstehst mich, Nick. Ich würde nie meinen besten Mann ausschalten.“
      Er drehte sich vor dem Fenster zu jenem um. Lächelnd fügte er hinzu: „Ohne dich wäre -sie- verloren.“
      Nick tat es dem Sammler nun gleich und ging langsam um seinen Schreibtisch herum. „Was war das!? Was hat mich da angegriffen und wieso!?“
      „Sagen wir, ich wollte etwas testen.“
      „Mich!?“
      Der Sammler gab ein amüsiertes Kichern von sich. „Sei bitte nicht albern. Euch habe ich lange genug getestet. Nein. Es reicht, wenn du weißt, dass es nicht meine Absicht war, dir zu schaden.“
      Mit bedachten Schritten näherte sich Nick seinem Gegenüber. „Tut es das jemals, wenn du Antworten schuldest?“
      „Ich schulde niemandem etwas, Nick Harper“, kam die eisige Retour.
      „Warum bist du hier?“, stellte der erneut seine Ausgangsfrage, wenn diesmal auch in gedämpften Tonfall.
      „Ich fürchte, wir haben ein kleines Problem. Deine Schwester ist unkooperativ. Sie möchte nicht mehr mit mir zusammenarbeiten. Mehr noch, haben ihre kleinen Freunde doch tatsächlich versucht, mich zu töten“, erwiderte der Sammler geschäftsmännisch, „stell dir meine Überraschung vor. Als ich Anya daraufhin konfrontiert habe, hat sie mir sogar gedroht.“
      Nick kam ihm so nahe, dass seine Nase beinahe gegen die Stirn des Rothaarigen stieß. Dieses Monster wusste also um seine wahre Herkunft. „Wer wollte dich umbringen?“
      „Valerie Redfield und Matthew Summers. Schade, ich dachte, gerade diese beiden wären die Vernunft innerhalb eurer kleinen Spielgruppe.“ Der Sammler lächelte diesmal nicht. „Sie haben mir tatsächlich einen kleinen Kratzer zugefügt.“

      Was!? Redfield und Summers haben versucht, den Sammler umzubringen!? Sind die wahnsinnig geworden, dachte Nick aufgeregt. Es war -seine- Aufgabe, sich darum zu kümmern, sobald erst alle Vorbereitungen getroffen waren. Wie konnten diese Idioten so gedankenlos interferieren und dabei noch Anya in Gefahr bringen!?
      Um seine innere Fassungslosigkeit zu überspielen, murmelte er: „Ach ja? Nanu … was ist das?“
      Theatralisch fasste sich Nick an die Brust. Er konnte sich ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen.
      „Mein Herz!“ Er zog seinen Kopf zurück, legte die zweite Hand auf den Bauch. „Und mein Bauchgefühl. Warum fühlt es sich so gut an, wenn du es so sagst wie du es tust?“

      Auch der Sammler lächelte wieder, rührte sich nicht, ja blinzelte nicht einmal. „Du bist schon immer ein talentierter Spaßvogel gewesen, ob zur Tarnung, oder zum Überspielen deiner Angst.“
      Er schwang den Arm zum Fenster aus. „Und das hat dich hierher gebracht. Es könnte dich auch weiter bringen. In eine glorreiche Zukunft. Aber die wird es nur geben, wenn du die Wahrheit kennst.“
      „Welche Wahrheit?“, fragte Nick und nahm wieder etwas Abstand.
      „Die Wahrheit“, erwiderte der Sammler ernst, „die ich dir als Friedensangebot anbiete.“
      Sein Gegenüber musste nicht lange überlegen. „Ich verzichte.“
      Der großgewachsene junge Mann erinnerte sich nur zu gut daran, was dasselbe Angebot Anya einst angetan hatte. Es hatte sie in ihre missliche Lage gebracht! Nie im Leben würde er auf denselben Trick hereinfallen!
      „Wie du willst“, meinte der Sammler routiniert und ließ den Arm sinken, „es steht dir frei, deine eigenen Gedanken zu hegen. Solange sie sich darum drehen, Anya Bauer zu helfen.“
      „Ich hab 'ne andere Idee. Duellieren wir uns doch genau darum.“ Nick leckte sich demonstrativ über die Lippen. „Ich bin richtig heiß drauf, weißt du?“
      Und er Sammler lachte erneut. „Du denkst, du bist zu dem imstande, das nicht einmal ein Undying vollbracht hat? Obwohl er über Mittel verfügte, um mich zu kitzeln? Im Gegensatz zu dir. Welche Hoffnung könntest du dann hegen?“
      Als Antwort fuhr Nick sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. Zeigte ihm, dass sie genau -da- lag.
      „Wenn das deine Hoffnung ist, sage ich dir eins“, hauchte der Sammler und trat näher an Nick heran, „sie ist nichts. Der Ausgang wäre derselbe.“
      „Ich werde meine Schwester aus deinen Klauen befreien!“, schwor Nick zornig, ließ dabei die Hand sinken.
      „Das wirst du, in der Tat. Und wo wir schon dabei sind“, erwiderte der Sammler und streckte sich hoch zu seinem Gegenüber, um ihm ins Ohr zu flüstern: „wir wissen doch beide, dass sie nicht einfach -nur- deine Schwester ist.“

      Derart erschrocken von dieser Aussage, wich Nick zurück und stolperte dabei. In seinem Fall sah er den Sammler entgeistert an, landete auf dem Ellbogen.
      Es dauerte einen Moment, ehe er ein Wort herausbekam. „Was soll das heißen!?“
      „Die Antwort ist genau hier“, erwiderte der Sammler und legte seinen rechten Zeigefinger an die Schläfe. „Aber wie dem auch sei, ich habe leider nicht die Muße, unsere Konversation noch lange aufrecht zu erhalten.“
      Er griff in die Innentasche seines Sakkos und warf Nick einen einzelnen, weißen Handschuh mit goldenen Nähten darin vor die Füße. „Meine Forderung ist simpel. Setze fort, was sie angefangen hat. Dann bekommst du sie zurück.“
      Hastig rappelte sich Nick wieder auf und trat demonstrativ auf das 'Geschenk'. Der Sammler sah auf den schwarzen Schuh missbilligend herab. „Nun sieh was du getan hast. Jetzt ist er schmutzig.“
      Er blickte auf. „Man könnte auch sagen, du trittst damit das Leben deiner eigenen Schwester.“
      Nick schwieg.
      „Vielleicht sollte ich dir erklären, was sie erwartet, wenn sie sich auf die Undying verlässt“, sprach er und lächelte besonnen, als Nick überrascht die Augen weitete, „oh ja, deine Schwester hat das eiskalte Herz der Undying zum Schmelzen gebracht. Ihr Anführer liegt ihr praktisch zu Füßen.“
      „Auch wenn ich diese Frage bereuen werde: Was haben sie vor?“
      Der Sammler schnalzte mit der Zunge, drehte sich um und trat an die Fenster heran. „Oh Nick, das Grausamste, was man einem unabhängigen Mädchen wie Anya antun könnte. Sie wollen ihr einen neuen, völlig ungetesteten Körper zur Verfügung stellen. Einen Homunkulus.“

      Jener Begriff war Nick kein Unbekannter. Alexandra hatte bereits einmal darüber gesprochen, als Nick sie gefragt hatte, wie man Anya retten könnte. Es handelte sich um einen künstlich erschaffenen Mensch ohne Seele, der als Gefäß dienen sollte. Etliche 'Zauberer', 'Hexen' und weiß der Geier was noch hatten sich in den letzten Jahrhunderten daran versucht, aber die wenigsten Homunkuli hielten länger als ein paar Monate. Niemand konnte sich erklären warum.

      „Anhand deines Blicks sehe ich, dass du verstehst. Du wirst zugeben müssen, dass das keine nennenswerte Alternative zu meinem Vorschlag ist“, meinte der Sammler mit fester Stimme, „obschon selbst ich neugierig bin, wie ein Homunkulus der Undying funktioniert. Solltest du meinen Vorschlag ablehnen, werden wir es vielleicht bald wissen – dann kannst du mir davon berichten. Du musst wissen, ich liebe gute Geschichten.“
      „Wovon redest du!?“ Nick war beinahe sprachlos. „Denkst du, ich gebe etwas auf dein Wort!?“
      „Nein, tust du nicht.“
      „Dann kennst du meine Antwort!“
      Er nahm einen schnellen Schritt auf den Sammler zu. Noch während der nachfolgenden Bewegung konnte Nick in dessen Augen etwas erkennen, mit dem er nicht gerechnet hatte. Verwirrung. Doch seine Lippen waren bereits in Bewegung, genau wie seine Hände.
      „Ich werde Anya selbst retten!“
      Damit stieß er den Collector von sich. Es schepperte. Das Glas zerbarst unter der Last des Dämons, der mit weit aufgerissenen Augen in die Tiefe fiel.
      „Bis bald. Und ruf nächstes Mal an, bevor du kommst“, zischte Nick hinterher, der von dem sanften Wind erfasst wurde, der die Nacht begleitete. Dann drehte er sich um.

      Zielstrebig steuerte er auf seinen Schreibtisch zu, besser gesagt daran vorbei zu der Garderobe dahinter, an der sein schwarzer Mantel hing. Er nahm sein altes, an einigen Stellen am Gehäuse verätztes Handy hervor und wählte eine Nummer.
      Als er sich den Apparat ans Ohr legte, atmete er tief durch und fuhr sich über die Stirn.
      „Geh ran!“, forderte er nervös, nachdem mehrere Male das Freizeichen ertönte.
      Dann hörte er eine verschlafene, sanfte Stimme. „H-hallo …?“
      „Abby! Du wirst mir nicht glauben, was gerade passiert ist.“
      „N-Nick. Hast du eine Ahnung wie spät es hier in London ist? Ich wollte noch etwas ausschlafen.“
      „Nein, sorry, tut mir leid“, stammelte er unbeholfen und drehte sich zum kaputten Fenster um, „es ist nur … der Sammler war hier.“
      Er hörte, wie Abby leise aufschreckte und nun völlig wach klang. „Wie bitte!?“
      In kurzen Sätzen erklärte er ihr, was bei dem kleinen 'Besuch' vorgefallen war.
      „Abby“, Nick sog tief Luft ein. „wenn es dir nicht zu viel ausmacht, komm bitte zurück nach Livington und behalte sie im Auge. Ich weiß, es ist viel verlangt, aber-“
      „N-Nick, selbstverständlich, aber was ist mit dir?“
      „Ich werde eine Weile fort sein. Nicht lange, versprochen. Aber es muss sein.“
      Abbys Stimme klang belegt. „Was hast du vor?“
      „Das kann ich dir nicht sagen.“

      Bevor er sich bei ihr dafür jedoch entschuldigen konnte, wurde die Tür zu seinem Büro weit aufgerissen.
      „Nick, was ist passiert!?“
      Aiden kam hereingestürmt und sah Nick aufgelöst an. Und es gehörte viel dazu, den brünetten Mit-Dreißiger in einen derart panischen Zustand zu versetzen. Eine Kunst, die nur Nick jemals wirklich gemeistert hatte, was ebenjenem in diesem Moment wieder bewusst wurde.
      „Ich muss auflegen. Gute Nacht und entschuldige die Störung“, nuschelte er in den Hörer und tat, was er ihr angekündigt hat.

      Das alte Handy in die Hosentasche steckend, lächelte er seinen Ex-Freund zuckersüß und bitterböse zugleich an. „Nichts, Daddy.“
      Aiden streckte die Hand aufgeregt zur Seite aus, auf das zersplitterte Fenster gerichtet. „Was ist das!?“
      „Ich wollte … umdekorieren“, mimte Nick bewusst unglaubwürdig den Unschuldigen. „Etwas mehr frische Luft-!“
      „Was hast du getan!? Ich hab dich schreien hören! Mit wem hast du da gestritten!?“
      Die Augen rollend, gestand Nick schmollend: „Na gut … du hast mich erwischt.“
      Aiden näherte sich dem jungen, zerzausten Mann im weißen Hemd, packte ihn an den Oberarmen und fragte eindringlich: „Was hast du getan?“
      Nick, der es regelrecht genoss, seinen Boss so angespannt zu sehen, lächelte künstlich. „Als ich umdekorieren sagte, meinte ich eigentlich deine Belegschaft.“
      Wäre es nicht so dunkel, hätte Nick schwören können zu sehen, wie die Farbe aus dem Gesicht des CEOs von Micron Electronics wich.
      Er nickte verspielt zum Fenster. „Ich hab bei deiner PA angefangen.“
      Fassungslos ließ Aiden ihn los und trat mit aufgerissenen Augen zurück.
      „Was? Oh!“ Nick klatschte in die Hände. „Ich weiß! Wie unhöflich von mir. Du als CEO hättest bestimmt gerne den Vortritt gehabt.“
      Jetzt war er es, der seine Hand zum Fenster streckte. „Aber bitte. Es sind noch genug heile Fenster übrig.“
      Während er das noch mit einem Wimpernklimpern unterlegte, würgte Aiden hervor: „Das ist nicht witzig, Nick!“
      „Ich finde schon“, erwiderte der im einem 180 Grad-Wandel eisig, „kümmere dich um deine Angelegenheiten, Aiden. Du kannst mich gerne entlassen, wenn dich meine Allüren stören.“

      Ohne auf dieses Angebot einzugehen, schritt, nein eilte Aiden herüber zur Fensterfront und starrte die dutzenden Stockwerke hinab auf die Straße. Es war fast völlig dunkel geworden, das Licht der Straßenlaternen da unten warf seinen grellen Schein auf den tristen Asphalt.
      Einen Moment lang geschah gar nichts. Als Aiden dann wieder aufsah und sich an Nick wandte, stellte er seine Frage leise. Zu leise. „Was hast du bloß getan, Nick?“
      Und in diesem Moment war diesem plötzlich überhaupt nicht mehr nach Spaßen zumute.

      Du solltest an deinen Manieren arbeiten, Nick Harper. Ich lasse dir die Wahl. Vollende, was deine Schwester angefangen hat, oder lebe mit den Konsequenzen.

      Ein eiskalter Schauder lief ihm über den Rücken. Er trat neben Aiden und sah die junge Frau dort unten liegen, in blutverschmierter, weißer Bluse und dunklem Rock, wie sie mit seltsam verdrehten Gliedmaßen auf dem Bauch lag.

      ~-~-~


      Nick ballte eine Faust. Er würde den Sammler dafür töten, eigenhändig. Aber bis er dazu in der Lage war, könnte Anyas Zeit bereits abgelaufen sein. Bis dahin musste er gehorchen, ob er wollte oder nicht.

      „Du bist wahnsinnig“, sagte Valerie und bewegte ihre Hand Richtung Deck, „aber wenn du denkst, dass ich Angst vor dir habe, täuscht du dich!“
      Sie griff nach ihrem Deck und zog schwungvoll.
      „Dein Körper spricht eine andere Sprache“, kam es von Nick zurück.
      „Aber nicht deine“, flüsterte sie fast, „ich zittere nicht vor Angst. Ich zittere vor Wut!“
      Sie betrachtete ihre beiden Handkarten und rief dann aus: „Von meiner Hand der Zauber [Salvage], mit dem ich zwei Wasser-Monster mit maximal 1500 Angriffspunkten von meinem Friedhof berge! [Gishki Vision] und [Gishki Shadow]!“
      Jene schoben sich aus ihrer ebenfalls brandneuen, hellblauen Duel Disk. Als sie nach ihnen griff, holte sich gleich noch zwei weitere Karten hervor. „Ferner mische ich [Gishki Aquamirror] in mein Deck zurück, um ein Ritualmonster wie [Evigishki Soul Ogre] vom Friedhof zurück ins Blatt zu nehmen!“
      Besagte Ritualmagie legte sie auf ihren Kartenstapel, der sich automatisch selbst mischte. So hatte sie innerhalb eines Zuges ihr Blatt von einer auf vier Karten aufgestockt. Doch als sie die drei Monster, von denen eines blau umrandet war sowie die Zauberkarte ansah, musste sie innerlich schlucken. Damit konnte sie Nick nicht besiegen. Es wäre ihr allenfalls möglich, Soul Ogre erneut aufs Feld zu bringen, aber ohne ein Gishki-Monster in Reserve konnte sie [Wind-Up Zenmaines] nicht beseitigen. Ein Monster, das sich durch seine Overlay Units vor Zerstörung schützen und am Ende des Zuges bei so einem gescheiterten Versuch eine ihrer Karten vernichten konnte.
      „Ich bin erstaunt, dass du trotzdem weiterkämpfst“, warf ihr Nick entgegen, „nach allem, was dir widerfahren ist, hätte ich erwartet, dass du die Duel Disk an den Nagel hängst.“
      Valerie erwiderte taff: „Es wäre schön, wenn du dich aus meinen Angelegenheiten heraushalten würdest.“
      „Sag mir, Valerie, wenn es keine andere Möglichkeit gäbe, wenn dein Leben auf dem Spiel stehen würde“, redete der große, junge Mann auf sie ein, „würdest du dann betrügen?“
      „W-was?“
      „Antworte.“
      Sie sah in ihr Blatt. Plötzlich änderten sich die Bilder und Rahmenfarben ihrer Karten, mal hatte sie vier Fallen im Blatt, dann vier hochstufige, normale Monster – Karten, die sie gar nicht in ihrem Deck spielte. „W-was …?“
      „Was würdest du tun, Valerie?“, bohrte Nick nach. Er starrte sie aus seinen dunkel unterlaufenen Augen herausfordernd an. „Fair bleiben und deinem Ende entgegen sehen? Oder überleben?“
      Die Karten in ihrer Hand änderten so schnell ihre Artworks und Beschaffenheit, dass es nur noch ein Farbenmeer war, das sie da in den Händen hielt. „Ah!“
      „Jeder würde das eigene Leben vorziehen.“
      Konzentriere dich, mahnte sie sich harsch im Gedanken! Sie wusste genau, aus welchen Karten ihr Blatt bestand. Und wie sie Nicks Frage begegnen musste!
      „Ich kenne mindestens eine Person, die das nicht tut“, konterte Valerie mit weit aufgerissenen Augen und zeigte mit dem Finger herüber zu einer überraschten Anya, „sie!“
      Darauf schien ihrem Gegner nichts mehr einzufallen. Ohne in ihre Karten zu sehen, fuhr die Schwarzhaarige fort: „Selbst im Angesicht einer Psychopathin, im Angesicht der Weißen Hexe, hat Anya ihre Ehre behalten. Etwas, von dem du nur träumen kannst!“
      Sie zog die Karte ganz rechts aus ihrem Blatt. „Deine kleinen Tricks, wo auch immer du sie gelernt hast, beeindrucken mich nicht! Zauberkarte [Moray Of Greed]! Ich mische zwei Wasser-Monster von meiner Hand ins Deck und ziehe drei neue Karten!“
      Sie wählte dafür schweren Herzens [Gishki Vision] und [Evigishki Soul Ogre] aus, legte sie aufs Deck, ließ dieses durchmischen und zog dann hintereinander weg drei neue Karte. Nick verengte die Augen zu Schlitzen, was Valerie nicht entging. Er versuchte es schon wieder!
      Aber den Gefallen würde sie ihm nicht tun und erneut seiner Täuschung zum Opfer fallen. Statt ihre neuen Karten anzusehen, hielt sie jene flach nach unten und zog die ganz linke heraus. „[Gishki Shadow] kann abgeworfen werden, um mir einen Gishki-Ritualzauber vom Deck ins Blatt zu holen!“
      Nick lachte spöttisch auf. „Riskant. Solange du dein Blatt nicht kennst, kann das durchaus nach hinten losgehen.“
      Denkst du, erwiderte Valerie nur im Gedanken und grinste. Wortlos nahm sie ihr Deck aus der Halterung, fächerte es auf und pickte sich den [Gishki Photomirror] heraus.

      Derweil runzelte Anya die Stirn. „Verdammt, Redfield …“
      „Anya?“, wunderte sich Abby über deren leises Gefluche. Das nahm sie sofort zum Anlass, erneut ins Gewissen der Blonden reden zu müssen. „Kannst du denn wirklich nichts tun, um diesen sinnlosen Streit zu stoppen? Sieh dir Matt und Zanthe an, sie-!“
      Da fuhr Anya ihre Freundin an: „Herrgott, kapierst du es nicht, Masters!? Ich -kann- keine Partei ergreifen! Sie alle sind … 'gleich'.“
      Abby sah sie für einen Moment lang an. Doch anstatt etwas zu erwidern, breitete sich ein warmes Lächeln auf ihren Lippen aus. „Daher weht der Wind …“

      „Eine interessante Wahl“, kommentierte Nick Valeries Entscheidung, „aber kannst du ihn überhaupt nutzen?“
      Die Schwarzhaarige sah ihn fest an. „Selbstverständlich kann ich das. Ich habe ihn bewusst ausgewählt.“
      „Hm?“ Plötzlich weitete Nick die Augen. Nur um sie wieder zu schließen und ein seltenes, anerkennendes Lächeln zu zeigen. „Brillant, wie man es nur von jemandem deines Kalibers erwarten könnte.“
      Er öffnete seine Lider wieder und funkelte sie voller Verachtung an. „Ein Jammer nur, dass du außerhalb von Duellen nicht dieselbe Intelligenz an den Tag legst.“
      „Genug von deinem Gerede“, fauchte Valerie, „ich spiele alle vier Karten von meiner Hand gleichzeitig aus! Zuerst [Gishki Photomirror]! Mit ihm kann ich ein Gishki-Ritualmonster beschwören, indem ich statt Monster für jeden seiner Stufensterne 500 Lebenspunkte zahle!“

      [Valerie: 4000LP → 1000LP / Nick: 4000LP]


      Eine riesige Wassersäule schoss vor dem Mädchen aus dem Basketballfeld in die Höhe.
      Anya staunte nicht schlecht. „Wie zur Hölle kann sie ihre Karten kennen, wenn sie sie nicht mal angesehen hat?“
      Niemand Geringeres als ausgerechnet Claire Rosenburg antwortete. „Sie hat die Karten studiert, die in ihrem Deck verblieben sind und daraus Rückschlüsse auf ihr Blatt gezogen.“
      „Huh!?“, reckte Anya ihren Kopf zu der neben ihr stehenden Weltmeisterin.
      „Wahnsinn!“, staunte Abby begeistert. „Valerie ist wirklich etwas Besonderes. Aber wieso tut sie so etwas überhaupt? Dafür gibt es doch gar keinen Grund, oder?“
      Daraufhin fiel Anyas Augenmerk auf Nick. „Weiß nicht …“

      Valerie streckte die Hand nach vorne aus. „Erscheine, [Evigishki Mind Augus]!“
      Die Fontäne verebbte und hinterließ einen riesigen Fisch mit sechs langen Spinnenbeinen, der sein monströses Maul weit aufriss. Eine goldene Aura zog sich für einen kurzen Moment von seiner Schwanzflosse hin zu seinem Haupt. „Durch meine Ausrüstungszauberkarte [Ritual Weapon] erhält er 1500 Zusatzpunkte auf beiden Werten!“

      Evigishki Mind Augus [ATK/2500 → 4000 DEF/2000 → 3500 (6)]

      Die Schwarzhaarige erkannte es in den Augen ihres Gegenübers. Ein kurzer Anflug von Nervosität. Wäre sie jemand, der mit ihren Gegnern spielt, würde sie das auskosten. Jedoch war alles, was Valerie wollte, dass dieses Duell so schnell wie möglich endete. „Meine letzte Zauberkarte: [Riryoku]. Sie halbiert die Stärke eines deiner Monster und überträgt sie auf meines.“
      Plötzlich sackte der schwebende Roboter Zenmaioh vor Nick zusammen. Seine frei schwebende Faust fiel polternd zu Boden, während er in die Knie ging. Eine bläuliche Essenz trat aus ihm aus, die von dem Monsterfisch absorbiert wurde.

      Wind-Up Arsenal Zenmaioh [ATK/2600 → 1300 DEF/1900 {5} OLU: 0]
      Evigishki Mind Augus [ATK/4000 → 5300 DEF/3500 (6)]

      Als sie sich umdrehte, fuhr Valerie sich durch ihr Haar – ein Akt von Arroganz, wie sie in diesem Moment selber feststellen musste. Vielleicht genoss sie es ja doch ein wenig. Leise sprach sie zu ihrem Monster. „Beende es. Serenade Of The Abyss.“
      Mind Augus stieß einen seltsamen Singsang aus und krabbelte im Anschluss in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit auf den knienden Roboter zu. Nick stand mit weit aufgerissenen Augen da wie angewurzelt. Fassungslos sah er mit an, wie die riesige Bestie seine Maschine mit einem Bissen verschlang.

      [Valerie: 1000LP / Nick: 4000LP → 0LP]


      Indes lief Valerie an Zanthe vorbei, der sich unbekümmert aufgerappelt hatte. Anerkennend sagte er ihr dabei: „Gut gemacht!“
      Sie zeigte ihm grinsend einen Daumen nach oben und stellte sich vor Matt, reichte ihm die Hand. Er öffnete die Augen und lächelte: „Ich glaube, ich habe irgendwo etwas scheppern gehört. War das sein Ego?“
      Das Mädchen kicherte, als sie ihm aufhalf. „Wahrscheinlich.“

      „Interessant.“ Nick lachte leise, als die Hologramme verschwanden. „Das ist also mein Limit. Zwei von euch.“
      Als seine drei Gegner nebeneinander standen und ihn anfunkelten, sagte er: „Aber ihr habt gewonnen. Das akzeptiere ich. Ich hoffe, ihr werdet noch mithalten können, wenn euch wirklich gefährliche Gegner gegenüberstehen.“
      Matt erwiderte: „Um genau zu sein versuchen wir unser Bestes, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen.“
      Nick sah herüber zu Anya, merkte sarkastisch an: „Dann kann ich euch für eure bisherigen 'Erfolge' nur gratulieren.“
      „Lass uns endlich in Ruhe!“, forderte Valerie erzürnt. „Du bist wahnsinnig! Du bist es, der alle in Gefahr bringt! Deine Fähigkeiten sind nicht normal! Was ist dein Ziel? Willst du zu einem Dämon werden!?“
      Er sah sie scharf aus den Augenwinkeln an. „Vielleicht? Aber gut, ich will eure Spielgruppe nicht länger stören.“

      Ruhigen Schrittes verließ Nick unter den gespannten Blicken der anderen seine Position, machte sich auf in Richtung des kleinen Geräteschuppens. Dabei nahm er das Deck aus dem Schacht seiner Duel Disk. Überheblich funkelte er es an. „Und das hier … das brauche ich ebenso wenig.“
      Sprachs und warf die Karten in eine vor ihm stehende Mülltonne.
      „Nick!“, keuchte Abby entsetzt und rannte ihm entgegen, doch als er sie von der Seite auf eine Art und Weise ansah, die nur als unmenschlich beschrieben werden konnte, fror sie in ihrer Bewegung ein. „Wir sehen uns wieder, Abby. Keine Sorge.“
      Dann wandte er sich von allen ab und schnippte mit dem Finger. Neben ihm öffnete sich ein ovales, schwarzes Portal, auf das er langsam zuschritt.

      Selbst Anya hatte inzwischen das volle Ausmaß der Lage erfasst und eilte zu Abby. „Harper, bleib verdammt nochmal stehen!“
      „Du hast dich entschieden. Ich verstehe das.“
      „Nein, du Hohlbirne, du verstehst gar nichts! Ja, Summers und Redfields Plan -war- dämlich, da sind wir uns einig, aber sie haben es verdammt nochmal für mich getan! Obwohl sie allen Grund dazu hätten, mich elendig krepieren zu lassen, nach dem, was im Turm vorgefallen war.“
      Tatsächlich blieb Nick stehen. „Danke. Dass ich dir nicht egal bin. Keine Sorge, ich kümmere mich um alles.“
      „Halt ihn auf“, flüsterte Abby ihrer Freundin eindringlich zu, welche verstand, dass nur sie noch dazu imstande war.
      „Bist du dir sicher, dass du das durchziehen willst?“, fragte Anya ernst. „Was hast du die ganze Zeit getrieben, dass du auf einmal solche Pforten öffnen kannst?“
      Nick lachte leise auf. „Anders als deine Freunde bin ich nicht untätig. Ich kann dir nur den gut gemeinten Rat geben, sie zu vergessen. Sie tun dir nicht gut.“
      „Sagt mein dämonischer BFF“, murrte die Blonde grimmig und wurde finster von ihrer besten Freundin angesehen, die hektisch mit dem Kopf schüttelte. Aber Anya konnte nicht so tun, als wäre es okay, Nick derart verändert zu sehen, dass sie nicht einmal mehr wusste, wer er überhaupt war.
      „Ich werde dich aus deiner Lage befreien. Und noch dazu dafür sorgen, dass du nie wieder irgendjemandes Marionette wirst. Aber das braucht Zeit. Solange solltest du tun, was der Sammler von dir verlangt.“
      „'nen Teufel werd' ich!“ Anya stampfte wütend auf. Konnte er ihr wenigstens dabei in die Augen sehen und nicht mit dem Rücken zugekehrt in sein dämliches Portal gaffen!? „Wenn ich das tue, werden mich die Undying schneller entsorgen als ich Tina Wisemans String Tanga-“
      „-und du kennst den Rest“, kürzte Abby den Ausflug in Anyas glorreiche Vergangenheit ab und stierte ihre Freundin mit ihrem bring-das-jetzt-sofort-in-Ordnung-Blick an. Die zuckte rechtfertigend mit den Schultern.
      Seufzend erklärte sie: „Die Undying sind vielleicht die Einzigen, die mir helfen können. Mach das nicht kaputt, Harper. Bitte.“
      „Ah. Weil du gerade 'kaputt' erwähnst“, sprach Nick und drehte sich tatsächlich zu Anya um. Er griff in die Innenseite seines Mantels und zog daraus eine Zeitung hervor, die er jedoch erstaunlich weit vor Matts Füße warf. Jener starrte irritiert auf die Schlagzeile herab. „Deine Freunde sind nicht einmal auf dem aktuellen Stand der Dinge. Du solltest wirklich überdenken, den Undying zu vertrauen.“

      Anya drehte sich zu Matt um, der gerade die Zeitung aufhob. Und als er las, begann seine Hand immer mehr zu zittern, bis sie ihm aus der Hand fiel.
      Irritiert fragte sie: „Was ist? Was steht da?“
      „Das soll er dir selbst erklären. Ich hoffe, dass du danach erkennst, woran du bist.“ Nick drehte sich wieder um. „Ich werde dich immer unterstützen, das weißt du.“
      Und mit diesen Worten trat er durch das schwarze Portal, das sich sofort nach ihm schloss. Abby stand mit offenem Mund da und schritt langsam zur Mülltonne.
      „Summers, was ist?“, wollte Anya mit Nachdruck wissen.
      Erst als Zanthe neben den Dämonenjäger trat und für ihn das Schriftstück auflas, konnte Matt sich bewegen. In seinem Gesicht stand unendlicher Schrecken. „San Augustino … das Waisenhaus, es ist …“
      „Verdammter Mist“, fluchte Zanthe und hielt die Zeitung hoch, damit Anya das Bild selbst sehen konnte – ein großes Haus, vollkommen in sich zusammengestürzt. Der Werwolf sagte: „Anya, das ist über einen Monat her!“
      Sofort eilte die Blonde zu ihren beiden Freunden auf dem Basketballfeld und riss dem Kopftuchträger die Zeitung aus der Hand, um sich selbst davon zu überzeugen. Und wie sie las, weitete sie ihre Augen. „Shit!“

      Abby, die nur mit einem Ohr hingehört hatte, nahm die Karten aus der Mülltonne und führte sie zusammen. Seufzend dachte sie daran, dass Nick sich damit wohl endgültig von seiner alten Persönlichkeit getrennt hatte. Was bewegte ihn bloß dazu, solch gefährliche Pfade zu bestreiten?
      Bei der letzten Karte, die sie aufnahm, erschrak sie. Es war [Evilswarm Ouroboros], von dem sie eine unglaubliche, dunkle Präsenz ausgehen spürte. Panisch drehte sie sich zu Matt um, der in diesem Moment schrie: „Wir müssen sofort zurück! Alastair, Alector, die Kinder! D-die schreiben … die schreiben … aber das kann nicht sein! Sie würden doch nicht …“
      „Nur eine Zahl von Opfern wird erwähnt, nicht wie viele davon Kinder und Erwachsene sind. Gasexplosion als Ursache. Hmm. Weißt du, wie viele ihr wart, als-“
      Aber auf Zanthes leise Frage hin schüttelte Matt nur mit tränennassem Gesicht den Kopf.
      „Scheiße“, fluchte Anya leise, „wer hat das getan? 'kay, wir schnappen uns den nächsten Zug, jetzt sofort. Vielleicht gibt es Überlebende, vielleicht war Big Al ja gar nicht anwesend, als-“
      „Halt den Mund, Anya“, fuhr Matt sie zornig an, „halt einfach den Mund!“

      -~-~-


      Tatsächlich hatte Nick sich nicht ans andere Ende der Welt teleportiert, sondern lediglich auf das Dach eines der Hochhäuser der Innenstadt. Von dort hatte man einen guten Blick auf den Basketballplatz, wenngleich Anya und ihre Freunde von dort aus nur kleine Punkte waren. Und, wenn Nick ehrlich war, waren sie für ihn sowieso nie etwas anderes gewesen.

      Er stand am Rand des Hochhauses und betrachtete die Gruppe. Neben ihn trat Alexandra heran, die wie immer ihren braunen Trenchcoat anhatte, obwohl es ein sonniger Tag war. In der Hand hielt die Blonde ein Fernglas, da Nick ihr ausdrücklich verboten hatte, in Anyas Nähe zu kommen – zu ihrem eigenen Wohl, angesichts der Deckklauaffäre.

      „Ich hätte gedacht, dass du wütender sein würdest. Dass ausgerechnet Valerie Redfield dich besiegt“, sprach sie dabei und blickte ins Fernrohr. Beiläufig berichtete sie: „Oh! Ich glaube, du hast Matt Summers richtig aus der Bahn geworfen. Er ist gerade in die Knie gesackt.“
      Nick lachte. „Du hast den Sinn des Ganzen nicht verstanden. Es ging nie darum, meine Stärke zu beweisen. Ich habe nur ein paar Dinge auf die Probe gestellt.“
      Sie sah ihn an. „Lass mich raten: Deine neuen Fähigkeiten?“
      „Unter anderem.“
      „Und?“
      Der große, zerzauste Mann schnalzte mit der Zunge. „Unterwältigend. Ich konnte nicht einmal alle drei täuschen, sondern nur Redfield. Damit brauche ich es gar nicht versuchen.“
      Die selbsternannte Schatzjägerin sah ohne Fernglas das Gebäude hinab. „Das hätte ich dir gleich sagen können. Die Conqueror's Soul absorbiert schließlich nur einen Bruchteil der Kraft deiner Opfer. So, dass du ihre Fähigkeiten benutzen kannst. Aber nicht im vollen Ausmaß. Außerdem war Loyd eine Flasche, es gibt bessere.“
      Nick sah sie aus den Augenwinkeln an. „Zum Beispiel?“
      „Du kennst ihn bereits.“
      Einen Moment lang überlegte er, dann kam die Erkenntnis. „Natürlich. Nigel McPherson. Aber auch das wird noch eine Weile warten müssen. Ich bin noch nicht bereit, mich mit jemandem seines Kalibers zu messen.“
      Neckend stieß sie ihm ihren Ellbogen gegen den Arm. „Oh? Einsicht? Von dir? Habe ich dort unten etwas verpasst?“
      „Zuerst muss ich stärker werden. Und mir ein Deck besorgen, das meinen Ansprüchen entspricht.“ Dabei packte er sie am Arm und zog sie vom Rand des Gebäudes weg, da sie jenem gefährlich nahe war. „Das ist eine Baustelle, derer ich mich in Kürze widmen werde.“

      „Und die Baustelle da unten?“, fragte sie mit einem verspielten Tonfall. Als er nichts darauf antwortete, fügte sie verstimmt hinzu: „Ich verstehe dich nicht. Willst du sie loswerden oder nicht? Worum ging es dir bei diesem Streit?“
      Es war regelrecht erstaunlich, dass er sich ihr diesbezüglich unvermittelt öffnete. „Ich wollte sehen, wie stark ihre Freundschaft mit Anya ist. Und wurde … nicht enttäuscht. Auch wenn ihnen die größte Prüfung jetzt noch bevor steht.“
      Er lachte bitter auf. „Trotzdem habe ich keine Wahl, sie ist bei Ihnen im Moment sicherer als bei mir. Für eine Weile werde ich ihnen Anya also anvertrauen. Aber wir alle wissen, dass sie bei einer Konfrontation mit dem Sammler den Kürzeren ziehen werden. Selbst mit Summers geheimen Freund …“
      „Solange du das nicht verhinderst, heißt es.“
      „Ich werde es nicht verhindern“, widersprach Nick eisig.
      „Und ich kann dir wieder nicht folgen. Wieso willst du überhaupt tun, was der Sammler verlangt?“
      Er schüttelte den Kopf. „Das wirst du noch früh genug verstehen. Ich werde Artefakte sammeln, aber nach meinen eigenen Regeln.“
      Da sie daraus immer noch nicht schlau wurde, setzte die Blonde das Fernrohr wieder an und machte einen belustigten Ausruf. „Oha! Die Brünette mit der Brille wühlt doch tatsächlich in der Mülltonne herum, um dein Deck herauszuholen. Warte mal. Ich glaube, sie hat da was entdeckt, das da nicht hingehört. Sie … sie zeigt es den anderen. Summers sieht auf und … ballt eine Faust.“
      Jetzt zeichnete sich ein kleines, böses Lächeln auf Nicks Lippen. „Sieht so aus, als hätte Abby [Evilswarm Ouroboros] gefunden. Soll sie sie ihm ruhig zurückgeben, ist ja ohnehin seine Karte.“
      „Und was wirst du jetzt tun?“
      Nick funkelte sie düster an, drehte sich dann um. „Meinen Horizont erweitern. Nicht wahr, Kyon?“

      Jener Mann lehnte an das kleine Treppenhaus am anderen Ende des Dachs. Er trug immer noch seinen schwarzen Butleranzug und eine Sonnenbrille, die von seinem langen, schwarzen Haar umrahmt war. Er nickte. „Ich denke, ich habe eine Welt gefunden, die für den Anfang genügen sollte.“


      Turn 98 – Nightmare
      Nach Nicks schrecklicher Offenbarung machen sich Anya, Matt und Zanthe auf den Weg nach San Augustino. Doch die Hoffnungen des Dämonenjägers werden zerschlagen, als er vor den Trümmern des Waisenhauses steht. In einem Anflug unbändigen Zorns stellt er sich gegen Anya, die er für alles verantwortlich macht. Und …



      Verwendete Karten


      Spoiler anzeigen
      Matt
      Evilswarm Castor
      Evilswarm Thunderbird

      Infestation Pandemic

      Evilswarm Ophion

      Zanthe

      Constellar Pollux
      Constellar Kaus

      Constellar Meteor
      Draining Shield

      Consteller Pleiades

      Valerie

      Gishki Shadow
      Gishki Vision
      Evigishki Soul Ogre
      Evigishki Mind Augus

      Gishki Aquamirror
      Gishki Photomirror
      Ritual Weapon
      Salvage
      Moray Of Greed
      D. D. Designator
      Riryoku

      Nick

      Wind-Up Magician
      Wind-Up Shark x3
      Wind-Up Dog
      Wind-Up Rat

      Zenmailfunction
      Oni-Gami Combo
      Inferno Reckless Summon
      Shard Of Greed
      Dark Hole

      Wind-Up Arsenal Zenmaioh
      Wind-Up Zenmaister
      Wind-Up Carrier Zenmaity
      Wind-Up Zenmaines


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