Wind-Up im Aufwind?!

Langsam aber sicher neigt sich das aktuelle Format dem Ende zu. Die neue Banned List steht bald an und wird ab dem 1. September gültig sein - bis dahin haben wir allerdings leider kaum noch größere Events, sodass ich es mir mit diesem Artikel schon mal erlauben will, ein vorläufiges Fazit zu ziehen.


Mit den State Open Championships auf dem Weg zu den National Championships und den erst kürzlich ausgetragenen World Championship Qualifiers (die Europa- und die Nordamerikameisterschaft sind davon wohl die wichtigsten) haben wir die prägendsten Phasen dieses Sommerformats ja auch schon hinter uns {{Es steht aber noch die erste Phase der Metropolitan Masters an - es gibt also kein Sommerloch, keine Sorge!}} - und gerade letztere Events sind natürlich der Grund für den Titel der heutigen Ausgabe von Lenas kleine Ecke, denn nachdem sie schon fast in Vergessenheit schienen, haben die Wind-Ups nun sowohl die nordamerikanische als auch die europäische Krone erringen können. Dennoch fangen wir mal ganz von vorne an.



Die neue Banned List & State Open Championships


Mit Inkrafttreten der neuen Banned List am 1. März dieses Jahres war eine Sache klar: Plant-Decks würde man vorerst mal nicht mehr wiedersehen. Durch das Verbot der beiden Empfänger-Monster Spore und Glow-Up Bulb war diesem Decktyp die Luft aus den Segeln genommen worden. Doch auch viele andere Synchro-lastige Decks wurden durch Verbote & Limitierungen geschwächt. Aufgrund der im Januar erschienenen Edition Order of Chaos waren aber bereits neue Sterne am Himmel zu entdecken (bzw. die Decks hatten sich schon etabliert): Die Inzektors und die Wind-Ups bekamen hier starken Zuwachs. So war es kein Wunder, dass diese Decks zu den Favoriten des kommenden Formats galten, neben den bereits etablierten, aber von der Liste verschont gebliebenen Dino-Rabbit- & Dark World-Decks. Ebenso galten die neuen Chaos Dragon-Decks, die dank des Dragons Collide Structure Decks spielbar wurden, als beachtenswert. Manch einer spekulierte mit einem starken starken Auftreten der Lightsworns oder hielten TeleDAD-Decks für einen chancenreichen Außenseiter, doch keines der beiden Decks konnte einen spürbaren Einfluss aufs Metagame ausüben.


So kamen wir dann zur ersten größeren Turnierserie des Jahres, den State Open Championships, die hauptsächlich im April stattfand. Die Ergebnisse, die ihr unter dem Link finden könnt, täuschen vermutlich etwas: Es sieht ein wenig so aus, als hätten Wind-Ups diese Events beinahe schon dominiert, immerhin sind sie der Rekordsieger mit mind. 6 von 16 gewonnenen Events. Gefühlt war dem aber nicht so. Ich war zwar nicht bei jedem SOC dabei oder weiß Genaueres darüber, aber nicht alle dieser Events waren von Teilnehmerzahl und -zusammensetzung her auf demselben Niveau wie beispielsweise eine YCS oder eine Deutsche Meisterschaft. Insofern spielen hier auch lokale Gegebenheiten eine größere Rolle - mutmaßlich spielten nicht allzu viele Spieler Wind-Up und deshalb hatten man sich, was Main als auch Side Deck angeht, eher auf andere Decks vorbereitet. Davon konnten die Wind-Up-Spieler dann entsprechend profitieren.

Wenn man sich die SOCs, bei denen es eine offizielle Coverage gab, betrachtet, merkt man ebenfalls, dass Wind-Up wohl eher nicht so dominant war: In manchen Top 8 waren sie gar nicht vertreten und viel gespielt wurde das Deck eigentlich auch nicht {{Wobei mit Sicherheit ein Grund dafür im hohen Preis der Karten, die man benötigt, liegt.}}. Insgesamt bekommt man beim Betrachten der Coverages den Eindruck, dass das Metagame zu jener Zeit sehr ausgeglichen war, wobei Inzektor und Chaos Dragons etwas häufiger gespielt wurden, vermutlich aufgrund der besseren Verfügbarkeit der Karten und des geringeren Preises. Mit diesen Ergebnissen kamen wir langsam, aber sicher der Deutschen Meisterschaft näher.



National Championships


Ende Mai war es dann so weit: Die 10. Deutsche Meisterschaft stand auf dem Programm. Anders als in vielen Jahrgängen zuvor war es aufgrund der Situation enorm schwer, einen Favoriten auszumachen. Man konnte es all den genannten Decks inkl. HERO-Decks zutrauen und vielleicht hätte es ja auch einen Außenseiter- oder Überraschungssieger geben können. Jedenfalls war die Zusammensetzung des Feldes ziemlich gut prognostizierbar: Sie hat, wie man in der Metagameanalyse sehen kann, recht genau dem entsprochen, was im Vorfeld erwartet werden konnte, insbesondere aufgrund der vorherigen Ergebnisse.


Im Turnierverlauf haben wir dann aber auch einige interessante Beobachtungen machen können, die sich dann auf das Resultat ausgewirkt haben. Die Top 32 Metagameanalyse zeigt, dass die Dino Rabbits eine immens starke Vorstellung hingelegt haben. Ihr Anteil hat sich gegenüber der Gesamtheit aller Teilnehmer fast vervierfacht, was ich, ohne es gerade mathematisch nachweisen zu wollen, signifikant nennen würde. Auch Chaos Dragons und Wind-Ups zeigten eine gute Performance; sie konnten ihren Anteil annähernd verdoppeln. Hingegen sah es bei Inzektor schlecht aus, der Anteil ging um gut ein Drittel zurück, und auch Dark World und HERO mussten einige Einbußen hinnehmen.


In den Top 8 glich sich das allerdings alles wieder aus: Je 2 Dino Rabbits, Wind-Ups und Chaos Dragons waren vorzufinden, zusammen mit einem HERO- und einem TG-Anti-Deck. Obwohl das Finale, bei dem es sich letztlich um ein Chaos Dragons Mirror Match handelte, dann nur noch eine Deckart beinhaltete, kann man dennoch sagen, dass die Deutsche Meisterschaft vorhersehbar endete: In den Top 8 waren die meisten der zu erwartenden Decks (nur die Inzektors hatten hier ihre Probleme) wiederzufinden.


Auch andere Nationals konnten vergleichbare Ergebnisse vorweisen und zeigten, dass wir ein ausgeglichenes Format haben, bei dem man das Siegerdeck kaum prophezeien kann. Genauso ging es dann schnurstracks auf die World Championship Qualifier (auch Kontinentalmeisterschaften genannt) zu, wodurch sich die Spieler nur schwer auf das Metagame einstellen können sollten. Aus deutscher Sicht hätte man aber sicherlich mit einem starken Auftritt der Chaos Dragons, dank ihrer Erfolge, und auch der Inzektors, die ja überall viel gespielt wurden, gerechnet. Aber es sollte anders kommen.



World Championship Qualifier


Während der erste WCQ, nämlich die Zentralamerikanische Meisterschaft, überraschend von einem Samurai-Deck gewonnen werden konnte - wobei das Metagame aber relativ ausgeglichen war, wenn man sich die Tops anschaut -, hatten die Wind-Ups den Sieg in Südamerika errungen. Auch dort war aber die Deckentscheidung der besten Spieler ziemlich ausgeglichen.


Kurze Zeit später in den USA, bei der Nordamerikanischen Meisterschaft, sah die Yu-Gi-Oh!-Welt aber schon ganz anders aus: Die Top 16 wurden total von Dino-Rabbit und Wind-Up dominiert; einzig ein Anti- sowie ein Chaos Dragon-Deck waren zu diesem Zeitpunkt noch dabei. Im Finale standen sich schließlich zwei Wind-Up-Decks gegenüber. Ich habe zwar nur wenig detaillierte Kenntnis vom amerikanischen Metagame im Vorfeld des Turniers, aber wenn man die Coverage der YCS direkt zuvor betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass das Metagame vergleichbar war mit dem europäischen zu diesem Zeitpunkt, wobei Dino Rabbit dort etwas stärker und Wind-Up etwas schwächer als in Europa schien. Insofern kann man hier schon von einer Überraschung sprechen. Mutmaßlich {{Leider fehlen Decklisten oder sonstige brauchbare Informationen zu dem Thema.}} hatte sich die Community wohl eher auf andere Decks vorbereitet und die Wind-Ups waren etwas aus dem Blickfeld geraten, sodass sie hierdurch ihre Vorteile nutzen konnten.


Schließlich stand vor gut einer Woche die Europameisterschaft an. Dass das nach den Ergebnissen der vorangegangenen Wochen und Monate ein richtig interessantes Turnier werden könnte, war abzusehen: In Europa war das Metagame sehr ausgeglichen und man musste eigentlich mit allem rechnen, doch die Amerikanische Meisterschaft eine Woche zuvor hatte ihren Schatten auf das Event geworfen. Tatsächlich ließen sich die Spieler davon beeinflussen und passten ihre Decks an oder glaubten an einen Sieg der Wind-Ups, die ja eigentlich nicht mehr so viel gerissen hatten. Trotz alldem konnten sich am Ende wieder die Wind-Ups durchsetzen und sie waren deutlich stärker in den Tops vertreten als auf der Deutschen Meisterschaft. Insgesamt finde ich dieses Ergebnis erstaunlich: Dass mehr Spieler auf die Wind-Ups vertrauen würden, war abzusehen. Aber die Spieler waren wohl besser darauf vorbereitet und dennoch konnten sich die Wind-Ups am Ende durchsetzen. Dies spricht natürlich für die Stärke des Decks, das für mich einer der Gewinner des Formats ist. Denn bereitet man sich darauf vor, so wird es für die Wind-Ups umso schwieriger, sie haben aber dennoch ihre Chancen; andererseits werden dann auch andere Decks wieder häufiger vorne gesehen, sodass man auch gegen diese gewappnet sein muss. Zurzeit sind diese Wechselwirkungen wirklich das, was das Spiel spannend macht!



Ausblick


Das Format ist noch nicht ganz zu Ende: Wie schon eingangs erwähnt, steht noch die erste Phase der Metropolitan Masters an, und natürlich wollen wir auch das Turnier des Jahres, die Weltmeisterschaft, nicht vergessen. Allerdings führen bei letzterer solche Metagamebetrachtungen eher selten zu etwas, da die WM in ihrem eigenen Format {{Jegliche Karten, die es nur im TCG bzw. nur im OCG gibt, sind nicht erlaubt. Dadurch fehlen essenzielle Karten wie Wind-Up Shark oder Tour Guide from the Underworld.}} ausgetragen wird. Da müssen sich die gut zwei Dutzend Teilnehmer dann ihre eigenen Gedanken machen. Schließlich steht dann auch schon die neue Banned List an, die ab 1. September gültig sein und mit Sicherheit das ganze Metagame wieder über den Haufen werfen wird. Wir werden sehen, wie und ob die heutigen Decks in das nächste Format hinübergebracht werden können.


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