Trends, Erfahrungen und Eindrücke gehören nicht nur zu Yugioh, sondern sind fester Bestandteil des Lebens. Beispielsweise tragen wir meist ähnliche Kleidung zur selben Trendära oder haben ähnliche Essgewohnheiten. Abgesehen von solchen Nebensächlichkeiten spielt das sich auch auf wesentlich höherem Niveau ab, vor allem in Lebensstil, Zielen, Meinungen oder wie man auch sagen würde Normen und Werten. Dieses Verhalten gehört dazu, da es eine Überlastung wäre, alle Sachen im Leben komplett selber zu entscheiden. Stattdessen können wir uns entspannt an der Außenwelt orientieren.
Dem gegenüber stünde das unabhängige und objetive Beurteilen. Es ist natürlich nicht immer richtig, sich für das instiktive Befolgen des Trends zu entscheiden. Es gibt dementsprechend verschiedene Probleme, zum Beispiel die Medien teilweise, Propaganda, Werbung, irrsinnige politische Bewegungen oder kurzgefasst so ziemlich alles, was mit Manipulation zu tun hat. Auch bei Yugioh ist das Trend- oder "Eindrucksdenken" eher fehl am Platz, sowohl für den persönlichen Erfolg als auch rein theoretisch für die Community. Dieser Artikel soll das an einigen Aspekten aufzeigen.
Wir alle kennen den bedeutenden Einfluss von Toplisten. Will man sich schnell und unkompliziert ein Metadeck bauen, das einem gefällt, bieten sich die Toplisten zum netdecken direkt an. Sie sind der Trendsetter Nummer 1 in Yugioh. Schließlich waren das ja die erfolgreichsten Decklisten des gesamten Events, was will man also noch dabei falsch machen? Platzierungen sind für uns erfahrungsgemäß etwas Authentisches, daher möchte man auch oft sagen, dass bspw. die Top8 die 8 besten Spieler des Events stellen. Ist das aber so?

Im Leistungssport kann man hochehrgeizig schwimmen trainieren und sich dadurch garantierten Erfolg bei Schwimmturnieren versprechen. Und wenn ich der beste Schwimmer bin, dann werde ich auch gewinnen. Punkt. Sowas kommt meiner Meinung Turnierrängen gerecht und dort machen sie auch tatsächlichen Sinn. Nicht so in heutigem Yugioh, wo neben unserem Können auch die zufälligen Match-Ups, unsere Gegner und allen voran unsere zufälligen Starthände stehen, die nicht selten das Spiel zu 90% entscheiden. Man kann heutzutage der beste Spieler in der ganzen Halle sein, droppt aber 0:2, während Leute, deren Skill im Vergleich äußerst gering ist, die Tops erreichen. Nicht, dass es sonderlich wahrscheinlich wäre. Heutiges Yugioh und die Turniere aber sind voll von solchen Widersprüchen, einfach weil es nicht mehr so viel heißt, das bessere Deck zu haben und besser zu spielen. Die Top-Spieler eines Events sind also nicht nur diejenigen mit den besten Siegesraten, sondern sind nunmal auch das Ergebnis aus all den widersprüchlichen Spielen der Vorrunden, und wie viele es da gab, ist natürlich unmöglich abzuschätzen.
Die Toplisten bilden also nicht die besten Decks ab, sondern nur ein äußerst verzerrtes Bild davon. Bei schon halbwegs etablierteren Formaten jedoch existiert der grosse Trend bereits und es gibt sowieso für jedes Metadeck einen fast vordefinierten Aufbau. Abgesehen von Toplisten also ist es für viele Spieler ein hinreichendes Argument, dass dieses und jenes Deck auf bestimmte Art und Weise von "allen" gespielt wird. Wenn alle es machen, muss es ja das Optimum sein, so die Annahme. Diese Denkweise scheitert bereits an der Tatsache, dass Trends sich ändern. Es gibt immer Phasen in Formaten, in denen die Decks unterschiedlich gespielt, aufgebaut und getecht sind.
Ja, sogar komplett neue Decks können plötzlich ins Meta finden. So kam das Chaos Dragon Deck 2012 nach Monaten ins Meta und hielt sich dort, obwohl man es schon früher hätte spielen können. Heißt das jetzt, Chaos Dragon war unspielbar und bekam einen unsichtbaren Push, warum auch immer? Natürlich nicht. Das Deck war immer noch keinem alten Metadeck überlegen, das ist aber nur meine Meinung. Da wir nun diesen regelmäßigen Trendwechsel festgestellt haben, gibt es also mehrere Arten, "wie es alle spielen" und demnach kann es nicht nur ein Optimum geben, sondern mehrere. Dies ist ein klarer Widerspruch und beweist, dass das jeweils aktuelle Meta NICHT das Optimum darstellt. Popularität ist mit Richtigkeit nicht gleichzusetzen, doch viele Spieler vergessen das und tun genau das.
Schließlich gehen wir noch einen Schritt weiter und gehen davon aus, das Meta wäre tatsächlich das Optimum. Lohnt es sich dann endlich mal, chillig eine Topliste zu netdecken und zu spielen? Meiner Meinung nichtmal unter diesem Vorwand. In Yugioh hängt die Spielbarkeit und Erfolgschance meines Decks nämlich nicht nur von sich selbst ab, sondern auch von den Restdecks. Es gibt logischerweise auch Techs und ein Sidedeck, und bei diesen trendbegründeten Decks sind diese gegenseitig aufeinander abgestimmt. Diese Decks bilden zwar das Meta, aber auch eine Art öffentliche Zielscheibe: jeder weiß, was da gespielt wird und gesidet wird, dementsprechend ist man darauf auch bestens vorbereitet. Mit Netdecking macht man daher nichts anderes, als sich zentral in diese öffentliche Zielscheibe zu stellen. Will man also möglichst nah ans Optimum gelangen, bringt einem das Trenddenken wenig. Man hat das Meta, den Trend, gegeben und sollte auf dieser Grundlage selber sein Deck aufbauen, gezielt darauf abgestimmt. Es muss nicht gleich ein Nicht-Meta-Deck sein, insbesondere heute werden diese sowieso immer chancenloser. Am naheliegendsten ist es daher, ein Metadeck selbst aufzubauen und selbst zu techen. Am Ende sollte man bei jeder Karte wissen, warum man genau sie spielt (treffender und realistischer Grund!) und keine andere Karte stattdessen. Hat man das mal geschafft, ohne eine Spur von Trendmanipulation, ist das schonmal eine Weiterentwicklung.
Wenn es um die Vorbereitung auf grösßere Turniere geht, schwören so gut wie alle Spieler auf das Testen. Auch das Testen, auf ähnliche Weise wie Turnierergebnisse, kann gefährlich sein und einen zu irrsinnigen Deckbau-Entscheidungen verleiten. Ein Match-Up zweier Decks (darauf beschränke ich mich zunächst) ist nicht vollkommen greifbar, da es zu komplex ist. Allein die Anzahl verschiedener Starthandgegenüberstellungen bei zwei 40-Karten-Decks beträgt mehr als eine Billiarde, nachgezogene Karten gar nicht miteinberechnet. Es dürfte damit klar sein, dass die Anzahl verschiedener Outcomes immens ist. Machen wir also 5 Duelle, sind das nur quasi 5 Kugeln aus einer gigantischen Urne an Möglichkeiten. Auch wenn ich 5:0 gewinne, sagt es in dem Sinne absolut nichts aus. Wieviele Testspiele in einem Match-Up sind also repräsentativ? 20? Oder nicht mal 100? Man kann sich wohl streiten. Trotz meiner ganzen Schwarzmalerei kommt man ums Testen nicht herum, vor allem um sein eigenes Deck spielen zu lernen und die anderen Decks drumherum kennenzulernen, auch wie man dagegen am besten spielt. Das tatsächliche Match-Up aber, also wie hoch die Siegeschancen für welches Deck stehen, ist viel schwerer zu sagen.

Um solche Fragen besser zu beantworten oder auch, um vom Testen auf nötige Deckänderungen zu schließen, ist Theorie notwendig. Viele Spieler betreiben kein wirkliches Testen, sondern Spielen nur vor sich hin. Sie benennen lediglich das Wort "spielen" um in den neuen Ausdruck "testen für Event X", mehr nicht. Wenn aber kein Spiel rekapituliert wird und nur Spiel für Spiel ausgeführt wird, kann man davon wenig lernen. Ich verurteile das in keinster Weise, denn Yugioh ist auch für unseren Spaß da, aber dann ist es auch sinnlos, mit hohen Erwartungen auf das Event zu gehen nach all dem "Testen". Leitfragen nach jedem verlorenen Spiel könnten zum Beispiel sein: Wie war überhaupt seine und meine Starthand (Durchschnittshände sollte man unbedingt kennen)? Hätte ich gewinnen können, wenn ich anders gespielt hätte? Bekomme ich nur komische OTKs oder ist mein Deck strikt unterlegen? Gibt es Karten, die ich kaum brauche? Oder welche, mit denen das Match-Up überhaupt kein Problem mehr wäre? Man könnte noch lange weitermachen. Wichtig bei all dem sind natürlich auch Wahrscheinlichkeiten. Lässt man das alles außen vor, liefert man sich mehr oder weniger dem eigenen zufälligen Eindruck aus und ändert spontan das, wonach einem ist, z. B. was man in den meisten verlorenen Spielen zufällig gebraucht hätte, unabhängig davon, ob diese verlorenen Spiele überhaupt die tatsächlichen Probleme des Match-Ups repräsentieren.

Aus meiner eigenen Vergangenheit kenne ich ein verlorenes Turniermatch gegen ein Tech-Genus-Deck mit dem eigenen Wind-Up-Deck. Dies hatte noch alles, z.B. Wind-Up Hunter und 3x Wind-Up Carrier Zenmaity. Damit war es dem Tech-Genus-Deck in so gut wie allen Punkten überlegen und konnte sogar fast genauso viele Fallen spielen. Trotzdem verlor ich 2 Spiele in dem Match. In beiden Spielen hatte er Skill Drain, das mich am Spielen hinderte, und ich zog weder Heavy Storm, noch Mystical Space Typhoon oder Royal Decree. Dabei ist die Chance äußerst gering, dass das Floodgate aus nur 3 gezogen wird und bei mir gleichzeitig kein Out aus 6 dabei ist. Zur Folge dieses Matches integrierte ich das 3. Royal Decree ins Side Deck. Schnell aber wurde ich von Freunden wieder überzeugt, dies wieder rückgängig zu machen. Insbesondere war Royal Decree kein gutes Side gegen relevante (Meta)decks ausser vielleicht Dino Rabbit, dort aber niemals 3x. Ich wurde damals einfach nur im wörtlichsten Sinne des Wortes von meinem zufälligen Eindruck beeindruckt und wurde zu einer irrsinnigen Entscheidung verleitet. Dieses Problem ist heute immer noch alltäglich und behindert einen guten Deckbau. Was man also tatsächlich als dem Testen würdig bezeichnen will, sollte man vorsichtig entscheiden. Turnierspiele haben zwar die richtige Atmosphäre, lassen aber kaum Raum für das Rekapitulieren von Spielen. Zudem beeindrucken sie einen viel mehr als Funspiele, da sie einen Stand und folglich eine Platzierung zur Folge haben. In der Praxis jedoch unterscheiden sie sich von "Funspielen" gar nicht, und das ist oft irritierend. Sich dem zufälligen Eindruck zu widersetzen und sein Deck und potentielle Änderungen stets nüchtern zu betrachten, ist ein wichtiger Schritt zu besserem Deckbau. Durch das Verlieren wird mein Deck nicht schlechter, als es war. Es wird auch nicht besser, wenn wir mal öfter in Folge gewinnen. In unseren Köpfen spielt sich sowas aber zu gerne ab.

Spieler, die schon länger dabei sind, kennen das Problem der community-internen (Schein-)Hierarchien, die je nach Spieler etwas mehr oder etwas weniger im Kopf verankert sind. So gibt es z.B. die "Vollnoobs", die "Casuals", die "Progamer" und Zwischenstufen. Wie bereits in diesem Artikel festgestellt, sind Erfolge bzw Tops in Yugioh nichts Authentisches mehr, im Gegensatz zu beispielsweise Leistungssportarten, sondern liefern oft nur einen heimtückischen Eindruck. Das Bild von Tops und deren Wert ist jedoch immer noch in den Köpfen vieler Spieler äußerst authentisch, und daher rührt dieses Problem meiner Meinung. Tops alleine beweisen fast nichts zunächst, so kann man z.B. mit Freunden heute auf ein Turnier fahren und nur einer toppt. Solange er ein spielbares Deck in der Hand hält, kann das aber auch sehr gut der schwächste Spieler aus der Gruppe sein. Ich kenne Leute, die (in Yugioh zumindest) einen brachialen Charakterwechsel durchgemacht haben, seitdem sie auch nur ein einziges Mal ein größeres Turnier getoppt haben. Von außen gesehen sind das immer noch die mehr oder weniger Casual-Spieler mit ihrer alten Gruppe. Teilweise lassen sich jedoch solche Leute, die inzwischen Next Level erreicht haben (Ironie off), nichts mehr sagen, nehmen keine Krititk mehr von "Non-Toppern" wahr und können sich mehr als je zuvor über verlorene Spiele aufregen. Solche Charakterwandel sind für die Weiterentwicklung äußerst schädlich und sorgen sogar obendrein eher für ein Stagnieren des eigenen Könnens. Meiner Meinung kann man sich problemlos selbst einschätzen unabhängig von zufälligen Tops, und wer das nicht kann und nur stur seine Tops aufsagen kann zur Profilierung, der hat noch einen weiten Weg vor sich. Als ich vor ein bis zwei Jahren kurzzeitig in einem amerikanischen Forum unterwegs war, traf ich sogar tatsächlich auf Spieler, die in Diskussionen die Anzahl ihrer Tops als Hauptargument benutzten. Auch Non-Topper hatten diskussionstechnisch kaum etwas zu bieten, vor allem aber die Worte ihres toppenden "Senpais" nachzuäffen. Es mag traurig sein, solch ein Niveau zu erleben, aber letztendlich liegt das alles nur daran, dass wir Tops viel zu ernst nehmen. Eine etwas nüchternere und objektivere Sicht der Spieler würde viele Konflikte lösen, die Atmosphäre in der Community lockern und das ständige Herabschauen eindämmen.
Wenn ich etwas aus Yugioh für das Real Life gelernt haben sollte über die Jahre hinweg, dann definitiv das, worüber dieser Artikel handelt. Trends und heimtückische Eindrücke suchen uns auch im RL heim. So sind wir in irgendeiner Kultur geboren, lernen irgendwelche Leute kennen und erhalten dadurch zufällig Wertvorstellungen und Meinungen. Ich denke keiner von uns möchte Zombie der zufälligen Gegebenheiten sein. Wir leben in einer halbwegs freien Gesellschaft und können uns durch objektives Denken dort etwas rausbewegen. Ich lehne beispielsweise Alkohol ab. Damit will ich nicht gegen Alkoholkonsum aufrufen, denn es sollte immer noch jedermanns eigene Meinung sein. Viele aber haben kein Argument dafür, dass sie Alkohol trinken, ausser dass es unsere Kultur ist bzw es "alle" machen. Dies reicht aber nicht, denn wenn wir blind der Kultur folgen, sind wir ja gerade "Kulturzombies" und es würde sich nie wieder etwas auf der Welt ändern. Einige Kulturen sind einfach nur sinnlos und destruktiv, halten sich aber auch genau aus dem Grund, dass sie Kultur sind. Das wären z.B. uralte religiöse Bräuche in Entwicklungsländern. Man sollte sich bei möglichst allem, was man macht, irgendwann mal die Frage gestellt haben, warum man dies überhaupt macht, ob es wirklich nötig ist oder es tatsächlich sinnlos ist und man es nur aus Trendgründen macht.