Entwicklung - wirklich vorteilhaft?

Am Samstag fand in Würzburg mal wieder ein kleines, unsanktioniertes Turnier statt. Ihr müsst wissen - in unsrer Stadt war Yu-Gi-Oh!-technisch noch nie so wirklich viel los (wenn man von der mit über 700 Spielern doch gut bestückten Pharaoh Tour 2005 absieht). Lediglich trafen sich hier in einem kleinen Second-Hand-Laden, dem "Lubeanies" am Sanderring, einst die größten Persönlichkeiten, um sich hier über das beliebte Hobby auszutauschen.

Auf diese Weise lernte ich 2004/05 auch soulwarrior kennen (der studierte damals noch in Würzburg), dem ich meinen Yata-Garasu 1st gegen einen Yata-Garasu unfirst und Creature Swap (damals noch seltene UR) gegeben hatte und damit automatisch den Weg zu meiner Judge-Karriere geebnet habe. Auch Michel Grüner, der bekanntlich 2006 Deutscher Meister wurde und 2005 bereits in den Top 16 der Meisterschaft zu finden war, war dort eigentlich immer für ein Spiel zu haben.

Da die Aktivität im "Lubeanies" allerdings nie zureichend für Qualifikationsturniere oder Ähnliches gewesen war, zogen wir nach und nach allmählich durch Franken, spielten so des öfteren in Nürnberg auf Turnieren mit und so brach unser Kontakt zum ehemaligen Stammladen (wo wir so ziemlich jeden Nachmittag verbracht hatten) ab.


Als ich letzte Woche mal wieder eine Straßenbahn verpasst hatte und ohnehin mal nach neuen Karten aus Crimson Crisis Ausschau halten wollte, verstieß es mich nach langer Zeit mal wieder in den Laden, wo ich auf ein Turnierchen am Samstag aufmerksam gemacht wurde. "Trifft sich gut, müsste mein Deck sowieso mal auf Turniertauglichkeit testen - und CRMS-Booster abgreifen ist eh immer gut...", dachte ich mir, und so traf auch ich am Samstag im "Lubeanies" ein.

Und ich war tatsächlich nicht der Einzige - mich traf fast der Schlag: Tatsächlich hatten sich 20 Kiddies und (mit mir) 4 "ältere" Spieler versammelt. In einem Laden, der für 10-12 Spieler eingerichtet ist. Also spielte die Hälfte an improvisierten Tischen oder eben ganz am Fußboden des Second Hand Ladens. Der Schiedsrichter, einigen von euch eventuell unter dem eTCG-Pseudonym "hundekuchen" - oder neuerdings "Marcel Reich-Ranicki" - bekannt, wies höchste Professionalität auf, denn seine Turniersoftware war nicht MANTIS, die sich eventuell für sowas angeboten hätte (mit temporären UDE-Nummern eben), sondern "Liniertes Blockblatt mit Kugelschreiber". Denn eigentlich hatte niemand mit einem solchen Andrang gerechnet.

Obwohl es hin und wieder (und vor allem beim Cut auf die Top 8 nach 4 Vorrunden) Probleme mit Paarungen und der Frage "Wer von den 11 Leuten kommt nun weiter? Macht mal ein Stechen!" gegeben hat, lief das Turnier grundsätzlich ganz flüssig ab - nur eben alles andere als professionell.


Und außer uns "Älteren" konnte sich auch niemand so recht darüber beschweren - die Kiddies fanden das Turnier toll. Sie wissen eben nicht, wie weit entwickelt die heutige Turnierszene eigentlich ist. Das, was ihr Spieler heute für selbstverständlich erachtet, hat es vor einiger Zeit nur eingeschränkt oder sogar überhaupt nicht gegeben und diese Entwicklung von der einst beiläufig betrachteten Turnierszene zur kompetitiven Profi-Szene hat uns alle hier geprägt.

Spätestens dann, sobald man - frisch im Forum angemeldet - sein Deck postet und erstmal gesagt bekommt, dass ca. 17 Karten verboten und 2 Stück halblimitiert sind und das Deck technisch unspielbar ist, wird man diesen Entwicklungssprung feststellen und sich an der Profi-Szene orientieren.


Dass eine solche Entwicklung natürlich Vor- und Nachteile hat, möchte ich heute in Anlehnung an Alan Darkworlds Artikel erklären.



Probleme der Entwicklung

Wer einst das Starter Deck Kaiba als erstes Deck gekauft und mit dem Blue-Eyes White Dragon herumgerockt hat, ist heute - eben wie der Anime-Charakter - arrogant und gierig, will wo es nur geht plus machen und versucht, falls möglich, jede Niederlage abzuwenden.

Und da Kaiba eben als einziger Duellant den mächtigen Crush Card Virus besitzt, kommen die anderen üblicherweise auch nicht gegen ihn an. Nicht der Control-Freak Yugi, nicht der Möchtegern Joey und Pegasus gewinnt auch nur, weil er cheatet.

Kaiba ist deswegen so stark, weil er eben viel Geld und daher teure Karten wie Crush hat. Da Gewinnen eine tolle Sache ist, müssen ihm alle anderen das Deck so weit wie nur möglich nachbauen, während Kaiba die stärksten Karten zu unmenschlichen Preisen vermarktet und fleißig plus macht.



So lächerlich sich dieser Auszug aus der 2. Staffel (eigentlich die 1. Staffel, aber vor dieser wurde in Asien noch eine andere Staffel ausgestrahlt, die hierzulande nie erschien) auch lesen mag, so viel Wahrheit steckt leider auch in ihm. Die Begründung liegt zwar aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in der TV-Serie, die wir alle verachten, aber was wirklich deutlich erkennbar ist, ist diese Arroganz und Gier einiger Spieler.


Dadurch, dass sich eine professionell von Upper Deck angeleitete Turnierszene gebildet hat und die Spieler hierin die Chance sahen, durch das Gewinnen solcher Turniere bekannter zu werden, fixierte sich die YGO-Community (beziehungsweise eben der Anteil, der gerne mal negativ auffällt) nach und nach auf diesen Ruhm - und noch dazu auf die tollen Preise, die es auf den großen Meisterschaften so zu gewinnen gab. Heute versucht Upper Deck zwar, durch verminderten Boosterausschank bei Qualifikationsturnieren zumindest diese Art von Gier zurückzutreiben - doch bleibt natürlich der Wunsch nach Profilierung durch ein gewonnenes Turnier erhalten.

So kommt es, dass viele (anstatt - wie Yugi - eben einfach nur effektive Gegenmittel gegen bestimmte Decks zu finden) zum Kaiba werden, weil sie dann meinen, besser zu sein. Heute geht man sogar so weit und versucht, sich jenen Ruhm so zu sichern, indem man einen Pegasus baut und sich unfaire Vorteile durch Mogeln verschafft. Und damit bloß kein Joey daherkommen und die Herrschaft des Kaiba in Gefahr bringen kann, werden zudem die spielstärksten Karten einfach für Preise zwischen 50 und 150 Euro verkauft. Das schreckt ab und der eigene Geldbeutel freut sich auch darüber.

Und wenn man gegen ein random Kiddie spielt, so zeigen einige auch absolut keine Scheu, es zu betrügen oder innerhalb von 3 Minuten 2 One Turn Kills hinzulegen und ihm den Spielspaß zu nehmen.


Und wir schätzen die neuen Sets einfach viel zu wenig. Wenn ich mir so ansehe, wie auf dem Turnier am Samstag ein Duelist Pack nach dem nächsten wegging, weil man darin "die weißen Monster" ziehen kann, von denen ich mit meinem Deck in 1 Spielzug 2-4 aufs Feld gelegt habe. Auf Turnieren würde so ein Rare-Sternenstaubdrache wahrscheinlich als Konfetti in einem Tischkärtchen liegen, aber die Kleinen freuen sich über so etwas - und dieser Geist ging durch unsere "Entwicklung zum Profi" ein wenig verloren und ist eigentlich nur noch bei Sammlern zu sehen.




Ein großes Problem der Entwicklung ist also, dass wir viele Dinge - unter anderem eben diesen Spielspaß - nicht mehr zu schätzen wissen; und wenn uns die Turniere veranstaltende Firma verlassen muss, stehen wir - unserer Ansicht nach - ohne irgendetwas da. Doch eigentlich müssten wir dankbar sein und wieder - wie es früher in kleinen Kreisen üblich war - "unser eigenes Ding drehen". Der Fantasia Verlag, Vereinigungen wie die Card Sports Association oder vereinzelte andere TOs (man denke da in letzter Zeit besonders an Mistress oder an den Game-It in Gießen mit seinen Xbox360-Turnieren), die sich für euch den Arsch aufreißen, um ein geiles Turnier auf die Beine zu stellen, sind schöne Beispiele dafür, dass man auch ohne das Organized Play von Upper Deck große Turniere veranstalten kann.

Und wie ihr wisst, wird dieses OP ab nächstem Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit extrem karg aussehen, da 2010 meines Wissens nach der Lizenzvertrag ausläuft und KONAMI somit wieder die "Macht" über das Spiel hat. Und sollte die Situation dann tatsächlich so ähnlich aussehen wie die derzeitige in den USA, steht man zumindest nicht ganz mit leeren Händen da.



Vorteile der Entwicklung

Selbstverständlich ist die gesamte Entwicklung der heutigen Community nicht nur als negativ zu erachten. Gerade am Wochenende auf dem random Turnier im "Lubeanies" fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Wir hatten keine automatisierte Turniersoftware, die angemessene Spielpaarungen zusammenstellt; die Paarungen mussten ausgerufen werden; wir hatten keinen Schiedsrichter, der den Kindern erklärt, dass man mit 8000 und nicht mit 4000 Lebenspunkten spielt; oder der erklärt, dass man den Beginner eines Matches auswürfelt und nicht eine zufällige Deckkarte vorzeigt und die mit mehr ATK gewinnt; wir hatten eigentlich nichts.


Sähe ein Fortune Tour Stopp so aus, wäre das Turnier das reinste Chaos und daher kann man im Grunde ganz schön froh sein, dass unsere Community und Turnierszene so weit entwickelt ist.



Generell ist das Spiel/Turnier wohl auch spannender, wenn sich jeder mit professionellem Deckbau auskennt. Hier auf eTCG dürften viele Leute auf dem gleichen Level sein, was Deckbau anbelangt - dank unseres Deck Ratings, wo jeder jedem hilft.

Wären wir alle Kiddies, die sich eigentlich nur auf spezielle Kombos fixieren (Hey, ich wäre am Wochenende immerhin fast an einem Lock aus 2 Sonneneruptions-Drachen krepiert, wenn ich nicht 1 Magischer Android und 1 Psi-Lebenstrancer ausgepackt hätte, bis ich eine meiner 15 Karten gegen den Lock nachgezogen hatte...) und ihr Deck eigentlich nicht ernsthaft auf sich selbst abstimmen, sähen die Spiele aus wie meine am Wochenende:


Mein Gegner beginnt, gibt mit leerem Feld ab. Ich habe theoretisch einen OTK auf der Hand, schaue das Kind jedoch schief an, denn es könnte (!) ja Gorz haben (ein anderer Spieler hatte beispielsweise Red-Eyes Darkness Metal Dragon und Dandylion... - der fand übrigens DAD schlecht, weil man genau 3 FINSTERNIS-Monster im Grave braucht... da seht ihr mal...).

Und dann greife ich halt nur vorsichtig mit meinem Beatdown-Krebons an. Und das mache ich dann noch weitere 2 Runden lang, bis ich dann irgendwann merke: Der hat gar keinen Gorz. Der spielt halt einfach 25 Tributmonster und kann nichts rausspielen...




Man kann also ziemlich eindeutig sagen, dass es so grundsätzlich schon gut so ist, wie es heute ist. Wir haben eine stabile und beliebte Turnierszene; qualifizierte Schiedsrichter; eine verbuggte, aber immerhin ihren Zweck erfüllende Turniersoftware; wir haben ausreichend Tische auf Turnieren und wir haben Ahnung vom Spiel (ich sage nur "Drachen-Spieler und seine Einstellung zum DAD").

Die einzigen Probleme liegen eben in unserer natürlichen Gier, dem damit verbundenen Cheating, sowie in der Undankbarkeit, die wir nach "schlecht veranstalteten" Turnieren oder nach dem Erscheinen von Boosterserien, aus denen wir "mit nur 3 Karten was anfangen können", haben.

Übrigens habe ich vor 3 Wochen ein "Metal Raiders" Booster bekommen. Ich habe es aufgemacht und fand darin 8 Normalmonster mit mehr als nur mäßigen ATK-/DEF-Werten und Tausenddrache als Secret Rare. Ich denke, dass wir eigentlich sehr zufrieden mit unseren heutigen Boostereditionen sein können - denn in diesen sind (wenn überhaupt) vielleicht 2 Normalmonster enthalten, und die haben dann auch ordentliche Angriffs- oder Verteidigungswerte. Und wenn wir eine Secret Rare ziehen, können wir (fast) sicher sein, dass das eine spitzenmäßige Karte ist und kein schwaches Fusionsmonster, das aus zwei noch schwächeren Fusionsmaterialmonstern besteht und über Polymerisation für 2 Karten Nachteil entsteht.

"Kartenvorteil" ist übrigens auch so ein Wort, das wir erst seit unserer Entwicklung zum "Pro" kennen...



Tops und Flops

Top: Spielmatten

Unser fleißiger Moderator Lex Luthor hat im Forum eine Sammelbestellungs-Aktion für selbsterstellte Spielmatten gestartet. Kürzlich wurde darüber abgestimmt, welche Motive der ebenso fleißigen Grafiker allgemein angeboten werden sollen.

Nun befindet sich die Aktion in der Bestellungsphase - und wer eventuell eine eigene Spielmatte möchte oder eben eine Bestellung für sein Team aufgeben möchte, sollte sich dieses Thema im Forum durchlesen und eine PN an Lex Luthor schicken!




Flop: Verirrte Threads

In den letzten 21 Tagen haben sich gefühlte 14 Themen fälschlicherweise im "Allgemeine Fragen, Vorschläge und Kritiken"-Forum verirrt. Darunter Regelfragen zu allen möglichen Kartenspielen, Fragen, ab wann man Karten aus Crimson Crisis spielen darf oder eben andere Fragen, die eigentlich vielmehr etwas mit einem der Kartenspiele zu tun hatten als mit ALLGEMEINEN Fragen.


Das ist uncool.


Also haben wir Administratoren kurzerhand entschlossen, das Forum einfach umzubenennen, womit hoffentlich weniger Spaten ihre Fragen in dieses Unterforum posten werden, weil das Wörtchen "Fragen" nun nicht mehr im Titel existiert. Was für ein Schachzug!



Greets,

Harti