Nachdem es vor einigen Wochen im ersten Teil von "Das Glück - das Zünglein an der Waage" um die verschiedenen Arten, in denen das Glück bei Yu-Gi-Oh! vorkommt, und um den ersten Ansatz zur "legalen Umgehung" der Glücksabhängigkeit ging, will ich heute dort wieder ansetzen und auch über die möglichen Folgen und Auswirkungen des Glücks sprechen.
Wir waren bei den legalen Möglichkeiten zur Beeinflussung des Glücks stehen geblieben und dort möchte ich auch heute zunächst wieder ansetzen.
Die angesprochenen legalen Möglichkeiten, die das Glück weniger entscheidend machen sollen, finden sich eigentlich nur im Deckbau wieder. Zum Einen hat man hier die Chance, durch das Verhältnis von der Deckkartenanzahl (möglichst gering) zu der/den gesuchten Karte/n (möglichst oft gespielt) die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, die benötigten Karten zu ziehen. Dies hat auch wieder mit Mathematik, genauer gesagt mit Stochastik, zu tun, weshalb ich recht froh darüber bin, dass Harti vor kurzer Zeit erst wieder einen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht hat. Zum Anderen hat man beim Deckbau aber noch die Chance, vermehrt Karten einzusetzen, die das Deck ausdünnen, also Geschwindigkeit reinbringen, oder direkt die benötigten Karten aus dem Deck suchen. Zu guter Letzt gibt es auch noch weitere Karten, die die Glücksabhängigkeit auf ihre Art und Weise verringern können, doch dazu später mehr.
Wie bereits angesprochen, kann man mithilfe von durchdachtem Deckbau und stabilen Builds die Deathdraw-Rate und die Glücksabhängigkeit etwas herunterdrosseln. Dennoch lassen sich diese Faktoren nie vollkommen ausschließen, handelt es sich bei Yu-Gi-Oh! immerhin auch um ein Trading Card Game, die alle mehr oder weniger mit dem "Problem" des Glücks zu kämpfen haben.
Beim Deckbau des Yu-Gi-Oh!-TCGs gibt es eine Hand voll von Möglichkeiten, dank der man die GLücksabhängigkeit etwas verringern kann, auch wenn man selbst so nur einige Faktoren beeinflussen kann und nicht auf alle einwirken kann.
Zunächst wäre da die bereits genannte Methode, die auf der Wahrscheinlichkeitsrechnung (Stochastik) aufbaut. Mit möglichst wenigen Deckkarten aber umso mehr "Outs" (wichtige Karten des Decks, insbesondere Schlüsselkarten) erhöht sich die Chance, diese benötigten Karten zu ziehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob man nun darauf hinarbeitet, Finsterer Bewaffneter Drache bzw. Chaos Hexer für Kartenvorteil oder gar zum Finishen zu ziehen, oder ein Makrokosmos-Deck spielt und dringendst den Kosmos oder Dimensionsriss sucht. Je öfter man nun beispielsweise Kosmos und Riss spielt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, ihn zu ziehen. Man ist also nicht mehr so sehr vom Glück abhängig, da man nun eher schon Pech haben muss, wenn das gewünschte Szenario nicht eintritt.
Auch für Kombos jeder Art ist es wichtig, eine hohe Chance zu haben, sie durchzuführen. Hier kommt man jedoch eher auf einen anderen Faktor zurück: das Suchen. Schon oft habe ich es gepredigt und gesagt und es ist auch heute noch so, dass Sucher das Spiel vereinfachen können und Situationen erst ermöglichen und wahrscheinlich machen. Was wäre das Kin-Tele-DAD in den letzten Monaten ohne Notfallteleport, Verstärkung für die Armee oder Elementarheld Stratos gewesen? Man wäre nicht so schnell dazu gekommen, Kombos wie die von Schicksalsheld - Malicious mit Krebons oder Schicksalsziehen zu vollenden, womit die gesamte Synergie des Decks zusammengebrochen wäre.
Auch ein dritter wichtiger Punkt - der Speed - wäre so nicht mehr gegeben gewesen. Geschwindigkeit, die natürlich auch durch Suchen, aber eben genauso durch zusätzliches Karten-Ziehen erzeugt wird, ist insofern wichtig, als dass man durch sie das eigene Deck schneller ausdünnen und kann, um so die Chance zu erhöhen, wichtige Karten (eher) zu ziehen. Auch hier ist die Abhängigkeit vom Glück deutlich eingeschränkt, da man sich bei viel Speed kaum noch gegen das Aufziehen von Schlüsselkarten wehren kann und sie dann zumeist auch früher oder später zum Vorschein gekommen sind.
Abschließend kann man auch durch den Einsatz einiger Karten für eine kleinere Glücksabhängigkeit bzw. eine größere Chance auf ein positives Ergebnis sorgen. In den früheren Turtle- und Recall-FTK wurden zum Beispiel karten wie Magischer Hammer gespielt, die dafür sorgten, dass unbrauchbare Handkarten wieder ins Deck gelangen, um dann wieder neue Karten zu ziehen. So hatte man zumindest 2x die Chance, Glück zu haben und brauchbare Karten zu ziehen. Auch Karten wie Seuchenverbreitender Zombie und Blitzeinschlag können ggf. dafür sorgen, dass das Glück Einfluss verliert. So war es in den letzten Monaten durchaus ein beliebter Spielzug, den nachgezogenen und nicht mehr verwendbaren Malicious für den Effekt des Zombie-Tuners wieder aufs Deck zu legen, um ihn dann auch noch nutzen zu können. Blitzeinschlag dagegen hilft dabei, Deathdraws noch verwerten zu können. Solche Karten können also zumindest dabei helfen, das geschehene Pech wieder auszugleichen. Auch so wird die Glücksabhängigkeit verringert, da den Spieler in diesem Fall das Pech nicht geschadet hat und er trotzdem agieren konnte.
Letzten Endes kann man durch den Deckbau zwar teilweise Einfluss auf das Glück nehmen, doch letztendlich kann man es nicht in allzu großem Maße beeinflussen, da allein der Faktor, der sich durch die Frage, wer ein Spiel eröffnet, einstellt, große Auswirkungen auf ein Spiel zeigt, was ich im Folgenden verdeutlichen möchte.
Im Spiel nimmt das Glück großen Einfluss auf dessen Ausgang, was eigentlich bereits vor dem eigentlichen Start des Spiels beginnt, denn die gerade vorgestellte Frage, wer das erste Spiel beginnt, beinhaltet natürlich ausschließlich Glück und nimmt zum Teil großen Einfluss auf ein Spiel. Denn die Vorzüge des Beginnens nannte ich bereits beim letzten Mal. So kann der eröffnende Spieler (nahezu) ohne Gegenwehr all seine Aktionen durchführen. Konkret wären das zum Beispiel 2-3 Synchrobeschwörungen im vergangenen Format oder gleich der komplette First Turn Kill vor gut einem Jahr gewesen. Aber auch heute ist die Frage des Anfangens noch wichtig. Der eröffnende Spieler ist nämlich im Grunde seinem Gegner immer einen Schritt voraus, ihm stehen eher mehr Karten zur Verfügung und kann so aus diesen auch Profit schlagen. Zudem ist er auch der Erste, der auf etwaige Aktionen des Gegners reagieren kann.
Hat man nun beschlossen, wer beginnt, kommt der eigentlich größte Glücksfaktor ins Spiel: die Starthand. Außer einen Deckbau, der mit hoher Wahrscheinlichkeit günstige Starthände ermöglicht, kann man nicht viel (um nicht zu sagen "gar nichts") gegen die zufällige und vollkommen glückliche Zusammenstellung der Starthand machen.
Und mit der Starthand entscheiden sich schon so einige Spiele. Ein nutzbarer Crush Card Virus kann im ersten Zug schon einiges, aber auch Karten wie
Gerade diese "Topdecks" sind es nämlich, die in vielen Fällen den entscheidenden Ausschlag geben und Spiele entscheiden. Besonders Gehirnkontrolle und Wiedergeburt waren schon immer Karten, die "von oben" viel ausrichten und ganze Spiele wenden konnten, das Nachziehen einer wichtigen Karte kann Spiele entscheiden. Auch Urteilsdrache und Finsterer Bewaffneter Drache sowie Karten, die Synchrobeschwörungen ermöglichen, waren zuletzt Karten, die häufiger mal getopdeckt wurden. Topdecks wirken sich oft so fatal aus, weil man nicht oder nur kaum mit ihnen rechnen kann und sie daher auch nur schwer auszukontern sind, da man den Gegner meist auf dem falschen Fuß erwischt.
Zu guter Letzt nimmt das Glück auch in speziellen Spielsituationen ab und an mal Einfluss auf das Geschehen. So ist es meine persönliche Erfahrung, dass ich mit Jäger im Hinterhalt im entscheidenden Moment NIE treffe, während mein Würfel offensichtlich keine 1 oder 6 mehr beinhaltet, wenn der Gegner ihn in die Hand nimmt. Auch kann man immer wieder Pech haben, wenn man beispielweise die falsche der zwei verdeckten Zauber/Fallen zerstört und daraufhin in die andere hineinläuft, die sich als Spiegelkraft hinausstellt. Hier kommt aber dann auch schon wieder das "Lesen eines Spiels" dazu, auf den ich aber heute nicht mehr abschweifen will. Es sei nur gesagt, dass bei letzterem Szenario nicht immer nur das Glück zwingend eine Rolle spielt.
Festzuhalten ist jedoch, dass das Glück bei Yu-Gi-Oh! immer noch stark präsent ist. Und die Ursache dafür liegt im Spiel selbst. Es gibt kein Ressourcen-System oder ähnliches wie man es sonst bei allen gängigen Trading Card Games wie Pokémon, World of Warcraft oder Magic the Gathering vorfindet. So ist es möglich, aus seiner kompletten Starthand Kapital zu schlagen und jede einzelne dieser Karten zu verwenden. Die Aktionsvielfalt im Early Game ist schon sehr hoch, weshalb man auch das nötige Glück haben muss, bereits in diesen Situationen die passenden Karten zur Verfügung stehen zu haben. Auch die Balance leidet natürlich unter diesen Gesichtspunkten. Weiterhin fehlen auch allzu hohe Kosten bei den gängigsten Karten des Spiels, 800 Life Points sind im Normalfall schnell und einfach bezahlt und bei Karten wie Schicksalsziehen freut man sich ja geradezu über Kosten, die so eher eine Hilfe als ein Hindernis darstellen.
Solche Punkte führen dazu, dass man gezogene und verfügbare Karten immer schnell und einfach ausspielen kann, wodurch das Topdecken und der Glücksfaktor genauso gefördert werden wie das OTK-Prinzip, das in dieser Form schon immer in erster Linie ein Yu-Gi-Oh!-Phänomen war.
Abschließend bleibt noch die Frage, wie sich der Glücksfaktor unseres TCGs auf die Gemeinschaft und die gesamte Community auswirkt.
Wer kennt sie nicht, die ewigen Beschimpfungen und Schuldzuweisungen? Lucker und Topdecker gehören zu den gängigsten Bezeichnungen für Gegner, "der Gegner hat geluckt" oder "ich habe schlecht gezogen" sind in 90% aller Fälle die Begründungen für die eigene Niederlage. Zurecht?
Man darf bei allen Einflüssen, den der Spieler selbst auf das Spielgeschehen nimmt, nicht vergessen, dass der Erfolg bei Yu-Gi-Oh! eben in einem gewissen Maße vom Glück abhängt. Nichts Ungewöhnliches für ein Kartenspiel. Und so kommt es unvermeidlich des Öfteren mal vor, dass das Glück den Ausschlag gibt, mal eher verdeckt und mal offensichtlich. Nehmen wir mal an, zwei Spieler sind gleich gut und machen keine Fehler. In diesem Fall muss das Glück zwingend über Sieg oder Niederlage entscheiden. Dass ein Spieler fehlerlos spielt, wird natürlich nie vorkommen, aber man kann dem doch sehr nahe kommen bzw. dem Szenario, dass zwei Spieler ähnlich gut sind. Oft gibt das Glück dann hier den entscheidenden Ausschlag, weshalb Begründungen der oben genannten Art nicht immer von der Hand zu weisen sind (auch wenn die Ausdrucksweise der betroffenen Spieler oft nicht ganz angemessen ist). Doch ist es schon fast so, dass das Glück in der Community als standardmäßige Begründung für die eigene Niederlage dasteht, was in den meisten Fällen nur bedingt der Wahrheit entspricht.
Denn bei all dem Glück, das im Kampf um den Sieg eine große und oft auch entscheidende Rolle spielt, sollte man nicht vergessen, dass der Spieler immer noch den größten Anteil auf dem Weg zum Sieg einnimmt, der persönliche Faktor der größte ist. Nicht umsonst findet man zumindest ähnliche Spieler an den vorderen Tischen wieder. Natürlich gibt es Spiele, die man durch eigenes Pech verliert und man wirklich absolut keine Chance auf den Sieg hat. Dennoch kann man auch aus etwas schlechteren Ausgangspositionen inzwischen wieder mehr machen und Spiele durch das eigene Können gewinnen.
Dennoch - und das wollte ich mit diesem Zweiteiler zeigen - ist das Glück gerade beim Yu-Gi-Oh!-TCG stark präsent und nie völlig auszuschließen oder von der Hand zu weisen. Es gilt mit diesem Faktor, der zum Spiel gehört wie das Brandenburger Tor zu Berlin, klar zu kommen und evtl. auch ihm zu trotzen. Vergessen darf man nicht, dass das Glück an sich kaum beeinflussbar ist und jeder damit zu kämpfen hat, aber dass man gegen dieses auch ankommen kann. Ohne Zweifel ist der Glücksfaktor bei Yu-Gi-Oh! einer der höchsten im gesamten TCG-Bereich und es gibt gerade hier Spiele, die von vornherein entschieden sind, aber was bedacht werden sollte, ist, dass man selbst für das eigene Spiel verantwortlich ist, man mit der Glücksabhängigkeit leben muss und den Spaß am Spiel nicht von diesem vermiesen lassen sollte. Denn trotz all dem Ehrgeiz, all der Verbissenheit, all dem Siegeswillen ist Yu-Gi-Oh! in rund 6 Jahren doch eines geblieben: ein Spiel.
Greetz,
Toby