Willkommen zur nächsten Ausgabe von "Spiritistische Wasserkunst". Ich bin mir recht sicher, dass die meisten sich fragen, was Rechnungswesen nun mit YGO zu tun hat. Nun, die letzten Ausgaben meines Artikels gingen zum Großteil über Spielstile und dieser Artikel wird ein wenig auf dieses Thema eingehen. Allerdings wird er sich mehr ums Anpassen vom eigenen Spielstil im Bezug aufs laufende Spiel drehen.
In einem Spiel dreht sich sehr viel um Wahrscheinlichkeiten. Wir beschäftigen uns hier aber nicht um Wahrscheinlichkeiten, sondern mit den bekannten Zahlen. Damit meine ich in erster Linie zu wissen, wie die eigene momentane Situation aussieht. Um das laufende Spiel richtig beurteilen zu können, muss man wissen wie es ums eigene Spiel steht. Aufgrund dieses Wissens können dann weitere Entscheidungen getroffen werden. Was für Zahlen sind nun interessant, um das laufende Spiel beurteilen zu können? In erster Linie natürlich der Kartenvorteil! Der lässt sich relativ leicht zählen, das sind generell alle Karten auf der Hand, auf dem Feld und auf dem Friedhof, wofür man wirklich eine Karte investieren würde. Damit meine ich zum Beispiel, dass ein einzelner Sündenbock von der Karte Scapegoat natürlich eine Karte auf dem Feld ist, aber dieser einzelne Sündenbock natürlich nicht eine ganze Handkarte wert sein sollte. Alle 4 Spielsteine sind den meisten Spielern eine Karte wert, solange man mit ihr andere Karten kombinieren kann. Genauso ist in den meisten Fällen eine Todeswache im Friedhof mir nicht eine Handkarte wert. Ein Mezuki im Friedhof allerdings schon.
Nun sollte man beim Spiel nicht am Ende jedes Zuges nochmal alle Hand- und Feldkarten mitzählen und immer in den Friedhof schauen, sondern einfach im Kopf eine Art Counter (Zähler) haben, der die gesamte Zeit mitrechnet, wie es denn mit dem Kartenvorteil aussieht. Dies hat viele Vorteile, da die gesamte Situation immer vereinfacht im Kopf vorhanden ist. Dieser Counter lässt sich am besten bei 0 starten. 0 bedeutet, dass kein Spieler eine Karte Vorteil hat. Wenn man dann beispielsweise bei Lightsworn einen Wulf, lichtverpflichtetes Ungeheuer vom Deck mithilfe einer Angriff der Lichtbrigade millt, dann hat sich dieser Counter um 1 erhöht. Wenn der Gegner allerdings durch so eine Aktion Kartenvorteil erwirtschaftet, dann steht der Counter auf -1. Sollte beispielsweise eine Todeswache gemillt werden, dann hat der Gegner einen leichten Vorteil. Ich merke mir dort ein leichtes Plus, quasi eine halbe Karte Nachteil. An diesen leichten Vor- oder Nachteilen kann dann sehr gut gearbeitet werden, um eine ganze Karte Vorteil daraus zu machen. Als andauerndes Spielziel kann kurzfristig daran gearbeitet werden, diesen Counter zu erhöhen und zu halten.
Nun sind wir so weit, dass wir also immer mitzählen wenn eine entscheidende Situation passiert, wo sich dieser Counter verändert. Was bringt uns das nun alles? Wir können nun unseren Spielstil andauernd anpassen und variieren. So lange meine Lebenspunkte halbwegs hoch sind und der Counter noch nicht im positiven Bereich ist, sollte man eher konservativ spielen und möglichst wenig Karten von sich offenbaren oder dem Gegner eine angreifbare Stelle bieten. Dies gilt vor allem dann, wenn der Gegner eine Vielzahl an unbekannten Handkarten hält. Das bedeutet, er hat sehr viele Optionen mit denen er das Spielgeschehen verändern kann. Aber solange man dem Gegner keine angreifbare Stelle gibt, kann er keinen Vorteil erwirtschaften!
Für das eigene Spiel bedeutet es für mich, dass ich des öfteren beispielsweise einen Elementarheld Stratos lieber erst im zweiten Zug spiele, denn wenn der Gegner eine Lumina, lichtverpflichtete Beschwörerin oder einen Ryko, lichtverpflichteter Jäger im ersten Zug gespielt oder gesetzt hat, ist er dann gezwungen auf diese Karte zu reagieren. Somit hätte der Stratos den Counter um 1 steigen lassen UND den Gegner zu einem 1:1 Tausch gezwungen. Damit haben wir also keine leicht angreifbare Stelle unseres Counters, wie es ein Elementarheld Stratos auf dem Feld wäre. Auf dem Feld könnte ihn jeder Jain, lichtverpflichteter Paladin oder Thunder King Rai-Oh leicht besiegen.
Bewegen wir uns nun zeitlich im Spiel vorwärts. Normalerweise sinkt langsam die Anzahl beider Handkarten im Laufe des Spiels mit mehreren 1:1 Tauschgeschäften. Nun verändert sich irgendwann auch der Counter. Wenn nun dieser Counter ins Positive wandert, ist er entscheidender als der zu Beginn des Spiels. So kann man offensiver spielen und mehr Druck ausüben. Der gestiegene Counter bedeutet nämlich, dass der Gegner jedes Mal keine Antwort hatte und eventuell ein paar tote Handkarten hält. Wenn der Counter im positiven Bereich ist, kann man auch mehr riskieren, um das Spiel schnell zu beenden. Schlimmstenfalls fällt der Counter wieder ein wenig und man muss verhaltener spielen. Spielt man offensiver, sieht man ob der Gegner nun Optionen hat oder nicht. Wenn er Optionen hat, werden entweder Karten abgetauscht mit mehreren 1:1 Tauschen und der Counter verändert sich nicht, wird aber im Verhältnis deutlicher. Mit dem Verhältnis meine ich, dass ich lieber 3 (statt 8) Karten habe und der Gegner dafür 2 (statt 7) - denn bei 3 zu 2 hat der Gegner weitaus weniger Optionen offen als bei 8 zu 7. Sollte er mit seinen wenigen Karten doch einen kleinen Vorteil ergattern können, so landet der Counter schlimmstenfalls bei 0 und wir haben wieder ein ausgeglichenes Spiel. Spielt man trotz eines deutlicheren Kartenvorteils extrem verhalten, dann wird sich das auf die eigenen Lebenspunkte auswirken und der Gegner kann eher einen One Turn Kill landen (man nennt dies "zurück ins Spiel kommen lassen").
Umgekehrt bedeutet dies natürlich, dass man bei einem Kartennachteil noch weniger riskieren sollte, wenn es noch andere Optionen gibt. Der Gegner besitzt in Form des Kartenvorteils mehr Möglichkeiten, auf Aktionen zu antworten als man selber. So bewegt man sich also dem sicheren Untergang zu, wenn man viele Karten investiert und dem Gegner eine gute Möglichkeit zum Abtausch gibt. Eine weitere positive Auswirkung hat dieser Counter, der auf größeren Turnieren sogar eine extrem wichtige Rolle übernimmt:
Während meiner Headjudgezeit in mehreren Läden wurde ich über die Jahre hinweg immer wieder zu Situationen gerufen, die nicht sofort klar waren. Damit meine ich Situationen, wie beispielsweise der Vorwurf, "der Gegner hat eine Extrakarte gezogen" oder "habe ich schon eine Karte in der Draw-Phase gezogen?". Der eine Spieler wird meist ja sagen, während der andere das natürlich verneint. Nun sitzt man in der Klemme. Früher konnte man von Anfang an das Spiel rekonstruieren und sehen, welches Monster in welche Falle gerannt ist und wie nun der Spielstand aussieht. Heutzutage ist das generell immer noch möglich, allerdings können Karten wie Topf der Trägheit das ganze schier unmöglich machen. Da musste ich dann immer an diesem Punkt ansetzen und fragen, wo welcher Spieler sich denn Vorteil erwirtschaftet hat. Wenn mir dann einer sagen konnte: "Ich hab einmal mit
Im eigenen Spiel kann der Spieler damit natürlich auch überwachen, dass der Gegner keine Extrakarten zieht oder sich einen Mezuki aus dem RFG-Pile in den Friedhof schummelt, weil diese etwa so nah beieinander liegen. Wenn man dann bemerkt, dass die momentane Situation nicht zu diesem Counter passt, kann man den Judge rufen und herrlich begründen, was wie gelaufen ist und warum der Gegner keinen Vorteil haben kann. Man hat sich nämlich automatisch die Gründe gemerkt, wo dieser Counter sich verändert hat. Der Gegner wird dann nicht begründen können, woher sein unerklärbarer Vorteil herkommt und schon hat man den Betrüger entlarvt. Wenn man diesen Counter strikt überwacht und immer wieder mit der Spielsituation vergleicht, dann kann man in vielen Bereichen nicht beschummelt werden.
Als aktuelles Beispiel kann ich folgendes
Video empfehlen. Dort wurde im laufenden Spiel eine Extrakarte gezogen, was weder ein Beobachter noch der Gegner beim Spiel bemerkt hat. Es ist auch extrem schwer, zu sehen wie er diese Karte zieht. Allerdings bemerkt man, wenn man sich des andauernden Zählens bemüht, auf einmal eine Extrakarte auf der Hand des linken Spielers. Ich behaupte nun einfach mal, dass dieser Spieler nicht der einzige ist, der hin und wieder mal eine Extrakarte zieht oder andersweitig etwas im laufenden Spiel verändert. Wenn man aber als Spieler mitzählt, wird es für diese Betrüger sehr schwer und die Spielergemeinde wird die größten Schummler los.
Was haben wir heute gelernt? Nun, als erstes haben wir eine Art roter Faden, der einen das gesamte Spiel begleitet und an dem wir uns orientieren können. Unsere Spielweise können wir nun also auch daraus ausrichten und das beste: Wir werden Betrüger überführen und können sogar beim Judge begründen, woher welcher Kartenvorteil kam und werden als Community diese Betrüger los. In diesem Sinne für eine möglichst cheaterfreies Spiel,
mit freundlichen Grüßen,
Wassergeist