Willkommen zu Ausgabe #4 von Direkt vom Kaiserhof!
Dem theoretischen Grundgedanken der letzten Ausgabe folgend, widmen wir uns diesmal grundlegender Spieltheorie. Wir werden uns Stück für Stück den strategischen Fundamenten des aktuellen Meta-Games widmen und versuchen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Zusammenhänge herzuleiten.
Lasst uns zu Beginn den aktuellen Aufbau des Meta-Games rekapitulieren. So schaffen wir eine einheitliche Basis für die weiterführenden Überlegungen. Dazu benutzen wir &ndash wie es üblich ist &ndash die Tiers.
- Tier 1: Hier befinden sich die aktuell dominierenden Decks.
- Plantsynchro/Quickdraw Plant
- Gravekeeper
- Blackwing
- X-Saber
- Tier 1,5: Hier ordnen wir jene Decks ein, die regelmäßig oben mitspielen, aber denen ein Turniersieg meist verwehrt bleibt.
- Gladiatorbeasts
- Anti-Meta/Stun
- Formula-Monarch
- Tier 2: Jene Decks, die zwar oft gespielt werden, generell aber eher selten toppen.
- Machina/Gadget-Varianten
- Fish-OTK
Eine kleine Anmerkung: Scrap ist irgendwie von der Bildfläche verschwunden. Das liegt wohl vor allem daran, dass das Deck im Moment scheinbar eher unbeliebt ist und deshalb einfach das statistische Opfer darstellt. Es ist deshalb schwer einzuordnen und um niemandem unnötig auf den Schlipps zu treten, verzichte ich auf eine Kategorisierung. Alles, was wir ab hier besprechen trifft aber zu großen Teilen auch auf Scrap-Decks zu.
Ihr könnt ja selbst versuchen, die nachfolgenden Erkenntnise auf Scrap umzulegen. So schafft ihr es vielleicht leichter, die Konzepte zu verinnerlichen und seit auf dem besten Weg ein bessere Spieler zu werden.
Ich erspare euch die Weiterführung der Liste mit den Tier 3 Decks, da diese in weiterer Folge nicht relevant sind.
Der erste Schritt, um ein Deck zum Sieg auf einem großen Turnier zu führen, ist es, den Cut zu den Tops zu schaffen. Wenn wir die Turniere der kürzeren Vergangenheit (Landshut mit 150 Spielern und HdK 2011 mit 189 Spielern) betrachten, stellen wir fest, dass die Top16 die jeweils ausgespielt wurden die oberen 10,5% bzw. 8,5% der gesamten Spielermenge sind. Sehen wir uns noch die YCS Bochum mit solzen 1286 Spielern an. Dort wurde zunächst auf 256 Spieler für Tag 2 gecuttet. Das entspricht den oberen 20%. Von denen durften dann die besten 32 in die K.O.-Phase aufsteigen, was 12,5% entspricht. Dazu kommt dann eine (je nach Angebot an Side Events beträchtliche) Zahl an Drop-Outs, die den Anteil an Teilnehmern in den Tops noch weiter steigert.
Ihr seht also: es ist zumindest statistisch gar nicht so schwer, in die K.O.-Phase aufzusteigen. So etwas solltet ihr durch aus berücksichtigen, wenn ihr bei einem großen Turnier überlegt zu droppen, oft kommt ihr mit X-2, selten sogar mit X-3 weiter (so z.B. der amtierende europäische Vize-Meister Stephan Sluis, der mich in der letzten von 8 Runden bei einem Stand von 4-3 hinauswarf, dann den Top64 Cut auf Tag 2 geschafft hat und dann souverän ins Finale durchmarschiert ist.)
Unser Ziel bei einem Turnier ist also zunächst einmal: Die oberen 10% erreichen.
Um das sicher zu stellen, sollten wir realistisch versuchen X-1 zu gehen. “Zu null“ durchzumarschieren ist natürlich das Optimum, das schaffen meist aber nur 1 bis 2 Spieler, also ca. 1% oder weniger.
Wir haben also quasi ein Spiel “frei“. Idealerweise ist das unser schlechtes Match-Up. Da wir uns unseren Gegner nicht aussuchen können müssen wir “das Meta lesen“. Das bedeutet, wir wählen im Vorhinein jenes Deck, das gegen die häufigst gespielten Decks ein gutes Match-Up hat, also eine Gewinnchance von über 50%. So haben wir die Statistik auf unserer Seite (was in einem Strategie-Spiel viel wert ist) und können uns unsere Niederlage relativ realistisch für unser schlechtes Match-Up aufheben. Natürlich wird jeder einzelne sehr gerne vom Pech verfolgt, das ignorieren wir aber als “statistische Ungenauigkeit“.
Ein konkretes Beispiel. Grabwächter sind im Moment ein ziemlich perfekter Meta-Call. Sie haben ein gutes Match-Up gegen Pflanze, X-Säbel und Monarchen, gegen Anti und Gladiatoren stellen sie sich auch nicht all zu schlecht an, lediglich Schwarzflügel können problematisch sein. Hinzu kommt der 30%-Autowin durch Tribut im ersten Zug.
Was bedeutet gutes bzw. schlechtes Match-Up aber genau?
Es reicht natürlich nicht wenn ihr mit viel Glück das Meta so richtig knechtet. Ihr müsst wirklich verlässlich gewinnen können. Somit ist eine gewisse Konsistenz oder Stabilität wichtig.
Dazu gibt es verschiedene Zugänge:
- Tempo: Tempo erlaubt euch, Kernelemente eurer Strategie frühzeitig benutzen zu können. Ursprünglich bezog sich der Begriff auf reine Draw-Engines, heutzutage ist das nicht mehr so eindeutig. Tempo erzeugt ihr generell dadurch, dass ihr Karten effizient und früh im Spiel in jene Zonen befördert, in denen ihr sie benutzen könnt. Meist ist das die Hand oder der Friedhof. Auch das Feld oder der RFG-Pile können dafür herhalten.
- Tutoring: Benannt nach der Magic: the Gathering Karte 'Diabolic Tutor' (diese lässt euch für relativ viel Mana eine beliebige Karte aus dem Deck der Hand hinzufügen), handelt es sich in Yu-Gi-Oh! hierbei um Karten wie RotA. Diese Karten sind meist langsamer als “Tempo-Karten“, dafür aber wesentlich effizienter.
- Floating: Die Floater-Theorie dürfte mittlerweile bekannt sein. Meine Karten im Vorhinein “ab zu bezahlen“ bringt mir auch Konsistenz. So minimiert ihr das Risiko in Ressourcennachteil zu gelangen und könnt bis ins Lategame mit eurem Gegner Schritt halten.
Werfen wir nun einen Blick darauf, wie die Tier 1 Decks diese Stabilität erreichen.
Grabwächter spielen Floater in Form von Anwerber und Grabwächters Spion, Schwarzflügel in Form von Black Whirlwind. Vayu hat durch sein “+1 Synchro“ ebenfalls Floater-Charakter. X-Saber handhaben das durch Finsterseele und Emmersklinge.
Bis auf Vayu haben all diese Karten außerdem die Funktion eines Tutors.
Tempo erzeugen Schwarzflügel und Grabwächter außerdem durch Verlockung der Finsternis, erstere haben außerdem ihren themeninternen Draw-Spell in Form von Karten für schwarze Federn.
Pflanze spielt oft auch
Topf der Gegensätzlichkeit, leidet aber deutlich stärker unter dem Drawback.
Tutoring haben sie in Form von LFB, Foolish und One for One. Tempo wird durch Ryko, LFB, Formula Synchron und PoA erreicht.
Floating ergibt sich durch Dandylion und “+1 Tuner“ wie Bulb und Spore.
Was hierbei stark auffällt ist die Doppelnennung vieler Karten.
Daraus leiten wir die Kernaussage des heutigen Artikels:
Floating, Tutoring und Tempo stehen in direkter Verbindung zueinander und sind 3 Aspekte eines der wichtigsten Grundprinzipien von Yu-Gi-Oh!: Stabilität.
Im aktuellen Meta greifen 4 von 4 Tier 1-Decks massiv auf dieses Prinzip zurück, ebenso viele Decks aus den anderen Tiers.
Dies war der erste Teil einer Reihe von Artikeln die sich mit grundlegender Theorie beschäftigen werden. Heute haben wir uns ein wenig mit der Turnierstruktur beschäftigt und festgestellt wie Stabilität entsteht und warum sie wichtig ist.
Nächste Woche widmen wir uns den Themen Simplifizierung und Komplikation. Was genau diese Fremdwörter bedeuten, erfahrt ihr beim nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Direkt vom Kaiserhof!.

