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200! Von Anfängen und Frischzellenkuren

von soulwarrior am 20.12.2011 um 10:17 Uhr
Wow, wir haben es wirklich geschafft! Wenn mich meine eigene Artikelzählung nicht irgendwie irreführt, so handelt es sich heute um die sage und schreibe 200ste Ausgabe von Unter den Hut geschaut! [1] Ich hatte euch vor 2 Wochen gefragt, über was ich schreiben soll und die Idee, ein wenig über meine eigene Anfangszeit zu sinnieren, fand halbwegs viel Zuspruch. Da mir das selbst auch am einfachsten fällt, habe ich mich dazu entschlossen, einen kleinen Walk down Memory Lane zu gehen. [2]

Bei meiner eigenen kleinen Recherche habe ich mich noch mal versucht daran zu erinnern, welche Themen ich in vergangenen Jubiläumsausgaben, insbesondere der 50sten bzw. 100sten Ausgabe, behandelt hatte. Ich hatte zwar ehrlich gesagt echt keine Ahnung mehr, fand es aber ganz witzig, dass ich schon in Ausgabe 50 auf meine Anfangszeit zurückgeblickt habe – kein größeres Problem, dann grabe ich heute eben einfach noch etwas tiefer. Ansonsten fand ich es noch recht bemerkenswert, dass ich sowohl bei der 50sten Ausgabe überlegt hatte, mit der Kolumne aufzuhören als auch bei der 100sten. Es steht teilweise in den Artikeln davor oder danach, so dass ihr in den Jubiläumsausgaben selbst möglicherweise keinen eindeutigen Hinweis darauf finden könnt, also nicht wundern.

Gut, wie ihr bereits nach Lektüre von Die Zeiten ändern sich (Ausgabe 50) wisst, begann ich Ende 2003 damit, mich für Yu-Gi-Oh! zu interessieren. Das ist 8 Jahre her, also eine halbe Ewigkeit. Ich studierte damals und hatte dementsprechend recht viel Zeit, um nebenbei noch die Dinge zu tun, auf die ich Lust hatte. Was in dem Fall eben das Ausprobieren eines Sammelkartenspiels war – eines der teuersten Hobbies überhaupt. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht (mehr) weiß, woher ich damals das Geld für das Hobby genommen hatte, aber irgendwie bekam ich es hin, mir ein halbwegs vernünftiges Deck zu bauen, das dann auch stetig verbessert wurde.

Zu Beginn hatten wir wie gesagt lediglich im heimischen Jugendraum gegeneinander gespielt. 2on2's nach eigenen Regeln – das hatte also nichts mit "richtigen Duellen" zu tun. Bildet euch aber nicht ein, dass ihr die Mehrheit ausmacht – jeder Leser dieses Artikels ist ein "professionellerer" Spieler als der Großteil aller Spieler. Yu-Gi-Oh! ist nicht groß, weil es Turniere, wie die YCS gibt. Yu-Gi-Oh! ist so ein riesiges Spiel, weil es tausende von Spielern gibt, die nur an Küchentischen oder in Schulhöfen und Jugendräumen spielen. [3]

Zu denen gehörte ich auch einmal. Und ich muss nicht lange fackeln und überlegen, wann ich den meisten Spaß mit dem Spiel hatte – die Zeit, in der man sich noch freute, Axt der Verzweiflung aus einem Booster zu ziehen und die Karte teilweise sogar über Schnappstahl spielte, weil man es einfach nicht besser wusste, war für mich vom Spaßfaktor her das absolute Highlight meiner Spielerkarriere. "Leider" begann ich damit, mich intensiver mit dem Spiel zu befassen. Ich kriege es bei den meisten Dingen einfach nicht hin, diese "einfach nur so" zu machen – wenn ich sie mache, dann will ich sie auch richtig machen. Das geht mitunter schon in die Richtung Fanatismus... [4]

Ich kann jetzt ein paar kleinere Sprünge machen, weil ihr wie erwähnt bereits in Ausgabe 50 erfahrt, dass ich nach meiner aktiven Spielerzeit damit begann, die Regeln des Spiels zu übersetzen. Selbstverständlich leistete mir mein Fanatismus auch an der Stelle hervorragende Dienste.
So lernte ich mitunter auch Stefan Bischof kennen, der sich ebenfalls für die Übersetzung des Regelwerks verantwortlich zeigte (mit ihm habe ich in der vergangenen Woche auch mal wieder telefoniert, allerdings werde ich jetzt kein Interview mit ihm hier rein arbeiten, sondern das eher mit einem eigenen Artikel würdigen).

Jedenfalls war ich plötzlich als Schiedsrichter recht gefragt und so verdiente ich auch erstmals Geld mit dem Hobby (anstatt welches auszugeben, um dem Hobby nachgehen zu können). Klar, das war noch nicht die Welt, doch als Student beschwert man sich nicht über jeden noch so kleinen Zuverdienst...
Stefan ermöglichte mir auch recht überraschend, einen Platz im Judge Team der Deutschen Meisterschaft 2004 zu erhalten. Jedoch hatte ich, nachdem ich die Qualifikation nicht geschafft hatte, bereits andere Pläne und war daher an besagtem Wochenende in Erlangen auf dem Comic Book Day. [5]

Trotzdem bewies man mir hier wohl erstmals, dass sich gutes Karma auszahlt. Wenn ihr euch beständig für eine Sache engagiert und euch den Allerwertesten dafür aufreißt, dann werdet ihr früher oder später dafür belohnt!

Bei mir kam das nach und nach und noch dazu auf äußerst verschiedene Weisen. Neben Beförderungen im Forum wurde ich beispielsweise auch auf der Pharao-Tour mit einem Redakteur der Kartefakt bekannt gemacht. Über diesen Kontakt konnte ich damit beginnen, Artikel für dieses (mittlerweile eingestellte) Magazin zu schreiben. Ich lernte den damaligen Redakteur der Card Master kennen und begann, für diese Zeitschrift zu schreiben. Ich lernte Matthias Nagy Mitte 2004 – noch vor der Pharaoh Tour, auf dem 3 Länder Kampf in München, einem eTCG.de Event – kennen und konnte so damit beginnen, die Schiedsrichter-Teams für die Pharao-Tour zusammenzustellen. Neben der Arbeit als Judge war ich also zu diesem Zeitpunkt auch schon Schreiber und Aushilfe als Eventorganisator. Man könnte also sagen, ich hatte den nächsten kleinen Schritt auf der Leiter erklommen.

Nach und nach entwickelten sich all diese Dinge und mein Studium wurde verglichen mit den ganzen Yu-Gi-Oh! Sachen immer langweiliger. Ich saß quasi einen Monat lang nur daheim herum und überlegte, wie ich weiter verfahren sollte und nachdem sich meine Gedanken nur um Yu-Gi-Oh! zu drehen schienen und mir mein Vater einen (metaphorischen) Arschtritt verpasste und mich fragte, wie es denn jetzt bei mir weitergehen sollte, zog ich kurzerhand nach Berlin, um mich dort durchzuschlagen.

Nachweise hatte ich keine, wenn man vom Fachabitur und einem Vordiplom absieht, doch glaubt mir, das interessiert die wenigsten Menschen, die andere Leute einstellen. [6] Ich besorgte mir einen Aushilfsjob bei Theo, dem damals wohl besten Ladeninhaber Berlins. Leider zahlt es sich auch nicht wirklich aus, als Vollzeitjudge in einem Spieleladen zu arbeiten – so dankbar ich Theo auch dafür bin, dass er mir damals auf diese Weise weitergeholfen hat. Daher platzte ich häufiger mal ins Büro von Upper Deck herein, wo mir bei einem meiner Spontanbesuche auffiel, dass man mit dem Kundendienst nicht hinterher kam. Einige der E-Mails waren ein ganzes Jahr alt und nach wie vor unbeantwortet. Ich drängte mich auf, so dass man mir schließlich die Chance gab, mich um diese Aufgabe zu kümmern. [7]

Nun folgte das vielleicht chaotischste Jahr meines Lebens. Ich zog nach Hamburg und kümmerte mich von dort aus um die Aufgaben, die ich immer wieder für Upper Deck erledigen durfte. Mittlerweile umfassten diese neben dem Kundendienst auch den Report von Events, wie der Summer Tour und darüber hinaus hatte ich auch an den Übersetzungen mitgewirkt. Es wurde also nach und nach mehr und mittlerweile konnte ich tatsächlich davon leben. Vielleicht nicht fantastisch, aber überhaupt. Mein Hobby war also wirklich zu meinem Beruf geworden.

Gleichzeitig fand in diesem Jahr der erste große "Generationenwechsel" in der Yu-Gi-Oh! Geschichte statt. Das Spiel war mittlerweile rund 2 Jahre in Deutschland erhältlich und nicht wenige der Spieler, die direkt zu Beginn eingestiegen waren, hatten nach und nach die Lust verloren. [8] Das galt sogar für einige Judges, die bei der ersten Pharao-Tour noch mit Feuereifer dabei waren, denen aber im Sommer 2005 so langsam die Puste ausging.
Es ging erstmals los mit den "Früher... da war das ja noch so und so"-Sprüchen. Wenn ich dem ein oder anderen Judge dabei zuhörte, wie er über die "guten alten Zeiten" sinnierte, gewann ich den Eindruck, das Spiel wäre bereits 10 Jahre in Deutschland erhältlich gewesen und ich kam mir stellenweise vor wie jemand, der eigentlich noch "grün hinter den Ohren" war. Dabei hatte ich gar nicht so viel verpasst – zwei Deutsche Meisterschaften, wobei die erste "nur" 100 Spieler umfasste, also überhaupt nicht mehr mit den Events verglichen werden konnte, die 2005 abgehalten wurden. Lokale Turniere (mit teilweise deutlich weniger attraktiven Preisen als heute) konnten damals schon bis zu 100 Spieler anziehen...

Doch es gab eben Leute, die redeten sich ein, dass ein Event mehr Spaß machte, wenn nur 30 Spieler teilnahmen. Klar hat das auch irgendwo was, wenn wirklich jeder jeden kennt, nur freut man sich doch viel mehr, wenn man sich gegen 100 andere Spieler durchgesetzt hat und eben nicht nur gegen 29?! Oder vielleicht noch allgemeiner formuliert: Wenn man 100 andere coole Menschen trifft und eben nicht nur 29?!
Nachdem auch Stefan einer der Judges war, deren Interesse ein wenig nachgelassen hatte (und das Experiment, einen Upper Deck Mitarbeiter, der die Regeln nur so durchschnittlich beherrschte, als Head Judge beim Pharao-Tour Finale 2004 auszuprobieren, nicht so wirklich geglückt war), war ich plötzlich die erste Option für die Head Judge Position der Deutschen Meisterschaft 2005.
Mich daran zurück zu erinnern ist immer wieder witzig. Damals war ich wirklich der Meinung, niemand könnte mir schiedsrichtermäßig das Wasser reichen. Ich konnte mehr oder weniger alle Regeln auswendig, stellenweise sogar besser als Bazil. Ich dachte mir wirklich, man kann fast gar nicht mehr über die Regeln wissen als ich und das setzte ich gleich mit: "Ich war ein guter Judge." Dann traf ich eine – rückblickend betrachtet – furchtbare Entscheidung auf dem Turnier, bei der eben mal Player Management gefragt war sowie grundsätzliches Wissen über Turnierabläufe; die Regeln waren in dieser Situation mehr oder weniger scheißegal. In gewisser Weise war das für mich der erste Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung. Zugegeben, es brauchte noch weitere Events und weitere Situationen, in der ich relativ ahnungslos da stand, doch schließlich wurde mir klar, dass zu einem guten Judge sehr viel mehr gehört als nur umfassende Regelkenntnisse. [9]

Es folgte die Pharaoh Tour 2005, die wahrscheinlich erfolgreichste ihrer Art. Jedes Event übertraf die Erwartungen, die noch dazu von Event zu Event zunehmend höher gesteckt wurden. Absoluter Höhepunkt war die Pharaoh Tour Bremen mit mehr als 1000 Teilnehmern – und das zu einer Zeit, in der ein "großes Event" in Amerika circa 400 Spieler vorweisen konnte. Plötzlich war Deutschland der Nabel der Yu-Gi-Oh! Welt – zumindest was coole Events betraf. Und ich war mittendrin statt nur dabei.
Nachdem ich mich 2004 relativ gut angestellt hatte, als man mich ins Coverage-Team gezwungen hatte, war ich 2005 ebenfalls wieder bei der Pharaoh Tour als Coverage-Mensch im Einsatz. Vielleicht wusstet ihr es noch nicht, doch zum damaligen Zeitpunkt bevorzugte ich es, als Judge im Event auszuhelfen. Leider war das nur nicht möglich, weil wir schlichtweg keine anderen Coverage-Schreiber hatten, die die offenen Plätze besetzen konnten, während es dafür noch so einige andere fähige Judges gab.

2006 war für mich in gewisser Weise Comeback-Jahr, weil ich mich hier endlich wieder als Judge einbringen konnte. In diesem Jahr hatten wir aktiv damit begonnen, dafür zu sorgen, dass unsere Judges immer besser werden. So haben sich die Judges nicht nur vor und nach den Events in eigenen Foren ausgetauscht, wir haben auch gezielt darauf hin gearbeitet, dass die Teamleiter ihr Wissen an die weniger erfahrenen Judges weitergegeben hatten.
2007 ging das in ähnlicher Form weiter, wo wir erstmals die Position des Judge Managers auf den Events hatten, wenn ich mich recht entsinne. Die Idee, diese Position auf den Events zu besetzen, kam von mir und schon nach dem ersten Event wurde klar, dass der Plan voll aufging. Einen Judge dafür abzustellen, den ganzen Tag nichts Anderes zu tun, als anderen Judges dabei zu helfen, ihre Arbeitsweisen zu optimieren, zahlte sich voll aus. Unsere Deck Checks wurden immer schneller, unsere Logistiker immer zuverlässiger und unsere Floor Judges immer sicherer. Da immer nur kurze Abstände zwischen den Events bestanden, konnte man aus einem Anfänger über den Verlauf einer Pharaoh Tour einen wirklich sicheren Judge machen. Im Grunde hatte in dem Jahr so ziemlich alles so geklappt, wie es sollte. Mit Ausnahme einiger Spannungen im Coverage-Team, so dass ich letztlich doch wieder von den Judges zurück zu den Schreibern wechselte, was sich dann auch in den Folgejahren nicht mehr ändern sollte.

In der Zwischenzeit hatte sich jedoch auch meine persönliche Präferenz verändert – wir hatten in den vorherigen 3 Jahre so viele Spitzenjudges "nachgezüchtet" und eine so gute Struktur etabliert, die dafür sorgen würde, dass auch in den Folgejahren immer mehr fähige Schiedsrichter dazu kommen würden, dass es für mich einfach kaum noch nötig war, als Judge aktiv zu sein. Als Schreiber wiederum hatte ich den meisten anderen immer noch etwas voraus und darüber hinaus hatte ich auch begriffen, wie wichtig diese Position eigentlich ist.
Kennt ihr die philosophische Diskussion vom Baum, der im Wald umfällt, wenn niemand zuhört? Bei der gefragt wird, ob der Baum überhaupt umgefallen ist, wenn es niemand gehört hat? So ähnlich ist das bei den Events. War es denn wirklich ein geiles Event, wenn niemand darüber lesen konnte? Wenn es keine Berichterstattung gibt, die nicht nur Daheim Gebliebene mit Infos vom Geschehen informiert, sondern auch alle Teilnehmer die Möglichkeit gibt, das Event auf ganz besondere Weise Revue passieren zu lassen? Während ich keine Ahnung habe, wie die Antwort auf die Frage mit dem fallenden Baum lautet, so kann ich euch sagen, dass die Coverage enorm wichtig ist, wenn es um die Events geht.

Mitunter laufen Events sogar eben nicht so ideal, die Leute haben aber eine Zeit lang später ein ganz anderes, ungleich positiveres Bild von ihnen, einfach weil die Coverage sie an die coolen Ereignisse des jeweiligen Events erinnert. War die Pharao-Tour Bremen ein richtig geiles Event? So ziemlich jeder, der sich die Coverage angesehen hat, wird euch die Frage mit Ja beantworten. Die Spieler, die vor Ort waren und die ein quasi legendäres 23 Stunden (am Stück versteht sich) Event miterlebt haben, werden sich an eine Pause zwischen zwei Runden erinnern, die 1,5 Stunden dauerte. [10] Oder daran, wie müde sie um 4 Uhr nachts waren, als man mit dem Finale begann. Klar war das auch alles irgendwo "cool", nur eben auch unfassbar anstrengend.

Ich will mich hier aber nicht zu sehr mit dem Punkt: "Wie wichtig ist eine Coverage für ein großes Event?", aufhalten, weil der Punkt für mich glasklar auf der Hand liegt. Vielmehr will ich mal noch einen kleinen anderen Punkt anbringen, der mir in all den Jahren immer wieder aufgefallen ist: Die Community von uns hat viele tolle Eigenschaften und entwickelt sich ständig weiter. Wir haben immer wieder neue Spieler, die mit Yu-Gi-Oh! anfangen und gleichzeitig sehen wir ständig alte Hasen, die das Hobby an den Nagel hängen.
Vielleicht liegt es daran, dass diese Community Personen so schnell vergisst. Ist man nicht beständig mit dabei und übernehmen andere Leute die Aufgaben, die man zuvor erledigt hat, so gehen alle immer davon aus, dass die "neue Person" der Erfinder des Rades war und wenn du auf deine ursprüngliche Position zurückkehrst, so glauben alle, du hast das Rad sprichwörtlich nur neu erfunden und kopierst nur von den Leuten, die das zuletzt machten.

Mir erging es in den vergangenen Jahren immer mal wieder so. Ich war mal einer von Deutschlands besten Judges. Dann war ich einer der besten Coverage-Schreiber. Ich bin wieder zu den Judges übergelaufen und plötzlich haben mich alle mit Xe0 oder Bazil oder vielen anderen zu diesem Zeitpunkt etablierten Judges verglichen – Leute, mit denen ich entweder angefangen hatte oder denen ich sogar den Großteil ihres Wissens vermittelt hatte – ganz so, als müsste ich mich beweisen. Ich selbst sah das nie so...
Danach bin ich zurück in die Coverage-Teams, gemeinsam mit Leuten, die ich ursprünglich eingearbeitet hatte. Dann wurde ich plötzlich an den Leistungen von den vorherigen Schreibern gemessen – obwohl ich die Messlatte ursprünglich für sie so hoch gelegt hatte.

Wir haben eine unglaubliche Dynamik in dieser Community und der Vorteil besteht darin, dass sich niemand auf seinen Lorbeeren ausruhen kann. Alle, die das in den vergangenen Jahren gesagt hatten, sind über kurz oder lang aus den jeweiligen Teams raus gefallen.
Würde ich heute wieder als Judge anfangen, so wären zwar ein paar Leute auf den Events, die noch wissen, dass ich es echt mal derbe drauf hatte, doch 70% aller Spieler würden erstmal ganz genau hinsehen und kritisch vergleichen, ob ich es genauso hin bekomme wie Videoday. Wenn ich mal wieder bei einer Deutschen Meisterschaft Coverage machen würde, so würde man wohl vergleichen, ob ich es so gut wie die Schreiber des Vorjahres hin bekomme... [11]

Genauso hat kaum ein Jungspund ein Problem damit, jemanden blöd von der Seite anzumachen, der seit 8 oder noch mehr Jahren dabei ist. Es ist ein echt komisches Gefühl, wenn beispielsweise ein geheimnisman3 einen meiner Artikel kritisiert und mir sagt, dass ich schon bessere geschrieben habe. Versteht mich nicht falsch, ich weiß ja, dass er Recht hat, aber mitunter wird das mal wirklich "respektlos" formuliert und plötzlich fühle ich mich so, als macht mich ein Grünschnabel dumm von der Seite an. [12]
Wenn ich also in den vergangenen Jahren etwas gelernt habe, dann ist das, dass man am besten den Ball flach hält und einfach durch Leistung überzeugt. Das ist auch mein Ratschlag an alle von euch, die es geschafft haben, bis zu diesem Punkt zu lesen. Ich weiß seit geraumer Zeit ganz genau, wo ich stehe. Mir ist vor wenigen Tagen von jemandem, der auch schon lange dabei ist, gesagt worden, dass ich mich selbst überschätze. Glaubt mir, wenn ich euch sage, dass man nicht viel weiter an der Wahrheit vorbei schießen könnte – ich weiß ganz genau, wie schnell ich "weg von der Bildfläche" bin, wenn ich nicht weiterhin Artikel schreibe oder Coverage mache oder sonstwie aktiv in dieser Community bin. Ich hatte schon mal 1 Jahr lang keine Kolumne mehr geschrieben und als ich wieder anfing musste ich mir den Respekt von vielen Lesern neu erarbeiten, obwohl ich zuvor mehr als 100 Artikel geschrieben hatte – eine Marke, die die wenigsten Schreiber auf eTCG.de knacken konnten. Ich musste schonmal als Judge wieder neu einsteigen und mich beweisen und ich habe das geschafft. Ich habe dasselbe dreimal als Coverage-Schreiber gemacht. Und ganz ehrlich gesagt macht mir das auch irgendwo Spaß. Ich finde es spitze, dass diese Community kaum Rost ansetzen kann – wer nachlässt, der fliegt. So einfach ist das eben. Gewinnt Vittorio mal 1 Jahr kein Event mehr, dann zählt ihn niemand zu den Favoriten auf dem nächsten größeren Event.

Wir werden noch so einige Comebacks erleben. Vielleicht nicht unbedingt von Vittorio, aber eben von so einigen Spielern, die länger mal nichts gerissen haben. Weil die ganz einfach wissen, wie es ist, sich wieder hochzukämpfen. Fast jeder Sieger auf einem größeren Event hatte schon mal ein tiefes Loch. Genauso werden wir auch immer wieder Leute sehen, die sich ein Luftschloss gebaut haben, weil sie eine ganze Zeit lang hervorragende Arbeit geleistet haben und die dann gehörig nachlassen und tief fallen. [13]

(Übrigens gilt dieses ungeschriebene Gesetz selbst für den Distributor bzw. die Kartenentwickler. Die können noch so viele coole Sets raus bringen und geile Events veranstalten – sind mal 2 in Folge scheiße, so hören sie direkt von der halben Community, dass sie "nur noch Scheiße" bauen. Insofern brauchen wir uns wohl auch kaum Sorgen zu machen, dass diese Jungs irgendwann mal nachlassen – ihnen wird immerhin genügend Feuer von der Community unter dem Hintern gemacht.)

Sodele, jetzt habe ich euch tatsächlich durch die ersten Jahre meiner "Karriere" geführt und bin dann gegen Ende auch noch philosophisch geworden. Ich hoffe, dass dieser Artikel auch eurer Ansicht nach dem unfassbaren Jubiläum dieser Kolumne würdig wurde. Ich freue mich sehr auf euer Feedback und hoffe, dass wir noch viele weitere Ausgaben von Unter den Hut geschaut lesen werden. Solange ihr weiterhin von mir lesen wollt, sollte das eigentlich kaum ein Problem darstellen.


soul


Trends der Woche


Zeitverschiebung



Ich machte mich recht spät auf den Weg nach Brighton, kam dort an, nahm am Judge-Dinner teil und dann wollte ich den Abend locker ausklingen lassen. Als mir dann bewusst wurde, dass ich aufgrund der Zeitverschiebung eine ganze Stunde mehr vom Abend hatte und mich ein ehemaliger Arbeitskollege auf einen Barbesuch einlud, wurde dieser Plan instant verworfen.


Eingespielte Teams



Bei der Erstellung dieses Rückblicks auf die vergangenen Jahre wurde mir klar vor Augen gehalten, dass es in etwa 2 Jahre voller cooler Events dauert, bevor man mit einem wirklich eingespielten Judge-Team rechnen kann.
Die erste YCS fand vor etwas mehr als 2 Jahren statt und Brighton war das vom Ablauf her bisher klar strukturierteste Event dieser Art (in Europa – keine Ahnung, was in Amerika abgeht). Ich bin gespannt, wie sich die Schiedsrichter-Teams noch weiterentwickeln werden, bin aber zuversichtlich, dass auch die YCS in Leipzig im Februar ein echt fantastisches Event werden wird.


Schnee



Nachdem am Freitag wieder mal so einige Flüge nach England ausgefallen sind, weil dort 3 Schneeflocken gefallen sind, müssen wir die Kombination von "Schnee + England" zum Anti-Trend der Woche erklären. Ich war zwar selbst nicht betroffen, doch es war wirklich traurig mitanzusehen, wie dieses Land mal wieder im Chaos versumpft, nur weil das Thermometer mal in den blauen Bereich rutscht. Sollten wir mal wieder eine Invasion starten, so müssen wir nur ein paar Schneekanonen einpacken. Der Sieg wäre uns gewiss...





[1] Nicht zu verwechseln mit der Gesamtzahl an Artikeln, die ich für eTCG.de geschrieben habe, die laut der Anzeige in Connect bereits vor diesem Artikel 226 betrug.


[2] Eine schöne englische und metaphorische Umschreibung für "sich zurückerinnern". Mir fiel keine entsprechende deutsche Metapher dafür ein.


[3] Auch bei Konami ist man sich dieser Tatsache bewusst, weshalb man immer mehr Geld investiert, um jüngere Spieler zu gewinnen. Es ist also keine große Überraschung für jemanden, der sich in der Szene auskennt, dass beispielsweise 2012 auch eine Weltmeisterschaft der Junioren ausgetragen werden wird.


[4] Spielt mal 5 Runden Tetris Battle gegen mich und ihr wisst, wovon ich spreche.

Gleichzeitig ist das für mich aktuell noch der beste Grund, mir kein Star Wars: The Old Republic zuzulegen. Ich denke einfach nicht, dass es mir gelingen würde, die Finger von dem Spiel zu lassen. Zumindest nicht, wenn es wirklich so gut ist, wie mir mittlerweile einige Leute versichert haben...


[5] Mein anderes Hobby, das ich mittlerweile in anderer und sehr viel kostengünstigerer Form betreibe, sind Comics. Ich kann euch zum Online-Abo von Marvel raten, wo ihr nur noch ca. $ 75 pro Jahr bezahlt, um alle Comics lesen zu können. Das ist dann doch deutlich günstiger als 30,- oder mehr € pro Monat auszugeben und so eben einige Serien lesen zu können...


[6] Ich kann solche Schritte daher auch nicht bedenkenlos weiterempfehlen. Deutschland ist das Land der Eierköpfe und in keinem Land der Welt interessiert man sich so sehr für das, was auf eurem Lebenslauf steht. Ich wurde in Bewerbungsprozessen bei deutschen Firmen regelmäßig abgelehnt, obwohl ich nachweislich 5 Jobs gleichzeitig machen konnte, womit andere Personen furchtbar überfordert gewesen wären.
Nur interessiert es in diesem Land nicht, welche Sachen du tatsächlich machen kannst. Vielmehr ist es wichtig, was auf irgendwelchen Zetteln steht, die dann dem geneigten Leser erklären, was du tun können solltest. Solange ich also kein Diplom in "für 3 Magazine schreiben" oder einen Professor in "riesige Events organisieren" habe, werde ich wohl auch weiterhin Probleme haben, hier einen Job zu bekommen, wenn ich mich mit einem normalen Bewerbungsschreiben bewerbe...

Es gibt recht wenige gute Lösungen, wenn ihr euch selbst in dieser Situation befindet. Selbstständigkeit ist einer davon, doch auch dieser Weg ist steinig.


[7] Das ist das Schöne an der Spielebranche: Es gibt eben keine Diplome für "Yu-Gi-Oh! Kundendienst" oder so. Entsprechend fällt der Quereinstieg hier deutlich einfacher als in anderen Branchen.

Die rund 1400 unbeantworteten E-Mails in der Kundendienst-Inbox hatte ich übrigens nach rund 2 Wochen alle abgearbeitet.


[8] Sowieso waren viele Experten der Meinung, dass es das Spiel "höchtens 2 Jahre" machen würde, als es erstmals in Deutschland erschien. Das ist im Grunde die durchschnittliche Lebensdauer eines brandneuen Spielzeugs, das auf einer zugkräftigen Lizenz basiert. Vielleicht wäre das auch bei Yu-Gi-Oh! so gekomen, doch die Serie erfreute sich eben überraschend lange großer Beliebtheit. Die erste Pharao-Tour war dann ebenfalls noch ein riesiger Hit und gemeinsam ergab das eben ein Produkt, das auch noch 2 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung extrem beliebt war.


[9] Ironischerweise laufen mir auch heute immer wieder Schiedsrichter über den Weg, die meinen, sie kennen die meisten Regeln und damit sind sie automatisch einer der besten Judges. Es bereitet mir glücklicherweise halbwegs viel Freude, diesen Leuten ein wenig den Kopf zu waschen...


[10] Schuld war die Mantis-Turniersoftware, die in ihrer uralten Version nicht dafür ausgelegt war, Spielerzahlen oberhalb der 1000er Marke zu bewältigen. Hätte man die Software dafür auslegen müssen, wenn man ursprünglich davon ausging, dass ein Yu-Gi-Oh! Turnier niemals mehr als 300 Teilnehmer haben wird? Gute Frage...

(Was ich wiederum nicht so wirklich nachvollziehen kann ist, dass später derselbe Fehler noch mal gemacht wurde. Zu diesem Zeitpunkt war bereits bekannt, wie sehr diese Events aus den Nähten platzen können.)


[11] Wobei ich mittlerweile schon so lange Coverage mache, dass ich relativ zuversichtlich bin, dass man mir das noch zutraut...


[12] Mittlerweile weiß ich ja, dass auch er ein ganz Lieber ist und irgendwie hat das Geflame auch etwas nachgelassen.


[13] Sollte ich Wetten abschließen, so ist die nächste Person, die tief fällt, Nimrod Hellfire. Nicht, weil ich seine Arbeit nicht zu schätzen weiß, sondern weil er offenbar meint, er kann sich jetzt mehr herausnehmen und er steht über den Dingen. Leider geht den ganzen Segelfliegern irgendwann mal "die Luft aus" und sie stürzen ab. Ich wünsche es ihm nicht, aber ich beobachte eben Anzeichen, die leider dafür sprechen.