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Der Tag vor dem Turnier aus Sicht eines Helfers

von soulwarrior am 15.04.2011 um 19:16 Uhr
Vor kurzer Zeit hatte ich einen Artikel namens Die Ruhe vor dem Sturm geschrieben. In ihm habe ich die Prozesse beschrieben, die sich nach dem in Kraft treten einer neuen Liste der verbotenen und limitierten Karten und dem ersten größeren Event im neuen Format abspielen. Ich habe damals gesagt, dass es sich dabei aus meiner Sicht um die "schönste Yu-Gi-Oh! Zeit" handelt. Kein Wunder, Vorfreude ist eben immer noch die schönste Freude.

Dabei haben wir allerdings vollkommen all die Leute außer acht gelassen, die hinter den Kulissen tätig werden. Diese werden am Ende des Turniers nicht als neuer Held im Forum gefeiert, sondern in den meisten Fällen pauschal mit allen anderen aus ihrer Zunft über einen Kamm geschert. Ihr habt es längst erraten, es geht natürlich um die Judges und anderen Mitglieder des Staff Teams auf dem Event. Im Forum lesen diese im besten Fall: "Judges waren OK, haben keine Frage bei mir falsch beantwortet." [1]

Viel häufiger werden sie allerdings mit Vorwürfen konfrontiert. Da hat ein Spieler womöglich nicht die notwendige Sorgfalt an den Tag gelegt und Life Points nur mit einem Taschenrechner notiert. Dieser (der Taschenrechner, nicht der Spieler) gab dann im Laufe des Duells den Geist auf. Der Judge wurde gerufen und hat zu Gunsten des Gegners entschieden, der mit Stift und Papier mitgeschrieben hat und – eurer Meinung nach – den Angriff eines eurer Monster einfach vergessen hat. Das kostet euch am Ende des Spiels. Im schlimmsten Fall auch den Einzug in Tag 2.
Die wenigsten Spieler fragen sich in dieser Situation: "What would Jesus do?" [2] Vielmehr lassen sie außen vor, dass ihr Taschenrechner sie im Stich ließ, sie eben nicht anständig vorbereitet waren und die Turnierrichtlinien recht eindeutig sind und geben einfach dem Judge die Schuld. Oft fasst man seinen Missmut über die getroffene Entscheidung mit einem äußerst eloquenten: "Ey, die Judges waren so abgefuckt, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, könnt ich's gar nicht glauben?! Gegner cheatet mich mit falsch aufgeschriebenen Life Points weg und obwohl das offensichtlich war und er sich nur in Widersprüchen verwickelt hat, gibt der Drecks-Judge ihm recht! So verpasse ich Tag 2. So ein behindertes Judge-Team, ich hoffe die dürfen alle nie mehr auf noch nem Event helfen!!!" [3]

Schuld daran hat natürlich nicht euer Taschenrechner, das Schicksal, das schlechte Wetter, das die Solarzellen nicht begeistern konnte, die – sonst eigentlich unbezwingbare – Duracell-Batterie oder ihr. Sondern eben der Judge.
Und trotzdem finden sich bis zu 50 Helfer auf einer europäischen Yu-Gi-Oh! Championship Series zusammen, um das Event überhaupt erst möglich zu machen. Wie kommt das? [4]


Der Tag vor dem Turnier aus Sicht eines Helfers


(ich höre mir bereitwillig Vorschläge zur Kürzung dieser Überschrift an)
Wie gesagt, Vorfreude ist die schönste Freude. Das gilt insbesondere auch für Judges und andere freiwillige Helfer. Um euch etwas besser vermitteln zu können, wie das im einzelnen aussieht, führe ich einfach mal ein kleines Tagebuch meines Freitags, das bestimmt in dieser oder ähnlicher Form für viele Judges zutrifft:

9:00 Uhr: Erste Augenöffnung nach rund 6 Stunden Schlaf, gesponsort von meinem Wecker. [5] Stellen des Weckers auf 9:10 Uhr, nachdem er kurz verflucht wurde. Anlegen eines Termins "Abflug" im iPhone Kalender, der 2 Stunden vorher noch mal eine Erinnerung feuert (für den Fall der Fälle, dass mein Alarm irgendwie failt und ich nicht in 10 Minuten wieder geweckt werde – doppelte Absicherung ftw!).

9:10 Uhr: Zweite Augenöffnung. Ich hasse es, nach kurzer Zeit wieder geweckt zu werden und möchte das nicht noch mal über mich ergehen lassen, also ab ins Bad.

9:30 Uhr: Halbwegs kultiviert und umgezogen. Ab in die Sonne, damit mein Kopf anfängt zu arbeiten. Auf dem Einkaufszettel steht eine weitere Tube Zahnpasta, neues Haargel und Hautcreme, da ich meinen Kulturbeutel auf der letzten Reise bei einem Freund vergessen habe und der neue Kulturbeutel mit eben diesen Inhalten gefüllt werden muss.
Dazu noch Wasser von Aldi und Gebäck von meinem Lieblingsbäcker, die mir dabei helfen sollen, gut in den Tag zu starten. Man ist einen Tag vor dem Event oft ein wenig "aufgedreht" und will auch wirklich nichts vergessen. Dieses "Kribbeln im Bauch" ist echt ein tolles Gefühl und für manche mit der schönste Teil der gesamten Helfer-Erfahrung. [6]

Während der Einkaufstour mache ich mir Gedanken, worum es in meiner Kolumne gehen könnte. Ich erinnere mich wieder an ein extrem witziges Thema für einen Artikel, das allerdings angesichts der YCS nicht so der Knaller ist – jeder Leser hat sowieso nur die YCS im Kopf und möchte jetzt nicht irgendwas Witziges lesen, sondern eben etwas, das sich irgendwie auf das Turnier bezieht. Ein zweites Thema gibt einen tollen Artikel her, jedoch braucht das noch etwas Ausarbeitung und ich habe wohl nicht mehr so die Zeit dafür... ich werde wohl improvisieren müssen...

10:55 Uhr Nachdem ich meine Tasche gepackt und anschließend rund 1 Stunde lang Artikel gelesen habe (beispielsweise den hervorragenden Artikel von Dönerschreck) und mir so ein paar Ideen für Artikel auf dem Event gekommen sind, aber immer noch keiner für meine Kolumne, mache ich mich los in Richtung Flughafen. Meine Freundin verabschiedet mich mit dem Hinweis, dass ich sie nicht betrügen soll. Ich kontere damit, dass ich für Franzosen (und das schließt sogar die Mädels mit ein) nicht viel übrig habe.

11:40 Uhr Ankunft am Flughafen Tegel. Es wird eingecheckt, was wie so oft recht mühelos klappt. Es folgt der obligatorische Besuch bei einem Zeitschriftenladen um Zeit zu killen, allerdings fehlt mir diesmal die Lust, die neusten Ausgaben von den üblichen Nutten & Crack™ Magazinen durchzublättern. So wird es die Men's Health, die mich irgendwie auch nicht fesseln kann und ich mache mich ab ans Gate.
Dort wird erneut der Laptop ausgepackt und ich gehe über ein paar Files, in denen der Coverage-Plan von der YCS ausgearbeitet wurde. [7] Mir fällt wieder ein, dass ich wieder mal die Schneeketten für meine Schuhe vergessen habe, um obligatorische Deutsche-in-Paris-Witze zu machen. Ich nehme es mir für den nächsten Paris-Besuch vor, der sowieso wieder viel zu früh kommen wird...

14:50 Uhr Landung in Charles De Gaulle. Ich erinnere mich erneut an die Schiedsrichter, die "ihren Flug nicht früh buchen konnten, weil sie nicht wussten, zu welchem Flughafen sie fliegen sollen." Ich hoffe darauf, dass jeder von ihnen meinen Rat zu Herzen genommen hat, einfach möglichst früh einen günstigen Flug zu buchen, da Paris sowieso riesig ist und man immer lange braucht, um zu einem beliebigen Ziel zu kommen – und das gilt UNABHÄNGIG vom Flughafen. [8]
Dies ist gleichzeitig einer der zahlreichen Beweise dafür, warum Reisen bildet. Diese Fehler muss man ja nicht sein gesamtes Leben lang machen, einmal reicht...

Am Expresszug (RER in die Innenstadt) angekommen, verfluche ich das erste Mal das französische Gesetz, das besagt, dass 70% der gespielten Musik auf französischen Radiosendern französische Lieder sein müssen...
Ich helfe anderen Touristen, die sich größtenteils als Deutsche entpuppen, beim Ticketkauf (nur mit Kreditkarte oder 14kg Kleingeld möglich) sowie der Planung ihrer Reise zur richtigen Station innerhalb Paris' (ich habe eine Karte des Nahverkehrs dabei – gute Vorbereitung dank jahrelanger Routine!).

Größere Bushaltestelle



Sowas stellt womöglich Mrbazil vor eine Herausforderung, ich stand aber sofort an der richtigen Station:

Jardin des PLantes



Da ich mich bereits im Vorfeld informiert hatte, konnte mich der Aushang auch nicht mehr ausreichend verwirren, um mich von meinem Ziel abzubringen...

24 war die richtige Linie!



Nach etwas mehr als 1 Stunde mit Zügen, U-Bahnen und Bussen komme ich am Hotel an, in dem die ganzen Schiedsrichter angekommen sind. Da ihr jetzt genügend von mir gehört habt, hören wir uns mal an, was die so zu sagen haben und wie für sie der Tag vor dem Event ist.

Matt Blower (im Vordergrund)



"Ich freue mich immer auf den Tag davor, um mit den anderen Schiedsrichtern im Hotel ein wenig zocken zu können. Mittlerweile bin ich schon sehr gut an die größeren Events gewöhnt, so dass bei mir das beschriebene Kribbeln ein wenig ausbleibt."

Für Matt ist es mittlerweile auch schon die dritte europäische Yu-Gi-Oh! Championship Series. Dazu kommt noch jede Menge Erfahrung aufgrund vieler nationaler Events, die er in Großbritannien mit-geschiedsrichtert hat.
Ich habe ihn gefragt, was für ihn die größte Faszination am Judgen ausmacht:

"Die Interaktion mit den Spielern. Es ist immer wieder eine Herausforderung für mich, auf dem aktuellen Stand zu bleiben und ständig mit neuen Spielern zu tun zu haben."

Ich versuche aktuell ja auch noch heraus zu finden, ab welchem Punkt mein Kopf einfach sagt: "Jo, Namensgedächtnis ist jetzt voll...", und ich mir keine Namen mehr merken kann. Es wird mittlerweile wirklich halbwegs schwierig, all die Judges und Spieler voneinander zu unterscheiden und die richtigen Namen im Hinterkopf zu behalten. Schätze, das ist auch eine ganz schöne Herausforderung für den ein oder anderen Helfer.

Von Matt kommen wir direkt mal auf seinen Gegner vom Fun-Spiel eben.

Christoph "Buroo" Buric



Christoph ist ein Schiedsrichter aus Österreich und heute das zweite Mal mit am Start. Er war bereits bei der YCS Milan vor Ort und hat dort unsere Nachbarn im Judge-Team vertreten.

Ich frage ihn, was die YCS für ihn so besonders macht und Vittorio ruft kurz zwischenrein: "Es gibt nirgendwo so viele komische Leute auf einem Fleck..."

Christoph lässt sich nicht beirren und antwortet: "Es ist sehr interessant, viele Gleichgesinnte zu treffen. Das Erlebnis, ein großes Event zu schiedsrichtern ist noch mal was ganz anderes als bei einem lokalen Event. Weitere Vorteile für mich sind beispielsweise, dass ich ein wenig die Welt sehe und aus dem eigenen Land raus komme."

Meine Frage nach der größten Herausforderung für ihn beantwortete er einfach mit: "Alle Fragen richtig beantworten zu können. Und mich mit allen Leuten verständigen zu können."

Zugegeben, so wirklich wurde die Frage, was den Vortag des Events für einen Schiedsrichter besonders macht, nicht beantwortet. Doch für die Jungs ist das größtenteils auch einfach selbstverständlich. Sie sind eben schon mehrfach dabei gewesen, wissen wie's läuft, freuen sich jetzt noch auf das Judge-Dinner und einen Abend voller Spaß mit Kartenspielen.
Prinzipiell sind sie in der Hinsicht also nicht so viel anders als der Durchschnitts-Spieler.


soul


Trends der Woche


Öffentlicher Nahverkehr



Paris ist Gerüchten zufolge noch besser als Berlin, wenn es um den öffentlichen Nahverkehr geht. Ich habe die Behauptung heute mal wieder auf die Probe gestellt und wie gesagt wirklich alles genutzt – Bahn, U-Bahn und Bus. Ich muss zugeben, es hat toll funktioniert, auch wenn es natürlich dementsprechend lange dauerte, um ins Hotel zu kommen. Doch Paris ist eben eine große Stadt.


Vermeintliche Anonymität



Ich hatte Christoph gefragt, wie er im Forum heißt. Er fragte mich daraufhin, wie ich dort heiße. Und er meinte das nicht als Scherz. Das war mal wieder eine schöne Abwechslung, das hatte ich schon länger nicht mehr.


Deckvielfalt



Es ist ja schon immer ein Gemach, vor den Events die neuen Karten kennenzulernen und dann halbwegs verstehen zu können, was in den Feature Matches passiert. Diesmal ist die Deckvielfalt gefühlte 70mal höher als noch in den "guten alten Zeiten", so dass dieser Teil der Vorbereitung in echten Stress ausartet. Ich werde einfach Vittorio featuren, der Burner spielt – da sollte ich immer noch einige der Karten kennen.





[1] Was sich manchmal liest wie: "[...] haben keine Frage bei mir falsch beantwortet, ich gehe aber davon aus, dass ich hier die Ausnahme bin, die die Regel bestätigt, und mindestens 50% aller Fragen auf dem Turnier von diesen inkompetenten Typen falsch beantwortet wurden!"


[2] Wäre sehr empfehlenswert und das nicht nur in der beschriebenen Situation.


[3] Optional versucht man einen Hauch von Objektivität zu suggerieren, indem man den Beitrag noch mit einem "alle Judges außer Harti / Bazil / soul waren scheiße!" (in letzterem Fall: Früher) garniert. Da denkt sich der geneigte Leser direkt: Das ist ja gar kein Flamer, der hat echt Ahnung, weil er nicht verallgemeinert und bei seiner Aussage über die Judges streng unterscheidet!


[4] Endlich mal wieder ne echt soul'sche Einleitung!


[5] Gestern hatte ich wieder einmal den 15 Stunden Arbeitstag für mich entdeckt und von 9 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts mit nur wenigen Unterbrechnungen durch-gearbeitet. Die Unterbrechungen kamen durch essen, joggen, duschen und einkaufen zustande und in Summe machten sie wohl grob 2 Stunden aus. Dann bin ich zwar direkt ins Bett, allerdings nicht alleine, so dass man eben auch nicht direkt die Augen zu bekommen hat.


[6] Zugegeben, nach all den Jahren bin ich nicht vor jedem Event so aufgewühlt und verspüre das magische Kribbeln. Doch gerade junge Judges, die bei noch wenigen oder sogar keinen Events im Staff Team waren, sind total aufgedreht und freuen sich wie ein kleines Kind, das den Weihnachtsmann erwartet.


[7] Wie so oft hat der überaus begabte PJ Tierney ein wenig vorgearbeitet und unter anderem einen kleinen Coverage-Plan zusammen gestellt. Wie immer hat er mir damit ein halbwegs schlechtes Gewissen gemacht, da ich vor dem Event nur selten viel mache. Ich nehme mir wie immer vor, als Rache mehr Artikel als er zu schreiben, damit er von Minderwertigkeitskomplexen geplagt wird.
Ich frage mich, warum nicht jeder Mensch mit mir zusammen arbeiten möchte?!


[8] Vermeintlich im Vorteil wäre man gewesen, wenn man zum Orly Flughafen geflogen wäre (O RLY?). Vermeintlich, denn wie mir ein Blick auf die Webseite des öffentlichen Nahverkehrs in Frankreich gestern eröffnete, braucht man von dort genauso lange zum Staff-Hotel wie vom Charles de Gaulle Flughafen. So viel also zum Thema "ich muss zum näheren Flughafen fliegen..."
Sagt sowas nie, sonst outet ihr euch direkt als Amateur-Judge.

Übrigens lässt sich das auf die meisten europäischen Städte übertragen, die groß genug sind, um mehrere Flughäfen zu rechtfertigen.
Eine Ausnahme von dieser Regel ist nur Mailand, denn die italienische Richtlinie zur Förderung der Einnahmen von Taxifahrern hat dafür gesorgt, dass man dort 3 Flughäfen gebaut hat, von denen keiner irgendwie in der Nähe der Innenstadt ist und die auch noch alle maximal voneinander entfernt sind...